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Beetbrüder

BeetbrüderHe, Gärtner, die ihr am Balkone
gern euren grünen Daumen wetzt,
ich hoffe nicht, euch schert die Bohne,
was in die Kübel ich gesetzt!

Dem Buchsbaum, muss ich euch gestehen,
dem meine große Hoffnung galt,
hat es gefallen, einzugehen,
nachdem er reichlich gelb schon bald.

Nur kurz mal euren Blick erheben
und mit Int`resse hergeschaut –
dann seht ihr an den Gitterstäben
im Tongefäß das Heidekraut!

Und statt dass Grün, wie`s fröhlich prangte,
bevor es gallig sich empfahl,
zur höchsten Blüte nun gelangte
ein zartes Rosa auf einmal.

Mögt ihr wie ich euch dran erfreuen
als Nachbarn, die mir lieb und wert,
doch würde ich mich auch nicht scheuen
zu hörn, was ihr als Kenner lehrt.

Sind das robuste Zeitgenossen,
die Wind und Wetter widerstehn
und selbst in höheren Geschossen
nicht schleunigst in den Keller gehen?

Wie häufig muss ich mit der Kanne
die Erde rings besprengen wohl,
damit in angemessner Spanne
die Wurzel sich ihr Quäntchen hol?

Gern folg dem Rat ich der Experten,
dern Kunst mir in die Augen fällt,
weil gleich den hängenden, den Gärten,
sie ihr Fassadenbeet bestellt.

So weit bring ich es nie indessen:
Semiramis zum Greifen nah –
doch hätt zumindest gern besessen
recht lang die schöne Erika!

Außenwerbung

AußenwerbungWenn ich mal aus dem Fenster blicke,
kuck ich auf `ne Reklamewand.
Dern Mieter haben’s sicher dicke,
denn riesig wirkt sie und markant.

Nicht einfach `ne pompöse Pappe,
die da wer weiß wie lange klebt,
bis vier, fünf Jahre später, schlappe,
sie blätternd sich vom Boden hebt.

Nein, eher so was wie ein Segel,
das an den Seiten gut geschnürt
und das man bis zum höchsten Pegel
an Schoten in den Himmel führt.

Doch müssen auch nach oben steigen
die Burschen, die das Ding montiern,
und ihre Kletterkünste zeigen,
um an der Wand nicht abzuschmiern.

Und schließlich zerren sie und zurren
das Plastiklaken derart fest,
dass, mag das Windrad noch so schnurren,
es sich nicht blähn und knicken lässt.

Erledigt. Und der Lohn der Mühen?
Ein Bild, das in den Lüften schwingt
und mit Krediten, Quark und Kühen
gleich jedermann ins Auge springt.

So kriegt denn im Vorübergehen
und –fahren unser Bürger mit,
was er noch dringend muss erstehen
an dem und jenem Killefit.

Als Sokrates` gefühlter Erbe
mir jedes Marktgeschrei missfällt –
dies balzhaft blendende Gewerbe
um Kunden und ihr liebes Geld.

Und doch kann ich mich nicht entziehen
dem, was verlockend da gemalt,
wenn mit dem Licht, das ihm geliehen,
es nachts in meine Träume strahlt.

Etwas Latein

Etwas LateinHabt ihr noch viel im Kopf behalten
vom Wissen, das euch eingebläut –
von Fakten und von Lichtgestalten,
die euch der Pauker vorgekäut?

Sic: Heldenhafte Römerschlachten,
sic: Feldherrn, Konsuln, Senatorn,
sic: Stoiker, die weiter dachten,
sic: Catilina, der verschworn?

Und auch, mit diesen eng verbunden,
die Sprüche, die sie ausgesandt,
dass sie den Erdkreis nun umrunden,
weil sie so treffend wie markant

Und noch nach Tausenden von Jahren
den Geist der Alten konserviern,
wenn Cato wir und die Cäsaren,
Horaz und Seneca zitiern?

Wohl eher nur im Allgemeinen,
was nolens volens noch bewusst:
Augustus‘ jämmerlich Beweinen
des Varus, Varus Schlachtverlust,

Und dann der mit der Pinkelsteuer,
der reinwusch vom Verdacht das Geld,
es sei nicht mehr so ganz geheuer,
wenn sich Odeur dazugesellt.

Wohl auch vom Würfel noch die Worte,
die einst der Julier fallen ließ,
als er am Rubikon die Pforte
zur Macht am Tiber offen stieß.

Fragmente, die im Hirne hausen
in einem Winkel wo versteckt,
doch manchmal auf die Zunge sausen,
vom Ruf der Eitelkeit erweckt.

Dann will der Mensch mit Bildung glänzen
als Erbgut der Pennälerschaft,
das er mit Schlafen und mit Schwänzen
sich weiß der Henker wie errafft.

Non scholae, sed vitae discimus.
Mens sana …, … fortiter in re.
In infidelium partibus.
Et patrimonium in spe.

Zusammenhängend so zu schwätzen
tut nirgends auf der Welt noch not.
Doch geht mit solchen Redefetzen
die tote Sprache auch nicht tot!

Im Stau

Im StauDie Lebensmittel, grad erstanden
am angestammten Einkaufsort,
wie üblich erst einmal verschwanden
im Kofferraum für den Transport.

Dann kletterten wir in die Kiste
und nahmen unsre Sitze ein,
um auf der altvertrauten Piste
ruckzuck gleich wieder heim zu sein.

Doch nur ein paar Minuten später
war’s aus mit der beschwingten Fahrt,
weil eine Schlange, Kilometer!,
sich plötzlich vor uns offenbart.

Da hieß es in die Eisen steigen,
dass man ihr auf den Schwanz nicht trat,
und ungewollt sich vorwärts neigen
so à la Bodenakrobat.

Ist grade noch mal gutgegangen,
zwei Zentimeter weiter und…
Dafür in diesem Stau gefangen,
der kaum ein besserer Befund!

Wir hatten aber keine Eile
und waren mäßig nur frustriert.
Geplaudert und aus Langeweile
die Staugenossen inspiziert!

Ein Musterbuch der Automarken
war aufgeschlagen ringsherum –
mit großen, kleinen, schwachen, starken,
mit Mittelmaß und Premium.

Und wie es üblich in `nem Buche,
wo sich ein Bild ja nicht bewegt,
schien’s, dass gebannt von einem Fluche
das Blech hier feste Wurzeln schlägt.

Mercedes standen da und Porsche,
der Tiguan und der Touareg,
der ganze Nobelclub, der forsche,
hier lahmgelegt an einem Fleck.

Doch dann ist Leben reingekommen.
Man hat sich schließlich Luft verschafft
und wieder Tempo aufgenommen
nach seiner Pferde Leistungskraft.

Der Eitelkeit die Zügel schossen,
je mehr der Tacho hochgeschnellt,
und rasch war zwischen Boys und Bossen
der Abstand wiederhergestellt.

Die Stockung aber stimmt mich heiter,
weil blind sie für den Status ist:
Der dickste Schlitten kommt nicht weiter,
wenn noch so viel er Super frisst!

Verschiedene Aussichten

Verschiedene AussichtenJetzt sind sie weg, die Hütten eher
als Häuser man zum Wohnen heißt,
gekappt vom großen Rasenmäher,
dem Bagger, der nur niederreißt.

Und in der Lücke, die geschlagen,
damit sie ein Investor schließt,
inzwischen auch die Türme ragen,
aus denen ihm die Kohle fließt.

Die fast bis an den Himmel reichen
mit ihren Balken, Sparrn und Spiern,
um die Profite einzustreichen,
die aus der Höhe resultiern.

Als Nachbar würd ich nicht behaupten,
dass mir der neue Blick gefällt –
die Steine, die sich höher schraubten,
ha’m ziemlich mir die Sicht verstellt.

Doch damit lässt es sich ja leben –
kein Beinbruch für das Aug, das schweift,
nur: Wo hat der sich hinbegeben,
dem man das Dach vom Kopf gestreift?

Ich grüß euch, strahlende Fassaden,
die ihr aus Schutt geboren seid,
und mit euch diesen Luxusladen
und das Hotel im Sternenkleid!

Wo habt den Bruder ihr gelassen,
die Schwester, die den Ort bewohnt?
Sie starben unter Ziegelmassen,
hat auch der Bagger sie verschont.

Freie Meinung

Freie MeinungNun, nennen wir ihn mal zum Spaße,
auch wenn er überall zu Haus,
den Mann (Verzeihung!) von der Straße
mit Namen Kuddel oder Klaus.

So einer kreuzte meine Pfade
erst neulich in `nem Supermarkt,
wo er, erleuchtet von der Gnade,
mit Weisheitssprüchen nicht gekargt.

Der Fremdling, so sein Weheklagen,
die werte Kundschaft zu belehrn,
empfindet größres Wohlbehagen
als unsereins, sich zu vermehrn.

Und scheut sich nicht zu produzieren
in großer Menge Kind für Kind,
um diese Lande zu regieren,
wenn Deutsche ausgestorben sind.

Nicht jedem in der Kassenschlange
gefiel, was der da hingeschwatzt,
und deshalb dauert‘ es nicht lange,
bis wem der Kragen auch geplatzt.

Doch gab sich der Prophet geschlagen,
warf er die Flinte gleich ins Korn?
„Ich will ja nur die Wahrheit sagen“ –
(ein Luther!) und begann von vorn!

Die Ströme derer, die vertrieben,
indessen immer weiter schwelln –
und auch die Rufe, abzuschieben
die ungebetnen Tischgeselln.

Ein Beispiel nur: Der Volksgenosse,
der sich dem Leid der andern sperrt
und seine Gründe aus der Gosse
herbei sich an den Haaren zerrt.

Die Art von Deutschen, meine Güte,
was wär an denen denn verlorn?
Ich schleppe meine Einkaufstüte,
das Keifen lang noch in den Ohrn.

Liebe Sommerzeit

Liebe SommerzeitWohin, mein Herz, um Freud zu suchen
in dieser feuchten Sommerzeit?
Ein Fehler wär’s, Natur zu buchen:
Die fröstelt unterm Regenkleid.

Genauso wenig wär zu hoffen
von ihrem Widerpart, der Stadt,
zu deren Schluchten, sträflich offen,
ja ihre Nässe Zutritt hat.

Da peitscht der Wind dir um die Ohren
so klatschend, dass man’s nicht beschreibt
und selbst den Funk-Berufs-Euphoren
das „Immerhin“ im Halse bleibt.

Um den Humor nicht zu verlieren,
mit dem ja alles steht und fällt,
empfiehlt es sich, zu retirieren
ins wasserdichte Ziegelzelt.

Und da geduldig abzuwarten
der Wetterfrösche Prophetie,
die wie der Wahrsagerin Karten
ja immer richtig – oder nie.

Geborgen hinter dicken Mauern,
die kein Zyklon ins Wanken bringt,
lässt sich’s auf bessre Zeiten lauern,
die kommen müssen – unbedingt.

Doch wer würd `ne Prognose wagen?
Bevor der Sommer noch entflohn?
Der aber zählt nur noch nach Tagen –
die ersten Blätter fallen schon.

Unter Hausarrest

Unter HausarrestWo jede Freiheit ich genossen,
wo jeder Weg mir offen stand –
wie in ‘nem Kerker eingeschlossen
nun eisern zwischen Tür und Wand!

Zwar klappert keiner hier die Runde
mit amtsgewalt’ger Miene ab
und scheppert mit dem Schlüsselbunde
auf leisen Sohlen, tapp, tapp, tapp.

Auch kommt kein Anstaltspsychopater,
der auf den Brägenbusch mir klopft,
um rauszukriegen, ob Theater,
ob Ernst mir von den Lippen tropft.

So wie’s auch fehlt am Herrn Direktor,
der über allen Wolken schwebt
und drum in seinem schmalen Sektor
fast nur noch als Legende lebt.

Doch hält mit ihren schwarzen Krallen
die Nacht mich fest in meinem Bau
und lässt nur in den Schlaf mich fallen,
damit ich ihre Fratzen schau.

Indes von draußen, von der Treppe
tönt jäh mir ein Geräusch ins Ohr,
als ob sich da ein Nachbar schleppe
mit schwerem Schritt nach oben vor.

Gewiss ein armer Zeitgenosse,
der gleichfalls sich in Haft begibt
und über mir im Dachgeschosse
den Hintern in die Zelle schiebt.

Doch ehrlich, was wir nachts erleiden,
ist andrerseits durchaus human.
Wir müssen uns nicht streifig kleiden
wie einer auf der schiefen Bahn.

Und können mancherlei genießen –
Lektüre etwa, Film und Funk,
und, um den Vogel abzuschießen,
‘nen ausgesuchten Schlummertrunk!

Reine Lyrik

Reine LyrikWie heiter plätschern meine Verse
von Strophe so zu Strophe hin,
Gedanken im Gepäck, diverse,
und manchmal ‘ne Idee im Sinn.

Ein schöner Fluss, der weder Schnellen
noch irgendwelche Strudel kennt,
geschweige denn in Wasserfällen
koppheister aus dem Ruder rennt.

Doch will er nicht den Anschein wecken,
er flöss in blinder Seligkeit
und sähe nicht die Schmuddelecken
an seinen Säumen weit und breit.

Die voll von ekligen Gerüchen
nach allem, was zersetzt, zerkaut,
und mehr noch nach den Teufelsküchen,
wo Hass und Gräuel man verbraut.

Oft möcht er übers Ufer treten
in stetig aufgestauter Wut
und all den Dreck, der ungebeten,
ersäufen in der Verseflut!

Doch sträubt sich meine Musenquelle,
der Frische über alles geht,
dass ich in einen Dienst sie stelle,
der wenig Sauberkeit verrät.

Wenn Dichter mit erregten Zeilen
nur pausenlos im Unrat rührn,
wer sollte dann das Bild ‘ner heilen
und bessren Welt vor Augen führn?

Solln sie mit hellrem Pinsel malen
der Menschen finsteres Gemüt –
wer weiß, ob unter rauen Schalen
nicht heimlich schon die Rose blüht?

Fruchtwechsel

FruchtwechselMit welcher Frucht ließ sich verführen
Schneewittchen, lebte heute sie,
um solche Esslust zu verspüren
wie einstmals auf den Apfel die?

Ich könnt mir ‘ne Banane denken,
kanarisch klein und wohlgewürzt,
auf die, in Honig sie zu schwenken,
sie mit Begeisterung sich stürzt.

‘ne Mango auch mit Rosenwangen
auf einem Teint von feinem Grün,
die selbst schon vor Verzehrverlangen
dem feuchten Kuss entgegenglühn.

Auch eine Kiwi käm in Frage
mit ‘nem Aroma, das apart
und das man wohl nicht alle Tage
so fruchtig frisch im Mund bewahrt.

Ja, auch ein Pfirsich mit der rauen
und rundherum beflaumten Haut,
wie ist er’s wert, ihm zuzutrauen,
dass er sich butterweich zerkaut!

Und schließlich auch noch die Melone,
die auf den Zähnen süß zerfällt,
dass gierig aus der Schalenzone
die letzten Fasern man noch pellt.

‘n Apfel? Ach, du meine Güte –
ein Märchen nur aus alter Zeit!
Der heute in der Einkaufstüte
ist längst ja vom Geschmack befreit.

Und zwar egal von welcher Sorte –
ein Früchtchen ohne Saft und Kraft,
das nur noch in der Apfeltorte
dem Gaumen etwas Kitzel schafft.

Der bleibt auch so im Halse stecken,
auch ohne dass es wer erzwingt.
Den müsst zum Leben man erwecken –
bevor er in die Kiste springt!