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Da hilft kein Beten

Um zwölf Uhr mittags Glockenläuten,
wie stets dem Herrn zu Lob und Dank,
doch nicht zu sammeln die verstreuten,
die Schäfchen auf der Kirchenbank.

Denn diese Zeit der großen Plage,
die auf dem Globus rings grassiert,
will, dass man den Kontakt versage,
mit wem man auch kommuniziert.

Warum sie in die Luft sich schwingen
mit ihrem regelmäß’gen Ruf?
Wohl in Erinnerung zu bringen,
dass Gott auch diese Seuche schuf.

Doch sicher auch, dass die Gemeinde
nicht ohne Hirt im Regen steht,
der jetzt zur Rettung vor dem Feinde
zum Himmel klöppelt sein Gebet.

Erfreulich, dass die Quarantäne
er nicht mit seinem Credo tauft
und als Johanni Horrorszene
als biblisch avisiert verkauft.

Und auch nicht wie in frühren Krisen
der Ärzte Kunst beiseiteschiebt,
als strikt man auf den Herrn verwiesen,
der heilt und hilft, wie’s ihm beliebt.

Man wär gewiss in Prozessionen,
die Himmelsjungfrau vorneweg,
in allen Stadt- und Landregionen
umhergezogen zu dem Zweck.

Um sich mit brausenden Chorälen
voll Inbrunst und voll Gottvertraun
als reu’ge Sünder zu empfehlen,
die auf des Höchsten Gnade baun.

Die Tradition ist ungebrochen,
doch längst nicht mehr der Pest geweiht.
Man pflegt sie in den Osterwochen
beim Schweigemarsch im Büßerkleid.

Doch diesmal plötzlich lange Nasen –
der Umzug samt dem Straßenfest
ist vorsichtshalber abgeblasen
des Virus wegen, dieser Pest.

Maria muss den Schuppen hüten:
Erhöhte Infektionsgefahr.
Wie lange auch die Viren wüten –
Nolimetangere. Ein Jahr!

Soll erfüllt

Muss sich ein Dichter Sorgen machen,
dass plötzlich Leere ihn befällt,
und Verse, willens zu erwachen,
erblicken nie das Licht der Welt?

Vielleicht dass gar ‘ne Schaffenskrise
entfremdet ihn dem Pegasus
und dieser dann in der Remise
auf neue Flüge hoffen muss?

Ganz zweifellos für den Poeten,
der sich berauscht an Wort und Klang,
ein Schlag, der völlig ungebeten
käm seinem höhren Tatendrang.

Und wenn in seinen besten Zeiten
das Blatt sich unter Strophen biegt,
mag’s ihm doch heimlich Angst bereiten,
dass jäh der Musenquell versiegt.

Für mich indes die alte Leier,
die immer wieder mich verstimmt:
dass man die ungelegten Eier
viel wicht’ger als die echten nimmt.

Ich harr der Dinge, die da kommen,
von finsteren Gedanken frei,
und lass sie gern den Zukunftsfrommen,
die fürchtend fürchten sie herbei.

Muss ich den Stift beiseitelegen,
weil er nichts mehr zu sagen hat:
Kein Grund, mich deshalb aufzuregen –
spricht er nicht schon aus tausend Blatt?

Dichterdoping

Der Flasche Pegel seh ich sinken,
den Saft in meiner Achtung nicht.
Wie gerne würd ich weitertrinken,
solange mich der Hafer sticht!

Doch kommt mir quengelnd in die Quere
mit seinem Finger der Verstand
und droht, wenn ich die Buddel leere,
nimmt das Gefasel überhand.

Na und? Bin ich nicht Herr und Meister
in meinem eignen Blätterwald
und notfalls neu zusammenkleister,
was lieblich in den Lauschern hallt?

Man darf sich mal ‘nen Lapsus leisten –
wer möchte schon vollkommen sein?
Ja, ja, ich weiß, die Mille meisten;
ich räum indes auch Fehler ein.

Doch Schluss mit trocknem Räsonieren,
indes der Pegel weiter fällt,
schon drauf und dran sich zu verlieren
im Boden, der so schön gedellt.

Soll ich ein weitres Fläschchen wagen
von ähnlich funkelnder Couleur
und der Vernunft ein Schnippchen schlagen,
indem ich schlicht sie überhör?

Gern würd ich noch ein wenig hocken,
in meine Musenkunst versenkt,
dem Griffel Verse zu entlocken,
wie nur Dionysos sie schenkt.

Um nebenbei noch zu ergründen,
wie lange ist er hilfsbereit
und wo der Punkt, an dem sie münden
ins seichte Meer der Albernheit.

Doch das kann ich erst morgen sagen,
wenn ich das Ganze noch mal sicht,
denn auch der Blödsinn schafft Behagen
und schleicht sich gerne ins Gedicht.

Nun gut, die Zweite muss dran glauben,
allein schon, dass der Test gelingt
und sich im Vollbad dieser Trauben
der Geist emporhebt oder sinkt.

Wie? Was? Ihr wollt sofort es wissen?
Da schluck ich erst mal. Rat muss her…
So, jetzt. Der Faden ist gerissen.
Halbvoll noch Flasche. Hirn ganz leer.

Weinselig

Wenn nach des Tages Last und Launen
erleichtert man zum Griffel greift,
lässt gern man sich in diesen raunen
ein Liedchen, wie der Spatz es pfeift.

Doch manchmal, auch bei langem Lauschen,
hält sich die Fantasie bedeckt
und schickt mir nur das Meeresrauschen,
das eher Müdigkeit erweckt.

Bevor ich mich geschlagen gebe
und meine Muse schlafen schick,
such ich erst Rat noch bei der Rebe,
dass sie mich mit Ideen spick.

Und wirklich, zwei, drei Schlückchen weiter
fühlt sich das Hirn schon so beschwingt,
dass es der Töne ganze Leiter
fast mühelos aufs Blatt mir wringt.

Nun ja, die Rebe anzupreisen,
ist wohl so ungefährlich nicht,
bedeutet’s doch auch zu beweisen
den guten Einfluss aufs Gedicht.

Da aber liegt der Hund begraben:
Nicht jeder Tropfen hat die Kraft,
dass er bescheidnen Dichtergaben
die höchste Sangeskunst verschafft.

Mal klappt es und mal geht’s daneben
mit dem erhofften Höhenflug,
und dieses Motto „Einen heben“
entpuppt sich oft als Selbstbetrug.

So viel ist sicher zu erkennen:
Hat man den Bogen überspannt,
die Verse einem nur so rennen
aus dem benebelten Verstand.

Doch nur in diesen beiden Sorten:
Banalität und Albernheit,
mit denen an der Musen Pforten
vergeblich man nach Einlass schreit.

Heißt aber nicht, die Zeit vertrödeln,
dass reuig ich nun Trübsal blas,
denn einfach nur mal rumzublödeln,
ist schließlich auch ein Heidenspaß!

Hab so mein Pulver ich verschossen,
dass nichts ich mehr zustande bring,
hab ich die Rebe doch genossen –
der hiermit ich ein Loblied sing.

Kein Pharao

Die sie hier Pyramiden nennen
nach denen fern im Wüstensand,
sind Häuserblocks, wie wir sie kennen,
die jenen vage formverwandt.

Sie sind an den Fassadenseiten
nach oben zu leicht abgeschrägt,
so dass die beiden Giebelbreiten
zu einem Dreieck ausgeprägt.

Fünf oder sechs von diesen Klötzen
sind hinternander aufgereiht,
um sich am Meerblick zu ergötzen,
der ihnen Lob und Preis verleiht.

Auch tragen sie berühmte Namen
des Nil-Volks alter Götterwelt,
die schön geschrieben und mit Rahmen
dem Hauptportal vorangestellt.

Natürlich sind sie nicht errichtet
als eines Einzgen Ruhestatt:
Man hat die Ziegel hier geschichtet,
dass mancher Raum und Bleibe hat.

Apartments, alle gleich geschnitten
in Größe, Technik und Komfort,
doch reizvoll alle, unbestritten,
der Aussicht wegen – Mirador.

Ringsum auf dem gepflegten Rasen
Hibiskus, Margeriten auch,
die friedlich mehr am Rande grasen
vereint mit dem Tagetes-Strauch.

Ein Freund von mir hat viele Jahre
in solchem Heim sich wohlgefühlt,
bevor ihn wie verdorbne Ware
der Fluss der Zeit hinweggespült.

Wann immer mich die Schritte lenken
vorbei am „Apis“-Eingangstor,
kommt, ewig seiner zu gedenken,
der Bau mir wie ein Grabstein vor.

Kultur im Blick

An Chinas legendärer Mauer
gibt sich die Welt ein Stelldichein,
und auch am funkelnd-finstren Tower
ist man wohl niemals ganz allein.

Und grade bei den Pyramiden
erhoff man keine Grabesruh –
von wegen: Wüste, abgeschieden:
Man tritt sich ständig auf die Schuh.

Paris auch hat ‘ne Menge Ecken,
die jeder Depp auf Erden kennt,
dass, um die Nase reinzustecken,
er um den halben Globus rennt.

Venedig mit Canale Grande –
ein Taubenschlag am Wasserlauf;
da kreuzt die ganze Gafferbande
gleich fahrgastschiffeweise auf.

Das kann in Rom zwar nicht passieren,
man landet hier auf luft’gem Sitz,
doch auch mit reichlich Passagieren,
die auf die Altertümer spitz.

Man sammelt sich in dichten Trauben
an den Relikten alter Zeit,
um einen flücht’gen Blick zu rauben,
die Kamera stets schussbereit.

Bei den gewalt’gen Menschenmassen,
die sich vor Monumenten staun,
kann ja das Auge nur erfassen,
was einem grad sie nicht verbaun.

Doch hast du mit dem Fotokasten
dir überall ein Bild gemacht,
kannst du getrost nach Hause hasten,
weil Bleibendes du mitgebracht.

Musst nach dem Petersdom du schmachten?
Nein, nicht nach diesem Blickkontakt!
Und um ihn näher zu betrachten –
nur noch die Bilder ausgepackt!

Aschermittwoch, politisch

Der Mensch, ein aggressives Wesen,
das gern wem an den Karren fährt,
greift manchmal auch zum Narrenbesen,
dass er vor fremden Türen kehrt.

Da sollte es uns wundernehmen
bei ihrer Selbstgefälligkeit,
wenn hier nicht auch zum Zuge kämen
Politiker, stets kampfbereit.

Am Aschermittwoch. Die Elite
der unterschiedlichsten Partein
schmäht gegenseitig sich als Niete,
als Deppen- und Demenzverein.

Und brüllt mit hämischem Vergnügen
aus ihrer bunten Bühnenbütt,
dass sie mit einem Schwall von Lügen
die jeweils andre überschütt.

Das mag ihr grade noch so passen,
ins weit gespitzte Wählerohr
die Sau so richtig rauszulassen,
gedeckt vom Karnevalshumor!

Doch schließlich liegen auch die Seelen
der Redner vor dem Mikrofon
und können schwerlich nur verhehlen
den durchaus ernsten Unterton.

Man zieht nach Herzenslust vom Leder
und die Rivaln durch den Kakao;
sein Fett kriegt heute weg hier jeder
schön mit Alaaf und mit Helau!

Doch die da keinen andern schonen
und nur sich selber applaudiern,
sind das die richtigen Personen,
um ganze Völker zu regiern?

Dass die mit fairer Elle messen,
das glaube, wer es glauben mag:
Nur eigne und Parteiintressen –
am Mittwoch wie an jedem Tag.

Alaaf

Zu bunt kann es ja gar nicht werden –
man schreibt die fünfte Jahreszeit.
Den Menschen treibt’s in ganzen Herden
nun wieder in sein Narrenkleid.

Da geht es nicht um Modefragen,
den letzten Schrei der Haute Couture,
da will man was Verrücktes tragen
bei seiner Saal- und Straßenkür,

Drum kleistert man sich auch noch Schminke
fast fingerdick ins Konterfei
und sagt den Pickeln winke, winke
in bester Maskenbildnerei.

Für jede Art von Lustbarkeiten
ist so man zünftig kostümiert,
und mag dich auch der Teufel reiten,
du wirst nicht exkommuniziert.

Dann ruf Alaaf noch in die Runde,
den Urschrei für des Jecken Glück,
dann dröhnt dir wie aus einem Munde
ein donnerndes Alaaf zurück!

So schwebt man schon auf Wolke sieben,
eh man sich weiter hochgepusht
mit Bühnen-, Bütten-Seitenhieben,
dern Pointen stets, trärä, vertuscht.

„Ein Dankeschön an die Kapelle,
die keine Flasche jetzt entkorkt,
doch täglich bis zur Morgenhelle
für ausgelassne Stimmung sorgt!“

Nicht schlecht beim Gute-Laune-Heben,
wenn auch an Säften man nicht spart –
seit Vater Noah dem von Reben
und Bier nach Pharaonen-Art.

In jedem Fall ein Rausch der Sinne
mit einer langen Tradition,
dass kurz das Volk einmal gewinnen
Distanz zu seiner Alltagsfron.

Ein kluger Schachzug, den Prälaten
sich irgendwann mal ausgedacht,
weil sie mit trockenen Oblaten
die Seelen doch nie sattgemacht.

Einmal so übern Zapfen hauen,
wie’s braucht die sündige Natur –
und dann mit frischem Gottvertrauen
verkatert in die Fastenkur!

Die aber dulden diesen Rummel,
als Fristenlösung jedenfalls,
sie tragen ihre bunten Fummel
auch außerhalb des Karnevals!

Utopisch

Ist überall denn gleich das Leben,
so wie bei unsereins im Kern?
Kann es nicht andre Formen geben,
vielleicht auf einem andren Stern?

Da könnte ich ein Land mir denken,
wo alles mit Humor geschieht
und sich die Leut‘ ein Lächeln schenken,
bevor man noch die Sonne sieht.

Die Stütze unsrer Potentaten,
oft trübe im geliehnen Licht,
Beamte wären wohlgeraten
und mobbten ihre Bürger nicht.

Und die mit Knüppel und mit Knarre
vertreten hier die Obrigkeit,
sie führen keinem an die Karre –
stets freundlich und stets hilfsbereit.

Der Richter auch von Gottes Gnaden,
der urteilt mit Gesetzeskraft,
er dächt, es würd am meisten schaden,
und nähme das System in Haft.

Herr Lehrer, bitte eine Frage!
Erspar sie dir, du Naseweis:
Man lernte dort mit einem Schlage
per Pille ohne Angst und Schweiß!

Politiker, die unsren gleichen,
ganz nah am „Wohl des Volkes“ dran?
Dort hielt man es nicht mit den Reichen
und wirklich mit dem kleinen Mann.

Und was ist mit den Klerikalen
im Gnadenstand der Fantasie?
Man müsste Eintritt dort bezahlen
für so viel Märchen und Magie.

Die aber auf der Knete glucken,
nur dass sie goldne Eier leg?
Man gäb dort ohne Wimpernzucken
dem Bettler sie mit auf den Weg.

Genug der Wunder. Nur Soldaten,
die fehlen noch zu guter Letzt:
Dort würde ihren Heldentaten
bestimmt kein Denkmal mehr gesetzt.

Die kleinen Dinge

Sind’s nicht die kleinen Dinge grade,
an denen unser Herz sich freut,
so wie ans graueste Gestade
das Meer die schönsten Muscheln streut?

Soll ich dem Lappen denn nicht danken,
der freundlich mir vom Halse hält
den Staub, der gerne auf die Flanken
der ungeschützten Möbel fällt?

Soll ich die Pfanne denn nicht ehren,
die treu zu meinem Gaumen steht
und, sein Vergnügen zu vermehren,
ihm gar panierten Stockfisch brät?

Und erst das quirlige Gebilde,
dem ständig warme Luft entweicht,
dass ihre sommerliche Milde
vom Kopf bis zu den Füßen reicht?

Und auf dem Tisch die neue Decke,
die ja aus gutem Grund gummiert,
dass ich denselben nicht beflecke,
falls sich ein Bissen drauf verliert?

Ein Arsenal von Nützlichkeiten,
für die man meist kein Auge hat,
obwohl sie täglich uns bereiten
Komfort, Behagen, Frische satt!

So geht es ja mit vielen Dingen,
dern wahren Wert man leicht verkennt –
auch Versen, denen lobzusingen,
wär nur die Muse Rezensent!