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Geschickter Fischzug

Geschickter FischzugSie gehen spät erst auf die Reise,
die ihnen Lohn und Brot verspricht,
und stoßen heimlich, still und leise
vom Liegeplatz bei Dämmerlicht.

Wohin des Weges, Fischersleute? –
Wer kann das sagen auf der See?
Der Nase nach auf fette Beute.
Da fragt man nicht nach Luv und Lee.

Wenn sie uns in die Netze gingen
in Wassern, fern und unbetonnt,
wir schipperten, sie auszubringen,
zur Not auch hintern Horizont.

Und rückten sie uns auf die Pelle
schon deutlich unterhalb der Kimm –
na, besser noch an dieser Stelle,
die Anfahrt wäre halb so schlimm! –

Demnach, ihr Fischersleut, ich wette,
zogt heute ihr das große Los,
denn grad sah eure Lichterkette
drei Möwenschreie weg ich bloß.

Auf einer Linie mit dem Strande
lag diesem Busen sie am Hals
wie eine leuchtende Girlande,
will sagen: hautnah jedenfalls.

Man kann sich weite Wege schenken,
steht die Sardine vor der Tür,
und damit auch die Kosten senken,
die weiter draußen man verführ.

Ach, was für kleinliche Gedanken!
Gleicht eh sich alles aus im Schnitt.
Der Zufall tanzt auf Fischers Planken
und wirbelt ihn im Kreise mit.

Geläufig ist ihm diese Reihe,
in der er sich zum Fang formiert.
Ein Touri nur wie ich, ein Laie
bestaunt das Meer, illuminiert!

Spendable Gäste

Spendenfreudige GästeEin Feiertag, der uns entgangen,
weil irgendwie sie kalt uns lässt –
die Gabe, die das Kind empfangen
von Königen zum Wiegenfest.

Obwohl doch diese Potentaten
durchaus sich nicht an Geiz begeilt
und als geborene Magnaten
mit vollen Händen ausgeteilt.

Denn Weihrauch waren, Gold und Myrrhe
der Karawane reiche Fracht,
die sie aus ihrer Wüstendürre
zum Stall von Bethlehem gebracht.

Sie wollten ihre Gunst erweisen
‘nem Knäblein, dem geweissagt war,
es würde einst in höchsten Kreisen
befehligen ‘ne Engelsschar.

Nun, König ist er nicht geworden,
da lagen unsre Weisen schief.
Und dennoch ganze Menschenhorden
er zu gesalbten Füßen rief.

Die willig seiner Lehre lauschten,
vom Geist der Liebe hingerafft,
dass manche gar den Job vertauschten
und folgten ihm auf Wanderschaft.

Was für ein Licht in jenen Zeiten,
als das Gesetz des Dschungels galt:
sich mit der Klinge Recht erstreiten
und auch sein Unrecht mit Gewalt.

Er musst es mit dem Leben büßen,
ein Märtyrer der Menschlichkeit.
Die wahren Kön‘ge lassen grüßen –
vor dem Gefühl sind sie gefeit.

Doch sei’s, dass falsch verstanden haben
sie, was die Leute so geschwätzt –
dem Kind gebühren diese Gaben,
auch wenn es selbst sie nie geschätzt.

Die Trias dieser Morgenländer,
in Spanien wandelt sie noch heut;
nicht Gold-, doch Karamellenspender –
was wohl die Lütten mehr noch freut.

Ein Wort zum Fest

Ein Wort zum FestEin Abend, den wir heilig nennen,
weil kalendarisch er so heißt
und weil man, ihn uns einzubrennen,
seit unsrer Wiege sich befleißt.

Die Eltern, Nachbarn und Verwandten,
als Ohrenbläser wohl erfahrn,
die, was sie selber nicht erkannten,
auch ihrem Nachwuchs nicht ersparn

Warn stets die will’gen Pollenträger,
um Geistesfrüchte zu vermehrn,
von denen fleiß’ge Heilserreger
als Priester ihre Pfründen nährn.

Und pfiffig trichtert man schon Kindern
die fromm gelogne Weisheit ein,
bevor Verstandeskräfte hindern,
dass sie sich frisst in Mark und Bein.

Denn ihre Ohrn, die niemals tauben,
sind optimal dafür gewählt,
weil einfach alles sie noch glauben,
was ihnen Hinz und Kunz erzählt.

Und wenn mit wachsendem Verstande
auch hier und da der Zweifel keimt,
erweisen sich die frühen Bande
doch mit dem Herzen gut verleimt.

Kurzum, die aufgeklärte Seele
belächelt diesen Kirchenstuss,
dass man mit himmelsdurst‘ger Kehle
nur Hosianna gurgeln muss.

Doch dann die Hirten auf dem Felde.
Der Stern. Die Kön’ge eins, zwei, drei.
Man fällt aufs Knie vor dem Gemälde:
Was für ein Meister, Lukas 2!

Rieselnde Stille

Rieselnde StilleEin Hupen – wohl aus Weihnachtsfreude,
‘nen andern Grund find ich nicht raus.
Sonst kein Geräusch im Strandgebäude,
in meinem Rentnerwinterhaus.

Kein Wind zu hörn, kein Wellenrauschen,
kein Nachbar, der sich unterhält.
Das Ohr muss in sich selber lauschen,
dass Stoff ihm in die Muschel fällt.

Bethlehemitisch diese Stille,
der rechte Auftakt für das Fest,
das uns des Höchsten Wunsch und Wille
für seinen Sprössling feiern lässt.

Da draußen spannen sich Girlanden
geschmeidig über den Asphalt
mit Lämpchen, die gezackt umranden
‘nen kobaltblauen Tannenwald.

Und auch des Kirchleins schmächt’ger Giebel,
in den die Glöckchen eingerückt,
hat mit ‘nem zünft’gen Bild der Bibel
aus Neonbirnen sich geschmückt.

Doch klingen keine Lobgesänge,
wie tags sie mir noch zugeweht,
aus des bestuhlten Chores Enge
durch das Portal, das offensteht.

Die Welt liegt da im tiefsten Frieden,
erfüllt auch mich mit schöner Ruh.
Und von der Heimat weit geschieden,
brauch ich nicht einmal Schnee dazu.

 

Ein rundes Wiegenfest

Ein rundes WiegenfestNun bin ich also reingeschlittert
mit diesem üblichen Tamtam –
beküsst, beglückwünscht und beflittert,
geduldig wie ein Osterlamm.

Ein Gasthof halbwegs auf dem Lande
gab seinen letzten Tisch uns her.
Da hockten wir als Viererbande
und putzten unsre Teller leer.

Mir war nicht feierlich zumute,
doch fühlte ich mich angeregt,
wie wenn man von der graden Route
sich schnell mal in die Büsche schlägt.

Ist das nicht mehr als man erwarten
von einem Freund der Weisheit sollt?
Die Zeit kennt Pausen nicht und Sparten,
wie ’n Stern sie einfach weiterrollt.

Da ist kein Punkt, um einzuhaken
des Lebensschiffchens Haltetau,
nur Öde ohne Bojen, Baken,
geschweige denn ‘ner Meerjungfrau.

Und dies sogar einmal beiseite:
Wer setzte uns den Floh ins Ohr,
dass eitel Glück es uns bereite,
rückt unser Zeiger weiter vor?

Der Tag, den man nach Brauch und Sitte
mit Segenswünschen reich belädt,
erscheint mir nach der Lebensmitte
wie eines nahen Ends Prophet.

Und Jahr für Jahr hört man ihn schreien
nur umso lauter unbeirrt,
als er beim Ende-Prophezeien
allmählich immer sichrer wird.

So kaute ständig die Gedanken
im Hirn ich eifrig hin und her,
als ob mit Backen und mit Banken
ich nicht genug beschäftigt wär.

Dann war das Mahl auch schon zu Ende,
die Rechnung rauschte aufs Tapet.
Ein Stückchen Fett, ein Eckchen Lende –
der Rest, der vor die Hunde geht.

Lebende Bilder

Lebende BilderAn halbwegs windgeschützter Stätte
und rund, so scheint es, um die Uhr,
steht steif wie in ‘nem Kabinette
des Bettlers graue Wachsfigur.

Mit einzig diesem Unterschiede,
der aus der bloßen Form ihn hebt,
dass mit gestrecktem Fingergliede
er nach bescheidner Münze strebt.

Und diese Krumen, die vom Tische
der Glücklichen ihm manchmal falln,
sind Futter höchstens für die Fische
und nur zum Gürtel-enger-Schnalln.

Dabei kann er von Glück noch sagen,
wenn ihm die Gabe ganz auch bleibt
und nicht zu einem Boss zu tragen,
der „offne Hand“ en gros betreibt.

Mit einem Wort, der in die Ecke
sich vor der Blicke Phalanx duckt,
ist alles andre als ein Recke,
den’s Schätze zu gewinnen juckt.

Die Not hat ihn dahin getrieben,
von seiner Armut wohlgenährt,
denn was an Mitteln ihm geblieben,
des Miethais breites Maul verzehrt.

Von Gott und Welt im Stich gelassen,
war glücklos er im Lebenskampf,
steht draußen jetzt in allen Gassen,
nichts weniger als ein Hans Dampf.

Ein Bild, ein lebendes, schon eher,
wie’s früher man so gern gestellt,
damit der Pulk der Partysteher
der Langeweile nicht verfällt.

Nein, lieber will ich’s Schandmal nennen,
das ‘ne Gesellschaft produziert,
die in dem großen Reibachrennen
das Maß für Menschlichkeit verliert.

Reine Erziehungssache

Reine Erziehungssache‘ne Frau mit Hund mein Schicksal heute,
ach, was man so erleben kann!
Ein Einzelpaar und keine Meute,
doch wuselig wie ein Gespann.

Kommandos bellte dementsprechend
die Herrin, die die Strippe zog,
den Eigensinn indes nicht brechend
des Tiers, das auf Markierung flog.

In jedem Winkel fand das Wesen
der Artgenossen frische Spur –
das Frauchen sprach von „Zeitunglesen“,
ich brummte was von „Pinkeltour“.

Und dabei wechselt‘ es die Seite
so jäh an seinem Gängelband,
dass dauernd es in voller Breite
mir bis zum Knie im Wege stand.

Das war ein Zerren und ein Zurren,
ein Grummeln und Bei-Fuß-Geschrei:
der Dame permanentes Knurren,
der Hündin wilde Spielerei!

An ein Gespräch war nicht zu denken.
Nur Worte, flüchtig aufgeschnappt!
Man kann sich so’n Spaziergang schenken,
wenn als Statist man mit nur tappt.

Dem Tier hab ich nichts vorzuwerfen,
das gibt nur seine Freude kund.
‘ne Leine bräucht’s für Frauchens Nerven:
Da liegt begraben wohl der Hund!

 

Der alte Egotrip

Der alte EgotripNun, als Geschlecht von Karnivoren
sollte uns das geläufig sein:
Man ist zum Frieden nicht geboren
und eher Wild- als Kobenschwein.

Seh ich die Menge der Verbrechen,
die selbst in Staaten schon passiern,
wo Richter meistenteils sie rächen
und sie durch Gitter minimiern –

Was soll ich von den Gräueln halten,
die ‘ne brutale Mörderbrut
im Rücken schwacher Herrschgewalten
an ungeschützten Völkern tut?

Und die von Ehrgeiz angetrieben
nach Macht und Münze unentwegt,
die alten Wölfe doch geblieben,
in denen sich kein Mitleid regt?

Und was von dieser Menschenmasse,
die sich ‘nes guten Rufs erfreut
und doch im Winkel ihrer Gasse
dem Nachbarn tausend Gifte streut?

Bilanz: Was alle sie vereinigt,
ist Selbstsucht als ihr Leitmotiv,
um ein paar Weicheier bereinigt,
die machen sie nicht weiter schief.

So ist auf jeweils eigne Weise,
über das Trennende hinweg,
der Mensch stets auf Erob‘rungsreise,
den Geist der Hölle im Gepäck.

Kann er ein Schnäppchen wo erhaschen,
mit welchen Mitteln immer auch,
wird er vom Baum des Frevels naschen
für seinen nimmersatten Bauch.

Wie soll da einer ruhig schlafen
mit den Gedanken unterm Dach?
Ich pfeife auf das Zähln von Schafen
und bleibe lieber weiter wach.

Schöne Nachbarschaftshilfe

Schöne NachbarschaftshilfeEs hat zum Guten sich gewendet,
ich freue mir ‘n Loch in’n Bauch:
Mein Internet, das schon verendet,
erblühte wie ein Frühlingsstrauch.

Und welcher Sonne war’s zu danken,
die aus der Starre es erlöst,
aus dieser Haft der Passwortschranken,
in der es tatenlos gedöst?

Der Nachbarin! Der guten Seele,
die unter mir den Laden führt
und, dass dir nichts im Haushalt fehle,
die Lust auf Eisenwaren schürt.

Die ließ mich nicht erst lange bitten,
als ging es um den heil’gen Gral –
ist gleich zum Apparat geschritten
und zeigte mir die Zugangszahl.

Ich wie der Blitz zu mir gesprungen,
den Laptop aus dem Schlaf geweckt
und mit dem Schlüssel, just errungen,
ins neue WiFi eingecheckt.

Das lief tatsächlich wie am Schnürchen:
„Verbunden“ mit dem www!
Ich wieder raus aus meinem Türchen,
Vollzug zu melden meiner Fee.

Sie freute sich, weil ich mich freute,
es war ihr deutlich anzusehn.
So lernt man kennen Land und Leute –
und die, die mit den Zeiten gehn.

 

Ziemlich blauäugig

Ziemlich blauäugigGenetisch gleichen den Schimpansen
und psychisch wir den Wölfen mehr,
doch nennen Meier uns und Hansen
und tun uns mit den Tieren schwer.

Ja, schmeicheln uns, als Sonderposten
im Sortimente der Natur
von gleicher Lethe nicht zu kosten
wie Elefant und Totenuhr.

Nur weil die Schöpfung uns Gedanken
allmählich im Gehirn entfacht,
an denen wir doch eher kranken,
als dass sie je uns Glück gebracht.

Denn böse waren’s mehr als lichte,
die herrschten übern Menschengeist –
wie ’n Blick nur auf die Weltgeschichte
als blut’ge Wahrheit es erweist.

Um des geringsten Vorteils willen
schlug man sich schon die Birne ein,
und niemals war die Gier zu stillen
nach Reichtum, Macht und Hudelei‘n.

Auch darin glich man noch dem Tiere,
dass aufgeplustert wie zur Balz
man sich in dieser Horrorschmiere
geschmückt vom Hintern bis zum Hals.

In Samt und Seide die Prälaten,
in Purpur, was sich König nennt,
das heißt ein Aufzug von Primaten,
wie ihn nur diese Bühne kennt.

Und alle flitzten wie die Irren
stets um das goldne Kalb herum,
um es vor ihren Karrn zu schirren
als Zugpferd für ihr Gaudium.

Man gab sich fromm. Doch nicht in Taten.
Da stach man ab nach Herzenslust
und ließ das Fleisch im Feuer braten –
die Helden- wie die Hühnerbrust.

Erst kurz vorm unseligen Ende
man in das Horn des Friedens stieß,
gab Hab und Gut in Pfaffenhände
als Schmiergeld für das Paradies.

Abstruser kann man wohl nicht denken
in eitler Selbstgefälligkeit,
als einen Krümel Dreck zu schenken
dem Schöpfergott von Raum und Zeit.

Und so ‘nen Lohn sich zu erhoffen,
der alles Ird’sche übersteigt –
das Tor zum ew’gen Leben offen,
die Todesfuge ausgegeigt.

Die Wahrheit ohne Lobgehudel:
Der Mensch, wenn er nicht angeleint,
ist bissig wie der Wolf im Rudel
und gegen den gestellten Feind.

Er ist ein Teil des Stirb und Werde,
da beißt die Maus kein’n Faden ab.
Und sicher auch der Herr der Erde –
für seine achtzig Jahre knapp.