Archiv des Autors: reiner

Weltoffen

Empfängt man sie mit offnen Armen,
zeigt man die Zähne ihnen eh’r?
Die einen haben wohl Erbarmen,
die andern stelln sich lieber quer.

Wenn Menschen aus der Heimat fliehen,
weil Krieg und Elend ihnen reicht,
sie haben’s selbst, wenn nicht verschrien,
auf fremdem Boden niemals leicht.

Auch wenn da Milch und Honig fließen
und keiner mit der Knarre knallt,
ihr ganzes Hab und Gut sie ließen
und finden neues nicht so bald.

Statt der geliebten Möbelstücke
sie kaltes Mauerwerk umhüllt,
das fast bis auf die letzte Lücke
mit Spind und Pritsche angefüllt.

An ihrem Gastland zwar gemessen
lebt es sich nun in großer Not,
ein schönes Märchen weiß indessen:
noch immer besser als der Tod.

Und dessen künft’ge Musikanten,
Esel und Katze, Hund und Hahn,
sie hatten es ja mit Briganten
zu tun auf ihrer Lebensbahn.

Ein Flüchtling aber mit Faktoten
von meist geringem Feingefühl,
die oft bereit, ihn auszubooten
aus seinem sicheren Asyl.

Allein schon die Formalitäten!
Zig Stunden fürn Behördengang!
Der auch noch zeigt, dass ungebeten,
wer über ihre Schwelle drang!

Wie leicht kann da es nicht passieren
(ein Nachweis fehlt!) zum bösen Schluss,
dass noch einmal antichambrieren
wer ewig und drei Tage muss!

Enttäuschung. Wut. Und sogar Tränen.
Man kann sich anders ja nicht wehrn.
Indes sich höchst bedeutsam wähnen
Beamte, wenn sie wen belehrn.

Die schön verbriefte Menschenwürde
steht auf geduldigem Papier –
wie dumme Schafe in der Hürde
blökt oft man an „Petenten“ hier.

Da fragt sich mancher noch betroffen,
woher der Fremdenhass denn stammt –
den vielen, die auf Hilfe hoffen,
begegnet er schon auf dem Amt!

Sofern wir kritisch dies bedenken,
fällt uns die Antwort nicht mehr schwer.
Wohin wir auch den Riecher schwenken:
Der Fisch, er stinkt vom Kopfe her.

 

Immer nur lächeln

Sich vorteilhaft zu präsentieren,
setzt jeder gern ein Lächeln auf,
vor allem beim Fotografieren
fürn Ausweis und fürn Lebenslauf.

Doch auch in tausend Augenblicken
ganz ohne Anlass oder Ziel
pflegt man am Image gern zu stricken
für ein gefälliges Profil.

Und alle Welt fänd es auch schade,
wenn jede Miene frostig wär,
obwohl sie weiß, nur die Fassade
zeigt so man in der Regel her.

Denn würd sein Herz man offenbaren
so unverkennbar im Gesicht,
man würde schwerlich sich bewahren
vorm Stab, der über einem bricht.

So wiegen wir uns traumverloren
in einer schönen Illusion,
indes uns täglich kommt zu Ohren
die nackte Wahrheit ihr zum Hohn.

Die Kirche: Wo zum Himmel rauchen
die Wolken süßer Frömmigkeit
und Hirten Lämmer oft missbrauchen,
die ihrer Sorge man geweiht.

Beim Camping: Wo auf grüner Wiese
man abends seine Würstchen grillt
und weitere Gelüste, fiese,
an kleinen Nachbarskindern stillt.

Im Sportclub: Wo der Coach und Trainer
die Küken zünftig unterweist
und angesichts der Leiber jener
sich häufig nicht am Riemen reißt.

Dies sind nur einige Exempel,
von denen man bisweilen hört,
liegt unterm Sofa à la Hempel
doch noch viel mehr, was uns empört.

Muss das nicht den Verdacht erwecken:
Von alln, die auf der Straße gehn,
hat der und jener Dreck am Stecken
und lässt die weiße Weste sehn?

Wohl wahr. Doch wichtiger die Frage:
Was unternimmt der Staat dabei?
Bekämpft er die Ganovenplage
mit aller Macht und Polizei?

Auch wenn’s den Kleinen etwas brächte:
Er lässt den Dingen ihren Lauf,
nimmt nicht mal ihre UNO-Rechte
ins Grundgesetz zur Stärkung auf.

Und seine führnden Funktionäre
verharrn nicht nur bei ihrem Nein,
erörtern gar, ob’s besser wäre,
man buchtet Kinder früher ein!

Auch dieser Wind weht aus ‘ner Ecke,
von der wir Kummer schon gewohnt
und die zum Propaganda-Zwecke
ihr C wie „Christlich“ sehr betont.

Wie soll das mit dem C denn klappen,
wenn Kindern man mehr Schutz verwehrt?
Muss gleich mir mal die Bibel schnappen –
vielleicht versteh ich was verkehrt.

Seefahrt in Not

In ungezählten Feierstunden,
wenn der Historie man gedenkt,
der Redner stolz und unumwunden
die Sprache auf die Heimat lenkt.

Und singt sein Loblied auf die Werte,
die hoch man heut in Ehren hält,
da lang doch die Geschichte lehrte,
wie schlecht um diese es bestellt.

Bei so viel edleren Gefühlen
(„christlich, human und hilfsbereit“)
wälzt sich bis zu den letzten Stühlen
‘ne Woge der Zufriedenheit.

Doch stehln wir uns auf leisen Sohlen
mal fort aus der Festivität,
erkennen wir gleich unverhohlen,
wie’s wirklich um die Dinge steht.

Man nehm ein Boot, das vollgeladen
mit Menschen, die verzweifelt sind –
die Humanität, schon geht sie baden:
„Soll es doch sehn, wo’s Rettung find‘t!“

Ob irgendwer in Wind und Wellen
sein Leben wie ein Hund verliert –
(man hört die Schreie ja nicht gellen)
die Ob’ren wenig intressiert.

Bleibt leider noch hinzuzufügen:
Des Menschen Herz war stets aus Stein;
geschickt verbirgt er’s hinter Lügen,
Versprechungen und Heuchelein.

Ein Rückblick: Just vor achtzig Jahren
warn’s Juden, die von Hamburg her
dem Wüten völkischer Barbaren
entkommen wollten übers Meer.

‘ne Irrfahrt ist daraus geworden:
die „Staaten“, Kuba, Kanada,
wo man wie bei den Nazi-Horden
sich unerwünscht und lästig sah.

Am Schluss die höchste aller Strafen:
Ein „Rolling home“ ins Mutterland –
bis doch noch dann Antwerpens Hafen
dem Rettungsdampfer offenstand.

Gut hundert Jahre rückwärts springen
heißt’s zu ‘nem ähnlich schlimmen Fall:
Da wollt man neue Siedler bringen
von Frankreich in den Senegal.

Dann Schiffbruch kurz vor dessen Küste!
Die Rettungsboote reichen nicht!
Zum Sterben, Freunde, man sich rüste –
Minuten, bis der Rumpf zerbricht!

Indes noch Zeit, ein Floß zu bauen
als einzig mögliches Rezept,
das voller Männer, Kinder, Frauen
ein Schwesterschiff dann mitgeschleppt.

Doch kam’s nur langsam von der Stelle
mit seiner schweren Last am Heck,
da kappte so ein Mordgeselle
zum Floß die Leine einfach weg!

Und steuerlos umhergetrieben,
verzweifelnd, dass man Land gewann,
haben sie dort sich aufgerieben
bis beinah auf den letzten Mann.

Des Dreierkonvois Kommodore
bekam drei Jahre Festungshaft.
Heut schießt man eh‘r mit vollem Rohre
auf jede Seenotrettungskraft!

Und die Italo-Schreibtischtäter,
die Paragrafen rezitiern,
sie wolln, dass Mütter, Kinder, Väter
„legal“ im Ozean krepiern.

Man nennt die Brüder „Populisten“
und trifft genau den Sachverhalt:
Sind wie Millionen Pseudo-Christen,
die Mitleid schrein und sän Gewalt.

Vgl. Die Irrfahrt der „St. Louis“, !939,
und Théodore Géricault, „Das Floß der Medusa“
(Gemälde 1819, Louvre)

 

13. Juli 2019

Meine Straße

Wenn morgens ich nach draußen schaue,
rollt sie nach links in Richtung Stadt,
und während ich noch darauf baue,
hat sich gewendet schon das Blatt.

Dann zieht die quirlige Kolonne
genauso rasch im Gegensinn
zum zücht’gen Ziele ihrer Wonne,
des Tages Feierabend hin.

Auf einem und demselben Wege?
Was wär das für ein Phänomen?
‘ne Einbahnstraße nahe läge –
doch solcherart nicht vorgesehn.

Sehr richtig. Doch in diesem Falle,
der weltweit seinesgleichen sucht,
hat für das Leben man, das pralle,
die Piste doppelt gleich gebucht.

Zu ausgeschildert festen Zeiten,
die von Experten wohldurchdacht,
kann übern Asphalt man hier gleiten
bei Tage so und so bei Nacht.

Im steten Wechsel einer Tide
fließen die Ströme hin und her,
nur mit dem kleinen Unterschiede:
Das, was hier flutet, ist Verkehr.

Na schön, da kann man wohl nur hoffen,
dass allzeit hier herrscht gute Fahrt,
stehn weit doch alle Tore offen
für Kollisionen jeder Art!

Ich hab indes mir sagen lassen,
das läuft hier schon seit Jahren so,
und trotz immenser Automassen
passiert nicht mehr als anderswo.

Da hat man also klugerweise
sich diesem Rhythmus angepasst
und eh man einfährt in die Schneise,
die Uhrzeit schon bewusst erfasst.

Der Radler, der auf dieser Straße
beherzt in die Pedale tritt,
kriegt wohl nur in bescheidnem Maße
den Zauber ihrer Wandlung mit.

Er strampelt fleißig seine Strecke
mit angeschwollner Wade ab
und starrt nur auf die nächste Ecke,
dass keiner ihm die Vorfahrt schnapp.

Hält häufig sogar sich zugute,
von Regeln sei er ganz befreit,
und sucht sich seine eigne Route
im Zeichen der Bequemlichkeit.

Rücksicht auf andere? Von wegen!
Wie oft schon bretterte per Bike
ein Geisterfahrer mir entgegen
hier mitten auf dem Bürgersteig!

Mal ehrlich

Ist mehr man als ‘ne Eintagsfliege,
lebendig nur, solang es hell,
und macht nicht selber bald die Biege
aus diesem irdischen Hotel?

Ob ein paar Stunden oder Jahre,
der Unterschied ist nicht die Welt,
das Körperkleid nur Dutzendware,
die garantiert nicht ewig hält.

Zuerst verblassen ihm die Farben,
so dass es nach und nach ergraut,
dann zeigen Löcher sich und Narben
im fadenschein’gen Stoff der Haut.

Am Ende schäbig und verschlissen,
geflickt und völlig ausgelaugt,
gleicht’s einem Lappen, der zerrissen
noch bestenfalls zum Wischen taugt.

Das war’s dann auch schon mit dem Leben
in einer lichten Gegenwart,
die Leiblichkeit hat abzugeben,
was sterblich ist – auf seine Art.

Aus heitrem Himmel stürzt der Brummer
entkräftet in ein Gräsermeer,
indes der Panzerkreuzer „Hummer“
im Kessel landet zum Verzehr.

Auf steinigem und staub’gem Grunde
der Käfer seine Fühler streckt,
das Haselhuhn mit blut’ger Wunde
in eines Fuchses Fang verreckt.

Ein Fischlein, von der Flut gehoben,
das gern so fortgewiegt sich hätt,
schwimmt plötzlich mit dem Bauch nach oben
in seinem Wassertotenbett.

Der Leu selbst, der in guten Zeiten
dem Büffel gar im Nacken saß,
lässt seinen Klaun das Kitz entgleiten
und beißt dafür ins Steppengras.

Der Mensch hingegen, der hienieden
geborn in ein Elysium,
lebt mit sich selber nicht in Frieden
und bringt sich hundertfältig um.

Wenn nicht, wird ihn das Alter fällen,
dem alle Lebenskraft enteilt,
falls ihn nicht schon ums Dasein prellen
die Leiden, die der Tod nur heilt.

Das kann die Hoffnung ihm nicht rauben,
die stirbt ja, wie es heißt, zuletzt,
drum hält er sich an einen Glauben,
der unbeirrt auf Wunder setzt.

Die aber sind nicht vorgesehen
auf diesem ganzen Erdenball,
mag sich auch plustern und sich blähen
der Sapiens als Sonderfall.

Nichts unter allen Kreaturen,
was auf ‘ne ew’ge Seele weist –
und wittert jener dennoch Spuren:
zumindest auf Erfindergeist!

Klimaschutz mit Knüppel

Zum Glück gibt’s noch Idealisten,
die nicht nur zu Ideen stehn,
sondern um Ställe auszumisten,
auch lautstark auf die Straße gehn.

Ein Grundrecht, das die Obrigkeiten
an jedem Feiertag beschwörn,
wenn sie vor Mikrofone schreiten,
dass Hunderttausende sie hörn.

Doch kommt es dann zur Nagelprobe,
sieht alles schon ganz anders aus:
Der Richter richtet seine Robe,
der Rechtsstaat holt die Keule raus.

Beim Klimaschutz die gleiche Chose:
Man fordert Taten vehement –
die Politik wirft sich in Pose:
„Auch uns er untern Nägeln brennt.“

Nur ein Bekenntnis von der Lippe.
Man braucht die werte Wählerschaft,
damit auch weiter an der Krippe
sein fettes Fuder Heu man rafft.

Doch abseits aller Theorien
ist ja das Leben sehr konkret
und schon bis zu dem Punkt gediehen,
wo’s ziemlich auf der Kippe steht.

Um nur ein Beispiel zu erwähnen:
Ein Ort, der sichtbar dies belegt,
ist der, wo man mit Baggerzähnen
der Erde offne Wunden schlägt.

Und wo sich (ohne siebte Sohle)
der Tagebau in Felder spreizt
und derart wegen und für Kohle
mit dieser die Natur verheizt.

Dagegen muss man protestieren.
Dem Staat fällt das im Traum nicht ein.
Er will Gewinne maximieren,
auf welchem Mist sie auch gedeihn.

Schon sammelt fleißig und beflissen
in großer, lockrer Formation
die von der Zukunft sonst beschissen,
die Jugend sich ums Megafon.

Der Staat indes, mit süßer Zunge,
doch mit verbittertem Gemüt
steht schon bewaffnet auf dem Sprunge,
dass Machtverluste er verhüt.

Da hat man leicht prophetisch unken:
Protestler hier, da Staatsgewalt,
es braucht nur einen einz‘gen Funken,
dass wem die Sicherung durchknallt.

Schon kommt’s zum Hauen und zum Stechen,
die Polizei, „in Treue fest“,
um Faustrecht gleich vor Ort zu sprechen,
dem Schlagstock große Freiheit lässt.

Das sind die altbekannten Schergen,
Faktoten jeder Obrigkeit,
die, ihre Mitschuld zu verbergen,
gern deren Knüppeltourn verzeiht.

Will der Natur sie wirklich nützen
wie jeder andre Aktivist?
Sie lässt auf ihre Art sie schützen –
dass alles bleibt, so wie es ist.

Wichtiger Termin

Kein Abend von der Sorte heute,
wie ich seit ewig ihn gewöhnt,
dass Schlafsand über mich er streute,
bis meinen Sang ich ausgestöhnt.

Auch jetzt ich meine Zeilen ziehe
im Rhythmus, wie ihr Fuß enteilt,
indessen ich die Rebe fliehe,
die sonst an meinen Versen feilt.

Auch Mitternacht ist nicht die Grenze,
die frühestens ich überschreit,
wenn Tinte ich und Tinto lenze
im Vollbesitze meiner Zeit.

Heut muss ich früher in die Federn,
noch vor besagter Geisterstund,
als kurte ich in teuren Bädern
mit Schlaf und Wasser mich gesund.

Denn morgen heißt es sich erheben
beim zweiten, dritten Hahnenschrei
und nicht wie sonst im Kissen kleben,
bis schon die liebe Post vorbei.

Mit wachen, ausgeschlafnen Sinnen
will ich dem Tag entgegenziehn
und dem besonderen Beginnen
an diesem wichtigen Termin.

Das klingt verdächtig nach Examen,
bei dem nur so die Birne raucht
und, dass die Kräfte nicht erlahmen,
man erst einmal Erholung braucht.

So ähnlich. Doch auf alle Fälle
‘ne Sitzung, die was abverlangt,
hat wo man eine wunde Stelle,
die man ‘nem faulen Zahn verdankt.

Dann gilt es nämlich stillzuhalten
wie ein Rekrut in Reih und Glied,
bis sich die Spritzen voll entfalten
und extrahiert der Störenfried.

Die rücklings aufgebockte Lage,
die Stocherei im Rachenraum,
was immer ich auch sonst vertrage,
doch solche Backenstreiche kaum.

Erleichterung, wenn’s überstanden
und von den Schmerzen ich befreit;
doch werd hier wohl noch öfter landen –
er ruht ja nicht, der Zahn der Zeit.

Denkvergnügen

Mit jedem Tag, den ich durchmesse
in Richtung auf ein vages Ziel,
verlier ich immer mehr Intresse
an manchem, was mir einst gefiel.

Was als Vergnügen ich genossen
im Dienste meiner Sinnlichkeit,
find ich nun fade und verschossen
geich einem abgetragnen Kleid.

Was mir als Wettkampf imponierte,
als Schauspiel mich bezaubert hat,
was mich entspannte, amüsierte –
ich hab es jetzt auf einmal satt.

Wie kann mich neuerdings verdrießen,
wonach ich früher mich verzehrt?
Sind nicht mehr fähig, zu genießen
die Sinne, vom Verstand belehrt?

Ist etwa ihre Kraft gebrochen,
dahingeschmolzen mit der Zeit,
dass sie auf kleiner Flamme kochen
die Proben ihrer Tauglichkeit?

Vielleicht auch dass nach all den Jahren,
da sie vor Eifer überquolln,
sie schließlich Ruhe nun bewahren
und endlich sich erholen wolln?

Womöglich ist’s auch Langeweile,
die jetzt massiv sie übermannt,
da ihnen nunmehr jede Zeile
im Buch des Lebens schon bekannt?

Kann sein. Ich bin da ja befangen.
Doch am wahrscheinlichste ich find,
dass spät ein Licht mir aufgegangen,
wie tückisch die Vergnügen sind.

Mit ihren flitterhaften Freuden
ziehn sie uns ständig in den Bann,
dass sinnlos wir die Zeit vergeuden,
die man doch besser nutzen kann.

Sind wir in diese Welt geboren
als Babys ohne Geisteskraft,
dass wir als ausgewachsne Toren
dereinst auch wieder hingerafft?

Es gibt so viele offne Fragen
und auch so viel, was fraglich ist,
dass selbst ein wissensdurst’ger Magen
sich niemals daran überfrisst.

Wer immerfort nach Sensationen
und prickelnden Genüssen giert,
will’s Hirn mit Denken wohl verschonen,
das bittre Früchte auch gebiert.

Altersschwächeln

Es kriegt dich früh ja schon beim Wickel
die Krankheit, die man Altern nennt,
doch anders als so’n dicker Pickel
ganz unauffällig und dezent.

Kein Zeichen äußerer Symptome,
kein Schmerz, von ‘nem Organ genährt.
Der Pykniker, der Leptosome
fühlt körperlich sich unversehrt.

Doch irgendwann im Lauf der Jahre,
am Morgen: „Spieglein an der Wand,
wer bitte hat die schönsten Haare?“ –
bist du der Graueste im Land.

Dann häufen sich die Defizite,
das Auge und das Ohr erschlafft,
und beide zahlen nur noch Miete
dem Leib nach ihrer Leistungskraft.

Jetzt spür ich’s auch schon in den Knochen,
als wär der Wurm da plötzlich drin –
wie kläglich bin ich heut gekrochen
über den Zebrastreifen hin!

Wolln mir die Beine etwa sagen,
nicht mehr auf gutem Fuße stehnd,
dass sie nicht willens, mich zu tragen
noch in mein künftiges Jahrzehnt?

Wär schrecklich, aber zu verschmerzen.
Ich hockte mich wie eh und je
im Duft der Reben und der Kerzen
gemütlich auf mein Kanapee,

Um meine Verse fortzukrakeln
in der bisherigen Manier,
sofern ich in den Armtentakeln
nicht auch noch alle Kraft verlier.

Und, beinah hätte ich’s vergessen:
Mein Musenhirn bleibt auch nicht jung.
Ich hoff, noch lang es auszupressen
vor seiner Götterdämmerung.

Hühnerklein

Es sind nicht grad die Borstenviecher
sein idealer Lebenszweck,
doch dafür hat er einen Riecher
fürn Goldgeruch von Hühnerdreck.

In Tausenden genormter Zellen
der Züchter seine Hennen hält,
um so en gros bereitzustellen
den Eiersegen, der da fällt.

Ich würd ihr Los nicht gerne teilen,
denn Fließbandarbeit find ich doof,
auch das nicht derer, die bisweilen
noch Freigang haben auf dem Hof.

Schon gar nicht aber das der Hähne,
die’s Eierlegen nicht gelernt
und die man folglich aus der Szene
(„Nicht auszuschlachten“) schnell entfernt.

Doch nicht auf die „humane“ Weise,
dass ihnen Leiden man erspar –
in diesem rauen Wirtschaftskreise
ist ja der Mensch noch ganz Barbar.

Da schlüpft ein Küken aus der Schale,
in dieser Welt sich umzuschaun,
und landet gleich beim ersten Male
im Müll zerhäckselt und zerhaun.

Es ist ‘ne himmelschrei’nde Schande,
so mit Geschöpfen umzugehn,
doch die Gesetze hierzulande
auf Seiten mehr der Schlächter stehn.

Geschäft gewogen gegen Leben:
Der Fall wird damit meist gelöst,
dem „Unternehmer“ recht zu geben –
egal wie der gesund sich stößt.