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Diskretion

DiskretionWill Achtung einmal dem bezeigen,
der eigentlich Gedichte schafft:
Vorm Blatt mich also hier verneigen,
das bleich mir vor der Feder klafft

Und mit dem büttenweißen Leibe
so willig mir vor Augen liegt,
dass, was auch immer ich ihm schreibe,
sein stilles „imprimatur“ kriegt.

Nie hat es was zurückgewiesen
von dem, was ich ihm aufgedrückt,
nicht einen Vers, und auch nicht diesen,
der mir, nun ja, nicht sehr geglückt.

So muss es auch den andern gehen,
die manchmal Sangeslust befällt:
Ihr Lied würd ungehört verwehen,
wär da kein Zettel, der es hält.

Papyrus, dir will Dank ich sagen,
dir, Schiefer, Ton und Pergament:
Statt Worte in den Wind zu schlagen,
man euch sie ins Gedächtnis brennt.

Die Sache hat nur einen Haken:
dass ihr euch nie dagegen wehrt.
Gleich gelten Zwitschern euch und Quaken,
die beide ihr mit Schweigen nährt.

So kommt denn manches euch zu Ohren,
womit man lieber euch verschon.
Auch ich, zum Sänger nicht geboren,
was schuld ich eurer Diskretion!

Zeitgefühl

ZeitgefühlDie Kerze, die mir, wenn ich schreibe,
so still und freundlich zugewandt,
ist, sei sie stattlich auch vom Leibe,
halbwegs zu Boden schon gebrannt.

Ihr Flämmchen, das am spitzen Ende
des Dochtes durch die Lüfte ritt,
in seines Wachses weiche Wände
sich einen tiefen Krater schnitt.

Und statt dass es im Strahl, im reinen,
gebündelt könnt ins Weite ziehn,
hat es nun Mühe durchzuscheinen
durch dies verklumpte Stearin.

Du ahnst schon, Leserin, getreue,
was ich dir damit sagen will:
Die Stunde, der ich mich erfreue,
nicht ein Sekündchen steht sie still.

Und dass mir diese Urlaubstage
vergehn wie im berühmten Flug –
was ich auch, sie zu halten, wage:
Kein Unternehmen scheint genug.

Ob ich am lichten Strand spaziere,
im Bergdorf meine Tapas kau,
im Chor mich eines Doms verliere
zur Kreuz- und Tabernakelschau

Ob ich in maurischem Gemäuer
verspüre der Geschichte Hauch,
den von Gefahr und Abenteuer
in einer Brigg marodem Bauch

Ob ich mit Siebenmeilenreifen
und „autogenem“ Fensterplatz,
chauffiert, Gebirge zu durchstreifen,
erschauernd um die Kurven kratz

Wie leicht gelingt’s mir zu vergessen,
dass mir derweil die Zeit verrinnt.
Natürlich lässt sich so was messen.
Doch meine Uhr, ich glaub, die spinnt.

Geduldiges Papier

imagesSEZVFP33O du, gezeichnet und geschunden,
du mein geduldiges Papier,
wenn ich in fleiß’gen Mußestunden
mit Tinte voll dich tätowier!

Nie hab ein Stöhnen ich vernommen,
nie deines Unmuts barschen Laut,
dass meine Feder unwillkommen,
wenn Zeichen sie ins Fell dir raut.

Und sind doch Tausende gewesen,
seitdem ich mich der Kunst geweiht!
(Kein Schwein kann diesen Kappes lesen,
der förmlich nach Vergessen schreit.)

Du hast nur immer still gelegen,
ergeben, stumm, bereit.
Wie Jakob vor dem Vatersegen,
wie Lot vor Übelkeit.

Warum zum Teufel so gelitten,
so klaglos unterm blut’gen Blau?
Weil Zeilen in die Haut geschnitten,
dass sie die Nachwelt schau?

Vielleicht aus einem andern Grunde?
Womöglich auch aus Stolz?
Ach, fühllos du bei jeder Wunde –
ist denn dein Herz aus Holz?

Wie immer – dieses schöne Schweigen
erleichtert mein Geschäft:
Die Lyra kann ich auch vergeigen,
kein Zerberus, der kläfft.

Kann unbehelligt weiterspinnen
den Faden meiner Griffelspur,
mir ständig Schnörkel neu ersinnen
auf makelloser Flur.

Drum wünschte ich mir, o Schimäre!,
zög je ‘nen Leser ich an Land,
dass er wie diese Blätter wäre –
so herrlich tolerant.

Anleitung

DichtkunstNoch ist es ziemlich unbeschrieben,
das Blatt, das ihr hier seht,
werd’s ändern und mit Pinselhieben
es nehmen ins Gebet!

Und dankbar seid, ihr Leseratten,
dass es mir heut gefällt,
euch Schnuppernasen zu gestatten
den Duft der Dichterwelt!

Alsdann die erste der Lektionen:
Wählt euch ein Thema frei –
und ohne Pegasus zu schonen,
gepeitscht zu Strophe zwei!

Der Rest ergibt sich von alleine.
Seid schön in Schwung ihr erst,
dann tragen besser euch als Beine
die Füße, die geverst.

Indes die Regeln auch beachten:
Stürmt blind nicht einfach fort –
die Les’rin, lasst sie lieber schmachten
am vagen noch, am Wort!

Doch dann wie Jerichos Trompeten
lasst schmettern es zum Schluss,
dass wie aus allen Nähten
die Pointe platzen muss!

So weit hier nur in groben Zügen
die altbewährte Rezeptur –
nun eilt, mit mir das Feld zu pflügen
der schönen Musenflur!

Nur Mut! Sie lassen Milde walten,
Götter verzeihn ja gern.
Wie sonst, dass sie nicht öfter schalten
den Roth, den Morgenstern?

Sie hatten schon mal bessre Zeiten,
genügsam sind sie heut.
Lasst uns darum den Flieger reiten,
auf und gereimt, ihr Leut!

Gelb und rund

images98FAKHUIDa hockt sie gelb und rund,
die Kerze fürs Gemüt,
die heut ihr Viertelpfund
auf meinem Tisch verglüht.

Ich hör sie wieder mächtig schweigen,
ich sehe sie ins Leere starrn,
die Nacht. Und den Trabanten steigen
gemächlich über First und Sparrn.

In ihrem Widerschein,
drei Spannen weiter nur,
erglänzt der Rioja-Wein
wie goldener Velours.

Ein Martinshorn zerreißt die Stille,
und durch die Weite irrt ein Blau,
damit der Notfallhelfer Wille
sich nicht an Kofferräumen stau.

Dazwischen, kupferrot,
mein griechischer Krater,
der Wasser speit zur Not,
ist mir der Wein zu schwer.

Wenn ich den Blick nach oben richte,
ich glaub, die Sterne schlafen noch.
Nur eine Wolkendecke, dichte:
Scharpie auf einem schwarzen Loch.

Der Vorhang, lang und steif,
als wär‘s ein Säulenschaft,
wenn zum Parnass ich schweif,
verleiht mir Götterkraft.

Ein Fenster, das in Neonröhren
wie Jaspis, wie Achat gefasst,
bedeutet herrisch den Flaneuren:
Hier kauft ihr günstig – aufgepasst!

Wie oft ich wohl beschwor
den Kühlschrank linker Hand,
das schlichte Einfallstor
in mein Schlaraffenland!

Der Reifen gutturales Rollen,
des Gummis Reiben auf Asphalt,
wie aus dem Nichts da angeschwollen,
und wieder auch im Nichts verhallt.

Nicht minder auch den Herd
daneben, Wand an Wand,
der ebenso bewährt
als Speiselieferant!

O könnte ich des Schlafs entbehren,
ich wäre stets der Welt gewiss
und könnte meine Stunden mehren
um diese goldne Finsternis!

Die Kerze, gelb und rund,
bewahre mir ihr Licht
und wachs vom Viertelpfund
zum Zentner an Gewicht!

Aus der Klause geschaut

imagesO86UN3NKDa drüben vor den Häusermauern,
da stockt die Stille schwarz und schwer,
dem Tiger gleich scheint sie zu lauern
und glüht mit Argusaugen her.

Würd ich die Hände von mir strecken
und taucht‘ sie in das Dunkel ein,
ich glaub, sie kämen voller Flecken
und rußgeschwärzt mir wieder rein.

Und unten, wo die Steine landen,
birst Licht aus Röhren, neonweiß,
die frohe Botschaft zu umranden:
„Matratzen hier zum Sonderpreis!“

Ein feiner Dunst umgarnt die Szene
wie Rauhreif, zum Gewölk gewebt,
noch eh sich die kristallne Träne
des Winters aus dem Pfühl erhebt.

Da kommt auch schon, ein fahler Flecken,
der Sternenherde treuer Hirt,
der Mond, der ohne Stab und Stecken
im Niemandsland des Himmels irrt.

Es mag kein Lüftchen sich mehr regen,
kein Wurm sich winden im Revier –
auch meine Feder, wohl deswegen,
streift sachter über ihr Papier.

Und wenn nicht hin und wieder Wagen
bezeugten einen Rest Verkehr,
man spürte wohl ein Unbehagen,
als ob die Stadt gestorben wär.

So sammle zu der späten Stunde
ich die Gedanken ungestört,
die ihr aus meinem Strophenmunde
hier lautlos zu euch sprechen hört.

Den Musen scheint es zu gefallen,
wenn Kränze still Eirene flicht –
das Laute, mag’s im Lärm verhallen!,
erreicht ihr Ohr, das feine, nicht.

Nach der Feier

images3YT5WWBTNoch gestern saß in froher Runde
im Gasthaus ich zum Wiegenfest,
jetzt, zu der gleichen Abendstunde,
wie’n Vögelchen allein im Nest.

„Na, einen könn‘ wir noch vertragen“,
dies Motto hatte Konjunktur,
dass mordsgeräumig denn der Magen
manch Schnäpschen in die Scheuer fuhr.

Was keineswegs die Stimmung trübte –
im Gegenteil, sie stieg noch grad
im Maß, wie man das Prosten übte
mit seinem Tresterdestillat.

Wie ging es da so ausgelassen,
so herzerfrischend fröhlich zu –
beim Schmausen wie beim Hoch-die-Tassen
erwärmte sich das Ich am Du!

Nun hocke ich beim Wermutstropfen:
dem grauen Alltag hinterher –
und höre nur den Zeiger klopfen,
als ob da noch ein Herz wo wär.

Ihr kennt sie ja, die alte Leier:
mein Opferritus stets zur Nacht –
Gedichte, die in schlichter Feier
den Musenschwestern dargebracht.

Und über die gibt’s nichts zu klagen –
sind sie doch allezeit geneigt,
will ich auf flottem Versfuß wagen
ein Tänzchen, das die Lyra geigt.

Wo also wahre Freude finden?
Am Stammtisch zwischen Hahn und Fass?
Da, wo das Flug-Ross anzubinden,
am Dichterluftschloss, am Parnass?

Ach, ich bin hin- und hergerissen
vom einen zu dem andern Pol:
Bei dem muss ich die Künste missen,
bei diesem – alles andre wohl.

Die Dinge glücklich zu verknoten,
kam dieser Trick mir in den Sinn:
Ich schlürf genüsslich meinen Roten
und streu den Göttern Blüten hin.

 

Abgesang

HermesJetzt hat er sich gelegt, der Regen,
und auch der Wind gibt endlich Ruh,
im Geisterhaus der Nacht bewegen
sich nur die Sterne ab und zu.

Und manchmal huscht an den Fassaden
gespenstisch noch ein Licht dahin,
als wären rhythmisch sie geladen
und flössen Teilchenschauer drin.

Nun, um’s prosaischer zu sagen:
Von Autos stammt der schöne Schein,
die nächtlich noch ein Tänzchen wagen
auf nimmermüdem Gummibein.

Ich aber lausche den Gedanken
und feil an meinen Versen fort,
die immer dichter sie umranken
und immer fester mit dem Wort.

Die Kerze wieder treu zur Seite,
als ob sie mir ein Leuchtturm wär,
dass heil sie mich ans Ufer leite
durchs unwegsame Musenmeer.

Und Wein muss mir den Rum ersetzen,
des Seemanns festen Stern und Pol –
doch um des Geistes Saat zu netzen,
reicht schon der kleine Alkohol.

Ein bisschen ist schon aufgegangen
von diesem Samen, wie man sieht:
Die Zeilen, die ins Dasein sprangen
schon jetzt, vorm Ende von dem Lied.

Hier sitz ich, wie ich stets gesessen,
und streue Verse mir aufs Blatt.
Es wurde dunkel unterdessen,
der Tag sah sich an Sonne satt.

Schon will auch ich nicht weiterschreiben,
da Müdigkeit mein Lid beschwert.
Ich eile denn, mich zu entleiben
in Schlummer, der nicht ewig währt.

Als letzten Gruß will ich noch sagen:
Lebt wohl denn, meiner Kunst beraubt.
Da kommt er schon mich fortzutragen,
der Bursche mit dem Flügelhaupt!

Austauschbar

imagesN7YIJK0NDu, Kerzlein, du erinnerst mich
an deine Schwester sehr,
die dir bis auf die Schnuppe glich,
als ob sie du nun wär.

So manches Mal sie vor mir stand
zur späten Abendstund,
und ging allmählich dann im Brand
ihr weißer Leib zugrund.

Sie strahlte, ach, wie du so hell
und flackerte so froh,
wie nur des Feuers reinster Quell
entflammt so lichterloh.

Dass Zauberkräfte sie besaß,
da bin ich mir gewiss:
Wann immer ich auch Verse maß,
in Reime mich verbiss

Hat still und unbemerkt sie mir
ein Fünkchen zugesandt,
weil je und je auf dem Papier
ich was geschrieben fand.

Sie fehlt mir und sie fehlt mir nicht –
du gleichst ihr ja aufs Haar.
Da sieh: Sechs Strophen, ein Gedicht!
Das machst du wunderbar!

Sublimation

imagesX93CY41UDa hast du’s, Freund, ich sublimier,
verdränge im Gedicht,
indem ich tausend Reime schmier
und tausendmal Verzicht.

Dem Flug der Taube seufz ich nach,
der Möwe dort im Wind,
doch ohne, dass das Herz mir brach
wie für ein schönes Kind.

Und sieh, mit wie viel Zärtlichkeit
die Rose ich liebkos –
doch wär mein Sinn so wild und weit
für eine Blume bloß?

Der Himmel, der sich gleich dem Meer
ins Uferlose spannt,
ach, gibt der nur die Hälfte her
so einer süßen Hand?

O wie ich jauchzend sie umarm,
die herrliche Natur –
und ist doch nicht von Blut so warm
mein Herz, von Tinte nur.

Und dieses, welches mir ja hier
so manche Strophe nährt,
ist’s nicht Metapher, Floskel, Zier,
ein Muster ohne Wert?

Doch wenn die Dichter glücklich wärn:
Wer nähme sie noch wahr,
die Welt, die doch in allen Ehrn
so weiblich wunderbar?