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Mondverbot

Hätt schon mal Lust, den Mond zu schauen,
wenn golden er am Himmel glänzt,
Apollo auf den Sternenauen,
vom Lorbeer seines Lichts bekränzt.

Doch sind die Hände mir gebunden,
das heißt die Füße in dem Fall,
denn man beschneidet meine Runden
mitsamt dem freien Blick ins All.

In meiner hohen Altersklasse
darf ich am Abend kurz mal raus,
doch treten Mond und Sternenmasse
dann noch nicht vor ihr Himmelshaus.

Taghell ist es ja noch um sieben,
die Sonne grade erst bemüht,
sich Richtung Horizont zu schieben,
wo rosig schließlich sie verblüht.

Man kann ihm nicht ins Stübchen steigen,
in die Mansarde dieser Welt,
noch hängt der Mond in Eichenzweigen,
wo man ihn als Laterne hält.

Die Leuchte unsrer schwarzen Nächte,
die Sichel mit dem kühnen Schwung,
geraubt mir durch des Staates Rechte
auf die Gesundheitssicherung!

Noch fordert ja der Schutz vor Viren,
dass die Kontakte man beschränkt
und Bürger beim Herumspazieren
in vorbestimmte Bahnen lenkt.

Nun, ist der Mond mir auch verschlossen
in seiner abendlichen Pracht,
hab ich ihn heute doch genossen,
als meinen Einkauf ich gemacht.

Zwar schwebte er als heller Flecken
hoch oben im Gewölbe nur
und war doch unschwer zu entdecken
auf dieser Folie von Azur.

Allein nach Art ‘ner Apfelsine
war in der Mitte er halbiert,
der untre Teil der bleichen Miene
korrekt mit Himmelblau maskiert!

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Ersatzpapiere

Aus seiner knochenbleichen Blöße
starrt blicklos das Papier mich an,
darunter Blätter, Stapel, Stöße,
die ich nur vage sehen kann.

Soll dieser Fülle ich mich freuen,
weil sie noch viele Verse fasst,
soll ich im Gegenteil sie scheuen
als ständige Verpflichtungslast?

Bis jetzt ist leidlich gut gelaufen
die permanente Produktion,
kein Griffelkauen, Haareraufen,
weil ich nicht fand den rechten Ton.

Die Zeilen munter sich vermehren,
wie Raupen fressend Blatt für Blatt,
weil seinen Schaffensdrang zu nähren,
der Barde nur dies Mittel hat.

Das Ganze lässt selbst haufenweise
inzwischen mich doch ziemlich kalt,
und bräucht’s dafür ‘ne glatte Schneise
im sogenannten Wirtschaftswald.

(Schon wieder hab ich übertrieben
im Dünkel meiner Dichterei
und umso deutlicher geschrieben,
dass schön ich auf dem Holzweg sei!)

Ich will’s bescheidner formulieren.
Die Frage ist mir piepegal:
Hab ich beim späten Spintisieren
auch stets genügend Material?

Beim Maler könnt ich das verstehen,
der auf die Tube drücken muss
und reich mit Farben sich versehen
vorm allgemeinen Ladenschluss.

Doch des Poeten schlichte Klause,
mit Tintenklecksen nur geschmückt,
ist wie ein biederes Zuhause
mit allem Möglichen bestückt.

Grad schreibt von Feen er und Elfen…
Mein letztes Blatt! Ich sehe rot!
Doch muss kein Oberon ihm helfen:
Es geht auch Klopapier zur Not.

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Schreiben, schwerelos

Das Schöne auch bei diesen Reisen,
die auf dem Blatt man unternimmt –
man lässt den Griffel einfach kreisen,
indes die Zeit dabei verschwimmt.

Du schaust mal hin, die Uhr zu fragen,
mehr unbewusst zur Küchenwand,
du hörst die Kirchenglocken schlagen
wie Kuhgeläut im Oberland.

Ein Wust aus Worten und Gedanken
hüllt wohlig deine Sinne ein,
die sich um frische Verse ranken
wie Reben um den jungen Wein.

Von Zeit zu Zeit nippst du am Glase
und stellst es blind an seinen Platz,
indes mit „Phase“, „Nase“, „Vase“
du stöberst im Vokabelschatz.

Hast du was Passendes gefunden
genau für diesen Strophen-Ort,
lässt kurz du den Erfolg dir munden
und jagst auch schon zur nächsten fort.

Erwachst du dann warum auch immer
aus deiner sel’gen Träumerei,
hast du natürlich keinen Schimmer,
warum schon Mitternacht vorbei.

Betrachte es als gutes Zeichen
für deine lyrische Passion –
die Stunden, die am Krückstock schleichen,
beweisen wenig Devotion.

Sie sind dir so dahingeflogen,
da du in deine Kunst vertieft,
und haben Bogen dir für Bogen
doch ihre Gegenwart verbrieft.

Gestattet mir hinzuzufügen,
was so die Strophenzahl betrifft,
dem Griffel manchmal drei genügen
in klarer, säuberlicher Schrift.

Er kann sogar mal zehn erreichen
im gleichen Umfang dieser Zeit,
doch neigt dazu, dann abzuweichen
vom graden Pfad der Lesbarkeit.

So oder so, es heißt am Ende,
jetzt aber schlafen, Troubadour,
wie lang auch immer Herz und Hände
gezogen ihre Tintenspur.

Nichts sollte mir dann noch beschmutzen
dies Bild vom Charme der Poesie.
Doch Pustekuchen: Zähneputzen!
Ich glaub, die Musen tun es nie.

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Anti-Aging

Die langes Leben uns verheißen
mit der und jener Wunderkur,
doch selbst demnächst ins Gras schon beißen
nach den Gesetzen der Natur.

Der Tod schlägt einmal seine Krallen
in alles, was sich rührt und regt.
Dann heißt es röcheln, bluten, fallen,
und jeder Rückweg ist verlegt.

Des Menschen typisches Verhalten
erweist indes ihn nur als Tor –
bis ihm die Glieder einst erkalten,
kommt er sich unvergänglich vor.

Noch bis zum letzten Wimpernschlage
verfolgt er dies und das Projekt
und rühmt selbst noch am Sterbetage,
was an Dynamik in ihm steckt.

Und so, als wär nicht abgekartet
das Spiel mit jenem Sensenmann,
stirbt „plötzlich“ er und „unerwartet“
wie’n Wesen, das nicht denken kann.

Es lügt sich jeder in die Tasche,
wenn’s um die letzten Dinge geht,
und glaubt, dass er an Manna nasche,
wenn längst kein Hahn mehr nach ihm kräht.

Das sichert auch den Scharlatanen,
die stets von Dummheit profitiern,
ein reiches Feld, um abzusahnen
mit ihren faulen Elixiern.

Wobei dies Wort sehr weit zu fassen,
sofern es auf die Zunft verweist –
kann etwa auch auf Bücher passen,
mit denen man sein Süppchen preist.

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Masken in Blau

Hab heute ein Paket erwartet
und mocht nicht aus dem Hause gehen,
grad heute, da die Pflicht doch startet,
sich mit ‘ner Maske zu versehn!

‘ne Hundertschaft der blauen Binden
hängt irgendwo postalisch fest
und lässt mich keine Ruhe finden
in meinem stillen Küstennest.

Der Mummenschanz um Mund und Nase,
den man hier schließlich dekretiert,
ist eher Sinnbild einer Phase,
in der die Plage sich verliert.

Und darum umso mehr ich schmachte
nach diesem bunten Zubehör,
weil ich die Obrigkeiten achte
und auf ihr kluges Urteil schwör.

Ich darf mich nicht mehr blicken lassen
auf Straßen, wo das Volk flaniert,
und auch bis zu den Ladenkassen
komm ich hinfort nur noch maskiert.

Muss ich die Menschheit künftig meiden
im engsten Kreis von Heim und Herd?
Muss ich den Hungertod erleiden,
weil mir der Supermarkt verwehrt?

Wie so ein unscheinbarer Lappen,
der ruckzuck in die Tonne fällt,
wenn Keime aus dem Rachen schwappen,
mit einem Mal Gewicht erhält!

Doch müsst ihr euch nicht um mich sorgen,
der wird mir nicht zum Hungertuch,
ich schick wie immer euch auch morgen
den neusten Poesieversuch.

Worauf kann ich dies Statement stützen?
Beim Kramen schließlich ich noch fand
‘ne Menge dieser Gurgelmützen,
die jüngst ein Engel mir gesandt!

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Ungeschoren geblieben

Ja, Märchen sind nun einmal Märchen,
sie haben ihre eigne Welt.
Man kann sie nur in Bücher pferchen,
die man in dunkle Ecken stellt.

Wie das vom Kerl, den Schicksalsschläge
jäh an den Bettelstab gebracht,
und der ganz ohne Körperpflege
am Ende doch sein Glück gemacht.

Sich nicht zu schrubben und zu scheren,
zu schnippeln nicht an Haupt und Haar,
mehr mocht der Teufel nicht begehren,
der plötzlich ihm zu Diensten war.

Doch immerhin für sieben Jahre
er ihn dies unterlassen hieß,
dass er danach bis an die Bahre
des Reichtums süße Frucht genieß.

Gleich hat der Bursche eingeschlagen,
weil die Bedingung ihm genehm,
den Leib so zottig rumzutragen,
als ob er aus der Hölle käm.

Er hat’s auch eisern durchgehalten,
wenn’s ihm auch schwer bisweilen fiel,
weil Michel und die Staatsgewalten
kein Faible für den Schmuddel-Stil.

Doch da er reichlich Taler hatte,
die ihm der Teufel zugesteckt,
stand er nie lange auf der Matte,
bis man ein Tischlein ihm gedeckt.

Ja, in den ungezählten Stunden,
die jener ihn so walzen ließ,
hat er gar noch ‘ne Braut gefunden,
die an dem Wildwuchs sich nicht stieß.

So hat den Kürzeren gezogen
der abgefeimte Ziegenfuß,
um eine Seele mehr betrogen
für seine Welt aus Rauch und Ruß.

Wie aber, liebe Konsumenten
der wunderlichen Märchenkost,
ihr Kinder, Mütter, Rezensenten,
versteht ihr hier die Grimm’sche Post?

Dass dem, dem starren alle Glieder
von eingebranntem Höllendreck,
nichts so verhasst und so zuwider
wie Reinlichkeit am Oberdeck?

Wohl wissend, dass ein schwarzer Kragen,
der speckig um den Hals sich legt,
für Menschen schwerer zu ertragen
als Schmutz, der ihre Seele prägt?

Da hat der listige Geselle
die Macht des Geldes unterschätzt,
denn selbst verlauste Bärenfelle
man dafür nicht vom Hofe hetzt.

Doch ist ihm auch der Typ entgangen
zu seinem tierischen Verdruss:
Er hat Ersatz sich eingefangen –
sehr glaubhaft hier als Märchenschluss.

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Frommer Betrug

Das hätt ich mir nicht träumen lassen,
so viel mit Versen ich hantiert,
dass aus den höchsten Klerus-Klassen
mir einer übers Blatt spaziert.

Und jetzt sogar noch deren Spitze,
der Papst in eigener Person!
Grüß Gott auf meinem Musensitze,
Grüß Gott auch seinem lieben Sohn!

Doch ist leibhaftig nicht erschienen
die aktuelle Heiligkeit;
ich kann euch nur mit einer dienen,
die schon verschied vor langer Zeit.

Die etwas allerdings vollbrachte,
was keiner noch in Rom gewagt,
hat er doch, Bonifaz der Achte,
die eigne Lehre hinterfragt!

Das weiß zumindest die Legende,
die gerne ja an Mythen strickt
und gleich nach seinem sel’gen Ende
als Ketzer ihm am Zeug geflickt.

Tatsächlich scheint zu vielen Malen
die Zunge ziemlich ihm entgleist
und er in Lehren, kardinalen,
sich widersetzt dem Heil’gen Geist.

Dem soll er gar bestritten haben,
was heut noch in der Satzung steht,
dass er mit seinen Göttergaben
ein Vollmitglied der Trinität.

Und auch dass Gott in seiner Güte
geschlüpft in eine Menschenhaut,
kam wohl für ihn nicht in die Tüte,
auch wenn die Firma darauf baut.

Mit Jungfraun ohne Schimpf und Schande,
die wundersam ein Kind gebärn,
kam er wohl auch nicht so zurande,
um die Madonna zu verehrn.

Sogar dass sich beim Abendmahle
durchaus nicht „wandeln“ Brot und Wein,
wurde von jenem Tribunale
gezählt zu seinen Ketzerein.

Und Tote, die aus Gräbern steigen,
in denen ewig sie geruht,
sich eh’r als Staub und Asche zeigen
denn als recycelbares Gut.

Genug jetzt, ehrenwerte Christen?
Nichts mehr von diesem Fischerring,
der gründlich ihn mal auszumisten,
zum Stall von Bethlehem wohl ging?

Zwar seh ich gläubig euch erschauern
vor diesem frevelhaften Sinn,
doch auch geduldig darauf lauern,
was sonst an Sünde noch darin.

So: Nicht im Himmel zu verbuchen
sind Hölle oder Seligkeit.
Man muss sie hier auf Erden suchen
im Schicksal seiner Lebenszeit.

Und, Gipfel aller Blasphemien
und Watsche für den Zölibat,
die Lust sei der Natur entliehen
und Lieben keine Missetat!

Da stehst du wie der Ochs vorm Berge,
der’s nicht in seinen Schädel bringt,
dass dieser höchste Kirchenscherge
das Credo in die Knie zwingt.

Dagegen ist ‘ne lahme Ente
der Reformator weit danach –
denn Bruder Martin Fundamente
in diesem Maße nicht zerbrach.

Und auch den spätren Jesuiten
war dieser „Vater“ weit voraus
in Anerkennung der Meriten
des Glaubensschwindels, pia fraus.

Ein Mann von kritischem Verstande,
der keine heil’gen Kühe kennt,
hat der in päpstlichem Gewande
die Chance zur Reform verpennt?

Das Wort wird auch für ihn wohl gelten
vom Geist, der willig, Fleisch, das schwach;
mocht er Absurdes noch so schelten,
hielt er den Ball doch immer flach.

Er hat sein Paradies genossen,
wohl wissend, wem er es verdankt –
ein Typ, der geistig aufgeschlossen,
an Christlichkeit hingegen krankt.

1+

Monarch und Monster

Herodes war ein schlimmer Finger,
dem jede Schandtat zuzutraun,
ein kollektiver Leidensbringer
mit Faible Köpfe abzuhaun.

Vor dem war nichts und niemand sicher
in seiner blinden Herrscherwut,
die umso fieser, liederlicher,
als sie auch traf die eigne Brut.

Nicht die geliebte nur, die schöne
Gespielin seiner Hochzeitsnacht,
nein, auch die Hälfte seiner Söhne
hat väterlich er umgebracht.

Von den Verwandten ganz zu schweigen,
denen Verrat er unterstellt,
dass er sie zwang, hinabzusteigen
ins Schattenreich der Unterwelt.

Mit Folter, Mord und Scheußlichkeiten
nach üblicher Tyrannenart
ließ er die Macht sich nicht entgleiten,
bis er krepiert und aufgebahrt.

Nicht ohne wem noch aufzutragen,
dass möglichst man viel Volk erschlägt,
dass Jammern herrsch und Weheklagen,
als wär es sein Tod, der’s bewegt.

Kein Wunder, dass man dem Halunken,
der so schon jedes Maß gesprengt,
von Grausamkeit und Machtgier trunken,
auch Kindesmord noch angehängt.

Wie anders die Gedankengänge
der heutigen Gelehrtenzunft –
die schiebt die Gräuel auf die Zwänge
der staatspolitischen Vernunft!

Mit einem Wort, am Ruder bleiben,
und sei’s mit Feuer und mit Schwert,
ist denen, die Geschichte schreiben,
mehr als Millionen Menschen wert.

„Charaktermäßig schwer zu fassen“
sind die Objekte ihrer Wahl;
wenn sie nur Spuren hinterlassen,
entschuldigt man sie allemal.

Den unbekannten Missetäter
man keineswegs „umstritten“ nennt,
man macht um ihn nicht viel Gezeter
und sieht ihn schlicht als Delinquent.

Für Massenmörder auf dem Throne
hat man indes Pardon parat,
zählt gern die Zacken ihrer Krone
und ihre Klunker in Karat.

Statt sich gehörig zu entsetzen
über ihr blutiges Regime,
scheint man sie eher noch zu schätzen,
kennt man sie gleichsam doch intim.

Kurzum, in einem Doku-Streifen,
der abends in der Kiste lief,
mit Szenen man, die nah zum Greifen,
dies Scheusal ins Gedächtnis rief.

Wohl eine Stunde Unterweisung
„Wie bricht man jemand das Genick“ –
mit der perfiden Seligpreisung
von Keule, Klinge, Gift und Strick.

Zum Schluss wie immer dann das Beste,
das Fazit nach bewährtem Brauch:
„Er ließ uns prächtige Paläste“.
Na, Donnerwetter aber auch!

1+

Zeit zeugen

Am Morgen aus den Federn springen;
die Wasch- und Frühstücksprozedur;
zur Arbeit, Firmenhymne singen,
sofern dein Standort Singapur.

Dann so gefühlte zwanzig Stunden
den Hintern vorm PC gewetzt,
bis Leib und Geist mit tausend Wunden
sich abends endlich freigehetzt.

Danach mit dicken Hamsterbacken
genüsslich seine Bissen kaun,
und während sie so runtersacken
mit einem Krimi sie verdaun.

Hat der sein Pulver dann verschossen
und zig Personen plattgemacht,
wird diese Leichenschau geschlossen
und wünscht dir fröhlich Gute Nacht.

Nun trottest du, um fortzuträumen
das megaspannende Geschehn,
in einen von diversen Räumen,
um dich von innen anzusehn.

Ein langer Anlauf, zu entwischen
dem quälenden Gedankenflug,
um erst mit Schlaf dich zu erfrischen
am frühen Morgen, kurz genug!

Schon reißt dich aus dem tiefsten Schlummer
des Weckers schriller Hahnenschrei,
und es beginnt die gleiche Nummer
wie oben Verse eins bis drei.

Ein Rhythmus, der nicht eben minder
so unbarmherzig wiederkehrt,
wie dieser Kolben im Zylinder
verbissen auf und nieder fährt.

Und wie der mit der Kraft von Rossen
sein stählernes Verlies nicht sprengt,
bist in den Job du eingeschlossen,
der dich in tausend Jacken zwängt.

Jetzt komm mir nicht mit Mußestunden,
wenn du erst mal in Rente bist!
Dann drehst du doch die gleichen Runden,
die nur auf andre Weise trist!

Die morgendliche Körperpflege
bleibt dir erhalten sowieso.
Und, gut, fühlst du dich danach träge,
treibt keine Macht dich ins Büro.

Doch so ein Tag hat seine Länge,
die selbst ein Pensionär verspürt,
der abseits der geschäft’gen Menge
ein halbes Lotterleben führt.

Das schützt ihn nicht vor Langeweile,
die immer schon im Winkel kniet,
auch wenn er mit gespielter Eile
dem Thekenplatz entgegenflieht.

Er glaubt, so frei von allen Fesseln,
in die ihn seine Arbeit schlug,
würd nun das Leben richtig kesseln
in einem steten Höhenflug.

Und knüpft, sich selber zu belügen
mit ungebremstem Tatendrang,
ein Netz gesuchtester Vergnügen
für den vermeintlich dicken Fang.

Doch schlüpft der Spaß ihm durch die Maschen,
die offenbar zu weit gespannt:
Er kann nicht mehr davon erhaschen,
als was er sonst schon darin fand.

Kann er von gar nichts profitieren?
Hat er nicht Zeit im Überfluss?
Natürlich. Um sie zu verlieren
in fadenscheinigem Genuss!

Doch müsste sich der Tag nicht dehnen,
wenn man beschaulich ihn verlebt
und eine Folge stiller Szenen
zum ewigen Arkadien webt?

Ach, wie man’s drehen mag und wenden,
dabei gibt’s keine bessre Wahl:
Verschleudre ihn mit vollen Händen,
verträume ihn – es ist egal.

Du liebst es, auf der Couch zu liegen,
zu lauschen auf des Chronos Schritt?
Nun, was du hörst, sind höchstens Fliegen.
Die Zeit fliegt aber lautlos mit.

1+

Kostverächter

In einem andren Land auf Achse
als Touri oder Dauergast,
such ich nicht unbedingt ‘ne Haxe,
die grad noch auf den Teller passt.

Gewiss würd ich auch diese kriegen
wie überall in West und Ost,
doch warum tausend Meilen fliegen
für heimatliche Hausmannskost?

Ich hab ja extra mitgenommen
den Gaumen auf die weite Tour,
um endlich einmal loszukommen
von der gewohnten Schweinekur.

Und dieser weiß sehr wohl zu schätzen
den Ausbruch aus dem alten Trott
und dass man speist an fremden Plätzen
nicht anders als in Frankreich Gott.

Den Anspruch wird er gar nicht stellen,
dass Edles nur den Hunger stillt –
es reichen schon ein paar Sardellen,
die über Feuerholz gegrillt.

Auch Seehecht, der in unsren Breiten
nur selten auf den Zinken liegt,
kann unschwer ihn dazu verleiten,
dass nicht genug er davon kriegt.

Und Muscheln aller Varianten
von Herz- und Venus- bis zu Mies-
sind gleicherweise ihm Garanten
für so ein Schlemmerparadies.

Ich hörte mal von jemand sagen,
er ließ die Pizza Pizza sein
und schippte in den deutschen Magen
nur Würstchen und Kartoffeln rein.

Selbst bei ‘nem Ausflug in die Ferne
aß er nur so was als Gericht;
in eine lausige Taverne,
nein, kriegten ihn zehn Pferde nicht.

Da musst er öfter Kohldampf schieben,
weil sich für ihn kein Gasthaus fand
und Kumpel in die Pasta hieben,
indes er hungrig draußen stand.

Ein Patriot bis auf die Knochen,
der sogar Magenknurren litt,
weil „Welschen“ er die Kunst zu kochen
und wohl auch sonst noch was bestritt.

Der würde gleich wohl wieder flüchten,
verschlüg’s ihn hier in Küstennäh
und er von Fisch und Meeresfrüchten
die Speisekarten wimmeln säh.

Doch seine unbeugsame Strenge,
die Zunge unters Joch zu schirrn,
beweist nichts andres als die Enge
der hammerharten Spießerstirn.

Na ja, auch wenn die Eskapaden
der meinen sehr viel weiter gehn:
Für zwei so deft’ge Kohlrouladen
ließ ich ein Dutzend Austern stehn!

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