Archiv der Kategorie: Poesie

Im Lauf der Zeit

Erst sitzen, sitzen und sinnieren
und dann den treuen Stift zur Hand,
um unten aufs Papier zu schmieren,
was oben das Gehirn erfand.

Seit ewig ich dies Hobby habe,
mich drin vertiefend wie ein Kind,
dass jetzt ich erst als alter Knabe
bemerke, wie die Zeit verrinnt!

Wie angeschwollen ist die Liste,
der meine Verse ich enthüllt,
als hätte wer in seiner Kiste
zig Eimerchen mit Sand gefüllt

Und alles um sich her vergessen
in seinem hingegebnen Spiel,
um diesen Stoff in Form zu pressen
als seiner Mühe höchstes Ziel.

Muss nicht die Zeit im Flug verstreichen,
wenn so sich jemand konzentriert
und in des Hirns geheimen Reichen
allein die Fantasie regiert?

Und tschüs dann plötzlich, liebes Leben,
wenn‘s aus den Träumen einen weckt
und zwingt, den Löffel abzugeben,
da ’s einem just am besten schmeckt?

Kein Grund, in Tränen zu zerfließen,
das rührt den Geist nicht der Natur.
Der lässt verdorren und lässt sprießen
ein frisches Blümchen auf der Flur.

Und mitgefangen, mitgehangen:
Ist Spaß denn etwa kein Profit?
Ich bin ja mit der Zeit gegangen –
mit jeder Zeile, Schritt für Schritt.

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Schreibsport

In nacktem Weiß mir untern Händen
erneut ein unbeschriebnes Blatt,
das mit des Kulis Blau zu schänden,
die Muse keine Skrupel hat.

Ich führe also meinen Schreiber
mit permanentem Zeilenzwang
nicht anders als ein Eseltreiber
den Grauen seinen Pfad entlang.

Der trägt indes auf seinem Rücken
die Last für ‘ne geraume Zeit
und spürt sie auf sein Kreuz noch drücken,
bis ihn der Stall davon befreit.

Mir aber liegt nichts auf dem Nacken,
was um ein Gramm mich nur beschwert;
hab ja nur Lyrik einzusacken,
die längst schon ihr Gewicht entbehrt.

Drum immer munter fortgeschritten
auf meinem „vorgeschriebnen“ Weg;
was brauch ich raue Treibersitten,
dass mächtig ich ins Zeug mich leg?

Das kann natürlich daran hängen,
dass mich ein Gen hat programmiert
und neben allen andern Zwängen
mich auch mit Dichtung infiziert.

Doch mag es ein Geheimnis bleiben,
es ändert nichts am Sachverhalt –
mich reimend an der Welt zu reiben,
treibt mich mein Daimon mit Gewalt.

Ich setze schon seit vielen Jahren
auf die bewährte Therapie,
die Lebenslust mir zu bewahren,
wie andere auf Wasserski.

Mich ziehn die Musen an der Leine,
dass ich durchpflüg das stille Weiß.
Und Stürze gibt es dabei keine.
Solang ich mich am Riemen reiß.

 

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Der geneigten Leserschaft

Was glotzt ihr denn auf meine Seiten,
habt ihr nichts Besseres zu tun?
In einem Bittgang mitzuschreiten?
‘nen Barfußbruder zu beschuhn?

‘ner netten Oma abzunehmen
des Einkaufsbeutels Schwergepäck,
dass beide heil nach Hause kämen,
die Kundin und ihr Schweinespeck?

Des Nachbarn Bude einzuhüten,
der sich erfüllt ‘nen Urlaubstraum,
und wässern seine biedren Blüten,
den Ficus und den Gummibaum?

Wär löblich auch, sich vorzuknöpfen
Lektüre (Milton, Marx und Mann),
um aus den Weisheitsquelln zu schöpfen,
in die mein Vers nicht reichen kann.

Doch seid ihr nun einmal gelandet
(ich frage allerdings mich, wie
ihr dieses weiße Fleckchen fandet)
im Dschungel meiner Fantasie!

Was hat euch dabei angetrieben?
Die angeborne Lyriklust,
dass alles, was als Vers geschrieben,
das Herz euch hebe in der Brust?

Die Reise in verborgne Welten,
von Touri-Massen unbeleckt,
um als Kolumbus einst zu gelten,
der den Parnass für sich entdeckt?

Ach, warum weiter räsonieren?
Es heißt doch: ‘nem geschenkten Gaul…
Sei es zu zweit, zu dritt, zu vieren –
schaut mir recht fleißig nur aufs Maul!

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Kein Wortgeklingel

Willkommen, liebe Leserinnen,
die meine Zeilen ihr nicht scheut,
‘nen kleinen Einblick zu gewinnen
in eine Kunst, die selten heut.

Ich könnt euch nicht in Zahlen sagen,
wer überhaupt sie noch genießt,
doch für mich selber nur beklagen,
dass sie als Mauerblümchen sprießt.

Dabei kann ich mir lebhaft denken,
warum sie so im Schatten lebt –
wer mag sein Ohr schon gerne schenken
dem Wort, an dem der Sinn noch klebt!

Will flüchtig wer zum Schwingen bringen
sein Herz im Harmonie-Akkord,
wird einen Hit er lieber singen,
denn Töne reißen richtig fort.

Und wer sich träumerisch im sachten,
im schnellren Schwung der Hüften wiegt,
der wird ‘nen Deubel darauf achten,
was für ein Text dem unterliegt.

Die ganze Skala von Gefühlen
erschöpft sich in der Melodie,
sie reißt die Leute von den Stühlen,
von lyrics hört man so was nie.

Die Chansonniers, die guten alten,
die hatten noch den Bogen raus,
wie beide sich die Waage halten,
Musik und Wort. Applaus, Applaus!

Doch heute will kein Schwein mehr lauschen
dem, was da wer ins Mikro lallt,
sich bloß am Lärm des Beats berauschen,
der stärker noch als Fusel knallt.

Schön Dank, dass ihr den leisen Tönen
auch weiterhin die Ohren leiht,
mein unvergeigtes Wort zu krönen
mit vier, fünf Hörern globusweit!

Drum geh ich nicht in Sack und Asche
und lutsch verbittert meinen Frust –
Verehrung für die laute Masche,
des Zeitgeists höchste Lebenslust!

Soll doch ein jeder gerne treiben,
was seinem Naturell entspricht,
und dankbar sich die Hände reiben,
wenn man ihm dafür Kränze flicht.

Ich hab auf meine alten Tage
mit Saitenspiel nichts mehr am Hut –
es widme sich dem Lautenschlage
der Barde mit Flamenco-Blut!

Ich pflege ganz im alten Sinne
sie, die olympische Idee –
nicht dass den Lorbeer ich gewinne,
doch unter Musen mich ergeh.

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Ein Hammerhaus

Halb zwölf. Und keine Nachbarn hauen
noch wild auf ihre Wände ein.
Ob in die Glotze sie jetzt schauen,
den Hammer im Reliquienschrein?

Ob in die Kissen sie gesunken,
erschöpft vom Rhythmus ihrer Hand,
die nach so viel geschlagnen Funken
total erschlafft und ausgebrannt?

Wer weiß. Ich jedenfalls genieße
die Ruhe, die jetzt eingekehrt,
und ungestört in Verse gieße,
was immer mir erwähnenswert.

Die Bürgerpflicht zur Maskerade
bestimmt auch heut das Straßenbild,
damit aus der Gesichtsfassade
nichts Feuchtes in die Lüfte quillt.

Dazu begann die zweite Phase
nach staatlichem Entspannungsplan –
man lupft den Griff leicht an der Nase,
doch öffnet nicht den ganzen Hahn.

Doch ist nicht von der Hand zu weisen,
dass man noch immer Fesseln trägt.
Wann werden wieder Flieger kreisen,
dass nicht umsonst sich Heimweh regt?

Noch sind die Grenzen fest verschlossen,
ich komm zurzeit hier nicht vom Fleck –
allein mit meinem Musenzossen
setz locker ich darüber weg.

Indessen auch nur in den Träumen,
die mir die Fantasie verleiht;
sie zählt nicht in den Landschaftsräumen
der schlagbaumfreud’gen Obrigkeit.

Ein Weilchen also ich noch glucke
in meinem meerbespülten Nest,
gewappnet mit Geduld und Spucke,
bis man mich endlich ziehen lässt.

Ich schätze, dass es ein paar Wochen
auf alle Fälle doch noch braucht.
So lange werden meine Knochen
noch in dies Wechselbad getaucht.

Am Tage Hämmern, Klopfen, Bohren,
womit man laut sein Handwerk preist,
indes es beinah mir die Ohren
bis rauf zum Trommelfell zerreißt.

Dann abends endlich wieder Frieden.
Beim Schreiben lausche ich dem Meer.
Doch was ist schon gewiss hienieden?
Fast zwölf. Und plötzlich hämmert wer!

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Himmel auf Erden

Ein Dichter würd im Paradiese
gewiss nur den Beruf verfehln;
das Leben auf ‘ner Blumenwiese
ihm Herbst und Winter bloß verhehln.

Denn dass des Daseins ganze Fülle
poetisch er erfassen kann,
braucht Gold genauso er wie Gülle,
den Banker und den Bauersmann.

Im Garten Eden nicht zu haben.
Hier sind die Menschen alle gleich.
So unbedarft wie Sängerknaben
und weise wie ein Wüstenscheich.

Man trägt mit Fassung die Askese
in diesem göttlichen Revier:
Nur Manna ohne Mayonnaise,
nur Nektar und kein Dosenbier.

Genauso mit der Kleidermode –
nichts Buntes, nichts Apartes mehr.
Ein Schneider grämte sich zu Tode,
sofern das hier noch möglich wär.

Auch das melodische Vergnügen
ist eher von bescheidnem Rang;
den hier Verewigten genügen
Lobpreisungen mit Harfenklang.

Das sind so einige Aspekte
der vielgerühmten Seligkeit,
dass lieber ich noch lange schmeckte
die gut gewürzte Lebenszeit.

Nein, Psalmen sind nicht meine Sache,
in die man dort die Seele lullt,
dass sie auf keinen Fall erwache
aus göttlichem Personenkult.

Dann lieber auf der Erde hocken,
in ihrem müffelnden Morast,
um ständig Verse zu verbocken,
mit denen man den Sumpf erfasst.

Ich werd ihn zwar nicht trockenlegen
mit meiner seichten Schreiberei,
womöglich aber einst Kollegen,
die weit entschiedener dabei.

Vielleicht wird sogar wahr mal werden,
mit Samba und Sardinenspieß,
vor unsrer Nase hier auf Erden
ein kreuzfideles Paradies!

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Ersatzpapiere

Aus seiner knochenbleichen Blöße
starrt blicklos das Papier mich an,
darunter Blätter, Stapel, Stöße,
die ich nur vage sehen kann.

Soll dieser Fülle ich mich freuen,
weil sie noch viele Verse fasst,
soll ich im Gegenteil sie scheuen
als ständige Verpflichtungslast?

Bis jetzt ist leidlich gut gelaufen
die permanente Produktion,
kein Griffelkauen, Haareraufen,
weil ich nicht fand den rechten Ton.

Die Zeilen munter sich vermehren,
wie Raupen fressend Blatt für Blatt,
weil seinen Schaffensdrang zu nähren,
der Barde nur dies Mittel hat.

Das Ganze lässt selbst haufenweise
inzwischen mich doch ziemlich kalt,
und bräucht’s dafür ‘ne glatte Schneise
im sogenannten Wirtschaftswald.

(Schon wieder hab ich übertrieben
im Dünkel meiner Dichterei
und umso deutlicher geschrieben,
dass schön ich auf dem Holzweg sei!)

Ich will’s bescheidner formulieren.
Die Frage ist mir piepegal:
Hab ich beim späten Spintisieren
auch stets genügend Material?

Beim Maler könnt ich das verstehen,
der auf die Tube drücken muss
und reich mit Farben sich versehen
vorm allgemeinen Ladenschluss.

Doch des Poeten schlichte Klause,
mit Tintenklecksen nur geschmückt,
ist wie ein biederes Zuhause
mit allem Möglichen bestückt.

Grad schreibt von Feen er und Elfen…
Mein letztes Blatt! Ich sehe rot!
Doch muss kein Oberon ihm helfen:
Es geht auch Klopapier zur Not.

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Schreiben, schwerelos

Das Schöne auch bei diesen Reisen,
die auf dem Blatt man unternimmt –
man lässt den Griffel einfach kreisen,
indes die Zeit dabei verschwimmt.

Du schaust mal hin, die Uhr zu fragen,
mehr unbewusst zur Küchenwand,
du hörst die Kirchenglocken schlagen
wie Kuhgeläut im Oberland.

Ein Wust aus Worten und Gedanken
hüllt wohlig deine Sinne ein,
die sich um frische Verse ranken
wie Reben um den jungen Wein.

Von Zeit zu Zeit nippst du am Glase
und stellst es blind an seinen Platz,
indes mit „Phase“, „Nase“, „Vase“
du stöberst im Vokabelschatz.

Hast du was Passendes gefunden
genau für diesen Strophen-Ort,
lässt kurz du den Erfolg dir munden
und jagst auch schon zur nächsten fort.

Erwachst du dann warum auch immer
aus deiner sel’gen Träumerei,
hast du natürlich keinen Schimmer,
warum schon Mitternacht vorbei.

Betrachte es als gutes Zeichen
für deine lyrische Passion –
die Stunden, die am Krückstock schleichen,
beweisen wenig Devotion.

Sie sind dir so dahingeflogen,
da du in deine Kunst vertieft,
und haben Bogen dir für Bogen
doch ihre Gegenwart verbrieft.

Gestattet mir hinzuzufügen,
was so die Strophenzahl betrifft,
dem Griffel manchmal drei genügen
in klarer, säuberlicher Schrift.

Er kann sogar mal zehn erreichen
im gleichen Umfang dieser Zeit,
doch neigt dazu, dann abzuweichen
vom graden Pfad der Lesbarkeit.

So oder so, es heißt am Ende,
jetzt aber schlafen, Troubadour,
wie lang auch immer Herz und Hände
gezogen ihre Tintenspur.

Nichts sollte mir dann noch beschmutzen
dies Bild vom Charme der Poesie.
Doch Pustekuchen: Zähneputzen!
Ich glaub, die Musen tun es nie.

1+

Fegefreudig

Mein Pinsel ist ein Wunderwesen
von ungebärd’ger Schaffenslust
gleich jenem Zauberlehrlingsbesen,
den höhren Orts man bremsen musst.

Lässt sich nicht an die Leine legen
und wirbelt ungestüm dahin,
entfesselt übers Blatt zu fegen,
dass Zeilen er wie Fäden spinn.

Zum Glück sich nur die Strophen häufen
zu einer wahren Verseflut,
die doch nicht ausreicht, zu ersäufen
die Welt mit ihrem Hab und Gut.

Doch weiß man, wo das enden würde,
wenn nichts den Stift zum Halten zwingt,
wär da der Schlaf nicht noch als Hürde,
die auch kein Sänger überspringt?

Das Werkzeug schlüpft ihm aus den Fingern,
wenn der allmählich Einzug hält,
indes sein Kopf beginnt zu schlingern,
bevor er ganz zur Seite fällt.

Dem Pinsel bleiben Mußestunden
in einem kurzen Schaffensbruch;
hat seinen Meister auch gefunden –
ganz ohne jeden Zauberspruch.

1+

Beim Hobby

Behaglichkeit kann sich schon bilden,
bevor man ihrer sich bewusst,
ein Hochgefühl aus Bauchgefilden,
die sich verstehn auf Daseinslust.

Das liegt auch an der Abendstunde,
wenn ich vom Müßiggang verschnauf
und meine sangesfrohe Runde
um den Palast der Musen lauf.

Dann ist vom köstlichen Arome
der Stille schon die Luft getränkt,
die mir die freudigen Symptome
vorab aus ihrem Fundus schenkt.

Ihr merkt, ich hocke hier schon wieder
an meiner morschen Hobelbank
und zimmre mir bescheidne Lieder
wie Bolle seinen Kleiderschrank.

Und wie der pfiffige Berliner
zum Hobby macht die Werkelei,
spiel eifrig ich den Musendiener
und fühl mich pudelwohl dabei.

Ich brauch nicht mal ‘nen Werkzeugkasten –
Papier und Kuli reichen schon,
um Vers für Vers mich vorzutasten
zum „Fertig“ meiner Produktion.

Und wo das Ganze dann verstauen?
Mir stellt sich diese Frage nicht.
Auf zwei, drei Blatt zu überschauen
ist selbst das epischste Gedicht.

Poeten brauchen wenig Mittel
zum Schildern dieser schnöden Welt,
nicht einmal einen Arbeitskittel,
der ihnen Dreck vom Leibe hält.

Vielleicht ist dieses anspruchslose,
dies leicht erschwingliche Gerät,
der Grund auch, dass das Virtuose
der Lyrik nicht in Blüte steht.

Bräucht’s dazu einen goldnen Füller
und sündhaft teures Pergament,
dann reimte sogar Baurat Müller,
der heute noch zum Golfen rennt.

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