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Dichterliebe

Muss ich erst lange überlegen?
Ein Thema ist im Nu zur Hand;
es kommt mir quasi schon entgegen,
wie von den Musen hergesandt.

Darum muss mir der Kamm nicht schwellen,
als wäre ich grad auserwählt –
brauch nur die Lauscher aufzustellen
und horchen, was die Welt erzählt.

Die schwatzt bekanntlich ohne Ende
und bringt so vieles aufs Tapet,
dass ich genügend Stoff noch fände,
nähm ein Trappist sie ins Gebet.

Was aber wärn die schönsten Themen,
stieß sauer mir das Dichten auf,
dass alle Naslang Zweifel kämen,
ob ich ihm lieber nicht entlauf?

Als könnte je genug ich kriegen!
Ich bin ja in die Kunst verknallt
und renn, ihr an den Hals zu fliegen,
sobald die Abendglocke schallt.

‘ne alte Liebe mittlerweile,
die täglich aber Feuer fängt,
als wäre sie von Amors Pfeile
mir unauslöschlich eingesenkt.

Ich kann die Schöne nicht entbehren,
in deren Arm die Zeit verrinnt,
als würd sie nur Momente währen,
wenn es auch immer Stunden sind.

Natürlich hat man, zugegeben,
wohl auch mal einen schlechten Tag,
wie es in jedem Liebesleben
bisweilen sich ereignen mag.

Dann schließen sich die beiden Seelen
verstimmt in ihren Panzer ein,
indes die rechten Worte fehlen,
sie zügig daraus zu befrein.

Ein Zustand aber ohne Dauer.
Gewiss am nächsten Abend schon
verliert sich diese Schweigemauer.
Gedicht und Küsschen: Finderlohn.

Keine Romanze

keine-romanze-terbrugghenDie du schon lange meinem Lied gewogen,
was immer auch an Weisheit es enthielt –
hat nicht der Wunsch dich, Les’rin, oft betrogen,
dass auch die Liebe eine Rolle spielt?

Die Zeilen, die dein Auge abgeschritten,
sie müssten schon nach Kilometern zähln –
und fanden Herzen nicht, die Sehnsucht litten,
und keine Lippen, die sich Küsse stehln?

Gern will ich dieses Manko eingestehen:
Davon bracht ich nur wenig zu Papier.
Du lächelst Nachsicht? Nein, nicht aus Versehen.
Aus gutem Grunde ja verkniff ich’s mir.

Denn wenn ich dies und das in Verse kleide,
damit es glänz in lyrischem Gewand,
ich die Gefahr nach Möglichkeit doch meide,
dass es zur Wahrheit wird aus zweiter Hand.

Wie könnten ihre Schläge glaubhaft klingen,
wenn nicht die Zunge weiß, wovon sie spricht?
Will sie denn irgendetwas „rüberbringen“,
dann fehle an Erfahrung es ihr nicht!

Doch habe lange ich nichts mehr empfunden,
was ‘ne Notiz in Amors Chronik wert.
Geschlossen sind die alten Liebeswunden,
und auch das Blut vergaß wohl, wie es gärt.

Der Alterstrampelpfad zum Hagestolze:
Verlassen plötzlich auf der Lebensbahn,
weil spröder man und kantiger von Holze,
so wie es Charon braucht für seinen Kahn.

Trotzdem kann meine Tage ich genießen.
Und abends mach ich mir darauf ‘nen Vers.
So mögen sie denn ruhig weiterfließen –
es sei denn, einz’ge Les‘rin, wie wär’s?

Tag der Berufung

tag-der-berufung-francesco-petrarcaVersäumt, ach, diesen Tag zu ehren,
das fällt post festum mir nun ein –
zehn Jahre die Kultur vermehren
sollt Anlass des Gedenkens sein!

Um es konkreter auszudrücken:
So lange ring und reim ich schon
um Verse, die nur selten glücken,
doch stets der Mühe schöner Lohn.

(Ich muss mich hier bescheiden geben –
ein Urteil steht mir ja nicht zu:
Zur Kunst die Zeilen erst erheben
Experten, Leserin, wie du.)

Als ich indes vor ’ner Dekade
die ersten Strophen mir ersann,
wie wusst ich, ob ich auf dem Pfade
Euterpes wacker wandern kann?

Es ist kein Engel mir erschienen
auf eines Höheren Befehl,
der Menschheit fürderhin zu dienen
mit Leich, Terzine und Ghasel.

Es kam mir wohl aus eignem Triebe
und kam mir gleichsam über Nacht,
genau wie jede andre Liebe
aus dunklen Tiefen jäh erwacht.

Doch während Amors süße Pfeile
ihr Ziel verfehln nach kurzer Frist,
währt meine Schreiblust eine Weile,
die sich nach Jahren schon bemisst.

Die Treue kann ich nicht erklären,
mir macht die Sache einfach Spaß,
und keinen Tag möcht ich entbehren,
an dem ich froh zu Verse saß.

(Heißt nicht, ich hab den Bock verloren
auf dralles, pralles Menschensein –
ich bin auf beides eingeschworen
wie weiland Meister Wolkenstein.)

Ha! Kann man so zu Potte kommen?
Ich grapsche grübelnd mir ans Kinn.
Bin in den Redefluss geschwommen
und treibe träge in ihm hin.

Mehr Disziplin ist hier geboten:
Was du zu sagen hast, das sag!
Ich schlürfe also meinen Roten,
auf den verpassten Jubeltag

Und widme dieses Dutzend Strophen
dem Dämon, der mir Kraft verlieh,
dass zwischen Spüle ich und Ofen
noch folg dem Weg der Poesie!

Vorsingen

VorsingenNun denn, mag es auch unnütz scheinen,
ein wesenloser Zeitvertreib,
ich halt mich damit auf den Beinen,
heißt: leidlich frisch an Geist und Leib.

Zum Sammeln bin ich nicht geboren,
was immer fürn Objekt es sei,
und auch die Entenjagd in Mooren
geht locker mir am Arsch vorbei.

Auch Schweinsgalopp auf langen Bahnen
in Läufen der diversen Art
hab anders als die Steinzeitahnen
ich satt und träge mir erspart.

Im Keller an Maschinen schrauben
war ebenfalls noch nie mein Ding,
so wenig wie für Gartenlauben
mein Hobbyherz je Feuer fing.

Mit Leib und Seele mich verschreiben
‘nem Sportverein, der angesagt?
Mir reicht’s, ein fauler Fan zu bleiben,
der mal nach der Tabelle fragt.

Das heißt: So viele Steckenpferde –
und keins, das mir gefallen kann.
Doch statt als Anlass zur Beschwerde
nahm eher ich‘s als Chance an.

So ist es schließlich denn gekommen,
dass ich als hoffnungsloser Fall
die Höhen des Parnass erklommen,
zu üben mich als Nachtigall.

Da sing ich nun ‘ne gute Weile
mit Leidenschaft aus vollem Hals
und weiß doch nicht, ob Amors Pfeile
schon folgten meiner Musenbalz.

Die Schönen geben sich verschlossen,
ihr Herz in Dornen eingefasst,
dieweil des seinen Blut vergossen
der Sänger ohne Ruh und Rast.

Womöglich finden sie zu fade
des Vogels kultivierten Sang,
dem schrillen lauschend der Zikade
von wildem, kakofonem Klang?

Das wäre nicht nach meiner Mütze –
so monoton dahingezirpt
wie neunundneunzig Liegestütze,
durch die man ein Diplom erwirbt.

Da kratzfußbuckel ich doch lieber
noch weiter vorm Kulturpalast –
an Lorbeerlaub ein Kohldampfschieber,
der Höhenluft zumindest prasst.