Durch Wald und Flur

durch-wald-und-flur-carl-spitzwegHeut streifte ich durch Wald und Flur,
zur Seite mir ein Freund.
Im hohen Blau die Sonne fuhr
und hat uns noch gebräunt.

Das Laub verfärbte sich schon leicht,
doch hing noch dicht an dicht.
Ach, wenn erst der September weicht –
zwei Wochen noch, mehr nicht…

„Da sieh der Krone ganzen Raum
mit Früchten voll besät –
ein herrlich alter Apfelbaum,
der so am Wege steht.

Und neben ihm, nicht minder schwer
trägt tapfer ihre Last
die Eiche, die an Eicheln mehr
als üblich heuer fasst.

Und die am Boden schon verstreut,
dahingeweht vom Wind,
sie zeigen, was auch jenen dräut,
die jetzt noch oben sind.“

Schon lockten uns mit einem Leib,
der Süßes uns verhieß,
zum schönen Gaumen- Zeitvertreib
die Birnen überdies.

Und weiter ab von unsrem Pfad,
dem Blick erreichbar nur:
der Schlehe glänzender Gagat,
nein, tintiger Azur.

Des Sommers Füllhorn, groß und bunt,
es quoll noch übern Rand
und wucherte mit seinem Pfund,
das hoch im Kurse stand.

So gingen wir nach Freundesart,
indes die Zeit verfloss,
bis sich an unsrer Wandrung Start
der Bogen wieder schloss.

Die Äpfel und die Birnen auch,
die wir am Weg gesehn,
sie werden wie der Schlehenstrauch
auch weiterhin da stehn.

Und wenn kein Auge auf sie fällt,
das müßig grade schweift,
entgehen Früchte dieser Welt,
die schön im Stilln gereift.

Dem unbekannten Stern

dem-unbekannten-sternEs steht ein Stern und hält die Wacht
in eisig grauer Weite.
Er steht allein in Frost und Nacht,
kein andrer ihm zur Seite.

Ich weiß nicht, wie der Fremde heißt,
der einsam dort verharret
mit einem Aug, das glänzt und gleißt
und in den Kosmos starret.

Und wüsste ich’s, was hülfe es,
ihn besser zu begreifen?
Ob Rigel oder Herkules –
auf Namen kann ich pfeifen.

Was sie verbirgt, die Larve Licht,
das eben will ich schauen,
sein wahres Sternenangesicht,
sei’s Güte oder Grauen.

Dann wüsst ich endlich ungefähr
ihn richtig einzuschätzen,
weil er mir etwas näher wär,
und sei es durch Entsetzen.

Doch dieser Bursche wankt und weicht
kein bisschen von der Stelle
und zeigt, als wär er TÜV-geeicht,
die ständig gleiche Helle.

Er steht und stiert so intensiv
zyklopisch in die Ferne,
als ob im Wachen er verschlief
den Untergang der Sterne.

Glaubt, Leute, nicht, ich übertreib
mit bloßen Fantasien,
um einen lichten Sternenleib
ins Göttliche zu ziehen!

Kein bisschen geht es mir darum,
ob Geist er oder Masse:
Wär eh nur ein Mysterium,
das doppelt ich nicht fasse!

Keine Theodizee

keine-theodizee-milletIch weiß nicht, wie es andre halten,
die sich Apollos Kunst geweiht,
ob sie genießend sie entfalten,
ob lieber mit Enthaltsamkeit.

Mir läuft am raschesten die Feder
im starken Sog der Fantasie,
wenn auf dem Küchentisch-Katheder
ein kleiner Trunk ihr Flügel lieh.

Auch etwas Beiwerk kann nicht schaden,
wie die Erfahrung mich gelehrt –
Oliven, Käse, Weißbrotfladen
haben sich bestens schon bewährt.

Die Gaumenfreuden, die sie schenken,
erwecken wohl des Geistes Neid –
sich nach den seinen zu verrenken,
scheint desto eher er bereit.

In diesem seligen Ambiente
erblickt mein Vers das Licht der Welt.
Ganz heidnisch. Ohne Sakramente.
Direkt ins Paradies gestellt.

So wäre, Leser, denn mein Glück vollkommen
im heitren Wandel eines Epikur –
so wie den gläubig Wissenden, den Frommen
nichts wirft aus seiner Seelenfriedensspur?

Ach, wenn ich reimend so an Wunden rühre
und diesen Jammerleib der Welt beklag,
dann, glaubt mir, dass ich die Gourmet-Allüre
mir stehnden Fußes aus dem Kopfe schlag!

Wie billig ist’s, das Elend zu beschreien,
sitzt man mit vollen Backen weit vom Schuss –
um ihm von fern sein Mitgefühl zu weihen,
doch nicht ein Krümelchen vom Überfluss.

Als gnäd’ges Schicksal kann ich es nur werten,
dass meine Mittel mich so leidlich nährn
und nicht einmal des Euphrat Göttergärten
als goldner Aufenthalt mir lieber wärn.

Doch mag des Denkerfürsten Ruhm erschallen,
wo tauben Herzen er die Zeit vertreibt:
Die Welt ist, ach, die beste nicht von allen,
nicht einmal gut, Monsieur Hochwohlbeleibt!

Da ich zum Platzen mir die Plautze stopfe,
so blind genießend und karzinogen,
zehrn wohl Millionen nur aus einem Topfe,
den sie nie fettig und nie voll gesehn.

Ich werd darum nicht Kohldampf schieben müssen,
das füllte keinem Hungernden den Bauch.
Geb lieber ihm was ab von den Genüssen,
dann steht er etwas wen’ger auf dem Schlauch.

Doch aller Satten Gabe würd’s bedürfen –
die meisten aber halten zu den Sack.
Drum werd ich weiter dichten. Weiter schlürfen.
Und weiter mit ’nem bittren Beigeschmack.

Zur Abwechslung Regen

zur-abwechslung-regenUnd nach der Hitze nun der Regen.
Er strömt den lieben langen Tag,
um nur zur Nacht sich kurz zu legen –
wo immer er dann liegen mag.

Am Morgen rauscht er wieder munter,
als hätt er frische Kraft getankt,
vom grauen Firmament herunter,
dass man um seinen Scheitel bangt.

Mein Schirm, von dem ich fast vergessen,
wozu man jemals ihn verwandt,
lässt freudig sich nun wieder nässen,
die Speichen willig ausgespannt.

Ich ducke mich mit düstrer Miene
in dies bescheidne Kuppelzelt,
indes die strömende Lawine
mir auf die Hosenbeine fällt.

Das platscht und pladdert ohnegleichen
so stetig und so stillvergnügt,
dass um dich völlig durchzuweichen,
ein Fünf-Minuten-Trip genügt.

Selbst was in Ritzen und in Spalten
von der verflossnen Sommerglut
sich klein und kläglich noch gehalten,
wird fortgespült von dieser Flut,

Dass Kühle herrscht, ja, mehr als diese,
beinah schon wieder Jackenzwang.
Man sehnte sich nach einer Brise
und kriegt der Sonne Schwanensang!

Die wir gerufen, ach, die Geister…
Rau riecht die Luft und wie gegerbt.
St. Peter, unser Wettermeister,
hat fleißig schon das Laub gefärbt.

Ob er noch in Oktobertagen
mit goldnem Glanze uns verwöhnt?
Der Regen rinnt mir in den Kragen,
als ob er solcher Hoffnung höhnt’!

Und drüben, hoch an den Fassaden,
die tiefste Schmach zu guter Letzt:
Bikinigirls beim Sonnenbaden:
Plakate, die der Sturm zerfetzt.

Wär ich historisch von Gemüte
und von Barock-Melancholie,
nichts andres käm jetzt in die Tüte,
als dass ich „Eitel, eitel!“ schrie,

Frau Vanitas so zu beschwören
mitsamt der Zeiten raschem Lauf –
doch schlaf’nde Hunde nicht zu stören,
hör ich hier, Les’rin, lieber auf.

Erleuchtung

erleuchtung-georges-de-la-tourWie viele Stunden ließ sie schwelen
ihr stilles Leuchten überm Blatt –
es dürfte wohl nach Jahren zählen,
so warm und gelb und matt!

So selbstverständlich ist’s gewesen,
dass ich ihr nicht mal Dank gewusst,
wenn ich beim Schreiben oder Lesen
nie Licht entbehren musst.

Erst jetzt, da sie ihr treues Walten
mir plötzlich unverhofft entzog,
kann ich des Lobs mich nicht enthalten,
wie schwer ihr Wirken wog.

Sie starb. Die Birne, müsst ihr wissen.
Nichts hält ja für die Ewigkeit.
Jäh ist der Faden ihr gerissen.
Wie allem mit der Zeit.

Was tun, dass ich in der Kombüse
nicht tatenlos im Düstern sitz?
Nach kurzer Lage-Analyse
dann dieser Geistesblitz:

Ich muss nur in der Kiste kramen,
wo Kerzenstummel eingelocht –
aus der sie auch zum Vorschein kamen
mitsamt intaktem Docht.

Indes anstatt zu triumphieren
in ihrem frisch entfachten Brand,
schien diese Flamme sich zu zieren,
so zitternd sie sich wand!

Wie rührend war es anzusehen,
wie dieses talgige Relikt
mit menschenmütterlichen Wehen
sein Fünklein fortgeschickt!

Da schaute ich der Lampe Strahlen
miteins in einem andern Licht,
die sich durch Ruhe stets empfahlen,
aus der fast Kälte spricht.

Die Kerze aber, halb zerflossen,
so blutleer und so leichenblass,
so starr in ihre Form gegossen
wie’n Ring ums Eichenfass,

Schien einem Wesen mir zu gleichen
von wundersam sensibler Art,
das in dem Leib, dem wächsern weichen,
ein pochend Herz bewahrt.

Das Flämmchen seh ich munter zucken
und seh sein schillernd Farbenspiel –
geduldig auch die Tunke schlucken,
in die das Wachs zerfiel.

Und dann der Duft, den sie verbreitet –
so mild und so balsamisch fein,
der wohlig in die Nüstern gleitet
bis hoch ans Nasenbein!

Und wie ihr Blut in dicken Tropfen
vom Rande der Lagune quillt,
sich wulstig auf den Fuß zu pfropfen,
der stalagmitisch schwillt,

Da ihr das Feuer flüstert „Schrumpfe!“
und ihren weißen Leib begehrt
und sie sich bis zum dünnsten Stumpfe
der Sichtbarkeit verzehrt!

Mehr will ich, Leser, nicht verraten,
den Rest errätst du selber schon.
Tipp: Leben versus Automaten,
Natur statt Silikon.

In Zukunft nur noch diese Quelle,
braucht nächtlich meine Feder Licht –
kein Optimum an Lux und Helle,
doch zünftig fürn Gedicht!

Früh verdunkelt

frueh-verdunkeltSchon gehn die Tage zügiger zur Neige,
ergeben früher sich der Dämmerung.
Der Nacht gebieterisches „Schlaf und schweige!“,
es liegt halb zehn schon wieder auf dem Sprung.

Noch kürzlich zeigten hell sich die Fassaden
der Häuser drüben um die gleiche Uhr,
die nun verschämt schon ihre Ziegel baden
im Dunkel der erschlaffenden Natur.

Und meine Klause, die in vollem Lichte
den alten Möbelstücken Glanz verlieh,
verdüstert sich, als wär’s zum Weltgerichte,
klingt neun Mal erst die Kuckucksmelodie.

Der Kühlschrank mit den schneeig weißen Wänden,
ein Block, wie aus poliertem Firn gehaun,
steht hoch schon über seinen steifen Lenden
in Schatten, die sich mählich höher staun.

Auch ihn, den Vorhang mit den aufgedruckten
Silhouetten von Henne und von Hahn,
die rabenschwarzen Mäuler schon verschluckten
bis fast ans Ende seiner ausgerollten Bahn.

Der Kaktus ebenfalls in Nichts zerflossen
samt seinem stopp’ligen Dreitagebart!
Wo er gewurzelt, mäßig aufgeschossen,
hat nur die Furcht vor Stichen sich bewahrt.

Und wie ein Spuk in nachtverlassner Heide,
des Wanderers beklommnes Herz zu narrn,
scheint reglos nahezu und weich wie Seide
die Heizungsflamme in den Raum zu starrn.

Doch da ins Dunkel alle sie enteilen,
die tausend Dinge meiner kleinen Welt,
erglänzen umso heller diese Zeilen,
auf die des Lämpchens trauter Kegel fällt.

O hauche, Schimmer, ihnen deine Seele,
des Lichtes fleckenlose Tugend ein,
dass ihnen Klarheit nicht noch Wärme fehle
noch eines glüh’nden Herzens Feuerschein!

Und lass sie, die von Finsternis umgeben,
die täglich gegen meine Mauern rennt,
wie ein Fanal dagegen sich erheben,
das weithin leuchtend für die Musen brennt!

Erfrischung erwünscht

erfrischung-erwuenschtWeit offen steht die Pforte zum Balkone,
die Zephir gastlich einzutreten lädt,
doch „Pustekuchen“ denkt sich die Zyklone
und dass – August! – ein andrer Wind nun weht.

Sprich: keiner. Lastet doch seit vielen Tagen
wie Brei-Extrakt ‘ne Schwüle auf der Stadt,
um jeden Windhauch aus dem Feld zu schlagen,
der keinen Sinn für diese Suppe hat.

Tagsüber sucht in ungezählten Bächen
der Schweiß am ganzen Leibe sich sein Bett
und fleckt das Hemd dir überall mit Flächen,
die von der Feuchte glänzen wie von Fett.

Und nachts umspülen dich die lauen Schwaden
und treiben in den Kissen dich herum,
um dich in warmem Morgentau zu baden,
vollendend deines Schlafs Martyrium.

Charybdis hier und Scylla da vor Augen,
kurvt meine Feder fieberhaft bewegt,
indes umwabert von den Lüftelaugen
das Blatt Papier schon leichte Wellen schlägt.

Von draußen höre ich nur Menschenlaute,
kein einz‘ger Vogel meldet sich zu Wort.
Null Bock auf Flug gewiss bei dieser Flaute,
trug’s sie in schattenreiche Nester fort.

Doch ich kann meinem Käfig nicht entkommen,
mir Kühle zu verschaffen irgendwo,
die Arbeit hat mich in die Pflicht genommen,
der Wecker jagt mich pünktlich ins Büro.

(Willst, einz’ger Leser du, Mäzen zu gleichen,
mit Münzen wiegen mein bescheidnes Lied,
soll dieses stets zur Ehre dir gereichen,
wie jenem von Catull das und Ovid!)

Ein Lichtblick immerhin in laus’gen Zeiten,
da jeder gierig seine Schätze mehrt,
lässt sich zur Wohltat jemand noch verleiten,
die doch gewiss an seinem Säckel zehrt.

Doch sind Mäzene heut von solchem Schlage,
dass sie Projekte statt Personen wähln –
ein Opernhaus in bester Stimmenlage
kann eher auf ihr Spendenkonto zähln.

Da sie an Gut und Geld ihr Herz verloren,
sind sie auf Kunst nur marginal bedacht,
doch umso fester darum eingeschworen
auf das, was dabei groß Furore macht.

Pardon, dass ich ein wenig abgewichen
und dummerweise mich noch mehr erhitzt.
Zwar litt ich niemals unter Sonnenstichen,
doch hab auch nie so höllisch ich geschwitzt.

Ich schau mich also um in meiner Klause,
gewiss, sie müsse nass und dampfend sein,
und seh doch unverändert dies Zuhause
im alten traulich-trüben Lampenschein.

Die Leiden, die der Witterung entspringen,
den Kühlschrank lassen ohnehin sie kalt.
Mag auch die Glut in jeden Winkel dringen,
vor seiner Tür, der wucht‘gen, macht sie halt.

Das Radio wird es umgekehrt nicht stören,
wenn Wärme es im Übermaß umfließt:
Von Olim her gewöhnt an heiße Röhren,
ist eher zu vermuten: Es genießt.

Na, und die Heizung? Selbst dazu geboren,
dass ihre Wallung Wohlbefinden schenk,
wird die Kollegin sie von den Azoren
mit Freundlichkeit begrüßen statt Gezänk.

Vom Herd ist auch kein Mitleid zu erwarten,
da er doch selber feuriger Natur,
was all die Speisen, die darauf schon garten,
wohl schmerzlich würden uns bestät’gen nur.

So werd ich einsam sie ertragen müssen,
die Schwüle, wie das salz’ge Meer der Fels,
wenn fiebernd ich nach kühlen Regengüssen
mich schlaflos gleich in meinem Kissen wälz.

Auf der Küchenbank

auf-der-kuechenban-hendrik-terbrugghenSo wie ich’s, einz’ge Les‘rin, dir versprochen,
bring wieder Ernstes ich hier aufs Tapet.
Was hälst du etwa von den Diadochen,
Karthagos Fall und Nero als Poet?

Das träf den Nagel auf den Kopf mitnichten?
Dir graut’s vor so was wie Geschichte gar?
Vor Fakten, die zu Zahlen sich verdichten
als unentwegter Schlachten Jammerjahr?

Versteh, versteh. Es soll an mir nicht liegen,
hab schließlich auch noch andre Themen drauf.
Was Biologisches gefällig: Fliegen?
Lass ich für sie den Worten freien Lauf?

Da seh ich wieder dich die Mähne schütteln
und wie’s im Auge widerwillig blitzt:
Du lässt nicht an der Überzeugung rütteln,
dass so ein Brummer keinen Charme besitzt.

Liegt’s an dem Tierchen nur, dem naseweisen,
das uns mit seinen Kapriolen narrt
und seinem planlos unerschrocknen Kreisen
auf des Instinkts verbrieftem Recht beharrt?

Ich kann’s dir auch ‘ne Nummer größer bieten –
willst etwa von den Bestien du hörn,
von Meister Nobel und den Katz-Eliten,
erklärten Feinden von Spinat und Möhrn?

Daneben! Wieder nicht den Punkt getroffen.
Ich seh’s dir, Les‘rin, an der Nase an.
Für Zoologisches bist du nicht offen,
sei’s in der Stube, sei’s in der Savann.

Doch bin ich, der in mancherlei beschlagen,
auch von Physik nicht völlig unbeleckt;
ein Verslein über diese Kunst zu wagen,
wär nichts, was meine spitze Feder schreckt.

Erzähl ich dir von Keplers Geistesblitzen,
die uns erleuchtet der Planeten Bahn,
dass sie elliptisch um die Sonne flitzen,
Gesetzen folgend, ewig und profan?

Soll ich auf Newton einen Hymnus singen,
der gleichfalls Wundersames offenbart –
dass bei den zig zig körperlichen Dingen
die Attraktion sich mit der Masse paart?

Du wendest, einz’ge Les‘rin, dich mit Grausen,
pfeifst auf den strengen Kodex der Natur?
Dein Recht. Indes soll mich der Affe lausen,
weiß ich nicht anderweitig Remedur.

Schon immer machte mich die Heilkunst schwärmen,
die unsre Leiden lindert und behebt,
die Kenntnis von Gefäßen und Gedärmen
und allem, was intern so in uns lebt.

(Damit sie läuft, die flotte Limousine,
muss man die Haube lüften dann und wann,
damit man hier, im Herzen der Maschine,
des Ganzen Wohl und Wehe prüfen kann.)

Da liegst du eines Tages siech zu Bette
und fühlst dich grad so elend wie ein Hund.
Mit matter Hand ergreifst du die Tablette
und schluck!, bist du schon wieder kerngesund!

Dies scheint dir größre Neugier zu entlocken,
doch ist noch immer nicht das A und O.
Da heißt es weitermachen unerschrocken,
bis du der Verse endlich rundum froh.

Chemie? Um faustisch Antwort dir zu geben,
was diesen ganzen Sums zusammenhält?
Den Teppich aus Atomen nachzuweben
zum bunten, lückenlosen Bild der Welt?

Ein schwerer Kern, umschwirrt von Elektronen,
geladen beides, doch im Gegensinn,
ihr schöner Bund besiegelt von Photonen
und andren Wichten, geisterhaft, mit Spin?

Du bist so ehrlich, mir nicht zu verhehlen,
dass dir auch dieses Genre nicht gefällt
und eher solche Dinge für dich zählen,
dern Dasein bloßes Tageslicht erhellt.

Nun sieh mich doch an meine Grenze kommen:
Was tun, wenn alle Wissenschaft versagt?
Verzeih, gehörst du etwa zu den Frommen,
die auch poetisch auf Erlösungsjagd?

Erwartest du, dass ich in Göttersphären
auf Schwingen süßer Hymnen dich entführ,
die Hoffnung auf ein Paradies zu nähren
mit Petrus an der goldnen Flügeltür?

Mit Engeln, die auf ewig Harfe zupfen,
unnahbar nonnenhaft in Weiß gehüllt,
da Lämmer mannagleiche Gräser rupfen
und unser Münchner Halleluja brüllt?

Bist du des Ostens Weisheit gar erlegen
und wandelst Buddhas achtfach rechten Pfad,
dem Wolln und Wirken unsrer Welt entgegen
und zum Nirwana mit dem besten Draht?

Ach, welcher Unsinn wär es zu vermuten,
dass dir Erbauliches am liebsten wär!
Hätt’s dich denn sonst in meinen Versefluten
so sicher fortgetrieben bis hierher?

Mein Geist, verzweifelt ringt er nun die Hände,
will wissen, was dich bei der Stange hielt –
indes das Auge träge streift die Wände
der Küche, wo ja diese Leier spielt!

Du lächelst! Oh, was bin ich blöd gewesen
(wofern nicht aus Bescheidenheit gar blind)!
Gern sollst du wieder Neues von ihr lesen –
ich hol nur noch ein frisches Blatt geschwind.

Bestiarium, kulinarisch

bestiarium-kulinarisch-rembrandtBegrüßt sei, Leserin, auf dieser Seite,
sie freut sich herzlich über den Besuch,
zumal du ja schon ’ne gewisse Weite
damit erreicht in diesem Liederbuch.

(Ich will mich lieber gar nicht lange fragen,
ob nicht vielmehr der Zufall dich geführt
und dieses Blatt gezielt du aufgeschlagen,
nachdem du andre gar nicht erst berührt.)

Anscheinend hat es also dir gefallen,
was du an Versen unterwegs gewahrt,
dass deine Augen willens fortzuwallen
auf ihrer apollin’schen Pilgerfahrt.

Da du schon eine lange Wegesstrecke
hast mit Bravour bewältigt bis hierher,
verweil ein wenig doch an diesem Flecke –
zu Rast und leichter Geisteskost Verzehr.

Will dir hier nicht den del’schen Taucher spielen
und gründeln in der Weisheit Tiefenschicht –
begnügen mich mit erdennäh’ren Zielen,
aus denen auch der Schalk im Nacken spricht.

Lass mich, um dir mit heiteren Gedanken
die kleine Abschaltpause auszufülln,
mit ein paar Schnacks von Backen und von Banken
den Acker deiner Fantasie begülln.

Wie glücklich war die Hummerdame
im kühlen Kosmos ihrer Flut,
bis Fischerlist sie, o infame,
in siedend heiße Kessel lud!

Noch unlängst schwamm im Meer, im Gelben,
ein Thunfisch voller Energie.
Jetzt dient er ferne von demselben
in Osaka als Sashimi.

Auch seine Häscher waren schneller,
für immer sein Gequak erlosch:
Zerstückelt gliedert er den Teller,
der unerlöste Prinz – der Frosch.

Die Kröten-Seniorengruppe,
die gerne auf ihr Alter pocht,
sie wurd zur Lady-Curzon-Suppe
noch vor dem Hundertsten verkocht.

Da schau wer diese Turteltauben,
das schnäbelt sich nach Menschenart!
Na wartet! Schluss mit Küsserauben,
wenn über Flammen ihr erst gart!

Den Weckruf, Gockel, kanns vergessen
und auch den Kamm, der öfter schwillt!
Man hat auch so dich gern zum Fressen –
als Hähnchen, das selbst halb was gilt!

Und unsre Puszta-Bekassine,
die doch auf Vorsicht stets bedacht?
Ein Meisterschuss. In die Terrine.
HEUT GALA-JAGDSOUPER UM ACHT.

Ein Ferkel schnappt nach Mutters Zitze,
dass saugend Sättigung ihm werd.
Doch in des Mehls gemeiner Schwitze
brät’s früh vollendet auf dem Herd.

Der Pfau auch, der mit kühnem Schwunge
sein stolzes Rad uns präsentiert,
was nützt ihm seine schrille Zunge,
wenn ‘nen Gourmet sie int’ressiert?

Ein Lämmchen, grade erst geboren
und noch zu nackt, um es zu schern,
muss dennoch schon im Topfe schmoren
an Kümmel und Wacholderbeern.

Mit zartem Fuße die Savanne
betupfte das Gazellenkitz,
das nun in der Etoscha-Pfanne
zerschmurgeln muss bei Oberhitz.

Kaninchen mümmelten noch eben
ihr Feldgemüs in aller Ruh,
um jetzt ’ne Karte zu beleben
als Hasenpfeffer-Wildragout.

Die neulich noch in ihrem Koben
behaglich aufgegrunzt, die Sau,
lässt sich als Kotelett nun loben
von einer drallen Fleischersfrau.

Auf fetter Weide sah man grasen
ein Holstein-Rind gesund und heil,
da kam, um Kuhtod ihm zu blasen,
der Schlächter mit dem Hackebeil.

Der Ruhe freudig sah entgegen
ein Gaul nach langer Plackerei,
doch man entschied der Kohle wegen,
dass „Maxe“ zu verwursten sei.

Selbst Äffchen, ähnlich jenem Wesen,
das seines Schöpfers Ebenbild,
sind örtlich dazu auserlesen,
dass Hunger man an ihnen stillt.

Dies also, Leserin, dich zu erheitern.
Ich hoff, das Intermezzo dir gefiel.
Gelöst geh zu den Versen nun, den weitern,
die wieder ernst in Anspruch und in Stil.

Wie? Meine Meinung kannst du gar nicht teilen?
Die Pause bot kein muntres Possenspiel?
Ich hieß dich nur, in Muße zu verweilen
als ahnungsloses Propagandaziel?

Sehr wohl. Doch tu ich nur, was andre machen.
Verhöhn die Opfer unsrer Esskultur:
Die Werbung lässt die armen Kühe lachen,
schickt Schweine grinsend auf die Tötetour.

Der Teller, den wir täglich leeren:
Ein Golgatha aus Tiergebein.
Wann wird der Mensch sich menschlich nähren –
so wie der Ochse und das Schwein?

Loblied auf den Sommer

loblied-auf-den-sommer-van-goghSo eines Sommers gute Seiten
ich mal Revue passieren lass,
soweit sie mir halt Spaß bereiten –
nicht unbedingt ‘nem Butterfass.

Beschränk mich darauf, aufzuzählen,
was grad mir in den Sinn so fliegt.
So: Vogelsang aus vollen Kehlen.
So: Korn, das sich im Winde wiegt.

So: Wiesen, die in Blüten prangen,
um die’s in hellen Scharen schwirrt,
da mit des Hirschs gewalt’gen Stangen
ein Käfer durch die Halme irrt.

Und Picknick unter freiem Himmel
plus Nickerchen in weiter Flur.
Gesumm behütet’s, fern Gebimmel:
Feld-, Wald- und Wiesen-Seelenkur.

So auch sich in die Brandung stürzen
vom glühend aufgeheizten Strand,
mit einem Salz die Haut zu würzen,
das Neptun schon erfrischend fand.

Auf trägem Fluss im Kahn zu treiben,
von kau’nden Kühen stumm beäugt.
Sich nicht beeilen. Nirgends bleiben.
Dem Wind gleich, der die Ähren beugt.

Vielleicht auch Fleisch in dicken Streifen
der Glut des Rostes anvertraun,
bis sie zum Braun des Tabaks reifen
und weich und saftig sich zerkaun.

Auch wenn, zu schonen sie, bisweilen
die Pferde Helios wen’ger hetzt,
gilt’s froh in die Natur zu eilen,
die nie so reich und bunt wie jetzt.

Selbst Stubenhockern kann’s passieren,
dass sie aus ihrer Bildschirmwelt
in einen Sommer sich verlieren,
der ihnen analog gefällt!

Elogen-Ende. Sommerseiten
enthalten oft auch dieses Blatt:
Für Schwüle ideale Zeiten.
Erfrischung: Blitz und Donner satt.