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O Tannenbaum

Ein Stückchen Wald mitten im Zimmer,
das gibt es nur zur Weihnachtszeit.
Und an dem Baum der sanfte Schimmer
von Kugeln, ins Geäst gereiht.

Dazwischen eine Lichterkette
wie eine Perlenschnur, die glüht
und aus dem dunklen Nadelbette
gleich Sternen aus der Nacht erblüht.

Das mag als Zierrat auch schon reichen.
Lametta braucht es wirklich nicht.
Die Spitze kann getrost man streichen.
Der Ständer nur, der Fuß ist Pflicht.

Auf dem ist er nicht weit geschritten
aus seinem waldigen Revier
und hat auch keinen Bruch erlitten –
kam makellos von da bis hier.

Ja, wie es heißt, naturbelassen
zog er ins Oberstübchen ein,
im vollen Schmuck der Blättermassen
und noch bewässert obendrein.

Ich war auf ihn nicht vorbereitet.
Trat in den Raum ganz ahnungslos,
von nichts als der Idee geleitet,
dass ich auf Altbekanntes stoß.

Da prangte er in vollem Glanze
vor dem erstarrten Blick auch schon –
verklärt die immergrüne Pflanze
zu einer himmlischen Vision.

Und staunend wie in Kindertagen,
wenn sich der Vorhang plötzlich hob,
ließ ich mein Herz in Weiten tragen,
wo aller Erdenstaub zerstob.

Die Überraschung war gelungen,
die’s kaum vom Wunder unterschied.
„O Tannenbaum“ wurd nicht gesungen.
Da stand er ja, lebendig Lied!

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Ständchen

Grad gestern, liebe Leserinnen,
hat mein Geburtstag sich gejährt.
Natürlich Zeit, sich zu besinnen,
wie lang der Zug noch weiterfährt.

Soll ich mein Alter euch bekennen?
O wie die Eitelkeit sich ziert!
Schon biblisch jedenfalls zu nennen,
dass es bei Olim sich verliert.

Kein Grund natürlich, mich zu freuen,
dass wieder mir ein Jahr geraubt –
eh’r einer, Asche auszustreuen
aufs lange schon gerupfte Haupt.

Gemischt warn also die Gefühle,
als ich zum Mahle mich gesetzt,
mir gegenüber nur zwei Stühle
mit Gästen, die ich sehr geschätzt.

Die Speisen ohne Fehl und Tadel,
dass halbwegs ich schon aufgeblüht.
Vom Christbaum zog mit jeder Nadel
der Duft der Weihnacht ins Gemüt.

Versöhnung mit der Welt zu feiern,
war ich allmählich schon bereit.
Nur Lauten fehlten noch und Leiern
zur Krönung dieser Festlichkeit!

Der Wunsch, nicht einmal ausgesprochen,
erfüllte sich, ich weiß nicht wie:
Jäh wurd die Stille unterbrochen
durch eine schöne Melodie.

Die klang von unten vor dem Hause
weithin ins nächtlich dunkle Land
und war zu unsrer stillen Klause
als Serenade hochgesandt.

Und süß, als wär’s mit Engelszungen,
schwang eine Stimme sich empor,
mit voller Inbrunst fortgesungen
in Counterweise vom Tenor.

Die beiden Damen, lässt sich denken,
die lieben, hatten für den Coup gesorgt
und, mich besonders zu beschenken,
den Sänger dazu ausgeborgt.

Die Botschaft war nicht zu verkennen:
Ein Ständchen für mein Wiegenfest,
mir ins Gedächtnis einzubrennen,
was nimmermehr sich tilgen lässt.

War es in puncto alte Lieder
bisher denn auch nicht eher faul?
O dieser Ohrwurm nun schon wieder,
die Arie aus Händels „Saul“!

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Ein rundes Wiegenfest

Ein rundes WiegenfestNun bin ich also reingeschlittert
mit diesem üblichen Tamtam –
beküsst, beglückwünscht und beflittert,
geduldig wie ein Osterlamm.

Ein Gasthof halbwegs auf dem Lande
gab seinen letzten Tisch uns her.
Da hockten wir als Viererbande
und putzten unsre Teller leer.

Mir war nicht feierlich zumute,
doch fühlte ich mich angeregt,
wie wenn man von der graden Route
sich schnell mal in die Büsche schlägt.

Ist das nicht mehr als man erwarten
von einem Freund der Weisheit sollt?
Die Zeit kennt Pausen nicht und Sparten,
wie ’n Stern sie einfach weiterrollt.

Da ist kein Punkt, um einzuhaken
des Lebensschiffchens Haltetau,
nur Öde ohne Bojen, Baken,
geschweige denn ‘ner Meerjungfrau.

Und dies sogar einmal beiseite:
Wer setzte uns den Floh ins Ohr,
dass eitel Glück es uns bereite,
rückt unser Zeiger weiter vor?

Der Tag, den man nach Brauch und Sitte
mit Segenswünschen reich belädt,
erscheint mir nach der Lebensmitte
wie eines nahen Ends Prophet.

Und Jahr für Jahr hört man ihn schreien
nur umso lauter unbeirrt,
als er beim Ende-Prophezeien
allmählich immer sichrer wird.

So kaute ständig die Gedanken
im Hirn ich eifrig hin und her,
als ob mit Backen und mit Banken
ich nicht genug beschäftigt wär.

Dann war das Mahl auch schon zu Ende,
die Rechnung rauschte aufs Tapet.
Ein Stückchen Fett, ein Eckchen Lende –
der Rest, der vor die Hunde geht.

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