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Nachbarin Amsel

Da wo ich schlafe, in der Kammer
das Fenster auf den Garten zeigt,
in dem die Amsel und die Ammer
auch noch im Herbst zum Zwitschern neigt.

Dann hallt es sogar lauter wider
als in der schönen Sommerzeit,
weil nicht mehr dämpfen ihre Lieder
die Bäume mit dem Blätterkleid.

Nach rechts trennt eine hohe Hecke
mich von des Nachbarn Heim und Herd,
die allerdings zum Lärmschutzzwecke
nicht ein Ligusterblättchen wert.

Wenn abends ich den Raum betrete
noch vor dem Schlummer irgendwann,
erschallt wie Jerichos Trompete
der Laubenplausch von nebenan.

Dabei zwei männliche Organe,
die beide mehr zum Bass tendiern
und eher ruhig, wie im Trane,
gelegentlich ein Wort verliern.

Doch wie bedächtig und besonnen
es ihrem Mund sich auch entringt,
es scheint, dass aus dem dunklen Bronnen
gleichwohl ein lust‘ges Quellchen springt.

Wie ließe sich denn sonst begreifen
der engelssüße Widerhall
auf diese tiefen Orgelpfeifen
in diesem oder jenem Fall?

Dann schüttet in den höchsten Tönen
ein Mädchen sich vor Lachen aus,
als wollte es die drei versöhnen
mit Muffeln aus dem Nebenhaus.

Das schießt ihr nur so aus der Seele,
so arglos wie der Amsel Lied,
dass aus der Kammer ich mich stehle,
als wäre ich der Störenfried.

Horrortrip

Längst ist der Globus überladen
mit seiner bunten Völkerfracht,
die sich schon alle fünf Dekaden
verdoppelt auf die Reise macht.

Und dennoch Tag für Tag ihm steigen
die Leute zu in großer Zahl,
die nicht einmal ihr Ticket zeigen,
denn Schwarzfahrn ist darauf legal.

Drum wird die Achse ihm nicht brechen,
wie schwer auch dieser Zuwachs wiegt;
es fehlt ihm allerdings an Flächen,
dass jeder auch ein Plätzchen kriegt.

Man wird sich auf die Füße treten,
je dichter man zusammenrückt,
und mit den Fäusten sich bekneten,
wenn’s auf die Hühneraugen drückt.

Es wird indes noch schlimmer kommen,
ist man erst derart eingezwängt,
dass jede Nase wie benommen
am Atemhauch des Nachbarn hängt.

Dann wird der Typ selbst explodieren,
der niemals aus dem Ruder lief,
um augenblicklich zu vertieren
zur Bestie, die in ihm nur schlief.

Dann wird im Jähzorn man zerstören
das Hindernis aus Fleisch und Bein
und hoch und heilig darauf schwören,
(aus Notwehr nur!) im Recht zu sein.

Dann mag dir bloß das Trittbrett dienen
für deine ungewisse Fahrt:
Man stößt brutal dich auf die Schienen,
dass du auf Schotter aufgebahrt.

Ja, in dem ganzen großen Wagen,
der wie mit Viechern vollgestopft,
geht man so roh sich an den Kragen,
dass rot es von Wänden tropft.

Und ist man erst so schön in Gange,
dann gibt es auch kein Halten mehr,
man haut und sticht und schießt so lange,
bis alle Magazine leer.

Zum ersten und zum einz’gen Male
verwischt der Völker Unterschied:
Gemeinsam bleicht im Jammertale
man nach dem Menschheitssuizid.

Der Globus aber rumpelt weiter,
die Polster noch von Blut bekleckst,
und braucht nicht mal ‘nen Zugbegleiter,
weil bald schon Gras darüber wächst.

Gans zufällig

Was für ‘ne klösterliche Stille!
Kein Menschenauflauf: Wochentag.
Um uns herum die Herbstidylle
wie auf ‘nem Bild von Bruegel lag.

Und unbeschwert sind wir gegangen
auf dem gehegereichen Pfad,
um unversehens anzulangen
am Wasservogel-Reservat.

Da tummelten auf ihrem Teiche
die Enten sich aus aller Welt
und Gänse, auch so schwanengleiche,
dern langer Hals ins Auge fällt.

Um sie uns näher anzugucken,
schlurften wir langsam auf sie zu;
das schien indes sie nicht zu jucken
als ziemlich flugerfahrne Crew.

Ein Trupp stand auf der Uferwiese
grad da, wo diese eingezäunt,
und lauschte still der Expertise
von irgendeinem Vogelfreund.

Wir also zu den Pseudo-Schwänen
in Richtung auf den Wiesenrand,
da sahn wir am Geländer lehnen
zwei Leute, die uns wohlbekannt.

Hallo, hallo! Erstaunte Blicke.
Ein Zufall, auf den Punkt genau.
Wir sind nicht Freunde grade, dicke,
doch schätzen uns aus dem e. V.

Wobei hier mal aus voller Kehle
besonders einem Lob gebührt,
weil ständig er mit Leib und Seele
den Tieren nach der Bleibe spürt.

Ihm helfen dabei jene Ringe,
die vieln er um die Füße legt,
damit es festzustelln gelinge,
wohin sie’s nach der Brut verschlägt.

Er kennt wohl jede Lebensphase
des Zuggeflügels der Region,
und kaum direkt vor unsrer Nase,
erwacht auch unsre Neugier schon.

Denn weil so viele fremd uns waren,
haben nach manchen wir gefragt,
die untern bunten Entenscharen
da auf dem Teiche mitgequakt.

Dann drehten wir den Rest der Runde;
ich aber lachte insgeheim,
mach ich doch dank berufnem Munde
mir jetzt auf Gänse einen Reim.

Umleitung

Schon lichten sich die Nebelschwaden
und Regen bleibt uns heut erspart.
Wie sollte sich da nicht entladen
die Lust auf eine Wanderfahrt?

Zunächst mal auf die Autopiste!
Die Route war uns zwar vertraut,
doch weiterrollend in der Kiste,
sahn jäh die Straße wir verbaut!

„Anlieger frei“. Das ließ uns hoffen,
es müsste wo ein Ausgang sein,
wir taten so, wie mitbetroffen,
und bogen in die Lehmspur ein!

Indessen schon nach kurzer Strecke
ein Gutteil dieser Hoffnung schmolz,
denn plötzlich schickte um die Ecke
die Trasse uns ins Unterholz.

Wir fanden uns im Walde wieder,
der herbstlich trist und desolat,
die Räder ächzten auf und nieder
auf einem krummen Wurzelpfad.

Dann aber teilte sich die Schneise,
drei Wege standen uns zur Wahl,
mit einem Wort, die Dschungelreise
war aus, finito erst einmal.

Jetzt hieß es, nicht den Mut verlieren.
Da kam die gute Fee auch schon,
die lief mit ihrem Hund spazieren
hier fern der Zivilisation.

Indem sie kurz den Kopf nur wandte,
sah das Dilemma sie uns an
und en passant die Botschaft sandte:
„Da geht es nur zu Fuß voran.“

Nun, mit Gerüttel und Gerumpel
zurück denn über Stock und Stein.
Mag uns der „Golf“, der alte Kumpel,
den Holzweg noch einmal verzeihn!

Aufs Navi jetzt die Augen flogen,
das ja bisher noch nicht im Spiel,
das führte uns in hohem Bogen
mit sichrem Pfeil an unser Ziel.

Die Laune war uns nicht verdorben,
so’n kleiner Umweg ist ‘n Klacks.
Jetzt schnell die Tickets noch erworben –
und in den Park zu Fuchs und Dachs!

Wachstumsschäden

Die Wurstelei, sie nimmt kein Ende,
steht auch das Wasser schon zum Hals.
Und brav im Schoße ruhn die Hände –
bei unsren „Machern“ jedenfalls.

Allüberall brennt schon die Hütte,
nimmt das Desaster seinen Lauf,
doch legen eher noch ‘ne Schütte
an Kohln die „Brandbekämpfer“ drauf.

Durchaus im übertragnen Sinne,
denn „Kohle“ heizt die Wirtschaft an,
und ohne Aussicht auf Gewinne
noch keiner ein Projekt begann.

Derweil sich weiterhin vermehren
die Menschen wie im Sauseschritt
und von der Erde Früchte zehren,
die halten nicht das Tempo mit.

Der Mangel aber wird grassieren,
der stets die gleichen Blüten treibt:
Die Preise steigen, explodieren,
bis Brot man auf Rezept verschreibt.

Gekämpft wird nur mit halbem Herzen,
es sei denn kurz vor einer Wahl,
denn schließlich will man’s nicht verscherzen
mit unserm Platzhirsch „Kapital“.

Der lässt in seinem Schatten äsen,
wenn sie beim Fressen ihn nicht störn,
auch andre artverwandte Wesen,
sofern sie nach dem Maul ihm röhrn.

Selbst mit dem Untergang vor Augen
besiegt die Gier noch die Vernunft –
da solln als Umweltgärtner taugen
die Böcke der Ministerzunft?

Die will‘s mit niemandem verderben,
scheut offne Worte wie die Pest
und lieber ihren Ämter-Erben
die ganzen Schulden hinterlässt.

Was für ‘ne miese Perspektive –
das dicke Ende scheint gewiss!
Der Fortschrittsglaube, der naive,
als größtes Rettungshindernis!

Doch hämmre das in einen Brägen,
der ganz von der Idee durchtränkt,
dass unser aller Heil und Segen
allein am Wirtschaftswachstum hängt!

So wär hier weiter nichts zu lösen,
als wie man einen Kreis quadriert.
Kein Wunder, dass die Brüder dösen –
schon Thales hat man nicht kapiert!

Dem Winter entgegen

Wie könnte ich jetzt Sterne pflücken
von der Galaxis Straßenrand,
da dichte Dünste sie entrücken
der heischenden Poetenhand?

In ihren wallenden Gewändern,
die ihre Örter nicht erhelln,
entgehen sie Rabattenschändern,
die sie in Blumenvasen stelln,

Damit das Wesen, angebetet,
die Göttin ihrer Leidenschaft,
wie längst bekniet sie und beknetet,
von ihrem Glanz dahingerafft.

Verzeiht, hier muss ich kurz mal halten:
Mich überfordert der Vergleich,
jonglier ja mit Naturgewalten,
an deren Größe ich nicht reich.

Das Ganze noch mal glattgebürstet,
von Falten und von Flitter frei:
Ein Dichter, der nach Sternen dürstet,
und sieht sie nicht im Nebelbrei.

Ansonsten gibt es nichts zu meckern.
Die Winde wehen mäßig kalt,
und Regentropfen kaum bekleckern
die Sammetdecke von Asphalt.

Zu den geborstnen Eichelsplittern
haben Kastanien sich gesellt,
die wohl noch lange nicht verwittern
auf diesem tristen Trümmerfeld.

Ein Tuch von tabakfarbnen Blättern
hat übern Gehweg sich gelegt,
das ihm wie mit mobilen Lettern
ein wirres Muster eingeprägt.

Von ihren grünenden Geschwistern
harrn nur noch wenige am Zweig;
gelegentlich ein feines Knistern –
dann schluckt auch sie der Bürgersteig.

Die Vorbereitungen, sie laufen,
wie die Natur sie immer traf.
Bald geh ich mir mein Ticket kaufen
und flüchte in den Winterschlaf.

Das diskrete Haus

Ein rundes Haus mit tausend Zimmern,
das bodenlos im Raume schwebt;
darüber sieht man Sterne schimmern,
sofern man nicht im Keller lebt.

Die Mieter in den zig Etagen
sind meist sich völlig unbekannt;
wer reist mit Fahrstuhl-Equipagen,
reist gleichsam in ein fernes Land.

Selbst auf den langen Nachbarfluren
bleibt in der Regel man sich fremd,
man sichtet hier und da wohl Spuren,
doch ohne dass man sie durchkämmt.

Gepfercht in irgendeine Ecke
in diesem wackeligen Bau,
beglotzt man seine Zimmerdecke
und meint, dass man den Himmel schau.

Die Augen abgewandt, die Ohren,
und fühllos wie ein Automat,
geht jede, jeder traumverloren
den ausgelatschten Trampelpfad.

Und wär doch manches zu erlauschen
vom Keller aufwärts bis zum Dach,
was klarer als ein dumpfes Rauschen
und Nuscheln im Charakterfach.

Oft klingt es noch nach ganzen Sätzen,
solang Beherrschung überwiegt,
doch die zerfalln zu wirren Fetzen,
wenn wer sich in die Haare kriegt.

Mal auch ein Klatschen oder Kreischen,
dann kommt es schon zur Tätlichkeit,
im schlimmsten Falle gar Zerfleischen,
wenn Hass nach Blutvergießen schreit.

Auch Schüsse werden manchmal fallen
in irgend’nem Ganovennest,
die aber so verstohlen knallen
wie Winde, die man fahren lässt.

Wie oft hört man auch Kinder weinen,
weil Trost und Liebe ihnen fehlt,
weil, wie verstockte Große meinen,
nur Härte sie fürs Leben stählt.

Man scheut indes, sich einzumischen:
Man brächt nur Unrat an den Tag
und müsste von der Brille wischen
den schönen rosa Farbbelag.

Und kriegt man selber nicht am Ende
noch irgendwelche Schererein?
Wozu hat schließlich man die Wände,
wenn nicht, um ganz für sich zu sein?

Solln anderswo sich die Chaoten
die Fresse ruhig doch poliern –
von denen lasse ich die Pfoten,
denn heißt nicht wagen auch verliern?

Gemütlich fläz ich meine Beine
über das Sofatischchen hin
und komme mit der Welt ins Reine,
wenn ich im Fernsehbilde bin.

Denn jeden Abend zu begaffen
das Elend ich der Erde pfleg –
das kann kein Autounfall schaffen,
da stehn die Retter meist im Weg!

Im Oktober

Er guckte auch schon einmal netter.
Was zieht er heut für ein Gesicht
nach „Sieben Tage Regenwetter“,
als plagte ihn die liebe Gicht!

Missmutig lässt der Herbst entladen
Gewölk von seiner feuchten Fracht,
dass mal wir voll in Schauern baden
und mal im Nieseln still und sacht.

Hat er nicht Grund für seine Tränen,
mit denen er die Erde nässt?
Es reißt ihm ja in ganzen Strähnen
die Blätter ständig vom Geäst!

Die sammeln fern von ihrem Baume,
so wie dem Zufall es gefiel,
sich weit verstreut im Straßenraume,
dahingerafft mit Stumpf und Stiel.

Und während sie sich bunt verbluten,
vor Nässe wie im Fieber glühn,
scheint sich der Wind noch mehr zu sputen
und nimmt im Sturm das letzte Grün.

Wie kühl sind nun die Abendstunden;
der Nacht steht schon der Frost ins Haus!
Bald gehn die Kinder ihre Runden
und führen ihre Lichter aus.

Dann stapfen sie durch Nebelschleier
ein bisschen außer Reih und Glied
und singen zur Laternenfeier
ihr Sonne-Mond-und-Sternelied.

Wie fröhlich zieht die Rasselbande
dann wieder heim ins warme Nest!
Ein Ruch von Moder rings im Lande?
Ihr Herbst – das reinste Frühlingsfest!

Heureka!

Was haben nicht herausgefunden
die alten Griechen seinerzeit
und waren doch noch nicht verbunden
mit Quellen à la Bit und Byte.

Im dunkelsten der Magazine,
im Hirn die Wissensdeponie,
benutzten sie als Suchmaschine
nur ihre blühnde Fantasie.

Und war sie auch noch so verstiegen
im Hokus pokus fidibus,
sie ahnte („falsch gewachst“) das Fliegen
im Sturze schon des Ikarus.

Es scheint, auch vom Kanonenfeuer
hat ihnen etwas schon geschwant,
denn Zeus, ging er auf Abenteuer,
hat ihm ein Blitz den Weg gebahnt.

Man wusste auch schon vom Experten,
der stets vergeblich warnt und rät,
bis sich die Fakten dann erhärten,
für Rettung es indes zu spät.

Gewiss aus allen Wolken fiele,
wer schauen könnte unsre Zeit
und dass seine Gedankenspiele,
o Wunder, heute Wirklichkeit!

‘ne ganze Zunft von Ikarussen
sich tummelt hoch im Luftrevier
so sicher wie in Bahn und Bussen
auf festem Grund und Boden hier.

Und dann die ungeheuren Waffen,
mit denen man sich jetzt bedroht,
perfekt, die Feinde wegzuraffen
und sich gleich mit im selben Boot!

Da kommt denn doch den Alt-Hellenen
die gern geübte Skepsis an,
ob man bei solchen Zukunftsszenen
sich auf den Fortschritt freuen kann.

Auch nimmt er wahr die Umweltsünden,
wie sie zersetzen und zerstörn,
obgleich schon „Seher“ längst verkünden,
dass Unheil sie heraufbeschwörn.

Kassandras Rufe sind geblieben,
um die kein Mächtiger sich schert –
die Typen, die Geschichte schrieben,
sie setzten stets aufs falsche Pferd.

Gute Nachbarschaft

Gestattet mir, euch vorzustellen:
Bommel der Große, Kalli Klein.
Sie sind zwei fröhliche Gesellen
und wollen gute Nachbarn sein.

Ein hübsches Häuschen sie bewohnen
von recht bescheidenem Format,
doch können auch den Beutel schonen,
weil niemand sie zur Kasse bat.

Ja, nicht nur dass Logis sie sparen,
sie haben auch die Kost noch frei,
wenn auch nicht grade Luxuswaren
im Stil von Leipzigs Allerlei.

Doch ihnen kann’s gestohlen bleiben,
vor Schmalhans spürn sie keine Scheu,
begnügen sich mit Gurkenscheiben
und einer Handvoll frischem Heu.

Und grade dies verkappte Fasten
beflügelt sie nur umso mehr –
am liebsten sie im Kreise hasten,
der eine hinterm andern her!

Dann müsstet ihr sie quieken hören
vor ausgelassner Lebenslust
aus voller (so wie bei Tenören),
doch dabei eher schmächt’ger Brust!

Für die leg ich die Hand ins Feuer,
die stören euren Frieden nicht.
Die Häuslichkeit: ihr Abenteuer,
die Ruhe: ihre Bürgerpflicht.

Meerschweinchen sind in jedem Falle
als Mieter einfach fabelhaft.
Ich glaub, ich spreche für euch alle:
„Na denn auf gute Nachbarschaft!“