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Stille Fans

Man muss auch mal das Thema wechseln,
verschmähn den hochprozent’gen Geist,
mit dem wir doch das Stroh nur häckseln,
aus dem er ja besteht zumeist.

Da ist mir Fußball grad das Rechte –
ein biedres, bodenständ’ges Spiel,
bei dem man nicht im Traum dran dächte,
dass es dem Intellekt gefiel.

Und schlägt die Menschen doch in Massen
landauf, landab in seinen Bann,
in Stadien selbst, die Zahlen fassen,
dass man sich nur noch wundern kann.

Da reihen sie sich auf den Rängen,
gestaffelt wie ein Kirchenchor,
zum Himmel jauchzend mit Gesängen
bei jedem „selbst“ erzielten Tor.

Und mit ‘ner Auswahl an Geräten,
mit denen man Spektakel macht,
wie Triller, Trommeln und Trompeten,
Signalen einer Fußballschlacht.

So laut geht es bei allen Arten
des Sports mehr oder wen’ger zu,
weil überall die Fans, die harten,
sich heiser schrei‘n für ihre Crew.

Im Gegensatz zu dieser Regel
gibt’s einen Sport nur überhaupt,
bei dem so’n exzessiver Pegel
den Spielern bloß die Fassung raubt.

In kleinen, wohlbedachten Schritten
zieht man Figuren übers Feld,
die einem wohl vor Schreck entglitten,
wenn jäh auch nur ein Glöckchen schellt.

Die Sammlung auf die Geisteskräfte
ist schlechterdings das A und O.
F2 – F4. Ein Köter kläffte.
Und die Partie verliert Niveau.

‘ne solche Stille lieh mir Schwingen
fürn höheren Gedankenflug.
Doch weil hier ständig Hämmer klingen,
den längst ich aus dem Kopf mir schlug.

Denksport

Ertüchtigung man früher sagte,
heut heißt es, halt den Body fit;
dem, der sich nicht periodisch plagte,
macht bald die Pumpe nicht mehr mit.

So hat der Sport, aus Kampf geboren,
sich in den Dienst des Heils gestellt –
statt eines Satzes heiße Ohren
Arznei er in den Fäusten hält.

Und das in so verschiednen Sparten,
dass alles, was das Herz begehrt,
vom Voltigieren bis zum Darten
Entfaltung dem Talent gewährt.

Mit der Variante zu beginnen,
der weltweit man zu Füßen liegt,
weil, um ein Spielchen zu gewinnen,
man kämpft, dass sich der Pfosten biegt –

Dem Fußball, dem in Fangesängen
man huldigt wie einst Pindars Chor
aus überquellnden Stadionrängen
für jedes gottgewollte Tor.

Der Lust am flotten Kombinieren
will ich hier auf den Grund nicht gehn,
nur einfach nüchtern konstatieren:
Sie ist ein Massenphänomen.

Die meisten andern Disziplinen
erreichen dieses Image nicht,
obwohl nicht wen’ger sie verdienen
den Beifall einer breiten Schicht.

Ist denn In-die-Pedale-Treten
nicht auch gesunder Zeitvertreib
und Aufschwung an den Turngeräten
nicht auch ‘ne Stärkung für den Leib?

Und wenn man auf der Gummimatte
den Gegner in die Knie zwingt?
Und mit und ohne Stab die Latte
grad mit dem Steiß noch überspringt?

Was immer auch die Leute treiben,
sie haben ihren Spaß daran –
und um Erfolg sich gutzuschreiben,
man hundertfältig siegen kann.

Braucht es ‘ne klotzige Kulisse?
Die kleinste Fangemeinde zählt,
wenn nur die wichtigste Prämisse:
Begeisterung dabei nicht fehlt.

Die aber, fragt mich nicht nach Gründen,
schlägt hin und wieder aus der Art,
um sich an Künsten zu entzünden,
die selbst der Sponsor sich erspart.

Muss man denn nur auf Rasen kicken,
den ballgerecht man kurzgemäht,
wenn auch im Schlamm, im zähen, dicken,
ein Tor zum Schießen offensteht?

Da wird sich freilich nicht entfalten
die atemlose Leder-Hatz –
man muss den Ball sehr lange halten,
das fordert schon der matsch’ge Platz.

Den Spielern geht’s nicht auf den Senkel,
sie waten gern in diesem Pfuhl
knietief bis an die Oberschenkel,
entspannt wie in ‘nem Swimmingpool.

Wie lange mag so’n Match wohl dauern,
das derart an den Kräften zehrt?
So über große Strecken powern
kann nicht einmal ein Grubenpferd.

Pro Halbzeit knapp ‘ne Viertelstunde
auf einem Feld von kleinrem Maß,
sonst geht die Puste vor die Hunde
und mit der Puste auch der Spaß.

Müsst ich mich heut noch mal entscheiden,
von Funktionären hart bedrängt:
Würd Breitensport ich besser leiden
als einen, der nur schwach verfängt?

Als ich noch flinker auf den Beinen
und etwas schmaler von Gestalt,
dem Fußball (abseits von Vereinen)
wohl meine größte Liebe galt.

Auch Tauchen, Brust- und Rückenschwimmen
gefielen mir nicht wen’ger gut,
musst ich nicht grad ‘nen Turm erklimmen
zum Sprung hinab in Chlor und Flut.

Doch mit den Jahren auf der Hucke
ist sportlich heute Schicht im Schacht.
Seht, wie ich mit den Schultern zucke:
Kommt alles nicht mehr in Betracht!

Es sei denn, dass sie mit was locken,
was einem Grufti noch entspricht.
So was wie auf dem Hintern hocken –
zwei Stunden brüten – ein Gedicht!

Geballte Spannung

Geballte Spannung2Das ganze Land im Fußballfieber.
Ein neuer Titel ist in Sicht.
Der Dichter aber dichtet lieber,
weil dieser Hafer ihn nicht sticht?

Im Gegenteil, er zieht mit Freude
sich möglichst viel Partien rein,
dass seine Leidenschaft vergeude
er auch einmal fürs Wadenbein.

Da gibt’s ‘ne Menge zu bemerken
an Fakten, die er sonst nicht kennt,
zum Beispiel auch die Kopfballstärken,
die wichtig, wenn die Hütte brennt.

Und auch gezielte Ruppigkeiten
schon im neutralen Mittelfeld,
die ihn verpflichten, einzuschreiten,
den Zensor, der die Pfeife hält.

Im Hin und Her der Pässe, Flanken,
paart Kampfkraft sich mit Präzision,
bis schließlich Abwehrmauern wanken
und Tore falln als Stürmerlohn.

Und wer die Palme dann errungen,
genüsslich übern Platz stolziert,
dieweil mit unverbrauchten Lungen
von Fans die Hymne intoniert.

Dann rauscht es mächtig von den Rängen
in siegestrunkner Sangeslust
von kolorierten Menschenmengen
aus voller Patriotenbrust.

Die Fouls, vom eignen Team begangen,
empörten ohnehin sie nie –
doch jetzt, im sel’gen Rausch gefangen,
verzeihn sie selbst dem Gegner sie.

Die Sache geht indes noch weiter:
Es handelt sich um ein Turnier –
die nächste Sprosse auf der Leiter
hat schon die Mannschaft im Visier.

Man muss sich mühsam vorwärtstasten,
mal auch mit Glück und Fantasie –
oft springt per Zufall in den Kasten
der Ball vom Hintern oder Knie.

Ich lausch nach draußen: Grabesstille.
Im Fernsehn läuft ein Match zurzeit.
Des Fußballvolks gebrochner Wille
jetzt stumm nur noch nach Toren schreit.

Als gäbe es ‘ne Ausgangssperre,
so öd die Straße und so leer;
nicht mal das übliche Geplärre
vom Schuppen um die Ecke her.

Man fühlt es wie ‘ne Spannung liegen
in dieser schwülen Sommerluft.
Dann das Finale: Elf, die siegen –
und Leidenschaft, die jäh verpufft.

Gehalt und Transfer

Gehalt und AblöseDas Leder kreuz und quer zu treten
so übern gut gepflegtes Feld,
bringt manchem Kicker viel Moneten
und Prominenz als Medienheld.

Was andere im Köpfchen haben,
hat er im rechten, linken Fuß,
zu rennen, dribbeln, blocken, traben
mithilfe seines Stollenschuhs.

Und wenn ihm gleichsam angewachsen
die Kugel am bewegten Bein,
dass Tritte selbst ihm in die Hachsen
ihn von derselben nicht befrein,

Hat eine Kunst er so vollendet,
die abzielt auf des Gegners Tor,
dass nicht einmal ein Fehlpass schändet
sein Ansehn beim Tribünenchor.

Der lässt es sich ‘ne Menge kosten,
zu sehn, wohin`s den Ball verschlägt
und ob im Netz er zwischen Pfosten
sich manchmal kurz zur Ruhe legt.

Und dieses Faible fürs Vergnügen,
sich aus dem Alltag zu befrein,
trägt denen, die den Acker pflügen,
besagte reiche Früchte ein.

Heißt nicht nur fürstlich sie entlohnen
als Stars in ihrem Elfertrupp,
nein, sie auch ködern mit Millionen
für irgendeinen Superclub.

Solln sie der Pfründen sich erfreuen
für ihren Unterhaltungswert,
der Fangemeinde auch, der treuen,
die schlachtenbummelnd sie verehrt!

Nur flüchtig ja aus diesen Massen
das unverhoffte Glück sie hebt,
wie es mit prall gefüllten Kassen
an ihren goldnen Hacken klebt.

Denn hat ihr Stündchen erst geschlagen,
ist auch die Knete für die Katz.
Wie Bürger X wird man sie tragen
nach schwarzer Karte, ach, vom Platz.

So plötzlich auf den Hund gekommen,
die flinken Flitzer schwer wie Blei,
wird in den Kader man genommen
des Fußballgotts. Ablösefrei.

Blütensüchtig

BlütensüchtigDa rennen alle wie besessen,
als ob es um ihr Leben ging,
und jagen doch nur selbstvergessen
nach so ‘nem runden Lederding!

Und hat mit seinen letzten Kräften
es einer vor den Fuß gekriegt,
sich gleich die andern an ihn heften,
weil ihnen auch am Leder liegt.

Das Weitre kann ich mir hier schenken,
das Spiel ist aller Welt bekannt:
Man will das Ding im Tor versenken,
das einer schützt mit breiter Hand.

Das kostet so viel Schweiß und Mühen,
dass man an nichts mehr denken kann –
als ging dies wunderbare Blühen
der Kirsche nur den Frühling an!

Oft streift der Ball der Äste Reihen,
die zitternd zeigen sich empört
und lassen rosa Blüten schneien –
was keiner sieht und keiner hört.

Nur einer, der da vom Palaste
verfolgt das muntre Hin und Her,
bedauert, dass in dem Gehaste
kein Blick mehr bleibt fürs Blütenmeer.

Wir ahnen, dass ein solch Empfinden
im Ligafußball nicht zu Haus –
da heißt es zwar sich ähnlich schinden,
doch nur für Kasse und Applaus.

Tief müssen in die Zeit wir tauchen,
zu stoßen auf dies Phänomen,
dass Menschen die Natur so brauchen
wie unsereins das Sportgeschehn.

In Japan schon vor tausend Jahren
beim Tenno schlug man so den Ball,
und wenn da welche süchtig waren,
dann waren sie ein Einzelfall.

Das Auge für die Jahreszeiten
und ihren jeweils eignen Charme –
geöffnet weit in jenen Breiten
bei Hoch und Niedrig, Reich und Arm.

Genügt das nicht, um zu kapieren,
was an Ästhetik wir verlorn?
Die gröbsten Sinne triumphieren,
die Mammon sich als Gott erkorn.

Selbst die, die Christus schon in Bälde
zurückerwarten, gottgesandt,
anstatt der Lilien auf dem Felde
begaffen Salomos Gewand!

Wechselnder Geräuschpegel

Wechselnder Geräuschpegel2Geräusche fetzen aus dem Flure –
man ist im Haus ja nicht allein!
Gelächter. Stille. Neue Fuhre
von Jauchzen und Verzückungsschrein.

So mehrfach. Bis zum Türenklappen:
Das Stimmgewirr miteins verstummt.
Nichts andres ist noch aufzuschnappen
als Laute, die sich dick vermummt.

Ist wohl die Party zum Finale.
Ob unser Team den Sieg erringt?
Man hockt gemeinsam vorm Kanale,
der es aus Rio rüberbringt.

Um Freude und Erfolg zu tragen
in kollektiver Seligkeit –
und, falls die anderen uns schlagen,
zu teilen der Enttäuschung Leid.

Indes die Fußball-Leidenschaften,
in welche Richtung sie auch gehn,
ich muss sie ganz allein verkraften
und solo in die Röhre sehn.

Doch wer ist wirklich schon alleine
in dieser wuseligen Welt?
Der deutschen Kicker Wadenbeine
behaupten heute ja das Feld –

Und machen, dass im Treppenhause
die Stille wieder jäh vorbei:
Da lacht und lärmt es ohne Pause –
und jeder Laut ein Jubelschrei!

Alte Mienenspiele

Alte MienenspieleDie Fans, die kennen was vom Leben,
das war schon in der Steinzeit so.
Beim Kampf nicht nur Geschrei erheben,
nein, mit der Optik auch man droh!

Zum Beispiel mit den bunten Strichen,
die man auf Stirn und Wangen pappt,
bis alles Menschliche gewichen
und zum Dämonischen verkappt.

Von Kriegsbemalung ist die Rede,
als wäre Kunst dabei im Spiel,
obwohl Fanale einer Fehde
im ew’gen Dilettantenstil.

Was auch im Sinn des Streits indessen
gewiss von größrer Durchschlagskraft –
man glotzt sich ja nicht in die Fressen
aufgrund der Schminke Meisterschaft!

Man will dieselben ja polieren
womöglich rasch und absolut,
um im Triumph zu präsentieren
den Feind in seinem eignen Blut.

Das hat seit Anbeginn der Zeiten
im Grundsatz sich geändert nicht.
Wenn unser Steckenpferd wir reiten,
welch heil’ge Wut dann aus uns spricht!

Wie? Ja, ein Anlass ist gegeben:
Land x und Fußball, die WM.
Fassaden, die nach Ausdruck streben –
begeistert, farbenfroh, plemplem.

Fan-Abend

Fan-AbendMan hupt die Freude in die Stille!
Sieg für den eigenen Verein!
Das Leder als Begeist’rungspille,
schlug es im Tor des Gegners ein.

Aus den Lokalen rings auch fliegen
die Sprechgesänge mir ins Ohr
der Fans, die nicht die Kurve kriegen,
als nimmermüder Schlachtenchor.

Für Fußball bin ich kein Experte.
Ich guck mir selten Spiele an.
Nur dem Ergebnis auf der Fährte,
beschäftigt er mich dann und wann.

Für wen und was sollt ich auch brüllen?
Für Siege, die ich nicht erstritt?
Für Youngster, die ihr Säckel füllen
mit Ballgeschubs im Sauseschritt?

Mit Tempo, Technik, Winkelzügen
ein Sport, der immerhin gefällt
und manchem Anspruch kann genügen,
den man an Spaß und Spannung stellt!

Doch dass mit Trommel ich und Tröte,
Vereinstrikot und Transparent
den Narrn zu spieln mich je erböte,
bestreite ich hier vehement.

Ein schöner Zeitvertreib im Leben,
der manchmal gar vom Hocker reißt –
indes zum Kult ihn zu erheben,
zeugt eher von profanem Geist.

Straßenfeger

StraßenfegerEin Wochentag zur Abendstunde,
und wie im Schlummer liegt die Stadt!
Kein Laut mehr vom asphaltnen Grunde.
Halb neun erst zeigt mein Zifferblatt.

Laternen ihre Hälse recken,
zur Straße biegend ihr Genick,
doch gibt’s da nichts mehr zu entdecken
für ihren trüben Neonblick.

Verschluckt vom Boden die Passanten,
dern Schritte sonst im Dunkel halln.
Wie leergefegt die Bordsteinkanten,
wo sich gewöhnlich Bleche balln.

Fassaden, mit Oasen immer
von Licht im nächtlich-düstren Bau,
erhellt nur hier und da ein Schimmer
von seltsam blutlos blassem Blau.

Die Erde, stets von Wind umflossen,
wie hält sie jetzt den Atem an!
Den Bäumen gleichsam angegossen
die Blätter wie im Zauberbann.

Der Himmel selbst hat sich verschworen
und schweigt in diesem Schweigen mit.
Kein Mond, kein Stern. Nur traumverloren
Gewölk, das auf der Stelle tritt.

Warum, was strotzend sonst von Leben,
wohl dieser Stille heut verfiel?
Nur eine Deutung kann es geben:
Im Fernsehn läuft ein Fußballspiel!

Viel Ballgefühl

Viel BallgefühlDer Lederball: Ein zähes Wesen,
das kugelig in sich gekehrt.
Geduldig. Still. Doch auserlesen,
dass man es tausend Tritte lehrt

Von flinken Füßen zu erleiden,
die ausgesprochen derb beschuht,
dass er auf kurz geschnittnen Weiden
sowohl mal fliegt als auch mal ruht.

Doch nicht, dass konsequenterweise
in eine Richtung man ihn stieß,
nein, kreuz und quer geht seine Reise,
als ob ein Wirbelwind ihn blies!

Dabei auch rückwärts, wo man eben
ihn fix nach vorne noch gekickt.
Könnt er nur die Facetten heben,
er hätte längst schon durchgeblickt!

Oft schlägt man ihn mit größrem Schwunge,
damit es Höhe ihm verleih.
Zum Glück hat er ’ne Pferdelunge
und ist auch völlig schwindelfrei.

Bisweilen kriegt er eine Pause.
Dann spürt er wen’ger Widerstand
und, wie ein Fisch im Meer zu Hause,
ein Netz um seinen Bauch gespannt.

Es könnte gut auch dazu passen,
dass er ein Tosen dann vernimmt,
als würd ein Sturm die See erfassen,
in der er wie ein Korken schwimmt.

Man prügelt schließlich noch ’ne Weile
verbissen wieder auf ihn ein,
bis er zum Ende seiner Keile
ermüden fühlt das Täterbein.

Dann lässt sich bald ein Pfiff vernehmen,
der gleich in Jubel untergeht.
Nun muss er sich nicht länger grämen,
dass man ihm noch eins überbrät.

Er wird dies Spiel wohl nie begreifen.
Und wenn: Ihm fehlt die Macht des Worts.
Er fühlt nur seinen Hals, den steifen.
Ein wahrer Märtyrer des Sports.