Im Traum wär’s euch nicht eingefallen
am Sonntag, wenn der Himmel blaut,
dass ihr mit Zähnen und mit Krallen
verbeißt euch in die Bärenhaut!
So einen Tag, den muss man nutzen
zu hundert oder mehr Prozent,
vielleicht um wo was zu verputzen,
was euer Gaumen noch nicht kennt.
Vielleicht auch, um am Strand zu dösen,
beschirmt vom schimmernden Azur,
um euch vom Alltag abzulösen
im stillen Herzschlag der Natur.
Ich glaub, ich kann euch nachempfinden,
dass ihr darauf versessen seid,
denn zäh die Arbeitsstunden schwinden,
und rasch verstreicht die freie Zeit.
Wie anders doch bei mir die Lage,
der ich mich Rentner nennen kann –
da reihen sich die Feiertage
der eine an den nächsten an!
Die einst ich, selbst mir Trost zu spenden,
ins Auge montags schon gefasst,
die heiß ersehnten Wochenenden
zum bloßen Zeitbegriff verblasst!
Und hätte noch so viele Sonnen
der heut‘ge Tag im Blau entfacht,
mir hätten alle Wärmewonnen
wohl keine Beine mehr gemacht.
Um schließlich auf den Punkt zu kommen:
Mir war das Wetter piepegal,
ich hab die Füße hochgenommen
und fix gefaulenzt wieder mal.
Ihr wisst: Die übliche Geschichte.
Man macht sich auf dem Sofa breit,
indem man seinem Weltverzichte
mit Schnickschnack einen Sinn verleiht.
So hab ich in mich reingefressen
‘ne ganze Menge Lesestoff,
der mir für ewig unvergessen,
das heißt bis morgen, wie ich hoff.
Und in den regelmäß‘gen Pausen,
die in die Lesung ich gestreut,
hat mich des Wasserkessels Brausen
und dann der Kaffee still erfreut.
Wohl Stunden hab ich so bestritten,
von Langeweile keine Spur,
nur dass, die Schrift der Hand entglitten,
ich öfter aus dem Schlummer fuhr.
Gewiss wär mir der Tag vergangen
so friedlich wie im Paradies,
hätt ich nicht blinzelnd aufgefangen
‘nen Anblick, der mich stutzen ließ.
Denn draußen vor der Fensterscheibe
sah jäh ich einen Gegenstand,
der wie mit grausem Schlangenleibe
ums Gitter des Balkons sich wand.
Ich hab erst angestrengt ‘ne Weile
gekuckt, gekuckt und überlegt,
bis ich mich endlich ohne Eile
auf dieses Monster zubewegt.
Es fuhr mir gar nicht an den Kragen,
dass meine Furcht im Nu zerstob,
und hat nur sacht um sich geschlagen,
wenn ihm der Wind die Glieder hob.
Als ich bei weitrem Nähertreten
zu tieferer Erkenntnis kam,
da platzte mir aus allen Nähten
der Feigheit aufgestaute Scham.
Denn was als Kobra oder Kraken
die Fantasie mir vorgestellt,
entpuppte sich als Badelaken,
wie’s gern mal von der Leine fällt.
Ich hab’s gegriffen und gefaltet
zu einem handlichen Geviert
und eh mein Eifer noch erkaltet
zum Nachbarn oben expediert.
Der zeigte Wiedersehensfreude
mit Worten und mit Mienenspiel
und erstmals hier in dem Gebäude
mir überhaupt ins Auge fiel.
Das heißt, vom Kopf bis zu den Zehen
‘ne junge Dame vor mir stand,
und hatt ich sie auch nie gesehen,
war sie mir doch nicht unbekannt.
Denn was sie über meinem Haupte
mit ihrem Tisch- und Stuhlgerück
an Lärm sich Tag für Tag erlaubte,
das war ein ziemlich starkes Stück.
Nicht einmal konnt den Hintern heben
behutsam sie vom Mobiliar,
dass denen, die darunterleben,
die Stress-Attacke sie erspar.
Sie ließ es schleifen, scharren, schaben
mit Quietschen im Minutentakt,
dass mich sensiblen alten Knaben
schon öfter mal die Wut gepackt.
Die Handtuch-Sache, im Vertrauen,
so übel finde ich sie nicht.
Das mir ins Ohr geflößte Grauen,
nun hat es endlich ein Gesicht.
