Archiv der Kategorie: Politik

Notstand

Was tun, wenn unser täglich Leben
auf einmal aus dem Tritt gerät
und wie nach einem großen Beben
nichts fest mehr auf dem Sockel steht?

Man kann sofort den Kopf verlieren
und malt den Teufel an die Wand:
Johannes mit den Monstertieren,
Apokalypse, Weltenbrand!

Man kann auch schlicht herunterspielen,
was andren als bedrohlich gilt:
„Wie oft wir schon in Ängste fielen –
und immer alles halb so wild!“

Dann gibt es noch die Hoffnungslosen,
die jeder Obrigkeit misstraun
und sich mit zig Konservendosen
‘ne blechgestützte Zukunft baun.

Des Weiteren Geschäftemacher,
die Chancen wittern überall,
denn Risiko gehört zum Schacher,
so auch im Katastrophenfall.

Doch schließlich auch die edlen Seelen,
die helfen, wo es irgend geht,
und nur auf die Belohnung zählen,
dass andren Gutes draus entsteht.

Was umso höher noch zu schätzen,
als etliche aus dieser Schar
so mutig sind, sich auszusetzen
auch selbst der tödlichen Gefahr.

Die Kranke pflegen und betreuen,
und viele gleich auf einen Schlag,
stehn mit dem Risiko, dem neuen,
ja Aug in Auge jeden Tag.

Ganz vorne an der Front der Viren,
für die sich noch kein Mittel fand,
mit vollem Einsatz sie agieren,
bis sie erschöpft und ausgebrannt.

Indes kann heute keiner sagen,
wie lange diese Krise währt
und wann wir eine Brut verjagen,
die sich jetzt ständig noch vermehrt.

Und da empfiehlt sich ‘ne Variante
im Spektrum von Manie und Mut,
die ich bisher noch gar nicht nannte:
Geduld und immer ruhig Blut.

Nicht mal am Meer darf man noch schweifen,
dass seinem Wellenschlag man lauscht.
Erst nachts hör ich es, nah zum Greifen –
kein Staat verbietet, dass es rauscht.

Vorratswirtschaft

Gewohnt, im Laden das zu kriegen,
was uns im Haushalt grade fehlt,
muss man nicht in die Puschen fliegen,
weil hopp! jede Minute zählt.

Steht aber irgendwo geschrieben,
dass dies ein ehernes Gesetz?
Hab heut die Augen mir gerieben
beim Fischzug mit dem Einkaufsnetz.

Die Reih um Reih sich stets empfahlen,
zum Bersten voll und gut gepflegt,
von diesen blühenden Regalen
warn etliche wie leergefegt.

Als wären sie von Ladendieben
nach Strich und Faden ausgeräumt,
die gründlich ihre Kunst betrieben
und dann verduftet ungesäumt.

Doch seltsam, dass die Luxusgüter
vergaßen sie sich grad zu kralln,
nicht aber jene Ladenhüter,
die, hart und haltbar, nicht verfalln.

Und grade die solln Gaunern munden?
Die ziehn ihr Maul wohl eher schief.
Vermutlich warns normale Kunden
mit einem anderen Motiv.

Ja, Hamsterer ‘nes Virus wegen,
der neu und auf dem Vormarsch ist,
dass mancher wünscht, sich anzulegen
‘nen Notvorrat für längre Frist.

Na, immerhin warn meine Sachen
in vollem Umfang noch präsent,
Abstriche musste ich nur machen
beim Wein, wie ihn mein Gaumen kennt.

Da dachte ich zunächst verdrossen,
ach, nichts mehr da vom bill’gen Kram,
doch statt zu dürsten, kurz entschlossen
ich mit dem teuren vorliebnahm.

Ja, selbst von den begehrten Lagen
in dem geplünderten Revier
fand schließlich noch in meinen Wagen –
die letzte Rolle Klopapier.

Gut isoliert

‘ne Übung, die an jedem Tage
so nebenbei man absolviert,
ist neuerdings mit einem Schlage
zum Medienthema avanciert.

Das gute alte Händewaschen,
ganz selbstverständlich nun einmal,
fällt plötzlich nicht mehr durch die Maschen
in deinem Info-Netz-Kanal.

Und wer ist schuld, dass man dem Schmutze
der Flossen grad zu Leibe rückt?
Das Wohlergehn, zu dessen Schutze
man diese sich auch nicht mehr drückt.

Ein Virus, das der Teufel reitet,
verschlug es in die Menschenwelt,
wo’s wie im Fluge sich verbreitet,
indem die Lunge es befällt.

Das muss das Schlimmste nicht bedeuten
und lässt sich meistens überstehn,
kann bei geschwächten alten Leuten
indes auch in die Hose gehn.

Arzneien sind noch nicht erfunden,
die es berauben seiner Kraft;
die wird nur dadurch unterbunden,
dass man kein Sprungbrett ihm verschafft.

Hast du den Räuber schon im Leibe,
behalt gefälligst ihn bei dir,
dass er nicht Wilderei betreibe
in einem größren Jagdrevier.

Das Zauberwort heißt Quarantäne.
Denn jemand, der sich infiziert,
wird, Hauptgebot der Notfallpläne,
von allen andern isoliert.

Als Senior der Rentnertruppe,
den manches Zipperlein schon plagt,
gehör ich zur Gefahrengruppe
„Schon angeschlagen und betagt“.

Muss ich in Panik nun geraten
und meine Muse auch gleich mit,
die statt mit Versen, delikaten,
jetzt droht mit billigem Verschnitt?

Ach, könntet ihr mich hier so sehen,
so über alle Hürden hin,
ihr würdet sicher gleich verstehen,
warum ich nicht gefährdet bin.

Geschätzte Anzahl der Kontakte?
So wie ein Klausner allenfalls.
Da bleibt der Winzling, der vertrackte,
gewiss als Gast mir auch vom Hals.

Doch weitre Vorsicht ist geboten.
Ich nehm kein Risiko in Kauf.
Wasch mir jetzt öfter noch die Pfoten.
Hier bitte, meine Hand darauf!

Aschermittwoch, politisch

Der Mensch, ein aggressives Wesen,
das gern wem an den Karren fährt,
greift manchmal auch zum Narrenbesen,
dass er vor fremden Türen kehrt.

Da sollte es uns wundernehmen
bei ihrer Selbstgefälligkeit,
wenn hier nicht auch zum Zuge kämen
Politiker, stets kampfbereit.

Am Aschermittwoch. Die Elite
der unterschiedlichsten Partein
schmäht gegenseitig sich als Niete,
als Deppen- und Demenzverein.

Und brüllt mit hämischem Vergnügen
aus ihrer bunten Bühnenbütt,
dass sie mit einem Schwall von Lügen
die jeweils andre überschütt.

Das mag ihr grade noch so passen,
ins weit gespitzte Wählerohr
die Sau so richtig rauszulassen,
gedeckt vom Karnevalshumor!

Doch schließlich liegen auch die Seelen
der Redner vor dem Mikrofon
und können schwerlich nur verhehlen
den durchaus ernsten Unterton.

Man zieht nach Herzenslust vom Leder
und die Rivaln durch den Kakao;
sein Fett kriegt heute weg hier jeder
schön mit Alaaf und mit Helau!

Doch die da keinen andern schonen
und nur sich selber applaudiern,
sind das die richtigen Personen,
um ganze Völker zu regiern?

Dass die mit fairer Elle messen,
das glaube, wer es glauben mag:
Nur eigne und Parteiintressen –
am Mittwoch wie an jedem Tag.

Utopisch

Ist überall denn gleich das Leben,
so wie bei unsereins im Kern?
Kann es nicht andre Formen geben,
vielleicht auf einem andren Stern?

Da könnte ich ein Land mir denken,
wo alles mit Humor geschieht
und sich die Leut‘ ein Lächeln schenken,
bevor man noch die Sonne sieht.

Die Stütze unsrer Potentaten,
oft trübe im geliehnen Licht,
Beamte wären wohlgeraten
und mobbten ihre Bürger nicht.

Und die mit Knüppel und mit Knarre
vertreten hier die Obrigkeit,
sie führen keinem an die Karre –
stets freundlich und stets hilfsbereit.

Der Richter auch von Gottes Gnaden,
der urteilt mit Gesetzeskraft,
er dächt, es würd am meisten schaden,
und nähme das System in Haft.

Herr Lehrer, bitte eine Frage!
Erspar sie dir, du Naseweis:
Man lernte dort mit einem Schlage
per Pille ohne Angst und Schweiß!

Politiker, die unsren gleichen,
ganz nah am „Wohl des Volkes“ dran?
Dort hielt man es nicht mit den Reichen
und wirklich mit dem kleinen Mann.

Und was ist mit den Klerikalen
im Gnadenstand der Fantasie?
Man müsste Eintritt dort bezahlen
für so viel Märchen und Magie.

Die aber auf der Knete glucken,
nur dass sie goldne Eier leg?
Man gäb dort ohne Wimpernzucken
dem Bettler sie mit auf den Weg.

Genug der Wunder. Nur Soldaten,
die fehlen noch zu guter Letzt:
Dort würde ihren Heldentaten
bestimmt kein Denkmal mehr gesetzt.

Waffenbrüder

Die schönen Reden sind verklungen.
Der Festsaal ist gespenstisch leer.
Politiker leihn ihre Zungen
dem Handel wieder und Verkehr.

Grad haben sie sich noch versammelt
an einem einstgen Höllenort
und ihr Entsetzen rausgestammelt
mit kühl vorherbedachtem Wort.

Die Stimme haben sie erhoben
zum Zeigefinger der Moral
und sind zufrieden abgeschoben
zum wohlverdienten Mittagsmahl.

Gedenken an ein Todeslager,
das an dem Tage man befreit –
und ich bekenn mich als Versager:
Mein Vers verstummt vor diesem Leid.

Die aber da mit Trauermienen
geredet oder still gelauscht,
ob wirklich einer Welt sie dienen,
die sich an Blut nicht mehr berauscht?

Sie kehrn der Stätte ihren Rücken,
zu Hause ebenfalls begehrt,
wo die Regierungsbank sie drücken,
von Sorgen andrer Art beschwert.

Die allerdings gewöhnlich kreisen
ums ew’ge Haushaltsdefizit,
was man als Staatsmann, der auf Reisen,
dann doch nicht so verbissen sieht.

Indes die lukrativen Quellen
sind ja so üppig nicht gesät,
so dass man in gewissen Fällen
sein Fähnchen nach dem Winde dreht.

Das machen alle Potentaten
quer durch Parteien und weltweit,
sobald in Geldnot sie geraten –
das heißt im Grunde jederzeit.

Doch ausgerechnet hierzulande,
wo so bestialisch man gequält,
dass es auf ewig noch zur Schande
der scheußlichsten Verbrechen zählt

Setzt wieder einmal man auf Waffen,
um, hocus pocus fidibus,
der Welt mehr Frieden zu verschaffen
mit jedem gutgezielten Schuss!

Da kann denn auch der Fiskus strahlen,
weil diese Haushaltsspritze wirkt –
auch wenn hier hinter schwarzen Zahlen
ein Berg von Toten sich verbirgt.

Und überall die Kinder weinen,
die achtlos man zu Waisen macht,
zu hausen unter Trümmersteinen,
die „wir“ vielleicht zu Fall gebracht.

Und während abends wir beglotzen
das Elend, das global grassiert,
finden wohl manches wir zum Kotzen,
was selbst wir dorthin exportiert.

Hat’s Massakrieren dann ein Ende,
weil nicht zu steigern, was man litt,
wäscht der in Unschuld seine Hände,
der ihm verdankt den guten Schnitt.

Profite aber einzustreichen
hat stets ‘nen höhren Stellenwert
als ‘ne Million verkohlter Leichen,
die man posthum mit Worten ehrt!

Auch unter „friedlichen“ Granaten
ja wer sein Leben lassen muss;
an Reden fehlt’s nicht, sondern Taten
gegen Export mit Über-Schuss.

Man trifft sich auf den nächsten Feiern,
mit Horror wurd ja nie gespart,
um sein Lamento herzuleiern.
Der Tod, er bleibt auf großer Fahrt.

Termine, Termine

An Status und Salär gemessen
ein Schwergewicht, ein hohes Tier,
das, ganz von seinem Job besessen,
die höchsten Ziele im Visier.

Ein Feldherr etwa und Stratege?
Vielleicht ein Wirtschaftskapitän?
Ein Sportler, dem die Gegenschläge
schon an der Nase abzusehn?

Politiker! Und hochgekommen
von tief aus dem Parteienpfuhl,
bis endlich er dann Platz genommen
„verdient“ auf ‘nem Ministerstuhl.

Doch nicht, um da nur rumzusitzen.
Hat ihm bloß Arbeit eingebracht.
Besuch empfangen, Ohren spitzen.
Und das gleich morgens um halb acht.

Besprechungen und Konferenzen,
so geht’s den lieben langen Tag –
und keine davon will er schwänzen,
weil Schwäche er nicht zeigen mag.

Die Pausen, die dazwischenliegen,
sind wirklich nicht der Rede wert,
da kann er Akten überfliegen,
wobei er sich von Brötchen nährt.

Dann irgendwo ‘ne Rede halten
vor dem und jenem Fachverein,
das trägt zumindest in den Spalten
der Presse ihm ‘ne Zeile ein.

Präsenzpflicht ist ja auch gegeben
in Kabinett und Parlament,
um seine Stimme zu erheben,
wenn im Ressort die Hütte brennt.

Eh er auf „Runterfahren“ klicken
und seinen Schreibtisch räumen kann,
wird er nach Haus den Fahrer schicken,
steht draußen kein Termin mehr an.

Und seine Frau? Die pflegt zu warten
und fällt ihm niemals in den Arm.
Sie pütschert im Gemüsegarten
und stellt ihm die Kartoffeln warm.

(Sofern sie selbst in Amt und Würden
und hat Termine bis zum Hals,
gilt’s solche Dinge aufzubürden
‘ner Küchenhilfe jedenfalls.)

Und kommt er abgekämpft nach Hause,
erschöpft so sehr wie aufgekratzt,
macht er sich frisch am Fuß der Brause,
bevor er sich dann müde schwatzt.

Muss sich der Bürger da nicht freuen,
dass wer ergreift für ihn Partei –
und ohne ‘nen Beschluss zu scheuen,
wie wichtig auch die Sache sei?

Die Frage könnte ich mir schenken.
Den Kinken sehen andre auch.
Wo bleibt denn da noch Zeit zum Denken?
Regieren aus dem hohlen Bauch.