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Ins Schwitzen gekommen

Ins Schwitzen gekommenAuf einmal spürte ich die Hitze;
das Hemd ward mir zum Hindernis,
dass ich es halb noch auf dem Sitze
energisch mir vom Leibe riss.

Wie Adam einst in Gottes Garten
in aller Unschuld nun entblößt!
Besucher warn nicht zu erwarten,
kein Stoffel, der sich daran stößt.

Auch wüsste ich nicht, dass die Musen
‘ne Kleiderordnung festgelegt,
wonach nur mit bedecktem Busen
der Sänger seine Laute schlägt.

Genauso wenig wie sie wollten
(ich glaub, das wär der größre Schock),
dass Ordenssterne glühen sollten
auf des Poeten Bratenrock.

Nun denn, in luftigem Gewande,
vom nassen Baumwolltuch befreit,
kommt da nicht besser auch zu Rande,
was so beherzt nach Versen schreit?

Ne! Sollte, könnte, dürfte, müsste –
es herrscht da kein Kausalgesetz.
Nur konjunktivisch sind die Brüste,
an denen meinen Geist ich netz.

Ja, von Minute zu Minute
fühl ich mich schlimmer nur noch dran,
dass ich mit flauer fließ’ndem Blute
mich kaum noch konzentrieren kann.

An Hals und Nacken laue Feuchte.
Ein Rinnsal wandert übern Grat
des Rückens, wie ‘ne Schnecke kreuchte
auf endlos schleim’gem Felsenpfad.

Ob oben oder unten ohne –
hier geht’s um mehr als nur die Kluft.
Kein Tag für Canto und Canzone.
Für Leiern nicht. Gewitterluft.

Überlebenskünstler

ÜberlebenskünstlerMan möchte sich die Augen reiben,
so ungewöhnlich ist das Bild:
Obwohl Zweitausendx wir schreiben,
putzt wer da noch sein Wappenschild!

Noch Majestäten auf den Thronen,
als ob sich nichts geändert hätt!
Und zum Gebrauch noch liegen Kronen
in ihrm Kleinodienkabinett!

Die stülpen sie auf ihren Schädel,
um extra würdig auszusehn
in Lebenslagen, die so edel
wie Hochzeiten und Jubilä‘n.

Der Geist verflossener Monarchen
wie Heinrich, Henry und Henri,
die längst im Sarkophag schon schnarchen,
führt schaurig wieder dann Regie.

Sie stehn auch sonst in erster Reihe,
Dekor für einen guten Zweck,
denn der kriegt erst die rechte Weihe
mit einem König vorneweg.

Nebst Stehen lieben sie auch ‘s Schreiten
entlang ‘ner Ehrenformation,
wahlweise sie auch abzureiten –
das „hohe Ross“ hat Tradition.

Man sieht sie öfter auch auf Reisen
in alle Länder dieser Welt,
um auf Empfängen gut zu speisen
für gutes Steuerzahlergeld.

Kein Wunder, ihr Terminkalender
ist eine hochkompakte Schrift,
zumal auch oft ein Vierzehnender
drauf wartet, dass der Fürst ihn trifft.

Doch auch die wen’gen freien Stunden
gestalten fruchtbar sie fürs Land –
nicht mit Kusinen, knackig runden,
nein, heute auch mal linker Hand.

Und wird ein Kindlein dann geboren,
landauf, landab juchhe, juchhu!
Die Herde, die man einst geschoren,
blökt ihnen auch noch heute zu.

Indes das Volk zu drangsalieren,
die Zeit ist Gott sei Dank passé.
Die vormals Mächt’gen amüsieren
dafür mit Pomp und Portepee.

Doch diese flittrigen Vergnügen,
archaisch, obsolet, gestellt,
dem adelsstolzen Sinn genügen,
dass er sich für was Bessres hält.

Die Macht perdu, zurückgeblieben
der Dünkel, der ihr einst entsprang.
Hat man Geschichte nicht geschrieben?
Lebt man nicht fort im Heldensang?

Man hat, gestützt auf seine Stärke,
gebrannt, geschändet und gerauft
und dann mit frommem Stiftungswerke
‘nen Platz im Himmel sich erkauft.

Das müsst heut billiger gelingen,
da man doch abgeschworn dem Schwert:
So zwei bis drei Choräle singen,
und auf die edle Seele fährt!

Besitzstandwahrung: Wer hienieden
‘ne richtig große Nummer war,
der hockt auch dort im ew’gen Frieden
bei Petrus an der Cocktailbar?

Was gibt das für ein bös Erwachen,
wenn man erst aus dem Leben trat:
Kein Paradies mit scharfen Sachen –
nur Finsternis, und faulig-fad!

Und dann, mit Blindheit nicht geschlagen,
der Würmer unpartei’sche Brut:
Millionen, lustvoll zu zernagen
den Mythos, ach, vom blauen Blut!

Maß voll

Maß vollDer Ingenieur von Gottes Gnaden:
Nichts wen’ger als ein Geistesgnom!
Er hat studiert, er kennt den Laden.
Geprüft, besiegelt per Diplom.

Das lässt er gern auch alle wissen,
Bescheidenheit ist nicht sein Ding.
Auf keinem Schriftstück möcht er missen
das stolze Kürzel Dipl.-Ing.

Nun ja, so kleine Eitelkeiten,
die liegen allen uns im Blut.
Doch hat er auch noch schlimmre Seiten –
zum Beispiel die Erklärungswut.

Um sich als Kenner auszuweisen,
verhackstückt er von A bis Z
zu Teilchen, die um Teilchen kreisen,
Probleme, die man sonst nicht hätt.

Und da er sich gefällt im Schwatzen,
hält er auch sonst nur selten still.
Vom Dache pfeifen es die Spatzen,
dass keiner ihn mehr hören will.

Die Crux indes, beim Archimedes!,
er glaubt sich wissend rundherum,
mischt sich in jedes Thema, jedes!
O litterae, o saeculum!

Da kann es häufiger passieren,
dass man an „sus Minervam“ denkt –
so, wenn er, um zu imponieren,
Historiker auf „Issos“ lenkt.

Oder wenn er als kunstbegeistert
dem Vis-à-vis sich präsentiert
und Verse, die dahingekleistert
von Meister Knittel, deklamiert.

Sein Ansehn weiter noch zu heben,
streut gern er mal ein Fremdwort ein:
tough, roundabout – na, Englisch eben
wie auch sein Techniker-Latein.

Aus seines Geistes dürft’ger Quelle
saugt er die kleinsten Tröpfchen auf
und stellt bei schönster Sonnenhelle
sie als Juwelen zum Verkauf.

Ihm ist, als ob er alles wüsste.
Die ganze Welt sein Fachgebiet.
So kreuzt er kühn vor jeder Küste,
weil er die Klippen gar nicht sieht.

Mit diesem Dünkel mag befahren
er hoch zu Ross die Lebensfrist.
Indes wird der ihm nicht ersparen
die Grube, die man gleich bemisst.

Dann aber wird sein Herz gewogen.
Und dumpfe Ahnung ihn beschleicht.
Die Waage ward noch nie betrogen:
Die ist hier höllisch gut geeicht!

Gemein wohl

Gemein wohl„Liebes Kind“, sagte Goethe, „ein Name ist
nichts Geringes. Hat doch Napoleon eines
großen Namens wegen fast die halbe Welt in
Stücke geschlagen!“

Johann Peter Eckermann, Gespräche mit Goethe
in den letzten Jahren seines Lebens, unter dem
6. April 1829

So recht persönlich kenn ich keinen.
Sie halten ja auch gern Distanz,
obwohl das Volk sie lassen meinen,
sie wärn vertraut mit Hans und Franz.

Sie baden manchmal in der Menge
und geben sich ganz jovial;
doch diese Nähe, diese enge,
entspringt nicht ihrer freien Wahl.

Sie müssen den Kontakt ja suchen
(„…um Ihren Sorgen nah zu sein!“),
dass viele Stimmen sie verbuchen
beim Kreuzen auf dem Auswahl-Schein.

Dem dienen auch die Sonntagsreden,
die so ergreifend sind wie platt,
dass selig sie betäuben jeden,
der noch ein Herz im Hintern hat.

Man brüllt der Masse nach dem Munde,
schimpft des Rivalen Meinung „Mist“
und heuchelt in der Podiumsrunde:
„Pragmatiker, nicht Populist!“

Die Maske lassen sie erst fallen,
ist ihre Wiederwahl perfekt.
„Woher solln wir’s denn nehmen? Allen
der Esel sich nun mal nicht streckt“.

Die Leute glaubhaft zu belügen:
Das ist des Profis täglich Brot.
Dabei Entspannung in den Zügen
und nicht ein Hauch Gewissensnot.

Politiker. Dazu geboren,
die andern übers Ohr zu haun.
Und von den Wölfen auserkoren,
sich nach den Schafen umzuschaun.

Die Herde weiß er wohl zu weiden.
Sie beugt sich blökend seiner Macht
und mag gar noch den Hirten leiden,
der augenscheinlich sie bewacht.

Der schwebt indes in andern Sphären.
Nicht nach Behüten steht sein Sinn.
Er will die Armen tüchtig scheren,
denn ihre Wolle bringt Gewinn.

Nicht für die eigne nur, die dicke,
die Börse, staatlich* garantiert,
nein, auch fürs Ansehn in der Clique,
die von ihm für ihn profitiert.

*svw. stattlich

Ihm macht es Spaß, so mitzumischen,
Schicksal zu spieln fürs ganze Land.
Mag auch die Meute manchmal zischen –
er führt sie doch am Gängelband.

Erreicht! Er ist ein großer Macker.
Karriere, Knete – alles stimmt.
Da holt die Sense ihn vom Acker,
was ihn unendlich wunder nimmt.

War er nicht grad noch frisch und munter?
Und jetzt, im Dröhnen des Geläuts,
ganz dumpf: Zur Urne da hinunter.
Wir kümmern uns auch um das Kreuz.

Alles Bühne

Alles BühneDen Rraum betrritt er wie ‘ne Bühne.
Err kommt herrein und füllt ihn aus,
egal wie grroß, so wie ein Hüne
Rrespekt errheischend und Applaus.

Gekonnt in Szene sich zu setzen,
das liegt der „Rampensau“ im Blut.
Er wuchert schwer mit seinen Schätzen,
das heißt verkauft sich schweinegut.

Und so wie Kleider Leute machen,
so macht der Auftritt die Person.
Er weiß Begeist’rung zu entfachen
allein durch die Erscheinung schon

Dass alle ihm zu Füßen liegen –
die Fraun romantisch überdreht,
die Herrn, um etwas abzukriegen
vom Ruhm, der um Kothurne weht.

Wie unterhaltsam kann er plauschen
von dem Metier, das ihn ernährt!
Gebannt die Kletten um ihn lauschen,
denn jedes Wort ist Goldes wert.

Und mannigfach sind seine Themen,
denn bunt ist die Theaterwelt!
In Regensburg, halt, nein, in Bremen
war ich mal jugendlicher Held…

Und dann die blabla Produktionen,
der X, die Y dabei,
schon damals wahre Filmikonen –
fantastisch, diese Dreherei…

Mit K. die Arbeit stets ein Segen.
Ein blabla großer Regisseur.
Ein bisschen schwierig, meinetwegen.
Doch bei dem Können kein Malheur…

So kann er immerfort dozieren,
was hat er nicht erlebt, mein Gott!
Die ersten Gäste sich verlieren.
Sein Mundwerk klappert weiter flott.

Dass andre auch im Leben stehen
und sinnreich füllen ihre Zeit,
ihn schert’s nicht. Seine Segel blähen
sich nur im Wind der Eitelkeit.

Von Shakespeare kennt er jede Letter –
warum noch wie ein Platzhirsch röhrn?
Der Mime trampelt seine Bretter
und ist dann niemals mehr zu hörn.

Die Botschaft liest er, und sein Wille
schwingt gleich in guten Vorsatz ein.
Doch wie ertragen diese Stille –
mit sich und sich und sich allein?

Dem Christen gleicht er, der die Lehre
mit Beifall in sein Logbuch schreibt,
und an der nächsten Straßenkehre
der Strauchdieb doch von gestern bleibt.

Er hält sich für den größten Mimen,
der je auf Gottes Erde war.
Dem Lorbeern aller Arten ziemen.
„Dank, Dank! Ihr seid so wunderbar!“

Ich würd ihm notfalls sogar glauben,
dass sich sein Name nicht vergisst.
Doch nur ein Gott reicht an die Trauben
voll ewig süßer Lebensfrist.

Ein gutes Pferd stirbt in den Sielen.
Schon ist fürs letzte Stück er reif.
‘ne Rolle wird er nicht mehr spielen.
Den Tod, den gibt er live.

Meine Musenspende

Meine MusenspendeMaschine Tag: zur Ruh gekommen.
Die meisten Rädchen schnurrn nicht mehr.
Vom dunklen Himmel äugt verschwommen
der Mond aus Schleierwolken her.

Für einer Nacht verschlafne Taten
reicht völlig aus sein trübes Licht.
Man kann total in Schatten waten,
der Fuß, er stößt sich trotzdem nicht.

Mein Ritual: die Opferspende
für Musen und Dionysos,
auf dass sie segnen meine Hände,
zu lenken kühn ihr Flügelross.

Ein Weißburgunder, trocken, Baden,
dient heute mir als Libation.
Das kann mit Sicherheit nicht schaden,
die Götter kennen ihn ja schon.

Sie brauchen nur den Duft zu riechen,
der ihnen sacht entgegenweht,
dass, wie auch bei den ird’schen Griechen,
sich freudig ihre Nüster bläht.

Insofern hab ich gute Karten
und werf die Wurst getrost zum Speck.
Die Gläub’gen aller Zeit und Sparten
erschlichen so sich Gold für Dreck!

Doch ob aus glänzendem Metalle,
was ich hier präg an Poesie
und auch mein Wunsch in jedem Falle –
dafür gibt’s keine Garantie.

Ihr kennt das von dem Herrn da oben,
des Ratschluss unerforschlich ist –
mal, dass wir seine Weisheit loben,
mal, dass man besser sie vergisst!

So mag es auch den Musen gehen,
dass nur aus Laune und zum Spaß
sie manchmal durch die Finger sehen
beim Meistersinger-Mittelmaß.

Drum in der Sache unentschieden.
Urteil du selbst, o Leserin!
Und rett mir meinen Seelenfrieden,
dass ich kein bloßer Stümper bin!

Eins aber will ich dir bekennen:
Mich hält die Sucht an Versen fest.
Ich muss Apoll beim Namen nennen,
sobald er abends uns verlässt.

Ihm seitenlange Hymnen singen,
breit fließend aus dem Federkiel,
und anderntags ihm Ständchen bringen
in eines Liedchens knappem Stil.

Die Themen liegen auf der Straße,
man muss nicht lange suchen gehn.
Doch sie zu sammeln in dem Maße –
oft kann ich’s selber nicht verstehn.

Ist es die Lust am Fabulieren,
der Zauber dieser Abendstund?
Geheimnisse, die sich addieren –
im Wesen nur den Musen kund.

Der Patriot

Der PatriotRule, Britannia! Vive la France!
Deutschland, Deutschland, über alles!
Patrioten falln in Trance
bei Parolen dieses Schalles!

Silben sind’s, die eingesogen
mit der Milch der Mutterbrust
und mit denen großgezogen
Vaterlands- und Heimatlust.

Und die auch die Meinung nähren
(dies geht damit Hand in Hand),
aller Preise wert und Ehren
sei nur je das eigne Land.

Gut. So weit die Vorgeschichte,
dern Produkt der Patriot.
Da er die nicht sieht bei Lichte,
stets sein Sturz ins Dunkel droht.

Wenn die eignen Farben siegen,
bricht er laut in Jubel aus.
Sollten sie mal unterliegen,
redet er sie glimpflich raus.

Fehler, die die andern machen,
bis auf Blut sie ihn empörn.
Eigne Schnitzer sind ihm Sachen,
die ihn nicht die Bohne störn.

Sitzt er in gesell’ger Runde,
halb von Bier und Korn schon breit,
führt er lallend gern im Munde
„unsre“ Überlegenheit.

Auch auf seinen Urlaubsreisen
gilt ihm alles gleich als Mist,
was in jenen Breitenkreisen
anders als bei Muttern ist.

Fremde kann er nicht verknusen;
Steig’rung möglich bis zum Hass.
Freudig hüpft ihm nur der Busen,
tut man ihnen einmal was.

Mag er in dem Wahn sich wiegen,
er sei mehr als andre wert:
Er wird schon sein Fett noch kriegen,
wenn er in die Grube fährt.

Da wird einen Tod er finden,
dem die Herkunft piepegal.
Erdenunterschiede schwinden.
Dreck ist international.

Einfach klasse

Einfach klasseMuss ich ihn wirklich noch beschreiben?
Ist er nicht jedem noch bekannt?
Versetzung oder Sitzenbleiben –
es lag allein in seiner Hand.

Wir waren damals noch die Kleinen
und saßen schüchtern in der Bank.
Er zog uns an den Hammelbeinen,
weil unser Stumpfsinn ihm wohl stank.

Wer konnte ihm das Wasser reichen?
Er wusste so unendlich viel.
Ein Quell der Weisheit ohnegleichen,
ein Fuchs in jedem Ratespiel.

Er paradierte vor der Klasse
gebiet’risch wie ein Feldmarschall,
dem man der Jugend graue Masse
geschickt zur Prüfung für Walhall.

Und erst am Pult, wo dieser Schlimme
bisweiln so tat, als ob er schlief,
doch plötzlich dich mit Donnerstimme
aus Träumen an die Tafel rief!

Er lehrte Nützliches fürs Leben.
Und manches, was nur Schall und Rauch.
Er lehrte, Strebern nachzustreben.
Und Fürchten lehrte er uns auch.

Mit Daten war er vollgeladen
vom Scheitel runter bis zum Steiß.
Sein Albtraum war der Imageschaden,
wenn er mal irgendwas nicht weiß.

Er wollt auf Nummer sicher gehen,
vor Lücken hat es ihm gegraust,
soldatisch seinen Schulmann stehen,
allwissend wie der Doktor Faust.

Und die da nicht aus freiem Triebe
von Tag zu Tag die Bank gedrückt,
er hat mit seiner Wissensliebe
nur äußerst mäßig sie beglückt.

Was waren uns die Vertebraten?
Was der Atome Pollenflug?
Die Parther oder die Sarmaten,
die hier und da der Römer schlug?

Was waren uns die Stalaktiten,
der Wind, der in der Wüste blies?
Was dieser Beowulf der Briten
und Roland, der ins Hifthorn stieß?

Was warn uns Stempel, Staubgefäße?
Was Cato, Cortez, Wallenstein?
Was eines Plautus derbe Späße
in klassischem Vulgärlatein?

Wie wenig haben wir begriffen
von dieser steten Faktenflut,
auf der gezwungen wir zu schiffen
mit angsterfülltem Heldenmut!

In solchen übermächt’gen Spuren
ging folgsam unser Geist einher,
gehemmt von Püffen und Zensuren –
und dennoch wachsend immer mehr.

Tempi passati! Längst vergangen
und zur Erinnerung verblasst.
Des Paukers rosig blühnde Wangen
in Eiche lange schon gefasst.

Er, der mit Imponiergehabe
und Dünkel durch die Flure schritt,
was brachte er als Morgengabe
seiner Persephone wohl mit?

Gewiss entspricht’s des Lehrers Wesen,
dass er an Bücher nur gedacht.
Doch wie im finstren Hades lesen?
Schon Charon kippte ihm die Fracht.

Ein Schatten ward er unter Schatten,
von keinem Geisteslicht erhellt.
Nie mehr: „Herr Studienrat, gestatten…“
Ganz formlos geht’s in seiner Welt!

Immer abends

Immer abendsNur sitzen, sitzen, sitzen, sitzen.
Ich schreib und schreib und schreib.
Die Nacht, die Nacht. Die Sterne blitzen
und blitzen wie zum Zeitvertreib.

Die Häuser drüben, Häuser drüben,
die Abend ich für Abend seh,
in Schweigen sich, in Schweigen üben,
erstickt in Schatten, Schattenschnee.

Die Fenster fliehen, Fensterfluchten,
Quadrat, Quadrat in lichten Reihn,
in Wänden, die sich höher wuchten,
dem Himmel, Himmel nah zu sein.

Vom Pflaster hallt die Ruhe, Ruhe
wie Lärm, latent, wie Lärm empor.
Die Autoreifen und die Schuhe,
sie finden, finden nicht ins Ohr.

Nur leise, leis ein Hundebellen,
das klagend klingt von irgendwo.
Vielleicht klagt es nach Spießgesellen,
vielleicht klagt es auch einfach so.

Und um mich dieses Rauschen immer,
dies Rauschen, das den Raum durchdringt,
wenn mit des Gegenstands Gewimmer
der Heizung Heißes sich entringt.

Die Kerze, Kerze, treue Seele,
sie leuchtet ihren Leib dahin,
sie leuchtet, dass dem Dunkel stehle
ein wenig sie vom dunklen Sinn.

Und dann das Blatt. Noch unbeschrieben,
doch fertig, wenn der Docht verkohlt.
Das Blatt. Nie ist es leer geblieben.
Ach, wie sich alles wiederholt!

Kunstkonditor

KunstkonditorNur immer kleine Brötchen backen
hat ihn nie völlig überzeugt,
in aller Herrgottsfrüh den Nacken
tief über Sauerteig gebeugt.

Ihm hat, wie’s heißt, seit Kindesbeinen
was Anspruchsvollres vorgeschwebt –
das Handwerk mit der Kunst zu einen,
das Ideal mit dem, was lebt.

So hat er sich der Haute Cuisine
des Backens schließlich zugewandt:
der Torte, gleichsam der Terrine,
wie die Pastete auch genannt.

Und wirklich, seine Kreationen,
die Aug und Gaumen angenehm,
mit nobler Kundschaft ihn belohnen,
die Creme gesellend sich zur Creme.

So hat sie sich ‘nen Ruf erworben
im Viertel, die Konditorei –
nur erste Ware, unverdorben.
bloß nicht der Chef ganz einwandfrei.

Nicht weil da auf pompöse Weise
sein Meisterbrief im Rahmen prangt,
von Zeugnissen der Ehrenpreise
für bestes Feingebäck umrankt.

Nein, weil die schöpferische Seite
des Zuckerwerks ihm so gefällt,
dass er sich in Europas Weite
für den Rodin des Kuchens hält.

Nicht mal des Handwerks goldner Boden,
ach, hält ihn auf dem Teppich fest,
was an den völlig neuen Moden
des Auftritts sich verfolgen lässt.

Natürlich trägt den schlichten Kittel
von früher er nicht mehr zur Schau
und kleidet sich dank reicher Mittel
so farbenprächtig wie ein Pfau.

Und spreizt wie dieser auch die Federn,
dass würdig durch die Welt er schreit’,
so steif und grade wie die Zedern
des Libanon in alter Zeit.

Bekannten geht er aus dem Wege.
„Klienten“ gönnt er einen Schwatz.
An jedem Dienstag Nagelpflege.
Und mittwochs auf dem Tennisplatz.

Er ist ein neuer Mensch geworden,
seit er als Künstler sich versteht –
neronisch nicht im Brennen, Morden,
doch in dem Wahn, er sei Poet.

Ob ‘nen Gedanken er verschwendet
an das, was nach Konditern kommt?
Dass auch der Zuckerbäcker endet,
wogegen ihm kein Törtchen frommt?

Auf einmal stürzt er von der Szene –
direkt ins Loch mit einem Sprung.
Vorbei. Und keine Madeleine
weckt je ihm die Erinnerung.