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Der geneigten Leserschaft

Was glotzt ihr denn auf meine Seiten,
habt ihr nichts Besseres zu tun?
In einem Bittgang mitzuschreiten?
‘nen Barfußbruder zu beschuhn?

‘ner netten Oma abzunehmen
des Einkaufsbeutels Schwergepäck,
dass beide heil nach Hause kämen,
die Kundin und ihr Schweinespeck?

Des Nachbarn Bude einzuhüten,
der sich erfüllt ‘nen Urlaubstraum,
und wässern seine biedren Blüten,
den Ficus und den Gummibaum?

Wär löblich auch, sich vorzuknöpfen
Lektüre (Milton, Marx und Mann),
um aus den Weisheitsquelln zu schöpfen,
in die mein Vers nicht reichen kann.

Doch seid ihr nun einmal gelandet
(ich frage allerdings mich, wie
ihr dieses weiße Fleckchen fandet)
im Dschungel meiner Fantasie!

Was hat euch dabei angetrieben?
Die angeborne Lyriklust,
dass alles, was als Vers geschrieben,
das Herz euch hebe in der Brust?

Die Reise in verborgne Welten,
von Touri-Massen unbeleckt,
um als Kolumbus einst zu gelten,
der den Parnass für sich entdeckt?

Ach, warum weiter räsonieren?
Es heißt doch: ‘nem geschenkten Gaul…
Sei es zu zweit, zu dritt, zu vieren –
schaut mir recht fleißig nur aufs Maul!

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Fehlschlüsse

fehlschuesse-wilhelm-buschHat man nicht sogar Poe gescholten
und seine Verse parodiert,
mit Hohngelächter ihm vergolten,
was genial er generiert?

Der Rezensent: Unfehlbar Wesen,
sofern ex cathedra er spricht,
beschrieben nicht, doch wohl belesen,
hält als Gottvater er Gericht.

Es ist kein Künstler so vollkommen,
dass er ’nen Kritiker nicht fänd,
der ihm verschwiemelt und verschwommen
die Kinken seiner Schöpfung nennt.

Vor den gestrengen Kennermienen
hält schwerlich nur ein Oeuvre Stand,
die besten selbst, die Ruhm verdienen,
sie werden schmählich oft verkannt.

Der Schwan von Avon, ohnegleichen
in seinem göttlichen Gesang,
man ließ ihn lang vom Spielplan streichen,
weil er missfiel dem Kritteldrang.

Doch wenn sie sich mal überschlagen
ist höchste Vorsicht auch am Platz.
Sie hudeln mit gefülltem Magen,
bei Kuchen aus dem Kaffeesatz.

„Ein neuer Stern ist aufgegangen,
Komet am Dichterfirmament –
wann je so magisch Verse klangen,
wie man’s nur von George kennt?“

Das riecht nach ‘ner banalen Seele
und schillernd aufgeschlagnem Schaum:
Dass ihre Leere sie verhehle,
gibt Seifenblasen sie viel Raum.

(Das süße Nichts verkauft sich besser
als eine Wahrheit von Gewicht –
der Kritiker als guter Esser
verschmäht auch diese Weisheit nicht.)

Ist man nicht selbst darauf verfallen,
verspottet man Kolumbus’ Ei
und schwört bei allen Musen, allen,
dass solche Kunst gewöhnlich sei.

Allein, was hab ich schon zu maulen?
Zerpflückt mich denn so’n Malefiz?
Ich könnt im Winkel hier verfaulen
und niemand nähm davon Notiz.

Ich Glückspilz: Alle überflügelt!
O wie beredt dies Schweigen spricht!
Ein Benn, ein Byron abgebügelt –
nur meine Wenigkeit noch nicht!

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Der Feiertage letzte Stunden

Der Feiertage letzte StundenDer Feiertage letzte Stunden.
Die Schatten dunkeln schon zur Nacht.
Wie unter Zauberhand verschwunden,
was Lärm und was Spektakel macht.

Das große Himmelsaug’ gebrochen,
das stechend auf dem Tage lag.
Der Sterne goldne Herzen pochen
und pumpen Licht bei jedem Schlag.

Ein kühler Wind streift durch die Gassen
und stößt ganz leicht die Blätter an,
die scheu die Kronen noch umfassen,
da grad erst ihre Zeit begann.

Die Wendigen, die nach den Wonnen
von Wasser, Grün und Strand begehrt,
sind allen Stopps und Staus entronnen
und glücklich wieder heimgekehrt.

Und auch wenn sie schon alle schwächeln –
von Müdigkeit ist keine Spur,
noch die Strapazen durchzuhecheln
im Lauf ihrer Erholungstour.

Weshalb noch viel erhellte Zimmer
im Dunkel der Fassaden glühn.
Doch nach und nach erlischt ihr Schimmer;
Erschöpfte sich um Schlaf bemühn.

Wie Phönix aus der Asche: Frieden.
Nach Festgetümmel Grabesruh.
Im Wechsel strebt akust’scher Tiden
die Stille ihrem Gipfel zu

Nur ein paar Stunden zu verweilen
bis morgens, wenn der Wecker schrillt,
um als Fanal vorauszueilen
dem Lärm, der mählich wieder schwillt.

Hinaus ins Leben, Brot verdienen!
Genug geruht auf fauler Haut!
Papiere tummeln und Maschinen –
die Arbeit ist des Bürgers Braut!

Doch wird wohl mancher erst beim Schinden,
bei der Maloche, oft verflucht,
Kolumbus’ Ei der Muße finden,
das Ostern er umsonst gesucht.

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