Gut gelaufen

Ich hab das große Los gezogen.
Europa ist mein Vaterland.
Auf dieser Erde Waag‘ gewogen
des Wohlergehens Unterpfand.

Von seiner Fülle stets zu zehren,
das Schicksal gnädig mir beschied,
solange meine Jahre währen
vom Wiegen- bis zum Klagelied.

Der Krieg war eben erst zu Ende,
als ich auf festen Füßen stand
und die zerschossnen Häuserwände
mehr seltsam als bedrohlich fand.

Die Kinderseele, voll Vertrauen,
dass da nichts Böses hintersteckt,
sie ahnte wohl schon, dass mit Bauen
Ruinen man zum Leben weckt.

Und während in den weitren Jahren
sie wuchs zugleich mit der Statur,
vermochte stets sie zu gewahren
den Fortschritt unsrer Baukultur.

Geschlossen bald, verheilt die Wunden,
geschlagen noch vor ihrer Zeit,
und Land und Leut, so wüst geschunden,
im Schauraum der Vergangenheit.

Ob bar gekauft, ob abzuzahlen:
Ein Kühlschrank wurde angeschafft
und, beste Bohnen sich zu mahlen,
‘ne Mühle mit Elektro-Kraft.

Schon diente auch die Waschmaschine
der Hausfrau als Erleichterung
und schenkte Schlüpfer und Gardine
die Sauberkeit mit Trommelschwung.

Die Kneipenglotze, meist zum Zwecke
der kollektiven Fußballschau,
sie füllte bald die Zimmerecke
des Bürgers mit bewegtem Grau.

Und dann, der Gipfel der Begierde
bei diesem Tanz ums Goldne Kalb,
ein Auto als Laternenzierde,
geteilt mit Oma halb und halb.

Die Produktion auf vollen Touren,
man brauchte dringend jeden Mann.
In langen Arbeitsämterfluren
traf kaum man eine Seele an.

Na ja, den Rest könnt ihr euch denken.
Es blieb nicht immer so perfekt,
und wenn wir mal auf heute schwenken,
ist manches schauderhaft direkt.

Indes in diesem ew’gen Frieden
den Schulabschluss ich mir ersaß,
der sich mit Goten und Gepiden
noch lang in meine Träume fraß.

Der Lohn der Angst im Klassenzimmer,
speziell im Hals der Mathe-Kloß:
Zu guter Letzt ein Platz für immer
in der Behörde sichrem Schoß.

Zum Krösus kann man’s da nicht bringen,
beim Fiskus jeder Heller zählt,
doch an den wirklich nöt’gen Dingen
hat’s mir zumindest nicht gefehlt.

Gesättigt also und zufrieden
hab ich den Dienst schon längst quittiert
und hock als Rentner noch hienieden,
bis mich der Schnitter liquidiert.

Ein Leben auf der Sonnenseite.
Und falls ihr nach den Gründen grabt:
Europa, Asien, jede Breite –
der pure Zufall. Schwein gehabt!

Der Sonne nach

Auf einen Wetterumschwung hoffen?
Auf etwas Sonne, lang entbehrt?
Ach, eher sind wir abgesoffen,
als dass uns mal ein Hoch beschert!

Dem Sommer war nicht anzumerken,
dass er des Jahres heiße Braut,
er prunkte mit virilen Werken,
die nur dem Herbst man zugetraut.

Der hat das Ruder übernommen
und diesen wind’gen Kurs behält,
auf dem bisweilen nur verschwommen
die Sonne aus den Wolken fällt.

Da galt’s, ‘ne Arche sich zu suchen,
um dieser Trübsal zu entfliehn,
und einen Touri-Trip zu buchen
mit besten Wettergarantien.

Ich habe Helios angerufen,
dass er als Fachmann sich erklärt –
der meint, dass ohne Schlittenkufen
man immer gut in Spanien fährt.

Denn er höchstselbst in diesen Landen
auch gern im Winter noch verweilt
und, da genug davon vorhanden,
die Wärme mit den Leuten teilt.

Mit diesem göttlichen Orakel
begab ich mich getrost auf Fahrt –
jetzt wussten wir, wo ein Debakel
mit Frost und Hagel uns erspart.

So kam man an die „Sonnenküste“
(bis Málaga ein Katzensprung),
wo ich zum Bleiben mich nun rüste
in ewig heitrer Witterung.

Drei Tage sind derweil verstrichen,
seit uns der Flieger ausgespuckt,
in denen es zu sommerlichen
Vergnügen uns sofort gejuckt.

Zunächst ein Essen um die Ecke
im anspruchslosen Strandlokal,
dass gleich ich auf der Zunge schmecke
die Landeskost zum ersten Mal.

Vorzüglich, hm!, die frischen Sachen,
die jüngst erst aus dem Meer gefischt
und für gefräß’ge Nordmann-Rachen
gleich haufenweise aufgetischt.

Da galt es, sich zu konzentrieren
ganz auf den zu beladnen Bauch
und kau’nd das Auge zu verlieren
fürn Seeblick mit Hibiskus-Strauch.

Am zweiten Tage ausgeflogen
nach Osten an der Küste lang,
wo uns ein Städtchen angezogen,
das hoch sich auf ‘nen Felsen schwang.

Gekrönt von Mauern und von Zinnen,
die noch ein Sultan einst gebaut,
von wo mit seinen Sultaninnen
im Sommer er aufs Meer geschaut.

Tag drei auf kurvenreicher Strecke
hinauf ins höhre Hinterland
bis zu dem malerischen Flecke,
der uns von früher schon bekannt.

Vom Parkplatz dann noch ein paar Schritte
‘ne Steigung hoch von zig Prozent,
schon warn wir in des Dorfes Mitte,
wo gegen man die Kirche rennt.

Doch statt nach pappigen Oblaten,
die frömmelnd man zerkauen muss,
stand uns als echten Satansbraten
der Sinn nach fleischlichem Genuss.

Wir mussten uns nur niederhocken,
wo man auf Tapas sich versteht.
Im Kirchturm nebenan die Glocken
ersetzten uns das Tischgebet.

Und nun? Die gute Fee verschwunden,
die liebevoll mich hergebracht,
dass in den tausend künft’gen Stunden
die Einsamkeit mir bange macht!

Na, na, mein Freund, nicht gleich verzagen,
geht doch erst los mit dem Pläsier –
ein blaues Band von Sonnentagen
schlingt heiter sich ums Leben hier.

Im Winde sich die Palmen wiegen
und endlos sich am Ufer reihn,
in deren Nestern Kinder kriegen
die selbst noch grünen Papagein.

Dem stillen Meer nicht anzumerken
die Energie, die’s aufgestaut,
wenn’s mit den höchsten Seepferdstärken
dem Firmament entgegenblaut.

Tavernen, gleichsam aufgefädelt
wie Perlen auf dem Rosenkranz,
dass seinen Gaumen man veredelt
mit Zunge und mit Hummerschwanz.

Die Götterkost und das Gefilde,
das Berg und Meer perfekt vereint,
bewirken, dass auf manchem Schilde
der Name „Paradies“ erscheint.

Wie diesem Urteil sich nicht beugen?
Was gibt es, das man mehr begehrt?
Allein schon täglich Sonne säugen
ist dieses Lobs vollkommen wert.

Dann in der vierten Nacht ein Rauschen,
das Regen mich erahnen ließ.
Sollt meinen Traum ich deshalb tauschen?
Auch Wasser braucht’s im Paradies.

Die dümmste Masche

Ob sie das wirklich rausgefunden,
wohl eher in den Sternen steht –
doch bieten ihren Fernsehkunden
die Sender Super-Qualität.

Was immer sie auch präsentieren
in Dokus jeglicher Couleur,
es ähnelt einem Grand mit vieren,
Kreuz Bube, Pik und Karo, Cœur.

Kein Wunder, dass zu Bergen grade
es ihre Teams zum Filmen zieht,
in deren zackiger Fassade
man schön die Gipfel übersieht.

Man muss nicht lange überlegen,
um wen die Luft am dünnsten weht,
man weiß nach wen’gen Wimpernschlägen:
Der ist’s, und da wird auch gedreht.

Kaum macht man’s mal ’ne Nummer kleiner,
schon schüttelt sich der Intendant –
denn werden erst die Themen feiner,
geht’s Michel über den Verstand.

Viel besser ist es, ihn zu füttern
mit Super- und mit Elativ,
um seine Seele zu erschüttern,
die nichts sonst aus dem Schlummer rief.

Und wie bei Bergen, so bei Flüssen:
Wer schenkt ’nem Winzling seine Zeit?
Man wird den längsten zeigen müssen,
europa-, deutschland-, erdenweit.

Will einen Wagen man beschreiben,
nimmt man nicht irgendeinen nur –
den mit den dicksten Panzerscheiben,
mit dem sogar der Papst schon fuhr!

Die allerschönste Frau auf Erden –
dem Anblick widersteht kein Mann;
nur schnell Miss Universum werden,
schon klopft der Sender bei dir an.

Er rät die auch in puncto Reisen,
wenn dich die Wanderlust befällt,
und wird dir seine Liste preisen
mit den erstaunlichsten der Welt.

Auch Tiere sind nicht ausgeschlossen
von diesem elitären Spiel –
sei’s wegen größter Rückenflossen,
sei’s als das klügste Krokodil.

Soll Pflanzen man damit verschonen?
Mehr Unterschiede gibt’s ja kaum!
Was ist ein Wald von Anemonen
gegen den höchsten Mammutbaum?

Und schließlich die Millionen Bauten,
von Menschenhand geformt aus Stein?
Für diese schlichten, altvertrauten
erwärmt sich heute doch kein Schwein.

Nur wenn sie samt Antennenspitze
sich bohren bis ins Himmelblau,
reißt es Herrn Meier noch vom Sitze,
selbst schnarchend vor der „Tagesschau“.

Der Freund von Pils und Jägerschnitzel,
der weidlich Krimis konsumiert,
braucht einfach einen Nervenkitzel,
dass er die Kucklust nicht verliert.

Und folgerichtig sich vermehren
gleich einem blühenden Ekzem
die Themen, die wie Krimis zehren
auf ihre Weise vom Extrem.

Da geht die ganze Ehrfurcht flöten
vor dieser Schöpfung aus dem Licht –
statt vieler Quappen gelten Kröten
als einz’ge Münze von Gewicht.

Der Schöpfung bunte Kreationen
sind alle von so einz’ger Art,
dass unsre Gier nach Sensationen
die ganzen Wunder nicht gewahrt.

Und die Natur selbst ist bescheiden
und tut mit ihrer Kunst nicht groß –
den Löwenzahn nährt auf den Weiden
sie wie den Leu im Wüstenschoß.

Kunst im Haus

Längst war mir diese leere Stelle
an meiner hohen Stubenwand
ein Dorn im Auge, eine Quelle
des Grübelns für den Kunstverstand.

Da muss was hin, so der Gedanke,
der öfter mir ans Schienbein trat –
doch wenn an irgendwas ich kranke,
dann am Entschluss zur raschen Tat.

Reicht es, ein Poster hinzupappen
auf den papiernen Untergrund
mit einem saubren Leinenlappen
wie’n Puder auf den Po, der wund?

Nein, sollte doch solider werden:
ein Druck von ein’ger Qualität,
um nicht den Leumund zu gefährden,
der mit den Pixeln fällt und steht.

Doch dieser Tage, stark beflügelt
von Lilchen, meinem guten Geist,
hab ich nicht mehr nur rumgeklügelt,
sondern gezeigt, was handeln heißt.

Urplötzlich war‘n Motiv gefunden
aus allen, die mir lange lieb,
das wie ein Doktor seinem Kunden
ich meiner bleichen Wand verschrieb.

Ich will’s ein bisschen spannend machen
und mit der Tür ins Haus nicht falln,
vielleicht den Ehrgeiz auch entfachen,
die Sache von allein zu schnalln.

Kein Drama, keine Leidenschaften,
dass ächzend sich die Leinwand biegt –
nur stilles An-der-Scholle-Haften,
die reglos in der Sonne liegt.

Vom Vordergrund führt eine Schneise
gemütlich weiter in die Flur,
mit Kohl bepflanzt nach alter Weise
in Reih und Glied wie an der Schnur.

Und Büsche rechts und links begrenzen
den Blick auf dieses Stückchen Land,
in dessen Mitte golden glänzen
die Ähren hoch am Wegesrand.

Ein Acker, Raum und Zeit enthoben
als eines Sommertags Symbol,
und selbst die Haufenwolken droben
fahrn harmlos nur ins Blaue wohl.

Genug, den Meister zu erraten,
der hier sein Stühlchen aufgeklappt
und mitten unter blühnden Saaten
die Luft des „freien Lichts“ geschnappt?

Nein? Dann ringt weiter nicht die Hände.
Zur nächsten Strophe übergeht,
wo schließlich noch zum guten Ende
des Bilderrätsels Lösung steht.

Kornfeld bei Argenteuil der Titel.
Entstanden 1-8-7-3.
Ein völlig neues Kunstkapitel.
Alfred Sisley hiermit dabei.

Das gewisse Etwas

Der Mensch, er mag zur Masse neigen
und gern mit ihr im Gleichschritt gehn,
doch will sich auch als einzig zeigen,
im Mischmasch nicht zu übersehn.

Da hat, ich nenn’s die Körpermode,
sich manchen Blickfang ausgedacht,
da nach bewährter Balzmethode
das Äußre größten Eindruck macht.

Ein alter Hut: Die Löwenmähne,
wie von den Hippies man sie kennt.
Denn in Europas Musenszene
trägt sie seit je der Dirigent.

Doch weit entfernt von Kunst die Kahlen,
die frei zur Glatze sich bekannt –
sie tragen unter nackten Schalen
Gedankengut, das hirnverbrannt.

Was aber treibt die Irokesen
zu ihrer Hahnenkammfrisur?
Als Kind zu viel Karl May gelesen.
Als Jugendliche Punker pur.

Die bürgerlichen Angestellten,
Verkäufer meist, besonders smart,
bemühen sich, noch mehr zu gelten
mit bläulichem Dreitagebart.

Der Clip, den sie am Ohr getragen,
der Kundschaft wohl verdächtig war,
drum lassen über Schlips und Kragen
sie spärlich sprießen nun ihr Haar.

So ist das Kettchen auch verschwunden,
das einst sich um den Nacken schlang,
weil man als lächerlich empfunden
den goldig-goldnen Brustbehang.

Die Kunst, sich Bilder einzupressen
untilgbar in die eigne Haut,
hat, stets auf Rarität versessen,
Jan Maat der Südsee abgeschaut.

Vorzeiten. Und an seinem Leibe
nur lag die Technik aufbewahrt,
dass in sein Dasein sie sich schreibe
als Körpernachweis Großer Fahrt.

Doch unsres Seemanns Signaturen,
oft als vulgär nur angesehn,
Beachtung neuerdings erfuhren,
dieweil unter die Haut sie gehn.

Da sah man plötzlich Dämme brechen,
ihr Eindruck war so unerhört,
dass jetzt zur Füllung aller Flächen
der Hirsch gar überm Hintern röhrt.

Es gibt wohl keine Körperstelle,
die ganz tabu für diesen Stich –
die sichtbaren auf alle Fälle
und die intimen, was weiß ich?

War einst das Herz der Spitzenreiter,
durchbohrt von Amors Liebespfeil,
spannt heute man die Themen weiter –
vom Blümchen bis zum Hackebeil.

Und oft kommt auch die Schrift zu Ehren,
ein Spruch, zu dem man sich bekennt,
als ob die Muskeln Wappen wären,
wo stolz man Ross und Reiter nennt.

Beliebt zurzeit auch jene Zeichen,
mit denen man in China schreibt,
die, weil exotisch ohnegleichen,
man sich zur Zierde einverleibt.

Was sie im Einzelnen bedeuten
(ich habe oft danach gefragt),
gilt Schall und Rauch bei diesen Leuten,
die nicht von Wissensdurst geplagt.

Man will sich einfach unterscheiden
(Reprise, siehe Eingangszeiln!)
und nicht das Schicksal derer leiden,
die namenlos auf Erden weiln.

Doch muss der Schuss in‘n Ofen gehen,
nimmt dieser Tick noch weiter zu –
schon jetzt kann man Millionen sehen,
die einzigartig per Tattoo!

Konkurrenzkampf

Ein Brauch, in Hellas einst geboren,
doch mittlerweile unbegrenzt:
Man holt im Wettkampf sich die Sporen,
mit denen man ein Leben glänzt.

Denn Typen, die so hurtig rennen,
dass man nur ihren Hintern sieht,
kann man mit Recht wohl Götter nennen,
unsterblich durchs Bewegungsglied.

Das gilt auch für die Schultermuskeln,
mit denen man ‘ne Kugel schmeißt:
Die fliegt zum Sieg. Und in Majuskeln
den Stoßer man auf Stelen preist.

Beim Boxen just so wie beim Ringen,
beim Lanzenwerfen, einerlei:
Man muss den Gegner nur bezwingen,
egal, wie knapp der Sieg auch sei.

Du warst mit deinem Fuß im Ziele
‘ne Handbreit vor des Gegners Zeh?
Das reicht im Sinne dieser Spiele
fürn Ehrenplatz im Elysee.

Du warst mit deiner Schleuderscheibe
demselben einen Tick voraus?
Schon sucht dein Ruhm sich eine Bleibe
in Zeus‘ erhabnem Gästehaus.

Du warst mit deinen Faust-Attacken
um einen einz’gen Treffer vorn?
Die Himmelspforte wirst du knacken
im Schweinsgalopp mit Englisch Horn!

Bezeichnend für den Geist der Wesen,
die auf der Erde vegetiern –
sie machen nicht viel Federlesen
mit denen, die kaum differiern.

Das mag im Sport noch „sportlich“ gehen,
ansonsten aber oft fatal:
Man liebt’s, den Schwächeren zu schmähen,
und leider nicht nur rein verbal.

Der Erste wird als Held gefeiert
mit Blasmusik und Kaisermarsch –
der Zweite ist schon angemeiert
und fühlt sich wie der letzte Arsch.

Allein Dabeisein gilt als Ehre,
nicht, dass man auch Furore macht?
Dies Motto, wenn’s doch Wahrheit wäre!,
hat wohl ein Träumer aufgebracht.

Die Wirklichkeit in allen Lagen,
in die das Leben einen bringt,
heißt sich so tapfer durchzuschlagen,
dass man den Sieg! Sieg! Sieg! erringt.

Und unsre flotten Ökonomen,
die sich auf Wert und Preis verstehn,
entdeckten in den Chromosomen
auch noch das Maximierungs-Gen!

Mit kleinstem Aufgebot an Kräften
zum allergrößten Resultat –
so hat bei allen Geldgeschäften
den besten Maßstab man parat!

Der Mensch verblasst zum Kostenfaktor
in diesem eisigen Kalkül
und teilt mit Stromtarif und Traktor
sich des Inverstors Wertgefühl.

Der aber pocht auf dessen Stärken,
weil er von ihnen profitiert –
indes die Massen nicht mal merken,
dass sie zum Werkzeug degradiert.

Sie hasten blindlings einfach weiter
auf der umkämpften Aschenbahn.
Ein jeder seines Glückes Streiter –
voll Dampf. Voll Neid. Voll inhuman.

Allgemeine Beschleunigung

Man geht noch immer gern spazieren
und wandert still durch Wald und Flur,
am Anblick sich zu freun, dem schieren,
der halb natürlichen Natur.

Doch scheinen wen’ger die zu werden,
die fröhlich ihre Stiefel schnürn,
um diesem Paradies auf Erden
auf Schusters Rappen nachzuspürn.

Dafür sieht man ins Kraut geschossen
die Typen, die nicht gern verweiln
und, wenn auch nicht auf hohen Rossen,
im Trabe durch die Büsche eiln.

Sie tragen weite Jogginghosen
und Botten, die man Sneaker nennt,
weil’s unter Veilchen und Mimosen
sich so doch am bequemsten rennt.

Desgleichen ältere Semester
im weiten Auslauf des Gehegs,
die da schon mal als Krückstock-Tester
mit Nordic Walking unterwegs.

Doch sind dies alles müde Schreiter
mit eingeschränktem Vorwärtsdrang,
verglichen mit dem Teufelsreiter
auf seinem Mountainbike-Mustang!

Der pest so durch die krummen Pfade,
als ob er gar nichts davon wüsst,
dass schon die kleinste Eskapade
ihn aus dem Sattel hauen müsst.

Um seinen coolsten Kick zu kriegen,
sind Stock und Stein ihm grade recht
und tückisch-unverhoffte Biegen,
an die man nicht im Traume dächt.

Ihm gleichen flüchtig die Touristen,
die auch den Abwärtstrend verspürn,
doch lieber auf verschneiten Pisten,
die sacht sie in die Täler führn.

Die wedeln mit beschwingten Hüften
im Bogen einen Hang hinab
und machen zwischen Klamm und Klüften
meist pünktlich vor der Hütte schlapp.

Vollenden da die rasche Reise
durch der Botanik Defilee
auf ihre wissbegier’ge Weise
mit Enzian und Jagertee.

Marschiert mit Rucksack auf dem Buckel
am Bach, am rauschenden, noch wer
geduldig über tausend Huckel
und Stolpersteine kreuz und quer?

Und jodelt seine Lust zu leben
begeistert über viele Meiln,
dass ihm die Berge Antwort geben
und offen seine Freude teiln?

Der Bach hat Besseres zu bieten
als sein romantisches Gerinn –
man kann sich auch ein Kanu mieten
und schießt auf seiner Flut dahin!

So kommt in Wirbeln und in Wellen
man rascher als im Gehen fort
und treibt in seinen tück’schen Schnellen
den quirligen, den Wassersport.

Wird‘s an der Küste anders laufen?
Liegt man da faul am Strand herum,
tritt tapfer in die Wattwurmhaufen
und macht für Muschelschaln sich krumm?

Nein, mit dem Wandel der Gezeiten
verändert sich auch hier die Welt
und kommt zum Surfen und zum Kiten
der Kurgast heut, der auf sich hält.

Die Wunder der Natur zu schauen
mit stillem, andachtsvollem Schritt,
in allen Gegenden und Gauen
ist das nicht mehr der große Hit.

Zumindest im verwöhnten Norden,
wo man nicht kämpft ums täglich Brot,
ist zu ‘nem Spielplatz sie geworden
fürn Fall, dass Langeweile droht.

Da kommt so’n Stiesel angebrettert
und macht ein Gänseblümchen platt
und merkt nicht mal, dass er zerschmettert
ein Kunstwerk der Natur er hat.

Ich fahr nicht so ‘nen heißen Reifen,
mir reicht die alte Schneckenspur.
Wenn Freunde mich zum „Dom“ mal schleifen,
dann niemals für ‘ne wilde Tour.

Lass andre in den Lüften kreischen
im Lustrausch sich die Kehle wund –
ich bleib, um Knacker zu zerfleischen,
am Würstchenstand auf sichrem Grund.

Der Fehlerteufel

Ihn hab ich auch noch auf der Pfanne,
den Bruder Leichtfuß im Büro –
ein Könner an der Kaffeekanne,
doch bei der Arbeit nur soso.

Dabei von seinen Qualitäten
so unbeirrbar überzeugt
wie weiland Jerichos Trompeten,
dass sich die Mauer ihnen beugt.

Er hat ein Faltblatt in der Mache
und pusselt fleißig an dem Text?
Für ihn nur ‘ne Minutensache,
im Nu ist der dahingekleckst.

Schon hält er dir unter die Nase,
was ausgebrütet sein Gehirn,
und wischt mit schelmischer Emphase
fiktiven Schweiß sich von der Stirn.

Doch möcht im Boden man versinken
vor diesem windigen Pamphlet;
da wimmelt es nur so von Kinken,
dass es auf keine Kuhhaut geht.

Der Rotstift muss sein Bestes geben,
um aufzubaun die Trümmerstatt,
die nach dem orthograf’schen Beben
kaum ‘ne Kolumne heil noch hat.

Auch übern Stil wär was zu sagen:
Der ist so prickelnd und pikant
wie Baldrian auf Schwartenmagen,
wie Fencheltee im Kaltzustand.

Doch rühmt der Autor sich der Schnelle,
mit der er Sätze fabriziert,
und merkt nicht, wie die Geisteshelle
sich mit der Flüchtigkeit verliert.

Er hat ja auch nichts auszubaden
von seiner krausen Kleisterei,
denn abzuwenden größren Schaden,
gibt man nur korrigiert sie frei.

Doch müsst aus Fehlern er nicht lernen,
wie recht er schreib und wen’ger seicht?
Sein Ego, ach, weilt unter Sternen,
wo guter Rat es nicht erreicht!

Im Gegenteil: Kriegt er zu fassen
‘nen Text, der schon beim Drucker liegt,
kann er es absolut nicht lassen,
dass er ihn noch mal überfliegt.

Und glaubt noch Mängel zu entdecken,
die still er aus dem Wege schafft –
nur um zum Leben zu erwecken
die Ur-Version, die grauenhaft!

Das heißt, er war nicht einzufangen
und stets für welchen Unsinn gut
so wie ‘ne Horde wilder Rangen
in ihrem blinden Übermut.

Und tat’s in gutem Glauben immer,
denn jede Bosheit lag ihm fern –
doch war (wovon er keinen Schimmer)
der Fehlerteufel vor dem Herrn!

Chefsache

Ist euch das schon mal vorgekommen:
Ihr werkelt still im Aktenmuff,
da stürmt (habt’s Klopfen nicht vernommen)
auf einmal jemand ins Kabuff?

Ja? Aber dass dann auch der Gute,
der euch beim Schaffen überfällt,
‘ne veritable Wünschelrute
am ausgestreckten Hebel hält?

Und latscht damit von einer Ecke
zur anderen, wobei er kuckt,
ob’s ihm auf dieser Wanderstrecke
nicht plötzlich in den Pfoten juckt?

Nun, wenigstens vom Hörensagen
war der Kollege mir bekannt,
dass ich sein seltsames Betragen
nicht ganz so überraschend fand.

Er stand auf der Beamtenleiter
schon hoch im oberen Geschoss
und hätte zwei, drei Schritte weiter
es noch gebracht zum Oberboss.

Doch dann hat es ‘nen Knacks gegeben,
der folgenreich: Karriereknick.
Sein Geist wurd schwer und schien zu kleben
wie Klompen im Gezeitenschlick.

Und jäh war nicht mehr dran zu denken,
dass er das große Los erwisch –
er rutschte von den Ehrenbänken
fast runter bis zum Katzentisch.

War nix mehr mit „Abteilung leiten“;
er kriegte einen vorgesetzt,
den er in seinen bessren Zeiten
gewiss doch in der Luft zerfetzt.

Jetzt hieß es kleine Brötchen backen,
Handlangerdienste nur versehn
und statt Meriten einzusacken,
den andern auf die Nerven gehn.

Nun wollte er sich niederlassen
gleich in der Bude nebenan
und mit der Rute erst erfassen,
ob unterwärts ein Bächlein rann.

Ich griff geschäftig gleich zur Strippe
und wünscht ihm flüchtig „Guten Tag!“
und dass mit seiner Wasser-Wippe
er nicht bei mir noch Wurzeln schlag.

Es ließ sich dennoch nicht vermeiden,
dass ich ihn traf von Zeit zu Zeit
und kein fingiertes Augenleiden
von der Begegnung mich befreit.

Ich musste mit ihm Worte wechseln,
die jeglichen Gehalts so bar,
als würde man das Stroh noch häckseln,
das lange schon gedroschen war.

Doch er sprach mit Prophetenfeuer
im Rederausche des Blablas,
dass immer wen’ger mir geheuer
der amtlich mir am nächsten saß.

Er hatt es grade mit Mikroben,
sofern in Bauten sie gedeihn –
ein Stoff, sich daran auszutoben
akribisch bis Sankt Nimmerlein.

Ich durfte aber noch erleben
das fert’ge Buch plus zweitem Band –
gedruckt indes, o eitel Streben!,
es gleich im Magazin verschwand.

Ein Tiefpunkt, den zu überwinden
erfolglos mancher sich bemüht,
da er im Eifer, seinem blinden,
von neuen Grillen schon geglüht.

Doch jäh hat sich das Blatt gewendet;
wieso, das ist mir schleierhaft –
als hätt der Heil’ge Geist gesendet
ihm gnädig neue Schaffenskraft.

Statt weiter ihm was aufzubürden,
was vom Ergebnis her egal,
beförderte in Amt und Würden
man ihn wie anno dazumal.

Und dafür gab’s wohl gute Gründe
auch ohne Himmelsprotektion,
denn der Gewinn der alten Pfründe
war ohnehin ein Wunder schon.

Sollt für ‘nen Job er plötzlich taugen,
den man ihm einmal aberkannt? –
Ich hab ihn lebhaft noch vor Augen,
wie kopflos er durchs Haus gerannt,

Den Wünschelstab in alle Ecken,
die er dazu verdächtig fand,
mit rüder Neugier reinzustecken
als Fühler für den Wasserstand!

Doch was erst dunkel mochte scheinen,
es war mir bald schon sonnenklar:
Ein Amt steht fest auf tausend Beinen –
der Wasserkopf ist austauschbar!

Perfekter Abgang

Nicht jedem hat’s der Herr gegeben,
dass er mit ungebrochner Kraft
sein anspruchsvolles Arbeitsleben
vom Lehrling bis zum Rentner schafft.

So mancher, der als Geistesrecke
in Topform auf die Piste ging,
erwies sich schon auf halber Strecke
als ausgemachter Kümmerling.

Bei andern zeigt sich dieser Makel
erst kurz vor dem ersehnten Ziel –
ein eher flüchtiges Spektakel,
Befund auch hier indes: debil.

Da hatt ich also ‘nen Kollegen,
dem gern man Texte anvertraut,
bis unbekannter Gründe wegen
mental er plötzlich abgebaut.

Doch weil er einst Talent besessen
und manchen klugen Satz ersann,
ließ man das Gnadenbrot ihn fressen
wie’n Gaul, der nicht mehr ackern kann.

Man gab ihm hier und da ‘ne Sache,
die seinen Grips nicht überstieg,
dass er als alter Fuchs vom Fache
nicht auf der Bärenhaut nur lieg.

Damit kam er denn auch zurande
bis hin zum leidlichen Produkt,
und eh man’s schickte in die Lande
hat wer noch einmal draufgekuckt.

So weit, so gut. Indes der Faden,
der ungern die Geduld nur flieht,
nimmt irgendwann doch einmal Schaden,
wenn man zu heftig daran zieht.

Und da man ihm die Rechte reichte,
nahm er die Linke gleich dazu –
erbat sich nur das Kinderleichte,
die Kinken aber für die Crew.

So ist es zum Eklat gekommen.
Er wälzte einen Auftrag ab.
Der Chef ihn sich zur Brust genommen:
Der ging an dich, nun komm in Trab!

Der Gute aber schlich nach Hause
und meldete sich sterbenskrank.
Und erst nach langer Sendepause
ein Lebenszeichen, Gott sei Dank.

Er schickte, „endlich nun genesen“,
die blabla besten Grüße her.
„Kollege, der er einst gewesen,
jetzt frisch gebackner Pensionär“.