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Hochgejubelt

Was immer uns die Flimmerkiste
so täglich zum Verkosten preist,
das Thema sei auch noch so triste,
ein Superlativ krönt’s zumeist.

„In X ist nicht der Hund verfroren,
auch wenn der ICE nicht hält –
hier gibt‘s für lust‘ges Nasenbohren
den einzigen Verein der Welt“.

„Den wir heut Abend porträtieren,
Herr Y ist mehr als das:
Er rollt als Einz’ger sich spazieren
in einem Tausendliterfass“.

„Ein Aufstieg hier in schroffe Höhen
ist allemal der Mühe wert –
Refugium von seltnen Flöhen,
von denen sonst kein Schwein erfährt“

Ach, dass kein Highlight ich verschwitze,
muss angestrengt ich grübeln doch –
ich hab’s, na klar, die Kirchturmspitze,
die füllt bequem das Info-Loch!

„Die höchste nämlich hat St. Peter
im Kleckersdorfer Kreisgebiet,
was auf ein Dutzend Kilometer
man schon mit bloßem Auge sieht“.

„Als Landschaft immer hochgepriesen,
doch kulturell wohl eher karg,
blüht jetzt auf betonierten Wiesen
der dritte Skate- und Rollerpark“.

„Im Bach, der sich beschaulich windet
durch seine dicht begrünte Au,
der mordsgeduld’ge Angler findet
mit Glück auch noch den Kabeljau“.

So quetscht man aus der leersten Tube
ein letztes Tröpfchen noch heraus,
das abends in der guten Stube
dann aufgetischt als Augenschmaus.

Ach, seht doch selber in die Seiten
von so ‘nem bunten Wochenheft,
dann werdet kaum ihr noch bestreiten:
Der Hype gehört hier zum Geschäft.

Und wenn wir nur die Hälfte glauben,
sind wir doch doppelt angeschmiert,
wenn just aus dem Programm wir klauben,
was uns ‘nen Schmarren intressiert.

Wie gut fügt das sich in den Rahmen
der heutigen Gesellschaft ein –
dem Marktplatz schreiender Reklamen!
Die Welt, sie will betrogen sein.

Die dümmste Masche

Ob sie das wirklich rausgefunden,
wohl eher in den Sternen steht –
doch bieten ihren Fernsehkunden
die Sender Super-Qualität.

Was immer sie auch präsentieren
in Dokus jeglicher Couleur,
es ähnelt einem Grand mit vieren,
Kreuz Bube, Pik und Karo, Cœur.

Kein Wunder, dass zu Bergen grade
es ihre Teams zum Filmen zieht,
in deren zackiger Fassade
man schön die Gipfel übersieht.

Man muss nicht lange überlegen,
um wen die Luft am dünnsten weht,
man weiß nach wen’gen Wimpernschlägen:
Der ist’s, und da wird auch gedreht.

Kaum macht man’s mal ’ne Nummer kleiner,
schon schüttelt sich der Intendant –
denn werden erst die Themen feiner,
geht’s Michel über den Verstand.

Viel besser ist es, ihn zu füttern
mit Super- und mit Elativ,
um seine Seele zu erschüttern,
die nichts sonst aus dem Schlummer rief.

Und wie bei Bergen, so bei Flüssen:
Wer schenkt ’nem Winzling seine Zeit?
Man wird den längsten zeigen müssen,
europa-, deutschland-, erdenweit.

Will einen Wagen man beschreiben,
nimmt man nicht irgendeinen nur –
den mit den dicksten Panzerscheiben,
mit dem sogar der Papst schon fuhr!

Die allerschönste Frau auf Erden –
dem Anblick widersteht kein Mann;
nur schnell Miss Universum werden,
schon klopft der Sender bei dir an.

Er rät die auch in puncto Reisen,
wenn dich die Wanderlust befällt,
und wird dir seine Liste preisen
mit den erstaunlichsten der Welt.

Auch Tiere sind nicht ausgeschlossen
von diesem elitären Spiel –
sei’s wegen größter Rückenflossen,
sei’s als das klügste Krokodil.

Soll Pflanzen man damit verschonen?
Mehr Unterschiede gibt’s ja kaum!
Was ist ein Wald von Anemonen
gegen den höchsten Mammutbaum?

Und schließlich die Millionen Bauten,
von Menschenhand geformt aus Stein?
Für diese schlichten, altvertrauten
erwärmt sich heute doch kein Schwein.

Nur wenn sie samt Antennenspitze
sich bohren bis ins Himmelblau,
reißt es Herrn Meier noch vom Sitze,
selbst schnarchend vor der „Tagesschau“.

Der Freund von Pils und Jägerschnitzel,
der weidlich Krimis konsumiert,
braucht einfach einen Nervenkitzel,
dass er die Kucklust nicht verliert.

Und folgerichtig sich vermehren
gleich einem blühenden Ekzem
die Themen, die wie Krimis zehren
auf ihre Weise vom Extrem.

Da geht die ganze Ehrfurcht flöten
vor dieser Schöpfung aus dem Licht –
statt vieler Quappen gelten Kröten
als einz’ge Münze von Gewicht.

Der Schöpfung bunte Kreationen
sind alle von so einz’ger Art,
dass unsre Gier nach Sensationen
die ganzen Wunder nicht gewahrt.

Und die Natur selbst ist bescheiden
und tut mit ihrer Kunst nicht groß –
den Löwenzahn nährt auf den Weiden
sie wie den Leu im Wüstenschoß.