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Mikroklima

Wollt früher man das Wetter wissen,
um sich aufs Draußen einzustelln,
hat man das Fenster aufgerissen,
sein Urteil vis-à-vis zu fälln.

Und hat zufrieden es geschlossen,
wenn man es leidlich trocken fand,
doch hat in Strömen es gegossen,
nahm stoisch man den Schirm zur Hand.

Auch ob ein steifer Sturm sich blähte
oder kein Lüftchen sich geregt,
man solcherart sofort erspähte
und welche Kluft man besser trägt.

War mehr von Petrus zu erbitten
als so ein nützlicher Report,
auf die Minute zugeschnitten
und haargenau auf deinen Ort?

Heut glaubt man eher den Auguren
mit ihrem Wissenschaftslatein,
die uns aus Hoch- und Tiefdruckspuren
der Wirbel Wege prophezein.

Die haben ihre festen Zeiten
im Rundfunk mit und ohne Bild,
um ihren Ausblick zu verbreiten,
der landesweit als koscher gilt.

Wär weiter nichts dran auszusetzen,
ging’s nur um Regen, Reif und Tau,
anstatt die Dinge breitzuschwätzen
zu einer Wolkenkuckucksschau.

Mag hinterm Monde ich auch bleiben,
mir reicht das Fenster als Prophet –
da seh ich selbst durch trübe Scheiben
doch gleich, woher der Wind so weht.

Kurze Erwärmung

Kurze ErwärmungDie wen’gen Autos, die noch fahren,
sie rauschen durch die feuchte Spur.
Kein Himmel heute, aufzuklaren
für Augenblicke von Azur.

Beharrlich rinnt noch immer Regen,
ein dumpfes Murmeln, dumpf und sacht,
doch jäh in hellen Trommelschlägen,
wenn eine Bö ihm Beine macht.

Dann jagen übers Eisengitter
um den Balkon, des Herr ich bin,
wie’n lust’ges Silberblitzgewitter
die kleinen Tropfenfüße hin.

Und unter diesen steten Güssen,
wie sollten sie denn fröhlich sein?
Die Fenster werden weinen müssen,
ob blind, ob trüb im Lampenschein.

Es lässt kein Mensch sich mehr erweichen,
noch durch die Nacht zu promeniern.
Die Pfützen mausern sich zu Teichen.
Die Bürgersteige vegetiern.

Und dann auf einmal diese Wärme!
Die Kehle atmet wie befreit.
Und wohlig machen ganze Schwärme
von Glühwürmchen im Leib sich breit.

Kann es denn sein, dass von den Horen
der Lenz das Zepter schon gekriegt,
obwohl das Jahr doch, neugeboren,
noch selber in den Windeln liegt?

Ich glaub, dass selten es auf Erden,
doch auch kein Kirchenwunder wär.
Was soll nur aus dem Glühwein werden?
Die Flasche ist ja erst halb leer!

Gegen den Strom

Gegen den StromSo hat’s die Wetterfee verheißen,
so trat es denn auch wirklich ein:
Ein Tag, um Bäume auszureißen –
mit dreizehn Stunden Sonnenschein.

Heut unbedingt was draußen machen,
ein toller Tag erwartet Sie.
Der Frühling lässt es richtig krachen,
so warm war’s dieses Jahr noch nie!

Kein Wölkchen, das den Fuß nur setzte
in diese schimmernde Glasur,
als ob es selbst ihn just so schätzte,
den schier unendlichen Azur.

Dazu ging mit gemessnen Schritten
der Wind gewichtig hin und her,
als Kühlespender wohlgelitten,
als Sonnenstrahlen-Feuerwehr.

Die Temp’ratur steigt an den Küsten
auf gute dreiundzwanzig Grad,
und bis zum Harz herunter müssten
es dreißig sein – fürs Sonnenbad!

Wie bin der Fee ich recht zu Willen?
Wie folg ich ihrem Rate nur?
Auf einer Wiese Würstchen grillen?
Auf ‘nem Kanal ‘ne Paddeltour?

‘ne Menge Kilometer fressen
und sich ergehn am Meeresstrand?
In frischer Seeluft sich entstressen,
‘n Krabbenbrötchen in der Hand?

Experten warnen: Umso klarer
drohn stockender Verkehr und Staus.
Drum Vorsicht, liebe Autofahrer,
und kehrn Sie wieder heil nach Haus!

Zu guter Letzt mein altes Leiden,
das manches Schöne mir vergällt:
Ich konnt partout mich nicht entscheiden,
was mir am besten so gefällt.

Wie jener Esel unentschlossen
einst zwischen den zwei Haufen stand
und da wie dort kein Heu genossen,
dass er den Tod durch Hunger fand

So hielt’s, des schwachen Willens wegen,
auch mich wie angewurzelt fest
wie’n Grautier, das sich selbst mit Schlägen
nicht von der Stelle bringen lässt.

Hab keine Bäume ausgerissen
ekstatisch, ha, im Sonnenkult,
doch mach ich mir auch kein Gewissen
ob dieser unvererbten Schuld.

Bin gegen diesen Strom geschwommen,
der (beinah) alles mit sich reißt,
von Menschen, die „was unternommen“,
damit man sie dynamisch heißt.

Vielleicht ist manches mir entgangen,
was Freude und Entspannung schafft,
da ich zu Hause saß gefangen
in meiner Luxus-Einzelhaft.

Auf Muße, Kost und Saft der Reben
übt ich ja keineswegs Verzicht.
Ich wusst auf meine Art zu leben –
bin ich ein Esel oder nicht?

Wettereskapaden

WettereskapadenWohl tausend fein gestufte Töne
besäten ganz die Himmels-Au,
doch, gleichsam einer Sippe Söhne,
sie alle von der Farbe Grau.

Und von der riesigen Palette,
die für Grisaille nur präpariert,
sind immer wieder kalte, fette,
anämisch’ Güsse abgeschmiert.

Wie’n Schneider habe ich gefroren,
als kurz ich vor die Türe trat.
Da heult’ ein Wind mir um die Ohren,
der fror wohl selbst bei vier, fünf Grad.

Nun, gestern konnt ich nicht vollenden
(warum auch immer) dieses Lied
und ließ mit Strophe drei bewenden
den großen Sang vom Wetterschiet.

Doch wie ich heute hier so ringe,
dass ich ihm setz den Schlussakkord,
„o welche Änderung der Dinge!“,
das ganze Schauerelend fort!

Die Wolkendecke, aufgerissen,
gibt ständig blaue Inseln frei,
wo zögernd noch und unbeflissen
die Sonne zeigt ihr Konterfei.

Der kleinste Niesel: Fehlanzeige.
Kein Tröpfchen mehr vom Firmament.
Am Himmel hängt ‘ne halbe Geige,
die bald wohl nicht mehr solo flennt.

Und auch die quicke Silbersäule,
wie schlug sie nicht nach oben aus!
Zwar noch nicht mit der Hitzekeule,
doch deutlich aus der Eiszeit raus.

Ich bitte sehr, mir nachzusehen
dies Wechselbad von Toll und Trist,
wie’s prophezeit von jenem Krähen
des guten Gockels auf dem Mist.

Schreib künftig ich, dies mein Versprechen,
von solchem Regenüberdruss,
werd ich den Job nicht unterbrechen –
für ein Gedicht aus einem Guss!

 

Ein Lüftchen weht

lueftchenEin Lüftchen weht, und die Gardine,
wie hübsch sie in den Hüften schwingt!
Das dank ich meiner Windmaschine,
die Kühle in die Küche bringt.

Die Fenster halt ich fest verschlossen,
damit mir nicht durch einen Spalt
wie laues Spülicht komm geflossen
ein Hauch, der eher schwül als kalt.

Für eine wetterfühl’ge Seele,
wie sie das Schicksal mir verlieh,
bedeutet eher es Gequäle,
was andern Grund zur Euphorie.

Wie ich es hasse, wenn die Birne
mit saurer Feuchte sich beschlägt
und man die hohe Denkerstirne
wie einen Tropfenfänger trägt!

Wie ich es hasse, wenn im Nacken
wie eine Schnecke, schleimbewehrt,
ein Etwas, das da nicht zu packen,
bedächtig Richtung Becken fährt!

Wie ich es hasse, wenn im Rücken
der Hemdenstoff, so fein gewebt,
sei es beim Sitzen, Gehen, Bücken
wie ‘n Feudel auf der Pelle klebt!

Ein Lüftchen weht, und die Gardine,
sie tänzelt zwischen Stuhl und Schrank.
Behaglich schnurrt die Windmaschine,
schickt kühle Böen. Gott sei Dank!