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Stillleben mit Küche

Stillleben mit KücheMein Küchenstück: Die hohlen Wangen
der Kerze, die sich still verzehrt
in einem, was weiß ich, Verlangen,
das glühend ihre Flamme nährt.

Und nicht einmal zwei Zoll daneben
die Flasche, die wie’n Leuchtturm wacht,
dem Geist die Richtung vorzugeben,
der noch in Nebel irrt und Nacht.

Wenn wir sie Don Quichotte vergleichen,
so schlank und gut fürn Höhenflug,
dann ist, mit Bauch als Markenzeichen,
sein Sancho Pansa dieser Krug

Der immer treulich ihm zur Seite
des Wassers Weisheit offeriert,
wenn’s Herrchen schon um Haaresbreite
den nüchternen Verstand verliert.

Und, gleichsam strophisch ihn zu teilen,
den Wein, der wieder mal ‘n Gedicht,
muss auch ein Gläschen da verweilen,
wie es dem Sinn fürs Maß entspricht.

So weit. Bis auf die Kleinigkeiten,
die wechselnd ebenfalls dabei:
das Knabberzeug aus Schinkenseiten
und Käselaiber-Allerlei

Aus Fischgeschnetzel, Hähnchenflossen,
aus saurer Sülze und aus Sild,
aus Krabben, die ins Kraut geschossen –
na, was den Appetit so stillt.

Der ganze Fundus für den Brägen,
der Schmiere braucht zum Fantasiern,
und auch, um untern Nackenschlägen
Apolls den Mut nicht zu verliern.

Ein Küchenstück der besten Sorte:
wo alles tot und traurig liegt.
Alt-Niederland: Nature morte –
die Gans, die auf den Haken fliegt.

Nun, da sie in Museen modern,
muss an den Dingern doch was sein,
muss doch die Musenflamme lodern
noch unter Asche und Gebein.

Mag euch auch sonst nichts dran berücken,
was ich bescheiden hier erfand –
doch dass von all den Küchenstücken
dies einmal nicht von Malerhand!

Langer Atem

Langer AtemWenn irgendwie Talent ich hätte,
ich glaub, ich möchte Barde sein,
geduldet an der Musenstätte
mit andern Vögeln im Verein.

Und derart sollte man mich preisen,
dass, wie’s dem Avon-Schwan geschieht,
man in den höchsten Krittelkreisen
mir gar bestreitet so ein Lied!

Doch haben mir die Schicksalszicken
Zeuswotanschiwa sei’s geklagt!,
um gleich mir was am Zeug zu flicken,
das rechte Federkleid versagt.

Anstatt mich himmelwärts zu schwingen
in eines Adlers lyr’sche Höhn,
muss kläglich ich am Boden singen,
bloß wie ‘ne Nachtigall so schön.

Kein Grund indessen, mich zu grämen:
Wenn schon nicht Stars unendlich fern,
will einen Punkt zum Ziel ich nehmen
knapp unter unserm Morgenstern.

Geliefert hab ich manche Probe,
damit den Anspruch ich bestärk,
und – Schimpf, dass ich mich selber lobe! –
zwei Leute schätzen schon mein Werk.

(Darin natürlich eingeschlossen
bist du, o einz’ge Leserin,
die du seit Jahren unverdrossen
ringst mit der Zeilen Zweck und Sinn!)

So fühl ich mich auf gutem Wege
zum Fuß – nicht Gipfel – des Parnass,
wo ich als Opfer hinterlege
des Hirns bescheidnen Aderlass.

Ich hoff, es nehmen auch die Götter,
sich mal die 2. Liga vor,
nicht als der Minderleistung Spötter,
nein, Fans für jedes schöne Tor.

Die alte Weisheit soll mich lehren,
dass man nicht alles haben kann.
Will mich nach Massen nicht verzehren –
mir reicht vorerst der dritte Mann.

Und wenn entsprechend dem Systeme,
das nach dem Schneeball man benennt,
mein Vers in aller Munde käme,
in tausend Jahrn mich jeder kennt.

‘ne kurze Frist, wenn wir bedenken
das Maß der unbegrenzten Zeit
und dass sie reicht, sie ihm zu schenken,
dem Dichter, die Unsterblichkeit.

Paradiesesfrieden

ParadiesesfriedenAus allen Fenstern atmet Frieden,
von aller Dächern Stille her,
als ob Jerusalem hienieden
wie jenes dort im Himmel wär.

Und aus der Häuserschlucht ein Rauschen,
als flöge da der Engel Heer
auf Flügeln, die sich immer bauschen
und immer fallen feucht und schwer.

Mit langen Schritten tasten Reifen
sich heim auf schlüpfrigem Asphalt,
und die verwaschnen Zebrastreifen
gebieten ihnen nicht mehr Halt.

Laternen dämmern in das Dunkel,
ihr Haupt gebeugt von Schläfrigkeit,
und Dunst erstickt das Sterngefunkel
wie Rauch, den man den Göttern weiht.

Und was da unten auf der Straße
an Lärm nun nicht mehr steigt und fällt,
verschwindet in dem gleichen Maße
hier oben auch in meiner Welt.

Behaglich räkelt sich das Feuer
auf seines Dochts verkohltem Grund,
geduldig wie ein Wiederkäuer
der Gräser wälzt im Mühlenmund.

Und an der Wände glatten Fliesen
und wo sie die Tapete hüllt
erhebt sich gleich bizarren Riesen
der Möbel scheues Schattenbild.

Was meint ihr von dem smarten Kasten,
der gerne große Töne spuckt?
Genau. Ein Druck auf seine Tasten –
da hat er sich nicht mehr gemuckt.

Und ich, im Auge dieser Stille,
ich schlürfe Antipodenwein,
flöß mit Australiens Rebenpille
mit jedem Schluck mir Schlummer ein.

Ein Wunder, dass bei solchem Tropfen
ich’s überhaupt so weit gebracht –
er hätt mir ja das Maul auch stopfen
schon können, nun, bei Nummer acht.

So seht mich denn mit stolzem Busen
und würd’gen Schritts zu Bette gehn,
der Liebling immer noch der Musen –
zählt nur die Strophen: über zehn!

 

Eine Urlaubsszene

Eine UrlaubsszeneWie häufig hab ich nicht gesessen,
vom milden Hauch der Nacht umhüllt,
die Welt der Akten zu vergessen,
die sonst mein kleines Dasein füllt

In dieser Palme schönem Schatten,
beschirmend mich vorm Sternenlicht,
das scheu den Doppelzaun der Latten
gefiederten Gezweigs durchbricht.

Wie wohlig ist’s mir da gewesen,
wenn ich so sinnend draußen saß,
im Buch des Himmels noch zu lesen,
das niemand je zu Ende las.

Und über mir, am sichren Faden
im unerschütterlichen Bau
des Kosmos zeigten die Plejaden
in stummem Fluge ihre Schau.

Bisweilen huschte an der Mauer
ein Tier noch, oder am Balkon:
Dann war’s ein Gecko – kurze Lauer,
im nächsten Augenblick davon!

Kaum noch ein Laut ließ sich vernehmen.
Selbst die Zikaden gaben Ruh.
Vom Strand her nur, so schien’s mir, kämen
noch dumpfe Seufzer ab und zu.

Mit seinen alterskrummen Knorren
stach schwarz der Ölbaum von der Wand,
ein Greis, verwunschen und verworren,
der als Gespenst hier festgebannt.

Nicht weit davon, dem Blick entzogen
wusst ich Zitronen überreich,
die schwer an ihren Ästen wogen,
doch blutleer nun und seltsam bleich.

Wie hieß doch gleich noch diese Blume,
die farblos starrte aus dem Dust
von ihres Beetes trockner Krume?
Ich weiß nur, dass ich’s mal gewusst.

Ein Kerzchen wachte mir, zu hüten
den letzten Funken trüber Sicht.
Oleander schwamm in dunklen Blüten.
So träumend braucht ich Träume nicht.

Spätes Hobby

Spätes HobbyDer Wind hat sich zur Ruh begeben,
die Flaggen baumeln schlaff am Mast.
Dem himmelschrei’nden Straßenwesen
hat einen Maulkorb man verpasst.

Doch umso greller die Fassaden:
Kaum zeigt der Tag sein Nachtgesicht,
da rankt um Kneipe sich und Laden
schon bontjefarbnes Neonlicht.

Die Sterne kann man glatt vergessen,
wie sehr sie auch am Himmel glühn:
Was ist ihr Einheitsweiß, gemessen
an diesem Tanz von Blaurotgrün!

Darüber: Nackte Fensterscheiben,
durch die ein matter Schimmer dringt
vom kunterbunten Bildschirmtreiben,
das trübe Blicke auf sich zwingt.

Wer sich im Alltag aufgerieben,
zog sich ins Schneckenhaus zurück.
Sich nerven, langweiln, quälen, lieben –
Gemäuer hüllt das Abendglück.

Zu dem, ich will es nicht verschweigen,
auch das gehört, dem ich mich weih:
den Musen auf das Dach zu steigen
zur Zwanzig-Uhr-Poeterei.

Nur gut, dass mir in meiner Klause
kein Deubel auf die Finger guckt
und sieht, wie mir die Rebenbrause
am Ende in die Suppe spuckt.

Merkt’s nicht der Kritikus, derweilen
mal so, mal so gefüllt das Blatt?
Nein. Weiß er doch, ein Sack voll Zeilen
mal so, mal so viel Strophen hat.

Es wird inkognito geschrieben,
was für die Welt geschrieben ist.
Wein hilft – und hindert nachzuschieben.
Was (Letzteres) man leicht vergisst.

Kleine Welt

Kleine WeltIst das da wirklich meine Welt,
dies „Küchenstück“ im Fensterrahmen,
an dem sich trist die Farbe pellt
von längst schon unbekanntem Namen?

Fassaden, die ein Dach bekrönt,
von dem sie zinkne Traufen trennen.
Mal düster, mal von Licht verwöhnt
die Ziegel wie die Hausantennen?

Und Gläser, die gebrochnen Blicks
pupillenlos nach innen stieren,
der Scheiben fadenschein’ger Mix
von Tönen, die in Grau changieren?

Die Straße, die ihr dickes Fell
beharrlich bietet ihren Tretern,
sei’s Schuhwerk oder Fahrgestell,
geduldig, ohne Zorn und Zetern?

Und über alles dies gespannt
ein Himmel wechselvoller Leere –
Azur von makellosem Brand,
Gestirn von schwereloser Schwere?

Ein Ausschnitt ist’s nur vis-à-vis,
ein Fetzen, dem wir Fülle leihen,
so wie sich in der Galerie
die Schinken aneinanderreihen.

Und jeder will auf seinem Feld
als Kosmos sich verstanden wissen,
denn Kunst, die aus dem Rahmen fällt –
was ließ sie neben sich vermissen?

Wie sollte der Museumstrick
bei mir indessen stets verfangen –
sucht nicht bisweilen auch mein Blick
in größre Weiten zu gelangen?

Dann wandert über Dächer hin
hinaus er aus der Klause Enge,
dass er dem erdverklebten Sinn
ein Loch in seine Blindheit sprenge.

Und sehe ich vom Himmel her
des Mondes Aug beharrlich spähen,
dann weiß ich hinterm Häusermeer
millionenfach die gleichen Nähen.

Wohl Menschen auch von gleichem Schliff,
die es in schwacher Stund bedauern,
dass wie Korallen sie im Riff
am angestammten Ort versauern.

Zu denen ich entschlossen flieg
auf meinen schwarzen Tintenschwingen,
wenn ich wie jetzt den Raptus krieg,
Gefühle mir vom Leib zu singen.

Dicke Luft

Dicke LuftMit keinem würd ich heute tauschen,
so heiter leb ich meinen Tag.
Solln draußen ruhig Schauer rauschen,
ich nehm die Bude in Beschlag

Um mir genießerisch zu würzen
das Säkulum der Sonntagsruh,
mit Singen etwa, Schnurrbartkürzen –
sonst kommt man schließlich nicht dazu.

Auch zur Lektüre wird gegriffen,
um kurz bei Bunin zu verweiln,
der Weite Russlands und den Pfiffen
der Loks, die rastlos sie durcheiln.

Was soll ich euch noch mehr erzählen?
Auch Tee gehört zur Tageskost.
Den grünen kann ich nur empfehlen –
ostfriesisch, doch à la Fernost.

Nur einmal hat es unterbrochen
den Frieden Marke „Paradies“,
als zuckend wie ein Zitterrochen
ein Blitz in diese Leere stieß

Gefolgt von einem Donnergrollen,
das tausend Tiger übertraf,
so dass man hätte meinen sollen,
es reißt die Toten aus dem Schlaf!

Doch diesen Wetterwidrigkeiten
bot ich (sieh auch Vers eins) die Stirn.
Ja, mir gefiel’s, zum Stall zu schreiten
und meinen Pegasus zu schirrn.

Der Lyrik, müsst ihr nämlich wissen,
ist stets ein blauer Himmel grün,
dass ungestört von Hindernissen
sich Dichter zum Parnass bemühn.

Und seht, schon bin ich eingetroffen,
von Gaul beflügelt und Begehr –
der Götterfeste Tor weit offen,
nicht einmal klingeln muss ich mehr.

Da kommen von der Kemenate
auch schon die „Herrn“ der Burg geeilt,
die Musen, neunfach Duplikate,
die neunfach sich die Kunst geteilt.

Und treten freundlich mir entgegen
wie einem, den man leiden kann,
dass sich ein wenig Stolz zu heben
in meiner bangen Brust begann.

„Zuvörderst lasst mich Euch entbieten,
erhabne Schwestern meinen Gruß.“
Oh, ich versteh mich auf die Riten
und diesen ganzen Floskelschmus!

„Schön, dass nach kurzem Höhenfluge
der Zelter mich zu Euch geführt –
man schätzt zu Recht, die Art, die kluge,
und er den Stall, der ihm gebührt!“

Da löste aus Euterpes Munde
so seltsam sich ein Sprechgesang,
dass es wie Zwitschern in der Runde,
wie tausend Nachtigallen klang.

So viel hab ich davon verstanden:
„Dein Klepper ist nicht Pegasus.
Mit dem kannst du bei uns nicht landen,
hau ab, sonst gibt’s ‘nen Pferdekuss!“

Ihr glaubt, das hätte mir verdorben
die Lust am lyrischen Parcours?
Hab ja ein dickes Fell erworben –
der Giftpfeil macht es dicker nur.

Beim nächsten Anlauf wird es klappen,
jetzt weiß ich ja, was dort gefällt –
werd Drosseln mir als Lehrer schnappen
und zwitschern, was die Gurgel hält!

Vorfreude

VorfreudeEin letztes Mal will ich genießen
die Tage ohne Druck und Drang,
die still und heiter mir verfließen
fern von Büro und Aktenzwang.

Die Koje muss ich erst verlassen,
wenn schon im Licht die Bude liegt
und die Geschäftigkeit der Gassen
mich doppelt ins Nirvana wiegt.

Ein Tässchen Tee dem Herrn gefällig?
Gewiss doch, James, wie immer gern!
(Die Lust am Schauspiel, unterschwellig.)
Und Beutel aus der Packung zerrn.

Nie will das Ei mir besser schmecken,
als wenn so lang ich drüber brüt:
Ins Gelbe gleiten, Löffel lecken –
nur keine „Nasen“, Gott behüt!

Was gibt es Neues aus dem Äther?
Mal hören, was die Kiste spricht.
„Parteien…Unglück…Missetäter…“ –
verdrießlich nur das Wetter nicht.

Gleich sich zur Tasse wieder wenden.
Am besten noch ein Buch zur Hand.
Von diesen ungelesnen Bänden
vielleicht „Alice im Wunderland“?

Und schon bin ich mit ganzer Seele
so drin, als ob ich’s selbst erführ,
dass ich das Löffelziel verfehle
und blindlings in der Butter rühr.

Die schönst Frühstückszeit indessen
geht mal zu Ende – sei es drum!
Doch an dem freien Tag gemessen,
nehm ich die Kürze ihr nicht krumm.

Jetzt will ich erst mal Kaffee kochen,
dass sein Aroma mich erfreu,
dieweil mit früheren Epochen
ich schmökernd meinen Geist zerstreu.

So geht den ganzen Tag es weiter,
die eine jagt die andre Lust,
dass gleichsam du als Wegbereiter
der Lüste, Leser, sehn mich musst.

Du meinst, es graut mir vor den Stunden,
da ich im Drehstuhl wieder hock,
nur in Funktionen eingebunden,
zwischen PC und Aktenbock?

O nein! Dann will ich gern verrichten,
worin ich selten Freude fand:
den kleinen Rest der Arbeitspflichten –
zwölf Wochen vor dem Ruhestand!

Gedanken dämmern

Gedanken dämmernMir scheint, der Sonntag will ermüden.
Schon dunkelt Blässe im Azur.
Wie leergefegt der ganze Süden,
den grade noch ein Stern befuhr.

Der Dächer Kanten da und Ecken
schon angehaucht vom Rosenschein
der Strahlen, die die Waffen strecken,
die glänzend sie dem Mittag leihn.

Schon übertüncht die Steinfassaden
ein Grau, wie Laken es befällt,
die unberührt in Eichenladen
die Jungfer sich als Hoffnung hält.

Beinah ist auch der Lärm erstorben
der Autos, Stimmen, Feuerwehr,
und weht schon rein und unverdorben
der Abend frisch als Wind daher.

Bald muss die Kerze ich entzünden,
sie wächst ja mit dem Dunkel mit.
So seh ich denn in Schatten münden,
was eben erst sich Licht erstritt.

Selbst dieser Weißherbst geht zur Neige
und welkt im Flaschenglas dahin.
Sic transit? Besser wohl, ich schweige –
dass einmal Philosoph ich bin.

Abgeblitzt

AbgeblitztTreff nächtens ich die Musen,
kann ich‘s mir nicht verknusen,
die göttlichen zu schmusen,
von Sangeslust beseelt.

Doch sie drehn die Gesichter,
o schrecklich strenge Richter!,
von diesem drögen Dichter,
der ihnen grad noch fehlt.

Das heißt, die Dinge enden,
wie stets in Männerhänden:
Dann muss man eben schänden,
vor Lust und Liebe blind.

Als Frucht seht diese Zeilen
dem Pinsel mir enteilen,
die auch beim besten Feilen
noch ungehobelt sind.