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Sonnenflucht

Nur ungern kann ich ihn entbehren,
den wunderschönen Erdenfleck –
muss dennoch ihm den Rücken kehren,
drum Augen zu und nichts wie weg!

Hab an den Paradies-Statuten
ich mich versündigt irgendwie?
Ich glaube nicht. Doch muss mich sputen,
dass ich ihm fristgerecht entflieh.

Hab vom bewussten Baum gerissen
den Apfel ich und ihn verdrückt?
Nein, hab in Büchern nur beflissen
so manche Lesefrucht gepflückt.

Kein Grund demnach, mich rauszuschmeißen,
ich fühl als Lamm mich ohne Fehl.
Doch will ich nicht mehr Meier heißen,
wenn ich mich jetzt davon nicht stehl.

Nicht ohne noch zurechtzurücken,
dass niemand vor die Tür mich setzt.
Ich geh allein aus freien Stücken –
und dies bedauernd bis zuletzt.

„Ja, aber…“, werdet ihr nun rätseln,
„wer tut denn so was ohne Not,
raus aus den Broilern und den Brezeln
in eine Welt von trocken Brot?“

Genau. Sich derart zu verhalten,
braucht’s einen wasserdichten Grund
wie Himmels- und Naturgewalten –
dann wär die Sache wirklich rund.

Den aber liefre ich euch locker:
Die Hitze, die ist schuld daran.
Die haut mich so total vom Hocker,
dass nichts mich hier mehr halten kann.

Sie steckt mir noch in allen Poren
vom letzten Jahr, dem großen Test:
Ach, lieber in der Hölle schmoren
als im August in diesem Nest!

Dann wacht vorm Paradiesgelände,
das Sonnenhungrige nur nährt,
bis weit noch übers Sommerende
der Engel mit dem Flammenschwert.

Das tönende Paradies

Ich brauch nicht mal den Hals zu recken:
Mein Blick auf Berge – unverstellt,
die Lust zu wandern mir zu wecken
in ihre rustikale Welt.

Genauso hinter meinem Rücken,
ich müsste nur den Kopf mal drehn,
säh ich auf tausend schwanken Brücken
das Meer bis nach Marokko gehn.

Und dass ihm fern vom festen Lande
der Mut nicht unversehens sinkt,
das Palmenvölkchen längs dem Strande
ihm ständig „Gute Reise!“ winkt.

Idylle, wie auf Ansichtskarten
sie kitschig zum Klischee gerann,
doch hier mit diesen beiden Sparten
die Schöpfung selber sich ersann.

Indes der schönsten Bildkulisse
nun leider mal kein Laut entfährt –
darum, Tourist und Leser, wisse,
was diese Gegend wirklich wert.

Wofür ich mich bei aller Liebe
bestimmt im Leben nicht erwärm,
das ist, als ob er Sprossen triebe,
der ständig blühnde Straßenlärm.

Der ganze Klüngel der Vehikel,
die hier man auf die Piste lässt,
kriegt offenbar erst die Matrikel
nach strengstem Anti-Flüstertest.

Was mühelos den dicken Vettern,
den Brummis aller Art gelingt,
die über Abbremsschwellen brettern,
dass donnernd hoch die Ladung springt.

Doch auch die Kleineren der Sippe,
die Autos für den Hausgebrauch,
riskieren gern ‘ne große Lippe
mal eben aus dem hohlen Bauch.

Als Sprachrohr sie die Hupe nutzen,
auf die sie unablässig haun,
dass Leute auf dem Gehweg stutzen,
um ihnen lange nachzuschaun.

Doch nenn ich dies noch einen leisen,
gemessen an dem nächsten Ton,
wenn voll sie gehen in die Eisen
ans Limit von Gehör und Phon.

Die Straße, langgestreckt und eben,
reizt offenbar das Raserherz,
noch einmal richtig Gas zu geben,
bis aufheult der Motor vor Schmerz.

‘nen solchen Druck auf die Pedale
ist das Motorrad nicht gewöhnt,
man geht schon in die Vertikale,
wenn’s nur im Leerlauf brummt und stöhnt.

Und wer die Freaks einmal erlebte,
wenn sie in langen Reihen rolln,
der weiß, wie da die Erde bebte
unter beständgem Donnergrolln.

Doch wenn du denkst, das Maß der Qualen,
das einem Ohr man schaffen kann,
erschöpft sich schon mit diesen Malen,
dann hör dir Folgendes noch an!

Beginnen tut’s mit einem Knurren
noch fern im ländlichen Gefild,
das hörst du immer näher schnurren,
wobei es ständig weiterschwillt.

Auf deiner Höhe angekommen,
verbreitet’s einen solchen Krach,
dass alle Sinne dir genommen
und nur die Nerven glockenwach.

Das ist ein Knattern, Kreischen, Heulen,
dass dir das Blut im Leib gefriert,
und das erst bei Gibraltars Säulen
sich irgendwo im Nichts verliert.

Was da so im Vorüberjagen
‘nem Düsenjet im Tiefflug glich,
es war, von niemand sonst zu schlagen,
ein Moped: Das Geräusch an sich.

Der Herr der Fliegen alter Zeiten,
den Babylon mit sich begrub,
der Teufel mag ihn heut hier reiten
als neuer Dezibelzebub.

Erst wenn der Weg von allen Wagen
und allen Lastern wieder frei,
entfällt der Grund, sich zu beklagen,
dass die Idylle trüg’risch sei.

Und wenn wir Tag und Nacht vertauschen,
von Morpheus‘ starkem Arm besiegt,
dann hörn wir nur das Meer noch rauschen,
das sacht uns in den Schlummer wiegt.

Umweltpolitik

Ich weiß, du weißt, wir alle wissen,
der lieben Erde geht es schlecht,
doch schlummern im Diätenkissen
die „Macher“ tief und selbstgerecht.

‘ne Clique eitler Ignoranten,
die tun, als ob sie tätig wärn
mit Konferenzen, weltumspannten,
auf denen Heißluft sie gebärn.

Die sie dem Publikum verkaufen
als zukunftsweisendes Signal,
bereit wie immer, umzutaufen
ihr eignes Blech in Edelstahl.

Solange diese Brüder aber
noch von der Wirtschaft fremdregiert,
wird weiter auch mit dem Gelaber
der wahre Sachverhalt kaschiert.

Denn diese bloßen Marionetten,
bewegt von höhrem Fingerspiel,
sehn aus, als ob sie Willen hätten,
und kennen doch nur deren Ziel.

Da kann man noch so viel beschwören,
sich dumm und dämlich demonstriern,
sie werden stets auf das nur hören,
was ihnen Manager diktiern.

Dies zu vertuschen und verdrängen,
verschanzen sie durchweg sich meist
hinter den „ökonom’schen Zwängen“,
was wohl „Nach uns die Sintflut“ heißt.

In „wissenschaftlichem“ Gewande:
Am besten wird die Welt geschont,
wenn noch an ihres Grabes Rande
man jede Schaufel Dreck belohnt!

In diesem Paradiesesgarten,
der bei der Schöpfung selbst in Pacht,
haben die Böcke aller Arten
geschickt zu Gärtnern sich gemacht.

Wobei sie sich bei ihrer Pflege
zumeist aufs Wachstum konzentriern,
das sie zum Steigern der Erträge
mit Gift und Gülle gern forciern.

Doch hilft kein Jammern und kein Klagen:
Sie können nicht aus ihrer Haut.
Man muss sie aus den Ämtern jagen,
bevor sie noch mehr Mist gebaut.

Um endlich Leute zu verpflichten,
die sich mit Herzblut engagiern
und sich nicht nach Konzernen richten,
die die Partein mit Spenden schmiern.

Den Bossen aber, die verborgen
heut überall die Strippen ziehn,
sei klargemacht, dass sie schon morgen
in eignem Schrott und Plastik knien.

Auf den Mai

Sein buntes, wechselvolles Leben,
das hatte der April nun satt
und ging, den Stab zu übergeben
dem Mai auf dem Kalenderblatt.

Der aber startete die Reise,
da Übereilung ihm nicht lag,
auf seine sonnig-heitre Weise
mit einem stillen Feiertag.

Inzwischen hat er sich erhoben
von seiner weichen Bärenhaut
und machte sich schon mit dem Groben
des Alltags etwas mehr vertraut.

Vor allem muss er sich drum kümmern,
dass die Natur sich neu belebt
und aus den Herbst- und Wintertrümmern
zu alter Größe sich erhebt.

Die Bäume brauchen wieder Blätter
für ihr geschorenes Geäst –
er schenke ihnen grad das Wetter,
das Knospen aus der Rinde presst.

Insekten, die auf Nektar stehen
und bei den Blüten in der Pflicht,
die lass er ihre Flügel blähen
zum Jungfernflug ins Sonnenlicht.

Die Blumen aber, die erst sprießen
vereinzelt aus dem zähen Grund,
er lass ins Kraut sie üppig schießen
bis hin zur Wiese kunterbunt.

Da hat er sich aufs Kreuz geladen
‘ne Arbeit à la Herkules,
die sonst erforderte Dekaden
an Muskelspiel mit Schweiß und Stress.

Die ist ihm aber zuzutrauen.
Erfahrung hat er ja genug.
Er streifte schon durch Feld und Auen,
als unser Ahn noch Felle trug.

Doch völlig bis zum Monatsende
krieg ich den Wandel gar nicht mit –
zumindest nicht auf dem Gelände,
das sich der Maure einst erstritt.

Der Sommerhitze zu entgehen,
die gleichfalls auf den Weg er bringt,
lass alles liegen ich und stehen
und folg dem Vogelzug-Instinkt.

Der kann natürlich irreleiten,
wenn auch der Norden schwitzt und stöhnt,
doch meist kommt’s mit den Jahreszeiten,
wie man seit ewig dran gewöhnt.

Den Mai in seinen letzten Stunden
nehm ich halt dort dann in die Pflicht –
und schau, ob in den Kranz gebunden
er pünktlich auch Vergissmeinnicht.

Kinder willkommen

Was wollt ihr hier, ihr süßen Wesen,
in meinem Online-Domizil?
Ihr könnt ja noch nicht einmal lesen,
was mir vom Baum der Weisheit fiel!

Das ist nur was für große Leute
mit voll entwickeltem Verstand.
Lasst’s gut sein erst einmal für heute
und husch, husch ab ins Federland!

Nun ja, wenn ich es recht bedenke,
ist das doch gar nicht so verkehrt:
Es treibt sie schon zur Musentränke,
eh man sie buchstabiern gelehrt.

Ein sehr begreifliches Verhalten,
denn was sie suchen, ist das Lied,
wie man nach Art der guten Alten
es mit der Stimme nur vollzieht.

Kein Barde, der mit seiner Laute
auf irgendeiner Burg verweilt,
hätt seine Weise, die vertraute,
auch noch als Lesestoff verteilt!

Muss ich den Laden also schließen,
der lediglich auf Texte baut
und ohne dass ihm Noten sprießen,
an seiner Druckerschwärze kaut?

Doch das sind sicher zwei Paar Schuhe.
Denn stets behauptet beim Gesang,
ob man nun klatsche oder buhe,
die Melodie den ersten Rang.

Grad umgekehrt ist’s bei Gedichten –
wie sehr es da auch klingt und schallt,
will doch der „Sänger“ mehr gewichten
Idee und Worte: den Gehalt.

Wird unsre Kleinen das denn kratzen?
Sie haben ja an beidem Spaß,
sei es „Ein Heller und ein Batzen“,
sei es „Der Igel und der Has“.

Der aber geht bei diesen Dingen
naturgemäß nur übers Ohr –
kann meinen Vers ich auch nicht singen,
les‘ ich ihn eben einfach vor!

Werd gleich mich an die Arbeit machen
und dichten für den guten Zweck –
was Lustiges, etwas zum Lachen,
sonst bleiben sie mir doch noch weg!

Hochzeitsblumen

In ihrem festlichsten Gewande
ließ sich die Sonne heute sehn
und machte damit keine Schande
dem feiertäglichen Geschehn.

Im Kirchlein drüben schlug die Glocke
noch eifriger als üblich an,
dass an den Traualtar sie locke
das Paar, das auf die Ehe sann.

Wohl über hundert mochten zählen
der Freunde und Verwandten Reihn,
um denen, die sich da vermählen,
bis weit nach draußen nah zu sein.

Man hielt dabei auf Etikette.
Der Herr trug Blau und Anthrazit.
Die Dame brachte die Palette
der schönsten Frühlingsfarben mit.

Was sah man nicht für schicke Roben
von Gelb bis Rosa und Azur!
Und allesamt so eng verwoben
mit einer blendenden Figur!

Die wiegte sich auf hohen Hacken
geschmeidig wie ein Binsenschaft,
was von den Fesseln bis zum Nacken
sie noch um einiges gestrafft.

Auch um den Scheitel zu bedecken,
bewiesen diese Damen Mut
und ließen sich nicht einmal schrecken
vom breiten Florentiner-Hut.

So glichen selbst sie schönen Blüten,
die mit dem Hochzeitstag verwehn.
Was gäb ich drum, sie einzutüten
und nach Belieben auszusä‘n!

 

Durchlaucht Kunde

Als Bürger kannst du dich noch wehren,
hast du das Grundgesetz dabei,
doch die Erfahrung wird dich lehren:
Als Kunde bist du vogelfrei.

Besonders deutlich zu erkennen,
wenn du den Tag dir nicht verdirbst
und, ohne vor die Tür zu rennen,
dir online deinen Kram erwirbst.

Da glotzt man ständig auf die Pfoten
‘ner Kundschaft, die verborgen bleibt,
um desto tiefer auszuloten,
zu welcher Beute es sie treibt.

Du hast bestellt ‘nen Gummiknochen,
weil örtlich keiner damit dealt?
Sei sicher, dass für viele Wochen
man Hundefutter dir empfiehlt.

Du kaufst ‘ne edle Kaffeesorte,
die in der Nähe niemand führt?
Schon öffnest du die Werbepforte
für Sahne, die man rein da rührt.

‘ne Hose hast du gar erstanden,
die, wie du erst bemerkt zu spät,
in fernen asiat’schen Landen
für deutsche Bäuche man genäht?

Ach, die Distanz spielt keine Rolle,
ein Klacks ja heutzutage nur,
da elektron‘sche Protokolle
dir weltumspannend auf der Spur.

Es lässt bestimmt nicht lange warten
Reklame für ein Kleidungsstück,
das heißt, Textilien aller Arten,
die grad noch fehln zu deinem Glück.

Und doch war’s erst vor wen’gen Jahren,
dass die Proteste Legion,
‘ne Zählung könnte offenbaren
zu viel in puncto der Person.

Nur noch naive Nostalgien!
Der Zug ist lange abgefahrn,
die Kunst des Ausspähns so gediehen,
dass wir sie fast nicht mehr gewahrn.

Und so pfeift stets uns um die Ohren
ein Sturm der Werbung, ungewarnt,
der sich, zur Heuchelei geboren,
als „Schnäppchentipp für Kunden“ tarnt.

Der Konsument ist längst schon „gläsern“
und in Dateien gut verwahrt –
auch künftgen finstren Reichsverwesern
bleibt ja viel Arbeit so erspart.

Osterschau

Die Osterwoche: Prozessionen
an manchem Ort von früh bis spät,
mit Heiligen auf hohen Thronen,
die man auf tausend Schultern lädt.

Und so, die Bürde auf dem Nacken,
im retardierten Wiegeschritt,
macht, Überdruck bis auf die Hacken,
der Träger ihre Leiden mit.

Viel Volk pflegt sich da einzufinden,
wie einem Schauspiel es gebührt,
in dem nach Schmähen und nach Schinden
das Opfer man zur Schlachtbank führt.

Hier wankt mit seiner Dornenkrone
ein Christus, bleich und blutverschmiert,
da dort als strahlende Ikone
die Himmelsjungfrau triumphiert.

Die großen, gloriosen Szenen,
sie machen sich noch immer gut –
zu Seufzern rühren sie, zu Tränen,
zu Abscheu, Trauer oder Wut.

Ja, manchem wird es gar im Herzen
so gallenbitter und so bang,
dass von der Last geschauter Schmerzen
er sich befreit mit Wehgesang.

Der Festzug aber schreitet weiter,
den ein Mysterium umgibt,
bis man am Fuß der Himmelsleiter
die Puppen in die Hütte schiebt.

Da lagern sie wie eitel Krempel
zur Sommer-, Herbst- und Winterzeit
ganz ohne ihren Gütestempel
als Stützen der Dreifaltigkeit.

Und dösen, bis die Osterglocken
sie wieder locken aus dem Bau
und man beginnt, sie aufzubocken
zur nächsten Kreuzparadeschau.

Müll und Meer

Viel Lust hatt‘ ich ja nicht gerade,
noch einmal vor die Tür zu gehn,
doch ehe ich in Unrat bade,
in Gottes Namen mag’s geschehn!

Dem Eimer stand schon bis zum Rande
der Feiertage ganzer Müll,
da leider ich am lauf’nden Bande
mit frischen Resten ihn befüll.

Solang dem Auge noch verborgen,
was unterm Deckel wächst und sprießt,
verschieb die Leerung ich auf morgen –
doch wehe, wenn er nicht mehr schließt!

Ist es so weit erst mal gediehen,
wird’s auch dem Friedlichsten zu bunt,
dass er sich stellt, anstatt zu fliehen,
dem inneren, dem Schweinehund!

Ich schnappte mir die volle Tüte
fürn nächtlichen Container-Run
mit Stolz und Freude im Gemüte,
dass heute ich den Kampf gewann.

Da ließ der Lohn nicht auf sich warten,
bin für die Dinge ja nicht blind:
Der Himmel und das Meer sich paarten
zu ihrem ersten Sternenkind.

Wie ich mich freute, dass ‘ne Runde
ich doch noch wider Willn gedreht –
die Welt zeigt sich zu dieser Stunde
in ihrer ganzen Majestät!

Kein Lüftchen wehte. Schweigend standen
die Palmen still in Reih und Glied.
Die Wogen, die im Sturme branden,
sie summten nur ein Wiegenlied.

Auch droben in des Kosmos Auen,
wo bald es wieder glänzt und glüht,
sah keine Lichter ich sich stauen,
da nur dies eine erst erblüht.

Ein einz’ger Wandrer nur mir nahte,
sonst war die Straße menschenleer.
Ach, der von drüben, von der Kate –
da winkt er auch schon freundlich her!

Warenaustausch

Damit ‘nem Shop mit seinem Krame
die Kasse immer klingt und klirrt,
macht gern er mit dem Spruch Reklame
vom Kauf, der zum Erlebnis wird.

Wie alle Werbung übertrieben,
nichts, was man wörtlich nehmen müsst –
es sei denn, dass beim Wagenschieben
dich plötzlich ein Kassierer küsst.

Doch neulich habe ich empfunden
so etwas wie’n Erlebniskick.
Ich drehte wieder meine Runden,
dass hier und da ich Waren pick.

Da war fast nichts an Ort und Stelle,
wo ich es blind zu finden pfleg,
die ganze reiche Nahrungsquelle
floss frisch verästelt übern Weg.

Mit viel Gehämmer und Geklopfe
hat man die Bude umgebaut,
und dass man sie noch voller stopfe,
den Krempel anders auch verstaut.

Wo krieg ich nun die Hühnerbrühe,
die trockene, in Form gepresst?
Ich hatte meine liebe Mühe,
zu orten ihr verborgnes Nest.

Auch unser Brot in Laib und Scheiben,
zu Recht das „tägliche“ genannt,
es wurde, unentdeckt zu bleiben,
in einen Seitengang verbannt.

Dann kurvte ich um tausend Ecken,
bis ich auf meinen Roten stieß,
den man, um Käufer abzuschrecken,
im Winkel wo versauern ließ.

Und weiter mit Geduld und Spucke,
mir fehlt ja noch ein Fertigfraß –
ich kucke also und ich kucke
wie nach ‘nem Osterei im Gras.

Bis jäh ich mit der Nase stoße
auf seinen neuen Liegeplatz:
Spaghetti mit Tomatensauce,
Genuss nicht ohne Schlabberlatz!

Inzwischen dreister schon geworden,
gewisser des Erfolges jetzt,
fisch nach dem Lachs ich aus dem Norden:
Filet, dem Curry zugesetzt.

Doch da hat mich im Stich gelassen
das Glück auf meiner Kaperfahrt.
Nur Hechte sah ich, Hummer, Brassen,
in reinem Eise aufgebahrt.

Der Lachs hat sich davongeschlichen
und kam mir nicht mehr zu Gesicht;
vielleicht weil er sich nicht empfohlen
der angestammten Käuferschicht.

Zur Kasse denn. Und abgewogen,
was mir die Neuerung gebracht.
Den Irrweg noch mal überflogen,
hab ich den Reim mir drauf gemacht:

Ein Labyrinth, nicht ganz geheuer,
weil man den Überblick verliert –
doch andrerseits ein Abenteuer,
bei dem man nicht den Hals riskiert.