Perfekter Abgang

Nicht jedem hat’s der Herr gegeben,
dass er mit ungebrochner Kraft
sein anspruchsvolles Arbeitsleben
vom Lehrling bis zum Rentner schafft.

So mancher, der als Geistesrecke
in Topform auf die Piste ging,
erwies sich schon auf halber Strecke
als ausgemachter Kümmerling.

Bei andern zeigt sich dieser Makel
erst kurz vor dem ersehnten Ziel –
ein eher flüchtiges Spektakel,
Befund auch hier indes: debil.

Da hatt ich also ‘nen Kollegen,
dem gern man Texte anvertraut,
bis unbekannter Gründe wegen
mental er plötzlich abgebaut.

Doch weil er einst Talent besessen
und manchen klugen Satz ersann,
ließ man das Gnadenbrot ihn fressen
wie’n Gaul, der nicht mehr ackern kann.

Man gab ihm hier und da ‘ne Sache,
die seinen Grips nicht überstieg,
dass er als alter Fuchs vom Fache
nicht auf der Bärenhaut nur lieg.

Damit kam er denn auch zurande
bis hin zum leidlichen Produkt,
und eh man’s schickte in die Lande
hat wer noch einmal draufgekuckt.

So weit, so gut. Indes der Faden,
der ungern die Geduld nur flieht,
nimmt irgendwann doch einmal Schaden,
wenn man zu heftig daran zieht.

Und da man ihm die Rechte reichte,
nahm er die Linke gleich dazu –
erbat sich nur das Kinderleichte,
die Kinken aber für die Crew.

So ist es zum Eklat gekommen.
Er wälzte einen Auftrag ab.
Der Chef ihn sich zur Brust genommen:
Der ging an dich, nun komm in Trab!

Der Gute aber schlich nach Hause
und meldete sich sterbenskrank.
Und erst nach langer Sendepause
ein Lebenszeichen, Gott sei Dank.

Er schickte, „endlich nun genesen“,
die blabla besten Grüße her.
„Kollege, der er einst gewesen,
jetzt frisch gebackner Pensionär“.

Geborgte Macht

Als „Tippse“ sie herabzusetzen,
beweist nicht Wissen noch Humor:
Die Sekretärin ist zu schätzen,
zumal wenn noch ein „Chef“ davor.

Denn dann kommt zu den Schreibarbeiten,
für die sie ein’gen Grips schon braucht,
die Pflicht noch, einen Typ zu leiten,
der andre gern zusammenstaucht.

Da wär das Wesen ‘ner Mimose
nicht ausgesprochen vorteilhaft –
viel eher eines, das der Hose
von Frauen noch mehr Geltung schafft.

Sie muss ja auch vom Halse halten
manch unerwünschten Störenfried
dem Boss, der seine Kummerfalten
nur ungern noch verdoppelt sieht.

Mit diesen Tugenden gerüstet
kann es gelegentlich passiern,
dass es nach Höh’rem sie gelüstet,
will heißen selber mitregiern.

Fängt klein an in der Kaffeeküche,
die öfter spähend sie durchstreift
und Abwaschmuffeln böse Sprüche
ins schwärzliche Gewissen keift.

Geht weiter über die Termine,
die argusäugig sie bewacht
und, dass es ihrem Ego diene,
gelegentlich nach Gusto macht.

Als Nächstes streckt sie ihre Fänge
in jeden Fachbereich im Haus,
beklagt, man käm nicht in die Gänge,
und bittet sich mehr Eile aus.

Dann wagt sie sich am Telefone
selbst an Abteilungsleiter ran,
bescheidet sie in rüdem Tone:
Erledigung bis dann und dann!

Auch sonst das reinste Boss-Gebaren,
des Alten weibliche Kopie.
Ihr ständ’ger Zahnbelag von Haaren
bis hin zur Bürste schon gedieh.

Gab irgendeiner der Kollegen
ihr deshalb umso eher nach?
Man kam ihr nirgendwo entgegen
und zwinkernd von der „Chefin“ sprach!

So wäre es wohl fortgegangen,
hätt man den Chef nicht pensioniert
und ihren Arm, den leidlich langen,
zum Tippen wieder reduziert.

Der Neue war pikanterweise
auch einer, den sie angeblafft.
Der schickte gleich sie auf die Reise
und hat sie sich vom Hals geschafft.

Belobte ihr in aller Schnelle
den schönen Job- und Lebenslauf
und drückte sie der Kostenstelle
‘ner andern Amtsfiliale auf.

Ob sie da weiter barsch und böse
Kollegen an den Karren fuhr?
Null Chance, dass ich das Rätsel löse –
so rasch verlor sich ihre Spur.

Vermessung von Erbsen

Er war nicht grade groß zu nennen,
was ja im Grunde nichts besagt,
indes uns hilft, um zu erkennen,
dass andre gern er überragt.

Am liebsten gab den Vorgesetzten
er wöchentlich im Sitzungssaal,
wo den Kollegen, den „geschätzten“,
er sich als neunmalklug empfahl.

Dabei will ich nicht unterstellen,
dass er nur dummes Zeug geschwätzt,
doch sicher hat in vielen Fällen
er seine Wirkung überschätzt.

Natürlich war er selbst der Letzte,
dem Kritisches zu Ohren kam,
und während er „Akzente setzte“,
fand ihn die Mehrheit eher lahm.

Das mochte zwar für vieles gelten,
doch nicht für sein Naturtalent –
im heil’gen Hain Apolls zu zelten
als erster Schriftgut-Rezensent.

O was für Fehler er gefunden –
ein Spürhund war nichts gegen ihn!
Er ließ sich jedes Komma munden,
das ihm nicht recht zu schmecken schien.

Auch schätzte er als Leckerbissen,
wenn Groß und Klein wer bös vermischt –
das hat mit sauberem Gewissen
demselben er dann aufgetischt.

Ja, seinen ems’gen Späherblicken
entging nicht mal der weiße Fleck,
vergaß dem Satz man anzuflicken
des Punkts finalen Fliegendreck.

Jetzt greif ich tief mal in die Kiste,
aus der der Staub der Bildung weht:
Ich seh ihn unten auf der Liste,
wo Zoilus ganz oben steht!

Ein Kritikaster erster Güte,
der alles gnadenlos verriss,
dass selbst im friedlichsten Gemüte
er einst erregte Ärgernis.

Drum nahm er auch ein schlimmes Ende
(im Altertum) von Henkershand.
Ein Glückskind schöner Zeitenwende,
traf unsren nur der Ruhestand.

Ein Danaergeschenk

Allmählich geht der Spaß zu Ende.
Die Erde hat die Nase voll.
Schon ringt sie überall die Hände
in ihrem kaum verhohlnen Groll.

Und führt auch stärkere Geschütze
vermehrt in dies und das Gefecht –
hier Sturm in die Matrosenmütze,
da Hagel fürs Agrargeschlecht.

Das Eis der Pole lässt sie schmelzen,
der Gletscher, ebenfalls erhitzt,
dass sich in Meer und Flüsse wälzen
die Fluten, die sie ausgeschwitzt.

Hier schickt sie Dürre in die Lande,
dass Frucht und Vieh zugrunde gehn,
da lässt sie mit gewalt’gem Brande
der Wälder rote Hähne krähn.

Auch mit den Stößen ihrer Lenden
erwehrt sie gern sich ihrer Haut,
um Kampfsignale auszusenden
an diese Brut, die sie bebaut.

Die allerdings, der Schöpfung Krone
und Hirt „auf göttliches Geheiß“,
die int’ressiert sich nicht die Bohne
für ihren irren Seinsverschleiß.

Seit ihren ersten Kindertagen,
als noch gekrabbelt der Verstand,
empfahl man ihr ja nachzujagen
dem Geld als Lebensglücksgarant.

Und so geprägt von selbst Geprägten
vererbte sie den Tinnef fort,
dass niemals Zweifel sich ihr regten
an diesem goldnen Leistungssport.

Damit auch blind für die Gebrechen,
die sie dem Globus auferlegt,
wird dieser selbst sich doppelt rächen
für jede Wunde, die sie schlägt.

Das schöne Gleichgewicht der Kräfte,
Millionen Jahre Feinarbeit,
es wurd ein Opfer der Geschäfte,
mit denen sie nach Mammon schreit.

Der den versprengten Homo-Horden
als mächt’ge Waffe einst sich bot,
der Geist ist längst zum Fluch geworden,
der seine eigne Art bedroht.

Wer will, mag das für Zufall halten,
für menschliches Versagen auch.
Doch scheint mir, dass da Kräfte walten
nicht einfach aus dem hohlen Bauch.

Liegt es, mal ehrlich, denn im Sinne
‘ner Welt, die aus der Vielfalt lebt,
dass ein Geschöpf die Macht gewinne
und alles aus den Angeln hebt?

Um diesen Schnitzer zu beheben,
hat die Natur nicht große Not –
sie muss dem Geist nur Nahrung geben,
dann frisst er sich von selber tot.

Die Qual der Wahl

Wie schön es ist, nur dazusitzen
am Tisch im milden Kerzenschein
und zwanglos ins Papier zu ritzen
die Verse hübsch in Viererreihn!

Der Tag ist schon in Rot zerronnen,
der Abend liegt schon schwarz und still,
doch hat man grade erst begonnen
und sucht noch, was man sagen will.

Man muss indes nicht lange warten;
die Fantasie, stets auf dem Sprung,
braucht einen Schubs nur, um zu starten,
und bringt sich in Erinnerung.

Was holt sie mir nicht für Gedanken
aus irgendeinem Winkel her,
in dem sie heimlich einst versanken
aus des Bewusstseins Lichtermeer!

Und wie aus unterird’schen Quellen
sich mancher klare Brunnen nährt,
fühl ich die Flut der Bilder schwellen,
die aus den Tiefen wiederkehrt.

Da wird’s schon schwierig, rauszupicken
von „Hustensaft“ bis „Honigmond“
den Stoff, um Strophen draus zu stricken,
weil sich ja jeder dafür lohnt.

Soll ich idyllisch mich gebärden,
vor Laster und vor Lärm geschützt
wie’n Schäfer, der bei seinen Herden
zufrieden auf den Stab sich stützt?

Soll ich ins Universum reisen,
heraus aus meinem trüben Trott,
zu Sternen, die im Walzer kreisen
für ihren Dirigenten-Gott?

Soll ich den Alltagssensationen
poetisch meine Stimme leihn,
der Heiserkeit von Pop-Ikonen,
dem Wasserstand am Oberrhein?

Soll mit erhobnem Zeigefinger
die Meinung geigen jedermann,
den irgendwelcher krummen Dinger
ein Argus überführen kann?

Natürlich ja auf ganzer Linie!
Pfui Poesie am Gängelband!
Lässt sich besingen eine Pinie,
dann auch der ganze Baumbestand!

Von Sachen und Begebenheiten,
o wie der Erdkreis überquillt,
und nur, wenn Pegasus wir reiten,
erschließt sich uns das ganze Bild!

Ein Teppich aus Millionen Flicken,
der um sein Image sich nicht schert –
doch jeder, den wir da erblicken,
ist locker eines Liedes wert.

Paketdienst, interaktiv

Sie scheun sich nicht, mir hochzuschleppen
ein zentnerschweres Möbelstück
drei stufenreiche Altbautreppen,
dass es den Korridor mir schmück.

Nahm jeder sich ‘nen Stapel Bretter
als Einzelteile von dem Trumm,
damit er langsam höherkletter
wie’n Kräuterweiblein schief und krumm.

Doch ließ nicht einen Seufzer hören
den dornenvollen Pfad entlang,
nicht das geringste Stocken stören
den Fuß in seinem Vorwärtsdrang.

Ein andrer will ein Päckchen bringen,
nicht schwerer als ein Zeichenblock,
den höre ich nach Atem ringen
verzweifelt schon im ersten Stock.

Doch schafft er auch die letzte Hürde
und macht mir nicht vorm Ziele schlapp,
entledigt sich der braunen Bürde –
quittieren, tschüs und schon treppab!

Das nenn ich, seine Pflicht erfüllen,
auch wenn sie einem sauer wird,
und sich in Gleichmut einzuhüllen
wie’n Ochse, der ins Joch geschirrt.

Doch gibt es da auch Zeitgenossen,
die nehmen es nicht so genau,
ersparen sich die läst’gen Sprossen
mit einem Trick, der ziemlich schlau.

„Empfänger war nicht zu erreichen –
ob ich’s auch hier abgeben kann?“
Und dienstbereit lässt sich erweichen
die Apotheke nebenan.

So hat der ausgebuffte Bruder
sich rasch von einem Gang befreit,
und ich kauf Pillen oder Puder
beim Abholn noch aus Höflichkeit.

Doch Arbeitsscheu muss hier nicht herrschen.
Der Bote jobbt gewiss mit Fleiß.
Die Crux liegt bei den Schreibtisch-Ärschen,
die machen ihm die Hölle heiß.

Befrachten ihm mit so viel Packen
tagtäglich seinen Lieferbus,
dass abends er trotz allem Placken
‘nen Rest auf morgen schieben muss.

Da braucht es Gauß nicht oder Riese,
dass man die Folgen übersieht –
‘ne ständig stärkre Absatzkrise
in seinem ganzen Fuhrgebiet.

Der Dumme, claro, ist der Kunde,
der extra in der Bude bleibt,
da an dem Tag und zu der Stunde
die Sendung kommt, wie man ihm schreibt.

Warum wir online wohl bestellen?
Wird alles an die Tür gebracht!
Es sei denn, dass in solchen Fällen
die Rechnung ohne Post gemacht.

Online-Geschäfte

Auf Werbung kann man nicht verzichten,
denn Konkurrenz, die gibt‘s zuhauf.
So lässt auch Kunden man berichten,
warum sie glücklich mit ‘nem Kauf.

Und stellt dem weitren Int’ressenten
ihr Urteil ins globale Netz,
dass dank des Lobs, des vehementen,
auch dieser die Erwerbung schätz.

Nur leider zeigt als fauler Kunde
sich mancher in ‘nem andern Sinn
und stiehlt aus der Jurorenrunde
sich mangels eigenem Gewinn.

Doch schlimmer als Politparteien,
die für ‘ne Wahl auf Stimmenfang,
mag dich die Firma nicht befreien
aus deinem schwachen Tatendrang

Und schickt, dich vorwurfsvoll zu mahnen
an dein erbetenes Retour,
‘ne neue Botschaft auf den Bahnen,
die online schon die erste fuhr.

„Auf unsre Bitte wir verweisen
zu Ihrem Kauf von dann und dann,
uns Ihre Meinung einzuspeisen,
die sehr auch andern helfen kann.

Und sollten etwa Sie vermuten,
der Aufwand sei für Sie zu groß:
Sie brauchen nur ein paar Minuten
und ein paar kurze Sätze bloß“.

Wenn so was alle Jubeljahre
mir mal ins Haus geflattert käm,
ich raufte mir drum nicht die Haare
und mir die Zeit zur Antwort nähm.

Doch will das Unglück, ich bestelle
‘ne Menge übers Internet,
das heißt, in jedem dieser Fälle
ich meinen Senf zu geben hätt.

Das würde locker sich am Ende
zu vielen Stunden aufsummiern,
und ich vertippte ganze Bände,
anstatt mein Leben zu goutiern.

Warum soll ich die Trommel rühren
für ‘nen gefräß’gen Großkonzern
und ihm noch die Geschäfte schüren
per Hymnus und Bewertungsstern?

Muss es nicht ohnehin erschrecken,
wie sehr er uns als Kunden kennt
und neue Wünsche zu erwecken,
uns ständig unsre alten nennt?

Was warn das doch für schöne Zeiten,
als sich der Bürger noch empört,
sobald er nur von Staates Seiten
das Wörtchen „registriern“ gehört!

So „gläsern“ ist er heut geworden
in unsrer digitalen Welt,
dass Handel er und Hackerhorden
kaum noch vor größre Rätsel stellt.

Sein Psychogramm „Konsumverhalten“
wird aktenkundig blitzesschnell,
wo immer sie Datei‘n verwalten
für Kunden jetzt und potenziell.

Du schämst dich, ein Kondom zu kaufen
im Supermarkt zum Ladenpreis?
Ach, online wirst Gefahr du laufen,
dass bald schon jeder Puff es weiß!

Für Waffennarren

So eilt nur, Brüder, zu den Waffen,
auch wenn zurzeit kein Streit in Sicht,
es gilt, Gewissheit sich zu schaffen,
dass notfalls dieser Joker sticht.

Und wenn gesalbt ihr sie in Händen
wie Kerzen in ‘ner Prozession,
dann spürt, wie sie euch Segen spenden
zu künft’ger Siege süßem Lohn!

Versteht sich: Nicht zu Überfällen
sei so ein Prügel rasch zur Hand;
bloß gegen solche Spießgesellen,
die gegen euch den Hahn gespannt.

Nur Notwehr darf den Abzug drücken –
nein, wartet, dieses Bild ist schief,
denn mit dem Wort auch die sich schmücken,
die gern sich wehren präventiv.

So hat zu defensiven Zwecken
der Colt auch seinen Ruf verlorn
und sollte endlich doch verrecken
als Schnapsidee, die tot geborn.

Das sehn auch die, die uns regieren,
und wärn das Teufelszeug gern los,
weshalb sie’s kräftig exportieren,
und zwar zu Friedensfürsten bloß.

Da red man nicht von schnödem Schacher!
Es geht ja auch um Wohl und Weh
der Dealer und Geschäftemacher
und ihr Verdienst ums Staatsbudget!

Indessen bleibt das Unbehagen,
dass keineswegs genug geschieht,
um diese Pest zu Grab zu tragen,
die ewig Gräber nach sich zieht.

Als ob wir nicht ein Beispiel hätten,
das mutig an die Dinge rührt –
das Warnsignal bei Zigaretten:
Genuss, der auf den Friedhof führt!

Was zeigt, dass unsrer Führungsriege
es an Entschlossenheit nicht fehlt
und sie im Anti-Tabak-Kriege
ihr Äußerstes an Mitteln wählt.

Was hindert sie, beim Waffenhandel
genauso konsequent zu sein
und ihren edlen Sinneswandel
als Warnung in die Welt zu schrein?

„Dies Schießgewehr hier zu gebrauchen,
kann Folgen haben, die fatal,
denn wenn der Lauf beginnt zu rauchen,
krepieren Menschen jedes Mal.“

Der münd’ge Bürger allerorten,
der sonst zur Flinte griff im Zorn,
er wirft bei diesen schönen Worten
sie unverzüglich wohl ins Korn.

Führungsstil

War morgens er dem Fond entstiegen,
samt Fahrer ins Büro geeilt,
ging er daran, zu überfliegen
die Presselandschaft unverweilt.

Des Globus allgemeine Lage,
das Neueste aus Stadt und Land
verband er mit der Gretchenfrage,
was über ihn geschrieben stand.

Wenn nichts: Da ist was schiefgelaufen!
Wenn Gutes: Prima, Redaktion!
Wenn Schlechtes: Die wolln wir uns kaufen –
und schon der Griff zum Telefon.

(Ich muss mal kurz ‘ne Pause machen,
weil mit ‘nem dicken Bauch von Licht
der Vollmond grad mit hundert Sachen
sich Bahn durch die Gebäude bricht.

Wie könnt dem Glanz ich widerstehen,
der jäh den halben Himmel füllt,
und weiter auf die Fläche sehen,
die weiß noch keinen Vers enthüllt?

Zwei hab ich oder drei Minuten
in seinen Anblick mich versenkt,
als sie mich mahnte, mich zu sputen,
die Muse, die den Griffel lenkt.)

Drum rasch zurück zu diesem Wesen,
dem heut ich weih mein kleines Werk –
er hatt‘ die Blätter ausgelesen
und fraß sich durch den Aktenberg.

Das war nicht seine starke Seite.
Zwar wusste er sich immer Rat,
doch zeigte schon nach Höh und Breite
sich eher als ein Mann der Tat.

Das kriegten die zuerst zu spüren,
die löschen, wenn die Hütte brennt –
ihm von der Pelle ein, zwei Türen:
die Tippse und der Referent.

Die saßen ständig wie auf Kohlen
und harrten auf des Alten Wort,
nur um sich Watschen abzuholen
für dies und das in einem fort.

(Zur Ehrenrettung muss ich sagen,
dass mancher, den er angeblafft,
kaum Schaden hat davongetragen,
weil er zum Aufstieg ihm verschafft.)

Auch seine Tür zu öffnen, schließen
wie jeder andre fiel ihm schwer –
er liebte es, hindurchzuschießen,
als ob er der Leibhaft’ge wär.

Und hat sie auf- und zugeschmissen
mit wohlgezieltem Knalleffekt,
dass noch im ruhigsten Gewissen
er ein Gefühl der Schuld erweckt.

Auch bei den ständigen Routinen
mit Leitern jeglicher Sektion
stieß meist er auf ‘ne Wand von Mienen,
versteinert vom Kommando-Ton.

Denn zwischen Äußern und Agieren
galt klitzeklein der Weg ihm nur –
wer wollt schon seinen Job riskieren,
weil an die Karre er ihm fuhr?

Er hat die Zügel straff gehalten
und fest, als ließ er nie mehr los –
zig Jahre alles stets beim Alten,
gewechselt ha’m die Pferde bloß.

Dabei ist er sich treu geblieben,
ein ungehobelter Patron,
dem Herrschen hieß, „mit steten Hieben
erstickt man jede Rebellion“.

Er blieb und blieb. Da half kein Beten.
Je länger, desto mehr erstarkt.
Doch plötzlich musst er kürzertreten.
Natur natürlich: Herzinfarkt.

Ein Autodidakt

Begeisterung war seine Stärke;
auf einmal riss die Tür er auf
und zog aus irgend’nem Vermerke
mich mitten in den Weltenlauf!

„Ich sag dir, wo sie stattgefunden,
hatt längst die Gegend in Verdacht,
der letzte Zweifel ist geschwunden,
ich weiß den Ort der Varus-Schlacht!“

Und, heureka!, im Rausch der Freude,
den ihm der Forschergeist beschert,
hat gleich er sein Beweisgebäude
vom Keller bis zum Dach erklärt.

‘ne gute halbe Stunde später
(man nimmt’s im Amt nicht so genau)
sah gleichsam ich wie unsre Väter
den alten Ostwestfalen-Gau.

Und wo der Römer Lager standen
und wie geschwind ihr Heer marschiert,
um auf dem Schlachtfeld just zu landen,
wie er sich’s da rekonstruiert.

Dann trollte er sich, der Kollege,
zurück zu seinem Kämmerlein,
ich weiß nicht, ob er auf dem Wege
woanders auch noch kehrte ein.

Begeisterung war seine Stärke.
Doch oft auch nur für kurze Zeit.
Stets ging entschlossen er zu Werke,
doch stets zum Absprung auch bereit.

So kam er wohl im Lauf der Jahre
zigmal in mein Kabuff gestürmt
und hat mir seine Wissensware
in Haufen vor den Bug getürmt.

Mal hatte er sich fest verbissen
in die Strukturen der Chemie
und gab sich völlig hingerissen
von Molekülen-Harmonie.

Mal hatt‘, o welche lyr’sche Wende!,
er sich dem Volkslied zugewandt,
dass bald davon schon viele Bände
ihm die Regale überrannt.

Es schien, als ob im Eilverfahren
er Dinge nach und nach durchlief,
die schulisch ihm entgangen waren,
weil er den Unterricht verschlief.

Und dass dem Schüler, der so träge,
als Mannsbild die Erkenntnis kam,
die einst verhasste Bildungspflege
war alles andre als infam.

(Will hier die Frage zwischenkleistern
zur Schule als Politikum:
Ist sie zu blöd, um zu begeistern,
oder erzieht bewusst sie dumm?)

Ein Spätentwickler sozusagen,
der hastig an dem Zeug gekaut,
dass es sein überreizter Magen
im besten Fall nur halb verdaut.

„Doch wenn die Kräfte auch nicht reichen“
(ein altes Sprichwort, leicht verkürzt),
so war der Wille ohnegleichen,
mit dem er sich aufs Fach gestürzt.

Hätt er ihn damals schon bewiesen,
als er die Schulbank noch gedrückt,
man hätt ihn wohl als Geistesriesen
mit manchem Lorbeer noch geschmückt.