Strandläufer

Ein Sonnentag der ersten Güte,
ein Wetter, dass der Atem stockt:
Da kommt es gar nicht in die Tüte,
dass still man in der Stube hockt!

Hier wollt ich schildern, zweite Säule,
die Schönheit dieser Szenerie,
doch, bei Minervas alter Eule,
ihr habt doch selber Fantasie!

Da ruht der Strand euch vor der Nase
unendlich unterm Himmelblau,
ein Traumziel, ohne Gift und Gase
erreichbar, ohne Mega-Stau.

Und für dies Stückchen um die Ecke
man sich nicht unter Lasten biegt,
leicht wiegt im Arme ja die Decke,
auf der es sich im Sande liegt.

Und auch das Handtuch in der Linken
hängt nicht grad wie ein Klotz daran,
so dass man Limo, Wurst und Schinken
ihr auch noch überlassen kann.

Wer aber für sein Wohlbehagen
Komfort für unerlässlich hält,
der muss dann doch sein Päckchen tragen
mit Sonnenschirm und Partyzelt.

Will man sein Plätzchen gar möblieren,
dass man sich wie zu Hause fühl,
schleppt röchelnd man auf allen vieren
ein Tischchen noch samt Klappgestühl.

Ist das geschafft, gibt es kein Halten.
Jetzt, Paradies, zeig dein Gesicht!
Lass deine Sonne nicht erkalten
und auch dies Picknick-Würstchen nicht!

Hat man geknabbert und gemümmelt,
braucht man des weisen Neptun Rat:
Am Strand hier weiter rumgelümmelt
oder mal ab ins kalte Bad?

Man muss ja nicht ins Weite kraulen,
nur kurz in Brandung rein und Gischt,
zu zeigen den Bewegungsfaulen,
wie man nach Komplimenten fischt.

Dann rausgestakt mit breiten Beinen,
sich schüttelnd nach dem Wellenritt,
um wie Odysseus zu erscheinen,
der nach dem Schiffbruch Land betritt.

Danach in elegantem Bogen
zum Handtuch sich herabgebückt,
dass man die Perlenspur der Wogen
mit weicher Wolle trockendrückt.

Jetzt aber einfach nur mal liegen,
bauchunter oder umgekehrt,
um diese Bräune abzukriegen,
die so ein Helden-Image mehrt.

Statt schlummernd in den Tag zu schwitzen
und sich in Träumen zu verliern,
kann man indes auch schneidersitzen
und vor den Wellen meditiern.

Und lässt die Blicke müßig schweifen
bis an den hohen Horizont,
wo ans Unendliche sie streifen,
das sich in andern Sternen sonnt.

Dies scheint im eigentlichen Sinne
Fernsehen mir als Augenschmaus –
dass man im Schauen Raum gewinne
über sein Mauseloch hinaus.

Ja, selbst bis an die letzten Schranken
von krausem Grün und von Azur,
dass freier atmen die Gedanken
im lichten Tempel der Natur.

Dabei ist weiter nichts zu sehen,
woran doch sonst das Auge hängt –
nicht Gangster, die aufs Ganze gehen,
kein Bildschirm, der mit Blut getränkt.

Nichts von Agenten und Spionen,
von Supermännern aller Art,
die mit verwegenen Aktionen
die Pumpe bringen uns in Fahrt.

Nicht mal ‘ne flotte Hitparade,
‘ne Quizshow fürn Millionengeld
und was uns sonst im Hamsterrade
des Feierabend-Sofas hält.

Und doch vergehn die stillen Stunden
dem Schauenden wohl auch ratzfatz,
der hier sein Schauspiel hat gefunden:
Wolken und Welln. Vom Logenplatz.

Wie soll man dieses Rätsel lösen?
Der Schlüssel liegt doch auf der Hand:
Nur wenn wir in den Himmel dösen,
sind wir wohl völlig bei Verstand.

Ein guter Freund

Humorvoll, heiter, aufgeschlossen,
verständig, wenn er spricht und lauscht,
mit so ‘nem netten Zeitgenossen
hätt gern Gedanken ich getauscht.

Doch was man möchte, ist das Eine –
der Zufall herrscht auf Schritt und Tritt
und führt an seiner langen Leine
nur selten unsre Wünsche mit.

Da hab ich wen mir aufgeladen,
der ist für alles andre blind,
dass er an jedem roten Faden
nur seinen eignen weiterspinnt.

Wie käm da ein Gespräch zustande,
wenn einer nur die Lippen rührt
und, sei’s zu Wasser und zu Lande,
nur seine Welt im Munde führt?

Und um sie machtvoll zu vertreten,
schont er auch seine Stimme nicht,
die wie einst Jerichos Trompeten
bedrohlich in die Stille bricht.

Red hin und wieder ich mal grade,
macht ständig die Geduld ihm schlapp;
er fährt mir forsch in die Parade
und schneidet mir die Worte ab.

Dass ich vielleicht mit weitren Sätzen
Bedeutendes hätt vorgebracht,
weiß er wohl deshalb nicht zu schätzen,
weil selbst er stets banal gedacht.

Warum auch? Mit ‘ner schlichten Seele
bringt oft im Leben wer es weit,
der meint, dass nur Fortuna zähle
im goldenen Dukatenkleid.

Er wird nicht müde, anzudeuten,
dass Geld ihm über alles geht
und ständig neues zu erbeuten
sein Morgen- und sein Nachtgebet.

„Hab ich bei irgend’nem Geschäfte
ein hübsches Sümmchen abgezwackt,
dann steigen plötzlich meine Säfte
so heftig wie beim Liebesakt.“

Doch wer was hat, will auch beweisen,
dass Bildung sich dazugesellt
und er selbst in Doktoren-Kreisen
sein Licht nicht untern Scheffel stellt.

Sein Lieblingsthema ist der Glaube,
mit dem tut er sich meistens dick,
doch kriegt’s nicht unter eine Haube,
dafür fehlt ihm der Überblick.

Die einzeln unverdauten Brocken
sind seiner Weisheit A und O –
meint, jeder sei schier von den Socken
bei seinem Bibelversniveau.

Da bleibt am Ende nur die Frage
(ihr habt sie sicher längst gestellt),
warum den Typen ich ertrage,
der so mir auf die Nerven fällt?

Ach, glühnde Kohlen sollt ich sammeln
auf mein verräterisches Haupt,
statt hier ein Schmähgedicht zu stammeln,
vom bösen Pegasus geschnaubt!

Kann man nicht anders ihn auch zeigen –
als einen, der mich gern beehrt,
und lässt mich in den Wagen steigen
und raus mit mir ins Blaue fährt?

Hat eben alles doch zwei Seiten.
Mir treu bei allem Ungestüm!
Will Schweigen über ihn nun breiten.
Er bleibt wohl besser anonym.

Denksport

Ertüchtigung man früher sagte,
heut heißt es, halt den Body fit;
dem, der sich nicht periodisch plagte,
macht bald die Pumpe nicht mehr mit.

So hat der Sport, aus Kampf geboren,
sich in den Dienst des Heils gestellt –
statt eines Satzes heiße Ohren
Arznei er in den Fäusten hält.

Und das in so verschiednen Sparten,
dass alles, was das Herz begehrt,
vom Voltigieren bis zum Darten
Entfaltung dem Talent gewährt.

Mit der Variante zu beginnen,
der weltweit man zu Füßen liegt,
weil, um ein Spielchen zu gewinnen,
man kämpft, dass sich der Pfosten biegt –

Dem Fußball, dem in Fangesängen
man huldigt wie einst Pindars Chor
aus überquellnden Stadionrängen
für jedes gottgewollte Tor.

Der Lust am flotten Kombinieren
will ich hier auf den Grund nicht gehn,
nur einfach nüchtern konstatieren:
Sie ist ein Massenphänomen.

Die meisten andern Disziplinen
erreichen dieses Image nicht,
obwohl nicht wen’ger sie verdienen
den Beifall einer breiten Schicht.

Ist denn In-die-Pedale-Treten
nicht auch gesunder Zeitvertreib
und Aufschwung an den Turngeräten
nicht auch ‘ne Stärkung für den Leib?

Und wenn man auf der Gummimatte
den Gegner in die Knie zwingt?
Und mit und ohne Stab die Latte
grad mit dem Steiß noch überspringt?

Was immer auch die Leute treiben,
sie haben ihren Spaß daran –
und um Erfolg sich gutzuschreiben,
man hundertfältig siegen kann.

Braucht es ‘ne klotzige Kulisse?
Die kleinste Fangemeinde zählt,
wenn nur die wichtigste Prämisse:
Begeisterung dabei nicht fehlt.

Die aber, fragt mich nicht nach Gründen,
schlägt hin und wieder aus der Art,
um sich an Künsten zu entzünden,
die selbst der Sponsor sich erspart.

Muss man denn nur auf Rasen kicken,
den ballgerecht man kurzgemäht,
wenn auch im Schlamm, im zähen, dicken,
ein Tor zum Schießen offensteht?

Da wird sich freilich nicht entfalten
die atemlose Leder-Hatz –
man muss den Ball sehr lange halten,
das fordert schon der matsch’ge Platz.

Den Spielern geht’s nicht auf den Senkel,
sie waten gern in diesem Pfuhl
knietief bis an die Oberschenkel,
entspannt wie in ‘nem Swimmingpool.

Wie lange mag so’n Match wohl dauern,
das derart an den Kräften zehrt?
So über große Strecken powern
kann nicht einmal ein Grubenpferd.

Pro Halbzeit knapp ‘ne Viertelstunde
auf einem Feld von kleinrem Maß,
sonst geht die Puste vor die Hunde
und mit der Puste auch der Spaß.

Müsst ich mich heut noch mal entscheiden,
von Funktionären hart bedrängt:
Würd Breitensport ich besser leiden
als einen, der nur schwach verfängt?

Als ich noch flinker auf den Beinen
und etwas schmaler von Gestalt,
dem Fußball (abseits von Vereinen)
wohl meine größte Liebe galt.

Auch Tauchen, Brust- und Rückenschwimmen
gefielen mir nicht wen’ger gut,
musst ich nicht grad ‘nen Turm erklimmen
zum Sprung hinab in Chlor und Flut.

Doch mit den Jahren auf der Hucke
ist sportlich heute Schicht im Schacht.
Seht, wie ich mit den Schultern zucke:
Kommt alles nicht mehr in Betracht!

Es sei denn, dass sie mit was locken,
was einem Grufti noch entspricht.
So was wie auf dem Hintern hocken –
zwei Stunden brüten – ein Gedicht!

Urlaubssperre

Mal endlich wieder wen gefunden,
der mich nach M*** hochgebracht,
wo ich zwei, drei verträumte Stunden
‘nen Stuhl zum Hochsitz mir gemacht.

Vor dieser Bar oder Taverne,
die auf dem höchsten Punkt postiert,
dass automatisch in der Ferne
der Blick sich überm Meer verliert.

Doch ebenso mit Wohlbehagen
auch auf die kleine Bucht gebannt,
die wie ein Schlupfloch rausgeschlagen
aus diesem hölzern steifen Strand.

Und zur Befest’gung an den Seiten
mit Felsensäulen so besetzt,
dass sich der Reißzahn der Gezeiten
vergeblich an der Pforte wetzt.

Ist damit alles schon beschrieben?
Was macht mir diesen Fleck so wert?
Auch die Terrassen, eingetrieben
in einen Hang, zur See gekehrt!

Da recken sich in graden Reihen
die Sprösslinge verschiedner Art,
die Halme hoch nach Sonne schreien,
des Mutterbusens Gegenwart.

Nach Namen dürft ihr mich nicht fragen,
ist mir Gemüse alles, Kohl,
nur die daneben Wurzeln schlagen,
nur die Agaven kenn ich wohl.

Nicht die, die wo auf ödem Acker
vereinzelt im Gelände stehn,
wo nur die rauen Highway-Trucker
zum Pinkeln in die Büsche gehn.

Nein, alle schön auf einem Haufen
und nüchtern nach der Schnur gepflanzt,
dass bei Bedarf du einmal kaufen
den Rausch aus ihren Säften kannst.

Und nur ein Dutzend Schritte weiter
ein kleiner Platz mit Pergola –
der Ausblick da nicht wen’ger heiter,
doch nirgendwo so blumennah.

Da wird von violetten Trauben
Glyzinien man dicht umringt,
wie man in alten Gartenlauben
in Geißblatt und Jasmin versinkt.

Die Kirche als Kontrast daneben –
mit Wänden, makellos geweißt,
die, dieser Fülle Recht zu geben,
„Zur Jungfrau von den Wundern“ heißt.

Würf alles man auf eine Waage,
mit der man Paradiese wiegt,
man säh, dass diese schöne Lage
genau auf ihrem Level liegt.

Noch!, um es unverblümt zu sagen.
Touristen kriegen alles spitz
und haben sich schon durchgeschlagen
zum bestgetarnten Göttersitz!

Dass nicht noch mehr dies Plätzchen buchen,
um seinen stillen Charme zu störn,
möcht ich euch höflich hier ersuchen,
mir auf Verschwiegenheit zu schwörn.

Nicht arglos noch die Trommel rühren,
indem man dies und jenes lobt,
sonst wird’s womöglich dazu führen,
dass hier einmal das Leben tobt.

Versprochen? Diesen Ort verschweigen
wir eigennützig vor der Welt!
Und bloß nicht seinen Namen zeigen,
nur was Vers 1 der Stern erhellt!

Der versteinerte Gast

Des Frühlingsabends späte Helle.
Ich will noch mal ‘ne Runde drehn
und dabei auch auf alle Fälle
den Müllsack im Container sehn.

Da war der Himmel, und er spannte
sich ohne einen Wolkenfleck
bis an die tiefe, runde Kante,
dass er auch sie mit Blau bedeck.

Die See lag wie in tiefstem Schlafe,
ihr Busen wogte sacht und still,
als zählte sie die Wellenschafe,
dern Herde niemals enden will.

Ein Dampfer nur, der grad die Reise
zu seinem großen Schwarm begann,
schnitt in dies glatte Tuch ‘ne Schneise,
die hinterm Heck ihm bald zerrann.

Der Wind selbst, meist doch an der Spitze,
wenn’s Unruh wo zu stiften gilt,
benahm sich nach der Mittagshitze
genauso: eher zahm als wild.

Ja, zeigte sogar sehr gewogen
dem Bummler sich, der es genoss,
dass Brust und Bauch und Ellenbogen
‘ne Kühle angenehm umfloss.

Es war so friedlich, dass man dachte,
man sei allein auf dieser Welt
und jeder Schritt, den leis man machte,
der einz’ge unterm Sternenzelt.

Da schauderte es gar den Dichter,
der gerne in das Dunkel taucht,
doch ab und zu auch wieder Lichter
als Leuchte für den Versfuß braucht.

So trottete ich denn nach Hause,
halb selig und halb satt vom Spaß,
da sah ich, dass vor einer Klause
noch wer im Mauerschatten saß.

Ganz wie versteinert in der Ecke
und starrte mich so düster an,
dass es mir schien, nur zu dem Zwecke,
weil er auf eine Untat sann.

Wie hätte ich im Handumdrehen
da wieder mir ein Herz gefasst,
dem Schreckensbild zu widerstehen,
ich sei der letzte Erdengast?

Im Gegenteil, ich nicht verhehle:
Ich flog nach Hause fast im Spurt –
nur weg von dieser Menschenseele,
bei der mir angst und bange wurd!

Dem Dämmer auf der Spur

Es hat doch alles einen Namen,
und wär er uns auch unbekannt
und aus dem Hirn nicht rauszukramen,
selbst wenn wir fix noch bei Verstand.

Das muss man nicht so wichtig nehmen,
ist ja aus gutem Grund normal,
denn Dinge, die in Frage kämen,
die gibt es einfach ohne Zahl.

Das Nilpferd schwimmt uns noch vor Augen,
weil früh man uns dies Tier gelehrt –
doch wofür soll ein Teufel taugen,
der in Tasmanien nur verkehrt?

Ein Falter auch mit vollen Segeln,
der flatternd durch die Wiese streift –
ein Admiral nach Seemannsregeln,
dem man bisweilen Seite pfeift?

Wenn ich dem Wörtchen „Plötze“ lausche,
fällt mir vielleicht ein Fischlein ein,
doch schon bei Renke und Karausche
bin ich am Ende mit Latein.

Noch schwerer mir’s bei Pflanzen fiele,
da geht es noch viel bunter zu –
die eine nennt sich Wiebelschmiele,
die andre Phlox und Frauenschuh.

Na, und so weiter und so weiter
vom Mineral bis zum Gestirn.
Die Wortpalette, sie wird breiter,
doch fasslicher nicht fürs Gehirn.

So wird das Wissen um die Erde,
wie es von großem Wert gewiss,
zum seelenlosen Steckenpferde
fürs hoch dotierte Fernsehquiz.

Und dieser Trend, er wird nicht brechen,
entsteht doch Neues immerfort,
und um vom Alten abzustechen,
braucht’s erst einmal ein neues Wort.

Da dreht die Technik an der Schraube,
die Wissenschaft, die Industrie,
und letztlich auch der Aberglaube,
dass es dem Sprecher Glanz verlieh.

Geht spät am Tag ihr gern spazieren,
wenn schon der Abend auf dem Sprung
und Schatten halbwegs schon regieren
das Zwischenreich der Dämmerung?

Ist nie euch in den Sinn gekommen,
dass die, so farblos wie ‘ne Maus,
verschiedne Namen angenommen,
je nach dem Fortschritt ihres Graus?

Das, was wir Dämmerung so nennen,
ist dem Experten viel zu fad.
Er will den Stand der Sonne kennen –
nach ihrem Untergang. In Grad.

Befragt, wird er uns gern belehren:
Bis untern Horizont sie wich
sechs Grad genau in andre Sphären,
bleibt unser Dämmer „bürgerlich“.

Der Seemann wird nicht viel drauf geben,
mit einem andern Lot er misst:
Bis man die Kimm noch sieht so eben,
bekommt der Dämmer eine Frist.

Dann hat die Sonne still und leise
schon sechs Grad weiter es geschafft –
bis zu dem Punkt, erklärt der Weise,
bleibt er als „nautisch“ noch in Kraft.

Verläuft sich aber nun im Sande?
Der Zwielicht-Gipfel ist erreicht,
und rings zu Wasser und zu Lande
kein Schimmer mehr die Lüfte bleicht?

Wer das vermutet, kennt indessen
die Zunft der Himmelskundler schlecht –
die haben immer schon besessen
den Eulenblick, der nachtgerecht.

Sehn wir die Hand nicht mehr vor Augen,
erspähn sie noch ‘nen trüben Fleck,
aus dem sie locker Honig saugen:
‘ne Galaxie in x Parsec!

Deshalb den Dämmer sie auch dehnen,
bis schon der erste Stern erwacht,
solang sie hell genug ihn wähnen,
dass er noch absticht von der Nacht.

Die Sonne: Achtzehn Grad gesunken.
Beim  Dämmertörn heißt’s: Endstation!
Nichts kann jetzt mehr dazwischenfunken –
was toppt denn „astronomisch“ schon?

Gemischte Promenade

Als ich, mein Fahrwerk zu erproben,
flott angesichts des Strandes schritt,
hat eine Bank mich jäh enthoben
der Schwere, die mein Schenkel litt.

Behäbig drauf ich niedersackte
und ruckelte bequem mich hin,
soweit der Holzbau, der vertrackte,
noch zuließ einen Lustgewinn.

Als Ausgleich für die harte Lehne,
die rüde in den Rücken stieß,
bot sich dem Auge eine Szene,
die nichts zu wünschen übrig ließ.

Da lag das Meer in ganzer Breite
und ganzer Tiefe ausgespannt,
den Horizont zur einen Seite,
zur andern Berg- und Hügelland.

Und funkelte aus vollem Herzen
und blinkte ohne Rast und Ruh,
als reichte heimlich Wunderkerzen
ihm Neptun aus der Tiefe zu.

Der Himmel blau. Und nur am Ende,
wo er die Erde sacht umfängt,
war ihm als Gürtel um die Lende
ein Wolkenschleier angehängt.

Davor schob, langsam wie ‘ne Schnecke
auf ihrer schleimig-feuchten Spur,
unmerklich beinah sich vom Flecke
ein Kreuzfahrtschiff auf Städtetour.

Indes der Kutter nah der Küste,
des Netz sich von Sardinen bauscht,
dass er des fetten Fangs sich brüste,
mit Volldampf in den Hafen rauscht.

Ein Anblick, schwerlich nur zu toppen.
Und viele dachten ebenso –
statt Fernsehn oder Kartenkloppen
Besuch im Promenaden-Zoo.

In Käfigen, die unverschlossen,
man seine Wanderlust bewies,
in Lüften, die man nie genossen
im muffigen Büro-Verlies.

Vom Job erlöste Pensionäre,
die keinen Boss mehr auf dem Hals
und gern mal ihre Pflichtenleere
befülln mit Seniorenbalz.

Doch gab’s auch frischere Gestalten
in diesem steten Hin und Her –
so Kinder, die noch Händchen halten,
beim Erstkontakt mit Strand und Meer.

Und wenn sich dann die Mütter trafen
an Palme sieben irgendwann,
gewiss, dass über ihre Braven
ein reger Austausch sich entspann.

Kann auch bei Bellos leicht passieren –
doch bin ich nicht genug kokett,
dass Frauchen beim Vorbeiflanieren
den Kenner ich gegeben hätt.

Gelegenheit war schon vorhanden,
doch hielt ich höflich meinen Mund –
als trotzdem plötzlich stillgestanden
drei Schritte weiter Frau und Hund.

Man führt den Liebling an der Leine,
doch zügelt ihm nicht die Natur:
Jäh spreizt er seine Hinterbeine
und ziert ein Häufchen den Parcours.

Mit einem Tuch greift sie den Ballen
und tütet ihn zum Wegwurf ein.
Ich nahm es auf mit Wohlgefallen:
Die Dame war sich nicht zu fein!

Landgewinn

So frühlingshaft in voller Blüte,
wie prächtig es der Brache steht!
Dies Ackerland von mindrer Güte
prangt schöner als ein Blumenbeet!

Hat edle Sorten nicht zu bieten,
nicht Veilchen und Vergissmeinnicht,
bis auf die stolzen Margeriten,
der Sonne gleich von Angesicht.

Auch leuchten lila Trichterwinden
aus niedrigem Gebüsch hervor,
doch längst so zahlreich nicht zu finden
wie Gelb an Geld das Hasenohr.

Und bis zum Bauch in diesem wilden
und wuchernden Gemüsefeld
ein Tier, das an dem süßen, milden
sein Eselsmäulchen schadlos hält.

Und so beschäftigt mit dem Kauen
der Gräser, die es aufgerafft,
versäumt es glatt, sich umzuschauen
nach seiner Wiesennachbarschaft.

Ein Pferdchen grast nur wenig weiter
und rupft, was ihm der Grund beschert,
das auch nicht fragt nach Ross und Reiter
und weltvergessen sich ernährt.

Doch finden sich zu jeder Stunde
noch viele andre Gäste ein –
da hüpfen Spatzen ihre Runde
und flattern fröhlich Papagein.

Mein letztes Hemd würd ich verwetten,
das sei des Eisbergs Spitze nur
und in dem Wust von Kraut und Kletten
auch manchen Käfers feine Spur.

Botanik-Leistungskurs? Von wegen!
Ein Erbe der Erfahrungswelt –
wenn wir uns auf die Wiese legen,
schon bald ein Kribbeln uns befällt.

Nun, ob Insekten, Vögel, Pferde,
selbst Erstre in Millionenzahl,
sie fressen dieses Stückchen Erde
beim größten Appetit nicht kahl.

Doch locker leisten das die fiesen
gefräß’gen Raupen dann und wann,
wie ihre Gier sie grad bewiesen
im Schwester-Grundstück nebenan.

Da schlugen ihre Eisenzähne
sie in den Boden noch und noch,
bis diese blühende Domäne
verwandelt in ein Baggerloch.

Das Weitre können wir uns denken:
Die dicken Brummer mit Zement,
die Kräne, wie sie Lasten schwenken –
und dann der Innungs-Präsident.

„Auch wenn heut kaum noch Lücken klaffen
in unsren schönen Häuserreihn,
wir werden weiter Wohnraum schaffen
wie diese Siedlung, die wir weihn.

Und die bald leben hier und wohnen
als gute Nachbarn Flur an Flur,
sie werden spüren, dass sich lohnen
Komfort und Umwelttechnik pur.“

Applaus, Applaus. Der wilden Weide,
nur einen Steinwurf weiter weg,
tut der Investor nichts zuleide,
und schert ihn sonst auch jeder Dreck.

Erst will er mal sein Schnäpschen kippen
auf dieses neue Wohngebiet,
bevor er wieder seine Strippen
für andere Projekte zieht.

Sein Koma ist von kurzer Dauer.
Kaum ist er wieder bei Verstand,
auch wieder Häusle-, Städtebauer
mit Lust auf Bauerwartungsland.

Und richtet bald schon die Pupille
begehrlich auf der Brache Rest,
wobei die Frage: Wie viel Mille?
sich letztlich immer klären lässt.

Denn herrlich blühn da die Renditen
dem flotten Macher in den Schoß.
Die Käfer und die Margeriten –
Millionen werden obdachlos.

Nahrungsergänzung

Des Kühlschranks kalter weißer Magen,
der bis auf Milch und Quark geleert,
er möcht mal wieder voll sich schlagen
mit Kost, die eine Sünde wert.

Der Eigner kommt ihm gern entgegen,
die Forderung scheint ihm gerecht,
da ja von allen Schicksalsschlägen
der Hunger uns am meisten schwächt.

Ein Supermarkt war rasch gefunden,
der offensichtlich alles bot,
die Speisekammer abzurunden,
grad wenn ihr schon der Kollaps droht.

Gemustert also die Regale
und abgeschritten ihre Reihn,
ein bisschen gleich dem Generale,
der Truppen nimmt in Augenschein.

Nur dass ich nicht wie Bonaparte
die flinken Zungen honorier –
an Eisbein mit gekochter Schwarte
liegt mehr mir als am Füsilier.

An Würsten auch und Käsesorten,
die meinem Gaumen wohlbekannt,
dass ich wohl hätt des Ladens Pforten
für sie allein schon eingerannt.

Da komm ich grad am rohen Schinken
der Art „Ibérico“ vorbei –
ein Griff, und schon Genüsse winken,
gelinde ausgedrückt, hoch drei.

Und dann schon wieder: Karre stoppen!
Ich angel mir den Wildlachs raus.
Geschmacklich ist der kaum zu toppen,
trotz Kaviars und Kabeljaus.

Auch die Pastete von Sardellen,
mit gleichem Meeres-Stallgeruch,
gehört zu den markierten Stellen
in meinem kleinen Küchenbuch.

Ins Körbchen! Und beim Weiterschieben,
wie ich so durch die Reihen schlurf,
kommt mir das Schmalzfleisch (ohne Grieben)
noch unvermittelt in den Wurf.

Schon eingesackt fast unbesehen,
denn wie der große Spötter spricht:
Ich kann wohl allem widerstehen,
nur leider der Versuchung nicht.

Doch sollte bloß die Nahrung stimmen?
Auch hier fällt mir ein Sprichwort ein.
Im Deutschen heißt es: Fisch muss schwimmen.
Ich kurve also noch zum Wein.

Mehr kann mein Beutel nun nicht fassen.
Das andre wird mir Schall und Rauch.
Ich nehm’s wie Sokrates gelassen:
Wie viel es gibt, was ich nicht brauch!

Sonnenanbeter

Bei Sonne muss man draußen sitzen.
Man muss sie spüren auf der Haut,
wenn ihre tausend Klingen blitzen
am Himmel, der unendlich blaut.

Und mich sollt’s in der Hütte halten?
Ich warf mein Winterjäckchen ab
und brachte (ersten Gang einschalten!)
mein Beingetriebe mal auf Trab.

Bald hatte sich ein Stuhl gefunden,
der überblaut und übersonnt,
auf dem wer weiß wie viele Stunden
sich bräunen ließ die bleiche Front.

Doch bloß den Kopf nicht in den Nacken,
um blinzelnd vor mich hin zu stiern –
will ja die Chance beim Schopfe packen,
verstohlne Blicke zu riskiern.

Wer hockt hier sonst noch an den Tischen
in Gruppen, solo und gepaart?
Um nur ein Bierchen rasch zu zischen?
Um was zu beißen à la carte?

‘nen Deubel sollt es einen scheren,
wirft scheu dazwischen der Verstand –
doch wie denn solchen Flausen wehren
drei Lux entfernt vom Sonnenbrand?

Man kann’s auch wissenschaftlich deuten
(sofern es das Gewissen braucht):
Mein Interesse an den Leuten
ist soziologisch angehaucht.

Im Urlaub oder schon in Rente?
Gediegen oder anspruchslos?
Hervorgehoben durch Talente?
Noch unterhalb des Volksniveaus?

Man ist auf jeden Fall beschäftigt
und hängt nicht nur stupide rum
und seine grauen Zellen kräftigt
ganz ohne viel Brimborium.

Im Übrigen: Die andern halten
es ebenso, da wett ich drauf,
und gabeln beim Serviettenfalten
die Entourage gleich mit auf.

In welche Lade sie wohl stecken
den Knacker, der da grad erschien;
dem Kaffee nur und Wasser schmecken –
ein Süffel, der nun wieder clean?

Es ist ein Geben und ein Nehmen,
wenn man’s auch nicht sofort durchschaut.
Doch keiner muss sich dessen schämen.
Die Sonne lacht. Der Himmel blaut.

Passanten auf der Promenade.
Viel Glucken auch mit junger Brut,
die auf dem Roller und dem Rade
sich schwer mit der Balance tut.

Wie jener Herr auch, der gesetzte,
den sein Geläuf nicht recht mehr trägt
und der sich, überall der Letzte,
mit Krücken durch die Welt bewegt.

Indes mit wild bewegten Waden
ein Fahrrad-Rowdy ihn umkurvt,
dem Anschein nach auch noch geladen,
dass der ihm in die Quere schlurft.

Dahinter endlos Meeresrauschen.
Ein Kutter fern am Horizont.
In einer sanften Brise bauschen
die Wellen blau sich und besonnt.

Kein Haar zu finden in der Suppe.
Nur dass so‘n Tag sich rasch verzehrt.
Heut Nacht, o Himmel, eine Schnuppe –
zu wünschen, dass er ewig währt!