Kurze Blütezeit

kurze-bluetezeitDer Kirsche Blütenbüschel sinken
ermattet schon von ihrem Zweig,
in schmutz’gen Pfützen zu ertrinken
auf Fahrbahn und auf Bürgersteig.

Die bunt gescheckten Krokusfluren,
am Saum der Straße hingestreckt,
verschwanden schon bis auf die Spuren,
die wo im Grase noch versteckt.

Und all dies baumelnde Geschmeide,
mit dem der Hasel sich geschmückt,
die bräunlich-gelbe Augenweide
hat stürmisch ein Galan gepflückt.

Der Osterglocken goldne Kelche,
die sich so stolz im Wind gewiegt –
seht welk und schlaff sie nun und welche,
für die kein Stängel sich mehr biegt.

Des Jahres erste Frühlingsboten,
die uns so heiß willkommen sind,
gehören halb schon zu den Toten,
auf die kein Schwein sich mehr besinnt.

Scham sollte mir die Wangen röten,
dass ich den keuschesten vergaß –
Magnolien, in dern weiße Föten
so rasch der Wurm sich wieder fraß!

Millionenfach springt uns das Leben
mit Farben und mit Düften an,
wir müssen nur die Sinne heben,
dass es uns nicht entgehen kann.

Und wenn man deren hundert hätte,
sie söffen sich am Sein nicht satt,
so riesig ist des Raumes Stätte,
an die das Los gepflanzt uns hat.

Doch diese Sinne, ach, sie trügen
und träumen wohl auch unentwegt,
dass sie nicht mal dem Fleck genügen,
auf dem man sich durchs Dasein schlägt.

Am Ende hat man nichts begriffen
und wundert sich wie neugeborn.
Zu spät. Das Spiel ist abgepfiffen.
Und nicht nur eine Schlacht verlorn.

Körperkunde

koerperkundeDie Lupe, dies gestielte Auge:
Ein Zeichen, dass ich älter werd.
Wenn Winz’ges in den Blick ich sauge,
sie freundlich mir sein Bild vermehrt.

Was hat an anderen Gebrechen
mir noch beschert der Jahre Lauf?
Dass ich auf weiten Schädelflächen
mir längst nicht mehr die Haare rauf.

Auch macht mir eines meiner Ohren
seit Jahr und Tag ganz schön Verdruss:
Es pfeift und zwitschert mit sonoren
Akkorden namens Tinnitus.

Da muss ich mir mein Bäuchlein preisen,
das unverändert sich erhielt,
weil mittels Rumpf- und Hüftenkreisen
ich einen Status quo erzielt.

Doch sollt ich alles bilanzieren,
die Feder stünde mir nicht still,
indes Altmänner-Lamentieren
ich lieber euch ersparen will.

Das Glas, kann ich von Glück noch sagen,
in das ich meine Klüsen tauch,
ist trotz besagter Altersplagen
die einzge Krücke, die ich brauch.

Am besten nach erfülltem Leben
scheint mir die Kehle noch in Schuss,
bereit, ihr Äußerstes zu geben,
was immer sie auch schlucken muss.

Wer würd in Trübsal da versinken,
solange dies Organ intakt?
Lasst auf ihr Wohl mich einmal trinken
und dass sie’s weiterhin so packt!

Glück im Winkel

glueck-im-winkel-raffaelSo lieb ich sie, die späte Stunde,
ich sprach schon hier und da davon:
Man wuchert mit dem Dichterpfunde,
gestärkt von Hippokrenes Bronn.

Ich sag’s mal wen’ger hochgestochen:
Wenn schreibend ich den Tag beschließ,
nag ich an Käse oder Knochen
und etwas Saft dazu genieß.

O dass ich mich nur nicht verhebe
an diesem sperrigen Gedicht!
Natürlich mein ich „Saft der Rebe“ –
das passt nur von der Länge nicht.

Den „Knochen“ nahm ich Reimes wegen,
es wird euch nicht entgangen sein.
Dass ihr euch nicht zerbrecht den Brägen,
ich präzisiere: Hühnerbein.

Verzeiht, ich komm heut nicht zu Potte,
obwohl mein Hirn beharrlich sinnt
und üppig durch die Altbau-Grotte
der rosa Quell der Musen rinnt.

Ich will ja eigentlich euch schildern,
wie sehr ich des Komforts bedarf,
wenn ich in Reimen und in Bildern
die Psalmen meines Herzens harf.

Doch solltet ihr genauso wissen:
Hab oft die Seele mir zerrauft,
ob Zeiln, erpichelt und erbissen,
man nicht zu billig sich erkauft.

Muss Schmerz die Feder nicht diktieren,
getränkt mit frisch vergossnem Blut,
dass sich die Seufzer nicht verlieren
in einer wüsten Verseflut?

Muss Hass nicht aus den Strophen starren,
zum Kampf zu stacheln und zum Ruhm,
den Feind ins Massengrab zu karren,
sein Weib zu frühem Witwentum?

Muss ich, die Silben zu beschweren,
die ich hier streu mit leichter Hand,
in Leidenschaft mich nicht verzehren,
bis ich zu Asche schier verbrannt?

Muss in des Pomponazzi Gleisen
ich meiner Kunst mich opfern gar,
dass, ihre Schönheit zu beweisen,
mit Vorsatz ich zur Hölle fahr?

Ach was, nicht meine Kragenweite!
Nur kein pathetisches Extrem!
Ich lieb den Roten mir zur Seite
und unterm Hintern es bequem.

Ein Leben voller Turbulenzen
im Dunstkreis glitzernder Ideen
war nie mein Wunsch, um zu bekränzen
die Stirn mit läppischen Trophäen.

Und doch sich mir die Haare sträuben,
wenn an dies Monster Mensch ich denk –
und nichts, den Horror zu betäuben
als Lethes bitteres Getränk!

Neues vom Wetter

neues-vom-wetterVom Eise lange schon befreit,
nur noch vom Regen nicht.
Wie schwer er fällt und dicht!
Den ganzen Tag herrscht Dunkelheit.

Ist‘s dafür wärmer? Keine Spur.
Man fröstelt unentwegt,
den Kragen höher schlägt.
Verrückt spielt sichtlich die Natur!

Der Himmel, gänzlich Grau in Grau,
schluckt jeden Sonnenstrahl.
Bleich liegt das Land und fahl.
Und heiser klingt der Wind und rau.

Die Kätzchen schauen ängstlich drein.
Die Blätter wolln nicht recht.
Das neue Grün-Geschlecht,
geht es womöglich wieder ein?

Umschling den Hals mit einem Schal,
zieh dicke Socken an!
So‘n Kälteeinbruch, wann
gab es den Ende März schon mal?

Auguren stehen schon Spalier:
Das Wetter? Hausgemacht
aus der Balance gebracht!
Was nichts dran ändert, dass ich frier.

Ich lass der Heizung vollen Lauf.
Die Therme bullert los
und taut den Erdenkloß,
den durchgefrornen, wieder auf.

Und morgen heißt es: Sommerzeit.
Man stellt die Uhren um.
Doch läuft dabei was krumm.
Nicht mal der Frühling ist so weit!

Nun aber Schluss mit dem Gestöhn.
Er kommt noch früh genug.
Die Zeit rennt wie im Flug.
Und schnipp!, ist alles wieder schön.

Die Sonne funkelt im Azur
und lässt die Welt erglühn.
Ringsum ein einz’ges Blühn
auf jedem Fleckchen Feld und Flur.

Darüber schwebt, ein Engelschor,
der Vögel luft’ges Lied.
Die Spinne Fäden zieht.
Und Gössel tummeln sich im Rohr.

Dann sind es wieder Sand und Staub
und Schweiß auf deiner Stirn,
dass du dies ew’ge Flirrn
dem Regen gerne gäbst zum Raub!

Will heißen, dass der Schuh dich drückt
dann aus ‘nem andern Grund:
Die Hitze treibt’s zu bunt.
Ich glaub, der Mensch ist auch verrückt.

Bettwärme

bettwaerme-wilhelm-buschDie Wärme, die im Bett wir finden,
sie gleicht dem Mutterschoß –
frag nach in München oder Minden
oder in Weimar bloß.

Ich kann sogar noch weitergehen
und Grenzen überschreit:
Dies Wohlgefühl von Kopf bis Zehen,
es gilt europaweit.

Da ruht wer in Granadas Kissen,
schläft still wer in Bordeaux –
für beide ist es gut zu wissen:
Es birgt mich ein Plumeau.

Man mag in Genf die Nacht verschnarchen,
in Dublin, einerlei –
am Schoße auch des Patriarchen
führt hier kein Bild vorbei.

Ja, selbst wenn wir uns von ihm wenden,
dem Heimatkontinent,
sehn wir an allen Erdenenden
ein Volk, das gerne pennt.

Ob in Shanghai in Morpheus Armen,
im fernren Kioto gar –
es gleicht ein Liegeplatz im Warmen
dem andern bis aufs Haar.

Das muss auch für Kinshasa gelten
und für Irkutsk noch mehr.
Ihr meint, die beiden trennten Welten?
Wenn dieser Pfühl nicht wär…

(Ob Federn sich, ob Gräser ballen
zum Bette irgendwo:
Egal. Wenn schon die Lider fallen,
reicht auch ’ne Schütte Stroh.)

Der Schlaf verrät des Menschen Sehnen
nach ungetrübtem Glück,
wo immer er ihn mag ergähnen
von Perth bis Osnabrück.

Für eine Handvoll stiller Stunden
entzieht er sich der Welt
mit ihren Kriegen, ihren Wunden
um Fressen, Macht und Geld.

Und lässt, von Träumen abgesehen,
nichts mehr im Kopf rumorn
von all den fürchterlichen Wehen,
die mit dem Tag geborn.

Wir sollten ihn so liegen lassen
in seiner Seligkeit –
das Herz zu friedlich, um zu hassen,
der Arm zu schwach zum Streit!

Sturm zieht auf

sturm-zieht-auf-william-turnerDa hallt miteins ein dumpfer Schuss
wie aus dem Nichts so jäh.
Ich weiß, was das bedeuten muss:
Orkan. Auf Land und See.

War heute ja so stürmisch schon.
Der Schirm flog mir fast weg.
Wie heißt das: Zyklus? Nein, Zyklon.
Auf Deutsch wohl Wetterschreck.

Ich warte, lausche. Stille jetzt.
Die Fahnen flattern nur.
Dann noch ein Schuss, der sie zerfetzt.
Ich zucke hoch. Elf Uhr.

Nun brist es auch allmählich auf.
Ein Fensterflügel schlägt.
Metallisch klingt der lose Knauf,
der knirschend sich bewegt.

Ein Blaulicht hastet stumm vorbei,
Sirene auf dem Fuß.
Es scheint, als ging die Welt entzwei –
und dies ihr letzter Gruß.

Da noch ein Schuss, noch ein Signal,
schon fern im Sturmgebraus.
Wie Wölfe heult es auf einmal
um das bedrängte Haus.

Stakkato schlägt die Klappe an,
die Flaggen zerrn am Mast,
der Wind, er schweigt nur dann und wann,
wenn kurz er Atem fasst.

Ach, dieses Lauschens endlich satt,
such ich des Lagers Ruh,
doch er, der so umtost die Stadt,
deckt auch mit Lärm mich zu.

So lieg halb schlafend ich, halb wach,
ein Tier, das sich verkroch.
Der Regen trommelt mir aufs Dach
wer weiß wie lange noch.

Schönes Gleichmaß

schoenes-gleichmass-hendrick-terbrugghenNa, hab ich euch zu viel versprochen?
Ich melde hiermit mich zurück.
Die Schaffenskraft ist ungebrochen.
Und auch die Hörerschaft zum Glück.

Wo war ich also stehn geblieben?
Ich glaub, es ging um Städtebau.
Man müsste mal Kulissen schieben,
ja, für ‘ne andre Bühnenschau.

Mal ernsthaft: Nichts hat sich verändert.
Der Tag. Die Häuser vis-à-vis.
Der Horizont, mit Rot gerändert,
kommt ihm die Sonne vor die Knie.

Schon hat sich ins bestirnte Laken
der Himmel wohlig eingemummt.
Der Mond zieht leise seinen Haken,
der Große Bär behaglich brummt.

Welche Stille, welche Süße
hüllt die schöne Stadt –
wohl dem, Nietzsche, der jetzt Füße
hochzulegen hat!

Breit sich vor die Glotze lümmeln:
Feierabendlust!
Und an Käsestangen mümmeln
gegen Alltagsfrust.

Von dem bestens zu befreien
scheint des Bilds Gewalt,
wenn‘s von tausend Todesschreien
schaurig widerhallt.

Dann erblühn die siechen Seelen
rasch zu stillem Glück.
Lassen andere wir quälen,
geht ihr Schmerz zurück.

Lassen Augen Wunden lecken,
Zungen ein Gebräu,
und dem Wahn, es würde schmecken,
zum Erbrechen treu.

„Gehst du in die Küche, Hase?
Bring ’ne Buddel mit.“
“Ja, du kleine Säufernase.
Sei nur morgen fit!“

Idylle herrscht zu dieser Stunde.
Die Straße atmet autofrei.
Fehlt nur der Wächter auf der Runde,
Laterne, Stock und Hut dabei.

Gemütlichkeit in eignen Wänden
ist das, worauf jetzt jeder schielt,
nur dass Klavier man zu vier Händen
inzwischen etwas wen’ger spielt.

(Obwohl, man kann es ja nicht wissen,
was in den Köpfen so passiert
und mancher Vater nicht beflissen
sein Wolferl zum Genie dressiert.)

Auch mich befällt so ein Behagen,
entfernt von Pflicht und Amtsgestühl,
dass ich wie bei den Lotophagen
Odysseus mich geborgen fühl.

Und drüben hinter finstren Mauern,
wie Klosterstein so dick und schwer,
mir unbekannte Bürger kauern
in gleicher Stimmung ungefähr.

Wir sollten sie jetzt nicht mehr stören
mit unsrer Asphalt-Nörgelei –
die Stadt samt Planungsingenieuren
geht ihnen so am Arsch vorbei.

Kirchgänger

kirchgaenger-wilhelm-leiblZur Kirche noch mit flinkem Schritte
der Bürger hier zur Messe strebt,
allein, zu zweit, Kind in der Mitte,
und wie vom heil’gen Geist belebt.

Was hat der Tempel groß zu bieten?
Was seiner Priester Sprachgewalt?
Die harten Bänke der Quiriten,
das Wort, das zwei Millennien alt?

Man fläzt sich nicht in Luxussesseln
und lauscht dem neusten Forschungsstand,
nein, fröstelnd zieht es um die Fesseln
beim „Auszug aus Ägypterland“.

Und ändert man die Rückenlage
die schmerzlich sich am Holze stößt,
straft Gott mit einer neuen Plage
den Gläubigen, der lieber döst.

Was angesichts der Rituale,
die da ermüdend durchgekäut,
doch, Herr, verzeih, nicht als fatale
Verfehlung gelt der guten Leut!

Sie bleiben schließlich bei der Stange
trotz säulenheil’gem Sitzkomfort
und einem Sermon, der schon lange
als Wurm sich etabliert im Ohr.

Just die Geduld sie ja beweisen,
die man den Engeln unterstellt,
die pausenlos den Höchsten preisen,
weil ihr Gehudel ihm gefällt.

Nichts kann sie aus der Ruhe bringen
in ihrer schönen Illusion,
sporadisches Chorälesingen
genüge zur Erlösung schon.

So hat’s vortrefflich eingefädelt
der Pfaffen findiges Geschlecht:
Der Schwanz stets mit dem Hunde wedelt –
und wer’s nicht glaubt, der glaubt nicht recht.

„Wir, die des Himmels Botschaft hören,
die eure Seele nicht empfängt,
auch jene Wahrheit euch beschwören,
die den profanen Logos kränkt!

Noch Zweifel? Unsre Folterknechte
zerstreuen ihn auf ihre Art:
Zwei, drei Bartholomäusnächte,
dann bleibt er künftig euch erspart.

Und zu des Glaubens Schirm und Schilde,
dass Ketzerei er widersteh,
gebrauchen wir in unsrer Milde
auch schon mal ein Autodafé.“

Jahrhunderte nichts als gelogen,
gefälscht, geheuchelt und verdreht,
dass sich die Kirchenbalken bogen
vom Morgen- bis zum Nachtgebet.

Und diesen Fummeln, diesen Kutten
macht dennoch alle Welt die Cour?
Was Wunder, dass schon dem von Hutten
dies „Heil’ge Einfalt!“ einst entfuhr!

Hauen und Stechen

hauen-und-stechenDu denkst, wenn du im fremden Lande
mit weitem Herzen um dich schaust,
dass unberührt es von der Schande,
vor der es dich als Kind gegraust?

Doch kann man eine Linie ziehen,
die’n Schurkenstaat vom biedren trennt,
von irgend’ner Instanz verliehen,
die keine Vorurteile kennt?

Der Mensch: Ein widerliches Wesen
selbst in dem feurigen Begehrn,
bisweilen mit dem Eisenbesen
der peinlichsten Moral zu kehrn.

Hellwach sein Auge für die Sünden,
die allenthalben es entdeckt –
sofern im anderen sie gründen,
der eh schon seinen Hass erweckt!

Wie lebhaft weiß er zu beweinen
die Toten, die der Krieg verschlingt –
doch immer nur die lieben Seinen,
die tröstend er zu Helden singt!

Verluste auf der Gegenseite?
Die können groß genug nicht sein:
Das Leid, das andern ich bereite,
trägt mir zu Haus ja Ehre ein.

Ich eil nur, mit dem Schwert zu richten,
als wär es Gottes Rächerhand,
bevor die Feinde mich vernichten,
in ihr verfluchtes Mutterland!

Von seiner eignen winz’gen Warte
betrachtet jeder sich die Welt
und diesen Nabel in der Schwarte
ganz unbesehn für ihren hält.

Ums eigne Wohl und Wehe kreisen
ihm folglich die Gedanken nur,
dass ihm auf seinen Killer-Reisen
nie Mitleid in die Knochen fuhr.

Zudem ja amtlich auch befohlen
und sanktioniert die Schlächterei
durch die, die sich die Spolien holen,
obwohl sie selber nicht dabei.

In allen Zonen, allen Zeiten:
Der Mensch bleibt sich erschreckend treu.
Will nur die höchsten Rösser reiten
und spart nicht Hafer und nicht Heu,

Um über andre Herr zu werden,
der niemals mit der Peitsche geizt
und oft noch ohne Bauchbeschwerden
in ganzen Haufen sie verheizt.

Weltweit nur skrupellose Täter,
begierig auf den Schlachtrekord –
den unerreichbar unsre Väter
ermetzelt sich durch Völkermord!

Fortbewegung

fortbewegungWenn ich zu Fuß nach Süden schritte
drei Stunden lang von meinem Haus,
ich käme wohl von Hamburg-Mitte
noch nicht mal ganz aus Harburg raus.

Doch würd ich, statt dahinzutrampeln
auf Sohlen, in der gleichen Zeit
per Fahrrad mich darunter strampeln,
wär in der Heide ich schon weit.

Nähm ich indessen ‘ne Karosse,
die beinah die zweihundert packt,
wär ich im Stammland schon der Bosse,
die da einst Kohle eingesackt.

So kommt man also von der Stelle
in einer festgesetzten Frist
mal sutje und mal auf die Schnelle
im Maße, wie mobil man ist.

Kurzum, man muss ‘nen Flieger wählen,
geht man zur Heimat auf Distanz,
denn nur wo Bonus-Meilen zählen
entfernt man rasch sich außer Lands.

Zu Fuß nicht mal in Horst gelandet,
drei Hüpfer von der Türe weg,
geflogen schon vom Meer umbrandet
am Sonnenküsten-Urlaubsfleck!

Was immer auch dahin wir schleppen –
das Wetter kommt nicht mit an Bord.
Es wissen selbst die Reise-Deppen:
Das kriegen gratis sie vor Ort.

Und keine bill’ge Massenware,
die kaum drei schlappe Stunden hält
und schon um ein’ge Millibare
ins Regenreich der Tiefe fällt!

Beweis: Seit dieser vollen Woche,
die ich inzwischen hier schon haus,
leid ich nur unterm süßen Joche
der Sonne und des Himmelblaus.

So hab ich also in drei Stunden
gewalt’ge Räume überbrückt
und eine Welt dabei gefunden,
die mich auf ihre Art entzückt.

Doch gar nicht erst die Flügel heben
aus seinem angewärmten Nest,
das hieß an einer Wiege kleben,
die uns nicht raus ins Leben lässt.

Entfernung? Gar nicht mal so wichtig.
Ob große oder kleine Fahrt:
Natur ist nicht gebührenpflichtig –
doch immer schön auf ihre Art.