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Sommerwetter

imagesC0U5A4LHEs blitzt und donnert. Sommerzeit.
Der Abend ist noch frisch.
Ich hocke, dichte, Beine breit
an meinem Musentisch.

Vom Straßenpflaster tönt es feucht
vom Rieb der Reifen her.
Am Himmel pulsend ein Geleucht
in Wolken, schwarz und schwer.

Gelegentlich vernimmt man auch
ein fernes, dumpfes Grolln –
wie Räder, die in Qualm und Rauch
auf ihren Sphären rolln.

Wie ein Karnickel schmieg ich mich
in meinen kleinen Stall.
Es rauscht und regnet, Strich um Strich –
ein feiner Wasserfall.

Direkt vor meiner Nase hält
der Rote mir die Wacht,
der, wenn mich feindlich Durst befällt,
ihm wehrt mit Traubenmacht.

Versteh indes: Ich klage nicht;
ich stelle einfach fest –
sitz selbst ja hier bei Kerzenlicht
im warmen Küchennest.

Was schert mich, wenn ein jäher Stoß
mir die Gardine bläht?
Ein bisschen Kühlung, denk ich bloß,
in dieser Luft, die steht.

Und wenn auch mal ein volles Pfund
der Sturm ans Fenster fegt:
Ein Schwall von Tropfen, der, na und?,
die Scheibe nicht zerschlägt!

Ich schreibe. Schau nur ab und an,
ob’s nicht inzwischen schneit.
Gemächlich schreib ich weiter dann.
O schöne Sommerzeit!

Nacht- und Küchenstück

imagesRQLAKHH8Inzwischen ist es Nacht geworden.
Von irgendwo ein Köter bellt.
Die Stadt liegt frei von Autohorden
still unterm Sternenzelt.

Wär das denn nicht die rechte Stunde,
dass man zur Leier greift
und mit beredtem Bardenmunde
ins Nichts und Alles schweift?

Schon sammeln sich ja die Gedanken
direkt am Brägentor
und brechen aus den Nervenflanken
gleich fürchterlich hervor.

Ja, jetzt – ich kann sie nicht mehr halten,
sie stürzen aufs Papier,
um sich zu Strophen zu entfalten,
gereimt in Kreuzmanier!

Doch wolle, Les’rin, nicht erwarten,
dass Weisheit zu dir spricht,
es muss ja nach dem Schöpfer arten
die Schöpfung: sein Gedicht.

Was ich dir jetzt zu sagen habe,
was auf der Zunge brennt,
ist schlicht wie meine Dichtergabe,
die Bänkelsang nur kennt.

Da wärn beim Thema wir gelandet,
der Küche, meiner Musenalp:
Ein Zimmer, halb in Weiß gewandet
und gelb gekachelt halb.

Darin die gleichen Möbelstücke,
die schon Lukull gebraucht:
ein Schränkchen, dass Gewürz man pflücke,
ein Herd, der Feuer faucht.

Dass just ich hier mein Ströphchen braue,
die Fantasie ich schür?
Weil ich dem geist’gen Nährwert traue
hinter der Kühlschranktür!

Ein Weinchen muss ich nur befreien
aus unbeheizter Haft,
die kühle Seele ihm zu weihen,
der rasch er Wärme schafft.

So bin ich also dem verbunden,
was heute gern Ambiente heißt:
Die Bissen, die dem Gaumen munden,
erquicken auch den Geist.

Ist dann der Bauch beschwert von Speise,
vom Wein getrübt die Stirn,
empfiehlt sich’s, von der Musenreise
das Pferdchen auszuschirrn.

Schon ist ja auch die Nacht gesunken,
der Himmel sternbestreut.
Die Fantasie verpufft zu Funken.
Fanal: Genug für heut!

 

Nett, dass Sie diese Zeilen lesen

images6A1XKZCINett, dass Sie diese Zeilen lesen.
Sie mögen Esoterik wohl?
Koalas, die am Kongo äsen,
Kamelien am Kältepol?

Mit andern Worten: ’nen Poeten,
den nicht einmal der Kenner kennt,
sternfern von Dichtermajestäten,
für die der Kritikus entbrennt?

(Ich will das gar nicht offen lassen,
nenn Ross und Reiter gleich dazu:
So’n heil’ges Buch der Lesermassen
wär Ringelroths „Mensch, Kuddel, du!“)

Sie, Vielgekäutem zu entfliehen,
verweigern sich dem Volksgeschmack,
wolln sich nicht in die Wampe ziehen
nur zwerchfellfrohen Schabernack?

Sind auch dem Mauerblümchen offen,
das sonst doch alle Welt verschmäht,
den neuen Formen, neuen Stoffen,
die in die Musenflur gesät?

Wie gern, ach, würde ich versprechen,
dass Sie ein Kleinod aufgespürt –
doch diesem Verse-Radebrechen
als Name eher „Blech“ gebührt.

Es geht mir nicht so fix die Leier
der Alltagsweisheit von der Hand –
so sprudelnd wie ein Wasserspeier,
der regenrauschend bis zum Rand.

Ich muss sie tropf, tropf, tropf dosieren,
die kleinen Pointen da und dort,
nicht platt sie auf die Brote schmieren
und fingerdick in einem fort.

Nun werden Sie sich von mir wenden,
enttäuscht von diesem dürft’gen Fund
und die geneigten Ohren spenden
dem Morgenstern, der Gold im Mund.

Allein, ich werde weiterschmieden,
da ich so schön in Übung bin.
Zum Glück für meinen Seelenfrieden:
Sie kamen. Kurz. Doch immerhin.

 

Kreativität

imagesGR37VCAAHeut will ich, Les’rin, dir erzählen
von meiner Kreativität,
das heißt wie, wenn Gedanken fehlen,
doch so was wie’n Gedicht entsteht.

Zunächst: Es geht bei dieser Sache
durchaus mit rechten Dingen zu.
Genie? Dass ich nicht lache!
Poeten sind wie ich und du.

Man muss nur ein paar Tricks beachten,
das ist das ganze A und O,
braucht den Horaz nicht auszuschlachten,
nicht Opitz, Scaliger und Co.

Ambiente, um es gleich zu sagen,
Ambiente heißt das Zauberwort:
Nicht irgendwo sein Zelt aufschlagen,
nein, wo die Kehle nicht verdorrt.

Drum hab die Küche ich erkoren
zur heilig-hehren Musenstatt,
weil rosa funkelnd sie vergoren
genügend Seelennahrung hat.

Und weil sie mit der Heizungstherme,
die unaufhörlich schnieft und schnurrt,
Behaglichkeit mir schenkt und Wärme
für manche schöne Kopfgeburt.

Und auch der Kerze fröhlich Flackern
im Zug, der aus der Ritze weht,
hilft den Parnass mir zu beackern –
nichts, scheint mir, züngelt so beredt!

Hab ich vom Zeitpunkt schon gesprochen?
Auch diesen man sich günstig wähl:
Es sei der Abend angebrochen,
dass Stille dein Gemach beseel

Und Dunkelheit die Gassen hülle,
damit der Blick ins Leere geht
und deines Tages Bilderfülle
dir zu dem einen, besten rät.

Ein Tröpfchen, um es zu betonen,
ölt deine Hirnmaschinerie.
Sie wird es reich und rasch dir lohnen
mit einem Unmaß Fantasie.

So weit! Mehr ist hier nicht vonnöten,
damit das Dichterherz entbrennt
in Flammen, die wie Morgenröten –
falls Feuerholz nicht fehlt: Talent.

Aussitzen

imagesKZ0NGTWFDa sitz ich, sitze, sitze,
seit Jahren sitz ich so,
statt einer Feuerspritze
’n Kissen unterm Po.

Nichts zu beschäln, beschicken,
ganz ohne Saft und Spin –
wie Omis Deckchen sticken,
den Faden her und hin.

Die Sprache auszuloten,
geh gründeln ich im Hirn,
derweil mir auf die Pfoten
glotzt trüb das Mondgestirn.

Ein Fläschchen vor der Nase
beflügelt meinen Geist,
das in der Anfangsphase
roségefüllt zumeist.

Gedanken mählich steigen
aus trunkner Brust empor,
solang bis ihren Reigen
zu Strophen ich vergor.

Ich prüfe und verwerfe,
probier und mische neu,
bis nach Geschmack und Schärfe
genießbar das Gebräu.

Dann zieh ich’s auf die Zunge,
es gänzlich zu goutiern
und mit geschwellter Lunge
ins Nichts zu deklamiern.

Das ist, um’s zuzugeben,
mein einz’ger Gütetest,
da sich zu dem Bestreben
kein Schwein sonst finden lässt.

Vielleicht, wenn ich verblichen,
ein flotter Rezensent,
die Locke aufgestrichen,
für dieses Schmalz entbrennt?

Egal, ich werd nicht lassen
von meiner Musenfahrt –
doch muss für heut ich passen:
Der Hintern wird schon hart.

Verblüht

Blumen, verblühtDa lassen sie die Köpfchen hängen,
so reizend und so resigniert,
wie Engel, die nach Brummgesängen
Gottvater vor den Stuhl zitiert!

Und sind so lieblich anzuschauen,
dieweil die Wangen ihnen glühn,
die zarten allesamt, die blauen,
die rosigen in schönstem Grün.

Kann irgendwie ich Trost euch spenden?
Beflügeln euren Lebensmut?
Zuerst schenk ich mit eignen Händen
euch frisches Wasser ein – und gut!

Nein, mehr und mehr auf diesen Zügen
verblasst das frohe Farbenspiel,
und tiefer scheint sie sich zu pflügen,
die Furche, die das Blatt befiel.

Es wird nun nicht mehr lange dauern,
dann bist du deines Leidens frei –
die du an Rudis Resthofmauern
gerupft zum Sträußchen, Akelei!

Wie gern gäb deinem Blumenende
in Versen ich Unsterblichkeit –
wenn ich nur irgendjemand fände,
der sie zur Blütenlese reiht!

(Verleger aller Altersstufen:
Nur Mut, mich schleunigst anzurufen!)

Im Zwielicht

imagesO54S93TRIm Zwielicht dieser späten Stunde
am Himmel düstre Wolken ziehn,
die Grau in Grau im weiten Runde
wie panisch in den Abend fliehn.

Und immer wieder rauschen Schauer
vom aufgeweichten Firmament,
gewaltig, doch von kurzer Dauer,
und prasselnd, so wie Stroh verbrennt.

Ich hocke trocken in der Küche
und lass die Wolken Wolken sein,
ersinne mir gereimte Sprüche
und denke der Verflossnen mein.

Ein Sturm hat sie davongetragen,
den wohl ein Schicksalsgott gesandt.
Mein Herz hatt’ ich um sie geschlagen,
doch sie entschlüpfte und entschwand.

Die Wolken jagen ziellos weiter.
In Lücken schimmert Sternenlicht.
Ach, hätt ich eine Himmelsleiter!
Es gibt doch Engel. Oder nicht?

Auf und davon

imagesN575LIJLAls wäre jemand rausgegangen,
so leer mein Herz, so leer:
ein Keller, eisenschlossverhangen,
Spinnweben kreuz und quer.

Als wär die Fackel fortgetragen,
die es mit Licht genährt,
füllt es nun Kälte, Unbehagen,
wie Teig, der sauer gärt.

Du bist aus seiner Tür getreten,
ich weiß nicht, wann und wie,
mit Pauken nicht und mit Trompeten,
nein, lautlos – Rififi.

Ganz heimlich hast du mich verlassen,
kein Wörtchen war’s dir wert,
so macht man sonst nur auf den Gassen
vorm bösen Köter kehrt.

Soll Groll nun oder Hass ich hegen?
Ich grüble und ich grüble nur,
zu welchen neuen Liebeswegen
dein Herz aus meinem fuhr.

Du hast die Schwelle überschritten,
ach, mit so leichtem Sinn –
jetzt weiß ich endlich, unbestritten:
Du warst nie wirklich drin.

Schiffbruch

images150HKPCDWas in Romanen happy endet,
geht in Gedichten tragisch aus –
sich jauchzend dort das Herz verpfändet,
hier weilt es trüb im Schneckenhaus.

Seht, meine plumpe Schreiberklaue
kliert Strophen übers bleiche Blatt,
dass Epitaphe sie erbaue
an weicher Liebespfühle Statt.

Um’s, Les’rin, offen dir zu sagen:
Hab just mein Cannae hinter mir.
Kurs haltend auf die Lotophagen,
nahm mich Charybdis ins Visier.

Auf Klippen bin ich aufgelaufen,
die einfach mir entgangen sind –
ich könnte mir die Haare raufen,
so sicher war ich und so blind!

Genau, du hast es schon erraten:
Es war ein Weib da mit im Spiel,
das spottend meiner Heldentaten
mir schmählich in den Rücken fiel.

Mit allen Künsten, allen Kniffen,
die Venus selbst sie abgeschaut,
zog sie sirenisch mich zu Riffen,
an die ich nie mich hätt getraut.

Mein Herz versank in diesen Fluten.
Sie ließ es ungerührt geschehn.
Ein Vamp: Wenn Kerle sich verbluten,
bleibt er so cool wie’s Pleistozän.

Soll der Klabautermann sie holen!
Bin frei, zurück in meiner Welt.
Nur eine Träne noch, verstohlen,
o Wunder, unterm Lid sich hält!

 

Ankunft

images0DW53NN2Da seh ich wieder die Fassaden
ganz unverändert, unbewegt
die Stirn im Abenddämmer baden,
der hier und da schon Lichter trägt.

Da sehe ich die Fahnenstangen
wie Hörner auf den First gepflanzt,
von Tuch mal eng, mal weit umfangen,
wie immer bleich und ausgefranst.

Den Himmel kann ich wieder sehen,
der trübe auf den Dächern liegt –
nicht Wolken, die sich bauschig blähen,
nur Gaze, die im Raum verfliegt.

Da hab ich auch den schmalen Streifen
der Straße wieder im Visier,
auf dem ich nur stadtauswärts Reifen
und Silhouetten registrier.

Und wie sich wieder vor der Nase
gewürfelt dieses Tischtuch spannt,
der Karos rote Metastase,
in Linnen und in Wachs gebannt!

Und gibt der Kerze schöner Schimmer
das trauliche Gefühl nicht ein,
in diesem Winkel Welt schon immer
geborgen und begehrt zu sein?

Die Zeit, sie ist hier stillgestanden
vom Abschied bis zur Wiederkehr.
Und doch kam etwas ihr abhanden –
wenn ich nur wüsste, was es wär!

Die Frau der Träume wird schon schlafen.
Ob stets sie meiner treu gedacht?
Zu Hause denn. Im Heimathafen.
So grüble ich die ganze Nacht.