Macht was her

Er pflegt Kontakt zu höchsten Kreisen.
Man setzt ihn nirgends vor die Tür.
Muss seine Würde nicht beweisen –
sein bloßer Name bürgt dafür.

Er fühlt sich wohl in seiner Rolle.
Er liebt es, wenn man ihn hofiert,
liebt Sitzungen und Protokolle,
in denen man ihn oft zitiert.

Wie majestätisch kann er schreiten,
wie kühn reckt er sein Haupt empor
und schaut prophetisch in die Weiten
wie kaum ein Seher je zuvor!

So sticht er glücklich aus der Menge,
die fast ihn übersehen hätt,
und macht das Manko seiner Länge
mit ausgeprägten Gesten wett.

Und auch mit seiner Wunderwaffe,
dem Füller mit dem prallen Lauf –
sei’s Unterschrift, sei es Paraphe,
mit goldner Tinte trägt er auf!

Versteht sich, dass er seine Leute
mit väterlicher Strenge führt –
zwar spricht er nicht von Hundemeute,
doch mag’s, wenn er Gehorsam spürt.

Das gilt auch fürs Familienleben,
Verhalten: Pascha oder Pfau,
dem Junior manchmal eine kleben,
den Marsch mal blasen seiner Frau.

Mehr kann man praktisch nicht erreichen,
das Schicksal hat es gut gemeint,
und wird er einst vom Acker schleichen,
wird er im Kirchenblatt beweint.

Da kann man eigentlich nur hoffen,
dass auch noch dies ihm zuerkannt:
Der einz’ge Wunsch, der ihm noch offen –
ein Stückchen Blech am Ordensband.

Er bräucht nur einen Wegbereiter,
der für die Ehre ihn benennt:
„Verdienst“, „Gemeinwohl“ usw. –
als Dackelzüchter-Präsident.

Glück und Geiz

Sich möglichst sparsam zu verhalten
ist sicher aller Achtung wert –
auch ohne Luxus zu entfalten
nichts Nötiges man ja entbehrt.

Man kann’s indes auch übertreiben
und gibt nicht einen Heller her,
um nicht mal in den Wind zu schreiben,
was nur ein Furz von Knete wär.

Da kenn ich einen, dem ‘ne Lulle
fürn alten Stromer selbst zu schad,
der wie ein Straßenkind ‘ne Stulle
bescheiden sie von ihm erbat.

Da kenn ich einen, der zig Jahre
mein Bonbon lutschte ungerührt,
bis ich entdeckte, dass die Ware
er selbst stets heimlich mitgeführt.

Da kenn ich einen, der die Tasse
mit Kaffee immer hochgeschätzt,
doch selbst gebeten mal zur Kasse,
sich über seinen Preis entsetzt.

Da kenn ich einen, dessen Magen
‘nem Sahnestückchen nicht abhold,
doch konnt er‘s jäh nicht mehr vertragen,
als er es selbst spendieren sollt.

Da kenn ich einen, der bisweilen
die Armut auf der Welt beklagt,
doch („Ob sie’s auch gerecht verteilen?“)
den Helfern jeden Cent versagt.

Da kenn ich einen, der Erbarmen
und Mitleid stets im Wappen trug
und einer Frau, ‘ner bitterarmen,
‘nen Euro aus der Hand fast schlug.

Und einen noch zum guten Ende,
der‘m Musikanten vorenthielt
die kleine Anstandskünstlerspende,
weil „der zu wenig Stücke spielt“.

An Gründen scheint es nicht zu fehlen,
dem Geiz ein Mäntelchen zu leihn,
doch nicht ein einz’ges kann verhehlen
des Vorgeschobnen Fadenschein.

Worin denn, bitte, mag bestehen
des Pfennigfuchsers Lustgewinn?
Dass niemals ihm zur Neige gehen
die Mäuse tief im Säckel drin?

Und er auch nie in spätren Zeiten,
obwohl’s noch in den Sternen steht
(„Man muss sich schließlich vorbereiten“),
in irgendwelche Not gerät?

Ob angeboren, ob erzogen,
vielleicht auch beides im Verein,
hat er die Welt seit je gewogen
nach ihrem Wert in Geld allein.

Egal, woran die Finger streifen,
von Käse bis zum Kupferstich
kann er den Satz sich nicht verkneifen:
„Was kostet das denn eigentlich?“

Wer derart bar von andern Werten
nur auf den ausgemünzten stiert,
wohl seinem Gott, dem hochverehrten,
kein Mammonsscherflein gern verliert.

Ein Glaube, glücklicher zu machen?
Verbissner nur und selbstgerecht.
Man hängt sein Herz an tote Sachen
und handelt gegen Menschen schlecht.

Das liegt wohl so im Geist der Zeiten,
dass selbst ‘nen Schuft man akzeptiert,
wenn er auf seinen Habenseiten
nur hübsche Summen bilanziert.

Und andrerseits dem Zeitgenossen
die schuld’ge Achtung stets versagt,
der unbescholten unverdrossen
an seinem Hungertuche nagt.

Die gute Nachricht für die Blinden:
Ihr liegt mit eurem Geiz im Trend.
Die schlechte: Euer Glück zu finden,
ihr in die falsche Richtung rennt.

Denn es ist längst ja schon erwiesen,
dass Eigennutz die Chance senkt.
Drum schenkt Gehör den Expertisen
und Glauben und Vertrauen: Schenkt!

Alles Natur

Ein Plätzchen, etwas abgelegen
am grünen Saum der Innenstadt,
wo sich der guten Speisen wegen
viel Gästevolk versammelt hat.

Doch auch die Lage zu genießen,
der es nicht anzusehn vorm Zaun,
dass kurz dahinter Wasser fließen,
die sich zum großen Teiche staun.

Dass jetzt man nicht an Ufer denke,
die flach in Felder übergehn!
Nein, Büschen dienen sie als Tränke,
die dicht und durstig ihn umstehn.

Idylle pur nach diesen Tagen,
da überall sich Hass entlud,
auf Mann und Maus drauflos zu schlagen
in blinder, hirnverbrannter Wut!

Es brannten Autos, Barrikaden,
es brannten Müllcontainer ab,
es ging zu Bruch manch Krämerladen,
dem hinterher die Waren knapp.

Da flogen Flaschen, Wurfgeschosse
von ähnlich großer Durchschlagskraft
wie Pflastersteine aus der Gosse,
die man zum Schleudern aufgerafft.

Und alles, um zu hintertreiben
der „Großen 20“ Ränkespiel –
wobei kaputte Fensterscheiben
eh’r hinderlich für dieses Ziel.

Nun nach Getöse und Gebrülle
die Stille, die besonders tief –
und unser Sprung in die Idylle,
die hier das Chaos sanft verschlief.

Die Sonne scheint und schickt uns Schauer
von Wohlbehagen auf den Pelz.
Wir hocken an der Ufermauer
und schaun nach Ente aus und Wels.

Da unten grad zu unsern Füßen
liegt träge eine Motorjacht,
die Leute, die zum Abschied grüßen,
da für die Heimfahrt festgemacht.

Dann löst sich plötzlich eine Flotte
von Gänsen aus dem Hintergrund,
die paddelnd in bedächt‘gem Trotte
den Teich durchpflügen und sein Rund.

So wie am Himmel hoch im Fluge,
dass man als Keil die Kräfte schon,
bewegte man in diesem Zuge
sich auch in Dreiecksformation.

Ja, selbst die Fahrspur in den Wogen,
als ob sie deren Abbild wär –
wie mit dem Lineal gezogen
als breiter Trichter hinterher!

Natur in Fülle und in Frieden
und in perfekter Harmonie.
Das Federvieh gar hat hienieden
ein Faible für Geometrie.

Und näher schiebt sich das Geschwader,
der Himmel glüht im Abendrot –
da Aufruhr jäh, o Hass und Hader:
Gerangel um ein Stückchen Brot!

Ziemlich abgehoben

Die Macht hat ihre Attribute,
die auf der ganzen Welt sich gleich –
da fahren mal auf einer Route
der Kanzler und der Oberscheich.

Dazu gehört die Limousine,
die rundum so stabil gebaut,
dass kein Bandit und Beduine
sich jemals sie zu knacken traut.

Dazu gehört der eigne Flieger,
dem man ein Wappen aufgeklebt,
dass als der letzten Wahlen Sieger
wer weiterhin auf Wolken schwebt.

Dazu auch die Gorilla-Garde,
die wie ‘ne Mauer wen umstellt,
dass sie Pistole und Petarde
ihm möglichst von der Pelle hält.

Hotel: nicht Zimmer, sondern Suiten.
Die Macht braucht Räume um sich her –
sich in Mansarden einzumieten,
verengte ihren Blick zu sehr.

Und falls nicht mehr auf einem Zossen
(der Großen Reitkunst sich verliert),
in einem Konvoi von Karossen
man vor den Massen paradiert.

Zur Pferdezeit warn es noch Säbel,
mit denen man sich Platz verschafft,
jetzt drückt am Schlauch man einen Hebel
und schießt sich Bahn mit Wasserkraft.

So weit, so gut. Indes weswegen
blähn sich die Mächtigen so auf?
Den Neid der vielen zu erregen
mit anspruchslos’rem Lebenslauf?

Was sagen sie? Dass sie vertreten
des Staates Hoheit und Gewalt,
wo an Bedienten und Geräten
von je der größte Luxus galt?

Und würdig so sie präsentieren
nach außen hin ihr schönes Land,
das Botokuden und Baschkiren
selbst als begehrenswert bekannt?

Doch sollte, wenn ich richtig sehe,
nicht als gewählt vom Souverän,
grad seins, des Volkes Wohl und Wehe,
im Zentrum ihrer Mühe stehn?
.
Da sitzen sie auf hohem Rosse
und tun sich mit Gesetzen groß,
die maßgeschneidert für die Bosse
und mies für Mister Arbeitslos.

Sie fördern immer ihresgleichen
in unbewusster Kumpanei.
Man mach die Armen nur zu Reichen –
und hoch die Herrenreiterei!

Geschützte Werte

Zweihundert, heißt es, Hundertschaften
an kampferprobter Polizei
erfordert es, um zu verkraften
den Aufwand, der vonnöten sei

Die Sicherheit zu garantieren
der zwanzig Größten dieser Welt,
die regelmäßig konferieren
über ein heikles Themenfeld.

Da geht es nicht um Pillepalle,
vielmehr um Fragen ernster Art:
zum Beispiel, wie die Armutsfalle
Millionen Menschen man erspart

Und wie man den globalen Kriegen
energischer entgegentritt,
dass nur noch Friedenstauben fliegen
und nicht ein enz’ger Falke mit.

Auch dass den raschen Klimawandel
entschiedner man im Zaume hält
und dem bewährten freien Handel
kein Zollhaus in die Quere stellt.

Was aber sind das für Personen,
von ihrem Rang mal abgesehn,
die da aus allen Weltregionen
der Zukunft Red‘ und Antwort stehn?

Der Mächtigste der ganzen Gruppe
ist ein bornierter Milliardär,
dem außer Kohle alles schnuppe,
und wenn es ums Verrecken wär.

‘nem anderen Entscheidungsträger
ist Letzteres genauso wert,
drum schickt er seine Düsenjäger
an jeden bessren Krisenherd.

Auch darf sich wer da produzieren,
der Recht für Recht dem Volke raubt,
dass Kopf und Kragen die riskieren,
die sich Kritik daran erlaubt.

Der Mandarin vom Reich der Mitte,
politisch nicht der letzte Schrei,
ist taub für jede Freiheitsbitte
und schwingt die Keule der Partei.

Und alle diese Friedensfürsten
(ich lass die andern hier mal weg)
fast ausnahmslos nach Waffen dürsten –
und sei es „nur“ zum Handelszweck.

Ein Riesenaufmarsch an Kanonen,
der einer Handvoll Leute nützt.
Ich frag mich nur, wer die Millionen
weltweit vor diesen zwanzig schützt!

Das Gleiche in Grün

In noch nicht allzu fernen Zeiten,
als sozialistisch sich genannt
die Zonen, die sich „blühnd“ jetzt breiten
im Thüringer- und Sachsenland,

Warn da an jeder Straßenecke
Plakate dicht an dicht gedrängt,
die unverkennbar zu dem Zwecke
der Propaganda aufgehängt.

Mit selbstgefälligen Sentenzen
schlug man sich an die eigne Brust,
um wenigstens verbal zu glänzen
im Klassenkampf nach Herzenslust.

„Der Fortschritt lässt sich nicht verbiegen.
Wir gießen Eisen, schmieden Stahl.
Einst wird der Sozialismus siegen.
So geht Geschichte nun einmal.“

Ein Satz mit x. Der clev’re Westen
verschlang das spröde Plansystem,
denn seinem waren nur die Besten,
das heißt die Gierigsten genehm.

Und so setzt sich mit andern Zeichen
die Wäsche der Gehirne fort –
die Ecken und Plakate gleichen
sich von der Absicht bis aufs Wort.

Nur dass statt der Politparolen
sich Werbung nun an Werbung reiht,
die kunterbunt und unverhohlen
Produkte in die Gegend schreit,

Die allesamt, auf Kaufmannsehre!,
von einzigart’ger Qualität,
dass gradezu ein Schussel wäre,
wer nicht in’n nächsten Laden geht.

Und noch dazu bei einem Preise,
der „supergünstig kalkuliert“,
dass man sich fragt, auf welche Weise
denn der Verkäufer profitiert.

„Sie wollen den perfekten Wagen,
wo rundum einfach alles stimmt?
Vom Starten bis zum Türenschlagen
es Ihnen schlicht den Atem nimmt?

Was suchen Sie nach andern Marken?
Wir haben ihn für Sie gebaut –
gazellenhaft, um einzuparken,
mit Blech wie Elefantenhaut.

Und fast so fix wie ‘ne Rakete
mit Spitze xx km/h,
der flitzt nur so durch Land und Städte
und ist schon vor der Ankunft da!“

In diesem Stil bei allen Dingen,
die’s einen zu erwerben juckt –
mit süßen Engelszungen klingen
die großen Töne, die man spuckt.

Doch oft kommt noch das dicke Ende
aus weiß der Teufel welchem Grund
und mancher seufzt, ach, hätt die Hände
ich nie gestreckt nach diesem Schund!

Die Kunst, wen auf den Leim zu locken,
ist reine Seelenwissenschaft
und Kunden psychisch abzuzocken
des Werbefritzen Schaffenskraft.

Das heißt, die Kunst zu überreden
geht der zu überzeugen vor.
So zog die Lüge ihre Fäden,
bis sie als Lüge sich verlor.

Denn dies Gespinst von Geld und Gütern,
durch das kein Adlerauge blickt,
ist ja den gierigsten Gemütern
wie eigens auf den Leib gestrickt.

Hoch leben materielle Werte,
und König sei, wer konsumiert!
Auf jenes Goldnen Kalbes Fährte
bald auch der Mensch zum Vieh mutiert.

Ihm ihren Willen aufzuzwingen,
ist nicht nur Diktatorenbrauch –
die seine Freiheit stets besingen
verschmähn für ihren Zweck sie auch.

Mag vieles die Systeme trennen,
in einem sind sie schrecklich gleich –
dass Menschen scheinbar sie nicht kennen,
Figuren nur, wie Wachs so weich.

Solln wir den Mut drum sinken lassen?
Wie fest schien damals die Partei!
Man muss ‘nen langen Atem fassen –
auch dieser Spuk geht mal vorbei.

Denkmalgeschützt

Da steht er noch auf hohem Sockel
im öffentlichen Raum postiert,
in Putz und Pose wie ein Gockel,
der hundert Hühner kommandiert!

Er war einmal zu Olims Zeiten,
die keiner heut noch miterlebt,
ein Ass im Raufen und im Reiten,
vor dem die halbe Welt gebebt.

Man musste nur den Namen nennen,
dass Mütter gleich ihr Kind verstaut
und Jungfern, in den Wald zu rennen,
sich plötzlich ohne Furcht getraut.

So einen konnt der König brauchen
im Räuberschach, das er gespielt –
der ließ die Feuerrohre rauchen
und Fürsten ihm vom Halse hielt.

Wenn dabei auf der andern Seite,
was sag ich, wenn in Feindesland
in diesem gottesfürcht’gen Streite
der Gegner seinen Meister fand,

Um haufenweise zu verrecken
für seines Königs Spielerei,
bekam die Weste doch nie Flecken
und blieb sein Raubzug tadelfrei.

Ja, selbst wenn gegen Fraun und Kinder
die blut’ge Klinge er gezückt,
hat unser gute Gott nicht minder
die blauen Augen zugedrückt.

Auch Plündern und verbrannte Erde,
sie ha’m ihm nichts am Zeug geflickt:
Der König hat als Dankgebärde
den Adelsbrief ihm zugeschickt.

„Der ist mir auch im Reich von Nutzen“,
so dachten Seine Majestät,
„wenn die Subjekte revoluzzen,
nimmt der sie ähnlich ins Gebet“.

So hat er sich den Ruf erworben,
der ihm ein Denkmal eingebracht –
zeigt Gott sei Dank, dass er verstorben
und nicht mehr solche Zicken macht!

Ein schmutziges Geschäft

Die unsern Staat und uns regieren,
was ist das für ein Menschenschlag?
Was mag sie wohl prädestinieren
fürn Sitz auf dem Areopag?

Sind es vielleicht gar die Geschöpfe,
an die schon Plato einst gedacht,
die klugen Philosophenköpfe,
aus denen Könige man macht?

Nein, Weisheit scheint nicht zu beflügeln
des Strampelnden Karrierebahn.
Anstatt des Brägens, um zu klügeln,
braucht er ein kräftiges Organ.

Ad eins, Kommandos auszuschreien
an die an seinem Gängelband
und zweitens in die hintren Reihen,
falls er auch da schon Hörer fand.

Ein dickes Fell und Siegeswille
als weitere Erfordernis –
sonst hätt er vor der bittren Pille
schon des Terminkalenders Schiss.

Der ist so völlig zugekleistert
mit Dingen, die der Rede wert,
dass nur ein Supermann ihn meistert,
ein Workaholic, Arbeitspferd.

Der Tag hat vierundzwanzig Stunden
und reichen vorn und hinten nicht
für einen, der so eingebunden
in jede außer Ehepflicht.

Und während seine Angetraute
den Arbeitslosen Socken strickt,
wird Kaffee ihm, der stark gebraute,
zur nächsten Konferenz geschickt.

Was muss er nicht auch alles wuppen!
Hier Reden, da ‘ne Diskussion,
Gespräche stets bis in die Puppen
per Sicht oder per Telefon.

Daneben Akten noch studieren,
Vermerke lesen samt dem Rat,
wie’s angezeigt ist zu marschieren
auf sicherem Entscheidungspfad.

Und tausend Mal was unterschreiben,
ein Federstrich gibt grünes Licht.
Dann kann wer seinen Plan betreiben
und umgekehrt auch eben nicht.

Auch gilt es in die Bütt zu steigen
bisweilen vor dem Parlament,
vorzüglich um sich selbst zu zeigen
als unentbehrlich kompetent.

Desgleichen vor den Basisgliedern,
den stillen Stützen der Partei,
die ihn mit Beifall so befiedern,
dass er zum Häuptling tauglich sei.

Soll das man hinterm Berge halten?
Schon tummelt sich sein Pressechef,
um eine Meldung zu gestalten
mit „Großer Jubel“ als Betreff.

Die prüft er kurz auf Herz und Nieren,
und wenn er ihr sein Plazet gibt,
darf sie ihm medienweit testieren,
dass nichts er als die Menschheit liebt.

Zum Beispiel dass bei Katastrophen
er sich nicht feig dem Schicksal beugt,
sondern, sei’s Vechta, sei’s Vilshofen,
sofort Betroffenheit bezeugt.

Ein Beileidsspruch und Händeschütteln –
und schon zeigt er den Hintern her,
wegeskortiert von seinen Bütteln:
Gorillas und ‘nem Sekretär.

So ein Hans Dampf in allen Gassen
hat schließlich nur begrenzte Zeit
und muss sich umso kürzer fassen,
je mehr im Staat zum Himmel schreit.

Gern gibt er sich als Landesvater,
der stets sich um die Kinder sorgt
und stärker als ein Hörstuhl-Pater
die Lauscher ihren Nöten borgt.

Sympathisch also seine Züge?
Für den, der auf die Wahrheit spuckt.
Denn rasch entlarvt die fromme Lüge,
wer hinter die Kulissen kuckt.

Das Volk: ‘ne bloße Marionette,
die er geschickt an Fäden zieht,
dass sie befolgt wie um die Wette,
was ihr befohlen Glied um Glied.

Der wird er nur die Schnüre schmieren,
wenn einmal sie zu reißen drohn,
um die Figurn nicht zu verlieren,
die blind ihm sichern seinen Lohn.

Die sehn ihn denn auch gerne siegen,
ist die Vierjahresfrist vorbei,
dass er mit Finten und Intrigen
sich weiter fördert samt Partei.

Von Einfalt und von Raffinesse
ein Ehebund zur linken Hand –
sie knabbert Brot mit Brunnenkresse,
er schlürft sich voll am Austernstand.

Mit Heucheln, Halbwahrheit und Lügen
kriegt er das Volk noch immer rum.
Nichts leichter auch, es zu betrügen –
er selber hält’s ja möglichst dumm.

Ihr werdet doch Lord Acton kennen?
Sein Diktum kommt mir grade recht:
Die, die wir große Männer nennen,
sind vom Charakter her meist schlecht.

Von Heim zu Heim

Soeben noch das Meer im Rücken
und westlich Berge fern erspäht –
jetzt Ziegel, die den Ausblick schmücken,
der bis zur nächsten Ecke geht.

Ich kenn ihn. Ist sich treu geblieben,
seitdem ich abgereist von hier
und mich im Flieger eingeschrieben
als blind vertrau’nder Passagier.

Um südlicher zu überwintern
wie Vögel, die von dannen ziehn,
um sich nicht abzufriern den Hintern
im Billignest ohne Kamin.

Ich kenn ihn. Hat sie überstanden,
die Wind-und-Wetterjahreszeit
und zeigt mir stolz als noch vorhanden
sein dunkleres Fassadenkleid.

Da auf dem First (Hotelgebäude!)
die Flaggen, ausgefranst und matt,
sie flattern mir Willkommensfreude
für Deutschland und die Hansestadt.

Doch auch die ewig gurrend grauen
Genossen finden sich noch ein,
auf dem Balkon sich umzuschauen
nach Örtchen für ihr Taubenklein.

Wie immer brandet von der Straße
der Lärm von Mensch und von Motor
im Metropolen-Übermaße
auch noch dem 3. Stock ins Ohr.

Mit ständig wiederkehrnden Spitzen,
die noch erhöhn das Potenzial,
da viele Richtung Ampel flitzen
mit voller Pulle aufs Pedal.

So ist denn alles noch beim Alten.
Auf Eis lag gleichsam meine Welt.
Ich habe sie zurückerhalten
wie kurz im Keller abgestellt.

Muss ich mich da noch eingewöhnen,
‘ne Probezeit noch absolviern,
mich mit den Dingen auszusöhnen,
die mir jetzt fremd entgegenstiern?

Ich frag mich, ob ich weg gewesen.
Der Urlaub ist schon halb verblasst,
nur auf dem Ticket noch zu lesen,
dass ich die Reise nicht verpasst.

Verlorenes zurückgewinnen
heißt, dass es nie verloren ging.
Da wird wohl nicht viel Zeit verrinnen,
bis ich zum Rückflug auf mich schwing!

Abschiedslied

Ein Schlusslied will ich hiermit singen
den Monaten am Meeresstrand,
bevor mich wieder heimwärts bringen
die Flügel, an den Rumpf gebannt.

Als hätt ich gar nicht erst verlassen
den Flieger, der mich hergebracht,
hat sich die Zeit, ich kann’s nicht fassen,
so wie im Flug davongemacht.

Ein halbes Jahr ist mir vergangen,
als wär es nur ein Wimpernschlag,
als hätt ich nur herumgehangen,
im Traum verdämmernd meinen Tag.

Und habe doch den stillen Wandel
der Jahreszeiten miterlebt –
Hibiskus schwindend und die Mandel,
die winters noch ihr Haupt erhebt.

Und bin doch einem Meer begegnet,
so trüg’risch wie ein Wetterspruch –
von Sonnenstrahlen meist beregnet,
doch öfter auch vom Wolkenbruch.

Und wenn aus seinen trüben Weiten
ein Sturm es übers Ufer trieb,
hört ich die Brandung wellenreiten,
die manchmal Sportgeschichte schrieb

Indem sie mit gewalt’gem Bäumen
so heldisch in die Brust sich schmiss,
dass sie im Fallen und im Schäumen
dem Strand ein gutes Stück entriss.

Auch zu der fernen Silhouette
der Berge hab ich aufgeschaut,
dern bläulich-graue Gipfelkette
bisweiln gewandet wie ‘ne Braut

Im Hochzeitskleid mit einer Schleppe,
geschleift da über Berg und Tal,
als wär es eine Marmortreppe
zu ihrem Märchenprinzgemahl.

Doch auch direkt an Ort und Stelle
sah enden ich manch Zölibat,
wenn vis-à-vis aus der Kapelle
das Paar, das frisch getraute, trat.

Desgleichen mir der GAU der Ehe,
o Jammer, nicht verborgen blieb,
den ebenfalls in nächster Nähe
der Tod sich auf die Fahnen schrieb.

Da schlichen hinterm Leichenwagen
die Trauernden, vom Schmerz gebeugt,
die Liebste zu ‘nem Loch zu fahren,
das von den letzten Dingen zeugt.

So wär die Frage denn entschieden
durch das Geschehn an dieser Statt –
da alles, was passiert hienieden,
laut Bibel seine Zeit auch hat.

Mit diesem Spruch und seinesgleichen
wünsch für den Heimflug ich mir Glück.
Solln ruhig rasch die Tage weichen –
mein Ticket gilt auch für zurück.