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Zum Tag des Dankes

Gewiss hab ich’s schon ausgeplaudert,
weil’s längst mir auf der Zunge brennt,
dass es mich ganz und gar nicht schaudert
vor Weinen, die man trocken nennt.

Da hab ich einen grad zu fassen
von ebendieser Qualität,
vor dem die anderen verblassen,
weil frisch er durch die Kehle geht.

Er schnürt sie nicht miteins zusammen,
dass beinah ihr der Atem stockt,
als würd er von ‘ner Traube stammen,
die keinen Fabelfuchs verlockt.

Und lässt auch nicht im Ansatz ahnen
den Schimmer einer Lieblichkeit,
um auch bei dem noch abzusahnen,
der mehr sich dem Lambrusco weiht.

Mit einem Wort, er flößt Behagen
mit jedem Aufguss mir ins Glas
als Gruß von jenen Sonnenlagen,
wo er als Pflänzchen gerne saß.

Ließ er sich’s damals wohl schon träumen,
wohin ihn führt die Lebensfahrt?
Gereift, gepresst, in Kellerräumen
in Tanks und Fässern aufbewahrt?

Um einst die Gurgel zu durchschießen
von so ‘nem durst’gen Menschenkind,
in die auch andre Stoffe fließen,
die lange nicht so edel sind?

Wär sicher lieber ihm gewesen,
als Beere friedlich zu vergehn,
als von ‘ner Winzerhand gelesen
die Kelterfolter durchzustehn.

Würd gern ein bisschen Trost ihm spenden,
sofern grad mir das möglich wär –
doch, doch, die Botschaft will ich senden,
dass fleißig ich den Bembel leer.

So ist vergeblich nicht sein Leiden,
so schrecklich nicht sein Opfergang,
gilt es doch, aus ‘ner Welt zu scheiden,
in der er Achtung sich errang.

Die will ich freudig ihm erweisen,
und wenn ich mir ‘nen Kater hol –
sieh her, ich lass den Becher kreisen:
Auf dich, mein Lieber, auf dein Wohl!

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Ego-Lifting

Die just dem Mutterleib entsprungen,
schrein ähnlich stets sich in die Welt –
mit kleinen, aber kräft’gen Lungen,
wenn ein Problem sie überfällt.

Doch später, wenn sie angeschwollen
zu einer Masse mit Verstand,
sie meist sich unterscheiden wollen
von jedem Schreihals sonst im Land.

Wie das? Mit Mammon beispielsweise,
dem jagt fast jeder hinterher
auf seiner kurzen Lebensreise,
nur um zu prahlen: „Ich hab mehr“.

Das Gleiche gilt für Machtgelüste,
den Kitzel der Befehlsgewalt,
weil jedermann gewärt‘gen müsste,
dass „ich ihn mal zusammenfalt“.

Auch alle öffentlichen Ehren,
vom Handschlag bis zum Ordensband,
die Eitelkeit des Stolzen nähren:
„Wird nur den Besten zuerkannt“.

Ist jemand ein Talent gegeben,
durch das er Renommee gewann,
kann er sich gleichfalls leicht erheben
über den „Spießer nebenan“.

Er kriegt das heiß begehrte Siegel,
das ihn zum Prominenten kürt
und wird dann glücklich in den Tiegel
mit diesem Mischmasch eingerührt.

Showmaster, Mime, Sportskanone,
Minister, Diva, Kommissar,
Bestseller-Autor, Pop-Ikone,
Chefmoderator, Modezar.

Ist ihm der Aufstieg nicht gelungen
in diese Illustrierten-Welt,
versteht sich, dass er‘s notgedrungen
mit andren Hoheitszeichen hält.

Am weitesten ist noch verbreitet
die Automarke, die man fährt,
sie zeigt, wieviel PS man reitet
und scheinbar selbst in Knete wert.

Beliebt natürlich auch die Sachen,
die täglich man am Leibe trägt,
da Kleider, weiß man, Leute machen,
was jeder Schwalbenschwanz belegt.

Und wo es fehlt an Königskronen,
tut’s auch der ganze Talmitand,
der öfter älteren Matronen
umklunkert golden Hals und Hand.

Doch sollte alles dies versagen
und gibt dein Ehrgeiz keine Ruh,
kannst immer noch zu Markte tragen
du deine Haut mit ‘nem Tattoo.

Der eine lässt sich Rumpf und Glieder
gleich flächenweise tätowiern,
die andre, eher brav und bieder,
mit Blümchen ihre Fesseln ziern.

Doch beide nur auf eines zielen:
Betonung der Persönlichkeit,
mit unsren Sitten, den zivilen,
in ganz bewusstem Widerstreit.

Die Botschaft ist gut angekommen
und wurde mählich gar zum Hit,
gern hat die Nadel man genommen,
auch wenn ins eigne Fleisch sie schnitt.

Die Ketzer einmal ihr gewesen,
geschmäht als windiges Gesocks,
sucht euch jetzt andere Prothesen:
Tattoos sind längst ja orthodox!

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Vorwiegend heiter

‘nen guten Morgen, liebe Hörer,
wünscht euch der Rolf, die Rieke hier,
nicht als perfide Ruhestörer,
doch als Vermittler von Pläsier.

Ihr seid beduselt noch vom Schlummer,
sehnt euch ins Kuschelbett zurück?
Wir spielen euch ‘ne heiße Nummer
die nächsten Stunden fast am Stück.

Dazwischen nur ein paar Minuten
das Neueste aus aller Welt,
ein Auszug aus den Info-Fluten,
kurz und erschöpfend dargestellt.

Nicht zu vergessen auch das Wetter,
da sind wir hautnah für euch dran,
dass zwischen Regencape und Sweater
sich jeder frei entscheiden kann.

Auch der Verkehr wird intressieren,
wo er noch fließt und wo er steht,
brandaktuell wir informieren,
dass niemand in ‘nen Stau gerät.

Und schließlich noch ein Leckerbissen
für Ratefüchse speziell –
die können täglich mit uns quizzen
fürn satten Preis mal eben schnell.

Im Übrigen: Als armer Sender
kommt man um Werbung nicht herum,
wir brauchen einfach solche Spender,
sonst bleibt die Kiste plötzlich stumm.

So weit die Stimmen aus dem Äther,
die täglich durchs Programm uns führn –
ersichtlich Überzeugungstäter,
dern Lust und Laune echt zu spürn.

Für solchen Job braucht es Gestalten,
hellwach, spontan und wortgewandt,
die nix am Hut mit Haarespalten
und stets ein Sprüchlein bei der Hand.

Für mich per se schon nicht zu fassen
die Heiterkeit als Tagewerk;
ich muss mich auch mal gehen lassen,
Gefühl nicht halten hinterm Berg.

Um stundenlang so durchzumachen,
fehlt’s einfach mir an Disziplin,
in den Momenten, in den schwachen,
muss unbedingt ‘nen Flunsch ich ziehn.

Die sind in aller Herrgottsfrühe
bei mir besonders ausgeprägt,
dass selbst die dickste Kaffeebrühe
nicht meinen Tatendurst erregt.

Klock fünf sich vor ein Mikro schwingen,
dass fröhlich er die Lande weckt?
Nie würd den Geist ich dazu bringen,
der tief noch in den Federn steckt!

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Aufgestört

Man fühlt sich immer angesprochen,
sobald das Telefon ertönt –
doch Mitternacht ist angebrochen
und jede Störung mir verpönt.

Es muss sich um ‘nen Notfall handeln,
ich kann’s mir anders nicht erklärn;
jetzt noch mit jemand anzubandeln,
läg selbst ‘ner Quasselstrippe fern.

Darum nicht einfach ignorieren,
woran als Erstes ich gedacht.
‘s ist ja die hohe Zeit der Viren –
wer weiß, bei wem sie Halt gemacht!

Mein Geist indessen, alt und träge,
mahlt langsam nur an dem Entschluss,
dass er die späten Glockenschläge
zunächst bis 10 noch zählen muss.

Dann scheint es sogar ihm zu reichen,
und endlich kommt er nun auf Trab
und nimmt beim nächsten Klingelzeichen
erwartungsvoll den Hörer ab.

Am andern Ende Grabesstille.
Zu spät. Schon wieder aufgelegt.
Was nützt mir da der beste Wille,
wenn sich mein Hintern nicht bewegt!

Am nächsten Tag noch mal das Ganze,
und diesmal war ich schneller dran.
Doch zu dem gleichen Totentanze –
der Zeit, wie schweigend sie verrann.

Will jemand sich ‘nen Scherz erlauben,
ein Witzbold oder Tunichtgut,
um mir den ersten Schlaf zu rauben,
vielleicht mit Alkohol im Blut?

Ich schildre meinem guten Engel
zuletzt das stumme Tête-à-Tête,
nicht ohne einen Schuss Gequengel,
wie sehr mir’s auf den Zeiger geht.

Doch Mitleid dieser lässt vermissen
und Schelte für den Störenfried,
mich durch die Blume aber wissen,
dass ich ein Depp auf dem Gebiet.

Es will kein Schwein mich da erschrecken
mit Schüben nächtlichen Radaus:
Die Uhr steht einfach nur auf „Wecken“ –
ein Click, und die Funktion ist aus!

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Gesammelte Werke

Vom Wickelkind zum Mümmelgreise
bleibt wunderbar der Mensch sich gleich,
ein Proteus auf der Lebensreise,
integer und verwandlungsreich.

Kaum fing die Zunge an zu stammeln
und hat nach Taten man gestrebt,
begann die Marken man zu sammeln,
wie Mutter sie auf Briefe klebt.

Da warn die prächtigsten Motive
auf so ein Fitzelchen gebannt,
dass die Begeist‘rung, die naive,
zum Gipfel sie der Kunst ernannt.

Dazu kam noch das steif Gedruckte,
das an den Rändern nur erscheint,
wie „Suomi“, das stets mich juckte,
bis ich dann wusste, was es meint.

‘ne frühe Sprach- und Länderkunde
aus diesem schönen Sammeltrieb,
die später in der Grundschulstunde
man gern mir auf mein Konto schrieb.

Beliebte andere Objekte
warn bunte Murmeln (Glas und Ton),
die man sich in die Taschen steckte
zur nächsten Spiel- und Tauschaktion.

Und kamen die dann aus der Mode,
weil man sie jäh zu kindlich fand,
begann ‘ne lange Periode,
da man dem Bier sich zugewandt.

Das heißt den Pappe-Untersätzen,
die Gläser darauf zu postiern,
damit den Tisch sie nicht benetzen,
sofern sie Feuchtigkeit verliern.

Und Streichholzschachteln, Minerale,
Oblaten, Künstlerkonterfeis
und silberglänzende Pokale
als eines Wettkampfs Siegerpreis.

Soweit ist harmlos es beschaffen,
das große Hobbykabinett,
doch es umfasst auch manchmal Waffen –
Pistole, Messer und Florett.

Ist Streitlust dann zu unterstellen?
Gewaltbereitschaft von Natur?
Vielleicht. Doch in den meisten Fällen
wohl Spaß an blankem Trödel nur.

So fort bis in die späten Jahre,
wenn mancher, seines Werts bewusst,
drei Schritte nur noch von der Bahre
sich Orden heftet an die Brust.

Doch wird er damit Eindruck schinden?
Den Nimbus militanter Kraft?
Man wird ihn wohl nur kindisch finden –
und umso mehr auch greisenhaft.

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Von Ranken und Reben

Des Hauses harte Ziegelwangen
auf einmal nackt wie neugeborn;
mit Messern, Scheren, Sägen, Zangen
hat rüde man sie glattgeschorn.

Und statt der filzigen Geflechte,
die weithin wuchernd sie bedeckt,
zeigt sich die Haut erneut, die echte,
in fadem Gelb, das grau gefleckt.

Man hat das Weinlaub kappen müssen,
weil es nicht ganz geheuer ist
und sich mit Frost und Regengüssen
gefährlich ins Gemäuer frisst.

Was nützt die hübscheste Fassade,
die Büschel bunter Blätter ziern,
wenn mit den Jahren ohne Gnade
die Klinker ihren Halt verliern?

Noch immer ist da was im Gange,
Gerüste ragen noch empor;
doch manchmal dringt auch ziemlich lange
des Werkzeugs Schweigen mir ins Ohr.

Vor meinem Fenster auf den Planken
turnt nur ein Typ noch auf und ab,
der schabt und schmirgelt an den Flanken
sich stundenlang die Pfoten schlapp.

Das deutet auf ein bald’ges Ende
der großen Säuberungsaktion:
Befreiung strupp’ger Außenwände
von Kräutern, die mit Folgen drohn.

Woraus die Weisheit zu erschließen,
die auf des Plato Lehre speit:
Das Schöne, das wir so genießen,
liegt mit dem Guten oft im Streit.

Und schon ein Eigentor geschossen!
Ja, sitz ich denn im Glashaus nicht?
Gehn Reben, die in Wein zerflossen,
nicht mit der Leber ins Gericht?

Gewiss. Doch nur, wenn einem schmeckte
weit mehr als hier und da ein Glas,
denn die verderblichen Effekte,
die zeitigt erst das Übermaß.

Kein Grund, mir aus dem Hals zu reißen
dieses Gewächs mit Stumpf und Stiel –
ja, mit dem Roten und dem Weißen
auch mancher Vers ins Wasser fiel.

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Waffennarren

Man muss sich keine Sorgen machen,
dass die Vernunft ihn übermannt;
am liebsten sind dem Menschen Sachen,
die zündbar für den Weltenbrand.

Will so er seinen Mut beweisen?
Die Herrschaft über die Natur?
Den Sternen, die am Himmel kreisen,
die Tiefe seiner Erdenspur?

Was für ein elender Geselle,
der’s Risiko herunterspielt,
doch auf Millionen Todesfälle
mit seinen Monsterwaffen zielt.

Die Leute, die in allen Breiten
in ihrem Reich am Ruder sind,
sie wurzeln meist noch in den Zeiten
von Faustkeil, Bärenfell und Flint.

Sie wandeln noch auf Trampelpfaden
der blinden Brachialgewalt,
nur dass sie heute Knarren laden,
bei denen es so richtig knallt.

Doch haben Forscher längst entschieden,
auf Fakten aller Art gestützt,
dass Freundschaft pflegen und den Frieden
in gleicher Weise allen nützt.

Was unsre braven Rudergänger
geflissentlich ja ignoriern,
wolln sie, je lieber, desto länger,
doch ihre Stärke demonstriern.

Sie zeigen noch des Stempels Spuren,
die einst dem Affen aufgeprägt,
der sich auf seinen Dschungeltouren
nur brüllend durch die Büsche schlägt.

Nachdem sich lange die Regale
mit Megakillerkraft geleert,
die atomaren Arsenale
man offensichtlich wieder mehrt!

Im Maße wie an Schurken fielen
‘ne Menge Staaten überall,
die gerne mit dem Feuer spielen,
und koste es den Erdenball.

Das leuchtet meiner trüben Birne
am Ende sogar auch noch ein:
Sie wolln mit ihrem Spatzenhirne
wie Phönix aus der Asche sein!

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Sparflamme

Was soll ich von der Kerze halten?
Verweigert mir die Feuerpflicht
und flimmert nur, versteckt, verhalten,
so vor sich hin als kleines Licht!

Kaum noch als Fünkchen zu erkennen
durch ihrer Hülle glas‘ge Wand,
scheint sie wie’n Seufzer zu verbrennen,
der grad noch aus der Gurgel fand.

Der Docht, der sonst in schöner Länge
das stolze Flammenbanner führt,
dass es den festen Brei versenge,
bis er sich freier darin rührt,

Er guckt jetzt mit dem Fadenende
nur eben noch daraus hervor,
ein Stückchen Kohle im Gelände,
das sich im Teig des Talgs verlor.

Ist ihm der Atem ausgegangen
in stickiger Zylinderluft;
erstarben ihm die Rosenwangen
in seiner dumpfen Plastikgruft?

Ich kann nicht mit Gewissheit sagen,
was wirklich diese Schwäche schuf.
Sie müsste schließlich mehr vertragen,
ist sie doch Windlicht von Beruf.

Geborgen in robustem Rohre,
das schützend ihren Leib umstellt,
weilt oft sie hinterm Friedhofstore,
wo sie auf Gräbern Wache hält.

Und ob da nicht die Stürme rasen
in mancher unheilvollen Nacht,
um unerbittlich auszublasen,
was den Verstorbnen dargebracht!

Nein, grad in meiner stillen Klause,
in die kein Lüftchen sich verliert,
schrumpft ohne Punkt sie, ohne Pause,
bis selber sie zu Wachs gefriert.

Und längst ist nicht einmal die Sohle
des schmelzenden Geklumps erreicht,
dass sich die Fackel dort erhole
von allem, was sie aufgeweicht.

Ein Stumpf pappt da noch in der Säule,
der massig wie ein Eisberg ragt,
an dem die leichte Flammenkeule
sich selber kurz und klein genagt.

Belämmert seht mich also hocken
vor diesem seltnen Phänomen,
natürlich völlig von den Socken,
doch willens auch, es zu verstehn.

Der Fachmann wird es mir erklären,
er weiß für alles ja den Grund:
Die Kerzen sonst in allen Ehren,
doch diese hier ist einfach Schund!

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