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November

imagesE5U148G3Am schönen Ort der Muße endlich wieder.
Im Flug hat mich die Kiste hergebracht.
Drei Stunden auf metallischem Gefieder.
Und dann die Landung, supersacht.

Als erstes wieder: Torre, Promenade
am Meer, am rauschenden, am Meer!
Und hui, wie peitscht entfesselt grade
der Wind die Wellen vor sich her!

Im Sonnenschein. Aus blau entblößten Weiten,
an denen hier und da Gewölk noch klebt.
Azur, das ohne Zucken und Gezeiten
kristallen überm Chaos schwebt.

Das Wollene kannst du vergessen,
so wohlig liegt die Wärme auf der Haut.
Nein, Dünnes ist hier angemessen.
Ich sag es ja: Der Himmel blaut.

O diese Tage, herbstzeitlose
nenn ich bewundernd sie,
der ich wie weiland Vater Mose
aus meiner Kälte Knechtschaft flieh.

Nur wenn, gleich einem heißen Eisen
ins Bad getaucht, der Ball verglüht,
mag dir ein Frösteln wohl beweisen:
Es wintert auch, wo Lorbeer blüht.

Und wo die, die nach Sonne hungern,
gesättigt jüngst sich noch am Strand,
sieht man zuhauf nun Möwen lungern
wie eine Plage, gottgesandt.

Nein, eher wie zur Andachtsstunde
man schweigend sich zu sammeln pflegt,
so schaun sie, wie das große Runde,
der Sonnengott sich schlafen legt.

 

Der Flammenpfeil

RodinDer Flammenpfeil im roten Köcher,
am Docht er zieht und zerrt –
ich starrte ihm schon tausend Löcher,
doch er bleibt eingesperrt.

Es hält ihn seine Plastikhülle
wie eingemauert fest,
dass diese flackernde Idylle
mich fast schon gruseln lässt.

Genau: In jenen Augenblicken,
wenn auf vom Blatt ich schau,
Gebete zum Parnass zu schicken
um weiteres Know-how.

Sporadisch zwar wie untertage
glimmt draußen nur das Licht:
Poet vom alten Schlage,
geh nachts ich ja auf Schicht.

Doch schwillt mir von der Straße
herauf so mancher Laut,
dass just in diesem Maße
mein Hirn am Nagel kaut.

Die Musen sind wie Schnecken
so fühlsam und so fein,
im Winkel sich verstecken,
haut wild Hephästos drein!

Nun kratz ich mir die Birne,
schürf nach Gedankengold,
das hinter hoher Stirne
ich sicher finden sollt.

Doch wieder Pustekuchen –
so krieg ich das nicht hin!
Muss also tiefer suchen
und grüble Hand am Kinn.

Da kann ich sie begrüßen,
vom Himmel mir geschickt,
Ideen auf Trippelfüßen –
ach, nur die Uhr, die tickt!

Was soll ich mich noch quälen?
Es läuft nicht immer leicht.
Geh eben Schafe zählen,
wenn es für sonst nichts reicht …

Ungewissheit

images6LRIUYNDSchon wieder, Mann, auf Freiersfüßen?
Hört das bei dir denn gar nicht auf?
– Ach was! Sie tat mich lieblich grüßen –
ich gab nur freundlich Antwort drauf.

Lieg ohne Schuld in Liebesbanden,
mit denen fest sie mich umwand,
auch wenn ihr zur Verfügung standen
nur Blicke, zärtlich ausgesandt.

– Na, typisch! Büschen Augenschmachten,
und schon ist dir der Kopf verdreht!
Versuch mal, so es zu betrachten:
Sie will nur wissen, ob’s noch geht

Das Flirten. Ob die alte Masche
noch bei den Kerls verfängt,
und högt sich eins in ihre Tasche,
hat sie ’ne Pumpe angesengt.

– Du bist nur neidisch! Willst nicht glauben,
dass wer wie ich noch Chancen hat.
Zwar hängen hoch die Liebestrauben,
doch manchmal machen sie noch satt!

Nun ja, man wird den Streit nicht schlichten,
bevor sich Klarheit eingestellt –
soll denn das Leben drüber richten,
wer von uns beiden Recht behält!

Mein letztes Hemd würd ich verwetten,
dass diese Schöne ernst es meint,
die ist kein Typ für Amouretten,
die ist so ehrlich, wie sie scheint.

Gewissheit werd ich mir verschaffen,
gleich morgen, ha, und wie!
Werd meinen Mut zusammenraffen:
„Sie scherzen nur. Gestehen Sie!“

Und so gezwungen zu bekennen,
was sie beharrlich mir verschweigt,
wird „Schuft“ sie oder „Schatz“ mich nennen –
wie sich mein Schicksalsschälchen neigt.

Ich werd sofort dir Nachricht geben,
ob’s Cannae war, ob Austerlitz:
als Heros oder Depp erheben
mein nächstes Lied zum Musensitz.

Der alte Trott

imagesGXZ31RDZUm sechs so aus dem Bett gekrochen,
wonach ich mir die Augen rieb.
Danach ins Unterholz gebrochen
des Barts, der fröhlich Stoppeln trieb.

Den Zähnen dann zu Leib gegangen
mit widerborst’gem Instrument,
vergurgelt hinter dicken Wangen
die Paste, die nach Minze brennt.

Hernach war auch die Stund gekommen,
da man der Brille sich bedient –
ich lass das hier mal so verschwommen,
damit mir keiner dreckig grient.

Dies alles glücklich denn vollendet,
begann die schöne Frühstückszeit,
und hab dem Magen zugewendet,
wonach er morgens knurrt und schreit.

Paar Zeilen auch noch überflogen –
am besten bilde man sich früh! –
und dann die Jacke angezogen:
Auf zu des Tages Last und Müh!

Dasselbe Ziel, dieselbe Strecke,
so geht es wohl tagein, tagaus:
Gebäude, Büsche, Straßenecke –
und Büsche, Straßenecke, Haus.

So wieder denn an Ort und Stelle.
Gestempelt. In den Fahrstuhl rein.
Und ohne großen Zwischenfälle
tritt ins Martyrium man ein.

PC gestartet und so weiter.
Acht Stunden sich im Joch verzehrt.
Schnitt. Abschied von der Hühnerleiter.
Haus, Büsche, Ecke – umgekehrt.

Zu Hause wieder eingetroffen,
im Feierabend, Gott sei Dank!
Das ganze Leben steht mir offen
hier – fern von Pult und Aktenschrank.

Erst beugt und streckt man seine Glieder,
vom vielen Sitzen etwas steif,
dann („Sicher nur Reklame wieder!“)
ist für die Tagespost man reif.

Hier eine Rechnung, da ein Schreiben,
das an dein Mitleid appelliert,
ein Anruf auch, nicht arm zu bleiben:
„Wer diese Aktie kauft, kassiert!“

Erledigt. Radio angeschmissen.
Was ist denn in der Welt so los?
Ach, besser wär’s, es nicht zu wissen –
man fasst sich an die Birne bloß.

Da lässt es sich schon wieder hören,
das Telefon mit schrillem Schrei
(„’ne Meinungsforschung, würd ich schwören!“) –
ach, Hilke, du, ich freu mich, hi!

Dann endlich ist die Zeit gekommen
fürs Beste, für das Abendmahl –
hätt nicht den Appetit genommen
mir dieser letzte Fleischskandal.

Und schon ist wieder angebrochen,
die Stunde, sich aufs Ohr zu haun.
Um elf bin ich ins Bett gekrochen –
um sechs beginnt das Morgen-Graun.

Tagesbilanz

imagesSQTS972IPaar Zeilen noch vorm Schlafengehen,
dann ist auch dieser Tag vorbei
und wird in seiner Chronik stehen,
dass da nichts groß zu sagen sei.

Ich glaub, die Sonne hat geschienen,
nein, wart’, es regnete gewiss –
was man so sieht durch die Gardinen
aus dieser Küche Düsternis!

Und sicher klang mir in den Ohren
der Straße graue Moritat,
indes ich, im Parnass verloren,
die Versefüße mir vertrat.

Vielleicht ist es auch vorgekommen,
dass mich ein Anruf aufgeschreckt,
der, ich erinnre mich verschwommen,
aus Träumen mich nur halb erweckt.

Im Buch hab weiter ich gelesen,
ein Brauch, auf den ich täglich poch –
jetzt „Don Quijote“, Ritterwesen,
und nächstens – nun, das dauert noch!

Am Morgen ins Büro geschlichen,
am Abend wieder heimgeschlurft –
und Zeit aus einem Sein gestrichen,
das ihrer gar nicht mehr bedurft.

Doch halt! Was ist mit den Gedanken?
Mit dem Gedicht, das sie bezeugt?
Durchbrechen sie nicht alle Schranken,
tief übers Flügelpferd gebeugt?

O Les’rin, hilf mir aus der Klemme,
gib diesem Alltag ein Gesicht,
und sag, dass aus der Liederschwemme
grad dies dir aus der Seele spricht!

 

Neue Muse

BäckerNun sind die Lichter angegangen.
Die Dämmerung erstickt den Tag.
Laternen reiben ihre Wangen
an Windes Wellenschlag.

Aus den umdüsterten Fassaden
schaun trübe Fensterhöhlen her:
Im Mondlicht leuchtende Nomaden
in ihrer Nächte sand’gem Meer.

Vor mir die Kerze und die Flasche,
die angebrochen schon –
ich lieg den Musen auf der Tasche,
schnorr wieder mal Inspiration.

Sie mögen sich nicht knaus’rig zeigen –
schon juckt die Rechte willig mir,
zu brechen ihr motorisch Schweigen,
dass diese Strophe sie kreier.

Sie werfen auch vom Straßenpflaster
des Regens Echo mir herauf,
dass es in meinem Reimeraster
vollende seinen luft’gen Lauf.

Und, oh, auch diese schönen Züge
mir jener Dame in den Sinn,
der, wenn ich mich nicht selbst betrüge,
ich irgendwie gewogen bin.

Ich fand sie heut nicht an der Stelle,
wo sonst ich flüchtig sie genieß,
auch wenn den Blick ich auf die Schnelle
in alle Ecken schweifen ließ.

Ach, dieses wird genauso enden
wie jüngst, als schnöde ich genarrt:
Verdorrte Blumen in den Händen,
das Herz zu Stein erstarrt.

Derweil verzehrt es sich zur Neige,
das Flämmchen auf dem Stummel dort.
Die Zeit gebietet, dass ich schweige –
drum nur noch dieses letzte Wort.

Werd’s morgen denn erneut versuchen,
sie hinterm Ladentisch zu sehn –
ihr Lächeln hinter Quiche und Kuchen
lässt sogar gern mich Schlangestehn.

 

Kundenpflege

imagesYMM2R381In ihrem blut’gen Wachsgehäuse
die Flamme flattert hin und her,
als ob ein Fischlein in der Reuse,
ein Vöglein sie im Käfig wär.

In gleicher Weise eingeschlossen
in seine gläserne Klausur,
hockt still und steif wie angegossen
der Rote für die Traubenkur.

Ihr schnuppert wohl schon die Kombüse,
die solcherart ich kurz skizziert?
Dann hat euch diese Analyse
nicht an der Nase rumgeführt!

Schon ist der Abend angebrochen,
schon blinzeln Sterne hier und da.
Ich sitz, ein Süppchen mir zu kochen
aus Tragik und aus Trallala.

Schön, dass ihr wieder euch entschieden,
dem Chef der Schüsseln zuzuschaun –
kommt, kommt in meinen Küchenfrieden,
an diesem Opus mitzubraun.

Ihr werdet auch ein Lüftchen finden,
das euch die heiße Stirne kühlt
in Welln von Ventilator-Winden,
die pulsend in den Raum gespült

Und mancherlei an Strandgut buckeln
wie diesen Sauvignon-Rosé,
den könnten wir zusammen nuckeln –
was haltet ihr von der Idee?

Ihr zögert? Leere Dichterphrasen?
O glaubt mir, es ist ernst gemeint!
Wie weiland Roland will ich rasen,
wenn meinen Antrag ihr verneint!

Kommt in Kohorten, kommt in Haufen,
als Wander- oder Pilgerschar,
ihr sollt mir nicht ins Leere laufen –
steht Brot und Wein auf dem Altar!

Ich will so festlich euch empfangen,
wie’s Adoranten euch gebührt,
hab Bier und Salz- und Käsestangen –
was so ein deutscher Haushalt führt.

Wir könnten miteinander klönen
ganz locker und ganz unbeschwert,
vielleicht vom Guten oder Schönen –
ach, nein, man bloß nicht so gelehrt!

Das wird sich schon von selber finden,
sind wir am Ende erst vereint,
und auch, dass uns die Themen schwinden,
ist ausgeschlossen, wie mir scheint.

Natürlich würd ich’s gerne sehen
– nur wenn’s genehm ist, ohne Zwang –
wenn ihr, nun ja, ihr müsst verstehen,
auch etwas sagt zu meinem Sang.

Vielleicht dass euch, so nett bewirtet,
ein kleiner Lobpreis leichter fällt
und, statt dass ihr um Goethe schwirrtet,
ich euer neuer Dichterheld.

Wie bitte? Ja? Das lässt sich machen?
Mit kleinen Änderungen zwar?
Ach so. Nicht diese Hausmannssachen.
Champagner also, Kaviar…

Von der Leber weg

ProduktivitätWenn ich so sitze und sinniere
und fließend so in Reimen red
(vermeintlich) und ihn nicht verliere,
den Faden, der hindurch sich dreht

Wenn ich so hingegeben brüte
und kreisen lass das Tintenrohr
und aus der Weisheit Wundertüte
ein Kleinod manchmal springt hervor

Wenn in den vier berühmten Wänden
ich, losgelöst von Gott und Welt,
genügend Wurst und Wein zu Händen
vom Alltagsjammer freigestellt

Dann will es mir bisweilen scheinen
(und grübelnd geht die Hand zum Kinn),
dass, mich den Göttern zu vereinen,
ich beinah schon olympisch bin.

(Ihr werdet das Gefühl nicht kennen,
das nur die Einsamkeit verleiht,
wenn Flammen hoch im Herzen brennen
und keiner löscht sie vor der Zeit.)

Die Laute, die vom Pflaster tönen,
sie kommen wie von ferne her,
dem Raum entrückt, wo ich vom Schönen
und Guten mich wie Platon nähr

(Der Mond nur, der wie eine Leuchte
in Gottes Hand am Himmel hängt:
gespiegelt greifbar in der Feuchte
der Flasche, die mir Roten schenkt.)

So wälz ich mich in meinen Zeilen
und suhle mich im Strophenpfuhl,
Gedichte schließlich auszuteilen
wie Breven vom Apostelstuhl.

Wer sollte meinen Eifer zügeln
und Dämme baun der Worte Flut?
Kann solo ungestraft beklügeln,
was immer in der Welt sich tut!

Kein Weibchen weist mich in die Schranken,
sorgt, dass ich etwas kürzer tret:
So wuchern mir denn die Gedanken
wie Quecken, die man nicht gesät.

Kann wenigstens auf dich ich zählen,
o Fangemeinde: Leserin,
mir deinen Rochus nicht zu hehlen,
wenn ich mal voll daneben bin?

Ruf mich doch einfach an
und sag mir, was dir stinkt.
Dann tu ich, was ich kann –
wenn es der Kunst was bringt.

Weinprobe

BacchusEs mag an Worten mir gebrechen –
an Rotem mangelt es mir nie,
der mir bei mäßigem Bezechen
schon stattliche Gedanken lieh.

Jetzt hab ich ’nen Rosé zu fassen,
der mir von Chile hergeschwappt,
ein derber Bursche, hoch die Tassen!,
der süßlich nicht am Gaumen pappt.

Der soll mir meinen Kiel beseelen:
Pflüg munter übers Blatt hinweg,
Apollos Lorbeer will ich stehlen,
dass er die hohe Stirn mir deck!

Bis hierher ist es gut gegangen,
die 4. Strophe schon erreicht.
Doch ach, da die Schneewittchenwangen
der Buddel sind schon ausgebleicht!

Die letzten Tropfen will ich nutzen,
dass ich ein schönes Ende find
(Hier musst du, Leserin, nicht stutzen:
Den Strick ich nur den Versen bind!).

Schon ist das Abendrot gesunken
bis auf den Flaschenhorizont.
Nur rasch den Rest noch ausgetrunken,
der meinen Abschiedsvers besonnt

Damit in Morpheus treuen Armen
die Poesie ich heut beschließ.
O Musenmädchen, habt Erbarmen,
dass Bakchos ich den Vortritt ließ!

Nachgefragt

imagesPS5BWPHKHe, Leserin, bis du noch da?
Man spricht so wenig miteinander.
Ich fühle just mich Noah nah
und seinem Bruder Alexander.

Der Tag verliert bereits an Kraft,
lässt sich vom Dämmer übermannen.
Mir hilft ein Gläschen Beerensaft,
das Musenpferdchen anzuspannen.

Ob’s leicht und locker galoppiert,
magst an den Versen du entscheiden,
die auf des bleichen Blatts Geviert
allmählich sich in Jamben kleiden.

Ein Kerzenstummel reicht mir aus,
die Klause hier in Licht zu tunken –
wie die Geburt des Weltenbaus
sich schuldet einem Götterfunken.

Mein Geist, der schwächlicher indes
als eines Gottes hoher Brägen,
verzweifelt oft an dem Prozess,
Gedichte in dies Laub zu sägen.

Doch dir zuliebe, Leserin,
halt ich die Leier stets in Ehren,
auch wenn ich’s manchmal müde bin,
den Müll des Helikons zu mehren.

So traulich flackert es daher,
so friedlich flüstert mir die Therme,
dass mir’s, weiß Gott, am liebsten wär,
du teiltest meine Küchenwärme.

Dann ließe ich die Feder fallen,
dann wäre ich des Dranges frei,
zu Strophen unentwegt zu ballen
den Kodder von Gedankenbrei.

Dann würde gern ich mich beschränken
auf eine höh’re Poesie –
dir jeden Tag mein Herz zu schenken,
wie sie ein andrer Gott verlieh!

Verzeih! Ich bin zu weit gegangen.
Der Rote stieg mir wohl zu Kopf
und weckte in mir dies Verlangen,
dass einmal auf den Busch ich klopf.

Nun kann ich auch nicht weiterschreiben,
die Scham erstickt mir jedes Wort.
Doch lass uns, Les’rin, Freunde bleiben –
den Rausch, den schnarch ich mir schon fort!