Ein besserer Herr

Der Ingenieur ist unbestritten
ein Mensch von höherer Kultur.
Er kennt sich aus mit Kegelschnitten
und mancher anderen Figur.

Wen sollte es da wundernehmen,
dass er auch Ausdruck will verleihn
den Kenntnissen, die zu verbrämen
er liebt mit klassischem Latein?

„Mens sana…“ und so alte Hüte,
die kramt bevorzugt er hervor
aus seiner kleinen Sprüche-Tüte
fürs anspruchslose Hörer-Ohr.

Nicht minder mag er Eindruck schinden
mit seinem edlen Steckenpferd,
dem Schach, von dem die meisten finden,
es sei der Spiele Krone wert.

Wie dürftig wär sein Geist indessen,
ja, dass es gar am Image kratz,
hätt im Konzert er nicht besessen
‘nen festen Abonnentenplatz!

Doch sind dies alles schon Beweise,
dass wer hier auf Elite macht?
Dann sei auch noch die Urlaubsreise,
die winterliche, vorgebracht.

Mit Skiern unter steifen Knochen
glitscht glatte Pisten er zu Tal.
Der Glücksfall dann: Ein Bein gebrochen –
viel Gips und Ehre auf einmal!

Hat auch es etwas zu bedeuten,
dass einen Boxer er sich hält,
mit dem zu andern Hundeleuten
er sich zum Plausch im Park gesellt?

Bezeichnender in jedem Falle
erscheint mir, was sein Gaumen liebt:
Bei Bratwurst kommt ihm hoch die Galle,
dass lieber er noch Kohldampf schiebt.

Dagegen bei Delikatessen,
pochiert, gedünstet und gegrillt,
könnt endlos er wohl weiteressen,
bevor sein Luxus-Schmacht gestillt.

Woher, fragt ihr, will ich das wissen?
Ich hab es selber oft erlebt,
dass er nur ausgesuchte Bissen
an die sensiblen Lippen hebt.

Und auch, wie seine Hemdmanschette
dann am Gelenk den Halt verlor,
dass an der freigelegten Stätte
‘ne Prachtuhr plötzlich kam hervor.

Sollt meine Neugier ich verhehlen?
Rasch fragte ich, was ihn da schmück,
ihn so ermunternd zu erzählen,
was er berappt fürs gute Stück.

Das war ein Batzen, kaum zu glauben,
für so’n alltägliches Gerät,
das bloß mit Rädchen und mit Schrauben
zwei Zeiger um die Achse dreht!

Dafür kann glatt man hundert kriegen,
die billig, aber akkurat –
doch eben auch nicht so gediegen
wie dieses Beinah-Unikat.

Das breite Spektrum der Int’ressen,
wie einen Mann von Welt es ziert,
es lässt auch daran sich ermessen,
dass er mit Aktien spekuliert.

Ja, jeden Morgen eine Stunde
macht er sich an den Dax heran,
damit er faule und gesunde
stets aktuell vertauschen kann.

Mit einem Wort, er führt ein Leben,
das seinen Status unterstreicht,
um sich von jedem abzuheben,
der einem Dipl.-Ing. nicht gleicht.

Kein Vorkämpfer humaner Werte,
was sich ja wohl von selbst versteht –
so blieb die Börse, die er leerte,
für andre immer zugenäht.

Dabei um Gründe nie verlegen,
dass ihn dafür kein Tadel trifft.
Da bettelt wer für Brot? Von wegen –
versoffen wird das und verkifft!

Der Mensch in seinem Heil’genscheine,
mit dem er sich so gerne krönt,
er liebt speziell die Art, die feine,
die ihm die eigne Welt verschönt.

Das Sprachrohr

Allein sein Gang schon ohnegleichen –
dynamisch, rasch und zielbewusst.
Solln andre schlapp und lustlos schleichen,
er schreitet mit geschwellter Brust.

Und lässt er sein Organ ertönen,
du eher an ‘nen Stentor denkst
als an ‘nen blässlich mittelschönen,
gerupften Paragrafenhengst.

Er lässt sich gerne Fragen stellen,
hält jederzeit ‘nen Spruch bereit,
auch wenn der in den meisten Fällen
kein Schwein von ‘nem Problem befreit.

Er ist nicht wie der Geometer,
der pünktlich an bestimmter Statt –
er kommt beständig etwas später,
damit er seinen Auftritt hat.

Kaum angelangt, reißt er den Schnabel
zu irgend’ner Sottise auf,
dass als Charmeur er und als Nabel
der kleinen Welt sich hier verkauf.

Im Weitergang der Peinlichkeiten
(„Ha, ha, und kennen den Sie schon?“)
lässt er zu Witzen sich verleiten
im süffisanten Macho-Ton.

Geht ihm der Vorrat mal zur Neige
an Scherzen dieser plumpen Art,
spielt weiter er die erste Geige
geschickt mit einem andern Part.

Wie mannigfach sind nicht die Themen,
die ihm den Stoff zum Glänzen leihn,
doch, jeder andre würd sich schämen,
nur in Bezug auf „mich“ und „mein“.

Besonders rühmt er sich der Taten,
die bravourös er schon vollbracht,
dass niemand muss erst lange raten,
dass er auch jetzt Furore macht.

Und sagt selbst offen vor den Leuten,
wenn ihn der Boss mal arg gezwackt,
um durch die Blume anzudeuten
den sehr intimen Chefkontakt.

Der könne sich auf ihn verlassen,
ganz gleich, womit er ihn betraut,
ihn, den Hansdampf in allen Gassen,
der niemals irgendwas versaut.

Er sieht sich gar als „Mehrzweckwaffe“
mit wandelbarem Projektil,
die höchst flexibel Ordnung schaffe,
je nach dem angepeilten Ziel.

Auch mag er hinterm Berg nicht halten
den Arm, „der in die Ämter reicht“:
Möcht wer beruflich sich entfalten,
er macht’s ihm, prahlt er, kinderleicht.

Man würd vor Ehrfurcht glatt erstarren,
wenn man für bare Münze hielt,
was nur in dieses eitlen Narren
Gehirn ‘ne große Rolle spielt.

Schaun wir mal hinter die Kulissen
und auf die Finger diesem Geck:
Der Schlendrian ist eingerissen,
den feudelt keine Putzfrau weg.

Auf seinem Schreibtisch türmen Akten
sich schon zu Haufen himmelan,
die beinah man zu Artefakten
aus Olims Zeiten zählen kann.

Und während er mit flinker Zunge
sich Kränze flicht von Lorbeerlaub,
geht den Kollegen auf die Lunge
sein dicker Dokumentenstaub.

So auf die lange Bank geschoben,
erledigt viel sich mit der Zeit –
Termine werden aufgehoben,
geraten in Vergessenheit.

Und kann er doch mal nicht vermeiden
‘ne Arbeit in bestimmter Frist,
lässt seinen Viz er drunter leiden
und drückt aufs Auge ihm den Mist.

Geht dann mal etwas in die Hose,
weil der’s nicht schaffen kann im Nu,
wirft er sich gleich in Unschuldspose
und schiebt’s Besagtem in die Schuh.

Nun meint ihr, so viel Schaumgeschlage,
dem kluge Köpfe sich versperrn,
es trete deutlich auch zutage
dem vorgesetzten Ämterherrn?

I wo, denn als Politstratege
ist der so ähnlich ja gestrickt
und hat dergleichen krumme Wege
noch immer gnädig abgenickt.

Erst wenn ein neuer Chef die Bühne
(von anderer Partei) betritt,
verkrümelt sich der Geisteshüne
wie’n Felsen unter Dynamit.

Und was wir hier schon dunkel ahnen,
rasch soll zum Faktum es gedeihn:
Es setzt den eignen Mythomanen
zu seinem Sprecher jener ein.

Finstere Zeiten

Die einem Gott ihr Leben weihen
und alles tun nur ihm zur Ehr,
die Güte als das Gut beschreien,
das als das höchste er sie lehr.

Denn wie ein Vater, der die Seinen
mit Liebe und Verständnis führt,
wolln jede Handlung sie verneinen,
die nur Gewalt und Hader schürt.

Und schreiben auch sich auf die Fahnen,
dass ohne Gier ihr Herz und Geist
und auf asketisch reinen Bahnen
ausschließlich um die Gottheit kreist.

Bei so viel löblichen Gefühlen,
ganz frei von jedem üblen Ruch,
scheint’s doch geboten, mal zu wühlen
in der Geschichte klugem Buch.

Die Kenntnis, die wir da gewinnen,
hat mit dem Anspruch nichts gemein
und zeigt die Kunst nur, fein zu spinnen
sein Seemannsgarn und Jagdlatein.

Meist sieht man Scheiterhaufen brennen
und Köpfe grausig abgehackt,
indes wie Krokodile flennen,
die Pfaffen im Tedeums-Takt.

Und wie sie sich von Tücke trunken
noch weiden an dem fremdem Leid,
zu Bestien herabgesunken
in ihrem seidnen Priesterkleid.

Und das für einen Gott der Liebe?
Sie sahn den Widerspruch nicht mal –
so glühten ihre finstren Triebe
im Feuereifer eines Baal!

Und diese wackren Pfründenjäger,
die Menschen quälten bis aufs Blut,
sie raubten, hohe Würdenträger!,
auch schäbig ihnen Hab und Gut.

Denn saß als Ketzer wer in Händen
der Geistlichkeit erst einmal fest,
dann konnte man sein Gut auch pfänden
fürn Gott, der nichts verkommen lässt.

In ihren selbstgefäll’gen Herzen
war nicht ein Fünkchen Mitgefühl –
glatt warn sie wie Fronleichnamskerzen
und knochenhart wie Chorgestühl.

Warum sie so empfindlich waren,
wenn’s um die reine Lehre ging?
Weil, hergezogen an den Haaren,
das meiste an ‘nem Faden hing.

Wo’s wimmelt nur von Wunderdingen
und ausgeschaltet der Verstand,
muss man das Volk zum Glauben zwingen,
bevor den Schwindel es erkannt.

Man stell sich vor, die Forscher heute,
die doch schon manches rausgekriegt,
sie knechteten die Menschenmeute,
weil Planck und Einstein ihr nicht liegt!

Und deshalb heißt‘s für diese flitzen,
dass ihr Gewissen sich entlädt,
dreimal pro Woche nachzusitzen
im Beichtstuhl einer Fakultät.

Für eher lässliche Vergehen
(„Null Ahnung von ‘nem Weißen Zwerg“),
wird man verdonnert, nachzusehen
in einem Astro-Standardwerk.

Doch wehe, wenn an Basiswissen
es einem Laien mangelt gar,
dann wird der Kopf ihm abgerissen,
und zwar auf eigene Gefahr.

So wie die Trinität zu lästern
der Gipfel einst der Schurkerei,
so, ewig junger Schnee von gestern,
heut E = mc2.

Man muss auch Heilige verehren,
die Leuchten ihrer Wissenschaft,
die, um Erkenntnis zu vermehren,
verausgabt ihre Lebenskraft.

Am höchsten dabei unbestritten,
die man verspottet und bedroht
und so wie Bruno gar erlitten
den christgestützten Martertod.

Zu deren Gräbern kann man wallen
und knien in innigem Gebet,
und Antwort wird schon bald erschallen
mit postmortalem Funkgerät.

Auch ihr, die ew’gen Ruhm erworben,
‘ne eigene Zeremonie –
die für die Forschung ist gestorben,
der mutigen Marie Curie!

Die Hölle mit den irren Qualen
zurück in dumpfe Hirne kroch;
den heut’gen Frevler und Wandalen
schreckt zeitgemäß ein Schwarzes Loch.

Und wie man einst mit heißem Herzen
den „Ketzern“ an die Gurgel fuhr,
bemüht man jetzt sich, auszumerzen
die Penner mit der Perlenschnur.

So wär, vom Glaubensgeist beflügelt,
vielleicht geworden unsre Zeit,
hätt nicht die Wahrheit ihn gezügelt
mit der ihr eignen Menschlichkeit.

So weit, so gut. Die Ignoranten
beachtet man nun weiter nicht;
doch die so aus dem Blick Verbannten,
sie hüten noch ihr altes Licht.

Sie wolln den Irrtum nicht gestehen
und nicht des Hirngespinsts Bankrott
und weiterhin das Heil erflehen
vom schweigenden Placebo-Gott.

Das Fußvolk. Doch die smarten Pfaffen,
die wissen, wie der Hase läuft,
und lassen doch das Kreuz begaffen,
mit dem Pilatus man ersäuft.

Und glotzen mit verdrehten Augen
verzückt empor zum Himmelszelt,
als würden sie den Segen saugen,
den sie bei Petrus vorbestellt.

Seid ihr noch da? Ich schließe lieber.
Hab mich verplaudert wieder mal –
so mittendrin im Versefieber
fand ich nicht gleich das Bremspedal.

Das Fazit schnell in eure Hände,
bevor ich in die Koje saus:
Des Mittelalters wahres Ende,
es liegt Äonen noch voraus.

Meeresfreuden

Zum Strand muss man nicht lange laufen,
‘ne schmale Straße trennt ihn nur
von diesem kleinen Hüttenhaufen,
aus dem man einst das Meer befuhr.

Doch da Berufe sich vererben,
vielleicht wohnt ja da auch noch heut,
sein Brot mit Fischen zu erwerben,
ein Seebär, der die Flut nicht scheut.

Zumindest hätt er vor der Nase
sein grenzenloses Arbeitsfeld
und wüsst schon in der Frühstücksphase,
wie’s Neptun mit dem Wetter hält.

Denn falls die Welln sich überschlagen
wie vom Klabautermann gehetzt,
was soll er sich nach draußen wagen,
fehlt ihm der Fang zu guter Letzt?

Doch mag’s auch niemanden mehr geben,
der seinen Unterhalt erfischt,
wird doch den Leuten, die hier leben,
ein Augenschmaus stets aufgetischt.

Zieh nur den Vorhang leicht beiseite,
hock träge vor der Häuserfront,
es zeigt das Meer in ganzer Breite
und tief sich bis zum Horizont!

Und nicht nur als bewegte Masse,
die, blubbernd oder bleiern still,
mit Boot man, Dampfer und Barkasse
als Wasserweg befahren will!

Mal huschen ihm geformte Schatten
wie Flecken übers graue Fell,
die erst im Wolkenflug ermatten,
gibt sich der Himmel wieder hell.

Mal schüttet ihm aus voller Kanne
die Sonne Funken auf den Hals,
dass diese prall gefüllte Wanne
so glitzert wie nur Badesalz.

Dann wieder jagen schwarze, schwere
Gewitterwolken drüber weg
und schleudern ihre Feuerspeere
frenetisch ohne Sinn und Zweck.

Ob sie nur Lärm erregen wollen?
Sie rühren ja den Donner auf,
wie er mit unverhohlnem Grollen
stets folgt der Blitze Zackenlauf.

Schon tags darauf: Ein Tuch gezogen,
das hoch den Himmel überspannt,
sich spiegelnd jetzt in glatten Wogen,
dern Farbe dem Azur verwandt.

Auch sind ja jederzeit zur Stelle
die kleinen Trawler hier und da,
bei Nacht so gut wie Tageshelle,
der Heimatküste immer nah.

Die Rückfahrt dann aus allen Winden –
dies Bild hat ‘nen besondren Charme:
Wie um den Einlauf sie sich schinden,
beflügelt von ‘nem Möwenschwarm!

Und kaum, dass sie die Anker lichten,
den nächsten Hafen schon im Blick,
sind auf der Kimm sie auch zu sichten,
die Kreuzfahrtschiffe, superschick.

Man kann auch einfach angeln gehen
und warten, bis ‘n Brummer beißt,
sofern nicht dieses ew’ge Stehen
ermüdet selbst den Duldergeist.

Und, liebe Nordlandfraun und -männer,
gewickelt jetzt ins Wollgewand,
heut sah ich sogar, Ende Jänner,
im Badeanzug wen am Strand!

Es warn Bewohner dieser Katen,
wie wenig später ich erfuhr,
als ihrem Heim sie wieder nahten,
bedeckt von einem Handtuch nur.

Bei dieser Flut verschiedner Freuden
gleich hier vor meiner eignen Tür
wollt ich kein bisschen Zeit vergeuden,
bis selbst ich ihren Kitzel spür.

Und stürzte so mit flinken Füßen,
die erst am Ufer haltgemacht,
um dort das Wunder zu begrüßen
‘ner mondbeglänzten Meeresnacht.

Wie groß war aber mein Erstaunen,
als dies und jenes ich nicht fand –
nur, immer diese Wetterlaunen!,
‘ne watteweiße Nebelwand.

Doch die war auch nicht zu verachten,
gab Friedrich’sche Romantik her –
wie „Männer, die den Mond betrachten“
so „Wandrer überm Nebelmeer“.

Der schöne Schein

Ein ausgeprägter Sinn fürs Schöne,
er zeichnet auch die Tiere aus;
man denk nur an die tausend Töne
im bunten Riesenrad des Pfaus.

Und auch ans schimmernde Gefieder,
wie Treibarbeit so filigran
das Gegenteil von blass und bieder
beim Silber- und beim Goldfasan.

Gewiss wolln sie die Damen locken,
die fliegen ja auf das, was schrill,
doch ebenso den Gegner schocken,
der ihnen an die Wäsche will.

Der Mensch, ein Sonderfall auf Erden,
der auf die andern Wesen spuckt,
hat, um genauso fesch zu werden,
just dies von ihnen abgeguckt.

Ja, schon die ältesten Schamanen
erkannten seine Wirkung gut
und hampelten vor unsern Ahnen
mit kolossalem Kegelhut.

Und dann bei Sioux und Huronen
und anderen der Häuptling, how!
Da mocht man keinen Vogel schonen
für so ‘ne prächt’ge Federschau.

Selbst Schmerzen hat man gern ertragen,
auf die man sonst doch keinen Bock,
galt’s durch die Lippen ja zu schlagen
‘nen kleinen attraktiven Pflock.

Doch selten war man so bescheiden,
was das Material betrifft,
viel lieber mochte man schon leiden,
was mühsam von weither geschifft.

Die Herrscher aller Regionen
verschmähten jeden schnöden Tand
und gönnten ihren goldnen Kronen
Rubin, Smaragd und Diamant.

Da musste auch die Kutte passen,
vor der die Untertanen knien –
zig Schnecken erst zur Ader lassen,
dann rings gesäumt mit Hermelin!

Der Papst selbst, der in Jesu Namen
zum Mentor sich der Armen macht,
ließ seinen Eifer nie erlahmen
sein Gut zu mehrn für Prunk und Pracht.

Und auch die in den tiefren Rängen,
sie setzten ihren Ehrgeiz drein,
sich flächendeckend zu behängen
mit Seide, Samt und Edelstein.

So wies dem Volk man, dem gemeinen,
mit einer Brust, von Dünkel breit,
um möglichst gottgesandt zu scheinen,
die Würde seiner Fürstlichkeit.

Doch warn die Bürgerlichen besser?
Kaum dass sie sich im Wohlstand sahn,
da haben sie’s vielleicht noch kesser
den hohen Herren nachgetan.

Man sah sie mit ‘nem Mühlsteinkragen,
geplättet und gefältelt fein,
‘ne Kette an die Wampe schlagen
und einen Säbel keck ans Bein!

So warfen gern sie sich in Pose
in ihrem besten Sonntagsstaat,
dass sie vom Hute bis zur Hose
geglänzt als Fürstenimitat.

Stets ist der Mensch sich gleichgeblieben,
die Macht nur ging von Hand zu Hand.
Was an Geschichte er geschrieben,
ist nur der Weisheit erster Band.

Noch immer protzt ja mit Juwelen
manch‘ König, der schon längst schachmatt,
und blendet just die schlichten Seelen,
die einstens er geplündert hat.

Die Sucht, mit irgendwas zu prunken,
und sei man auch das kleinste Licht,
ist demokratisch nun gesunken
bis in des Volkes tiefste Schicht.

‘ne ausgesprochne Klunkertante
(„Schaut her, ich hab ein Schweinegeld!“)
ist beispielsweise auch Jolanthe,
die Fleischersfrau aus Elberfeld.

Lautmalerei

Persönlich kenne ich zwar keinen,
doch hat’s mir wer mal hinterbracht,
es gäb im Lande mehr als einen,
der passende Geräusche macht.

Für Film zum Beispiel und für Bühne,
dass jede Szene man beseelt,
vom Wichtel bis zur Wanderdüne,
mit der Akustik, die ihr fehlt.

Daran ist wohl nichts auszusetzen:
Zu jedem Bild der rechte Ton,
denn so erst kann man wirklich schätzen
die schöne Schauspiel-Illusion.

Nach ähnlich klingenden Effekten
schaut nicht allein der Profi aus –
den Sinn für Untermalung weckten
sie auch bei Nachbarn hier im Haus.

Nur dass dem frei erzeugten Laute
kein Bildnis als Pendant gebührt –
er hat schon, eh der Morgen graute,
sein Eigenleben längst geführt.

Und kann sich ohne Weitres messen
selbst mit den Größten dieser Kunst,
wobei er eher selbstvergessen
mit seiner Gabe nicht mal strunzt.

Ein leichter Aufschlag mit dem Hammer,
ein Klopfen, eher hingehaucht,
klingt mir als Weckruf in die Kammer,
dern Schlaf noch nicht ganz aufgebraucht.

Kurz hochgeschreckt. Und mit Behagen
zurück in meinen Pfühl gestürzt,
als plötzlich rüdes Türenschlagen
zum zweiten Mal den Schlummer kürzt.

Ich sinke noch mal in die Kissen,
um neuerlich in Schlaf zu falln,
als ich schon wieder rausgerissen
durch Pumps, die auf die Fliesen knalln.

Nur wenig später sind’s die Kleinen,
die nicht wie ihre Mütter wolln
und sich mit Zetern, Zank und Weinen
auf ihren Weg zur Schule trolln.

Die Lust, mich noch mal auszustrecken,
hat ihren Nullpunkt nun erreicht –
ich wälz mich aus den warmen Decken
wie einer, der zum Galgen schleicht.

Doch fern vom Lager, wo ich pennte,
bleibt diese Kunst mir auf dem Fuß;
man wechselt nur die Instrumente
und schickt auch tags mir seinen Gruß.

Hat keinen Hammer man zu greifen
und keinen Bohrer für sein Brett,
lässt man geflissentlich doch schleifen
ein Stuhlbein über das Parkett.

Ein Stuhlbein? Reichlich untertrieben.
Wenn’s nach dem Dauerquietschen geht,
scheint man da tausend zu verschieben,
weil niemals eines richtig steht.

Dies aber ist gewissermaßen
des Hauses strahlnder Hintergrund,
der mit dem Außenlärm der Straßen
vereint zum schönen Zweierbund.

Jetzt kommen auch die Sportskanonen
allmählich von der Schule heim,
den Wunsch erstickend, mich zu schonen,
mit lautem Ballgekick im Keim.

Dann übt sich wer mit Trommelschlägen
an seinem neuen Spielgerät –
mit allerhöchsten Klangerträgen,
wie’s sich dabei von selbst versteht.

Das Glockenläuten zu erwähnen
verbietet mir mein Taktgefühl,
doch ruft’s halb sieben den und jenen
zum Angelus ins Kirchgestühl.

Auch das ist schließlich überwunden.
Und Stille atmet lau und lind.
Da poltert nach den Arbeitsstunden
der Alte heim zu Weib und Kind.

Man hört ihn schon das Haus betreten,
denn krachend schließt er das Portal,
und kurz vorn eigenen Tapeten
die Wohnungstür dann noch einmal.

Dann kommt auch schon die Dackeldame,
die noch mal Gassi geht zur Nacht
und sich zu meinem größten Grame
vor Freude gleich ans Kläffen macht.

Der Rest ist nur noch Nachgeplänkel,
kein Lärm, der aus der Masse sticht.
Zwar geht auch das mir auf den Senkel,
doch immerhin bald Ruh verspricht.

Drum nix wie rein jetzt in die Kissen
und rasch die Decke übers Ohr,
um kein Minütchen Schlaf zu missen –
die Stille hält nicht lange vor!

Wie willig sich die Federn bauschen,
wie’s meinen Leib ins Weiche zieht!
Entschlummernd hör das Meer ich rauschen,
sein wunderbares Wiegenlied.

Die Gnade der Geburt

Wie viele Arten gibt’s auf Erden?
Da reicht ‘ne Million nicht aus.
Des Lebens ewig langes Werden
bescherte ihr ein volles Haus.

Und erst die Köpfe jeder Klasse,
unmöglich, alle sie zu zähln –
nur noch ein Haufen Biomasse,
für den präzise Waagen fehln.

Grad mal die wichtigsten Vertreter
der ganzen Skala sind bekannt –
die Quallen, Krebse und dann später
der Igel und der Elefant.

Der Bär auch, der in alten Mären
verwunschen durch die Wälder irrt,
um von dem Honig sich zu nähren
der Hoffnung, dass er Prinz mal wird.

(Worauf indes mag er sie gründen?
Kein Wesen wechselt die Gestalt,
in einen neuen Leib zu münden,
solang es noch nicht tot und kalt.)

Dann noch die Biene und die Mücke
aus der Insekten Wimmelreich –
die stechen, doch zu unserm Glücke
nicht alle wie ein Mann zugleich.

Ja, sogar unsre Artgenossen,
milliardenfach ringsum präsent,
sind uns zeitlebens so verschlossen,
dass kaum man ein paar Namen kennt.

Doch jetzt mal Schluss herumzuschleichen
wie’n Kater um den heißen Brei:
In dieser Fülle ohnegleichen,
was macht, dass jeder selbst er sei?

Zu dieser Zeit, an dieser Stelle
geborn von diesem Elternpaar –
wo doch ein Hund mit strupp’gem Felle
genauso seinen Wurf gebar?

Ist dieser Frage nachgegangen
schon wer zu höh’rem Forscherruhm?
Dazu war man zu sehr gefangen
in seinem stolzen Menschentum!

Doch muss es ‘ne Erklärung geben,
dern Dünkel nicht zum Himmel schreit.
Aus einer Quelle fließt das Leben,
kein Wesen ist davon befreit.

Wer aber hat uns zugemessen
die dicke Birne mit Verstand?
Hat Gott ‘nen Narrn an uns gefressen
und uns in diesen Leib gebannt?

Oder vielleicht des Kosmos Walten,
das ewig von Moral bestimmt,
dass aus dem Leben man, dem alten,
sein Karma mit ins neue nimmt?

Das sind noch in den Kindertagen
des Geists gebrütete Ideen,
die lange wir schon hinterfragen
wie Zauberer und Märchenfeen.

Und die nur deshalb sich noch halten,
weil man sie in die Herzen sät
der Kleinsten, die die Händchen falten
zum brav gelernten Nachtgebet.

Noch will mir des Verstandes Klinge
den Gord’schen Knoten nicht zerhaun,
doch klar, dass weiter ich drum ringe
und pfeif auf all die Oberschlau‘n.

Von einem aber war im Stillen
ich fast schon immer überzeugt –
wir schulden’s keinem höhren Willen,
an wessen Busen wir gesäugt.

Wie alles wird auch dies geregelt
von den Gesetzen der Natur –
und wo kein Wind bläst, nun, da segelt
Baron von Münchhausen wohl nur.

Neujahrswünsche

Sein Pulver hat es nun verschossen,
das alte Jahr um Mitternacht
und donnernd allen Volksgenossen
den Weg ins neue freigemacht.

Den hat begeistert man beschritten,
ach was!, bejubelt und behüpft –
doch auch nach alter Väter Sitten
so manchen Wunsch daran geknüpft.

Denn nie ist’s ja so gut gewesen,
wie wir’s zu unserm Glück begehrn,
dass stets wir traun den neuen Besen,
weil sie bekanntlich besser kehrn.

Ganz oben auf besagter Liste,
der’s nicht um bloßes Spielzeug geht:
Dass endlich die Beziehungskiste
den Völkern friedlicher gerät.

An allen Ecken, allen Enden
wütet des Kriegs verheer’nder Brand,
gelegt von Oberschurkenhänden,
ins Chaos stürzend Leut und Land.

Und keiner packt bei Arsch und Kragen
dies niederträchtige Geschmeiß;
die Mächte wolln sich drum nicht schlagen
und waschen sich die Westen weiß.

Da sehen wir an Grenzen stoßen
die Menschlichkeit, die viel beschworn –
‘ne Floskel nur im Maul der Großen,
zur Tat noch längst nicht ausgegorn.

Das darf auf Dauer nicht so bleiben.
Punkt eins. Ein Häkchen, abgecheckt.
Nun zu den Gasen, die da treiben
den Globus in den Heiz-Effekt.

Dem Klima gilt an zweiter Stelle
die Sorge, die um morgen kreist –
verstopfen möchte sie die Quelle,
aus der sich die Erwärmung speist.

Denn Fluten, die sich Länder holen,
und Dürre, die sich Wüsten schafft,
vermindern zwischen beiden Polen
den Boden mit der Zeugungskraft.

Die Lust, den Hintern zu beheizen
und seinen Wagentank zu fülln,
muss endlich mit den Stoffen geizen,
die unheilbringend uns umhülln.

Und immer noch gibt es Millionen,
die Hunger leiden auf der Welt
und meist in Dreck und Enge wohnen,
dass sie auch Krankheit leicht befällt.

Am schlimmsten aber trifft die Kleinen
der Armut angeborner Fluch –
heut hungernd in den Schlaf sich weinen,
und morgen auch kein Schulbesuch,

Um jene Weisheit zu erwerben,
mit der man Job und Brot gewinnt:
So liegt ein Leben schon in Scherben,
bevor es richtig noch beginnt!

(Läuft’s in den reichen Staaten besser?
Nicht viel. Bei uns zumindest nicht.
Es liefert immer mehr ans Messer
der Staat das Kind der Unterschicht.)

Um was man wünscht auch zu erhaschen,
da bräuchte es ‘nen Flaschengeist;
doch leider herrscht der Geist von Flaschen,
der auf die besten Wünsche scheißt.

So wird von einem Jahr zum andern
der Hoffnung alter Brauch geschürt,
dass dieser Weg, auf dem wir wandern,
uns irgendwann zum Guten führt.

Doch ist den rüden Menschenseelen
ein solcher Fortschritt zuzutraun,
die ja Verbrennen, Köpfen, Pfählen
ertragen, ohne wegzuschaun?

Und auch für Frauen, Greise, Kinder
Erbarmen oftmals nicht gekannt,
indes die Schlächter sie und Schinder
„Politiker“ naiv genannt?

Gomorrhas Pech- und Schwefelregen
wird uns das Schicksal nicht ersparn;
wird alle von der Erde fegen –
auch die Gerechten, die da warn.

List der Schöpfung

Natürlich sind wir klein geraten,
sofern man uns am Globus misst,
und auch von andern Körperdaten
nichts Großes zu erwarten ist.

Wie aber konnte es geschehen,
dass nicht der Erde Kommandant
der mit den größten Ohrn und Zehen
geworden ist, der Elefant?

Hat die Natur in blindem Eifer,
weil einen Vormann sie gesucht,
den speerbewehrten Steppen-Streifer
mit größren Lappen Hirns betucht?

Mit denen er dann produzierte
das tödliche Verstandesgift,
bis schließlich er der Welt diktierte
Gesetze mit der Faustkeilschrift.

Die mählich zwar im Lauf der Zeiten
verschiedne Stadien durchlief,
doch ohne jemals zu bestreiten
den Geist, der sie ins Leben rief.

Es zieht sich wie ein roter Faden
durch das, was man Geschichte nennt,
bis auf nur wenige Dekaden
Gewalt, die kein Erbarmen kennt.

Da sind der Wilde mit der Keule
und der mit Hochkultur sich gleich:
Man haut dem andern eine Beule,
die groß genug fürs Schattenreich.

Und ist der Gegner erst gefallen,
das Weib verwitwet, Kind verwaist,
in seines Volkes Ruhmeshallen
man ihn als Superhelden preist.

Als ein Problem der Perspektive
erweist sich so die Menschlichkeit –
was Siegern Freude macht, naive,
schafft den Besiegten echtes Leid.

Muss man erst Rechenkünstler bitten,
mal unterm Strich zu kalkuliern
und zu beweisen unbestritten,
dass alle dabei nur verliern?

Wer heut geschunden und getreten,
ist morgen der schon, der bestimmt,
und zeigt dem Pein’ger ungebeten,
wie grausam süß man Rache nimmt.

Der Mensch, so geistig aufgerüstet,
dass fast er zu den Sternen fliegt,
sich immer noch der Dummheit brüstet,
mit der er selber sich bekriegt.

Ein Fehler der Natur, ich finde.
Am besten hätt sie lahmgelegt
zum Schutz der frischen Großhirnrinde
die kleine, die noch Früchte trägt.

So geht’s, wenn man ‘nem Allesfresser
die Welt als Weide überlässt –
er liefert schließlich sie ans Messer
und gibt ihr (und sich selbst) den Rest.

Weit besser wäre sie gefahren
mit Tiern, die sich an Gras erfreun
und statt ein Wildbret sich zu garen,
nur Trockenfutter wiederkäun.

Was soll ich aber groß noch klügeln?
Die Schöpfung hat es längst gemerkt
und sucht den Schnitzer auszubügeln –
indem sie tödlich ihn verstärkt.

Gottesfrieden

Man kann ihn fast mit Händen greifen,
den Weihnachtsfrieden im Moment;
die Spatzen’s von den Dächern pfeifen –
nun feiern fröhlich wir Advent!

Sobald die Wohn- und Arbeitsstätten
der Abenddämmer sacht umfängt,
entzünden sich die Lichterketten,
die man den Straßen angehängt.

Da baumelt denn ein großer Schlitten,
den Rentiermotor vorgeschnallt,
von einem Weihnachtsmann geritten
im weißen Neon-Winterwald.

Da hebt sich breit aus andern Sternen
von Bethlehem das Himmelslicht,
dass es sogar den Glaubensfernen
verheißungsvoll ins Auge sticht.

Und auch das Kirchlein um die Ecke
hat sich ein Diadem geliehn,
dass es die bleiche Stirn bedecke
mit Königen beim Niederknien.

Elektrisch alles gut gerüstet,
Gefühle wohlig aufgeheizt,
damit zu kaufen dich gelüstet,
was bisher kaum dich noch gereizt.

Doch dies hier nur mal so am Rande;
es steht auf einem andern Blatt.
Heut geht zu Wasser und zu Lande
ausschließlich es um Stille satt.

Das ist der unsichtbare Boden,
aus dem die Festtagsstimmung sprießt
und rundum bis zu’n Antipoden
man leiser die Leviten liest.

Doch was so hoffnungsvoll versprochen,
gilt Tage mal im höchsten Fall
und wird selbst dann schon oft gebrochen
von dem und jenem mit ‘nem Knall.

Denn ohne noch erst abzuwarten
die lärmende Silvesternacht,
mit Böllern sie und Krachern starten
schon jetzt zur Winterabwehrschlacht.

Die Brüder mögen wohl nicht meinen,
so zeigten sie der ganzen Welt,
wie Gegensätze sich vereinen,
die man für unvereinbar hält.

Und tun es doch in meinen Augen
von Matutin bis Angelus,
dass ich nun einmal Honig saugen
aus dieser Ruhestörung muss.

Was dulden klaglos wir? Geläute,
helldröhnend aus dem Turmgestühl,
weil es von Kind an uns erfreute
mit eingebläutem Gottgefühl.

Wir mussten uns daran gewöhnen,
dass dieser harte, kalte Klang
von allen uns bekannten Tönen
am nächsten noch dem Engelssang.

Und dass wann immer wir ihn hören,
er uns nicht ruft nur, Gott zu ehrn,
nein, auch Gefahren zu beschwören
wie Flut und Feuer, die verzehrn.

Da braucht‘ es viele, viele Jahre
an seligem Dornröschenschlaf,
bis eines Sonntags nach Lätare
der Kuss uns der Erkenntnis traf.

Und kaum war ihr vom Leib gerissen
das Feigenblatt, das keusch sie trug,
sah nackt und bloß man das Gewissen
‘ner Kirche, der es selten schlug.

„Profit und Macht“ war die Parole
auch für den Klerus jederzeit
und zu dem Zweck ihm die Pistole
als Waffe und als Geld geweiht.

So sind dem süßen Ruf der Glocken,
mit denen man nach Seelen fischt,
von alters her auch kurz und trocken
Kanonenschläge beigemischt.