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Zahnbehandlung

Sofern in deinen alten Tagen
die Beißerchen an Halt verliern,
hilft dir kein Jammern und kein Klagen –
du musst den Zahnarzt konsultiern.

Der kommt mit zünftigen Geräten
und seiner Fingerfertigkeit,
die Stümpfe endlich auszujäten,
die faulen schon seit langer Zeit.

Du streckst dich auf die Gummiliege
und ruckelst deinen Leib zurecht,
bis Kopf und Nacken in der Biege –
und damit los denn zum Gefecht!

Mit rasch getauschten Instrumenten
heißt’s Klappe auf und Klappe dicht –
als leidgeprüfte Patienten
wisst ihr ja selbst, wie so was sticht.

Nach zwei bis drei gefühlten Stunden
lässt der Dentist dich wieder ziehn –
beschwert mit weiteren Befunden
für deinen nächsten Zwicktermin.

Von Zeit zu Zeit musst du so harren
wie’n Fisch mit offnem Maul an Land,
indes dir in die Kiemen starren
zwei Argusaugen unverwandt.

Dann bist du durch mit dieser Stätte.
Der Mühe Lohn: Ein neuer Look –
aus Zähnen eine Perlenkette
als bissbeständ’ger Kieferschmuck.

Jetzt musst du nicht mehr scheu im Rachen
verbergen den dentalen Schwund –
jetzt kannst du wieder Eindruck machen
mit lachend aufgerissnem Mund!

Wäre da bloß nicht die Schikane
mit der Corona-Maskenpflicht –
ob alt, ob neu, die Kauorgane,
man sieht sie hinterm Schleier nicht.

Charakterfest

Besteigt der Bürger seinen Wagen,
bezwingt er dann sein Naturell?
Wird sich mit aller Welt vertragen
und geht doch gerne wem ans Fell?

Wird er bezähmen sich zu brüllen,
falls plötzlich er in Zorn gerät,
sich rücksichtsvoll in Schweigen hüllen,
wenn ihm was auf den Senkel geht?

Wird er nicht auf die Hupe hauen,
statt dass er auf die Bremse tritt?
„Und falls wir einen Unfall bauen,
dann mach ich noch ‘nen guten Schnitt“?

Wird er zu rasen unterlassen,
wo immer es ihm auch beliebt,
sich Tempo 30 anzupassen,
„wo quasi man die Kiste schiebt?“

Wird er nicht seine Asche schnippen
zum Fenster raus in Wald und Flur,
sich wütend an die Stirne tippen,
blockiert man ihm die linke Spur?

Er wird sich für den Größten halten,
der jemals hinterm Lenker saß
und durch geniales Knüppelschalten
ein Minimum an Sprit verfraß.

Für ihn ein Fremdwort: Fehler machen.
Perfekte Fahrkunst wird zum Kult.
Und kracht es mal mit hundert Sachen,
dann ist, na klar, der andre schuld.

Wird der mit sich im Reinen leben
und seinem Angehör’genkreis
und nicht den öden Schwätzer geben,
der alles kann und alles weiß?

Ein Spießer ist er auf der Piste,
ein blechgeschützter Haustyrann,
den, ach, man noch nicht auf die Liste
der seltnen Vögel setzen kann!

Eine sichere Bank

Die Könige in alten Zeiten.
die wussten sich noch anzuziehn,
sie liebten solche Kostbarkeiten
wie Purpur oder Hermelin.

Und was an Goldgerät sie brauchten,
um ihre Macht zu demonstriern,
das ließen diese Top-Erlauchten
mit Edelsteinen reich verziern.

Indes der Bauer auf der Weide
mit Mühe seine Kuh genährt,
hat jener Säcke voll Geschmeide
den Favoritinnen verehrt.

Ja, noch bis heute ist im Schwange
der Spruch, den man nicht leicht vergisst,
dass nächtlich er bei starkem Drange
in einen goldnen Topf gepisst.

Die große Neigung zu Karfunkeln
ist heute keineswegs passé,
und manche Maid trägt, hört man munkeln,
Millionen überm Dekolleté.

Wer aber kann sich so was leisten?
Nicht jeder ist ein Geldmagnat.
Darum begnügen sich die meisten
mit einem Talmi-Surrogat.

Doch muss das immer lose hängen
wie Obst von Arm und Hals und Ohr?
Ist das, zumal bei größren Mengen,
nicht eher lästig als Dekor?

Kann dir genauso gut nicht schmücken
den Leib ein findiger Artist,
ihm einen Stempel aufzudrücken,
der absolut einmalig ist?

Dann lass dich mit ‘ner Nadel ätzen
von einer Hand, die kompetent,
und ohne diese zu verletzen,
dir Muster in die Pelle brennt.

In tausend Ängsten schwebt der Reiche,
dass jemand seine Klunker klaut.
Dir drohn nicht solche Schelmenstreiche –
du trägst dein Schmuckstück in der Haut.

Stadtvermöbelung

Erlebnis: In der City shoppen.
Das heißt, die Nerven liegen blank.
Die Tüten schon nicht mehr zu toppen.
Ein Königreich für eine Bank!

Man muss sich dringend mal verschnaufen.
Die Arme machen nicht mehr mit.
Von wegen, ein paar Sachen kaufen.
Das zieht wie Blei bei jedem Schritt.

Da gibt’s zum Glück ja diese Bänke.
Da lehnt man sich entspannt zurück,
schaut halb versöhnt auf die Geschenke
und prüft noch einmal jedes Stück.

O heil’ge Einfalt, eine Lehne!
Die gab wohl früher einmal Halt.
Heut wandelt sich die Straßenszene,
und Stein macht dir den Hintern kalt!

Der Grund für diese Mobbing-Möbel
liegt – pst, nicht petzen! – auf der Hand:
„Zum Luxus passt hier nicht der Pöbel,“
vertraulich so der Fachverband.

„Nur keine Penner, wie sie hungern
mit keinem Heller auf der Naht,
um ganze Tage rumzulungern
als Werbung für den Wohlfahrtsstaat.

Wir wollen hochpotente Kunden
mit möglichst dickem Portemonnaie,
die nur so wuchern mit den Pfunden,
und dann husch, husch aufs Kanapee.“

Und weil’s bei Heuchlern ja so Sitte,
was schönzureden mit Bravour,
nennt dreist man diese Sitzverschnitte:
Defensive Architektur.

Emily

Was braucht es eines Virus Wüten,
dass seines Heims man sich erfreu?
Man kann auch seine Stube hüten
aus angeborner Menschenscheu.

Doch von der Welt nicht abgeschlossen,
die blühend draußen sich erstreckt,
nicht wie in Bernstein eingegossen
in Totenstarre ein Insekt.

Kann man nicht lebhaft Anteil nehmen
an allem, was in ihr geschieht,
indem, die Augen zu beschämen,
man lieber mit dem Herzen sieht?

Wird nicht der Halm, der durch die Spalten
des Pflasters an die Sonne drängt,
die Würde solcherart behalten
als Wesen, das am Leben hängt?

Die Amsel, die an frost’gen Tagen
sich nur von Fastenspeise nährt,
wird sonst sie wer noch danach fragen,
ob ihr Gesang einst wiederkehrt?

Jetzt heißt’s indes das Wort erteilen,
ihr, die der Scholle nicht entkam
und ihre ungekrönten Zeilen
ins Grab, ins frühe, mit sich nahm!

Sie sind nicht lange stumm geblieben,
in gute Erde eingesät;
der Frühling hat sie ausgetrieben,
der Wind sie übers Land geweht!

To make a prairie it takes a clover and one bee,
One clover, and a bee,
And revery.
The revery alone will do,
If bees are few.

Zuständigkeiten

Manch klugen Kopf hört ich beteuern,
allein aus seinem Schaffen schon,
aus pausenlosem Versefeuern
bezieh der Dichter seinen Lohn.

Da bräucht es keine andern Ehren,
schon gar nicht was wie Gut und Geld,
um die Glückseligkeit zu mehren,
die strophenweise ihn befällt.

Ich möchte keineswegs bestreiten,
dass da ein Körnchen Wahrheit steckt
und auf dem Musenross zu reiten
meist alle Wünsche abgedeckt.

Doch selbst im schlichtesten Gemüte
ist Eitelkeit ein treuer Gast,
damit man ihm mit Lob vergüte,
was noch in Lorbeer nicht gefasst.

Auch der Erzeuger dieser Zeilen
hat jene schon an sich bemerkt,
begrüßt mit Kusshand, wenn bisweilen
ein Leser ihm den Rücken stärkt.

Versteht sich online heutzutage.
Und sogar ohne Abc.
Ein Klick nur, und mit einem Schlage
hebt sich der Daumen zum Okay.

Tatsächlich mir zu schreiben pflegen
paar Typen sogar lang und breit –
doch leider nicht der Lyrik wegen,
dafür nimmt keiner sich die Zeit.

Man will mich technisch optimieren
(„Du schöpfst nicht wirklich aus dem Volln“),
wovon die selbst nur profitieren,
die mich zu was belatschern wolln.

Die haben wohl noch nie betreten
die Meldeämter des Parnass.
Apoll betreut doch die Poeten,
nicht Bruder Hermes – merkt euch das!

Gratiskonzert

Die tiefen Töne überwiegen
bei dieser kruden Melodie,
die morgens schon herüberfliegen
vom Baugelände vis-à-vis.

Nur eine Handvoll Instrumente,
doch nichts von Flöte und Spinett.
Das Fehlen feinerer Akzente
macht ein konstantes Forte wett.

Der Bohrer spielt die erste Geige,
ein riesenhafter Kontrabass,
dass tief er in den Boden steige
zu Proben ohne Unterlass.

Ein Scheppern ist sein Markenzeichen,
wenn innen an sein Rohr er schlägt,
dass dem Gewinde so entweichen
die Klumpen, die es mit sich trägt.

In einer etwas höhren Lage
gibt sich dafür die Raupe kund –
Gestöhn hält dem Gequietsch die Waage,
düst sie con brio übern Grund.

Dazu das Brummen der Motoren
von Lastern, die geduldig harrn,
wie große, schwerbereifte Loren
das Baggergut davonzukarrn.

Die Kammer-Crew der Interpreten.
Doch gibt auch einer an den Ton –
statt mit dem Stock, dem obsoleten,
mit einer Mess-Totalstation.

Ein Weißhelm hebt ihn aus der Menge
der Spieler mit den bunten raus.
Er kennt nach Breite und nach Länge
den Masterplan des ganzen Baus.

Obwohl die Töne üppig fließen,
bis abends man die Bühne sperrt,
lässt sich doch eintrittsfrei genießen
dies lange Open-Air- Konzert.

Doch leider hab auf die Moderne
ich immer noch nicht richtig Bock
und träum mich lieber in die Ferne
zurück zu Klassik und Barock.

So zähln zu meinen Favoriten
Vivaldi, Telemann und Bach.
Was die da drüben aber bieten,
das nenn ich schlicht und einfach Krach.

Verkrümelung

Als Vorsatz zwar nicht ausgesprochen
und heimlich nicht einmal gedacht,
hab ich doch mit dem Brauch gebrochen,
der Weihnachten so schmackhaft macht.

Mit Keksen Schluss und Schokolade,
Krokant und Kuchen und Konfekt
und jeder Form von Eskapade,
in der ein Haufen Zucker steckt!

Bin sonst nicht so ‘ne süße Schnute,
die’s dick mit Näschereien hat,
doch rund ums Fest ist mir zumute,
als würd ich ohne gar nicht satt.

Dann kann ich gar nicht so schnell schlecken,
wie neue Tütchen ich mir hol,
um mich mit Mengen einzudecken,
die’s reinste Gift fürs Magenwohl.

Ja, wenn die Sinne mich nicht trügen:
Beginnt man mit dem Zeug erst mal,
entfaltet es in vollen Zügen
sein knusperfreud‘ges Suchtpotenzial.

Wer zählt die feinen, flücht’gen Happen,
die auf der Zunge fast zergehn?
„Na, einen will ich mir noch schnappen,
hm, lecker, ehrlich – Madeleine.“

Auf diese milde Variante
‘ne kräftigere folgen muss.
„Doch gibt’s denn so was, ‘ne pikante?
Natürlich, hier die Pfeffernuss!“

Die Augen nur sind auf dem Posten,
doch der Verstand wie üblich pennt –
was bremst dich also, durchzukosten
das ganze Sündensortiment?

Vorbei indes die Mußestunden,
die ‘n feierliches Flair beschwörn
mit all den Dingen, die uns munden,
weil sie seit je dazugehörn.

Nicht dass sie keinen Spaß mehr machten,
ist erst die Krippe abgebaut,
doch muss man schließlich wieder achten
auf die Figur, die man versaut.

Doch dann liegt jäh dir auf dem Magen
der große Rest der Schlemmerzeit!
Die Altlast gilt’s noch abzutragen.
In Wochen. Und nach Haltbarkeit.

O Tannenbaum

Ein Stückchen Wald mitten im Zimmer,
das gibt es nur zur Weihnachtszeit.
Und an dem Baum der sanfte Schimmer
von Kugeln, ins Geäst gereiht.

Dazwischen eine Lichterkette
wie eine Perlenschnur, die glüht
und aus dem dunklen Nadelbette
gleich Sternen aus der Nacht erblüht.

Das mag als Zierrat auch schon reichen.
Lametta braucht es wirklich nicht.
Die Spitze kann getrost man streichen.
Der Ständer nur, der Fuß ist Pflicht.

Auf dem ist er nicht weit geschritten
aus seinem waldigen Revier
und hat auch keinen Bruch erlitten –
kam makellos von da bis hier.

Ja, wie es heißt, naturbelassen
zog er ins Oberstübchen ein,
im vollen Schmuck der Blättermassen
und noch bewässert obendrein.

Ich war auf ihn nicht vorbereitet.
Trat in den Raum ganz ahnungslos,
von nichts als der Idee geleitet,
dass ich auf Altbekanntes stoß.

Da prangte er in vollem Glanze
vor dem erstarrten Blick auch schon –
verklärt die immergrüne Pflanze
zu einer himmlischen Vision.

Und staunend wie in Kindertagen,
wenn sich der Vorhang plötzlich hob,
ließ ich mein Herz in Weiten tragen,
wo aller Erdenstaub zerstob.

Die Überraschung war gelungen,
die’s kaum vom Wunder unterschied.
„O Tannenbaum“ wurd nicht gesungen.
Da stand er ja, lebendig Lied!

Silvester

Nanu, fast hätte ich’s vergessen,
dass heut des Jahres letzter Tag,
hab ihn geduldig abgesessen
als Gegenstück zum Taubenschlag.

Schon gestern hab ich mir die Sachen
zum Überleben rangeschleppt
und musst mir nicht Gedanken machen,
dass morgen diese Flut verebbt.

Drum friedlich nur dahingedämmert,
die Hände lasch vorm Hosenbund,
und keiner hat ans Tor gehämmert
aus irgendeinem starken Grund.

Auch draußen auf den trüben Gassen
war alles völlig lahmgelegt,
die Menschen- und Motorenmassen
vom Abendwind hinweggefegt.

Und dann auf einmal in die Stille
ein Laut wie ein Kanonenschuss,
dass dir die bügelbeste Brille
vor Schreck vom Zinken hüpfen muss!

Wo’s Böllern diesmal doch verboten,
weil es zu mehr Kontakten führt
und noch dazu in falschen Pfoten
das Risiko des Unglücks schürt!

Kam also, es erneut zu sagen,
aus heitrem Himmel wie ein Blitz
und schlug wie ‘n Hammer auf den Magen
des Träumers auf dem Polstersitz.

Doch war der Schreck erst überstanden,
hat dieser Blitz ihn doch erhellt –
Silvester heut in allen Landen.
O Freude, wenn der Groschen fällt!

Danach ist es dann still geblieben,
kein Donner mehr die Luft zerriss.
Die Zeit hat mählich sich zerrieben
am Urgestein der Finsternis.

Und Michel durfte Erbsen zählen,
bis Mitternacht die Glocke schallt.
Ließ sich das bisschen Spaß nicht stehlen –
hat ganz legal damit geknallt.