Rundblick

Rundblick, Gustave CaillebotteBesinnlich lass den Blick ich schweifen
durchs Bild, das mir mein Fenster rahmt:
Fassaden, die zu Funzeln greifen,
dieweil der Tag ins Dunkel lahmt.

Intimes Rot kann ich erkennen
und –flimmernd, flackernd – Bildschirmblau,
auch Birnen, die so käsig brennen
bei Folter nur und Leichenschau.

Davor erstreckt die lange Kette
der Autos sich, die abgestellt:
Erstarrtes Blech – die Schädelstätte,
das Golgatha der Fließbandwelt!

Den Himmel muss ich länger suchen,
da ihn kein Stern mir heut verrät,
nur feine Schleier ihn betuchen,
die keusch er vors Visier sich lädt.

Was ich nicht sehe, ist der Regen,
den Petrus aus den Wolken wringt
und der verrät‘risch mir entgegen
von nassen Reifen aufwärts klingt,

Die da mit gierigen Profilen
koppheister wirbeln am Asphalt
nach ihren zig urbanen Zielen –
die doch nur eines: Heim und Halt.

Schlafenszeit

Schlafenszeit, Berthe MorisotZur Ruhe beinah schon gekommen,
auch diese nimmermüde Stadt.
Ihr Tag in Blut dahingeschwommen,
jetzt glimmt der Mond mit vierzig Watt.

Laternen bleibt es überlassen,
die Straßen dürftig zu erhelln,
da in den düstren Seitengassen
verräterisch die Schatten schwelln.

Der Lappen an der Fahnenstange
bewegt sich träg im Abendwind.
Licht klettert an der Häuserwange
quadratisch, wo die Treppen sind.

Gelegentlich noch Räder rollen,
und Reifen rütteln am Asphalt –
und wie sie aus der Stille quollen,
versiegen sie darin auch bald.

Da lässt sich noch ein Vogel hören,
als ob er um sein Leben schrie –
vielleicht sein Hausrecht zu beschwören,
das ihm sein Lieblingsbaum verlieh.

Derweil grast auf den Himmelsauen
schon hier und da ein großes Licht –
wie goldner Hahnenfuß zu schauen,
der aus dem Sumpf des Grabens sticht.

Selbst Kranken- oder Peterwagen
erlagen dieser Müdigkeit.
Kein Blaulicht, um Alarm zu schlagen,
kein Horn, das „Aus dem Wege!“ schreit.

Gleich lümmeln sich in ihrem Leinen
Direktor und Verkäuferin,
in gleicher Stellung von den Beinen
über den Hintern bis zum Kinn.

Ach, diese sachten Übergänge,
wenn man im Dämmer klarer sieht
und aus der Sonne greller Enge
ins Dunkel der Gedanken flieht!

Da hätt ich gern noch fortgeschrieben,
in Worte Bilder euch gebannt –
doch irgendwie, verzeiht, ihr Lieben,
braucht Ruhe jetzt auch meine Hand.

Am Tempolimit

am-tempolimit-tamara-de-lempickaMit Riesenschritten eilten wir,
die Länder zu durchmessen
und haben Kilometer hier
und da en masse gefressen.

Von gelbem Glibber war das Glas
der Scheibe überflossen,
von breiigem Insektenaas
als treuem Fahrtgenossen.

Die Straße flog uns jauchzend zu,
nur um vorbeizurasen –
verbissen blieb der Fahrerschuh
in seinen Gasextasen.

Wir folgten stur der schwarzen Naht,
die in die Flur gezogen,
doch Felder trennend, Frucht und Saat
und goldne Weizenwogen.

Nicht mal der rüde Radarblitz,
verdonnernd uns zu blechen,
vergällte unsern Aberwitz,
Boliden auszustechen.

– Hast du die Burg da grad gesehn?
Da oben die Ruine?
– Ich glaub, das war schon Nummer zehn,
die werden zur Routine.

Toledo so und so Madrid –
Paläste, Kathedralen.
Pamplona nimmt und Tours man mit,
die gleichfalls sich empfahlen.

Rouen verging uns wie im Flug
und Lille, Luik und Leiden –
das Motto, das uns heimwärts trug,
war „Kurz mal schaun und scheiden“.

Hat Regen unsern Lauf gehemmt,
die Finsternis der Nächte?
Als ob wer Kilometer schlemmt
an Sättigung je dächte!

Europa, ach, dies Wonneweib,
Phöniziens Strand entrissen,
ich streifte flüchtig seinen Leib
optischer Leckerbissen.

Doch was ich hastig nur erhascht,
vom Zufall aufgefangen,
hat mich so freudig überrascht,
um mehr noch zu verlangen.

Die Schöne hast die Lust geschürt,
sie stiller anzubeten –
der Schwager, der den Knüppel rührt,
soll künftig kürzer treten!

Kein Sonnenanbeter

kein-sonnenanbeterGleich morgens tönt’s euphorisch mir entgegen:
“Dies, liebe Hörer, wird ein super Tag!
Zwölf Stunden knallt euch Sonne auf den Brägen
mit besten Chancen für ’nen Hitzeschlag.

In Heide, Husum und in Altengamme
erreicht die Skala bis zu 90 Grad.
Die Hitze steigert sich beinah zur Flamme –
dagegen hilft wohl auch kein Thermostat.“

Und dann, der Witzbold sollte recht behalten,
glüht diese Birne jäh vom Firmament –
gigantisch, mörderisch, nicht auszuschalten,
als ob ins Fell sie einem Zeichen brennt.

Wohin vor dieser Marter aber fliehen?
Die seichten Schatten, ach, sie kühlen kaum.
O könnte sommers man nach Norden ziehen,
wie Vögel winters an des Südens Saum!

Die Zonen, die uns so gemäßigt scheinen,
gefalln von Zeit zu Zeit sich im Extrem –
und holen dann das Wetter von den Beinen,
damit sein Leumund mal ins Straucheln käm.

Doch halten Heim mich, Arbeit und die Lieben –
die Fesseln, die ich glücklich mir gewann,
dies alles mir gebietend: Hier geblieben,
hier stehst du und hier fällst du irgendwann!

Der Zufall warf mich blind in diese Breiten
und wahllos hier in einen Mutterschoß,
um mir ein Nest, ein Schicksal zu bereiten
für ein paar lächerliche Jahre bloß.

Obwohl, der ersten Wiege schnell entwachsen,
ich längst auf meine eignen Füße fiel,
bleibt doch die Erde – Holstein, Niedersachsen –
mir treulich immer handbreit unterm Kiel.

Und da besagter Zufall auch entschieden,
die Schulterblätter seien flügelfrei,
muss ich halt tapfer in der Sonne sieden,
bis ihre Hitzewallung mal vorbei.

Dir, einz’ger Les’rin, will ich es nicht wehren,
dass deinen Teint du mit der Sonne färbst,
doch selber kann die Bronze ich entbehren,
ja, schlimmer noch: Ich sehn mich schon nach Herbst.

Verschämte Not

verborgenes-leidMan sieht sie nicht, die Arbeitslosen,
ha’m ja kein Schildchen am Revers
und ganz normale Hemden, Hosen
von irgendeiner Stange her.

Sind auch am Schritt nicht zu erkennen
und auch nicht sonst am Habitus,
das heißt sie gehen und sie rennen
wie jeder gehn und rennen muss.

Sie knirschen auch nicht mit den Zähnen
und rollen mit den Augen nicht
und tragen keine Löwenmähnen
und Beutelust im Angesicht.

Auch wenn sie dies und jenes sagen
und wir hörn ihnen einmal zu,
dann ist’s nicht aus der Art geschlagen,
sie reden grad wie ich und du.

Sie lungern nicht an Straßenecken,
und lauern nicht in finstren Parks,
man sieht sie nicht die Fäuste recken
und „Mussolini!“ schrein und „Marx!“.

Sie gehen stille ihrer Wege
und manchmal wohl geschäftig auch
zu Bäcker, Bank und Körperpflege
nach allgemeinem Bürgerbrauch.

Sie tragen kein besondres Zeichen,
kein Kainsmal auf gefurchter Stirn,
dass Ausgestoßenen sie gleichen,
die einsam durch die Menge irrn.

Sie schwimmen in des Tages Wellen
wie Fische im vertrauten Schwarm –
wer würde diesen Netze stellen,
nach Reich gesondert oder Arm?

Mit unsichtbaren Gitterstäben
hat dennoch man sie eingefasst –
wie lebten sie ein freies Leben
unter des Mangels steter Last?

Du fragst: Was war denn ihr Verbrechen?
Noch herrscht ja Recht in diesem Land!
Ach, längst die Bosse es ja sprechen,
der Staat gab’s heimlich aus der Hand.

Wo Geld das höchste Glück uns gaukelt,
vergrößert sich das Elend bloß.
Noch schweigt das Volk, begöscht, verschaukelt –
doch einmal bricht der Sturm dann los!

Blüte der Lyrik

bluete-der-lyrik-blumen-brueghelAuf einmal ist der Sommer da.
Die Bäume stehn in vollem Laube,
verblichen Blütenstern und –traube,
zum Greifen schon die Früchte nah.

Du spürst der Sonne ganze Kraft,
wenn ihre Flammen an dir sengen
und seltsam wandelbare Längen
sie deinem Schattenbilde schafft.

Wie hell der bunte Chor noch klingt
der Vögel in der Dämmerstunde!
Wovon gibt lebhaft man sich Kunde,
wenn mählich schon der Tag versinkt?

Welch Wildwuchs da am Straßenrand
und weit hinein noch ins Gelände –
ein Festival der Blütenstände
in ihrem farb’gen Festgewand!

Und unauffällig mittendrin
bewegen emsig sich die Bienen,
so zuverlässig wie Maschinen
von Blüte her zu Blüte hin.

Aus allen Poren Leben quillt,
aus allen Ritzen, allen Fugen,
um einmal in die Welt zu lugen,
die ihm als Gleichnis Edens gilt.

Schau, wie’s im Abendwinde schwankt,
das Röslein auf der dürren Heide,
und liebt doch diese Sommerweide,
der es sein ganzes Dasein dankt.

Fehlt nur ein Strich mir noch zum Schluss,
den Blumen-Bruegel zu vollenden,
dem Flora gibt mit vollen Händen –
so wünsch ich mir den Musenkuss!

Ungeschminkt

ungeschminktO mögen es die Kritiker bezeugen:
Was ich geschrieben, gab sich immer schlicht.
Die Wörter, nun, die musst ich freilich beugen,
doch sie „flektieren“ wollt ich möglichst nicht.

Und habe stets in Ehren auch gehalten,
was meine erste Stummheit einst besiegt –
der Muttersprache liebevolles Walten,
das in die Kinderträume mich gewiegt.

Kein welsches Wort entschlüpfte meinen Lippen
und auch von Albion keines ohne Not –
mir reichten stets die guten alten Schrippen
und statt blasierter Bagels Bauernbrot.

Das sei’s auch schon an Beispielen gewesen,
ihr kriegt ja täglich selbst davon genug.
Auf jedem Superposter könnt ihr’s lesen –
der Slogan clever, doch nicht immer klug.

Und jeder Sender bläst’s euch in die Ohren
und nebelt euch damit den Brägen ein.
Allein die Schwätzer schon, „Moderatoren“,
ihr Englisch, ach, das Ende vom Latein!

Am schlimmsten treiben’s die Computerfritzen,
die manisch gleichsam alles anglisiern
und so mit ihren trüben Geistesblitzen
die eigne Ignoranz illuminiern.

Nein, dies Gewese finde ich zum Lachen –
wie Leutchen, die vorm Doktor dicke tun
mit Assmer, Hämmerrieden und so Sachen,
mit tockzisch, Männerpause und irrmuhn.

Nie wollt mit einer Floskel ich euch blenden,
sann nie auf des Exotischen Effekt,
gab Frucht, die heimisch, euch mit vollen Händen
als Hausmannskost, die immer herzhaft schmeckt.

Statt hinter aufgeputzten Wortfassaden
das Elend der Gedanken zu verhülln,
wollt ich im klaren Quell der Musen baden
und seine Weisheit mir in Verse fülln.

Doch wird nicht jeder meine Meinung teilen –
das Fremdwort hat ja seinen eignen Reiz:
Es hilft, das schlappe Ego aufzugeilen,
dass forsch es wieder seine Flügel spreiz.

Mag sein, dass ich aus eben diesem Grunde
nur ein, zwei treue Leserinnen zähl:
Ich wuchre dennoch nicht mit einem Pfunde,
das ich, hélas!, zu haben gar nicht hehl!

Keine Romanze

keine-romanze-terbrugghenDie du schon lange meinem Lied gewogen,
was immer auch an Weisheit es enthielt –
hat nicht der Wunsch dich, Les’rin, oft betrogen,
dass auch die Liebe eine Rolle spielt?

Die Zeilen, die dein Auge abgeschritten,
sie müssten schon nach Kilometern zähln –
und fanden Herzen nicht, die Sehnsucht litten,
und keine Lippen, die sich Küsse stehln?

Gern will ich dieses Manko eingestehen:
Davon bracht ich nur wenig zu Papier.
Du lächelst Nachsicht? Nein, nicht aus Versehen.
Aus gutem Grunde ja verkniff ich’s mir.

Denn wenn ich dies und das in Verse kleide,
damit es glänz in lyrischem Gewand,
ich die Gefahr nach Möglichkeit doch meide,
dass es zur Wahrheit wird aus zweiter Hand.

Wie könnten ihre Schläge glaubhaft klingen,
wenn nicht die Zunge weiß, wovon sie spricht?
Will sie denn irgendetwas „rüberbringen“,
dann fehle an Erfahrung es ihr nicht!

Doch habe lange ich nichts mehr empfunden,
was ‘ne Notiz in Amors Chronik wert.
Geschlossen sind die alten Liebeswunden,
und auch das Blut vergaß wohl, wie es gärt.

Der Alterstrampelpfad zum Hagestolze:
Verlassen plötzlich auf der Lebensbahn,
weil spröder man und kantiger von Holze,
so wie es Charon braucht für seinen Kahn.

Trotzdem kann meine Tage ich genießen.
Und abends mach ich mir darauf ‘nen Vers.
So mögen sie denn ruhig weiterfließen –
es sei denn, einz’ge Les‘rin, wie wär’s?

Das Kastell

das-kastell_castell_de_santueriJe weiter wir auf dieser Piste fahren,
hülln desto dichter uns die Büsche ein.
Steineichen nur, vereinzelt und in Paaren,
bezeichnen vage uns den Wegesrain.

Der Asphalt, der hier ohnehin voll Schrunden
und teils gefährlich aufgeworfen liegt,
ist plötzlich wie ein Hautausschlag verschwunden,
von der Natur, der stärkeren, besiegt.

Dann knirscht’s auf einmal körnig unterm Reifen,
weil seinen Fuß in Sand er senkt,
indes Jasmin, Johanniskraut zum Greifen
die Augen nicht vom Steuer lenkt.

Jetzt in die letzte Kurve eingebogen –
und aus der Tunnelenge jäh befreit,
ist wie ein Vögelchen davongeflogen
der Blick in einem Nu fast inselweit.

In welche Höhe sind wir hier geraten!
Da über uns nur noch das Felsennest,
die Flucht- und Zwingburg grauser Potentaten,
heißt ihrer Mauern schreckenloser Rest!

Einst hat den ganzen Platz sie eingenommen
und argusäugig Feld und Flur bewacht,
um wie der Shaitan übern „Hund“ zu kommen,
der da im Tale unten Zicken macht.

Dann ließ man die gekrümmte Klinge kreisen
und nahm gespaltne Schädel als Tribut –
nicht ohne seinen Schlachtengott zu preisen,
der wundersamerweise mild und gut.

Jetzt blaut der Himmel, wie in Erz gegossen.
Die goldne Mittagssonne lacht und loht.
Millionen Gräser sind ins Kraut geschossen.
O wie viel Frieden über so viel Tod!

Mein Reisekamerad

mein-reisekameradAls ob ich mich beeilen müsste,
weil alles Schöne hier fragil,
durchflog von Küste ich zu Küste
die Insel im Touristenstil.

Besuchte gleich die alten Stätten,
auf die seit Jahrn ich abonniert,
um neu mein Herz an sie zu ketten,
bevor’s an andre sich verliert.

Doch gab’s genug nicht zu entdecken,
was bisher meinem Blick entging?
An allen Enden, allen Ecken
ein neues Wunder mich empfing.

So diese ländlich schmalen Wege,
von Feldsteinmäuerchen gesäumt,
wo in der Mittagsglut man träge
sich durch Orangenhaine träumt.

Oder von Mandeln einen Garten,
der sich in eine Senke schmiegt,
dass dir der Knospen Grün, der zarten,
wie frisches Moos zu Füßen liegt.

Dann auch, vereinzelt nur am Rande,
das schüttre Haupt azurumloht,
noch nicht verkohlt vom Sonnenbrande,
doch schon verbeult: Johannisbrot.

Und weithin sah man Wiesen wogen,
der Gräser sandig seichte See,
von Mohn so flammend überzogen
wie Tropfen Bluts im Büßerschnee.

Und konnt das Aug ins Ferne schweifen
und größre Flächen überschaun,
sah‘s überall die Früchte reifen,
die tausendfach hier anzubaun.

Doch halt, dass ich nicht Stunden schwätze –
was sag ich? Eine Ewigkeit!
Doch Dinge, wie nur ich sie schätze,
die tret ich lieber nicht so breit.

Hab ich nicht wie zum Heiligtume
wen auf die Insel mitgelockt,
dass jemand sänge ihr zum Ruhme,
wenn mir einmal die Zunge stockt?

Doch konnt er sich für nichts erwärmen,
wofür mein Herz in Flammen stand.
Da hört ich schließlich auf zu schwärmen
und liebte still dies schöne Land.