Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Schraubensaldo

SchraubensaldoEin Fabrikant von, sag’n wir, Schrauben
hat’s zweifellos zu was gebracht,
kann jeden Luxus sich erlauben
bis hin zur Mahagoni-Jacht.

Kann fürstlich delikat dinieren
in Sterne-Schuppen jeder Art
und lässt sich Summen da quittieren,
für die Herr Meier lange spart.

Er muss nicht auf den Zehner schielen,
sein Konto ist so dick und fett,
dass, würd sein Häuschen er verspielen,
er drei noch in den Hamptons hätt.

Und da, wie hoch wer angesehen,
sich nur nach seinem Moos bemisst,
gilt er vom Scheitel zu den Zehen
als ehrbar und Charakterchrist.

Als eine der Gesellschaftsstützen,
Bewahrer der bewährten Welt,
so wie auch seine Schrauben nützen,
dass diese nicht zusammenfällt.

Dem müsst ‘ne Schraube locker sitzen,
dem so was nicht zum Himmel schreit:
Kotau vor einem Eisenfritzen,
als wär Garant er goldner Zeit!

Denn gehen schlechter die Geschäfte
und will er halten den Gewinn,
entlässt er seine treusten Kräfte:
Den Kopf hält nur Herr Meier hin.

 

Friedenszeit

FriedenszeitSo still konnt man nicht immer sitzen,
so friedlich nicht zu jeder Zeit –
mit Bomben trug man und Haubitzen
gewöhnlich aus den Völkerstreit.

Doch nach dem letzten Massenschlachten,
das mörderisch ergiebig war,
ein paar, die’s überlebten, dachten,
jetzt bannen wir die Kriegsgefahr.

Drum gaben sie dem Feind die Hände
auf ‘nem Millionenleichenberg
als längst schon überfäll‘ge Wende
zum riesenhaften Aufbauwerk.

Und weil sehr viel kaputtgegangen,
war auch sehr viel zu repariern.
So hat das „Wunder“ angefangen –
die Wirtschaft konnte nur floriern.

Doch unsre flunkernden Barone
in Politik und Hochfinanz,
sie wanden diesem Fakt zum Hohne
sich selbst dafür den Lorbeerkranz.

Dann war der Aufbau abgeschlossen
und Arbeit wurde wieder knapp.
Da lehnten die auf hohen Rossen
Verantwortung auf einmal ab.

Wer bei der Suche unterlegen,
sei, so der Tenor, selber schuld,
will sagen: seiner Faulheit wegen
und weil von Wohlfahrt eingelullt.

So wurden Tausende entlassen
und fanden keinen neuen Job –
indes die Unternehmerkassen
geklingelt ohne Halt und Stopp.

Das ist der Zustand, dem noch heute
verbittert wir ins Auge sehn –
Millionen „überflüss’ger“ Leute,
die blutend auf dem Zahnfleisch gehn

Da andre, die in Geld schon schwimmen,
das Wen’ge ihnen noch entziehn,
um goldne Berge zu erklimmen,
vor Mammon, ihrem Gott zu knien.

Da kann man ja von Glück noch sagen,
dass wenigstens der Frieden hielt
und statt dem Volk auf Kopf und Kragen
man auf sein Säckel nur gezielt.

Denn wehe wenn die Großgewinne
den Großgewinnlern nicht genug,
dann wär wie stets in ihrem Sinne
ein kapitaler Beutezug.

In Trümmer würden wieder legen
die Welt sie in gewalt’ger Schlacht,
um lukrativ gesund zu pflegen,
was selber sie kaputt gemacht.

Doch wie gesagt, ich sitze gerne,
den Rücken hin zum dunklen Flur,
und freu mich, dass das Feuer Sterne
und dass der Knall ein Auspuff nur.

Kerzeleid

KerzeleidDie meisten sind in Schlaf gefallen;
bis Mitternacht Minutenrest.
Und morgen früh mit Adlerkrallen
zerrt sie der Montag aus dem Nest.

Dem Rentner hier, der seine Zeilen
bedächtig übern Bogen sät,
muss mit dem Schlummer es nicht eilen,
da eh kein Hahn mehr nach ihm kräht.

Wenn herrgottsfrüh Millionen Wecker
die Bürger aus den Träumen schrein,
dann baumelt ihm der alte Stecker
wie’n toter Ast am Nachttischbein.

Er hört nicht ihre Füße trappeln
„ab zur Maloche, ab zur Schicht!“,
von Eichen träumt er und von Pappeln,
in die der Wind sein Raunen flicht.

Die große Freiheit, die ersehnte:
Er macht den Buckel nicht mehr krumm.
Statt dass er ins Büro sich gähnte,
dreht er sich wohlig noch mal um.

Bis in die Puppen kann er pofen,
bis überall ‘s schon „Mahlzeit!“ heißt
und man der Arbeit Katastrophen
sich mit ‘nem Schweinesteak verbeißt.

Er tanzt nach keiner fremden Flöte
und wird von keinem Boss gehetzt.
Nur, ach, die schöne Morgenröte
verpennt er nun zu guter Letzt!

Schlaffreiheit

SchlaffreiheitDie meisten sind in Schlaf gefallen;
bis Mitternacht Minutenrest.
Und morgen früh mit Adlerkrallen
zerrt sie der Montag aus dem Nest.

Dem Rentner hier, der seine Zeilen
bedächtig übern Bogen sät,
muss mit dem Schlummer es nicht eilen,
da eh kein Hahn mehr nach ihm kräht.

Wenn herrgottsfrüh Millionen Wecker
die Bürger aus den Träumen schrein,
dann baumelt ihm der alte Stecker
wie’n toter Ast am Nachttischbein.

Er hört nicht ihre Füße trappeln
„ab zur Maloche, ab zur Schicht!“,
von Eichen träumt er und von Pappeln,
in die der Wind sein Raunen flicht.

Die große Freiheit, die ersehnte:
Er macht den Buckel nicht mehr krumm.
Statt dass er ins Büro sich gähnte,
dreht er sich wohlig noch mal um.

Bis in die Puppen kann er pofen,
bis überall ‘s schon „Mahlzeit!“ heißt
und man der Arbeit Katastrophen
sich mit ‘nem Schweinesteak verbeißt.

Er tanzt nach keiner fremden Flöte
und wird von keinem Boss gehetzt.
Nur, ach, die schöne Morgenröte
verpennt er nun zu guter Letzt!

 

Röhrlinge

RöhrlingeEs heißen hier nur wenig Frauen
aufgrund der Männer Machenschaft
im Management, im hohen, rauen,
ihr ahnt es wohl schon: „Führungskraft“.

Der Hirsch beherrscht hier voll die Szene
mit seines Haupts gezackter Zier;
den Chef zu spieln: seine Domäne,
die ganze Firma sein Revier.

Er waltet mit geballter Strenge,
unnahbar und autoritär,
treibt jeden boshaft in die Enge,
und wenn’s der Herrgott selber wär.

Ja, in gediegnen Seminaren
wurd er in diesem Sinn belehrt:
Wenn wir an Nackenschlägen sparen,
der Leistungswille sich verzehrt.

Die Weisheit kommt ihm sehr gelegen,
bestärkt sie doch die harte Tour,
die seiner brünft’gen Machtgier wegen
er schon als kleiner Spießer fuhr.

Doch kann sie nie und nimmer stimmen:
Man motiviert nicht mit Gewalt.
Die röhrend ihren Platz erklimmen,
wie ich schon sagte: Hirsche halt.

Was aber, wenn die hohen Posten
vermehrt den Frauen auch geliehn?
Ich fürcht nur, wenn die Macht sie kosten,
röhrn sie nicht minder maskulin.

 

Zocker

ZockerAn der Fassade gegenüber
ein Riesenposter wieder mal,
und ich guck ständig zu ihm rüber,
weil’s so ein Blickfang, kolossal.

Auch die am Bürgersteige kleben,
Passanten, die vorübereiln,
die Augen unwillkürlich heben,
dass auf dem Monstrum sie verweiln.

Und die in ihren Kisten sitzen,
das Steuer lässig in der Hand,
auch rasch mal einen Blick stibitzen
auf diese grell geschminkte Wand.

Dies aber just ihr Zweck und Ende:
dass flüchtig das Bewusstsein streift
die Botschaft plakatierter Wände –
und heimlich zum Verlangen reift.

So sieht man hier die Spielbank werben.
Roulette: „Das kleinste Karussell“.
Wie witzig, harmlos! Schöner färben
lässt sich kein Laster wohl so schnell.

Der Staat, mit Feingefühl für Kohle,
übt wortgewandt wie ein Croupier
der eignen „sichren Bank“ zum Wohle
hier sein dubiosestes Metier.

Doch oft, vom Schuldgefühl getrieben,
dass falsche Hoffnung er entfacht,
bekennt er, winzig klein geschrieben,
dass Spielen ja auch süchtig macht.

Hörbuch

Hörbuch2Was hat in seinem Wissensdrange
der Mensch nicht alles spitz gekriegt,
und ist doch vieles, was schon lange
im Dunkeln unbehelligt liegt.

Noch offen, wenn ich mich nicht täusche,
ist die, gewiss von großem Wert,
Kulturgeschichte der Geräusche,
die uns der Laute Wandel lehrt.

Die müsste wer mal vor sich nehmen,
der mit Phonetik gut vertraut
und diesen Laut-und-leis-Extremen
historisch auf die Finger schaut.

Warn dermaleinst vielleicht die Glocken
das Lärmigste in Stadt und Land,
das Volk zum Gottesdienst zu locken,
zu warnen auch bei Sturm und Brand?

Und kommt vielleicht an zweiter Stelle
der morgendliche Hahnenschrei
als Herold erster Tageshelle
und dass es Zeit zum Placken sei?

Und dann das Rumpeln und das Knarren
als Echo eines stein’gen Stegs,
wenn reifbeschlagne Bauernkarren
mit Kraut und Rüben unterwegs?

Vernehmlich auch das Hundebellen,
das bis zum nächsten Dorfe drang,
wo selbst noch in den sichren Ställen
die Viecher furchtsam auf Empfang.

Doch glaub ich, das Gebrüll der Bullen
noch alles andre überstieg;
dagegen warn die Schweine Nullen
mit ihrm Gegrunze und Gequiek.

Der Ruf des Kuckucks, Gänseschnattern,
die Kirmes mit Gejohl und Schwof,
die Hühner, die in Panik flattern,
zeigt sich der Fuchs auf ihrem Hof.

Das wär so meine Blütenlese
an Klängen der Vergangenheit,
so eine Art von Anamnese
für dieses chron’sche Ohrenleid.

Der Pegel ist seitdem gestiegen –
wie, wüsst ich gern in Dezibel.
Maschinen in den Lüften fliegen
wie einst der Engel Gabriel.

Und auf den Straßen röhrn Motoren,
da kommt kein Sechzehnender mit,
und balzen so aus vollen Rohren
zwölf Stunden Tag für Tag im Schnitt.

O Bagger du, o Presslufthammer,
zweihundert Jahre alt noch kaum,
wie machtet ihr zur Folterkammer
seither den öffentlichen Raum!

Die Studie her – nach Zeit und Ländern,
den Fortschritt hörbar auch zu maln!
Natürlich wird sie dran nichts ändern –
doch zeigen, welchen Preis wir zahln.

Zur Maifeier

Zur MaifeierMein träges Fleisch hielt in der Stube
den ganzen Tag mich heute fest
wie’n Häschen in der Wiesengrube,
das sich aus Furcht nicht blicken lässt.

Was in dem Sinn auch zu verstehen,
dass Menschenmassen ich nicht mag –
und dieses Kommen, dieses Gehen
zum Kirchen- und Gewerkschaftstag.

Geschirmt von dicken Altbauwänden
von dem, was im Quartier geschieht,
ließ ich die Ruhe mir nicht schänden
von Lohnappell und Lutherlied.

Doch hab ich schon auf meine Weise
des heut’gen Feiertags gedacht –
des Mittelstands, der still und leise
fast an den Bettelstab gebracht.

Und der Millionen, die gesunken
in den Schlamassel tiefer noch,
indes ein Häufchen von Halunken
sein Geld versteckt im Steuerloch.

Auch der Pastorn, die unverdrossen
erwärmen uns den gleichen Papp,
als wär viel Wasser nicht geflossen
den Jordan mit der Zeit hinab.

Na ja, das waren so Gedanken –
doch kam nicht auch was raus dabei?
Ein bisschen Stille wollt ich tanken –
und zapfte Zeiln zum 1. Mai!

Geleitzug

GeleitzugAls grad ich aus dem Fenster schaute,
nur einfach so und vor mich hin,
sah ich die Straße, die vertraute –
und jäh ‘nen großen Fisch darin.

Ja, einen von der Riesensorte,
der gerne mit Gorillas schwimmt,
das heißt mit Bodyguard-Eskorte,
adrett auf Reih und Glied getrimmt.

Er also sicher in der Mitte,
geschützt wie’n Steinzeit-Unikat,
und rings (nur fähige und fitte)
die Bulln auf ihrem Blaulicht-Krad.

Und schon vorbei die Karawane,
Sekunden währte nur der Spuk –
es düst mit einem Affenzahne
wer weiß wohin der bunte Zug.

Der muss an keiner Ampel halten
und treibt die Schafe aus dem Weg –
so sah ich ‘nen Gewalt’gen walten
mit allem Pomp und Privileg.

Ich konnt ihm nicht ins Auge blicken,
zu weit war ich von ihm getrennt.
Doch wer denn sonst macht solche Zicken,
wenn nicht der höchste Präsident?

So einen kann man nur beneiden;
sein Abgang selbst wird einmal stark:
In Schwarzrotgold wird man ihn kleiden,
ein Adler hüten seinen Sarg!

Fortschritt Fahrradfahren

Fortschritt FahrradfahrenDie Meinung scheint sich zu verbreiten,
dass Mann und Frau so ziemlich gleich
und Letztre anders als vorzeiten
dem Ersteren das Wasser reich.

Doch dabei scheint es auch zu bleiben –
ein Credo, das die Lippe käut,
um bloß es in den Wind zu schreiben,
der es als heiße Luft verstreut.

Man muss nur auf die Löhne schauen,
schon sieht man das Prinzip dabei:
Ein Ei für unsre lieben Frauen,
für unsre braven Männer zwei.

So geht das auch mit Positionen –
die Frau krebst eher unten rum;
in höchsten Chefetagen thronen
sich Kerle meist den Hintern krumm.

Das ändert sich nicht von alleine,
da braucht’s ein höheres Dekret,
das macht der Gleichbehandlung Beine
und nimmt die Sünder ins Gebet.

O Hermes, du beschwingter Bote,
der Händler und der Diebe Gott,
verhilf uns zu ‘ner Frauenquote,
mach Fairness und Talente flott!

Und wenn du dann dem Wirtschaftsleben
Impulse wunderbar verliehn,
magst auch dem geistlichen sie geben,
dass sie am gleichen Strange ziehn.

Denn während in den sel’gen Himmeln
viel Fraun als heilig hochgeehrt,
bleibt ihnen hier beim Glockenbimmeln
das Amt der Priesterin verwehrt.

Es hinken ja die Klerikalen
stets hinterher dem Weltniveau,
weil Gottes Mühlen langsam mahlen –
die alten Säcke wolln es so.

Drum lasset uns die Hände falten,
dass Einsicht sie erleuchten mag –
recht zügig unsre Staatsgewalten,
die Kirche bis zum Jüngsten Tag!

P. S.
Der Fortschritt, sei er noch so träge,
kommt mit den Jahren doch voran:
Selbst in der Wüste bahnt er Wege,
lässt Frauen Fahrrad fahrn – mit Mann.