Archiv der Kategorie: Kultur

Kein Wortgeklingel

Willkommen, liebe Leserinnen,
die meine Zeilen ihr nicht scheut,
‘nen kleinen Einblick zu gewinnen
in eine Kunst, die selten heut.

Ich könnt euch nicht in Zahlen sagen,
wer überhaupt sie noch genießt,
doch für mich selber nur beklagen,
dass sie als Mauerblümchen sprießt.

Dabei kann ich mir lebhaft denken,
warum sie so im Schatten lebt –
wer mag sein Ohr schon gerne schenken
dem Wort, an dem der Sinn noch klebt!

Will flüchtig wer zum Schwingen bringen
sein Herz im Harmonie-Akkord,
wird einen Hit er lieber singen,
denn Töne reißen richtig fort.

Und wer sich träumerisch im sachten,
im schnellren Schwung der Hüften wiegt,
der wird ‘nen Deubel darauf achten,
was für ein Text dem unterliegt.

Die ganze Skala von Gefühlen
erschöpft sich in der Melodie,
sie reißt die Leute von den Stühlen,
von lyrics hört man so was nie.

Die Chansonniers, die guten alten,
die hatten noch den Bogen raus,
wie beide sich die Waage halten,
Musik und Wort. Applaus, Applaus!

Doch heute will kein Schwein mehr lauschen
dem, was da wer ins Mikro lallt,
sich bloß am Lärm des Beats berauschen,
der stärker noch als Fusel knallt.

Schön Dank, dass ihr den leisen Tönen
auch weiterhin die Ohren leiht,
mein unvergeigtes Wort zu krönen
mit vier, fünf Hörern globusweit!

Drum geh ich nicht in Sack und Asche
und lutsch verbittert meinen Frust –
Verehrung für die laute Masche,
des Zeitgeists höchste Lebenslust!

Soll doch ein jeder gerne treiben,
was seinem Naturell entspricht,
und dankbar sich die Hände reiben,
wenn man ihm dafür Kränze flicht.

Ich hab auf meine alten Tage
mit Saitenspiel nichts mehr am Hut –
es widme sich dem Lautenschlage
der Barde mit Flamenco-Blut!

Ich pflege ganz im alten Sinne
sie, die olympische Idee –
nicht dass den Lorbeer ich gewinne,
doch unter Musen mich ergeh.

1+

Waffennarren

Man muss sich keine Sorgen machen,
dass die Vernunft ihn übermannt;
am liebsten sind dem Menschen Sachen,
die zündbar für den Weltenbrand.

Will so er seinen Mut beweisen?
Die Herrschaft über die Natur?
Den Sternen, die am Himmel kreisen,
die Tiefe seiner Erdenspur?

Was für ein elender Geselle,
der’s Risiko herunterspielt,
doch auf Millionen Todesfälle
mit seinen Monsterwaffen zielt.

Die Leute, die in allen Breiten
in ihrem Reich am Ruder sind,
sie wurzeln meist noch in den Zeiten
von Faustkeil, Bärenfell und Flint.

Sie wandeln noch auf Trampelpfaden
der blinden Brachialgewalt,
nur dass sie heute Knarren laden,
bei denen es so richtig knallt.

Doch haben Forscher längst entschieden,
auf Fakten aller Art gestützt,
dass Freundschaft pflegen und den Frieden
in gleicher Weise allen nützt.

Was unsre braven Rudergänger
geflissentlich ja ignoriern,
wolln sie, je lieber, desto länger,
doch ihre Stärke demonstriern.

Sie zeigen noch des Stempels Spuren,
die einst dem Affen aufgeprägt,
der sich auf seinen Dschungeltouren
nur brüllend durch die Büsche schlägt.

Nachdem sich lange die Regale
mit Megakillerkraft geleert,
die atomaren Arsenale
man offensichtlich wieder mehrt!

Im Maße wie an Schurken fielen
‘ne Menge Staaten überall,
die gerne mit dem Feuer spielen,
und koste es den Erdenball.

Das leuchtet meiner trüben Birne
am Ende sogar auch noch ein:
Sie wolln mit ihrem Spatzenhirne
wie Phönix aus der Asche sein!

1+

Ein Hammerhaus

Halb zwölf. Und keine Nachbarn hauen
noch wild auf ihre Wände ein.
Ob in die Glotze sie jetzt schauen,
den Hammer im Reliquienschrein?

Ob in die Kissen sie gesunken,
erschöpft vom Rhythmus ihrer Hand,
die nach so viel geschlagnen Funken
total erschlafft und ausgebrannt?

Wer weiß. Ich jedenfalls genieße
die Ruhe, die jetzt eingekehrt,
und ungestört in Verse gieße,
was immer mir erwähnenswert.

Die Bürgerpflicht zur Maskerade
bestimmt auch heut das Straßenbild,
damit aus der Gesichtsfassade
nichts Feuchtes in die Lüfte quillt.

Dazu begann die zweite Phase
nach staatlichem Entspannungsplan –
man lupft den Griff leicht an der Nase,
doch öffnet nicht den ganzen Hahn.

Doch ist nicht von der Hand zu weisen,
dass man noch immer Fesseln trägt.
Wann werden wieder Flieger kreisen,
dass nicht umsonst sich Heimweh regt?

Noch sind die Grenzen fest verschlossen,
ich komm zurzeit hier nicht vom Fleck –
allein mit meinem Musenzossen
setz locker ich darüber weg.

Indessen auch nur in den Träumen,
die mir die Fantasie verleiht;
sie zählt nicht in den Landschaftsräumen
der schlagbaumfreud’gen Obrigkeit.

Ein Weilchen also ich noch glucke
in meinem meerbespülten Nest,
gewappnet mit Geduld und Spucke,
bis man mich endlich ziehen lässt.

Ich schätze, dass es ein paar Wochen
auf alle Fälle doch noch braucht.
So lange werden meine Knochen
noch in dies Wechselbad getaucht.

Am Tage Hämmern, Klopfen, Bohren,
womit man laut sein Handwerk preist,
indes es beinah mir die Ohren
bis rauf zum Trommelfell zerreißt.

Dann abends endlich wieder Frieden.
Beim Schreiben lausche ich dem Meer.
Doch was ist schon gewiss hienieden?
Fast zwölf. Und plötzlich hämmert wer!

1+

Himmel auf Erden

Ein Dichter würd im Paradiese
gewiss nur den Beruf verfehln;
das Leben auf ‘ner Blumenwiese
ihm Herbst und Winter bloß verhehln.

Denn dass des Daseins ganze Fülle
poetisch er erfassen kann,
braucht Gold genauso er wie Gülle,
den Banker und den Bauersmann.

Im Garten Eden nicht zu haben.
Hier sind die Menschen alle gleich.
So unbedarft wie Sängerknaben
und weise wie ein Wüstenscheich.

Man trägt mit Fassung die Askese
in diesem göttlichen Revier:
Nur Manna ohne Mayonnaise,
nur Nektar und kein Dosenbier.

Genauso mit der Kleidermode –
nichts Buntes, nichts Apartes mehr.
Ein Schneider grämte sich zu Tode,
sofern das hier noch möglich wär.

Auch das melodische Vergnügen
ist eher von bescheidnem Rang;
den hier Verewigten genügen
Lobpreisungen mit Harfenklang.

Das sind so einige Aspekte
der vielgerühmten Seligkeit,
dass lieber ich noch lange schmeckte
die gut gewürzte Lebenszeit.

Nein, Psalmen sind nicht meine Sache,
in die man dort die Seele lullt,
dass sie auf keinen Fall erwache
aus göttlichem Personenkult.

Dann lieber auf der Erde hocken,
in ihrem müffelnden Morast,
um ständig Verse zu verbocken,
mit denen man den Sumpf erfasst.

Ich werd ihn zwar nicht trockenlegen
mit meiner seichten Schreiberei,
womöglich aber einst Kollegen,
die weit entschiedener dabei.

Vielleicht wird sogar wahr mal werden,
mit Samba und Sardinenspieß,
vor unsrer Nase hier auf Erden
ein kreuzfideles Paradies!

1+

Lernhilfe

Um reinen Wein euch einzuschenken:
Ich tu mich mit der Sprache schwer,
mag Hirn und Zunge mir verrenken –
ein Kloß sitzt mir im Rachen quer.

Und das nach einem Dutzend Jahren,
die winters ich im Land verlebt,
um ‘nen Thesaurus anzusparen,
in dem sich’s leicht nach Worten gräbt.

Entschuldigung: Mir fehlt indessen
die stete Übung, Tag für Tag,
mit denen, die hier eingesessen,
und ihrem fremden Zungenschlag.

Ich bin durchaus nicht faul gewesen,
hab mich mit Texten rumgequält.
Erfolg: Jetzt kann ich besser lesen
als schnallen, was man mir erzählt.

Soll etwa schriftlich ich verkehren
mit meiner werten Nachbarschaft,
Gespräche gleichsam so entbehren
wie’n Sittenstrolch in Einzelhaft?

Da wär vielleicht die Pfingstmethode
nach Doktor Sanctus Spiritus,
seit Ewigkeit ja schon in Mode,
die endlich ich probieren muss!

Aus diesem Grund kann ich nur hoffen,
dass meinen Wunsch er sich notiert
und, für dergleichen Nöte offen,
mich rasch mit seiner Kur traktiert.

Dann müsste hier die Bude beben,
dass alles wackelt, wankt und klirrt,
und sich dazu ein Wind erheben,
als ob ein Engelsflügel schwirrt.

Und das nur wenige Momente,
im Nu hätt sich der Spuk verlorn –
doch wären meine Sprachtalente
mit einem Mal wie neugeborn!

Was stets mir spanisch vorgekommen
und es in Wirklichkeit auch war,
dräng plötzlich nicht mehr nur verschwommen
in mein geneigtes Ohrenpaar.

Müsst nicht mehr um Verständnis ringen
und, was noch wunderbarer ist,
mir selber von den Lippen gingen
die Worte ohne Galgenfrist.

Ja, selbst die größten Sprachexoten,
an denen man noch schwerer kaut,
von Fidschi die und den Lofoten,
sie klängen mir wie Mutterlaut!

Doch auf den Therapeuten eben
vorerst ich leider warten muss.
Zwei Wochen will ich ihm noch geben –
dann kann er mich, der Luftikus!

1+

Ersatzpapiere

Aus seiner knochenbleichen Blöße
starrt blicklos das Papier mich an,
darunter Blätter, Stapel, Stöße,
die ich nur vage sehen kann.

Soll dieser Fülle ich mich freuen,
weil sie noch viele Verse fasst,
soll ich im Gegenteil sie scheuen
als ständige Verpflichtungslast?

Bis jetzt ist leidlich gut gelaufen
die permanente Produktion,
kein Griffelkauen, Haareraufen,
weil ich nicht fand den rechten Ton.

Die Zeilen munter sich vermehren,
wie Raupen fressend Blatt für Blatt,
weil seinen Schaffensdrang zu nähren,
der Barde nur dies Mittel hat.

Das Ganze lässt selbst haufenweise
inzwischen mich doch ziemlich kalt,
und bräucht’s dafür ‘ne glatte Schneise
im sogenannten Wirtschaftswald.

(Schon wieder hab ich übertrieben
im Dünkel meiner Dichterei
und umso deutlicher geschrieben,
dass schön ich auf dem Holzweg sei!)

Ich will’s bescheidner formulieren.
Die Frage ist mir piepegal:
Hab ich beim späten Spintisieren
auch stets genügend Material?

Beim Maler könnt ich das verstehen,
der auf die Tube drücken muss
und reich mit Farben sich versehen
vorm allgemeinen Ladenschluss.

Doch des Poeten schlichte Klause,
mit Tintenklecksen nur geschmückt,
ist wie ein biederes Zuhause
mit allem Möglichen bestückt.

Grad schreibt von Feen er und Elfen…
Mein letztes Blatt! Ich sehe rot!
Doch muss kein Oberon ihm helfen:
Es geht auch Klopapier zur Not.

1+

Schreiben, schwerelos

Das Schöne auch bei diesen Reisen,
die auf dem Blatt man unternimmt –
man lässt den Griffel einfach kreisen,
indes die Zeit dabei verschwimmt.

Du schaust mal hin, die Uhr zu fragen,
mehr unbewusst zur Küchenwand,
du hörst die Kirchenglocken schlagen
wie Kuhgeläut im Oberland.

Ein Wust aus Worten und Gedanken
hüllt wohlig deine Sinne ein,
die sich um frische Verse ranken
wie Reben um den jungen Wein.

Von Zeit zu Zeit nippst du am Glase
und stellst es blind an seinen Platz,
indes mit „Phase“, „Nase“, „Vase“
du stöberst im Vokabelschatz.

Hast du was Passendes gefunden
genau für diesen Strophen-Ort,
lässt kurz du den Erfolg dir munden
und jagst auch schon zur nächsten fort.

Erwachst du dann warum auch immer
aus deiner sel’gen Träumerei,
hast du natürlich keinen Schimmer,
warum schon Mitternacht vorbei.

Betrachte es als gutes Zeichen
für deine lyrische Passion –
die Stunden, die am Krückstock schleichen,
beweisen wenig Devotion.

Sie sind dir so dahingeflogen,
da du in deine Kunst vertieft,
und haben Bogen dir für Bogen
doch ihre Gegenwart verbrieft.

Gestattet mir hinzuzufügen,
was so die Strophenzahl betrifft,
dem Griffel manchmal drei genügen
in klarer, säuberlicher Schrift.

Er kann sogar mal zehn erreichen
im gleichen Umfang dieser Zeit,
doch neigt dazu, dann abzuweichen
vom graden Pfad der Lesbarkeit.

So oder so, es heißt am Ende,
jetzt aber schlafen, Troubadour,
wie lang auch immer Herz und Hände
gezogen ihre Tintenspur.

Nichts sollte mir dann noch beschmutzen
dies Bild vom Charme der Poesie.
Doch Pustekuchen: Zähneputzen!
Ich glaub, die Musen tun es nie.

1+

Ungeschoren geblieben

Ja, Märchen sind nun einmal Märchen,
sie haben ihre eigne Welt.
Man kann sie nur in Bücher pferchen,
die man in dunkle Ecken stellt.

Wie das vom Kerl, den Schicksalsschläge
jäh an den Bettelstab gebracht,
und der ganz ohne Körperpflege
am Ende doch sein Glück gemacht.

Sich nicht zu schrubben und zu scheren,
zu schnippeln nicht an Haupt und Haar,
mehr mocht der Teufel nicht begehren,
der plötzlich ihm zu Diensten war.

Doch immerhin für sieben Jahre
er ihn dies unterlassen hieß,
dass er danach bis an die Bahre
des Reichtums süße Frucht genieß.

Gleich hat der Bursche eingeschlagen,
weil die Bedingung ihm genehm,
den Leib so zottig rumzutragen,
als ob er aus der Hölle käm.

Er hat’s auch eisern durchgehalten,
wenn’s ihm auch schwer bisweilen fiel,
weil Michel und die Staatsgewalten
kein Faible für den Schmuddel-Stil.

Doch da er reichlich Taler hatte,
die ihm der Teufel zugesteckt,
stand er nie lange auf der Matte,
bis man ein Tischlein ihm gedeckt.

Ja, in den ungezählten Stunden,
die jener ihn so walzen ließ,
hat er gar noch ‘ne Braut gefunden,
die an dem Wildwuchs sich nicht stieß.

So hat den Kürzeren gezogen
der abgefeimte Ziegenfuß,
um eine Seele mehr betrogen
für seine Welt aus Rauch und Ruß.

Wie aber, liebe Konsumenten
der wunderlichen Märchenkost,
ihr Kinder, Mütter, Rezensenten,
versteht ihr hier die Grimm’sche Post?

Dass dem, dem starren alle Glieder
von eingebranntem Höllendreck,
nichts so verhasst und so zuwider
wie Reinlichkeit am Oberdeck?

Wohl wissend, dass ein schwarzer Kragen,
der speckig um den Hals sich legt,
für Menschen schwerer zu ertragen
als Schmutz, der ihre Seele prägt?

Da hat der listige Geselle
die Macht des Geldes unterschätzt,
denn selbst verlauste Bärenfelle
man dafür nicht vom Hofe hetzt.

Doch ist ihm auch der Typ entgangen
zu seinem tierischen Verdruss:
Er hat Ersatz sich eingefangen –
sehr glaubhaft hier als Märchenschluss.

1+

Frommer Betrug

Das hätt ich mir nicht träumen lassen,
so viel mit Versen ich hantiert,
dass aus den höchsten Klerus-Klassen
mir einer übers Blatt spaziert.

Und jetzt sogar noch deren Spitze,
der Papst in eigener Person!
Grüß Gott auf meinem Musensitze,
Grüß Gott auch seinem lieben Sohn!

Doch ist leibhaftig nicht erschienen
die aktuelle Heiligkeit;
ich kann euch nur mit einer dienen,
die schon verschied vor langer Zeit.

Die etwas allerdings vollbrachte,
was keiner noch in Rom gewagt,
hat er doch, Bonifaz der Achte,
die eigne Lehre hinterfragt!

Das weiß zumindest die Legende,
die gerne ja an Mythen strickt
und gleich nach seinem sel’gen Ende
als Ketzer ihm am Zeug geflickt.

Tatsächlich scheint zu vielen Malen
die Zunge ziemlich ihm entgleist
und er in Lehren, kardinalen,
sich widersetzt dem Heil’gen Geist.

Dem soll er gar bestritten haben,
was heut noch in der Satzung steht,
dass er mit seinen Göttergaben
ein Vollmitglied der Trinität.

Und auch dass Gott in seiner Güte
geschlüpft in eine Menschenhaut,
kam wohl für ihn nicht in die Tüte,
auch wenn die Firma darauf baut.

Mit Jungfraun ohne Schimpf und Schande,
die wundersam ein Kind gebärn,
kam er wohl auch nicht so zurande,
um die Madonna zu verehrn.

Sogar dass sich beim Abendmahle
durchaus nicht „wandeln“ Brot und Wein,
wurde von jenem Tribunale
gezählt zu seinen Ketzerein.

Und Tote, die aus Gräbern steigen,
in denen ewig sie geruht,
sich eh’r als Staub und Asche zeigen
denn als recycelbares Gut.

Genug jetzt, ehrenwerte Christen?
Nichts mehr von diesem Fischerring,
der gründlich ihn mal auszumisten,
zum Stall von Bethlehem wohl ging?

Zwar seh ich gläubig euch erschauern
vor diesem frevelhaften Sinn,
doch auch geduldig darauf lauern,
was sonst an Sünde noch darin.

So: Nicht im Himmel zu verbuchen
sind Hölle oder Seligkeit.
Man muss sie hier auf Erden suchen
im Schicksal seiner Lebenszeit.

Und, Gipfel aller Blasphemien
und Watsche für den Zölibat,
die Lust sei der Natur entliehen
und Lieben keine Missetat!

Da stehst du wie der Ochs vorm Berge,
der’s nicht in seinen Schädel bringt,
dass dieser höchste Kirchenscherge
das Credo in die Knie zwingt.

Dagegen ist ‘ne lahme Ente
der Reformator weit danach –
denn Bruder Martin Fundamente
in diesem Maße nicht zerbrach.

Und auch den spätren Jesuiten
war dieser „Vater“ weit voraus
in Anerkennung der Meriten
des Glaubensschwindels, pia fraus.

Ein Mann von kritischem Verstande,
der keine heil’gen Kühe kennt,
hat der in päpstlichem Gewande
die Chance zur Reform verpennt?

Das Wort wird auch für ihn wohl gelten
vom Geist, der willig, Fleisch, das schwach;
mocht er Absurdes noch so schelten,
hielt er den Ball doch immer flach.

Er hat sein Paradies genossen,
wohl wissend, wem er es verdankt –
ein Typ, der geistig aufgeschlossen,
an Christlichkeit hingegen krankt.

1+

Monarch und Monster

Herodes war ein schlimmer Finger,
dem jede Schandtat zuzutraun,
ein kollektiver Leidensbringer
mit Faible Köpfe abzuhaun.

Vor dem war nichts und niemand sicher
in seiner blinden Herrscherwut,
die umso fieser, liederlicher,
als sie auch traf die eigne Brut.

Nicht die geliebte nur, die schöne
Gespielin seiner Hochzeitsnacht,
nein, auch die Hälfte seiner Söhne
hat väterlich er umgebracht.

Von den Verwandten ganz zu schweigen,
denen Verrat er unterstellt,
dass er sie zwang, hinabzusteigen
ins Schattenreich der Unterwelt.

Mit Folter, Mord und Scheußlichkeiten
nach üblicher Tyrannenart
ließ er die Macht sich nicht entgleiten,
bis er krepiert und aufgebahrt.

Nicht ohne wem noch aufzutragen,
dass möglichst man viel Volk erschlägt,
dass Jammern herrsch und Weheklagen,
als wär es sein Tod, der’s bewegt.

Kein Wunder, dass man dem Halunken,
der so schon jedes Maß gesprengt,
von Grausamkeit und Machtgier trunken,
auch Kindesmord noch angehängt.

Wie anders die Gedankengänge
der heutigen Gelehrtenzunft –
die schiebt die Gräuel auf die Zwänge
der staatspolitischen Vernunft!

Mit einem Wort, am Ruder bleiben,
und sei’s mit Feuer und mit Schwert,
ist denen, die Geschichte schreiben,
mehr als Millionen Menschen wert.

„Charaktermäßig schwer zu fassen“
sind die Objekte ihrer Wahl;
wenn sie nur Spuren hinterlassen,
entschuldigt man sie allemal.

Den unbekannten Missetäter
man keineswegs „umstritten“ nennt,
man macht um ihn nicht viel Gezeter
und sieht ihn schlicht als Delinquent.

Für Massenmörder auf dem Throne
hat man indes Pardon parat,
zählt gern die Zacken ihrer Krone
und ihre Klunker in Karat.

Statt sich gehörig zu entsetzen
über ihr blutiges Regime,
scheint man sie eher noch zu schätzen,
kennt man sie gleichsam doch intim.

Kurzum, in einem Doku-Streifen,
der abends in der Kiste lief,
mit Szenen man, die nah zum Greifen,
dies Scheusal ins Gedächtnis rief.

Wohl eine Stunde Unterweisung
„Wie bricht man jemand das Genick“ –
mit der perfiden Seligpreisung
von Keule, Klinge, Gift und Strick.

Zum Schluss wie immer dann das Beste,
das Fazit nach bewährtem Brauch:
„Er ließ uns prächtige Paläste“.
Na, Donnerwetter aber auch!

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