Fremdes Erbgut

Mochten Arminius sie auch stören,
den Römern muss man dankbar sein,
denn (Schüler werden’s ungern hören)
sie brachten mehr nur als Latein.

Aus ihrer Zunge Ordnungsliebe
mit viel Gefühl für die Flexion
entsprangen auch die Techniktriebe
zu mancher Bauwerkskonstruktion.

Da wurde wunderbarerweise,
was andern Völkern nie geglückt,
der Ströme bodenlosen Schneise
mit festen Pfeilern überbrückt.

Da saugte man aus fernen Quellen
das Wasser in die durst’ge Stadt,
dass Bad und Brunnen davon schwellen
und der Quirit zu trinken hat.

Das rann nach anderen Kalkülen
auch unter blanken Hintern fort,
um säuberlich das wegzuspülen,
was auf dem „locus“ fiel, dem „Ort“.

Der Anspruch aber an die Steine,
dass man sie stets als Fläche setz,
machte dem Wunsch auch schließlich Beine
nach ‘nem verzweigten Straßennetz.

Zunächst aufs Pflaster noch gerichtet,
wie’s der bequeme Bürger liebt,
wenn er per pedes hoch verdichtet
sich schwitzend übers Forum schiebt.

Dann als die militanten Massen
die große Reiselust befiel,
verzierten sie die Wandertrassen
im marschtrittfesten Wackenstil.

Sie eilten Wälder umzuhauen
im unwegsamen Feindesland,
um Pfade kreuz und quer zu bauen,
die der Soldat begehbar fand.

Die ließen sie dann einfach liegen,
als sie sich aus dem Staub gemacht,
um endlich ihren Sold zu kriegen –
ein Gut für zwanzig Jahre Schlacht.

Da mussten sie in Mietskasernen
nicht hausen wie ein Zivilist,
der über Läden und Tavernen
noch sieben Stock gestapelt ist.

Und konnten unbeschwert genießen,
was ihnen die Arena bot –
den Sport, bei dem die Säfte fließen
und Abpfiff, wenn der Gegner tot.

Dass man sie selbst im Kampf nicht töte,
war einst ihr Schild von höchstem Wert –
als „Mauer“ angewandt und „Kröte“
hielt stand er noch dem schärfsten Schwert.

‘ne solche Kunst kann nicht verderben
und findet stets ein offnes Ohr.
Die Bullen, dieser Söldner Erben,
gehn so heut gegen Bürger vor.

Hochgezüchtet

Ein Züchter seit der ersten Stunde,
da Ziegen er in Pferche zwang,
zeigt beispielhaft der Mensch am Hunde,
was ihm an Wundern schon gelang.

Denn anders kann man’s wohl nicht nennen,
wenn Fiffi, Purzelchen und Co
den Wolf als ihren Urahn kennen
in diesem ihrem Status quo!

Bei andern treuen Domestiken
ergab sich kaum ein Unterschied,
dass nahezu man wie Repliken
den Opas noch sehr ähnlich sieht.

Doch Vorsicht, unter dieser Decke
noch manche Überraschung steckt,
denn zu dem edlen Züchtungszwecke
hat man sich manches ausgeheckt!

Gibt Leute, die sich Vögel krallen
in frischer, freier Waldesluft,
dass ihre Sänge auch erschallen
aus eines Käfigs Gittergruft.

Gibt Leute, die sich Hühner halten
und zwar zu Hunderten im Schnitt,
die selbst im Winter noch, im kalten,
für stetes Eierlegen fit.

Gibt Leute, die mit Melkmaschinen
und automatisiertem Stall
an Kühen dämlich sich verdienen,
dern Euter immer prächtig prall.

Gibt Leute, die auf Pferde setzen,
die, hart trainiert und tough getrimmt,
wie panisch über Hürden hetzen,
bis mit dem Kranz die Kohle stimmt.

Genug, die Sache zu umreißen,
denn langer Rede kurzer Sinn:
Dass Menschen auf die Viecher scheißen,
solange sie Gewinn verheißen,
Gewinn, Gewinn, Gewinn, Gewinn!

Den müssen teuer die bezahlen,
weil höchste Leistung höllisch schlaucht:
Im Gegensatz zu den Normalen
ist drum ihr Leben rasch verbraucht.

Wär schön, wenn es ein Karma gäbe,
‘ne kosmische Gerechtigkeit,
dass einst man in ‘nem Leibe lebe
als Folge der Vergangenheit!

Der Bauer würd als Kuh geboren,
als Henne der mit Eiern dealt,
der Rennstallboss mit Pferdeohren
und Ringelschwanz der Schweine hielt!

Die Aussicht würde manchen schrecken,
wär diese Frage denn gelöst,
um in dem Elend nicht zu stecken,
in das er jetzt die Tiere stößt.

Die Mehrzahl von den armen Tropfen
ist aber auf den Tag fixiert,
dass in dem Drang, den Bauch zu stopfen,
der Blick am Nabel sich verliert.

Was können Dogma da und Lehre,
geht’s um die menschliche Natur?
Den Geist zieht stets die Erdenschwere
hinab auf seine Schneckenspur.

Da haftet er am grünen Grunde
nicht anders als der Halm im Feld,
schaut statt nach oben in die Runde
und glaubt, er sieht die ganze Welt.

Dem kann man nicht mit Hölle kommen,
mit eines Teufels Strafmandat –
dem wabern kaum im Hirn verschwommen
Gefühle einer Missetat.

Der Kälbertanz von Moses‘ Kindern:
der größte Welt- und Dauerhit.
Den konnte auch kein Gott verhindern –
die Kirche tanzte ihn ja mit!

Heute kranke See

Man muss schon Fantasie besitzen,
will heut man sich am Meer erfreun,
an Wellen, deren Zähne blitzen
vom Sonnenstrahlen-Wiederkäun.

Nein, eher ‘nen Belag sie zeigen
von pelz’gem Tang- und Algengrün,
aus dem nicht Wohlgerüche steigen
und keine lust’gen Funken sprühn.

Wie eine wabernde Kloake
das ewig offne Maul der See,
die bläulich sonst gefärbte Lake
verschimmelnd rings in Luv und Lee.

Und um die Fluten aufzurühren,
wie wild der Südwind sie bestürmt,
dass jeden Hammerschlag sie spüren,
mit dem er sie zu Haufen türmt!

Die letzte Phase vor dem Kochen –
schon brodelt alles und sich bäumt,
eh’s wie ein Fass, das angestochen,
in wilden Sprüngen überschäumt.

Wer möchte da den Korken spielen
mit seiner Jolle oder Jacht,
wer hoffen, Beute zu erzielen,
hat er die Netze ausgebracht?

Gewaber nur und nicht Gewimmel –
kein Schiff, so weit das Auge reicht;
ein tiefer, wolkenschwerer Himmel
den ganzen Horizont durchweicht.

Soll man’s der Möwe da verdenken,
dass ihre Schwingen sie mal schont,
statt ihren Hals sich zu verrenken
fürn Fischfang, der die Müh nicht lohnt?

Und diesen Wesen, die da hausen
im unbesonnten Kellerloch,
dass vor dem Brüllen und dem Brausen
man sich noch tiefer drin verkroch?

Indes was ist daran so schade,
wenn es die See ‘nen Deubel schert
und statt der lächelnden Fassade
sie uns auch mal den Hintern kehrt?

Wie alles, was naturgeboren,
ist ehrlich sie bis auf die Haut
und lässt sich selbst nicht ungeschoren,
wenn die zu viel ihr blüht und blaut.

Dies denn wohl einer der Momente,
da ihr die Galle überfließt
und sie die Plastikexkremente
mit Schmackes auf die Strände gießt!

Kein Spatzenhirn

In ‘nem Lokal, das frei und offen
dem Spiel der Winde ausgesetzt,
habt ihr ihn wohl schon selbst getroffen,
den Gast, der durch die Lüfte hetzt,

Um unterhalb von Tischen, Sitzen,
auf nackter Erde rings geschwind
die winz’gen Krümel zu stibitzen,
die eurem Hals entfallen sind

Und die ‘ne so bescheidne Speise,
dass sie nicht mal zu Buche schlägt
für einen, der nach Menschenweise
nur ungern abzugeben pflegt.

Da macht es nichts, dass zu dem Mahle
er auch noch seine Kumpel ruft –
der Knauser, selbst der radikale,
es nicht unter Verluste stuft.

Hätt aber unterm Tisch das Treiben
er etwas länger ausgespäht,
hätt er gelernt, es zuzuschreiben,
der Sperlingssolidarität.

Die ähnelt wohl in manchen Zügen
dem Menschen, der zuhauf gern weilt,
nur dass er außer dem Vergnügen
auch noch sein Brot mit andern teilt.

Als wär von Jesus er beflügelt,
zu helfen seinem Bruderspatz –
indes der Pfaff noch immer klügelt:
Fürn Ötsch im Paradies kein Platz!

Ich aber hab Respekt gewonnen
vor diesem prächtigen Kumpan
und deshalb etwas nachgesonnen
auch über seine Lebensbahn.

Wo hat sein Zelt er aufgeschlagen,
wo bringt er seine Freizeit zu,
wenn nach des Tages Beutejagen
der Flügel fordert seine Ruh?

Er soll mit wen’gem sich bescheiden,
nicht fragen, wo er unterkroch –
‘ne Höhle reicht ihm in den Weiden
und notfalls auch ein Mauerloch.

Und nicht mal das hat er alleine
zum ganz persönlichen Gebrauch,
nennt er ‘ne Spätzin doch die Seine
und süße Spatzen manchmal auch.

Es scheint ihm dennoch zu gefallen
das Wohngefühl auf engstem Raum,
da sich bei ihm die Bruten ballen
wie sonst bei andern Vögeln kaum.

Zufriedenheit ist seine Stärke,
sein karges Los beklagt er nicht,
im Gegenteil, für gute Werke
übt weiterhin er gern Verzicht.

Und da sein Glück er schon gefunden,
was soll er in die Fremde ziehn,
den halben Globus zu umrunden
für zweifelhafte Utopien?

Standvogel also. Heimattreuer.
Nährt redlich sich im eignen Land.
Dem große Reiseabenteuer
vom Hörensagen nur bekannt.

Es fehlt ihm ja nicht mal an Bissen,
bedeckt ein Schneetuch seinen Tisch –
dann muss er Korn und Knospe missen,
doch nicht das Brot, das immer frisch.

Ich möchte Philosoph ihn nennen,
Diogenes der Vogelheit,
dem Fragen untern Krallen brennen,
für die der Dompfaff keine Zeit.

Der pfeift mit schillerndem Gefieder
und sichtlich stolzgeschwellter Brust
den ganzen Kanon seiner Lieder
aus selbstzufriedner Sangeslust.

Der Spatz indes, wie jener Weise,
der in ‘nem wind’gen Fass gehaust,
begnügt mit Wohnung sich und Speise,
vor denen es die meisten graust.

Er geht auch nicht in Samt und Seide
und stellt sein feines Tuch zur Schau
als farbenprächt’ge Augenweide
der Marke Westentaschen-Pfau.

Nein, als verkappter Jesus-Jünger,
der’s ernsthaft mit der Armut hält,
scheint diese ihm der beste Dünger
für eine friedlich blühnde Welt.

Nicht wie die einst auf Petri Throne
in der Prälaten Purpurrot –
nein, in der Kutte braunem Tone
erbettelt er sein bisschen Brot.

Hymenäus

Ein Kirchlein, müsst ihr nämlich wissen,
schräg vis-à-vis vorm Fenster steht,
das gibt sich immer sehr beflissen,
wenn’s um die letzten Dinge geht.

Dann lässt es seine Glocken schallen
mit ernstem oder heitrem Klang
und so auch die Gefühle wallen
für Trauer oder Festgesang.

Heut Hochzeit. Und die Klöppel klettern
bis zu den höchsten Tönen auf,
ein Paar vor den Altar zu schmettern,
dass sich’s zur Eh‘ zusammenrauf.

Der Tempel, klein und zweiter Klasse,
war, logo, schon gerammelt voll,
als Kanas ausgeschlossne Masse
noch heftig auf den Vorplatz quoll.

Wo ja die Gaffer aller Sparten
das gleiche Schicksal stets vereint –
engelsgeduldig drauf zu warten,
dass Braut und Bräutigam erscheint.

Mehr kann ich euch nun nicht berichten,
vom Chor und vom Altare nicht,
von Riten und von Heilsgeschichten
und aller andern Priesterpflicht.

Und mochte auch nicht länger spähen
durch der Gardine schmalen Spalt,
dass nicht vom Dach die Hähne krähen,
da lauert wer im Hinterhalt!

Drum jäher Rückzug ins Private –
was gehn mich fremde Feste an?
Im warmen Dämmer meiner Kate
die Neugier mir wie Wachs zerrann.

Nur kurz geblickt, zu konstatieren,
dass Brauchtum nicht so leicht verstaubt –
und Glöckner nicht den Job verlieren,
solang man noch an Märchen glaubt!

Ein Päckchen, gern zu tragen

In wunderbarer Morgenfrische
dahingewandert Richtung Ost,
gefolgt dem vorgedruckten Wische
zu seinem Quell, der Päckchenpost.

Am Wege, an der kleinen Mauer,
die ihn vom breiten Strande trennt,
saß schon ein fleiß’ger Hammerhauer
und hieb aufs Pflaster vehement.

Im Rücken mir, tapp, tapp zu hören,
kam näher ein beschwingter Schritt,
ihn aus der Trägheit aufzustören,
an der mein Gang schon immer litt.

Ich krümmte kläglich mich zur Seite
und ließ den Vortritt einer Maid,
die, dass sie umso rüst’ger schreite,
‘ne Hose trug, die Meilen weit.

Vorm Bäcker stand ein Trüppchen Frauen,
begöschte da schon manchen Kram,
und, konnt ich meinen Ohren trauen,
just diese Maid aufs Korn sich nahm.

Und dann die Post – ‘ne Rumpelkammer,
die für ‘nen Tüftler man entwarf
und der vom Stempel bis zur Klammer
nichts fehlte an Bürobedarf.

Der amtlich dort bestallten Dame
mit Wisch und Pass ich mich empfahl,
auf dass ihr Auge nicht erlahme,
zu schweifen übers Wandregal

Und nach ‘nem Päckchen auszuspähen,
das hierher man mir zugestellt
statt an die Anschrift, drauf zu sehen,
weil’s aus dem Postrad-Rahmen fällt.

Zu schwer für diese Filiale?
Jäh plagte mich die Neugier arg,
was unter so ‘ner papp’gen Schale
sich denn an Schätzen wohl verbarg.

Sie fand. Ich ging. Und unterm Arme
‘ne Last, die grad noch tragbar war,
schritt durch die Sonne ich, die warme,
zurück zu meinem Hausaltar.

Paket entschnürt und ausgeweidet
das Innere, das buntgescheckt –
ach, welcher Sternekoch entscheidet,
was hier ff am feinsten schmeckt?

Da lagen Gläser, Tüten, Dosen,
zum Schutz gepolstert mit Papier,
so wie ein Kästchen Preziosen,
dass man’s dem Käufer präsentier.

Aha, mag zynisch da wer zischen,
‘ne Fuhre Wurst und so’n Gebrät,
da wird er sich die Lippen wischen,
bevor er rülpst sein Nachtgebet!

Na, soll er doch, ich will nicht maulen,
bespöttelt wer die pfund’ge Post –
kein Bissen soll mir ja verfaulen
von dieser 1-a-Hausmannskost.

Doch will ich keinen auch verspeisen
als Gruß aus dem Schlaraffenland,
ohne mit Dankbarkeit zu preisen
die, die ihn freundlich mir gesandt.

Hier kocht die See

Wir freun uns auf ein gutes Essen
da, wo man prima kocht und brät –
doch wo sonst Dutzende gesessen,
ein Stapel leerer Stühle steht.

Die Arbeitswoche abgeschlossen
und dieser Laden ganz verwaist?
Wo sind denn bloß die Zeitgenossen,
die sonst hier freitags angereist?

Indessen einen Tisch wir finden,
als ob heut Totensonntag wär,
sehn draußen, aufgepeitscht von Winden,
entfesselt wir das dichte Meer.

Die Brandung, sonst im Zaum gehalten,
dass plätschernd sie ans Ufer spült,
entlädt sich ihrer Wellngewalten
und tief sich in die Sande wühlt.

Das war ein Donnern und ein Toben,
als hätt den Dreizack da gerührt
ein Neptun, der den Wichten droben
Titanengeist vor Augen führt.

Dort türmte er zu Monsterwogen
die Flut, die auf die Schorre stieß,
dass brechend sie in hohem Bogen
ihr Leben an der Buhne ließ.

Da trieb er sie in steten Schüben
weit auf den unbewehrten Strand,
mit Schlick und Schlamm ihn einzutrüben,
eh Ruh sie in der Dünung fand.

Und wie’s so brodelte und schäumte
um Wellental und Wellenkamm,
ein muntrer Kellner nicht versäumte
zu tummeln sich fürn Kundenstamm.

Wir ließen uns das Essen schmecken,
den Blick auf diese Schau gebannt,
die Angst uns hätt gemacht und Schrecken,
wärn wir auf See jetzt statt an Land.

Und während wir die Zeit verprassten
in unserm sichern Krähennest,
hielt mancher mit dem Knipsekasten
da draußen das Inferno fest.

Und schrumpfte die Naturgewalten
zum Daumennagelbildchen ein.
Ob er sich dabei wohl gehalten
wie ich – für so unendlich klein?

Glaubensstreiter

Die Wissenschaft ist fortgeschritten,
seit sie geschlüpft in Hellas‘ Nest,
erwachsen längst und schon im dritten
Jahrtausend mit dem Wiegenfest.

Was hat sie nicht schon rausgefunden
seit Heraklits und Thales‘ Zeit:
So, dass die Sterne dort umrunden
nur Priester noch im Narrenkleid.

Und dass die Erde, die als Scheibe
man sich im Mittelpunkt gedacht,
‘ne katzenbuckelart’ge Bleibe,
die Männchen vor der Sonne macht.

So, dass der Mond mit den Konturen,
die wechselnd er am Himmel zeigt,
nur noch den simpelsten Naturen
verwirrend in die Birne steigt.

Und dass im Wüten der Gewalten,
in Dürre, Feuer oder Flut,
Gericht nicht zorn’ge Götter halten
über die sünd’ge Menschenbrut.

So wenig wie sie Majestäten
aus Gnade je ‘nen Thron verpasst,
sie ihnen ähnlich anzubeten,
und sei’n sie auch dem Volk zur Last.

Und so den Pfaffenspruch entlarven
als Werbung für den Klingelpott,
dass Engel einst den Leib beharfen
und alle Obrigkeit von Gott.

Da sind wir nun. Die Welt entschlüsselt.
Kein Schlupfloch für Schamanen mehr.
Die Alster in die Elbe flüsselt.
(Auch Dichter haben’s manchmal schwer.)

Erforscht bis in die Einzelheiten.
In Bild und Schrift und Ton fixiert.
Der Teufel müsste einen reiten,
der da Schimären noch gebiert.

Und wie er reitet – gar in Würden,
es hilft die halbe Welt ihm auf:
Was sind ihm Fakten schon für Hürden,
ist’s Kleinhirn erst in vollem Lauf!

Man sieht nicht und man will nicht sehen.
Man hängt am alten Gängelband
der Pfaffen, die die Forschung drehen
je auf den neusten Bibelstand.

Wie nie ist heut die Welt gespalten
in Geister der verschiednen Art –
die einen mit dem Hirn es halten,
die andern noch mit Kaisers Bart.

Bei Letztren heißt’s vergeblich hoffen,
dass einmal der Verstand sie lenkt –
sie sind nur für die Märchen offen,
die früh man in ihr Herz gesenkt.

Und während doch aus Lichtpartikeln
das Nichts im All zum Sein gefror,
leiht noch den Konfessionsartikeln
vom Schöpfergott der Arsch sein Ohr!

Des Sonnenhauses letzte Pforten
hat man inzwischen schon erreicht,
indes der Klerus allerorten
kein Jota von der Stelle weicht.

Für Unsinn just wie auserlesen
scheint mir der Kirche Superheld:
Der Papst, ein winzig sterblich Wesen –
und segnet doch die ganze Welt!

Genau besehen

Nach allem, was wir heute wissen
vom Sein und seiner Haltbarkeit,
ist’s nur ein flücht’ges Ruhekissen
im mörderischen Strom der Zeit.

Kaum auf der Erde angekommen
und kaum sie kurz nur angeschaut,
ist schon das Lebenslicht verglommen,
dass dir Freund Hein ‘ne Kiste baut.

Und während es uns wenig kümmert,
was war vorm ersten Wiegenlied,
wolln wir doch, ist der Leib zertrümmert,
gern wissen, was danach geschieht.

Doch ist Gewissheit nicht zu kriegen –
denn leider die Erfahrung lehrt,
dass ein Versuch mit Probeliegen
den Sterblichen seit je verwehrt.

Wer erst einmal die letzte Bleibe
in Erde oder Feuer fand,
der ist mit seinem ganzen Leibe
auch bombenfest dort eingebrannt.

Der Mensch indes in allen Zonen
gab niemals sein Gegrübel auf
und ließ den Spekulationen
nur umso stärker freien Lauf.

Gewiss ein schwieriges Gelände,
doch alles andre als banal.
Die einen sagen: Aus und Ende,
man lebt nur dieses eine Mal.

Denn so, wie ehe wir geboren,
wir fühllos für ein Hier und Jetzt,
sehn wir uns, ist die Schlacht verloren,
ins gleiche Nichts zurückversetzt.

Doch viele bringt das auf die Palme,
weil es ihr Ego untergräbt:
Die Seele gleicht ‘nem feinen Qualme,
dern Tod des Körpers überlebt!

Sie wird geschäftig weiterwandern,
bis sie der Suche müde wird
und sich in irgendeinem andern
als Untermieter einquartiert.

Dabei nicht eine der Millionen
verschiednen Lebensformen flieh’nd,
kann sie im Huhn und Heil’gen wohnen,
so, heißt es, wie sie es verdient.

Der Kreislauf aber könnt auch enden,
beteuern andre wiederum,
wenn wir uns innerlich nicht bänden
an dieses Weltpanoptikum.

Genuss von Bier und Bratkartoffeln
nur immer fleißig dir versag,
dann hockst du einst in Filzpantoffeln
im ewigen Nirwana-Tag!

So’n Quatsch, im Chor dagegenhalten
die Leute, die als Christ getauft:
Man lässt den Tod erst einmal walten
und wird von Gott dann freigekauft.

Das kann zwar eine Weile dauern
da unten in der dumpfen Gruft –
doch Schluss dann plötzlich mit Versauern,
die Leiche atmet frische Luft

Und wird von fleiß’gen Engelsbütteln,
die bei Gottvater in der Pflicht,
nach Auferstehn und Staubabschütteln
flugs abgeführt zum Endgericht.

Berufung wird’s dann nicht mehr geben,
das Urteil hat Gesetzeskraft,
entscheidet übers ew’ge Leben
in Freiheit oder Dunkelhaft.

Die einen, die stets schlecht gewesen,
fahrn in die Hölle zur Tortur,
die andern, brav und handverlesen,
lustwandeln auf der Himmelsflur.

So weit nur meine kleine Liste,
die doch vielleicht zu zeigen reicht,
was angesichts besagter Kiste
uns so an Ahnungen beschleicht.

Na gut. Doch ‘ne Bestandsaufnahme
ist nicht der Weisheit letzter Schluss:
Wenn ich im Glaubenslehrgut krame,
ich auch was Neues finden muss!

Voilà: Was diese Lehrn verbindet,
die füreinander doch so blind,
ist, dass der Boden ihnen schwindet,
in dem sie fest verwurzelt sind!

Denn was auch immer mag passieren,
ist man aus seiner Haut heraus,
man wird in jedem Fall verlieren
den Draht zu Vaterland und -haus.

Ob man für alle Zeit gestorben,
ob man vertauscht des Körpers Kleid,
ob Himmel-Hölle man erworben,
ob sel’ge Ungeborenheit –

Gekappt die Taue, die geschlungen
in diese trügerische Flut,
vergehn auch die Erinnerungen
ans früher eigne Fleisch und Blut.

Nur in der kurzen Lebensphase
kann wer und wo und wie man sein –
zerplatzt dann diese Seifenblase,
platzt mit ihr auch der schöne Schein.

Die Kämpfe, Kriege, Emotionen,
aus denen sich das Sein addiert,
es wird kein Schwein sie einmal lohnen –
wenn immer eins auch profitiert.

Spätes Störfeuer

Zu Haus. Die Arbeit überstanden.
Den Wagen sicher wo geparkt.
Im Abendrot die Wellen branden.
Die Lichter aus im Supermarkt.

Zwei, drei verschwommene Gestalten
noch draußen vor dem Strandlokal.
Die linden Lüfte jäh erkalten.
Der erste Stern blinkt auf einmal.

Die Avenida ist befriedet,
verhallt der Raser Kriegsgeschrei –
die rechte Zeit, dass jemand schmiedet
den Plan fürs ew’ge Autofrei.

Das soll indessen mir nicht gelten
für diese Glocken vis-à-vis –
wann immer sie metallisch bellten,
man Engelsflügel ihnen lieh.

Sie hängen träge in den Balken
und regungslos von früh bis spät,
um kurz nur manchmal durchzuwalken
die Christenohren zum Gebet.

Den Klöppel haben sie für heute
zum letzten Male schon gerührt
und mit dem Angelus-Geläute
der Kirche Schafe zugeführt.

Jetzt funkelt, Gott auch nachts zu preisen,
überm Portal grad angebracht,
ein Augenpaar aus Glas und Eisen,
das wie ein Cherub es bewacht.

Verkörpert da die reine Stille,
in wohlig-warmes Licht gehüllt,
das seine Höhle und Pupille
mit flüss’gem Bernsteinglanz erfüllt.

Und bis der erste Gockel krähte,
wär dieser Frieden wohl perfekt –
hätt seine Liebe nicht, die späte,
fürs Hämmern jemand noch entdeckt!