Archiv der Kategorie: Gesellschaft

So was wie Fallobst

So was wie FallobstHeut hatt ich auf dem Einkaufszettel
auch eine Birne mir notiert,
da über Herd und Schneidebrettel
die nicht mehr glühte wie geschmiert.

Mit einem Seufzer jäh verblichen,
nach langer Treue durchgebrannt,
hab ich sie aus dem Sinn gestrichen,
als ich die Fassung wiederfand.

Doch in der Küche so im Dunkeln
geht’s ohne Fingerschnitt nicht ab,
da muss einfach ein Lichtlein funkeln,
damit man nicht in Fallen tapp.

‘ne „Vorrede auf dem Theater“.
Da nötig, hier Geschwafel nur.
Das Kind indes, des Mannes Vater,
schätzt immer noch die Quasseltour.

Kurzum, ich hab so ‘n Ding gefunden
in meinem Lieblingssupermarkt,
das extra da für Schnäppchenkunden
im Sonderpostenpool geparkt.

Das Gute dran: Ein nettes Wesen,
das in dem Laden da zu Haus,
hat mich, den Irr’nden, aufgelesen
und fischte mir die Ware raus.

Das Schlechte folgte auf dem Fuße:
Kaum heimgekehrt am Strand entlang,
zog aus der Schachtel ich in Muße
ein Lichtobjekt – das gleich zersprang!

 

Frank und frei

Von der Leber wegSei es im Urlaub, sei’s zu Hause,
da gibt es keinen Unterschied –
das ganze Land ‘ne Dichterklause,
in die man sich zum Reimen flieht!

Kein Schnüffler pocht dir an die Pforte,
dein stilles Schaffen zu vergälln,
kein Zensor fordert zum Rapporte
Geschriebenes, dich bloßzustelln.

Gedanken lässt man und Gefühlen
nach Gusto einfach freie Fahrt
und kann auch mal sein Mütchen kühlen,
sofern dabei die Form gewahrt.

Kein Terror mehr von Staatsorganen,
die auch den kleinsten Freiheitsdrang
in Worten ihrer Untertanen
mit Kerker ahnden lebenslang.

Kein Terror mehr von Klerikalen,
„aus Liebe“ so in Hass entflammt,
dass sie zu mörderischen Qualen
den kleinsten Widerpart verdammt.

Es ist, o saeculum, zu leben,
auch heute eine wahre Lust.
Man braucht den Griffel nur zu heben
und nimmt sich alle Welt zur Brust.

Nun ja, auch diesmal mischt sich Galle
ins Bild, das auf Europa passt:
Das Maul aufreißen könn’n nicht alle –
der halbe Globus ist ein Knast.

Ausflug ins Grüne

Ausflug ins GrüneZu dritt ‘ne Ausfahrt in die Hügel.
Es blühen Ginster und Kakteen
im frischen Hellgelb von Geflügel,
wie es bei Küken schön zu sehn.

Die beiden haben viel zu schwatzen.
Beharrlich zieht der Jeep bergauf.
So manchen Kurve muss er kratzen.
Das Wortgefecht nimmt seinen Lauf.

Dann kommt ‘ne Scheibe auf den Teller,
‘ne volle Dröhnung Retro-Pop.
Bei dem Getrommel und Geträller
herrscht erst einmal Geschwafelstopp.

Geschafft! Der Kirchplatz, die Taverne.
Entspannt die Beine ausgestreckt.
Auch etwas essen? Bitte, gerne.
Man schmatzt und weiß, wo’s besser schmeckt.

Der Abstieg wieder mit Musike.
Die Hänge rings, von Wuchs verwöhnt,
sie gehen unter im Gequieke,
das kreischend durch die Karre tönt.

Dann ist das Pensum ausgesungen
und Stille schmeichelt deinem Ohr –
doch kurz nur, bis aus vollen Lungen
die beiden schnattern wie zuvor.

Natur ham die nicht auf der Liste,
nur Knete oder Futtern zählt –
da hab mit meiner Vorschlagspiste
den Grüneffekt ich glatt verfehlt!

Alles im Griff

Alles im GriffEr ruht in sich und seinem Leibe,
strahlt Würde aus, Gelassenheit;
bewegt sich wie ‘ne Zahnradscheibe
gemessen nur in Raum und Zeit.

In allem lässt Vernunft er walten,
hat Gründe jederzeit zur Hand,
um Meister Zufall auszuschalten
als Größe, die ihm unbekannt.

Um eine Antwort nie verlegen,
verkehrt mit Blaumann er und Frack.
Fehlt es an Wissen ihm hingegen,
ersetzt er’s durch ‘nen flotten Schnack.

Ganz oben auf der Lebensliste
platziert das Geld er frohgemut
und pult aus seiner Mottenkiste
zur Schau auch etwas Bildungsgut.

Um zu berlinern: Ihm kann keener.
Er sieht sich selbst im schönsten Licht.
Ich glaub, er war mal Jugendtrainer.
Mehr sag ich dazu weiter nicht.

Natürlich lässt auch an den Frauen
als Kenner er kein gutes Haar,
obwohl er doch („ganz im Vertrauen“)
zu jeder Zeit ihr Liebling war.

Ich werd ihn morgen wiedersehen,
den Tausendsassa, Crack, Filou,
den, der vom Kopf bis zu den Zehen
ein Mann von Welt. Mit Loch im Schuh.

Historische Verklärung

Historische VerklärungEr ist ein Freund der großen Pose.
Er plustert sich im Machtgefühl.
Bestimmt millionenfach die Lose
lebend’ger Wesen nach Kalkül.

Der Mensch ist ihm ‘ne bloße Nummer,
die kritisch er ins Auge fasst
und tilgt allein mit diesem Kummer:
dass sie nicht in die Rechnung passt.

Er will den Beifall einer Masse,
die einen Fliegendreck ihm gilt
und mit der Peitsche der Erlasse
aufs Männchenmachen nur gedrillt.

Er hat das Augenmaß verloren.
Der Jubel, den er selbst geschürt,
klingt ihm so lieblich in den Ohren,
als ob er einem Gott gebührt.

Er hat ‘nes bösen Kindes Seele
voll Eitelkeit und Größenwahn,
doch mächtig, dass er damit quäle
nach Willkür jeden Untertan.

Wenn man nach vielen Tyranneien
ihn endlich in die Grube senkt,
wird seine Krallen man bespeien,
weil sie die Welt mit Blut getränkt.

Doch nicht mal fünfzig Jahre weiter
(in der Geschichte so der Satz)
hat auf der großen Heldenleiter
der Schurke einen Ehrenplatz!

Auch ‘ne Kehrseite

Auch 'ne Kehrseite2Nicht überall herrscht hier Idylle,
wenn auch zum größten Teil gewiss –
mit See und Sand und Palmenfülle
und mit der Berge Schattenriss.

Doch unweit nur vom Uferstreifen
mit seinem Bilderbuchgesicht
zieht sich die Piste hin der Reifen,
die Bahn sich durch die Häuser bricht.

Da donnern ewig die Motoren
mit ungebremster Kolbenkraft
betäubend in die wachen Ohren
der leidgeprüften Bürgerschaft.

Und Hupen, Heulen, Türenschlagen
als Folge dieser Blechmanie
bemühn sich Töne beizutragen
zum kakophonen Potpourri.

Die Burschen auf den Feuerstühlen
am besten sich auf Lärm verstehn
und, wahllos Nerven aufzuwühlen,
gern tierisch in die Eisen gehn.

Das ist die alte Küstenstraße,
die umso lieber man befährt
als sie zum Flitz- und Knatterspaße
auch manchen Ausblick noch gewährt.

Dagegen ist kein Kraut gewachsen.
Kaum draußen, steh ich im Verkehr.
Drum schieb ich lieber meine Haxen
zur Hintertür hinaus – zum Meer.

Eine Art Frühsport

Eine Art FrühsportDie Sonne zeigte sich im Osten
ein Stück erst überm Horizont,
da ging, die Frühe auszukosten,
ich an des Meeres breiter Front.

Im frischen, unverbrauchten Lichte
erstrahlte mir der junge Tag
wie jener Gott, dem ins Gesichte
man wohlweislich nicht blicken mag.

In stummem Fluge Möwen kurvten
über dem schimmernden Revier,
als ob sie noch nicht stören durften
ihr schuppig-scheues Beutetier.

Und einer auf des andern Sohle
in aufgeregter Prozession
fuhrn Dampfer Richtung Hafenmole
zur Morgenmesse: Fischauktion.

Nur wenig Leute auf dem Wege.
Paar Jogger frönten ihrem Sport.
Ich setzte meine Muskelpflege
mit zielbewussten Schritten fort.

Dann war ich endlich angekommen
und kriegte meinen Wanderpreis:
Ein Hemd, das Flecken angenommen,
und Achseln, die getränkt von Schweiß.

Doch kam’s noch dicker, keine Bange:
Ausländeramt Torre del Mar.
Drei Stunden in der Warteschlange –
fürn Fünf-Minuten-Formular.

Rezeptfrei erhältlich

Rezeptfrei erhältlichWie? Wunschlos bis du und zufrieden?
Beneidenswert. Wie machst du das?
Das Höchste ist es ja hienieden,
dass man sein Glück beim Schopfe fass!

Lass mich mal auf den Busch dir klopfen:
Du bist Gourmet und Nimmersatt
und stets bereit, dich vollzustopfen
bis zum „Mäh, mäh, ich mag kein Blatt“?

Nein? Reicht es dir, im Kumpelkreise
zu klönen und ins Glas zu schaun
und in bewährter Stammtischweise
Luftschlösser in den Qualm zu baun?

Vielleicht bist du ‘ne Sportskanone
wer weiß von welcher Disziplin
und schaffst dir laufend die Hormone,
die Hochgefühle nach sich ziehn?

Womöglich macht es dir Vergnügen,
mit Koffer aufn Zwutsch zu gehn
und mittels Wagen, Fliegern, Zügen
dich auf dem Globus umzusehn?

Nun, jeder würde wohl beteuern
als beste Regel: Gern und oft.
Doch kann man Glücksmomente steuern?
Sie kommen ja auch unverhofft.

Da steh ich nah ‘ner Haltestelle.
Ein Bus stoppt, jemand geht von Bord.
Ein Lächeln seh ich auf die Schnelle.
Zwei schöne Augen fahren fort.

 

Leider trügerisch

Leider trügerischWas für ein einz’ges breites Lächeln
spielt heute um den Erdenmund!
Die Sonne glüht, die Winde fächeln,
das Meer macht seinen Buckel rund.

Der Strand ist vollgespickt mit Leuten.
Sie schreien, sie bewegen sich.
Und ruhn auf blauen Bärenhäuten
mit Salben gegen Mückenstich.

Am mutigsten die Wasserratten.
Die tauchen schon bis an die Brust
in diese kalten, spiegelglatten
Verkünder reiner Badelust.

Weit draußen ein paar Segel schieben
sich schleppend vor im lauen Wind.
Als Maler müsste man sie lieben,
weil sie fast unbeweglich sind.

Beschauliche beim Biere sitzen
im schattenreichen Strandcafé,
Gedanken träge auszuschwitzen
in das geduld’ge Ohr der See.

In diesem Sinn: Recht freundlich bitte!
Als hätt dies Gott sich ausgedacht,
der heimlich hier in unsrer Mitte
ein Bild sich seiner Schöpfung macht.

Wie’n Schnappschuss aus dem Paradiese.
Doch abends, wenn wir Glotze sehn:
Ein Globus in der Dauerkrise.
‘ne Hölle eh’r. Anthropogen.

Der Herr Professor

Der Herr ProfessorIn sein Gehäuse eingesponnen
von Hypothesen und Ideen,
sieht den Professor man versonnen
gewöhnlich seiner Wege gehn.

Doch das, was wir Zerstreutheit schelten,
die sich im Blau des Hirns verliert,
muss wohl als Weltverständnis gelten,
das auf den Punkt sich konzentriert.

Da andre nur an Dingen haften,
die äußerlich und momentan,
fühlt er als Mann der Wissenschaften
den Phänomenen auf den Zahn.

Kein Wunder, geht ihm öfter flöten
der Sinn fürs Alltagstrallala:
Was kümmern Kohle ihn und Kröten?
Die Kurse sind ihm Hekuba.

Denn Macht und Mammon nachzujagen,
wie’s alle Welt mit Eifer tut,
erfüllt ihn eh’r mit Unbehagen,
da höhre Ziele er im Blut.

Dass er das Loch mal flicken müsste,
das fransig sich durchs Futter frisst –
was hülf es, wenn er’s selber wüsste –
wo Eitelkeit sein Ding nicht ist?

Ja, nennt ihn schrullig und verschroben:
Das ist es, was die Erde braucht.
Kein Macher mit ‘nem Push nach oben.
Ein kühler Kopf, der ständig raucht.