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Weißer Nikolaus

Weißer NikolausEin bisschen bunter die Fassaden,
und schon sehn freundlicher sie aus –
wie erst, wenn sie die Füße baden
im ersten Schnee zu Nikolaus!

Wenn auf und ab die Fensterbänke
ein blütenweißes Deckchen schmückt,
als hätten alle Wäscheschränke
ihr feinstes Linnen rausgerückt

Und statt der schiefergrauen Pfannen,
die da wie Karos aufgesteckt,
ein einz’ges Tuch von tausend Spannen
ganz sauber alle Sparren deckt.

Und was an der Gebäude Saume
als Fluss sich windet von Asphalt,
verborgen liegt es unterm Schaume,
der weiß ihm übern Nacken wallt.

Wie wunderlich auch anzusehen,
die doch entblößt der Blätterfall,
Platanen, die auf einmal stehen
in voller Blüte von Kristall!

Der Himmel selbst, der gerne bieder
die Nacht in düstren Farben malt,
er spiegelt dieses Weiß nun wider,
in dem die ganze Erde strahlt.

Mein Viertel hier, die reinste Wüste
zu jeder andern Jahreszeit –
wie dieses Puder es versüßte,
von dem so zuckrig es beschneit!

Ein Zauber, allem Grau entgegen,
und wie enthoben Zeit und Raum!
Ich mag mich gar nicht schlafen legen:
Erwach’ vielleicht – und aus der Traum!

Alter Rhythmus

Alter RhythmusEin neuer Tag, ein neuer Abend.
Es ist noch immer, wie es ist.
An einem Badischen mich labend
versuch ich mich als Wort-Artist.

Am Himmel hängt ein letzter Streifen
verwaschenen, maroden Blaus,
in das mit Flatterhänden greifen
die Flaggen auf dem Gästehaus.

Der Dächer regellose Kanten
erkennbar noch im fahlen Licht –
doch Schatten schon ihr Siegel brannten,
das erst der Morgen wieder bricht.

Das Dunkel wird mir noch bewusster
durch der Fassaden Fensterreihn.
Hier Schwarz. Hier Gelb. Ein Karomuster.
Doch spärlicher der Lampenschein.

Und über allem raunt ‘ne Stille
dir mitternächtlich schon ins Ohr,
dass du die Vor-dem-Schlafen-Pille,
das Zahnglas schon mal holst hervor.

Gelegentlich noch ‘ne Karosse,
die meint, sie müsst den Frieden störn.
Doch ihr Gebrumm ist für die Gosse,
hier oben fast nicht mehr zu hörn.

Nun ist (es dauert ja, das Dichten)
dahingeschmolzen dieser Streif
und hier und da ein Stern zu sichten
als erste Himmelsfrucht, die reif.

Nur schemenhaft sind noch zu ahnen
die Flaggen drüben auf dem Dach.
(Ich sprech bewusst hier nicht von Fahnen –
Puristen legen mich sonst flach.)

Apropos Dach: ‘ne schwarze Masse,
die weder First hat noch Kontur –
den Jungs, die ständig knapp bei Kasse,
Fanal für ihre Schränkertour.

Kaum setzt noch so ‘ne Motormähre
ihr Gummihuf auf den Asphalt.
Nur von der Kneipe in der Kehre
Palaver dumpf noch rüberschallt.

Ein neuer Tag, ein neuer Abend?
Als ob sich’s nie geändert hätt!
Die Szene. Und die Feder, schabend
die Spitze am Papierparkett.

Egal, wie wir die Tage nennen –
der Fluss der Zeit hat ein Gesicht.
Und dennoch ihm die Wasser rennen,
als wär er’s oder wär es nicht!

Ach, dies Dilemma auszubaden,
hat Heraklit uns eingebrockt!
Verzeiht indes, ich kapp den Faden:
Die Kumme leer, die Koje lockt.

Des Abends Schweigen

Des Abends SchweigenDes Abends Schweigen, unverfroren
wie das des Täters vor Gericht.
Ich bin zum Richter nicht geboren,
hab keine Ahnung, wie man’s bricht.

Da drüben Fenster, die vertränen
ihr Gelb aus Zügen, so erstarrt,
als wärn versteinert sie im Sehnen,
das längst mehr keiner Zukunft harrt.

Am dachgezackten weiten Himmel
zeigt in Vollendung sich die Nacht –
kein Feuerfunkensterngewimmel,
wie Kohle alles, Flöz und Schacht.

Das lust’ge Blattspiel der Platanen
verdarb der Wind, der sich empfahl.
Kein Stau mehr auf den Autobahnen.
Kein Keuchen mehr im Krankensaal.

Die Möwen sind zur Ruh gegangen,
die Amseln taten’s ihnen gleich.
Die Hühner hocken auf den Stangen,
die Frösche um den Gartenteich.

Sie alle nahmen in den Schlummer
die Sorgen ihres Daseins mit,
die Küchenschabe und der Brummer,
der Weisel mit dem Bürstenschnitt

Der Marder auf dem Trockenboden
und Kumpel Maulwurf unter Tag,
der Regenwurm in Löss und Soden,
die Kokke unterm Zahnbelag.

Nie werd ich ihr Geheimnis lüften,
mit fester Faust bewahrt’s die Nacht,
die alle Wohnungen zu Grüften,
das Schweigen zum Mysterium macht.

Ja, selbst die Musen müssen schlafen,
neun Schwestern hübsch in Reih und Glied.
Zum Zähln von goldbevliesten Schafen
beflügle sie dies Wiegenlied!

Abendbefindlichkeit

AbendbefindlichkeitDer größte Teil der Hausfassaden
gefällt sich schon im Trauerkleid,
doch da und dort in Licht sich baden
noch Fenster, einzeln und gereiht.

An ihrem Fuß die Ladenzeile
schwelgt allerdings im vollen Glanz
des Neons, dass sie Kunden keile
für ihren Waren-Firlefanz.

Vor diesem irdischen Gefunkel
zieht selbst der Himmel heut den Hut,
verkriecht sich in sein graustes Dunkel,
bläst Trübsal in die Sternenglut.

Der breite Strom der Wassermassen,
den tags er schleuste über Bord,
ist nun versiegt und rinnt am nassen
Asphalt als schwache Spur noch fort.

Doch mühelos kann ich ihr lauschen,
auch ohne dass ich spitz mein Ohr –
die Reifen bringen sie zum Rauschen,
das Rauschen rauscht zu mir empor.

Und mit dem Regen – wie Kumpane,
die heimlich abgestimmt ihr Tun –
ergab der Wind sich, weiße Fahne!,
und ward zum Säuseln der Taifun.

Nach eines Tages Sturm die Ruhe.
Und eine Nacht, die ihm verzeiht.
Ich greif zum Wein in kühler Truhe,
mich zu versöhnen auch bereit

Mit diesem launenhaften Leben,
dem eines tödlich nur gewiss:
Zu wild, zu wild, ihm Halt zu geben,
der Tanz von Licht und Finsternis!

Die immer rascher, rascher drehen
den lieben langen Tag sich lang,
dass ineinander übergehen
sie beinah ohne Übergang.

Hock gestern ich in dieser Ecke
und glotz da auf die Häuserreihn?
Saß morgen zu demselben Zwecke
ich hier und schlürfte meinen Wein?

Ich würde es wohl niemals wissen,
wär da die treue Chronik nicht:
Wie vom Kalender abgerissen,
doch immer anders – ein Gedicht!

Monotoner Wechsel

Monotoner WechselIst dieser Abend denn derselbe,
der gestern doch mir schon entschwand?
Im Dämmer erste Lichter, gelbe,
dann nimmt das Schwarze überhand.

(Grammatikern zuvorzukommen:
„Der gleiche“ wäre hier korrekt –
doch bin ich gen den Strom geschwommen,
weil das ja nur Interesse weckt.)

Fassaden, die im Meer versinken
von Schatten, deren Pegel steigt,
und hunderttausend Sterne blinken
als Leuchtturm, der kein Ufer zeigt.

Der Autos monotoner Reigen
stampft nicht mehr den Asphalt entlang,
die Amsel füllt dies schöne Schweigen
mit herzergreifendem Gesang.

Verschwunden alle die Figuren,
die tags da unentwegt spaziert
auf fleiß’gen und auf faulen Touren –
der Abend hat sie wegradiert.

Mit aufgerissnen Augen stieren
geschäftig Fenster in die Nacht,
die aufzuhübschen kolorieren
mit Neon ihre Flitterfracht.

Und hier und da ein leichtes Flimmern,
das bläulich durch die Luken huscht
von lichtverlassnen Fernsehzimmern,
wo Homo vor der Glotze kuscht.

In diesem Sinne fortzufahren
wär mir ein Leichtes, seid gewiss,
doch kann ich’s mir getrost ersparen,
kennt ihr doch selbst die Finsternis

Und ihre tausend Phänomene –
und folglich bestens selbst ermesst,
warum die grad geschaute Szene
am Zeitenfluss mich zweifeln lässt.

Im Grunde hock ich seit Äonen
vor diesem gleichen Bühnenbild,
dem schlichten Schauspiel beizuwohnen,
das dem urbanen Abend gilt.

(Wie andre Menschen gleicherweise,
die dieses Manko wohl nicht stört,
da man sie klatschen, nicht mal leise,
doch auch nicht buhn und zischen hört.)

Ich weiß indes auch nicht zu sagen,
ob’s anders vielleicht besser wär –
würd täglich wechselnd ich ertragen
Dramatik, groß und folgenschwer?

So: Sterne, die vom Himmel fallen
und zischend an der Luft zerschelln
und eh sie noch im Nichts verhallen
mit Blitzlicht ihre Bahn erhelln.

So: Häuser, die in jähem Beben
sich lösen halb vom Fundament,
um schwankend wo nach Halt zu streben,
bevor die ganze Hütte brennt.

So: Autos, die zusammenkrachen
(zu Schaden und der Gaffer Spott)
mit 70 oder 80 Sachen,
verkeilend sich zum Haufen Schrott.

So: Typen, die ‘nen Raptus kriegen
und wolln Randale unbedingt,
und Feuer blitzen, Steine fliegen,
Sirenen heulen, Blaulicht blinkt.

Wär das die Art von Nervenkitzel,
die meinem Affen Zucker gibt?
Ach, nicht mein kleinster Seelenfitzel,
der so was von Spektakel liebt!

Nein, lieber selbst ich Ausdruck gebe
dem Tag auf meine sanfte Tour:
Dass er nicht unbemerkt entschwebe,
streu ich ihm Verse in die Spur.

Ereignisfreier Abend

Ereignisfreier AbendEin Abend, wie er immer wieder
mir gleich ins Küchenfenster fällt:
Der Himmel schließt die müden Lider,
und schwarz vor Augen wird’s der Welt.

Als wär sie in ein Loch gezogen,
aus dem nur mühsam Licht entweicht:
als Rechteck (Scheibe!) oder Bogen,
den zitternd die Laterne streicht.

Die Bäume stehen, Schattenrisse,
versteinert wie von Zauberkraft,
vor einer grellen Glaskulisse,
dem Bühnenbild der Kaufmannschaft.

Denn vis-à-vis vertreibt Matratzen
des Wohlstands „unsichtbare Hand“,
was nicht mal Penner kann noch kratzen –
ins Leere lockt sie unverwandt.

(Das heißt doch wirklich Strom vergeuden,
wenn sich nicht Kauflust dran erhitzt –
des Nachts genießt Matratzenfreuden
mit der man, die man schon besitzt!)

Auch der Verkehr hat nachgelassen,
ach was, kein Reifen sich mehr rührt!
So ruhig ist’s, dass Untertassen
man gleichsam als Bedrohung spürt.

Ein Blick drum in des Kosmos Weiten:
heut ist der Himmel mal verhängt –
Gestirne nicht, die Licht verbreiten,
kein Mond, der’s von der Sonne fängt.

Sofern nicht wirklich fremde Wesen
wie Blitz und Donner aus dem All,
um die Leviten uns zu lesen,
noch machen ihren Überfall

Läuft alles in gewohnter Weise
geruhsam und erregungsarm,
vergleichbar ‘ner Seniorenreise
zu Ostern auf die Hühnerfarm.

Gottlob! Denn diese Langeweile
ist ja ein Glück auf eine Art,
das auch misstraut der Zeiten Eile
und freut sich stiller Gegenwart.

Man braucht sich ja nur umzugucken –
der Menschheit Liebstes: Hass und Streit.
Dann lieber in der Bude glucken
getreu dem Vers „Wenn hinten weit…“

Solang in blut’gem Zorn und Zanke
sie allerwärts sich massakriert,
für jeden Augenblick ich danke,
in dem so gut wie nichts passiert!

Kosmische Oase

Kosmische OaseIm letzten Blau der Himmelsweiten,
bevor der Abgrund es verschlingt,
seh ich die grelle Scheibe gleiten
des Mondes, der nach Süden sinkt.

Von diesem Anblick angezogen,
so licht in wolkenloser Nacht,
verfolg ich ihn, bis er den Bogen
verschwindend hintern Dächern macht.

Dann liegt, als hätten Welln verschlungen
den einsam heimwärts irr’nden Kahn,
gewaltig wieder, unbezwungen,
des Himmels düstrer Ozean.

Nicht mal der Schein der Feuerquallen,
aus Tiefen glühend geisterhaft,
will irgendwo ins Auge fallen –
als wärn die Sterne abgeschafft!

Ein einz’ges unheilvolles Schweigen
wie eine Glocke auf der Stadt –
und nur von dieser manchmal steigen
noch Laute auf, wie Seufzer matt.

Durchs Fenster seh ich unterdessen
ein Warnlicht, das bedeutsam blinkt
und so wahrhaftig weltvergessen
dem Irdischen ein Ständchen bringt.

Von hier aus kann ich beide schauen,
die große und die kleine Welt.
Dass allen beiden nicht zu trauen,
das ist’s, was sie zusammenhält.

Gigantisch die Gewalten droben,
unzähmbar, gierig, ohne Maß,
und auf dem Globus Menschmikroben,
ihn plündernd bis zum Mottenfraß.

Und das mit tausend guten Gründen
gesegnet fein und konfirmiert,
da unser HErr für Umweltsünden
noch keine Hölle konsekriert.

Vierspännig also ins Verderben.
Karosse: Gold, der Kutscher blind.
Sein Hü bedeutet „Schutt und Scherben“,
die Erde nackt im Sonnenwind.

Doch mal mit weniger Emphase:
Man soll das Unglück nicht beschrein.
Lang lebe unsre Erdoase
in dieses Kosmos Wüstenein!

Lang lebe auch die stille Stunde,
die abends ich den Musen weih –
mit einem Zaubertrank im Bunde,
dass Kraft und Anmut er verleih.

Gedanken, die sich frei entfalten
fast mühelos und unentwegt,
bis auf dies nöt’ge Innehalten,
wenn mir der Bauch die Trommel schlägt

Und zu den Happen ich enteile,
um zu willfahren dem Appell,
damit, für eine kurze Weile,
den Knurrenden ich ruhigstell

Um dann mit frischem Schwung zu starten
zu neuen Zeilen, neuem Lied,
dass man im schönen Musengarten
als Rose bald es blühen sieht.

Und droben leuchtet die Laterne
des Mondes ihrer Bahn voraus –
in schwarzer Nacht unendlich ferne
dem Seufzer jenes letzten Blaus.

Balsamische Stille

Balsamische StilleWie Balsam liegt die Abendstille
auf dem Asphalt, dem Pflaster dort,
die runter bis zur kleinsten Rille
geschunden heut in einem fort.

Von tausenden von Gummirädern,
die schwer darüber weggewalzt,
und Sohlen, die zwar leichter federn,
doch Tritte ihnen aufgehalst.

Der Straße Seele, möcht man meinen,
erholt sich, wohlig ausgestreckt,
lässt Neon auf den Bauch sich scheinen,
das eitrig ihm die Wunden leckt.

Nur noch sporadisch Lärmsequenzen,
vereinzelt noch ein schärfrer Ton.
Verhaltner selbst die Sterne glänzen;
der Mond ging längst auf Tauchstation.

Wie starr auch die Platanen stehen,
gespreizte Arme ihr Geäst,
als würden um den Wind sie flehen,
der sie so lustig tanzen lässt!

Die Fahnen drüben auf dem Dache,
sie schwappen träge um den Mast,
obwohl doch Flattern ihre Sache,
wenn stürmisch wer sie unterfasst.

Was Wunder, dass auch meine Klause,
von dieser Stille inspiriert,
nun wen’ger Küche denn Kartause,
wo kaum man je ein Wort verliert.

Ja, eher eine Klosterzelle,
in die nichts Weltliches mehr dringt
und nur der Seele lautre Quelle
den Göttern stumm Gebete singt.

Der Wanduhr monotones Ticken
klingt klarer in die Einsamkeit.
Ich kämpfe, um nicht einzunicken
vor diesem Wiegenlied der Zeit.

Dazu vom Wasserhahn der Tropfen,
der hin und wieder zögernd fällt –
ich hör ihn auf die Spüle klopfen,
hör, wie er auf dem Stahl zerschellt.

Selbst wenn ich meinen Becher fülle,
gedankenlos, wie aus Instinkt,
dann gluckert’s aus der Flaschentülle
wie’n Bach, der über Kiesel springt.

Vollkommen scheint mir nun der Frieden,
der seiner selbst sich wird gewahr –
da leb ich einmal abgeschieden
im Herzen dieser City gar!

Am Tropf häng ich der Abendstunde,
sie träufelt mir die Verse ein
und schließt mit Strophen mir die Wunde,
so weitab vom Parnass zu sein.

Doch wenn sich früh die Schatten lichten
und mit dem Tag die Welt erwacht,
dann ist es aus für mich mit Dichten –
die Muse fällt im Lärm der Schlacht.

Blickfang

BlickfangEin langes Band von stillen Lichtern
verstellt den Blick zum Horizont.
Gezielter Streich von Bösewichtern?
Nein, drüben nur die Backsteinfront.

Beim Städtebau wird ja bisweilen
rein ökonomisch nur gedacht,
d. h. dass man mit Häuserzeilen
den Reibach lückenloser macht.

(Politiker (1) und Architekten (2),
die haben beide was vom Deal:
„Mehr Masse, also mehr Effekten“ (2)
und „Billig bauen kost’ nicht viel“ (1).)

Ich würd von hier nach Süden gucken
und, was weiß ich, bis Winsen sehn.
Doch kräftig in die Suppe spucken
die Klötze, die im Wege stehn.

So muss ich denn nach oben leiten
den Blick, der sonst an Wände stößt,
zu wandern in den Himmelsweiten,
von Erdenenge losgelöst.

Dass ich so gern den Mond besinge,
die Sterne, die ihm fern verwandt,
hat ja den Grund, dass diese Dinge
zum Glück kein Bauerwartungsland.

Die kreisen da in ihren Sphären
so unerreichbar und entrückt,
dass selbst wenn’s goldne Äpfel wären,
sie ewig blieben ungepflückt.

Es reicht schon, wenn nach Strich und Faden
der Globus ausgeplündert wird.
Weiß Gott, hier schmeißt der Mensch den Laden –
der Schöpfung Schaf, nicht deren Hirt!

Nur einmal die Trompeten blasen,
die Jericho zu Fall gebracht –
ich ließ gen jene Front sie rasen,
dass donnernd sie zusammenkracht!

Und ließ ich so das Bollwerk schleifen,
erging mein Blick sich frei im Raum,
um bis nach Winsen ganz zu schweifen,
mir zu erfülln den alten Traum.

Jetzt werden Spötter sicher sagen:
Warum ziehst du nicht gleich aufs Land?
Wenn Mauern dir nur Grund zum Klagen,
versuch’s am schönen Luhe-Strand!

Doch das trifft nicht den Nerv der Sache.
Ich hab’s ja durchaus gern urban.
Was mich nur stört, ist dieser flache,
gesichtslos graue Größenwahn

Der grüftegleichen Taubenschläge,
die Menschen man zur Wohnung gab,
dass deren Geist, noch resch und rege,
beizeiten sich gewöhn ans Grab.

Dies ins Gebetbuch Profiteuren.
Oder ins Hauptbuch, bleibt sich gleich.
Ich würde Winsen nicht beschwören,
ging nur die Bauwut übern Deich!

Ein frommer Wunsch, den ich hier schreie
in Seelenwüsten wie ‘n Prophet.
Das wär ja, als ob Löwen, Haie
man könnt begeistern für Diät!

Ein Frühlingsgefühl

Ein FrühlingsgefühlZwar sah ich keine Blumen sprießen,
und auch die Sonne blieb verdeckt,
anstatt mit Kübeln auszugießen,
was so an Power in ihr steckt.

Auch Knospen, die aus Zweigen drangen,
ach was, schon Blüten, schmal und fein,
sie müssen ebenso entgangen
dem frühjahrsmüden Auge sein.

Ich zottelte mit trägen Quanten
apathisch übers Trottoir
und glich wohl mehr ‘nem Elefanten
als Bruder Leichtfuß Adebar.

Ringsum begrenzten meine Schritte
Gebäude der diversen Art,
bei denen, wie es heute Sitte,
der Zweck sich mit Tristesse gepaart.

Da klang auch nirgendwo Geflöte,
das Vögel auf der Balz verriet,
und selbst die rüst’ge Wanderkröte
mein stämm’ges Bein zu kreuzen mied.

Ja, von den ungezählten Ohren
des Baumes in der Häuserschlucht
fiel noch, im Winter unverloren,
als Schmuck die raue Kugelfrucht.

Doch fühlt’ ich irgendwas im Gange,
das teilte sich mir plötzlich mit,
als warm mir eine Ätherschlange
so wohlig übern Nacken glitt.

War das ein Streicheln und Berühren –
wie heiße Küsse auf die Haut!
Nie konnt den Lenz ich schöner spüren:
als süßen Atem einer Braut.