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Fünf vor zwölf

Man nimmt gewöhnlich es gelassen,
wenn allseits man auf Leute stößt,
selbst in den kleinsten Seitengassen,
wo Michel seinen Tag verdöst.

Die Brut hat nämlich sich verbreitet
pandemisch über Land und Meer,
dass nicht mal völlig unbegleitet
beim Bummel man am Südpol wär.

Am schlimmsten sind die Metropolen,
da schwimmt man in der Masse mit,
dass selbst man mit den besten Sohlen
beinahe auf der Stelle tritt.

Die sind so sehr ins Kraut geschossen,
dass schon die Erde übersät
mit diesen steinernen Kolossen
und ihrer kalten Majestät.

Für Städtchen bleibt noch Raum indessen
im Hinterland von Berg und Tal,
die gleichfalls ihren Ruhm bemessen
allein nach der Bevölk’rungszahl.

Was soll am Ende daraus werden?
Vermehrung längst karnickelhaft,
gehn jetzt schon diese Hammelherden
dem Globus über seine Kraft.

Sie grasen auf den fetten Weiden,
die zehn Prozent der Oberschicht,
und werden sich wohl erst bescheiden,
wenn auch das letzte Hälmchen bricht.

Die Kämpfe werden sich vermehren
um den begehrten Unterhalt,
wenn zehn Milliarden erst verzehren,
was schon für fünf als mickrig galt.

Ja, dies vernunftbegabte Wesen,
wäre es wirklich bei Verstand,
es müsste von dem Wahn genesen,
das Höchste sei das Vaterland.

Denn solche lächerlichen Grenzen
nimmt unser Globus gar nicht wahr,
er lässt die gleiche Sonne glänzen
auf Bali und auf Sansibar.

Und lässt die gleichen Stürme wüten
um Apenninen und Parnass,
ohne denselben einzutüten
‘nen stempelfreud‘gen Reisepass.

Ja, streut die meisten Widrigkeiten
wie auch den menschgemachten Dreck
so blindlings über alle Breiten
und jeden Drahtverhau hinweg.

Um solche Übel abzuwehren,
an einem Strang man besser zieht –
mag die Naturgewalt uns lehren
den Schulterschluss in Reih und Glied!

Sind wir nicht alle auf der Reise
in diesem kosmischen Mobil
und streiten uns verrückterweise
doch ständig über unser Ziel?

Und bleiben stur in der Kabine,
als ob kein Weg nach draußen führ
und sie allein dem Zwecke diene,
den Gast zu meiden Tür an Tür.

So eingesperrt in seine Zelle,
die jeder seine Heimat nennt,
sieht man beim andern auf die Schnelle
nur das, was einen von ihm trennt.

Woraus indes dann Hoffnung schöpfen,
wie ruhig in die Zukunft schaun,
wenn wir in schwarzgebrannten Töpfen
nur immer Gift und Galle braun?

Was nützen wind’ge Potentaten,
die allseits wieder Konjunktur,
führn immer weiter ihre Staaten
sie schleichend in die rechte Spur?

Brülln patriotische Parolen,
spieln äußerlich den starken Mann,
um jenen Beifall sich zu holen,
den sie entbehren als Tyrann.

Doch wär jetzt mehr denn je vonnöten
Gemeinsamkeit auf breiter Front,
ging selbst damit der Nimbus flöten,
alleine hätt man‘s auch gekonnt.

Wir müssten uns zusammenraufen,
zu retten, was zu retten ist,
denn diesem rollnden Kugelhaufen
bleibt nur noch eine Galgenfrist.

Doch langsam mit den jungen Pferden!
Die Gockel hörn nicht auf zu krähn.
Ich fürchte, solche Vögel werden
erst mit der Erde untergehn.

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Zum Tag des Dankes

Gewiss hab ich’s schon ausgeplaudert,
weil’s längst mir auf der Zunge brennt,
dass es mich ganz und gar nicht schaudert
vor Weinen, die man trocken nennt.

Da hab ich einen grad zu fassen
von ebendieser Qualität,
vor dem die anderen verblassen,
weil frisch er durch die Kehle geht.

Er schnürt sie nicht miteins zusammen,
dass beinah ihr der Atem stockt,
als würd er von ‘ner Traube stammen,
die keinen Fabelfuchs verlockt.

Und lässt auch nicht im Ansatz ahnen
den Schimmer einer Lieblichkeit,
um auch bei dem noch abzusahnen,
der mehr sich dem Lambrusco weiht.

Mit einem Wort, er flößt Behagen
mit jedem Aufguss mir ins Glas
als Gruß von jenen Sonnenlagen,
wo er als Pflänzchen gerne saß.

Ließ er sich’s damals wohl schon träumen,
wohin ihn führt die Lebensfahrt?
Gereift, gepresst, in Kellerräumen
in Tanks und Fässern aufbewahrt?

Um einst die Gurgel zu durchschießen
von so ‘nem durst’gen Menschenkind,
in die auch andre Stoffe fließen,
die lange nicht so edel sind?

Wär sicher lieber ihm gewesen,
als Beere friedlich zu vergehn,
als von ‘ner Winzerhand gelesen
die Kelterfolter durchzustehn.

Würd gern ein bisschen Trost ihm spenden,
sofern grad mir das möglich wär –
doch, doch, die Botschaft will ich senden,
dass fleißig ich den Bembel leer.

So ist vergeblich nicht sein Leiden,
so schrecklich nicht sein Opfergang,
gilt es doch, aus ‘ner Welt zu scheiden,
in der er Achtung sich errang.

Die will ich freudig ihm erweisen,
und wenn ich mir ‘nen Kater hol –
sieh her, ich lass den Becher kreisen:
Auf dich, mein Lieber, auf dein Wohl!

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Bleibe im Lande…

Wenn nächtlich wir zum Himmel blicken,
sehn wir so manches Lichtlein glühn,
das uns die Feuerblumen schicken,
die in der Dämmrung erst erblühn.

Und vor der Kuppel wir erschauern,
die düster ragend sie umringt,
erbaut aus rabenschwarzen Mauern,
durch die kein sterblich Auge dringt.

Geh runter zum Kartoffelkasten
in einem finstren Kellerloch,
du findest immerhin durch Tasten
ein bisschen Orientierung noch.

Da oben, wo die Sterne blinken,
suchst du vergeblich nach ‘nem Halt –
du wirst in einem Sumpf versinken
unendlich tief, unendlich kalt.

Und gäb es wo die Chance zu wohnen
an einem erdenfernen Ort,
du bräuchtest dahin Jahrmillionen,
und trüge selbst das Licht dich fort.

Zum Mars ‘ne Reise wär dagegen
der reinste Sonntagsausflug gar,
raketenrasch zurückzulegen
in einem schlappen halben Jahr!

Doch lassen sich da Nester bauen,
dass dieser Aufwand nicht verpufft,
in trocknen, unbegrünten Auen,
mit Flaschen für die Atemluft?

Und wenn, für wen? Die Menschenmassen
die dahin man zu karren hätt,
sie würden in kein Raumschiff passen,
nicht mit dem teuersten Billett.

Will sich vielleicht nur ‘ne Elite,
der bald der Boden hier zu heiß,
verziehn in kosmische Gebiete,
wo sie sich leidlich sicher weiß?

Halt ich nicht ganz für ausgeschlossen,
wenn auch für ein gewagtes Spiel,
falls solchen Bonzen es und Bossen
in jener Öde nicht gefiel.

Warum sich zu den Sternen schwingen,
Problemen aus dem Weg zu gehn?
Hic Rhodus, hier gilt es zu springen,
hier lass man seine Künste sehn!

Die Erde ist ja stets geblieben
ein Garten Eden, ein Idyll,
bevor wir uns daraus vertrieben
mit Abgas und mit Plastikmüll.

Jetzt endlich mit dem Eisenbesen
den ganzen Dreck davongefegt,
damit das unverfälschte Wesen
den guten Globus wieder prägt!

Bestellt ihr gleich ‘nen Möbelwagen
und gebt entschlossen Fersengeld,
sobald ein Stäubchen zu beklagen,
das lästig euch ins Auge fällt?

Kein Schwein packt seine Siebensachen,
wenn ihm die Bude einmal stinkt.
Man würde einfach saubermachen,
bis alles wieder blitzt und blinkt!

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Strafen ohne Maß

Bevor die Neuzeit angebrochen
mit mehr Gefühl und mehr Verstand,
sind viele auf den Leim gekrochen
der unbarmherz’gen Henkershand.

Die knüpfte, hieß das Urteil „Hängen“,
dem Unglückswurm den Galgenstrick
und ließ ihn nicht mehr aus den Fängen,
bis er vollendet sein Geschick.

Wie hätt sie auch an Menschenliebe
mehr als die Richter aufgebracht?
Die Opfer warn zumeist ja Diebe,
die nur die Not dazu gemacht!

Enthaupten. Eine Variante.
Ein Hieb – und Kopf ab mit dem Schwert,
‘ne etwas kürzre, elegante
Methode, die nicht so entehrt.

Ertränken: Frauen vorbehalten.
Und mit der Chance, wenn auch gering,
auf Freiheit, falls „durch Gottes Walten“,
mal eine nicht gleich unterging.

Variante: Lebend sie begraben,
bis nichts mehr aus der Kuhle blickt.
Und was sie noch an Atem haben
der nächste Schaufelwurf erstickt.

Der Blutjustiz von scharfen Hunden
ging das noch nicht mal weit genug,
drum haben sie das Rad erfunden,
mit dem die Glieder man zerschlug

Bevor man den brutal Zerhackten
auf eben diese Marter flocht,
wo seinen Leichnam man, den nackten,
noch lang verwesen sehen mocht.

Ist, Leute, euch schon klargeworden
das Ausmaß der Unmenschlichkeit?
Dann wartet kurz, denn dieses Morden
hält noch ‘ne Steigerung bereit!

Ihr müsst euch mal vier Klepper denken,
die je zu zweien aufgestellt
links, rechts von einem, den zu henken
man sträflich für zu milde hält.

Die werden plötzlich angetrieben
und ziehn und zerren volles Rohr –
doch was dann folgt, sei nicht beschrieben,
die Feder selbst sträubt sich davor.

Da könnte man fast harmlos nennen
das Körperstrafen-Sortiment –
ein Zeichen in die Backe brennen,
die Diebeshand vom Arm getrennt.

Und Nase- oder Ohrabschneiden,
womit man manche Tat bedroht,
warn immer noch geringre Leiden
als der Verräter Feuertod.

Wer aber warn die, die ersannen
dies grause Strafeninventar?
Despoten etwa und Tyrannen,
die jeder Herzensregung bar?

Ach, Bürger nur und Biedermänner
aus altpatrizischem Geschlecht,
zum Hungerleider, Bettler, Penner
verachtungsvoll und selbstgerecht.

Wenn so ‘ner ihnen was gestohlen,
und wär’s auch nur ein Schäffchen Korn,
dann, seine Seele Gott befohlen,
traf ihn der ganze Krämerzorn!

Dem schien das schlimmste der Delikte
der Griff nach dem, was er besitzt,
weshalb er an den Galgen schickte
selbst Kinder, die ihm was stibitzt.

Und die den Täter dann betreuen
mit ihrer kalten Glaubensbrunst,
beknien ihn nur, er möcht bereuen,
mit aller Überredungskunst.

Kein Mitleid, keine Anteilnahme.
„Gott selbst will, dass du leiden musst“.
Auf nackten Fels fiel jener Same,
nicht fruchtbar in die Pfaffenbrust.

So nahm denn mit der Kirche Segen
das Menschenschlachten seinen Lauf
und, ohne groß sich zu erregen,
man Unschuldige auch mit in Kauf.

Was warn das für monströse Seelen,
die ihre Herrschermacht missbraucht,
um grad die Ärmsten so zu quälen,
bis sie ihr Leben ausgehaucht!

Doch gibt’s auch heut genug dergleichen,
die fremdes Leid ‘n Deubel schert
und skrupellos gehn über Leichen –
geschickter, ohne Strick und Schwert.

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Ego-Lifting

Die just dem Mutterleib entsprungen,
schrein ähnlich stets sich in die Welt –
mit kleinen, aber kräft’gen Lungen,
wenn ein Problem sie überfällt.

Doch später, wenn sie angeschwollen
zu einer Masse mit Verstand,
sie meist sich unterscheiden wollen
von jedem Schreihals sonst im Land.

Wie das? Mit Mammon beispielsweise,
dem jagt fast jeder hinterher
auf seiner kurzen Lebensreise,
nur um zu prahlen: „Ich hab mehr“.

Das Gleiche gilt für Machtgelüste,
den Kitzel der Befehlsgewalt,
weil jedermann gewärt‘gen müsste,
dass „ich ihn mal zusammenfalt“.

Auch alle öffentlichen Ehren,
vom Handschlag bis zum Ordensband,
die Eitelkeit des Stolzen nähren:
„Wird nur den Besten zuerkannt“.

Ist jemand ein Talent gegeben,
durch das er Renommee gewann,
kann er sich gleichfalls leicht erheben
über den „Spießer nebenan“.

Er kriegt das heiß begehrte Siegel,
das ihn zum Prominenten kürt
und wird dann glücklich in den Tiegel
mit diesem Mischmasch eingerührt.

Showmaster, Mime, Sportskanone,
Minister, Diva, Kommissar,
Bestseller-Autor, Pop-Ikone,
Chefmoderator, Modezar.

Ist ihm der Aufstieg nicht gelungen
in diese Illustrierten-Welt,
versteht sich, dass er‘s notgedrungen
mit andren Hoheitszeichen hält.

Am weitesten ist noch verbreitet
die Automarke, die man fährt,
sie zeigt, wieviel PS man reitet
und scheinbar selbst in Knete wert.

Beliebt natürlich auch die Sachen,
die täglich man am Leibe trägt,
da Kleider, weiß man, Leute machen,
was jeder Schwalbenschwanz belegt.

Und wo es fehlt an Königskronen,
tut’s auch der ganze Talmitand,
der öfter älteren Matronen
umklunkert golden Hals und Hand.

Doch sollte alles dies versagen
und gibt dein Ehrgeiz keine Ruh,
kannst immer noch zu Markte tragen
du deine Haut mit ‘nem Tattoo.

Der eine lässt sich Rumpf und Glieder
gleich flächenweise tätowiern,
die andre, eher brav und bieder,
mit Blümchen ihre Fesseln ziern.

Doch beide nur auf eines zielen:
Betonung der Persönlichkeit,
mit unsren Sitten, den zivilen,
in ganz bewusstem Widerstreit.

Die Botschaft ist gut angekommen
und wurde mählich gar zum Hit,
gern hat die Nadel man genommen,
auch wenn ins eigne Fleisch sie schnitt.

Die Ketzer einmal ihr gewesen,
geschmäht als windiges Gesocks,
sucht euch jetzt andere Prothesen:
Tattoos sind längst ja orthodox!

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Im Lauf der Zeit

Erst sitzen, sitzen und sinnieren
und dann den treuen Stift zur Hand,
um unten aufs Papier zu schmieren,
was oben das Gehirn erfand.

Seit ewig ich dies Hobby habe,
mich drin vertiefend wie ein Kind,
dass jetzt ich erst als alter Knabe
bemerke, wie die Zeit verrinnt!

Wie angeschwollen ist die Liste,
der meine Verse ich enthüllt,
als hätte wer in seiner Kiste
zig Eimerchen mit Sand gefüllt

Und alles um sich her vergessen
in seinem hingegebnen Spiel,
um diesen Stoff in Form zu pressen
als seiner Mühe höchstes Ziel.

Muss nicht die Zeit im Flug verstreichen,
wenn so sich jemand konzentriert
und in des Hirns geheimen Reichen
allein die Fantasie regiert?

Und tschüs dann plötzlich, liebes Leben,
wenn‘s aus den Träumen einen weckt
und zwingt, den Löffel abzugeben,
da ’s einem just am besten schmeckt?

Kein Grund, in Tränen zu zerfließen,
das rührt den Geist nicht der Natur.
Der lässt verdorren und lässt sprießen
ein frisches Blümchen auf der Flur.

Und mitgefangen, mitgehangen:
Ist Spaß denn etwa kein Profit?
Ich bin ja mit der Zeit gegangen –
mit jeder Zeile, Schritt für Schritt.

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Der Berg ruft

Einst galt als Wohnsitz er der Götter,
ein Berg, der in den Himmel ragt,
und nicht einmal der größte Spötter
hätt auf den Gipfel sich gewagt.

Als aufgeklärter dann die Zeiten
und sich die heil’ge Scheu verlor,
ließ man von Neugier sich verleiten
und strebte ohne Furcht empor.

Doch nicht mal so mit vollen Bäuchen,
wie auf ‘ner kleinen Wandertour,
nein, klettern hieß es, kämpfen, keuchen
gegen die eigene Natur.

Und mancher musst sein Leben lassen,
weil er den Aufstieg unterschätzt
und auf die trügerischsten Trassen
vertraulich seinen Fuß gesetzt.

Ob tot, ob lebend: Pioniere,
die einen neuen Weg gebahnt –
dass der einst trägt auch Herdentiere,
hat keiner damals wohl geahnt.

Heut tummeln sich die Gipfelstürmer
zu Tausenden am Berge gleich
und fühlen sich als Erdenwürmer
da oben wie im Himmelreich.

Und wie nicht anders zu erwarten
von einem sündigen Geschlecht,
verlangt in diesem Edengarten
der Magen auch nach seinem Recht.

Zwar wird kein Manna hier geboten
nach alter Väter Speiseplan,
dafür indessen so Exoten
wie Bratwurst, schweinisch und vegan.

Dermaßen sank die höchste Spitze
der majestätischsten Region
vom exklusiven Göttersitze
zu ‘ner Touristenattraktion.

Da kraxeln nun die Menschenmassen
bequem auf ausgebautem Pfad,
sofern sie sich nicht liften lassen
per Seilbahn zum Vergnügungsgrat.

So zieht mit immer flinkren Füßen
der Fortschritt seine krude Spur,
und nichts muss schwerer dafür büßen
als unsre Mutter, die Natur.

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Vorwiegend heiter

‘nen guten Morgen, liebe Hörer,
wünscht euch der Rolf, die Rieke hier,
nicht als perfide Ruhestörer,
doch als Vermittler von Pläsier.

Ihr seid beduselt noch vom Schlummer,
sehnt euch ins Kuschelbett zurück?
Wir spielen euch ‘ne heiße Nummer
die nächsten Stunden fast am Stück.

Dazwischen nur ein paar Minuten
das Neueste aus aller Welt,
ein Auszug aus den Info-Fluten,
kurz und erschöpfend dargestellt.

Nicht zu vergessen auch das Wetter,
da sind wir hautnah für euch dran,
dass zwischen Regencape und Sweater
sich jeder frei entscheiden kann.

Auch der Verkehr wird intressieren,
wo er noch fließt und wo er steht,
brandaktuell wir informieren,
dass niemand in ‘nen Stau gerät.

Und schließlich noch ein Leckerbissen
für Ratefüchse speziell –
die können täglich mit uns quizzen
fürn satten Preis mal eben schnell.

Im Übrigen: Als armer Sender
kommt man um Werbung nicht herum,
wir brauchen einfach solche Spender,
sonst bleibt die Kiste plötzlich stumm.

So weit die Stimmen aus dem Äther,
die täglich durchs Programm uns führn –
ersichtlich Überzeugungstäter,
dern Lust und Laune echt zu spürn.

Für solchen Job braucht es Gestalten,
hellwach, spontan und wortgewandt,
die nix am Hut mit Haarespalten
und stets ein Sprüchlein bei der Hand.

Für mich per se schon nicht zu fassen
die Heiterkeit als Tagewerk;
ich muss mich auch mal gehen lassen,
Gefühl nicht halten hinterm Berg.

Um stundenlang so durchzumachen,
fehlt’s einfach mir an Disziplin,
in den Momenten, in den schwachen,
muss unbedingt ‘nen Flunsch ich ziehn.

Die sind in aller Herrgottsfrühe
bei mir besonders ausgeprägt,
dass selbst die dickste Kaffeebrühe
nicht meinen Tatendurst erregt.

Klock fünf sich vor ein Mikro schwingen,
dass fröhlich er die Lande weckt?
Nie würd den Geist ich dazu bringen,
der tief noch in den Federn steckt!

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Auf Schusters Rappen

Man neigt dazu, sie zu belächeln,
die sangesfrohen Wandersleut,
die lustig durch die Lande hecheln
bei Lerchenschlag und Kirchgeläut.

Zu anno Tobak gang und gebe,
Romantik ihre Blütezeit:
Gottes Natur, die schöne, lebe,
o Täler und o Höhen weit!

Der Sonne möglichst gleich entgegen
im Glanz der frühen Morgenstund,
und bis zur Dämmrung auf den Wegen
lief mancher sich die Hacken wund.

Am Rücken schwankte die Gitarre
im Rhythmus ihres Eigners mit,
dass sie auf ihren Einsatz harre –
pro Meile einmal so im Schnitt.

Dann hieß es in die Saiten greifen
zu ein, zwei hübschen Weisen nur,
und schon beseelte Töne schweifen
wie Vögel über Wald und Flur.

Wie schnell sind, ach, sie doch verklungen,
hat sich verlorn der Kehle Drang,
und was als Jubellied gesungen,
war eher wohl ein Abgesang.

Wenn heut die Wanderschuh wir schnüren,
begehn wir alte Pfade nicht;
ein krasser Wandel ist zu spüren,
der schmerzlich in die Seele sticht.

Denn blitzend blanke Schienenstränge
zerschneiden jetzt den Wiesengrund,
und eines Zuges schwellnde Klänge
die Ohrn betäuben Stund um Stund.

Die Blicke, die ins Weite drängen,
bis sie den Horizont erfasst,
sie bleiben in den Drähten hängen
von irgendeinem Spannungsmast.

Um ganz zu schweigen von den Pisten,
die kreuz und quer ins Holz gehaun,
damit die Automobilisten
viel, viel, viel Landschaft anzuschaun.

Ja, sogar überm Wolkenmeere
hat‘s längst schon seine liebe Not;
da steuert seine luft’ge Fähre
schon mancher schneidige Pilot.

Idylle, die in alten Tagen
den Stromer noch begeistert hat,
ist überall zu Grab getragen
mit Dampf, PS und Kilowatt.

Die Wanderlust ist nicht vergangen,
hat Stock und Hut nur abgelegt,
um möglichst schnell wo anzulangen
und ohne, dass man sich bewegt.

Schon absehbar die nächste Phase –
das inklusive Couch-Modell.
Man düst, den Gucker auf der Nase,
rund um den Globus, virtuell.

Das käme nicht mal ungebeten,
ist es ein schöner Schein auch nur:
Mit Füßen nicht mehr so getreten,
erwachte lächelnd die Natur.

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Ein kleines Wunder

Es wär ihm schier das Herz zersprungen,
die Haare hätt er sich zerzaust,
hätt unsre Weisheit wer gesungen
dem guten alten Doktor Faust!

Ist es denn nicht sein Wunsch gewesen,
„dass ich erkenne, was die Welt“,
in keinem Wälzer nachzulesen,
„im Innersten zusammenhält“?

Mit diesem unbändigen Willen
durchkreuzte er den Erdenkreis
und machte, seinen Durst zu stillen,
dem Teufel selbst die Hölle heiß.

Der schickte ihn auf vielen Stiegen
bis an die höchsten Himmelstürn,
doch schien ihm nichts daran zu liegen,
ihn auch ins Kleinste einzuführn.

Kein Wunder, dass der Typ gescheitert
mit seinem kühnen Höhenflug.
Viel später erst hat man erweitert
die Forschung auch um diesen Zug.

Und einen Kosmos sich erschlossen,
in dem nichts fest und dauernd schien,
der doch das Fundament gegossen
für eine Welt von Galaxien.

Atome, winzige Gebilde,
Trabanten kreisend um den Kern
so wie im himmlischen Gefilde
Planeten um den Mutterstern.

Doch dieser Kern lässt sich noch spalten,
wird erst zur Gänze kohärent,
wenn jeweils drei zusammenhalten
von achtzehn Quarks, wie man sie nennt.

Aus solchem feinen Teilchenflaume,
von ein paar Kräften nur belebt,
ist bis zu seinem letzten Saume
des Universums Stoff gewebt.

Und staunend müssen wir erkennen,
dass selbst der Sterne Majestät,
die blitzend in den Nächten brennen,
auf diesen schwachen Füßen steht.

Auch die lebend’gen Kreaturen,
die aus der Steine Schlaf erwacht,
verfolgt man rückwärts ihre Spuren,
sind aus dem luft’gen Zeug gemacht.

Nur dass bei ihnen dies Gewebe
zusammenfällt nach kurzer Frist,
weil die perfekte Kosmosklebe
für Leiber nicht geeignet ist.

Doch in ‘ner Gruppe von Gestalten
vermochte sich im Lauf der Zeit
das Hirn zum Geiste zu entfalten,
der ihnen manchen Vorteil leiht.

Er hilft, die Umwelt zu begreifen
mit ständig wachsendem Verstand
und jene Felle abzustreifen,
in die die Väter sie gebannt.

Der ist dem gleichen Quell entsprungen
wie die Materie, die ihn trägt,
doch weitaus feiner noch gelungen,
dass mehr er nach den Teilchen schlägt.

Es ist, als wäre er geboren
als jener Urwelt letztes Glied,
die sich mit tausend Detektoren
nun endlich selbst im Spiegel sieht.

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