Das Herrentier

Insekten schwirren, Myriaden,
wo immer auch im Lüftemeer
und fressen doch nach Strich und Faden
nicht gleich den ganzen Globus leer.

Die Vögel, ihre ärgsten Feinde,
sofern nicht grad auf Wurmdiät,
gehören auch zu der Gemeinde,
die keinen Strick der Erde dreht.

Macht Meister Petz sie denn zunichte,
der wesentlich von Robben lebt?
Nein, mangels Bärn-Bevölk‘rungsdichte
und weil er an der Scholle klebt.

Vielleicht die gierige Giraffe,
die unermüdlich auf der Walz,
dass sie die höchsten Triebe raffe
mit ihrem dicken Schwanenhals?

Ein Lächeln kostet’s die Savanne:
Lass rupfen sie nach Herzenslust,
ich werf mich wieder volle Kanne
mit frischen Blüten in die Brust.

Da scheint fast übrig nur zu bleiben
mit seinem Riesenappetit
der Löwe, der’s Gazellentreiben
als sein Geschäft und Hobby sieht.

Doch hat er die grazilen Sprinter
schon größtenteils vertilgt vielleicht?
Ach, meist bleibt er ein Stück dahinter,
weil seine Puste nicht ganz reicht.

Jetzt kann ich auf den Wal nur hoffen:
Ich könnte schwören Stein und Bein,
steht dem am Bug die Klappe offen,
fällt es da tonnenweise rein.

Hat er indes die Fischbestände
so radikal schon reduziert,
dass zwischen seine Magenwände
sich kaum ein Hering noch verliert?

Nein, so ein Kunststück hinzukriegen,
braucht’s mehr als nur ein großes Maul –
Gedanken auch, die höher fliegen
als die von einem Ackergaul.

Da kommt ein Tier nur noch in Frage,
das so viel Wissen schon gewann,
dass bis zum Ende aller Tage
es damit Unheil stiften kann.

Eins, das nach eigenem Bekunden
(voilà die Maus, die Berge kreißt!)
der höchsten Gottheit nachempfunden
sowohl an Körper wie an Geist.

Mit diesem Freibrief in der Tasche,
den es sich selber ausgestellt,
legt nach und nach in Schutt und Asche
es seine angestammte Welt.

Der Mensch, millionenfach besungen
von seinesgleichen als Gigant,
hat alles in die Knie gezwungen
bis an den letzten Erdenrand.

Doch wenn ihm draußen Feinde fehlen,
kein Mangel herrscht im eignen Haus –
sich gegenseitig töten, quälen,
den Bogen hat er wirklich raus.

Mit Blut düngt gern er seine Felder,
weil das besondre Frucht verheißt –
dem einen ungeheure Gelder,
dem andern, dass ins Gras er beißt.

Doch hat er mehr noch auf der Pfanne
als Lust auf Gold und auf Gewalt,
dass kaum mal eine kurze Spanne
die Kriegstrompete nicht erschallt.

Ach, kaum hängt unter den Trophäen
die Streitaxt über dem Kamin,
muss er schon wieder Zwietracht säen,
um gegen die Natur zu ziehn!

Wie’n Flegel, der mit seinem Stecken
die Köpfe von den Stängeln mäht,
so lässt er seine Wut sie schmecken,
die blindlings auf Zerstörung geht.

Doch anders als der rüde Knabe,
der’n Stock sich untern Arm dann klemmt,
pflegt er zur Mehrung seiner Habe
sie auszuplündern bis aufs Hemd.

Bist du ein Tier und zu verwerten
mit irgend’ner Besonderheit?
Man folgt so lange deinen Fährten,
bis dich ein Schuss davon befreit.

Soll es den Pflanzen besser gehen?
Raubbau, wen wundert es, auch hier!
Wo heut noch dichte Wälder stehen,
herrscht morgen Kahlschlag im Revier.

Selbst in der Erde Eingeweide
hat man zu wühlen nicht versäumt,
dass von Karbon und dass von Kreide
die Schätze fast schon ausgeräumt.

An solchen Taten nur gemessen:
So kriegte es sonst keiner hin.
Hätt er nur Menschlichkeit besessen
in diesem eher seltnen Sinn!

Doch alle edleren Gefühle
die Habgier schon im Keim erstickt,
dass nur mit nüchternem Kalküle
auf seinen Vorteil jeder blickt.

Natürlich wird das schrecklich enden,
wie Übermut zu enden pflegt:
Man stirbt von seinen eignen Händen,
der Ast ist fast schon durchgesägt.

Und das Debakel abzuwehren,
kommt rettend kein Theatergott.
Wir müssen lernen, uns zu nähren
von Gülle und von Plastikschrott.

Kerzenwechsel

Was wären festliche Momente
samt ihrem Echo im Gemüt,
wenn nicht auch eine Kerze brennte,
die still und heimelig verglüht!

Mag klein und schwächlich auch erscheinen
das Flämmchen, das im Wachs versinkt,
‘nen Stern zu sehen wir vermeinen,
der Licht in Nacht und Dunkel bringt.

Und wie im All so auch hienieden
im Minikosmos namens Hirn,
um uns Gedanken, ungeschieden,
zu Dichterworten zu entwirrn.

Ein Fetisch, könnte man auch sagen,
der sich seit Jahren schon bewährt,
im Geiste mich dahin zu tragen,
wo Pegasus sein Heu verzehrt.

Die Flämmchen sich ja immer gleichen
nicht anders als die Dochte auch,
doch bei dem Wachs, dem butterweichen,
ich manchmal einen Wechsel brauch.

Zuletzt ‘ne kleine weiße Knete
in einem Plastiksarkophag,
wie man zur Allerseelen-Fête
auf Gräbern ihn wohl finden mag.

Jetzt aber eine Vertikale,
‘ne Säule, die nach oben strebt
und ihre Basis, ihre schmale,
zu einem schlanken Schaft erhebt.

Aus Marmor ist sie nicht gehauen
und auch geschliffen nicht und glatt,
doch woraus unsre Bienen bauen
den Lütten ihre Liegestatt.

Und gleicherweise honigfarben,
was ihre Herkunft schön belegt,
die Rinde übersät von Narben,
die wabenförmig eingeprägt.

Das ist nicht die genormte Ware,
die auch im Supermarkt ich krieg,
wo eins, zwei, drei ich Groschen spare,
wenn auf Ästhetik ich nicht flieg.

Ich hab sie als Geschenk bekommen,
ein Dutzend, wechselnd aufzustelln.
Sie werden mir, bis sie verglommen,
wohl noch so manchen Vers erhelln.

Königsgaben

Die Brüder sind nicht totzukriegen,
noch immer kregel und gesund,
wenn auch Millennien schon wiegen
die Bäuchlein überm Hosenbund.

Und diese prächtigen Gewänder!
Noch nicht ein einz’ges Fädchen fad!
Da sieht man gleich die Morgenländer
mit ihrem Sinn für Festbrokat.

Ja, und die Zelter, die sie reiten
(die schnöde man Kamele nennt),
wie vornehm und gemach sie schreiten,
wenn unterm Huf die Wüste brennt!

Ihr Ziel ist immer noch das alte:
Wohin der große Stern sie führt,
dass bei dem Kind man innehalte,
dem ihre Huldigung gebührt.

Ein Staatsbesuch, mit andren Worten,
doch ohne steifes Protokoll –
man kniet an eines Stalles Pforten
in Heu und Häcksel würdevoll.

Vor ihnen in der Futterkrippe
des Himmelsthrones Prätendent.
Und keiner nimmt ihn auf die Schippe,
wenn er ihn Herr und Heiland nennt.

Ja, selbst an Hirten, die gekommen
in grober Wolle so vom Feld,
hat niemals Anstoß wer genommen,
der sehr auf Nerz und Purpur hält.

Großzügig auch mit jenen Spenden,
mit denen man Tribute zollt,
verehren sie aus Staatsbeständen
dem Säugling Myrrhe, Harz und Gold.

Der nahm wohl diese Kostbarkeiten
als seltnes Spielzeug gerne hin,
wie ihm ja auch in spätren Zeiten
für Luxus fehlte jeder Sinn.

Wie immer auch, die Kavalkade
trieb neulich sich auch hier herum
und warf aus ihrer prallen Lade
Kamellen unters Publikum.

Ach? Gaben gleichsam wie Juwelen
legt man ‘nem König in den Schoß –
doch denen Geld und Güter fehlen
‘ne Handvoll bunter Bontjes bloß?

 

Neujahrsvorsätze

Hab weiter mir nichts vorgenommen
für dieses Jahr, das vor mir liegt.
Ist bloß ein neuer Tag gekommen,
der so wie jeder andre wiegt.

Die Zeit, die fein wir unterteilen
nach Kreisendem am Firmament,
ist ja ein stetes Weitereilen,
das weder Punkt noch Komma kennt.

Zeigt weder Sprünge noch Zäsuren,
nur diesen unentwegten Fluss,
der alle sterblichen Naturen
früh oder spät verschlingen muss.

Sich selbst indes ‘nen Einschnitt machen
in seinen Alltagsschlendrian
erfordert nicht, dass Böller krachen
und Glocken schwingen simultan.

Man muss nur fest ins Auge fassen
‘nen Vorsatz, sagen wir fürn Lenz,
um dann den Zeitpunkt anzupassen:
März, nein, April, Mai – spätestens…

Das kann man jeden Tag so halten,
auch wenn er nicht mit Lärm beginnt,
Veränderungen zu entfalten,
die längst schon überfällig sind.

Sollt es bei mir denn gar nichts geben,
was schmerzlich mir ins Auge sticht?
Marotten, die wie Kletten kleben,
auch Magersucht und Schwergewicht?

Dem Tabak hab ich abgeschworen
vor ungezählten Jahren schon,
das Bäuchlein Gramm für Gramm verloren
durch Drosselung der Essration.

Von andren Süchten, die mir schaden,
fühl ich im Augenblick mich frei.
Pralinen, Bonbons, Schokoladen
warn eh mir immer einerlei.

Nein, nichts Besondres einzuräumen.
Doch halt, was tu ich mich so schwer –
ich sehe ja vor lauter Bäumen
den Wald tatsächlich schon nicht mehr!

Denn hier direkt vor meiner Nase
ragt wie ein Tännchen rank und schlank
gerade jetzt zur späten Phase
der Wein in seinem Flaschen-Tank.

Das wär schon was, ihm abzuschwören,
ist auch das Quantum moderat –
doch wenn wir auf die Ärzte hören:
Die Sucht mit der Gewöhnung naht!

Indes hieran will ich nicht rühren
durch eidesstattlichen Verzicht,
könnt schlimmstenfalls doch dazu führen,
dass mir der Stoff fehlt zum Gedicht.

Und überhaupt, ganz ohne Schwächen
das harte Brot der Welt zu kaun,
heißt das, den Milch- und Honigbächen
des Paradieses zu vertraun?

Ein äußerst zweifelhafter Handel,
weil man sehr schnell den Kürzren zieht,
bedeutet dieser Erdenwandel
denn auch das Ende schon vom Lied.

Wenn nicht, werd ich zu ew’gem Frieden
auch wirklich mal dahin versetzt?
Da scheint mir sichrer doch hienieden
mein kleines sünd’ges Hier und Jetzt.

Familienglück

Wenn wir so unsrer Wege gehen,
egal wozu, woher, wohin,
dann mag uns nicht nach Wundern stehen
der nüchtern-bürgerliche Sinn.

Der doch die Welt, die sich da breitet,
nie aus den Augen ganz verliert
und was so an Passanten schreitet
mit wachem Geiste registriert.

Besonders wenn um ihre Beine
ein Kindlein ausgelassen hüpft,
das wie ein Hündchen an der Leine
sein Los an das der Großen knüpft.

Beobachtung in vielen Fällen:
Da hastet hechelnd wer voran,
ohne aufs Kind sich einzustellen,
das nur mit Mühe folgen kann.

Ja, manchmal zerrt das zarte Wesen,
als ob es eine Karre wär,
im Sauseschritt der Polonaisen
am langen Arm man hinterher.

Oft mit dem Vorwurf noch verbunden:
„Dass du nur immer trödeln musst!“
Womit der Schuldige gefunden
für jede Art von Mutterfrust.

Und öfter ist die Ausdrucksweise
in dieser Kommunikation
der meistens auch nicht grade leise
verächtliche Kommandoton.

Schon alles? Nein, beim Weiterschweifen
nehm ich noch viel zu Protokoll –
Megären etwa, wie sie keifen
ihr angstverstörtes Mündel voll.

Auch Eltern, permanent belehrend
ihr Kind, das frisch und fröhlich denkt,
und so die Fantasie verzehrend,
die ihm die größte Freude schenkt.

Gekoppelt vielfach mit Verboten,
die man nicht zu erläutern pflegt,
sondern im Stile von Despoten
dem „Schützling“ einfach auferlegt.

Muss manches sich gefallen lassen,
so’n Wurm, dem ja nichts übrig bleibt,
als der Person sich anzupassen,
die oftmals ihn zu Tränen treibt.

Und das noch unter Maskerade –
man hält sich öffentlich bedeckt:
Wer weiß, was hinter der Fassade
der eigenen vier Wände steckt?

Hör ich denn hintern Mauersteinen,
wo dumpf es durch die Ritzen quillt,
von Zeit zu Zeit nicht Kinder weinen
und einen Sabbel, der sie schilt?

Warum, zum Teufel, Kinder zeugen,
wenn man sie nur als Last begreift?
Bloß um sie unters Joch zu beugen
von Pflaumen, die nicht ausgereift?

Und keiner will dem Schwachsinn wehren,
denn Vögeln ist ein Menschenrecht,
dass anstandslos sogar vermehren
die Rabenmütter ihr Geschlecht.

Ja, selbst die an der Nadel hängen
oder sich sonst wie ruiniern,
die Lust auf Nachwuchs nicht verdrängen,
und sollten sie ihn infiziern.

Nanu! Hat man in weiten Kreisen:
Beamter, Bäcker, Internist,
die Pflicht nicht, erst mal nachzuweisen,
dass man dazu befähigt ist?

Doch beim Zerbrechlichsten auf Erden,
das doch die Zukunft wuppen muss,
reicht ähnlich wie bei Ziegenherden
der erste beste Koitus!

Und eine Menge Mütter, Väter,
entsetzt vom späten Widerhall,
rächt sich mit ewigem Gezeter
(„Du, du!“) an diesem „Unglücksfall“.

Feststimmung

Natürlich weiß auch ich zu schätzen
die Weihnachtstage ungemein –
Schluss mit dem Nach-Geschenken-Hetzen,
Entspannung pur bei Kerzenschein!

Und mit des Waldes würz’gen Düften
erfüllt ein Bäumchen mir den Raum,
dass ich nicht wagen würd zu lüften,
ja, fast sogar zu atmen kaum.

Kein Laut, die Stille mir zu stören,
nicht mal ein Kirchenglöckchen schellt.
Nur hin und wieder kann ich hören,
wie eine Tannennadel fällt.

Bloß einer geht auf meine Kappe,
indessen eher mir zum Spaß:
Den Roten manchmal ich mir schnappe
und lass ihn gluckernd in mein Glas.

Die Kerze, stets an Ort und Stelle,
dämpft heut ihr Licht mit einem Wall,
verströmend diaphane Helle
aus einem Klumpen Bergkristall.

Das Flämmchen aber pocht und zittert,
als wollte sich mit Macht befrein
ein böser Geist, der Freiheit wittert,
nach Jahren hinter Felsgestein.

Ein Bild, die Fantasie zu schüren
mit allem andern Hand in Hand,
was innerhalb der Wohnungstüren
ich abends je romantisch fand.

Doch lauert da nicht schon das Ende?
Fällt nicht die Klappe nach dem Fest,
das jährlich die Geburtslegende
mit Stroh und Gold uns glauben lässt?

Wenn jene Chöre nicht mehr hallen
von Bürgern: „Christus ist geborn!“,
die nach dem Amen gleich verfallen
der Sünde, der sie abgeschworn?

Nein, darum muss ich mich nicht sorgen.
Es lebe die Gemütlichkeit!
Krieg heut ich Rente, dann auch morgen.
Und mit der Rente auch die Zeit.

Vogelfreunde

Gibt’s eine Vielfalt, die noch bunter
als die im Menschen angelegt?
Den Regenbogen rauf und runter
nach jedem kleinsten Ton er schlägt.

Das gilt im Guten wie im Bösen,
die Skala ist unendlich breit –
von Missetaten, skandalösen,
bis hin zur höchsten Menschlichkeit.

Dazwischen alle Varianten,
wie man sie sich nur denken kann –
vom liebenswerten Querulanten
bis hin zum schmier’gen Saubermann.

In dieser Flut von Charakteren
sich schließlich nicht auch einer fänd,
der, sein Verständnis zu vermehren,
auf gutem Fuß mit Vögeln ständ?

Ich mein nicht den Ornithologen
in seinem warmen Uni-Nest,
ich mein den Freak, der ausgeflogen
und Schildchen an die Fesseln presst.

Begeistrung: groß, Vergütung: keine.
Indizien für ein gutes Herz.
Man heftet Chips an Vogelbeine
und ortet sie auch anderwärts.

So kennt man ihre tausend Flüge
und weiß, was ihrem Wesen nützt,
und lernt allmählich zur Genüge,
wie man dieselben besser schützt.

Dem Nahrungs- und dem Brutreviere
man liebevoll Intresse schenkt.
Warum? Sind es denn Kuscheltiere,
an denen man zum Schmusen hängt?

‘ne Mantelmöwe dir mal gabel
und streichle sie mit Wohlgefalln,
schon spürst du ihren Adlerschnabel
noch schmerzlicher als Katerkralln.

Drück liebevoll dir an den Busen
‘ne Graugans, von weither gereist,
die kann’s sich einfach nicht verknusen,
dass wie ein Kettenhund sie beißt.

Man muss schon eine Schwäche hegen
für dies Geschöpf im Federkleid,
dass seinen Land- und Wasserwegen
man seine schönsten Stunden weiht.

Und nicht wie Fuzzi mit der Flinte
nur deshalb eifrig nach ihm guckt,
weil seine Lust, die bösgesinnte,
ihm höllisch in den Fingern juckt.

Die Achtung vor dem Wunder Leben,
das sich Millionen Formen wählt,
nur sie mag wem die Kraft wohl geben,
die Tag für Tag ihn neu beseelt.

Sterben für Steuern

Vorm Eintritt größ’rer Geistesreife
hat sich das Mannsbild nichts gedacht
und aus der würz’gen Tabakspfeife
genüsslich seinen Zug gemacht.

Den hat er dann auch beibehalten
in ziemlich ungetrübter Lust,
als in ein feines Blättchen falten
das Zeug er eines Tages musst.

Doch mählich kam die Zigarette
bei vielen Menschen in Verruf,
weil sie (nicht nur geraucht als Kette)
für Leib und Lunge Unheil schuf.

Das kann man gar in Zahlen fassen:
Gut hunderttausend Jahr für Jahr
in Deutschland nur ihr Leben lassen,
weil Nikotin im Spiele war.

Da schrillten die Alarmsignale
selbst bei der trägen Politik,
und die beschloss mit einem Male:
Das Wohl der Bürger überwieg!

Und das sogar in vielen Staaten,
die es beschworn mit heil’gem Eid,
Konsum und Werbung abzuraten,
dass weitre Opfer man vermeid.

Die haben ihn auch eingehalten.
Allein seit Jahren schon blockiert
die Spitze unsrer Staatsgewalten,
dass als Gesetz man‘s formuliert.

Grad die Partei der reichen Spenden,
die ungeziert sich christlich nennt,
hat nichts dagegen einzuwenden,
wenn weiterhin die Lulle brennt.

Und so gestatten diese „Frommen“,
von Skrupeln offensichtlich frei,
dass weiterhin zustande kommen
Plakate für die Qualmerei.

Die aber, weiß man sicher heute,
verfehlen ihre Wirkung nicht
und machen grade junge Leute
auf dieses Teufelskraut erpicht.

So die Erkenntnis der Gelehrten.
Dagegensteuern täte not.
Doch sitzen die Politgefährten
nicht mit dem Volk in einem Boot.

Sie halten es mit den Konzernen
und lassen ihnen freien Lauf,
geht auch von jenen Subalternen
‘ne ganze Menge dabei drauf.

Und finden es durchaus nicht sündig,
dass mit der Sucht man Kohle macht:
Der Bürger ist ja schließlich mündig
und gibt schon selber auf sich acht!

Indessen lässt sich leicht durchschauen,
was hinter dieser Losung steckt:
Der Bürger soll auf Gott vertrauen,
dem Staat ist gleich, ob er verreckt.

Der will nicht, dass die Steuerquelle,
die aus dem blauen Dunst entspringt,
vielleicht mit weniger Gefälle
dem Fiskus in der Kasse klingt.

Bedeutet: Nicht nur schuldig bleiben,
wozu man sich verpflichtet hat,
nein, auch noch schändlich hintertreiben
des Bürgers Wohl und Wehe glatt.

Der aber kann sich damit trösten,
dass die kaputte Lunge reicht,
damit den Helden er, den größten,
auf ‘ne makabre Weise gleicht.

Man stirbt nicht auf dem Feld der Ehre,
die blanke Waffe in der Hand –
man stirbt am Gifte und am Teere
den Steuertod fürs Vaterland.

Olympia

Was hat die Burschen wohl bewogen
im alten Hellas seinerzeit,
dass über Stock und Stein sie zogen
in Gaue, viele Meilen weit,

Um ihre Kräfte da zu messen
in der und jener Disziplin,
in der sie eine Chance besessen,
nicht grad den Kürzeren zu ziehn?

Warn ihre Schultern es und Schenkel,
ihr Körper, muskelübersät,
die gern sie führten ins Geplänkel,
von Stärke und von Stolz gebläht?

War es die Krone auf dem Haupte,
die man dem Sieger aufgedrückt,
die Lorbeer dunkelgrün belaubte,
als wäre sie mit Gold geschmückt?

Vielleicht die Fülle auch der Ehren,
die sich mit dem Triumph verband,
weil er’s geschafft, den Ruhm zu mehren
des Städtchens, seinem Vaterland?

Wie immer auch, er brauchte Nerven,
in seinem Wettkampf zu bestehn,
denn so ein Springen oder Werfen
konnt ziemlich auf die Psyche gehn.

Nur wer mit austrainiertem Leibe
und konzentriert bei seinem Sport,
der etwa schleuderte die Scheibe
zum Sieg und gar zum Weltrekord.

Da hat man uns, der Griechen Erben,
ein Danaergeschenk gemacht –
aus all den Trümmern und den Scherben
uns mit dem „Leistungszwang“ bedacht.

Und als man die Olympia-Leiche
erweckte im modernen Haus,
gab man die Losung ihr, die gleiche,
mit „Schneller, höher, weiter“ aus.

Ein Wahlspruch, der die heut’gen Zeiten
gleich einem Unstern überstrahlt –
mit Rittern, die auf Raub ausreiten,
und Michel, der die Zeche zahlt.

So gründet sich das ganze Leben
auf Konkurrenz und Wettbewerb
und nährt beständig das Bestreben,
dass man das Fell dem andern gerb.

Doch kommt kein Gleichgewicht zustande
im rührigen Geschäftsverkehr –
der eine füllt sie bis zum Rande,
dem andern bleibt die Kasse leer.

Das liegt in der Natur der Dinge:
Vermögen zur Vermehrung neigt,
denn mit der Zahl der Silberlinge
auch der Ertrag an Zinsen steigt.

So wird die Kluft nur immer breiter,
die Krösusse und Schlucker trennt,
bis eine Handvoll Sonnenseiter
den halben Staat ihr Eigen nennt.

Das ist die Clique, die stets schneller
nach einem fetten Happen schnappt,
den aus dem Fundus ihrer Heller
sie leichter als wer sonst berappt.

Und die den Umfang der Projekte,
die sie aufs Haben-Konto schreibt,
woran auch immer Blut sie leckte,
unweigerlich noch höher treibt.

Das Weiter kommt dann von alleine –
Gewinn entwickelt sich zur Sucht,
und mit ‘nem Haufen großer Scheine
entsteht die nächste Häuserflucht.

Schon lässt man sich von Luxus leiten,
Karosse, Villa, Segelboot,
und schlägt die Freizeit sich mit Reiten
und Golfen angemessen tot.

Nicht anspruchsvoller als so Spiele
wie Halma oder Domino,
doch nur in jenem großen Stile
beweist man sein Erfolgsniveau.

Dass viele darum darben müssen,
weil ihnen so ein Glück nicht lacht,
reizt niemanden zu Tränenflüssen,
der glänzende Geschäfte macht.

Was auch der seelenlosen Lehre
von Effizienz zuwiderlief,
denn Menschlichkeit nach dieser wäre
schlichtweg nur kontraproduktiv.

Das Hemd ist näher als die Hose –
ein Motto für die Wirtschaftswelt,
das sich beharrlich wie Sklerose
in den verkalkten Köpfen hält.

Kein Raum für edlere Gefühle.
„Wer betteln muss, ist selber schuld“.
Dem Nächsten alle Herzenskühle,
die Liebe dem Langusten-Kult!

Dies aberwitzige Verhalten,
an dem nun nichts mehr sportlich ist,
wird leider weiter sich entfalten –
indes in absehbarer Frist.

Denn was sich an begehrten Schätzen
der Nabob untern Nagel reißt,
lässt sich beliebig nicht ersetzen –
was auf ihr bald‘ges Ende weist.

Mal muss den Gürtel enger schnallen
auch wer an Überfluss gewöhnt –
hört statt Champagnerkorken knallen
den Magen, wie er knurrt und stöhnt.

Dann kann sich, Phönix aus der Asche,
Olympia regeneriern –
nicht mit der alten Leistungsmasche,
nein, nun mit: Nicht das Maß verliern!

 

Die Weisheit Epikurs

Ein Denkgebäude erster Güte,
nach Meister Epikur benannt,
erlebt noch heute seine Blüte,
wenn in der Regel auch verkannt.

Was hat uns dieser sagen wollen?
Zumindest nicht, was mancher meint:
Man schöpfe möglichst aus dem Vollen
von dem, was uns als Lust erscheint.

Das heißt, den Bauch sich vollzuschlagen,
bis schließlich er zu platzen droht,
an Wochen- wie an Feiertagen,
beginnend mit dem Morgenrot.

Und auch dem Trunke zuzusprechen
mit jeder Mahlzeit parallel,
um so von früh bis spät zu zechen,
dass es an Fröhlichkeit nicht fehl.

Dazu die weiteren Vergnügen,
nach denen unser Leib begehrt,
ihm jederzeit hinzuzufügen,
dass sich das Lustgefühl vermehrt.

Den Sinnen stets ein Fest zu geben,
so hat man jenem unterstellt,
das sei das höchste Ziel im Leben –
Genuss, der aus dem Rahmen fällt.

Und wenn man sich ein Bild mal machte,
um ihn von Angesicht zu sehn,
‘nen Schlemmer aufs Tapet man brachte
oder ‘nen trunkenen Silen.

Wie manchem ist es ihm ergangen,
dem man im Munde umgekehrt
die Weisheit, die er unbefangen
genau im Gegensinn gelehrt.

Gewiss hat er von Lust gesprochen,
doch nirgendwo von hemmungslos
auf kleiner Flamme sollt sie kochen,
als stille Lebensfreude bloß.

Das ist ja grad der Pfiff der Lehre –
die stetige Gelassenheit,
dass nichts mit Sorgen dich beschwere
und deiner Seele Angst bereit.

Von keinem Kummer lass dich drücken,
in keinen Jubel dich verliern –
steh auf, um einen Tag zu pflücken,
den Disteln gleichwie Rosen ziern.

Und da soll diesen man verprassen,
‘nen Dreck auf seinen Körper hörn
und mit stupidem „Hoch die Tassen!“
die Leber und den Geist zerstörn?

Da soll man ständig Orgien feiern,
die Lust zu kosten im Extrem,
dass sie, entblößt von allen Schleiern,
von selbst das Kotzen überkäm?

Sich still im Winkel wo zu halten
und sich des Augenblicks zu freun –
ein Stückchen Feuerholz zu spalten,
den Tauben Körner hinzustreun –

Wär das nicht höher einzuschätzen
als jener flüchtige Genuss,
nach dem die Spießer ständig hetzen
wie ein frustrierter Tantalus?

Doch selbst wenn irgendwo verborgen
wir hausen, wo die Hähne krähn,
bleibt doch die Frage nach dem Morgen,
das heißt dem letzten, den wir sehn.

Entführt er uns in Himmelsweiten,
wo Harfenklang uns süß umweht,
wo wir auf rosa Wolken schreiten
in ew’gem Preis- und Dankgebet?

Oder in finstre Höllenfluren,
die widerhalln von Todespein,
weil unter grässlichen Torturen
die Sünder durcheinanderschrein?

Die Sorge hat der alte Weise
mit seinem Credo weggewischt,
dass man nicht wo ins Blaue reise,
wenn‘s Lämpchen einem einst erlischt.

Es gäbe keine Höllenstrafen
so wenig wie ‘n Elysium,
die Götter, meint er, eher schlafen
und machen keinen Finger krumm.

Und wenn wir leben, nun, dann eben
macht ja der Tod noch keinen Schnitt –
und wenn sie uns das Bahrtuch weben,
kriegen wir auch von ihm nichts mit.

Ob so den Abschied er von Erden
tatsächlich jemand leichter macht,
mag immerhin bezweifelt werden –
‘ne Furcht, die einfach „weggedacht“?

Doch schön, dass er die letzten Dinge
allein mit dem Verstand bedenkt
und sich nicht in der falschen Schlinge
von Wunder & Absurd verfängt.

Ihm alle meine Sympathien,
dem Anwalt für den Seelenschmaus!
Drum hab ich ihn mir ausgeliehen
und schlachte ihn genüsslich aus.