Zuständigkeiten

Manch klugen Kopf hört ich beteuern,
allein aus seinem Schaffen schon,
aus pausenlosem Versefeuern
bezieh der Dichter seinen Lohn.

Da bräucht es keine andern Ehren,
schon gar nicht was wie Gut und Geld,
um die Glückseligkeit zu mehren,
die strophenweise ihn befällt.

Ich möchte keineswegs bestreiten,
dass da ein Körnchen Wahrheit steckt
und auf dem Musenross zu reiten
meist alle Wünsche abgedeckt.

Doch selbst im schlichtesten Gemüte
ist Eitelkeit ein treuer Gast,
damit man ihm mit Lob vergüte,
was noch in Lorbeer nicht gefasst.

Auch der Erzeuger dieser Zeilen
hat jene schon an sich bemerkt,
begrüßt mit Kusshand, wenn bisweilen
ein Leser ihm den Rücken stärkt.

Versteht sich online heutzutage.
Und sogar ohne Abc.
Ein Klick nur, und mit einem Schlage
hebt sich der Daumen zum Okay.

Tatsächlich mir zu schreiben pflegen
paar Typen sogar lang und breit –
doch leider nicht der Lyrik wegen,
dafür nimmt keiner sich die Zeit.

Man will mich technisch optimieren
(„Du schöpfst nicht wirklich aus dem Volln“),
wovon die selbst nur profitieren,
die mich zu was belatschern wolln.

Die haben wohl noch nie betreten
die Meldeämter des Parnass.
Apoll betreut doch die Poeten,
nicht Bruder Hermes – merkt euch das!

Eingehaust

Ein Tag, um sich aufs Ohr zu legen.
Da draußen ist es bitter kalt.
Gefrorner Schnee auf allen Wegen.
Die Bäume spielen Winterwald.

Lektüre, Kaffee und Lektüre.
Die Heizung läuft am Limit schon.
Und doch ich an den Füßen spüre,
dass halb im Keller ich hier wohn.

Die Decke bis zum Kinn gezogen,
lass ich das Buch auch Buch mal sein
und tauche in die Schattenwogen
des wollig warmen Schlummers ein.

Und während meine kleine Klause
in einem flücht’gen Traum zerfloss,
fiel rundherum im stillen Hause
nur manchmal eine Tür ins Schloss.

Das waren keine Hammerschläge,
die aus dem Schlaf mich aufgeschreckt.
Ich döste weiter taub und träge,
bis mich die Dämmerung geweckt.

Noch immer rieselten die Flocken
beharrlich aus dem Wolkengrau,
um unaufhörlich aufzustocken
den watteweißen Unterbau.

War das ein Glitzern und ein Funkeln
im schwächlichen Laternenschein –
als hockte da ein Schmied im Dunkeln
und wetzte seinen Stahl am Stein.

Und du vertrödelst deine Stunden
und kriegst nichts mit von dieser Pracht!
Das saß. Ich hab mich überwunden
und hab den Müll noch rausgebracht.

Immunitäten

Wer würde jetzt sein Bündel schnüren,
sich rauszuwagen in die Welt?
Wohin du kommst: Verschlossne Türen.
Du hast ein Ticket? Es verfällt.

Verödet sind die Kinosäle,
in Dunst und Dämmer eingehaust.
Kein Popcorn knirscht sich in die Kehle,
wenn’s dich vor Spannung grade graust.

Museumswände und -vitrinen
verfehlen gleichfalls ihren Zweck.
Statt intressierter Kennermienen
schaun hier nur Putzen nach dem Dreck.

Die Tiger, Löwen und Giraffen
in ihrem städtischen Asyl
sind derzeit auch nicht zu begaffen,
und zwar aus ähnlichem Kalkül.

Denn Menschenmengen sind zu meiden,
damit man sich kein Virus fängt.
Das Herdentier muss von den Weiden
und bleibt auf seinen Stall beschränkt.

Nur noch zur Arbeit darf man gehen
im Schatten dieser Pandemie,
den Lebenssaft nicht abzudrehen
dem Handel und der Industrie.

Und, ebenfalls leicht auszumalen,
zum Kauf von Nudeln, Wurst und Brot,
doch ohne Stau an den Regalen,
sonst sieht der Ladenschwengel rot.

Und wer als Maurer nicht gerade
bei Regen schuftet oder Schnee,
der wandert online seine Pfade
und jobbt jetzt auf dem Kanapee.

Das mag wohl manchem auch gefallen,
der packt die Einsamkeit beim Schopf,
doch kommt durchaus nicht an bei allen:
„Mir fällt die Decke auf den Kopf!“

Entwarnung, lauten die Prognosen,
wenn man geimpft landauf, landab,
doch leider sind dafür die Dosen
noch immer himmelschreiend knapp.

Die „Macher“ soll der Teufel holen,
die schon geschlampt gleich zu Beginn –
jetzt halten sie mit Trostparolen
die ungeschützten Massen hin!

Ja, einige der hohen Räte,
das Telefon gespannt am Ohr,
sie ziehen ihre dunklen Drähte
und drängeln sich noch schamlos vor!

Reiseziele

Mallorca wäre mir doch lieber
als so ein Ausflug auf den Mond,
vor dem hat mich das Reisefieber
bis heute immer noch verschont.

Mögen sich andre gerne rüsten
fürn längeren Raketentrip,
mich zieht es zu den Sonnenküsten
mit Mandelmilch und Kokosflip.

Was hat er denn schon groß zu bieten,
als dass er wirklich weit vom Schuss?
Kann man da günstig Zimmer mieten?
Fährt pünktlich da der Linienbus?

Erstreckt sich da in weitem Bogen
ein Strand, von Busch und Fels gesäumt,
auf den mit saphirblauen Wogen
die Brandung rauschend sich verschäumt?

Führn da verwunschen dunkle Pfade
durch baumbestandne Berge hin,
dass sich in frischer Waldluft bade
der Wandrer und die Wanderin?

Mit spießiger Pauschalidylle
hat diese Gegend nichts gemein;
die erdgewohnte Landschaftsfülle,
sie könnte nicht bescheidner sein.

Mag dir die Kehle auch verbrennen,
von Wasser nicht die kleinste Spur!
Was hier sie aber „Meere“ nennen,
sind uferlose Senken nur.

Genauso heißt’s auf Luft verzichten,
zum Atmen brauchst du ein Gerät.
Nach Sauerstoff von Buchen, Fichten
hat hier noch nie ein Hahn gekräht.

Tags würde man als Braten schmoren
in der extremen Sonnenglut,
und nachts ist hier der Hund verfroren,
erstarrt zu Eis im Nu das Blut.

Vielleicht lässt sich hier Eindruck schinden
bei dem, der gute Küche liebt?
Du wirst nicht mal ‘ne Bude finden,
wo’s halb verkohlte Pommes gibt!

Gewiss wird dieser Ort nicht geizen
mit Sehenswertem mancher Art?
Nun ja, sofern dich Steine reizen,
dann lohnt sich allerdings die Fahrt.

Nein, diese Tour kann man sich schenken,
es sei denn, man ist Astronaut.
Nur einen Grund könnt ich mir denken,
dass jemand auf den Mond sich traut.

Denn unsre Erdenspurn verblassen,
der Winde und der Zeiten Raub –
die aber dort wir hinterlassen,
sie bleiben selbst in Sand und Staub!

Wintereinbruch

Dass sie doch einmal weiß noch werde,
bevor der Lenz sie überblüht,
schickte der Himmel Schnee zur Erde,
in feinen Flocken hingesprüht.

Die flauschig graue Wolkendecke
schlug er heut Morgen gar nicht auf
und ließ dafür an jeder Ecke
den flücht’gen Federn ihren Lauf.

Wie ihre Freiheit sie genossen!
Warn völlig außer Rand und Band.
In Wirbeln kamen sie geschossen
und stürzten sich aufs dürre Land.

Das ging den ganzen Tag so weiter,
sie gaben einfach keine Ruh,
machten sich langsam immer breiter
und nahmen auch an Höhe zu.

Am Abend lagen sie in Wehen
auf jedem Pflaster, Baum und Strauch,
dass man versinken musst beim Gehen
in ihrem aufgeblähten Bauch.

Nicht nur romantisch anzuschauen
war dieses schimmernd weiche Weiß,
man konnt auch einen Schneemann bauen
mit Brocken seines feuchten Breis.

Wie aber sollt die Freude teilen
das Bäumchen da am Wegesrand,
das, seiner Zeit vorauszueilen,
schon fleißig Blüten ausgesandt?

Von eisigem Gespinst umwoben,
die Blätter schon geknickt und schlapp,
mit feinem Rosa sie sich hoben
kaum merklich noch vom Grunde ab.

Bürofreuden

Büroambiente. Alltagsszene.
Man klebt am Platz, der abonniert,
wie eine hungrige Hyäne
den Blick auf den PC fixiert.

Gelegentlich die Finger gleiten
über die Tastenreihn dahin,
wobei sich die Pupillen weiten,
zufrieden mit dem Satz und Sinn.

Geräusche eher Mangelware.
Der Schreibtischstuhl knurrt öfter bloß.
Man fährt sich manchmal durch die Haare,
kratzt sich am Kopf gedankenlos.

In diese friedliche Idylle
platzt höchstens mal der Chef herein,
der mit der Weisheit ganzer Fülle
noch nie am Ende vom Latein.

Dann setzt’s womöglich einen Tadel
(mit Lob gehn Chefs ja sparsam um),
den nimmst in deinem Seelenadel
du diesem „Fuzzi“ nicht mal krumm.

Dann führst du wieder an der Leine
die Maus durchs Bildschirmareal,
damit ihr Spürsinn dir vereine
das nöt’ge Datenmaterial.

Beharrlich folgst du ihrer Fährte.
Die Stirn gefurcht. Konzentration.
Wer weiß, wie lange dies schon währte,
da weckt dich jäh das Telefon.

Kollegin… wie war doch ihr Name?
Abteilung hast du mitgekriegt.
Was will zum Teufel diese Dame?
Ob die bei mir auch richtig liegt?

„Zuständigkeit dafür bei Ihnen.“
Dann wird das Thema ausgewalzt.
Ein Feld voll Fallen und voll Minen.
„Was hab ich mir da aufgehalst!“

Im Übrigen Besprechung heute.
Zwei Stunden wieder für die Katz.
So an die dreißig, vierzig Leute.
Und stille ruht der Arbeitsplatz.

Ein paar wie üblich sich berauschen
an ihrem schwafelnden Talent
und sich begeistert selber lauschen.
Der Rest mit offnen Augen pennt.

Nachdem man sich halb lahm gesessen
auf seinem eingekeilten Sitz,
stürzt man befreit zum Mittagessen,
auf das Menü des Tages spitz.

O nein, ist Mittwoch: Leberkäse!
Den kannst du langsam nicht mehr sehn.
War immer ja schon deine These:
Kantinen möglichst weit umgehn.

Du hast den Bauch dir vollgeschlagen
und schon die Müdigkeit beginnt.
Die Lider Blei auf einmal tragen,
und bleiern auch die Zeit verrinnt.

Vermehrter Griff zur Kaffeetasse.
Den Hintern hoch und beug und streck!
Wie ich die Nachmittage hasse!
Die Stunden kommen nicht vom Fleck.

Erlösung endlich. Runterfahren
die Kiste mit der Tastatur.
Am Ausgang warten schon die Scharen
auf das Okay der Stempeluhr.

„Schön‘ Feierabend!“ floskelweise
dir zwanghaft von den Lippen fliegt,
bis dich die Bahn auf schrillem Gleise
noch meilenweit nach Hause wiegt.

Ein Bild aus glücklicheren Tagen,
als früh man in den Dienst geeilt
und mit geselligem Behagen
den Raum mit Tausenden geteilt!

Der lange Marsch zur Arbeitsstelle,
er ist uns heute ja verwehrt;
man hockt allein in seiner Zelle,
den ganzen Tag an Heim und Herd.

Kein Vormann aus der Chefetage
kommt reingeschneit in dein Büro,
dir zu verkünden, deine Gage
verdopple sich ab Ultimo.

Auch liebenswürdige Kollegen
der eher mitteilsamen Art
dich nicht mehr zu zerstreuen pflegen
mit ihrer ständ’gen Gegenwart.

Man kaut auch nicht mehr seine Knochen
als Clique wo im Speisesaal,
du musst dir selbst dein Süppchen kochen,
so wie ‘s dein Gusto dir empfahl.

Und alles dies will man verspielen
zu Hause jobbend, fern der Welt?
Ich frag mich nur, warum so vielen
gerade das so gut gefällt!

Gratiskonzert

Die tiefen Töne überwiegen
bei dieser kruden Melodie,
die morgens schon herüberfliegen
vom Baugelände vis-à-vis.

Nur eine Handvoll Instrumente,
doch nichts von Flöte und Spinett.
Das Fehlen feinerer Akzente
macht ein konstantes Forte wett.

Der Bohrer spielt die erste Geige,
ein riesenhafter Kontrabass,
dass tief er in den Boden steige
zu Proben ohne Unterlass.

Ein Scheppern ist sein Markenzeichen,
wenn innen an sein Rohr er schlägt,
dass dem Gewinde so entweichen
die Klumpen, die es mit sich trägt.

In einer etwas höhren Lage
gibt sich dafür die Raupe kund –
Gestöhn hält dem Gequietsch die Waage,
düst sie con brio übern Grund.

Dazu das Brummen der Motoren
von Lastern, die geduldig harrn,
wie große, schwerbereifte Loren
das Baggergut davonzukarrn.

Die Kammer-Crew der Interpreten.
Doch gibt auch einer an den Ton –
statt mit dem Stock, dem obsoleten,
mit einer Mess-Totalstation.

Ein Weißhelm hebt ihn aus der Menge
der Spieler mit den bunten raus.
Er kennt nach Breite und nach Länge
den Masterplan des ganzen Baus.

Obwohl die Töne üppig fließen,
bis abends man die Bühne sperrt,
lässt sich doch eintrittsfrei genießen
dies lange Open-Air- Konzert.

Doch leider hab auf die Moderne
ich immer noch nicht richtig Bock
und träum mich lieber in die Ferne
zurück zu Klassik und Barock.

So zähln zu meinen Favoriten
Vivaldi, Telemann und Bach.
Was die da drüben aber bieten,
das nenn ich schlicht und einfach Krach.

Die Männer vom K2

Unendlich schier die weiße Weite.
Und jeder Schritt versinkt im Schnee.
Von vorn der Wind und von der Seite.
Der Männer stummes Defilee.

Ihr Vormarsch nichts als Kampf und Keuchen.
Die Seilschaft kommt nur zäh voran.
Den innren Schweinehund verscheuchen.
Sich kurz verschnaufen dann und wann.

Wie Feuer blitzt’s aus den Kristallen,
wo sich der Frost die Zähne wetzt.
Die Zeit scheint sich zum Punkt zu ballen,
zum endlos quälerischen Jetzt.

Die Beine wollen schon versagen.
Der Geist am Ende seiner Kraft.
Und regungslos die Gipfel ragen.
Ihr Leib verschwimmt gespensterhaft.

Die Kälte wächst mit jedem Meter,
den man dem Leidensweg entrang.
Und dünner wird die Luft, der Äther,
je höher man am Todeshang.

Dann oben endlich! Lachen, Weinen,
man liegt sich in den Armen, schreit.
Und in der Götter eis’gen Hainen
Momente für die Ewigkeit.

Dann auch schon wieder abgeschwungen.
Strapazen auf dem Weg ins Tal.
Der Aufstieg aber ist gelungen
im Winter nun zum ersten Mal.

Was wohl zu dem riskanten Treiben
die kleine Schar beflügelt hat?
Man wird es in die Chronik schreiben
als weitres Heldenruhmesblatt!

Kein Winkel dieser schönen Erde
entrinnt des Menschen Wagemut.
Dem Ersten folgt schon bald die Herde.
Die Welt verkommt zum Wirtschaftsgut.

Verkrümelung

Als Vorsatz zwar nicht ausgesprochen
und heimlich nicht einmal gedacht,
hab ich doch mit dem Brauch gebrochen,
der Weihnachten so schmackhaft macht.

Mit Keksen Schluss und Schokolade,
Krokant und Kuchen und Konfekt
und jeder Form von Eskapade,
in der ein Haufen Zucker steckt!

Bin sonst nicht so ‘ne süße Schnute,
die’s dick mit Näschereien hat,
doch rund ums Fest ist mir zumute,
als würd ich ohne gar nicht satt.

Dann kann ich gar nicht so schnell schlecken,
wie neue Tütchen ich mir hol,
um mich mit Mengen einzudecken,
die’s reinste Gift fürs Magenwohl.

Ja, wenn die Sinne mich nicht trügen:
Beginnt man mit dem Zeug erst mal,
entfaltet es in vollen Zügen
sein knusperfreud‘ges Suchtpotenzial.

Wer zählt die feinen, flücht’gen Happen,
die auf der Zunge fast zergehn?
„Na, einen will ich mir noch schnappen,
hm, lecker, ehrlich – Madeleine.“

Auf diese milde Variante
‘ne kräftigere folgen muss.
„Doch gibt’s denn so was, ‘ne pikante?
Natürlich, hier die Pfeffernuss!“

Die Augen nur sind auf dem Posten,
doch der Verstand wie üblich pennt –
was bremst dich also, durchzukosten
das ganze Sündensortiment?

Vorbei indes die Mußestunden,
die ‘n feierliches Flair beschwörn
mit all den Dingen, die uns munden,
weil sie seit je dazugehörn.

Nicht dass sie keinen Spaß mehr machten,
ist erst die Krippe abgebaut,
doch muss man schließlich wieder achten
auf die Figur, die man versaut.

Doch dann liegt jäh dir auf dem Magen
der große Rest der Schlemmerzeit!
Die Altlast gilt’s noch abzutragen.
In Wochen. Und nach Haltbarkeit.

Mit Abstand besser

Der Mensch ist ein gesellig Wesen,
hat einst ein weiser Mann gesagt,
und hockte nächtelang am Tresen,
bis morgens ihn der Wirt verjagt.

So kann ich jedenfalls mir denken,
wie es zu diesem Urteil kam,
obwohl man auf den harten Bänken
der Schule so es nie vernahm.

Nun, Aristoteles beiseite,
der Ausspruch hat sich oft bewährt,
so, wenn man solo durch die Weite
der menschenleeren Wüste fährt.

Auch wenn im Stampfen der Motoren
man nächtlich an der Reling lehnt
und in der finstren Flut verloren
sich nach der fernen Liebsten sehnt.

Was sag ich – selbst von unsresgleichen
wie von ‘nem Bienenschwarm umschwirrt,
kann leicht uns das Gefühl beschleichen,
wir hätten uns im Wald verirrt,

Ja, mitten unter Volksgenossen,
‘nen halben Meter kaum getrennt,
hält man die Lippen wohl verschlossen,
weil keinen man persönlich kennt.

Am meisten macht uns grad zu schaffen
ein mikrowinziger Filou,
der dazu zwingt, dass Lücken klaffen,
Distanzen zwischen Ich und Du.

Mit dem ist nicht gut Kirschen essen,
hat man sich den erst aufgesackt,
drum Vorsicht und schön Abstand messen,
mit ihm auf keinen Fall Kontakt!

Doch wär’s nicht an der Zeit, zu fragen,
da uns schon lang das Virus quält,
ob da kein Vorteil draus zu schlagen,
der seine Wirkung nicht verfehlt?

Ich seh euch an die Stirne tippen:
Schon wieder so ‘ne Schnapsidee.
Die Leute aus den Latschen kippen,
und er malt Engel in den Schnee!

Doch denkt zum Beispiel an Soldaten,
die eingeschnürt in Reih und Glied,
und leicht so in Gefahr geraten –
den Mund womöglich auf zum Lied!

Würd denen aus Gesundheitsgründen
„Kein Schulterschluss!“ man dekretiern,
die Stiefel einmal stille stünden,
die ewig in den Krieg marschiern!