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Man weiß nie

Man weiß nieVon Sonne wollt ich heute schreiben,
weil sie als Stargast präsentiert
im Radio; lass es aber bleiben,
dieweil der Himmel grau meliert.

Auf diese Wetterprophetien
ist eben nur bedingt Verlass,
auch wenn von Fröschen ausgespien
in seriösem Alt und Bass.

Schief kann nur eine niemals liegen,
weil allerseits sie offen ist:
Die uns, dass sich die Balken biegen,
der Hahn herunterkräht vom Mist.

Doch Spaß beiseite! Beim Verlassen
des Hauses erst macht man sich firm
per Blick nach draußen: Welchen fassen –
den Regen- oder Sonnenschirm?

Ist dazu gar kein Zwang vorhanden,
hat man ‘ne weitre Möglichkeit:
sich lösen aus den Wetterbanden,
indem der Stube man sich weiht.

So habe ich’s denn auch gehalten,
verkrochen mich an Heim und Herd,
ließ Tee und Kaffee nicht erkalten,
indes ich Seiten umgekehrt.

Paletti alles, abzunicken?
Ich müsste lügen, wenn’s so wär.
Die Sonne ließ sich doch noch blicken.
Doch da, da wollte ich nicht mehr.

Ewiger Kreislauf

Ewiger KreislaufWie schön Wien ohne Wiener wäre:
Ein Spottlied mit Realgespür –
auch hinsichtlich der Biosphäre,
die ohne Menschheit besser führ.

Geschichte: Ewig Haun und Stechen –
auf die Geringen sowieso
und, um der Gleichen Macht zu brechen,
nicht minder räuberisch und roh.

Für ein paar Hufen mehr und Ruten,
mit denen man sein Gut vermehrt,
lässt man zu Tausenden verbluten
lebend’ge Leiber unterm Schwert.

Dann prasst man viehisch eine Weile,
krakeelt und hurt und rülpst und säuft –
bis unversehns in Windeseile
der Horrorstreifen rückwärts läuft.

Es naht der vormals so Beklaute,
dass seinerseits das Schaf er scher –
nicht ohne dass zu Boden haute
er Tausende. Und etwas mehr.

Ad infinitum, ohne Ende.
Geschichte, so wie ich sie seh:
Auch ohne energet’sche Wende
der finstren Triebe mobile.

Warum setzt diese Brut ihr Leben
für ein paar Haufen Dreck aufs Spiel?
Die letzte Grube auszuheben
braucht es doch wirklich nicht so viel!

Pustekuchen

PustekuchenAm Himmel wieder heut, am blauen…
Den Rest ergänzt nach eigner Wahl!
Hab keine Lust, euch vorzukauen
den ganzen Krempel jedes Mal.

Es sind doch stets die gleichen Dinge,
die man im gleichen Maß verrührt,
damit ein Einheitsbrei gelinge,
der stets den gleichen Kitzel schürt.

Ihr wisst schon: Sonne darf nicht fehlen,
denn die ergibt den Grundgeschmack –
schlürft man sie ein mit vollen Kehlen,
hat man die Sache schon im Sack.

Das Meer mit seinem Salzgehalte
steht dann als Würze schon bereit –
nebst Wogenberg und Wellenfalte
und Möwe, die sich heiser schreit.

Bekränzt ihr schließlich noch mit Blüten
der Optik wegen das Projekt,
kann keine Macht der Welt verhüten,
dass diese Brühe auch noch schmeckt.

Na ja, genau in diesem Stile
hätt selbst ich was zu Blatt gebracht,
doch hatt‘ das Schicksal andre Ziele
sich heute für mich ausgedacht.

Mocht Helios auch den Tag verschönen,
Poseidon, Flora je nach Art –
ich hörte nur Maschinen dröhnen,
Motorradfreaks auf Sonntagsfahrt!

 

Irgendwie verrechnet

Irgendwie verrechnetSie zeigen fröhliche Fassaden,
wenn in die Kamera sie schaun.
Sie scheinen stets dich einzuladen,
das Beste ihnen zuzutraun.

Sie reichen lächelnd dir die Pfote
zum „Guten Morgen“ und „Wie geht’s?“,
als wärest du ein Himmelsbote
und Inhalt ihres Nachtgebets.

Und was sie für ‘nen Aufstand machen,
beim Tragen dir den Arm zu leihn,
Kartoffeln und so schwere Sachen –
bis in den Keller obendrein.

Der Kaufmann hinterm Ladentische –
ganz von Gefälligkeit durchtränkt.
Die Ware sei von feinster Frische
und „unter uns: doch fast geschenkt“.

Politiker und Werbefritzen,
Verkünder einer heilen Welt,
lassen dieselbe nur so blitzen
von Drachengold und Sternengeld.

Genauso süßlich die Reklame
der glaubenssel’gen Priesterschaft –
verheißt sie doch die Kreuzabnahme
durch unerforschte Götterkraft.

Nun, wenn man all die Friedenszeichen
zu einem Fazit aufsummiert,
ergibt sich, Wunder ohnegleichen,
ein Globus, den der Hass regiert!

Plötzlich aufgetaucht

Plötzlich aufgetauchtSie kamen mir zu viert entgegen
auf jenem schmalen Uferpfad,
und dieser süßen Krabben wegen
ich schüchtern auf die Seite trat.

Sie warn nur eben so bekleidet,
wie’s an der Küste oft passiert,
wenn hoch im Blau die Sonne weidet
und heiß der Strand sich präsentiert.

Wie auf ‘nem Laufsteg bei Paraden
für Bademoden man es schaut,
entblößten diese Jungnajaden
sich weit bis auf die nackte Haut.

Ich wagte nicht, mich umzudrehen,
dass ich Verwunderung nicht zeig,
sah nur das Abbild ihrer Zehen
als feuchten Schatten auf dem Steig.

Dem ging ich nach ’ne kleine Weile,
und wenn auch schwächer wurd die Spur,
ich wie von einem Richtungspfeile
doch ihren Ursprung so erfuhr.

Im Mäuerchen war eine Lücke,
da waren sie hindurchgeschlüpft,
gewiss weil durch des Sandes Tücke
auf diesem man nur mühsam hüpft.

Sie hatten klar ein Ziel vor Augen,
das rasch zu finden sie gedacht –
ach, könnt ich doch als Triton taugen,
ich hätte gern sie hingebracht!

 

Galan Goethe

Galan GoetheDas wär schon was, sich jetzt zu schwingen
auf ‘nen mobilen Untersatz
und à la Sesenheim zu singen:
„Es schlug mein Herz…“, ich komm, mein Schatz!

Ein Pferd (der Liebende kann reiten)
prescht im Galopp den Strand entlang,
keucht in der kürzesten der Zeiten
sich zu der Liebsten Festempfang…

Doch würd ich eh’r ein Auto schnappen,
das jedem Gaul die Kruppe zeigt,
und ohne Rücksicht auf den Lappen:
Pedale, dass der Tacho steigt!

Noch besser ‘ne Privatmaschine,
die braucht fürn Weg hin und retour,
na, sagen wir mit Kennermiene,
paar lumpige Minuten nur.

Das wäre zeitgemäßes Reisen
zum abendlichen Rendezvous –
und störten keine Klappereisen
die ländlich-hellbehorchte Ruh.

Nur hat die Sache einen Haken,
der sich nicht gradebiegen lässt:
Das Mäulchen fehlt, herbeizuquaken
den Altfrosch in sein Kuschelnest.

Nein, diesen alten Schwerenöter
erreich ich auf dem Felde nie –
doch schützen keine Liebestöter
mich vor dem Kuss der Fantasie.

Aussichtsreich

AussichtsreichDieselben Herrn, dieselbe Stelle,
der gleiche Panoramablick.
Naturgefühle auf die Schnelle,
befördert durch den Sonnentick.

Ein Kirchlein mit geweißten Wänden
schlug manchmal klingend uns die Zeit,
der Jungfrau, die an allen Enden
die schönsten Wunder wirkt, geweiht.

Genauso hell die Häuserzeile,
die über uns sich schräg erhob,
den Hang erklimmend ohne Eile
wie eine Ranke, heliotrop.

Davor als bunte Augenweide
der Büsche blühendes Spalier,
die ich nach Art nicht unterscheide,
da es mir fehlt am Pflanzbrevier.

Doch immerhin: Den Pfeifenputzer
erkenne ich auf Anhieb schon –
ein roter, bürstenhaar’ger Stutzer,
der just sich spreizt für Gotteslohn.

Das Ganze chorisch hinterfangen
von melodiösem Vogellaut,
wobei nur Spatzen ohne Bangen
sich bis an unsern Tisch getraut.

Vielleicht, dass sie die Herrn erkannten,
die öfter hier auf Sonnenkur,
und unter sich sie „harmlos“ nannten
und „klasse für ‘ne Krümeltour“.

Alte Hasen

Alte HasenMehr ist nicht möglich: Sonnenwetter,
kaum etwas Wolliges im Blau,
und selbst der Wind, der stürm’sche Vetter,
verbeißt sich seine Pusteschau.

Wo es sich da wohl besser säße
im bunten Festsaal der Natur
als wo man rundherum vergäße
des Alltags ausgetretne Spur.

Drum also rauf auf die Terrasse,
dass man nur einfach döst und schaut
auf diese träge Meeresmasse,
die blitzend an den Nägeln kaut.

Ein Kaffee und ein Brunnenwasser
begleiten unsre Stühlekur
nebst ein paar Käseecken. Prasser
sind wir am Panorama nur.

Kulisse: Endlos-Kräuseldecke
über Gekrümel: Seegetier.
Großmutterreinlich wie Bestecke
aus Silber, Omas Küchenzier.

Kulisse: Schön flankiert von Brocken,
durch die sie Zugang sich verschafft,
die kleine Bucht. Am Ufer hocken
zwei Menschenpunkte käferhaft.

Indessen kenn ich schon mit Namen
den kant’gen Kerl im Pflanzenpelz,
der östlich schließt den steilen Rahmen
als Wellenbrecher: „Dicker Fels“.

Unter uns gesagt

Offen gesagtSo frei weg von der Leber sprechen,
nach Lust und Laune so parliern,
für Hinz und Kunz ‘ne Lanze brechen
und unbedacht sein Wort verliern –

Das zwar von vielen aufgelesen,
doch nicht geahndet mit Gewalt,
weil heutzutag mit weichrem Besen
die Büttel unsres Staats bestallt –

Das ist ‘ne wunderbare Gnade,
die Chronos uns gewiss gewährt,
der blinde Gott verschlungner Pfade,
der uns Geduld und Spucke lehrt.

Drum muss ich hinterm Berg nicht halten
mit Meinungen, die offenbar,
nicht lammfromm nur die Hände falten
vorm allgemeinen Denkaltar.

Vorn Kadi wird man mich nicht zerren
für Sprüche, die zu scharf gewürzt,
mich foltern nicht, in Kerker sperren
als einen, der den Himmel stürzt.

Und niemand wird mich Volksfeind nennen,
nach dessen Blut die Menge schreit,
und meine dürren Zeiln verbrennen
zur Fördrung ihrer Lesbarkeit.

Wieso auch? Meine Freiheitsgrade
sind sicherlich so weit gespannt,
weil ich nicht mal ‘ner Fliege schade –
bin harmlos. Mehr noch: unbekannt.

Ausflugssouvenir

AusflugssouvenirDrei Stunden sind wohl so verflossen,
in denen unterwärts bestuhlt
und oben strahlenübergossen
wir in der Muße uns gesuhlt.

Die Palmen boten keinen Schatten,
so spärlich waren sie gesät –
gleich einem Zaun, der mangels Latten
dem Fuchs und Hasen offensteht.

Ein Sodawasser uns ersetzte
die Frische, die uns sonst versagt,
und prickelnd eine Lippe netzte,
die halb von Dürre schon zernagt.

Das Meer lag auf der einen Seite
unendlich bis zum Erdenrand,
wo erst im trüben Dunst der Weite
sein funkelnd Blau ein Ende fand.

Doch auf der andern es die Küste
mit Bucht und Berg in Schranken wies,
so dass ausufernde Gelüste
es gar nicht erst entstehen ließ.

In diesem malerischen Rahmen
von schönster Ansichtskartenart
genossen wir die Panoramen,
die beide nicht an Reiz gespart.

Kein Wunder, dass die Landschaftsfrommen
sich gern erinnern der Natur.
Ich hab mir auch was mitgenommen –
‘nen Sonnenbrand auf der Tonsur.