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Silvester

Nanu, fast hätte ich’s vergessen,
dass heut des Jahres letzter Tag,
hab ihn geduldig abgesessen
als Gegenstück zum Taubenschlag.

Schon gestern hab ich mir die Sachen
zum Überleben rangeschleppt
und musst mir nicht Gedanken machen,
dass morgen diese Flut verebbt.

Drum friedlich nur dahingedämmert,
die Hände lasch vorm Hosenbund,
und keiner hat ans Tor gehämmert
aus irgendeinem starken Grund.

Auch draußen auf den trüben Gassen
war alles völlig lahmgelegt,
die Menschen- und Motorenmassen
vom Abendwind hinweggefegt.

Und dann auf einmal in die Stille
ein Laut wie ein Kanonenschuss,
dass dir die bügelbeste Brille
vor Schreck vom Zinken hüpfen muss!

Wo’s Böllern diesmal doch verboten,
weil es zu mehr Kontakten führt
und noch dazu in falschen Pfoten
das Risiko des Unglücks schürt!

Kam also, es erneut zu sagen,
aus heitrem Himmel wie ein Blitz
und schlug wie ‘n Hammer auf den Magen
des Träumers auf dem Polstersitz.

Doch war der Schreck erst überstanden,
hat dieser Blitz ihn doch erhellt –
Silvester heut in allen Landen.
O Freude, wenn der Groschen fällt!

Danach ist es dann still geblieben,
kein Donner mehr die Luft zerriss.
Die Zeit hat mählich sich zerrieben
am Urgestein der Finsternis.

Und Michel durfte Erbsen zählen,
bis Mitternacht die Glocke schallt.
Ließ sich das bisschen Spaß nicht stehlen –
hat ganz legal damit geknallt.

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Lautmeldung

LautmeldungDer Mensch ist wohl ein eitles Wesen,
das gerne von sich hören macht.
Besonders dafür auserlesen:
Silvester, wenn es richtig kracht.

Die Mucker, die sonst kreuzbescheiden
den Bossen um die Bärte gehn,
gebärden sich dann wie die Heiden,
die johlend vor den Toren stehn

Und mit gewalt`gen Wurfmaschinen,
mit Rammbock und mit Feuerpfeil
die Städte schießen zu Ruinen,
dass Pest und Elend sie ereil.

Das heißt: Da diese ihnen fehlen,
reicht ihnen so ein Kracher auch,
um die Bevölkerung zu quälen
mit Donnerschlag und Pulverrauch.

Was in des Jahres Friedenszeiten
dem Bürger strikt verboten ist,
darf doppelt Gaudi ihm bereiten
zu dessen letzten Tages Frist.

Und grade dann die grauen Mäuschen,
die unauffällig übers Jahr,
geraten völlig aus dem Häuschen,
droht ihnen keine Bußgefahr.

Dann können sie mal richtig zeigen,
was an Talent in ihnen steckt
und wie nach lang geübtem Schweigen
ihr innerer Vulkan geweckt.

Und der entlädt sich mit Getöse
plus Ascheregen auf die Flur –
papierne Hülsen samt Gekröse:
Prost Neujahr, liebe Müllabfuhr!

Das geht so an die halbe Stunde,
bis dann verklingt der letzte Ton.
Die Stillen gaben von sich Kunde.
Jetzt schlafen sie wohl wieder schon.

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Gutes Wechselklima

Gutes WechselklimaDie Beine in die Hand genommen
und sie den Lüften anvertraut,
zack, zack mal in die Hufe kommen,
da schon die Sonne nach dir schaut!

Des alten Jahres Abschiedsszene,
Verbeugung, Beifall, Vorhang zu –
und du klebst an der Sessellehne
wie’n Gummi unterm Straßenschuh!

Na also, erste Gehversuche.
So weiter, weg vom Küchentisch.
Und mit ‘ner Jacke dich betuche,
damit nicht Wind dich kalt erwisch!

So redete mich mein Gewissen
in barschem inn’ren Monolog
empor aus meinem Schlummerkissen,
dass in den Tag hinaus ich zog.

Doch hat sich was mit Abenteuer!
Wie friedlich alles um mich lag:
die Sonne mit gedämpftem Feuer,
das Meer mit sanftem Wellenschlag.

Ich wanderte ‘ne ganze Weile
am Hafen und am Strand entlang
mit der des Rentners würd’gen Eile –
gemächlich ohne Tatendrang.

Und wie ich mich so fortbewegte
wie eine faule Bauernmagd,
sich Zweifel an der Botschaft regte,
die mir der Wetterfrosch gequakt.

Die Jacke streifte ich vom Leibe,
die warm mich drüber aufgeklärt,
dass eher sie den Schweiß mir treibe,
als dass der Gänsehaut sie wehrt.

Muss ich es noch mal wiederholen?
Silvester war’s, Dezemberschluss.
Und ich lief wie auf heißen Kohlen
ein flammenscheuer Fidibus.

So ist zum Lehrpfad mir geraten
der Weg, den träge ich spaziert:
Zugvögel in der Sonne braten,
wenn Michel sich ins Neujahr friert.

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Unisono

UnisonoSeht nur die Bäume, wie sie beben!
Der Wind kennt weder Rast noch Ruh –
als wollt er aus dem Grund sie heben,
so schüttelt er sie immerzu.

Hoch auf dem First die beiden Fahnen
erwischt er auch mit voller Wucht
und schlägt die schwarzrotgoldnen Bahnen
vom Mast nordöstlich in die Flucht.

Ja, selbst der Mond muss sich da stemmen
gegen die finstre Wolkenflut,
doch lässt er seinen Lauf nicht hemmen
im kalten Schweiße seiner Glut.

Die Straßen glänzen noch vom Regen,
doch hier und da im feuchten Kleid,
des permanenten Föhnens wegen,
Oasen schon der Trockenheit.

Halb zwölf. Doch dieses Tages Wärme
umfängt auch wohlig noch die Nacht –
indes mir selber im Gedärme
der Spätburgunder Feuer macht.

Der Winter, eben angetreten,
legt noch nicht volle Pulle los;
statt seiner klirrenden Trompeten
spielt Piccolo zunächst er bloß.

Nun ja, das sind so Wetterflausen –
doch passen heut sie übel nicht:
Was gibt nachher das für ein Brausen,
wenn dahinein das Böllern bricht!

Wenn in des Sturmes Wolfsgeheule
das Quäken sich der Knaller mischt
und des Kanonenschlages Keule
mit dumpfer Wut dazwischendrischt!

Zumindest einmal, zu Silvester,
Mensch und Natur in edlem Streit,
in dem als Sieger gilt, als Bester,
wer seinen Gegner überschreit!

Wenn denn ein neues Jahr auf Erden
Gerassel an der Wiege braucht,
kann’s nächste ja nur prächtig werden –
so wild beballert und behaucht!

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Im Zeitenfluss

Im ZeitenflussSoll ich den Wechsel etwa feiern?
Dezember heißt es nun, na und?
Muss drum ich aus den Rippen leiern
mit ‘nen gereimten Rosenbund?

‘n Distelstrauß, der passte besser
für Chronos mit dem Zifferblatt,
der als gewalt’ger Stundenfresser
ein ausgemachter Nimmersatt.

Schon wieder gierig aufgeschlungen
‘nen Monat meiner Galgenfrist,
der zwar wie Donner nicht geklungen,
indes auch so mir heilig ist.

Ein Schmählied sollte ich wohl dichten,
doch ich beherrsch nicht dies Metier:
Wie könnt ich über andre richten,
da ich mich selbst als Sünder seh?

In Demut will ich nur beklagen,
was aller Erdenwesen Los:
dass schon mit abgezählten Tagen
der Countdown läuft im Mutterschoß.

Was immer wir im Dasein treiben,
es ist ein Wettlauf mit der Zeit,
bei dem wir niemals Sieger bleiben
im Lorbeer der Unsterblichkeit.

(Obwohl die Menschen meist agieren,
als hätt’s mit Sterben keine Not,
und sich für Dinge engagieren,
die sinnlos werden mit dem Tod.)

Dezember. Fangt schon an zu zählen
der Jahrestage dürft’gen Rest –
versüßt nur durchs Orangenschälen
und Nüsseknacken rund ums Fest.

Wenn wir ein Weilchen noch verschnaufen
und uns ein Friede überkommt,
wie er bei Krippen nur und Raufen
dem Ochsen und dem Esel frommt.

Und unterm Tannenbaum wir sitzen,
der würzig in die Nase sticht,
indes die bunten Kugeln blitzen
mit Wangen voller Kerzenlicht.

Doch hinterrücks mit Riesenschritten
prescht der Silvester schon heran,
dieweil auf seinem Rentierschlitten
nach Hause saust der Weihnachtsmann.

Wie kann man bloß willkommen heißen
in langer, ausgelass’ner Nacht
mit Jauchzern, die am Himmel gleißen,
was uns nur wieder älter macht?

Viel eher müsst mit schwarzem Wagen
‘nen Trauerzug man inszeniern,
das alte Jahr zu Grabe tragen
und heiße Tränen drum verliern.

Ich hab dem Rummel abgeschworen
ich weiß nicht wann vor Jahr und Tag,
verstopf mir jedesmal die Ohren
um Mitternacht beim Glockenschlag.

Und leere einen guten Becher,
wie’s bei Beerdigungen Brauch –
ein seltsam zwiegespaltner Zecher:
besinnlich, ja – doch heiter auch!

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