Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Theophysik

TheophysikDer Physiker, vernunftgeboren
wie Venus einst aus Meeresschaum,
mag nicht im Aberglauben schmoren,
dem Fallobst vom Erkenntnisbaum…

Und fahndet folglich nach den Quellen
für dieses kosmische Geschehn
in seinen allerkleinsten Zellen,
die als unteilbar anzusehn.

Was für ein Aufwand an Maschinen
und raffiniertestem Kalkül,
dass diesen fleiß’gen Geisterbienen
gehörig auf den Zahn er fühl!

Doch endlich kann er Honig saugen
aus seiner Forscherochsentour –
beurglotzt mit den Bildschirmaugen
der scheuen Stromer flücht’ge Spur.

Ein Irrlicht ist da gar nichts gegen,
das wabert lange durch die Luft,
indes der jähe Teilchenregen
im Nu auch schon im Nichts verpufft!

Dies also zu den Ziegelsteinen,
aus denen unser Bau besteht –
Koloss auf dürren Spargelbeinen,
der protzig seine Runden dreht.

Und unser Fundament-Erkunder,
noch immer in der Bibel Bann,
hält dies für eines jener Wunder,
die man auch göttlich nennen kann.

Verleugnet seine eigne Sache
mit „Ungewiss“ und „Könnte sein“,
dass man nicht weiß, in welchem Fache
er wirklich hebt sein Pinkelbein.

Da ist der Pfaff von anderm Schlage,
der sich in Skrupel nicht verrennt,
weil seinem Geist auch unter Tage
das Grubenlicht des Himmels brennt.

Der reibt wie immer sich die Hände,
wenn irgendwo was neu entdeckt,
da doch in jedem Ding am Ende
das Wunder seines Daseins steckt!

 

Querbeet aktiv

Querbeet aktivSo hinter manchem hehren Ziele,
dem öffentlich sich jemand weiht,
verbirgt die Hoffnung sich auf viele
Gewinne der Geschäftigkeit.

Das fängt schon unten auf der Leiter
mit Tauben und Kaninchen an
und klettert unaufhaltsam weiter,
bis schwindelnd man an Höh gewann.

Wer ‘nem Vereine eingeschrieben,
der für sein Hobby gradesteht,
ist schlichtes Mitglied meist geblieben,
weil es um dieses ihm nur geht.

Doch oft kommt wer dahergezogen,
der auf den Zweck des Ganzen pfeift
und mit ‘nem Herzblut, das erlogen,
nach ausgesuchten Ämtern greift.

Der eine trachtet nach der Kasse,
der andre nach dem Protokoll
und auch danach wer, dass die Masse
als Oberfreak ihm folgen soll.

Bis in die Spitzenpositionen
verbreitet sich die Heuchelei,
wo für ein Handgeld von Millionen
man schwört, dass man nicht käuflich sei.

Mit andern Worten: Funktionäre,
die überall die Schrauben drehn
zu irgendeiner Sache Ehre,
von der sie einen Dreck verstehn.

Im Firmen- und Verbändeleben
agiern sie wie ’n Politikus,
indem sie die Befehle geben,
die ‘n Klügerer befolgen muss.

Karrieredenken, Machtgebaren –
der Raffgesellschaft Spiegelbild:
Wo keine Werte zähln, nur Waren,
wo, was verfällt, nur etwas gilt.

 

Gott im Azur

Gott im AzurDie Gegenwart des Religiösen
besticht in mancherlei Konnex,
ist mehr als nur im Dämmer dösen
der Sonntagspredigt, Tobit sechs.

Wie oft man noch in Häuserwände
ein kleines Tabernakel bohrt
der Jungfrau, dass sie Segen spende,
von frischen Farben stets umflort!

Doch auch der Trucker, dass den Laster
durch allerlei Gefahrn er führ,
trägt gern als Trost- und Heilungspflaster
ein Jesus-Poster an der Tür.

Und wie viel Feste sie noch feiern,
die ihren Heiligen geweiht –
nicht um sie lustlos abzuleiern,
nein, froh trompetet und schalmeit.

Ist etwa irgendwo erkoren
der hl. X zum Ortspatron,
dann hat für Kinder, hier geboren,
man meist auch einen Namen schon.

Na, und die Glocken, wie sie läuten,
auch wenn man nicht zur Messe muss –
nur um dem Gläub’gen zu bedeuten:
Die Hände hoch zum Angelus!

Da sollte es doch Wunder nehmen,
ließ man die Taube aus der Hand,
um mit ‘nem Spatz sich zu bequemen,
der doch dem Geist nicht grad verwandt!

Derselbe wurd ja ausgegossen
zu Pfingsten, wie die Kirche lehrt,
und kommt hier doch ins Hirn geschossen
an einem Tag nur hochverehrt.

Kein Gottesdienst, die Läden offen –
ein Montag ohne Festlichkeit.
Da heißt es, auf die Heil’gen hoffen:
Der nächste steht schon wo bereit!

Vers-Piraten

Vers-PiratenWie ein Korsar der sieben Meere:
Gekapert wird nach Herzenslust,
doch gegen die Piratenehre
mit Platzpatronen auf die Brust.

Der Säbel spaltet nur Melonen
(weil sie des Menschen Rübe gleich),
um dieses Hirnes Mark zu schonen,
das lebend so gedankenreich.

Kein Opfer muss in Ketten schmachten
für seiner Reise schnöden Rest,
weil mit dem Wink es abzuschlachten
sich wer ein Lösegeld erpresst.

Und auch den aufgebrachten Damen,
die ängstlich unter Deck man fand,
begegnet man in einem Rahmen,
der wen’ger ruppig denn galant.

Beharrlich trotzt man und verbissen
auch Stürmen bei dem harten Job,
doch statt den Totenkopf zu hissen,
führt man Apollo stolz im Topp.

Heißt: Heimathafen an der Quelle,
die aus dem Musenhügel springt
gleich unterhalb der Zitadelle,
die man mit Künsten nur bezwingt.

So sucht in sämtlichen Gewässern
der Dichter Gold und Diamant
und bringt in seinen Versefässern
doch oft nur Gammel mit an Land!

Friedlich gestimmt

Friedlich gestimmtMir was zuschulden kommen lassen
(von diesem Vers mal abgesehn),
wollt niemals ins Konzept mir passen
des Lebenswegs, den ich zu gehn.

So bin ich ein „solider Stoppen“,
wie mich ein Freund einmal genannt,
und lass mich gerne damit foppen,
weil ich nie Böses darin fand.

Nein, komisch hab ich stets gefunden,
dass beinah jeder sich beklagt,
umringt zu sein von faulen Kunden,
an denen Gier und Selbstsucht nagt…

Sieht selbst sich aber ausgenommen
von diesem Urteil jederzeit,
auch wenn nicht wen’ger mitgeschwommen
im Mahlstrom der Gefräßigkeit.

Heißt: Die sich permanent beschweren
über die Schlechtigkeit der Welt,
wolln nur den eignen Reibach mehren,
den diese ihnen vorenthält.

Der Vorwurf, den sie um sich streuen:
Im Handumdrehn kein Thema mehr,
sobald sie selbst am Golde käuen,
und käm es aus der Hölle her.

Bin ins Dilemma ich geraten,
weil andere ich kritisiert,
doch meine Musen-Missetaten
mit Kunst beständig motiviert?

Mag der und jener drüber richten,
sofern der Sinn ihm danach steht.
„Solider Stoppen“? Na, beim Dichten
er öfter doch aufs Ganze geht!

Trost der Nacht

Trost der NachtWenn je ich attraktiv gefunden
als Jüngling oder reifer Mann –
in diesen späten Greisenstunden
ich kaum mich dran erinnern kann.

Die Zeit der angeschmiegten Wangen,
der Lippen, die sich zart berührt,
der Arme, die man fest wie Zangen
um den geliebten Leib geführt…

Sie liegt im Dämmer wo begraben
der halb vergessnen Seelenflur,
zu der wir keinen Zugang haben,
es sei denn in der Wehmut nur.

Pistole kaufen? Lauf der Dinge:
Nicht ewig währt das Freudenfest,
mit dem das Leben aus der Schlinge
der Jahre uns entwischen lässt.

Sich mit dem Status quo begnügen,
sich schicken ins Seniorenlos.
Und wenn auch nicht in vollen Zügen,
genießen, was auch kleiner groß.

Hört man gelegentlich nicht sagen,
im Alter würd man wieder Kind?
Und denkt dabei nur ans Betragen
von Greisen, die gebrechlich sind!

Ein Schuh wird draus, so will mir scheinen,
wenn weiter man die Grenzen zieht
und diese Nähe zu den Kleinen
mehr auf dem Feld der Freiheit sieht.

Die Arbeits- und die Ehesorgen
sind beiden fern mit ihrem Frust.
So saugt der Abend wie der Morgen
am Busen reiner Lebenslust.

 

Kritische Distanz

Kritische DistanzMit meiner kleinen Welt zufrieden,
leb ich von Tag zu Tag dahin,
dass ich des Marktgeschreis hienieden
oft gar nicht gegenwärtig bin.

Ich lass an mich heran nicht treten,
was andre so in Atem hält:
Die Fruchtbarkeit von Majestäten,
das Urteil, das ein Promi fällt.

Die offenkund’ge Ehekrise
der Pop-Ikone Soundso,
beglaubigt durch die Expertise
der Medien unter Null-Niveau.

Den Leichenfund im Tiefseegraben,
die Sonnenuhr im Gletscherspalt,
den Brunstschrei unsrer Küchenschaben,
der wo im Ausguss tief verhallt.

Vor allem nicht die Schlächtereien,
an denen sich der Mensch begeilt –
in Echtzeit mit den Todesschreien
und sonst als Krimi hochgestylt.

Den Blick beständig auf dem Nabel,
den man in Delphi schon verehrt,
erspar ich mir das Sündenbabel,
das um mich rum beständig gärt.

Das heißt das ewige Spektakel,
von eitler Selbstsucht inszeniert,
die sich ihr blutiges Debakel
schon in die Basis programmiert.

Der „Schwan von Avon“ hat’s besungen
so trefflich und so traurig schön,
dass unter tausend Dichterlungen
die seine man als stärkste krön…

Ein Schattenspiel nur unser Leben
mit Mimen, die man schnell vergisst,
und Irre, die den Ton angeben,
der schrill, doch völlig sinnlos ist.

Meine kleine Nachtmusik

Meine kleine NachtmusikOb Singspiel, Oper, Oratorium,
ob Operette und so fort,
mit stimmgewaltigem Brimborium
spielt die Kapelle hier an Bord.

Das dröhnt, tamtam, durch alle Wände
und geht dem Ohr durch Mark und Bein,
dass man entnervt erkennt am Ende,
nur Kunst kann so gewaltig sein.

Zumal ja auch die Zeiten passen
wie bei der Sphinx und Ödipus –
um acht den Vorhang steigen lassen,
um zehn Uhr dreißig aus und Schluss.

‘ne weitre Ähnlichkeit zur Bühne:
An keinem Tage wird pausiert,
auf dass nicht Mutter Mnemosyne
miteins den Faden noch verliert.

Vielleicht würd es mir gar gefallen,
was sich da über mir vollzieht,
würd ’s auch im Auge widerhallen
als ein Spektakel, das man sieht.

Doch hock ich wie in der Antike
vor so ‘nem „Mauerschau“-Filou:
„Da spielt sie“, schreit er, „die Musike!“ –
den Rest denkt bitte euch dazu.

Es scheint, dass hier die Künste liegen
in nachbarlichem Widerstreit –
der oben lässt die Töne fliegen,
der unten still die Zeilen reiht.

Nun, jeder soll sein Pferdchen reiten
mit straffem Zügel oder lax:
Für Musen sind es goldne Zeiten –
vor allem auch dank Ohropax.

Lokaltypische Küche

Lokaltypische KücheZwei Stunden hab ich wohl genossen,
in meinen Korbstuhl eingesenkt,
die Feuerpfeile, abgeschossen
von Helios, der nur Grillen fängt.

Und diese Zeit mir zu versüßen,
die ohnehin schon Goldes wert,
brachte auf flinken Frauenfüßen
man Dinge mir, die ich begehrt.

Nichts Großes, könnt ihr euch wohl denken,
die Mittagszeit war ja vorbei
und damit auch das Pötteschwenken
für Hauptgericht und Völlerei.

Doch war durchaus mir noch zumute
in meinem Gaumenfreudendrang
nach Häppchen von der Angelrute
und sonst ‘nem kleinen Zwischengang.

Wie immer heftete die Blicke
ich auf der Karte Leitfossil –
den Barsch, der nach Gewicht und Dicke
ja nicht aus diesem Rahmen fiel.

Doch heute ließ ich links ihn liegen,
probierte etwas andres aus,
um auf die Zunge was zu kriegen,
das typischer für dieses Haus.

Ich seh euch große Augen machen:
Was wäre in ‘nem Strandlokal,
sofern nicht Fisch und solche Sachen,
noch angesagter denn als Mahl?

Das Urteil könnt ihr selber fällen,
hier habt ihr es von mir serviert:
Kartoffeln, Rotkohl, Frikadellen –
und mit dem Danebrog garniert!

Niedrigpreise

NiedrigpreiseAm Strand und in den Seitengassen
sind jetzt Kioske aufgeklappt,
wo Klebriges in großen Massen
in Tüten oder Gläsern pappt.

Was für ‘ne bibabunte Fülle
von Süßigkeiten aller Art,
die mit und ohne Knisterhülle
da auf vernaschte Kunden harrt!

So ‘n Ding ist wie ‘ne Bonbonnière
mit bis zum Bersten Süßem satt,
die in der Mitte nur ‘ne leere
und ausgelutschte Stelle hat.

Da lauert wie im Spinnennetze
verborgen in der Dämmerung,
dass er versilber seine Schätze,
der Budenhöker auf dem Sprung.

Und hört er draußen ein Getappe,
das jäh in Stillstand übergeht,
tritt er entschlossen an die Klappe
und neigt zu dem sich, der da steht.

Wobei die Neigung desto größer,
je kleiner ebender Klient,
der oft als halber Mutterschößer
zum ersten Mal nach Bontjes rennt.

Doch bei den Spezialitäten,
auf die die Klitsche eingeschworn,
hat selbst sie Kundschaft sich erbeten,
die noch nicht trocken hintern Ohrn.

Wie könnte da die Kasse klingeln,
sich bauchig blähn der Hosenbund,
lebt größtenteils von süßen Schlingeln,
von Kinderhand man in den Mund?

Ich hab es neulich selbst getestet
als Kräuterkaramell-Petent:
Kein Deal, der Millionäre mästet –
das Dutzend für nur dreißig Cent!