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Schiff ahoi

SchiffspassageWenn ich mal in die Weite spähe,
zeigt öde sich das Meer zumeist.
Es scheint, dass hier in Küstennähe
kein Schipper gern vorüberreist.

Die für die Fahrt bestimmte Rinne
auf offner See weit draußen liegt,
dass mit dem schärfsten aller Sinne
man sie nicht vor die Klüsen kriegt.

Und wenn dann dennoch in der Ferne
so’n Kahn mal klein zu sehen ist,
klebt seinen Blick darauf man gerne,
weil in der Not man Fliegen frisst.

So hab ich’s heute grad erfahren,
als ich verträumt am Ufer ging
und unversehns mit Haut und Haaren
‘nen Frachter mit der Netzhaut fing.

Der kroch bedächtig wie ‘ne Schnecke
da auf dem hohen Kamm der Flut,
dass es wohl bis zur nächsten Ecke
noch in ‘ner Stunde nicht akut.

So lange wollte ich nicht stieren,
ich riss mich von dem Anblick los
und ließ das Pünktchen sich verlieren
in Mutter Meeres großem Schoß.

Erst jetzt, da ich’s in Tinte tränke
beim Kerzlein, das beharrlich blakt,
packt mich ein Schauder, wenn ich denke,
wie klein man in die Welt sich wagt!

 

Kurzer Weltverlust

Kurzer WeltverlustIn diesen milden Wintertagen,
wie sie der Süden uns beschert,
gibt’s keinen Grund, sich zu beklagen,
dass man den Sonnenschein entbehrt.

Meist ist in makelloser Bläue
des Himmels breite Brust geschwellt
als schönes Sinnbild einer Treue,
die ihm das Taggestirn hier hält.

Gewölk zieht manchmal seine Kreise
und wirft den nassen Ballast ab,
doch immer rasch und haufenweise
wie’n Gaul die Äpfelchen im Trab.

Wenn Schnee, dann in den Bergen oben
gelegentlich als Zuckerguss.
Am Strand wird kaum er mal geschoben,
was Schieber da verdrießen muss.

So weit also die Phänomene,
die mir bekannt als Resident.
Da, stellt euch vor, betritt die Szene
ein völlig neues Element!

Wie immer, wenn ich aufgestanden,
werf ich ‘nen Blick zum Fenster raus,
zu sehn, ob weiterhin vorhanden
das Fleckchen Welt vor meinem Haus.

Doch heute konnt ich noch so glotzen,
ich hab wie vor ‘ne Wand geguckt –
von Suppe sah ich alles strotzen,
die es mit Mann und Maus verschluckt.

Im Lauf der Stunden kam erst wieder
das traute Bild ans Tageslicht
und strahlte heiter auf uns nieder
die Sonne noch vor Schluss der Schicht.

Den Nebel hatte sie zerrissen
und weithin übers Meer gedrängt.
Da hat er schäbig und verschlissen
noch lang den Horizont verhängt.

Erkenne dich selbst

Erkenne dich selbstWürd jemand für ‘nen Schuft sich halten,
‘nen Halsabschneider, Tagedieb?
Nein, Augen hoch und Hände falten –
der Schlimmste gibt sich schrecklich lieb.

Treibt täglich seine Gaunereien,
zieht den und jenen übern Tisch
und würde stets „Ich war’s nicht!“ schreien,
dass er Justitia entwisch.

Mit andern, die vom Wege weichen,
geht immer hart er ins Gericht,
indes er sich und seinesgleichen
stets frei von Schuld und Sünde spricht.

Das ist die Crux in unserm Leben:
Wir glotzen immer vorne raus,
um nie uns Rechenschaft zu geben
über dies dunkle Hinterhaus.

Es wimmelt nur so von Gerechten
in dieser unvollkommnen Welt,
die lammfromm ihre Schafe schächten,
damit ihr Wandel Gott gefällt.

Und fröhlich an die Gurgel fahren
dem Nächsten um ein Körnchen Reis,
doch ein Gewissen sich bewahren,
das sich im Stand der Unschuld weiß.

Die Weltgeschichte nur ein Schlachten,
‘ne Orgie nur von Tod und Leid,
dass aus der Erde Friedhofspachten
erwürbe sich die Obrigkeit?

So haben aufgeklärte Geister
es wohl bis gestern noch gedacht,
doch heute, hochverehrte Meister,
hat Neues man ans Licht gebracht.

Denn endlich sind die tiefsten Triebe
aus Seelenschlamm hervorgewühlt –
und rein und redlich auch die Liebe,
wie man sie für sich selber fühlt.

Die ist so stark, dass notgedrungen
für andre nichts mehr übrig bleibt
und man der eignen Niederungen
Gestank auf deren Konto schreibt.

Man könnte sagen, dass der Heil’gen
Gemeinschaft wunderbar präsent –
die, die sich gern am Schein beteil’gen,
so wie man’s von der Kirche kennt.

Uns ist, sagt wer, das Wort gegeben,
zu bergen der Gedanken Lauf.
Genau. Und ganz besonders eben,
dass man als edel sie verkauf.

Über Führungskräfte

Über FührungskräfteSie rennen, rennen ohne Ende
zu sechsen immer im Gespann
und rennend fühln sie im Gelände
sich selig wie ein Wandersmann.

So hecheln sie gewalt’ge Strecken
auf weiter, wegeloser Flur,
indem nichts weiter sie bezwecken
als eben dieses Hecheln nur.

Ein Hindernis ist keine Hürde,
sie setzen über Stock und Stein,
gebremst nicht einmal von der Bürde
im Schlepp, die ihnen hinterdrein.

Das ist des Zugs Kommandobrücke,
die seinem Lauf die Richtung weist
und dass er bei des Bodens Tücke
nicht kurvend irgendwo entgleist.

Und immer vorwärts jagt die Meute
im Hundsgalopp durch Eis und Schnee,
bis endlich Halali – und Beute:
Ein Fischkopp, leidlich frisch von See.

Ein solches Team zu dirigieren,
das wünschte sich wohl jeder Chef:
beharrlich, schnell auf allen vieren
und lohnbegeistert mit Gekläff.

Nichts leichter: Gleich den Schlittenhunden
er einmal dies behandeln müsst.
Die kloppen ihre Überstunden
für jeden, der sie herzt und küsst!

 

Von Kunstfreunden

Von KunstfreundenDa gibt es Leute, die begaffen
banausenhaft ‘ne Bilderwand,
nur um auch diesen Punkt zu schaffen
auf ihrer Touri-Tour durchs Land.

Und andre, die genüsslich lächeln,
indem ganz dicht heran sie gehn,
zu zeigen, dass sie niemals schwächeln
in ihrem schönen Kunstverstehn.

Doch beide ehrn auf ihre Weise
der alten Meister Malerei
und tragen so zu ihrem Preise
im Doppelsinn des Wortes bei.

Wie wenig Kunstsinn aber zeigen
grad die, die ganz versessen drauf,
dass diese eine just ihr eigen,
wie immer teuer auch der Kauf!

Sie gehn nicht um in Galerien,
sie kennen ihr Objekt ja schon.
Es bleibt nur noch an Land zu ziehen
im Zuge einer Kunstauktion.

Und da sehr scheu sie und bescheiden
in ihrer ganzen Lebensart,
ham sie, den Rummel zu vermeiden,
ihn fürn Agenten aufgespart.

Der schneidet mit diversen Zeichen
Millionen aus den Rippen sich,
bis endlich die Rivalen weichen
und er kriegt, Hammerschlag, den Stich.

Was für ein Aufwand wird getrieben
mit bloßem Kapitalgespür:
Die Meister schon sind arm geblieben
und wieviel Menschen heut dafür!

Erzwungener Konsumstopp

Erzwungener KonsumstoppWie schwer ist es mir heut gefallen,
nicht aus der Bude rauszugehn,
um auf versierten Zehn und Ballen
‘ne Runde um den Block zu drehn.

Da hock ich in ‘ner stillen Ecke,
die Stunden dösen vor sich hin,
und schläfrig immer wieder recke
zum Fenster ich mein Doppelkinn.

Denn nur zu gerne wollt ich wissen,
ob sich das Wetter noch besann
und statt des Prädikats „Beschissen“
den ersten Schönheitspreis gewann.

Dann wär ich schnell noch mal gelaufen,
als wären Flügel mir verliehn,
um ohne vorher zu ersaufen
‘nen Laden mir an Land zu ziehn.

‘nen Supermarkt mit alln Genüssen,
die sich der Appetit ersann,
auf die indes bei Regengüssen
er locker auch verzichten kann.

Da konnt ich aber lange warten,
von Umschwung nicht die kleinste Spur.
Die Wolken fröhlich weiter karrten
ihr graues Elend auf die Flur.

Und schließlich gab ich mich geschlagen
und fand mich ab mit dem Arrest,
fast dankbar schon für das Behagen
in meinem warmen, trocknen Nest.

Besorgt nur um mein Wohl und Wehe
und dass mir nicht der Magen groll,
ich noch mal in den Kühlschrank spähe:
Der ist noch für ‘ne Sintflut voll!

Mensch und Majestät

Mensch und MajestätEin Leben ohne Goldmedaille,
Pokal und Ordensstern am Frack –
gut fritzisch wär man ‘ne Kanaille,
das heißt auf Preußisch: Lumpenpack.

Warum als König er geboren
und nicht als Kätner oder Knecht,
hat immer frei und unverfroren
behauptet er als Himmelsrecht.

Wofür, wie alle Potentaten,
er die Beweise schuldig blieb,
die auch die Knechte nie erbaten,
weil man sie sonst zu Paaren trieb.

Doch wie nach bunten Perlen gierten
die Eingebornen einst der Welt,
freut heut noch die „Zivilisierten“
der Flitter, der ins Auge fällt.

Und schreitet wer in Samt und Seide,
gilt er als großes Kirchenlicht,
da die textile Augenweide
vermeintlich auch für Weisheit spricht.

Wovon die Kön’ge profitieren,
die schon als Kind auf goldnem Thron
gehalten warn zu defäzieren
mit bester Ware Ton in Ton.

Wie wäre dann im spätren Leben
der Einfall jemals dem absurd,
es könnte keinen andern geben
als ihn von göttlicher Geburt?

Man legte ihm schon in die Wiege
zum Räppelchen ein ganzes Land,
das selbstverständlich wie die Fliege
im Stall ‘ne Kuhmagd er empfand.

Und dann: Wer oben auf der Leiter,
fragt nach den Gründen eh nicht gern –
er macht mit seinem Dünkel weiter
als Hätschelkind des höchsten Herrn.

Wann aber wäre Prunk gewesen
ein Ticket zur Unsterblichkeit?
Hab von ‘nem Fürsten nie gelesen,
der aus dem Grab Hosianna schreit.

Und da die Argumente fehlen,
die ihrem Anspruch Recht verleihn,
tun diese adelsstolzen Seelen,
als ob’s nicht anders könnte sein.

Was sie indes „von Gnaden“ nennen,
ist nur die Blindheit der Natur.
Man mag den „Königsweg“ nicht kennen –
man kommt ihm schon noch auf die Spur.

Winter ade

Winter adeIhr kennt sie ja, die Wetterzwänge –
man setzt den Fuß nicht unbedingt
hinaus aus seiner Stubenenge,
wenn Petrus seine Wäsche wringt.

Was in den seligen Gefilden
Iberiens selten ja im Schnitt,
doch in dem Winter hier, dem milden,
Schnee, Eis und Hagel stellvertritt.

Bleibt nur noch einer zu erwähnen,
der öfter mal Randale macht –
der Wind, der aus dem großen Gähnen
zu tierischem Gebrüll erwacht.

Klar, geht auch dem man aus dem Wege,
weil wild er deinen Skalp begehrt
und dir zwecks weitrer Körperpflege
gern eisig in den Kragen fährt.

Doch abgesehn von diesen Fällen
hemmt weiter nichts die Wanderlust,
zu baden sich in goldnen Wellen
aus Helios‘ heißer Heldenbrust.

Und hast du ‘nen Balkon am Wickel,
der seewärts schön nach Süden geht,
dann hock dich auf den Hosenzwickel,
da wo im Licht die Liege steht…

Und lass die Plautze dir bescheinen,
Visage, Backen, Stirn und Kinn
bis runter zu den Spargelbeinen
als Therapie im Ganzheitssinn.

Wie lernten einst wir in der Schule:
„Der Winter ist ein rechter Mann“?
Ja, aber nur im „letzten Thule“ –
hier unten geht er’s „softer“ an.

Über Fischen

Über FischenFrühmorgens gehn sie auf die Reise
und dampfen in ihr Fanggebiet,
wo immer noch auf Petri Weise
man Maschen durch die Fluten zieht.

Da kreisen sie denn Stund um Stunde
in eng begrenzter Region
und bergen ihre feuchten Funde
fürn ungewissen Tageslohn.

Dann heißt’s schon in die Hände nehmen
den Kiel am späten Nachmittag,
damit sie nicht verspätet kämen
zu des Versteig’rers Hammerschlag.

Der fällt hier in der Hafenhalle
unweigerlich Punkt 18 Uhr –
indessen nicht für Krill und Qualle,
für Seehecht und Sardine nur.

Wenn sie dann schon vorm Bierchen hocken,
um durchzuhecheln ihren Fang,
machen sich andre auf die Socken
und stillen nachts ihrn Beutedrang.

Die geistern lockend dann als Lichter
in diesem Sott von Nacht und Meer,
mal draußen weiter und mal dichter,
doch immer lautlos hin und her.

Eintrudeln morgens, wenn die andern
die Lider grad vom Schlaf befrein –
sofort zum Auktionator wandern,
weil Käufer schon nach Ware schrein.

Da Fischer ständig ihn bejagen,
erholt sich nie ihr Lebensquell.
Die Brut wird ihm davongetragen
in Einkaufsnetzen XXL.

Na und, wird mancher vielleicht höhnen,
beschwert sich wer aus diesem Kreis? –
Zumindest hör ich nächtlich stöhnen
die Welln, die Winde – ach, wer weiß!

 

Nach starkem Guss

Nach starkem GussWie immer nach so trüben Tagen
zeigt plötzlich strahlend sich die Welt,
dass dir dein vor’ges Unbehagen
wie Schuppen aus der Seele fällt.

Gehorsamst melde: Eingetreten
der Fall, der oben avisiert.
Die Winde unversehns sich drehten,
die Sonne kam hereinspaziert.

Man traut sich wieder rauszugehen
(Wer arbeitet, der muss es eh;
den Rentner nur mit Mühe krähen
die Hähne oft vom Kanapee).

Doch auch Besagter in der Klammer,
den Zwang nicht in die Puschen treibt,
entfernt sich manchmal aus der Kammer,
dass er am Wind die Nase reibt.

Und dann belatscht er eine Strecke,
die kaum ‘ne Meile übersteigt
im Stile einer Wegeschnecke,
die wenig nur zur Eile neigt.

Und hat doch immerhin genossen
die Erde unterm trägen Fuß
nebst einem Bündel von Geschossen
als Helios‘ heißen Strahlengruß.

Zurück nach Hause und zufrieden.
Die Sonne hat man nicht verpasst,
die auch für anderntags beschieden –
da wird denn noch mal nachgefasst.

Nicht sauer mehr in Regen baden,
was Eierkuchenfreude weckt –
wär bloß nicht dieser Wasserschaden,
der faulig-grau die Decke fleckt!