Archiv der Kategorie: Natur

Temperaturschwankungen

Die Lampe oben an der Decke
im schön gewölbten Himmelszelt,
sie leuchtet fast in jede Ecke
und wärmt dabei die ganze Welt.

Doch keineswegs mit gleicher Stärke
sie ihren reichen Charme versprüht
und geht sehr wählerisch zu Werke,
indem sie glimmert oder glüht.

Besonders gut hat es getroffen
der Strich, der weit im Süden liegt
und, allen Zärtlichkeiten offen,
sich dürstend an die Quelle schmiegt.

Dem schickt die Kräfte, die geballten,
im Juli sie zum Überdruss
und lässt auch winters nicht erkalten
den angenehmen Strahlenfluss.

Doch wird vergeblich darauf lauern,
wer dringend ihn zu Hause braucht –
er bricht sich an den Außenmauern
und nur das Land in Hitze taucht.

Drum ist die Sonne auszuschließen
als Wohnungswärmelieferant –
da müsste also üppig sprießen
das Thermische von Menschenhand.

Doch wo gibt’s Rohre, die sich winden,
wo Rippen schön in Reih und Glied?
Ach, kaum hier irgendwo zu finden,
weil man’s nicht so dramatisch sieht!

„Höchstens zwei Monate im Jahre
wird’s etwas kühler mal zur Nacht,
da reichen schon zwei Deckenpaare,
damit man sich’s gemütlich macht.

Und wenn wir aus dem Bett uns tasten
am Morgen in das kalte Bad,
hängt da ja noch der Klimakasten,
der Aircondition-Apparat.

Solln, Kinder wir der lichten Sphären,
den guten Ruf uns ruiniern,
indem wir Heizungen begehren,
die nur beweisen, dass wir friern?“

So leben sie nach Art des weisen
Diogenes in Alt-Athen,
der nicht ermüdete, zu preisen,
Bedürfnissen zu widerstehn.

Tagsüber in der lichten Sonne
bestand zur Klage auch kein Grund –
lag nachts er aber in der Tonne,
fror er erbärmlich wie ein Hund!

Kosmische Monster

Als „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“
gejubelt man mit Gottvertraun,
musst sachte man den Kopf nur drehen,
fünftausend davon anzuschaun.

Die friedlich auf der schwarzen Weide
ihr goldnes Vlies zur Schau gestellt,
dass sie der Erdenfloh beneide,
der viel von solchem Flitter hält.

Zu zählen diese ganze Herde,
wie einem Hirten es obliegt,
hätt der Allmächtige zu Pferde
wohl grade noch so hingekriegt.

Doch heut wär ihm das sicher ferne:
Die Ziffern schossen hoch seither:
Unendlich ist die Zahl der Sterne,
unendlich wie der Sand am Meer.

Sind auch nicht glänzende Gebilde,
mit denen sich der Himmel ziert,
nein, ewig alte junge Wilde,
die es nach Staub und Feuer friert.

Die Brüder aber sind noch schlimmer,
die Masken sich vors Haupt gespannt
und ohne einen einz’gen Schimmer
im Finstern lauern unerkannt.

Die wollen Gold nicht und Moneten,
nur was zu fressen immerdar,
am liebsten Sterne und Planeten,
und alles gleich mit Haut und Haar.

So schwarze Löcher gibt’s in Massen
und von viel größerem Format –
mal, dass sie nur drei Sonnen fassen,
mal hunderttausend im Quadrat.

Ja, wo am dichtesten sie wohnen,
im Zentrum unsrer Galaxie,
versammeln sie davon Millionen
zu einer Monster-Deponie.

Da bleiben allerdings sie hocken
und plündern nur die Örtlichkeit,
was ja auch reicht, um die zu schocken,
die sie verschlingen vor der Zeit.

Doch auszuharrn an Ort und Stelle,
gilt bei der Zunft nicht als Gebot,
da ist manch wandernder Geselle,
der sucht sich anderswo sein Brot.

Und ähnelt eher ‘nem Soldaten
mit bösem Unternehmungsgeist,
der sich des Volkes Vieh und Saaten
gewaltsam untern Nagel reißt.

Ja, Marodeur von jener Sorte,
die schlimmer wütet als die Pest
und weit umher „nature morte“,
verbrannte Erde hinterlässt.

Ein Himmelsbastard, den die Pfaffen
mit Sicherheit nicht gerne sehn,
denn eine Welt, von Gott geschaffen,
kann auch durch ihn nur untergehn.

Auch predigen sie allen Leuten,
das Paradies da oben wär.
Doch nichts scheint darauf hinzudeuten –
auf Höllen dafür umso mehr.

Immer am Limit

Bis hin zu seinen letzten Zügen
kein Mensch der Steuerpflicht entgeht,
und nicht allein das Rauchvergnügen
so unterm Schutz des Staates steht.

Du glaubst, du bist dazu geboren,
dich dem Bolidensport zu weihn,
das Heuln des Motors um die Ohren,
der Schnellste weit und breit zu sein?

Dann such nicht lange nach ‘ner Strecke,
um zu beweisen dein Talent –
die Autobahn gleich um die Ecke
noch mehr von deiner Sorte kennt.

Da tummeln sich die Aspiranten
für den Geschwindigkeitsrekord,
das Gaspedal an ihren Quanten
voll bis zum Anschlag immerfort.

Doch während sie verbissen rasen
beharrlich auf der linken Spur,
ihrn Dreck sie in die Gegend blasen
bedenkenlos in Wald und Flur.

Vom Risiko ganz abgesehen,
dass jäh man einen Unfall baut
und plötzlich Gaffer um dich stehen,
die sich an deinem Schrott gestaut.

Müsste mit Pauken und Trompeten
die Staatsmacht nicht zu Felde ziehn,
um auf die Bremse selbst zu treten,
die ihrem langen Arm verliehn?

Von wegen. Diesen Ungestümen
hat sie die Piste ja gestellt
und kann zudem sich selber rühmen,
dass einen Speedrekord sie hält!

Und zwar seit Jahren ungeschlagen
europaweit, man denke bloß,
dass Freiheit im bewegten Wagen
nur noch in Deutschland grenzenlos!

Wieso sind Schäden und Gefahren
nur dort dem Staate einerlei
und zieht er auch noch an den Haaren
manch dubioses Pro herbei?

Im Gegensatz zu andern Ländern,
wo Leib und Leben man noch ehrt,
geht notfalls da mit Trauerbändern
der Staatsmann, der den Crash genährt.

Und gleich dahinter in der Schlange,
den Leichenwagen vis-à-vis,
das Unschuldslamm von gleichem Range:
der von der Autoindustrie.

Ausgelernt

Die heut’gen Schüler: helle Köpfe.
Und kritisch bis zum Gehtnichtmehr.
Man kennt die Vielfalt der Geschöpfe
vom Weddell- bis zum Beringmeer.

Geflügel, Fische oder Säuger,
man ist mit allen gleich vertraut,
Verwandten, durch den Urerzeuger
Natur aus einem Guss gebaut.

Doch auch Geschichte, Fakten, Fakten
von Völkerschaften fern und nah
behält der Dööts in seinen Akten
präzis ab urbe condita.

Pythagoras und seinesgleichen?
Sie haben schnell den Bogen raus
und können bald das Wasser reichen
‘nem Newton, Leibniz oder Gauß.

Genauso mit Naturgesetzen.
Man kennt die Formeln durch die Bank
und weiß die Leistung auch zu schätzen
bis hin zu Einstein oder Planck.

Fremdsprachen schließlich nicht vergessen!
Mit Ablativ und Zirkumflex.
Ein Pensum, überreich bemessen –
sie schaffen’s ohne Fünf und Sechs.

Doch ehrlich, wer sich so viel Wissen
beharrlich in die Birne bläut,
sinkt der nicht in ein Ruhekissen,
das zu verlassen er sich scheut?

I wo! Dem Superhirn da drinnen,
in das man so viel Weisheit stopft,
genügt es nicht, nur nachzusinnen
rein theoretisch und verkopft!

Denn dass die Paukerei fürs Leben
und für die Schule man nicht macht,
das hat man ihm in dieser eben
ja schon lateinisch beigebracht.

So fassen unsre Schülerscharen,
gesagt, getan auch einen  Plan:
Den Karren aus dem Dreck zu fahren,
es ist schon höchste Eisenbahn!

Anstatt zum Büffeln in die Klassen
gehn sie nach draußen demonstriern,
um Dampf mal richtig abzulassen
gegen die Schwätzer, die regiern.

Denn während an gewalt’gen Schäden
die Umwelt leidet mehr und mehr,
hörn sich die Brüder lieber reden,
anstatt zu tun, was nötig wär.

In fortgesetzten Konferenzen
beteuern sie ihr hohes Ziel –
dann lieber handeln, Schule schwänzen,
hier steht die Zukunft auf dem Spiel!

Sich schwammig nicht vertrösten lassen
auf Zeiten, die noch weit entfernt!
Raus auf die Straße, raus in Massen –
sie haben die Lektion gelernt!

Nur leider sind die Adressaten
Herr ihrer selbst nicht voll und ganz:
Politiker – anstatt Magnaten
der Industrie und Hochfinanz!

Weiteres zum Herrentier

Gut. Also, in der letzten Stunde
besprachen wir das Herrentier,
zu dem wir alle in der Runde
ja selber auch gehören hier.

So haben wir herausgestrichen
die Kluft, die abgrundtief uns trennt
von allen Wesen, die verglichen
mit uns die niederen man nennt.

Der Mensch nur braucht in großem Stile
für seine Arbeit manch Gerät
und kommt so leichter zu dem Ziele,
das jeweils ihm vor Augen steht.

Der Mensch nur hat aus dumpfen Lauten
den Weg zur Sprache sich gebahnt
und hat die Wörter, die gestauten,
zu Sätzen kunstgerecht verzahnt.

Der Mensch nur hat Kultur erfunden,
dass nach dem Sammeln und der Jagd
in seinen Bärenhäuterstunden
ihn keine Langeweile plagt.

Wer baute sich aus Sand und Steinen,
verschmähend Blätterwerk und Zelt,
ein Häuschen, das ihm und den Seinen
die Witterung vom Leibe hält?

Und schuf sich dann im nächsten Schritte
den großen Sammelplatz der Stadt,
die unsrem Weg zu Recht und Sitte
beständig vorgeleuchtet hat?

Er hat mit seines Geistes Waffen
(erinnert euch: von Gott gesandt)
die Erde völlig umgeschaffen
zu seinem Bau- und Ackerland.

Das ist auch leidlich gut gegangen,
solange er gering an Zahl
und noch nicht Millionen rangen
um die Ressourcen auf einmal.

Doch konnte es so immer bleiben?
Allmählich kam die Wahrheit raus:
Wenn weiterhin wir Raubbau treiben,
dann ist schon bald der Ofen aus.

Nahm da mit ihrem ganzen Feuer,
eh wieder wüst die Welt und leer,
die göttliche Vernunft das Steuer,
dass sie die Menschen Mores lehr?

I wo, die Profiteure lachten
und scherten sich ‘nen Dreck darum,
fuhrn fort, die Erde auszuschlachten,
zum Ersten, Zweiten, Dritten – zum…!

Und heute ist uns der Schlamassel
so übern Kopf gewachsen schon,
dass kein Politikergequassel
uns wiegt in falscher Illusion.

Zerrupft, verdreckt und ausgeweidet –
das ist die nüchterne Bilanz
für jeden, der vom Globus scheidet
mit seinem letzten Blumenkranz.

Schön, dass man auf die Eichentruhe
noch echte Lilien legen kann –
gewiss weilt man zur ew’gen Ruhe
in Plastikblüten irgendwann.

Das Herrentier

Insekten schwirren, Myriaden,
wo immer auch im Lüftemeer
und fressen doch nach Strich und Faden
nicht gleich den ganzen Globus leer.

Die Vögel, ihre ärgsten Feinde,
sofern nicht grad auf Wurmdiät,
gehören auch zu der Gemeinde,
die keinen Strick der Erde dreht.

Macht Meister Petz sie denn zunichte,
der wesentlich von Robben lebt?
Nein, mangels Bärn-Bevölk‘rungsdichte
und weil er an der Scholle klebt.

Vielleicht die gierige Giraffe,
die unermüdlich auf der Walz,
dass sie die höchsten Triebe raffe
mit ihrem dicken Schwanenhals?

Ein Lächeln kostet’s die Savanne:
Lass rupfen sie nach Herzenslust,
ich werf mich wieder volle Kanne
mit frischen Blüten in die Brust.

Da scheint fast übrig nur zu bleiben
mit seinem Riesenappetit
der Löwe, der’s Gazellentreiben
als sein Geschäft und Hobby sieht.

Doch hat er die grazilen Sprinter
schon größtenteils vertilgt vielleicht?
Ach, meist bleibt er ein Stück dahinter,
weil seine Puste nicht ganz reicht.

Jetzt kann ich auf den Wal nur hoffen:
Ich könnte schwören Stein und Bein,
steht dem am Bug die Klappe offen,
fällt es da tonnenweise rein.

Hat er indes die Fischbestände
so radikal schon reduziert,
dass zwischen seine Magenwände
sich kaum ein Hering noch verliert?

Nein, so ein Kunststück hinzukriegen,
braucht’s mehr als nur ein großes Maul –
Gedanken auch, die höher fliegen
als die von einem Ackergaul.

Da kommt ein Tier nur noch in Frage,
das so viel Wissen schon gewann,
dass bis zum Ende aller Tage
es damit Unheil stiften kann.

Eins, das nach eigenem Bekunden
(voilà die Maus, die Berge kreißt!)
der höchsten Gottheit nachempfunden
sowohl an Körper wie an Geist.

Mit diesem Freibrief in der Tasche,
den es sich selber ausgestellt,
legt nach und nach in Schutt und Asche
es seine angestammte Welt.

Der Mensch, millionenfach besungen
von seinesgleichen als Gigant,
hat alles in die Knie gezwungen
bis an den letzten Erdenrand.

Doch wenn ihm draußen Feinde fehlen,
kein Mangel herrscht im eignen Haus –
sich gegenseitig töten, quälen,
den Bogen hat er wirklich raus.

Mit Blut düngt gern er seine Felder,
weil das besondre Frucht verheißt –
dem einen ungeheure Gelder,
dem andern, dass ins Gras er beißt.

Doch hat er mehr noch auf der Pfanne
als Lust auf Gold und auf Gewalt,
dass kaum mal eine kurze Spanne
die Kriegstrompete nicht erschallt.

Ach, kaum hängt unter den Trophäen
die Streitaxt über dem Kamin,
muss er schon wieder Zwietracht säen,
um gegen die Natur zu ziehn!

Wie’n Flegel, der mit seinem Stecken
die Köpfe von den Stängeln mäht,
so lässt er seine Wut sie schmecken,
die blindlings auf Zerstörung geht.

Doch anders als der rüde Knabe,
der’n Stock sich untern Arm dann klemmt,
pflegt er zur Mehrung seiner Habe
sie auszuplündern bis aufs Hemd.

Bist du ein Tier und zu verwerten
mit irgend’ner Besonderheit?
Man folgt so lange deinen Fährten,
bis dich ein Schuss davon befreit.

Soll es den Pflanzen besser gehen?
Raubbau, wen wundert es, auch hier!
Wo heut noch dichte Wälder stehen,
herrscht morgen Kahlschlag im Revier.

Selbst in der Erde Eingeweide
hat man zu wühlen nicht versäumt,
dass von Karbon und dass von Kreide
die Schätze fast schon ausgeräumt.

An solchen Taten nur gemessen:
So kriegte es sonst keiner hin.
Hätt er nur Menschlichkeit besessen
in diesem eher seltnen Sinn!

Doch alle edleren Gefühle
die Habgier schon im Keim erstickt,
dass nur mit nüchternem Kalküle
auf seinen Vorteil jeder blickt.

Natürlich wird das schrecklich enden,
wie Übermut zu enden pflegt:
Man stirbt von seinen eignen Händen,
der Ast ist fast schon durchgesägt.

Und das Debakel abzuwehren,
kommt rettend kein Theatergott.
Wir müssen lernen, uns zu nähren
von Gülle und von Plastikschrott.

Vogelfreunde

Gibt’s eine Vielfalt, die noch bunter
als die im Menschen angelegt?
Den Regenbogen rauf und runter
nach jedem kleinsten Ton er schlägt.

Das gilt im Guten wie im Bösen,
die Skala ist unendlich breit –
von Missetaten, skandalösen,
bis hin zur höchsten Menschlichkeit.

Dazwischen alle Varianten,
wie man sie sich nur denken kann –
vom liebenswerten Querulanten
bis hin zum schmier’gen Saubermann.

In dieser Flut von Charakteren
sich schließlich nicht auch einer fänd,
der, sein Verständnis zu vermehren,
auf gutem Fuß mit Vögeln ständ?

Ich mein nicht den Ornithologen
in seinem warmen Uni-Nest,
ich mein den Freak, der ausgeflogen
und Schildchen an die Fesseln presst.

Begeistrung: groß, Vergütung: keine.
Indizien für ein gutes Herz.
Man heftet Chips an Vogelbeine
und ortet sie auch anderwärts.

So kennt man ihre tausend Flüge
und weiß, was ihrem Wesen nützt,
und lernt allmählich zur Genüge,
wie man dieselben besser schützt.

Dem Nahrungs- und dem Brutreviere
man liebevoll Intresse schenkt.
Warum? Sind es denn Kuscheltiere,
an denen man zum Schmusen hängt?

‘ne Mantelmöwe dir mal gabel
und streichle sie mit Wohlgefalln,
schon spürst du ihren Adlerschnabel
noch schmerzlicher als Katerkralln.

Drück liebevoll dir an den Busen
‘ne Graugans, von weither gereist,
die kann’s sich einfach nicht verknusen,
dass wie ein Kettenhund sie beißt.

Man muss schon eine Schwäche hegen
für dies Geschöpf im Federkleid,
dass seinen Land- und Wasserwegen
man seine schönsten Stunden weiht.

Und nicht wie Fuzzi mit der Flinte
nur deshalb eifrig nach ihm guckt,
weil seine Lust, die bösgesinnte,
ihm höllisch in den Fingern juckt.

Die Achtung vor dem Wunder Leben,
das sich Millionen Formen wählt,
nur sie mag wem die Kraft wohl geben,
die Tag für Tag ihn neu beseelt.

Altbier

Als Reinheit war noch nicht geboten
mit Wasser, Hefe, Hopfen, Malz,
gab man dem Bier noch Zusatznoten
nicht anders, als der Suppe Salz.

So hat man diese fade Lauge
auf manche Art geschmacksverstärkt,
damit sie auch der Gurgel tauge,
die nur die groben Reize merkt.

Und da ja chemische Substanzen
für diesen Zweck noch nicht parat,
behalf man sich mit tausend Pflanzen –
Natur mit gleichem Wirkungsgrad.

Alraune nutzte man und Winde,
Stechapfel-, Fliegenpilzextrakt,
damit durch kräft‘ge Würze schwinde,
was an der Brühe abgeschmackt.

Auch war um Lolch man nicht verlegen,
gab Kardamom dazu und Zimt
und hat den Gout für derbe Mägen
auch mit Muskat mal abgestimmt.

Doch nicht genug, Linné lässt grüßen:
Was immer wuchs in Feld und Forst,
es konnt den Trank pikant versüßen –
natürlich Gagel auch und Porst.

Die liebste aber dieser Drogen,
die garantiert vom Hocker haut,
das war, akribisch abgewogen,
gewiss das Schwarze Bilsenkraut.

Zwei Fliegen schlug’s mit einer Klappe –
ließ einen rasch beduselt sein
und nahm zugleich auf seine Kappe
des Rauschs abstruse Träumerein.

Es scheint, dass schon bei den Germanen
sich’s eingeträufelt der Poet:
Was erst sein Hirn begann zu ahnen,
beflügelnd mit dem „Skaldenmet“.

Auch unsre Fratres dann, die frommen,
begeist’rungsfähig durch die Bank,
sie konnten nicht genug bekommen
von diesem hausgemachten Trank.

Von „Joseph“ bis zur „Wurzel Jesse“
mehr Inbrunst aus den Kehlen quoll,
und dito warn sie bei der Messe
des Lobes ihres Schöpfers voll.

Te Deum laurel laus laudanum,
so hörte man die Brüder lalln,
aeternis opus oreganum,
zu ihrem eignen Wohlgefalln.

Der Freund von einem edlern Tropfen,
ein Bischof aus betuchtem Haus,
brach eine Lanze für den Hopfen
und gab ‘nen Hirtenbrief heraus.

Da war Matthäi denn am Letzten:
Das Zeug verlor den süßen Trost
und die in Hopfenschlaf Versetzten
das Stimulans zu manchem. Prost!

Am grauen Strand

Da wo die Engel gerne singen
und musiziern nach Herzenslust,
heut einmal keine Geigen hingen
dem Himmel von der blauen Brust.

Es waren eher Kontrabässe
mit ihrem dumpf geächzten Laut,
die ‘nem Gewölk sich voller Nässe
für ihr Lamento anvertraut.

Verhüllt von einem grauen Schleier,
kam heut die Sonne nicht ans Licht –
wahrscheinlich hält der Wasserspeier
da oben nicht mehr lange dicht!

Ein bessres Los hat nur getroffen
das Meer am fernen Horizont;
da war ein Hintertürchen offen,
ein schmaler Streifen noch besonnt.

Und Regen kann es ja nicht schrecken,
der trommelt auf sein Fell nur weich,
ein leichtes Prickeln zu erwecken
und Blasen, die zerplatzen gleich.

Indes der Sturm, der unverfroren
ihm öfter in den Wellen wühlt,
lässt‘s heute einmal ungeschoren
und anderswo sein Mütchen kühlt.

Und seine ungeheure Masse,
die an entrückte Ufer schlägt,
wird wie die Furche der Barkasse
von einem Kräuseln nur bewegt.

November. Doch es drängt die Frage
dem Wetterkundigen sich auf:
Schon einer der halkyon’schen Tage,
der sich verguckt im Jahreslauf?

In dieser unverhofften Flaute
entspannt sich das gestresste Meer
und träumt, wie gern es wieder blaute
dem hohen Himmel hinterher.

Die schöne Stille zu genießen
war auch des Versemachers Zweck –
und selbst die lieben Nachbarn stießen
die Stühle leiser heut vom Fleck.

Wohnungspflege

Wär weiter nichts dran auszusetzen,
fehlt auch noch manches an „famos“,
doch seht euch um an tausend Plätzen –
wo ist ‘ne Bude fehlerlos?

Auch meine von bescheidner Größe
und leidlicher Gemütlichkeit
gibt sich ‘ne kleine, feine Blöße,
die förmlich nach dem Besen schreit.

Den muss ich jeden Tag aufs Neue
und manchmal mehrfach appliziern,
damit gewisse Kreise, scheue,
sich in den Ecken nicht verliern.

Wohin auch immer ich hier schreite,
auf saubrem Boden, wie ich glaub,
die Sohle starrt in ganzer Breite
im Nu von mehlig weißem Staub.

Und kommt der Feger dann zum Zuge,
beharrlich kreuz und quer geschwenkt,
von jeder Fliese, jeder Fuge
ist ihm ‘ne Fussel angehängt.

Kaum hab ich mich mal auf die Schnelle
nur auf dem Absatz umgedreht,
ist prompt schon an die alte Stelle
ein neues Stäubchen hingeweht!

Und auch auf Schränken und Regalen
stellt er sich ungebeten ein,
dass mit dem Finger man könnt malen
gut leserlich bisweilen „Schwein“.

Das Staubtuch als Pendant zum Besen
wischt bis zur letzten Spur ihn weg,
doch morgen, als wär nichts gewesen:
derselbe Schrank, der gleiche Dreck.

Ein Wunder, das nur schwer zu schnallen.
Wo kommt der ganze Segen her?
Er kann doch nicht vom Himmel fallen,
als ob’s das reinste Manna wär!

Und die auf Kohle etwa fußten,
Fabriken, Öfen, Schiffsmotorn,
wie könnten die denn Dreck verpusten –
sie haben hier ja nichts verlorn.

Ist wohl am Strand der Grund zu finden –
der Sand, der in die Ferne strebt,
sobald ein Stoß von Wirbelwinden
ihn heulend in die Höhe hebt,

Um mit dem Salz sich zu vereinen,
das, mit dem Gischt an Land gesprüht,
da auf Asphalt und Pflastersteinen
als unsichtbare Würze blüht,

So dass man diese Spießgesellen,
die auf die Lauer sich gelegt,
in allen Außer-Hauses-Fällen
per Absatz in die Bude trägt?

Vielleicht ‘ne Antwort auf die Frage,
doch keine Lösung fürs Problem.
So sing der Wollmaus alle Tage
ich brummelnd denn mein Requiem.

Um süße Früchte auch zu pflücken,
ich in den sauren Apfel beiß:
Bewegen muss ich mich und bücken –
Gymnastik für den faulen Steiß!