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Herr Ober

Herr OberGott und die Welt wird er wohl kennen,
die Gäste wechseln Tag für Tag.
Bis auf den Stamm, der sich nicht trennen
von seinem „Zum Ambiente“ mag.

(Der Name hier ist frei erfunden,
ein solches Haus, das gibt es nicht,
obwohl, ich sag es unumwunden,
im Grunde nichts dagegen spricht.)

Versuchen wir, sie zu beschreiben,
wär das Verbindende wohl dies:
dass ein Gewerbe sie betreiben,
das sie noch niemals hungern ließ.

Die halbwegs seidene Elite,
die gerne mal was Bessres kaut
und für ‘ne Restaurantvisite
nicht kleinlich auf ‘n Fuffi schaut.

Der Kreis, ums noch mal zu betonen,
in dem auch unser Held verkehrt –
allabendlich mit Millionen
inkognito an Geldeswert.

Wer aber so mit reichen Mackern
und Damen umgeht, die mondän,
wird nicht nur gern als Ober ackern
und stets Gewehr bei Fuße stehn

(Geruhten Sie bereits zu wählen?
Die Schnecken…Das Filet…Sehr gern.
Heut ganz besonders zu empfehlen.
Noch mal das Gleiche für den Herrn…)

Nein, irgendwann wird er sich fühlen
in einem geistigen Spagat
so zwischen den sozialen Stühlen
auch selber als ‘ne Art Magnat.

Der Gäste vornehmes Gebaren,
ihr Ruch der Exklusivität,
ist längst ihm schon ins Kreuz gefahren,
das wie ‘ne Fahnenstange steht.

Genauso steif wie seine Miene,
der keine Regung anzusehn,
wenn Worte wie „la haute cuisine“
ihm auf der Zunge glatt zergehn.

Dazu als approbate Würze
ein Näseln, das Noblesse verrät –
so denk ich mir in aller Kürze
den Promi-Kellner als Poet.

(Und ist doch Borcherts Schischyphusch,
der immer Teller schleppen musch,
achtarmig gleich dem Oktopusch,
ergeben wie ein Hindu. Kusch!)

Von Staatsdienern

Von StaatsdienernWas ist es, des Beamten Leben?
Na, eins der Treue und der Pflicht.
Dem Staat in Liebe hingegeben
mit einer Sorgfalt, die besticht.

Drum sind ihm Dinge übertragen,
„sofern, solange und soweit…“,
die alle andern überragen
an Hoheit und Bedeutsamkeit.

Und dass er sichtbar aus dem Rahmen
des ganzen Apparats auch fällt,
gebührt als Beiwort seinem Namen:
„beamtet“ und nicht „angestellt“.

Er ist befugt zu manchem Akte,
der den Tariflichen verwehrt.
Dazu benutzt er Artefakte
wie Siegel, die metallbeschwert.

Muss man sich wundern, wenn zuzeiten,
von so viel Ehren überhäuft,
dem Mann beim Paragrafenreiten
die werte Galle überläuft?

Was wollen denn bloß all die Leute!
Der eine dies, der andre das –
und alles heute gleich noch, heute:
Bin ich denn Jesus, oder was?

„Nun sagen Sie schon, was Sie wollen,
ich hab nicht alle Zeit der Welt!
Ihr Ausweis also ist verschollen.
Wie ham Sie das denn angestellt?“

Petent/Petentin schrumpft zusammen.
Respektsperson gerät in Brunst,
das ganze Feuer zu entflammen
der amtlich trocknen Redekunst.

Darauf gerichtet, zu belehren,
zu schikanieren in dem Sinn:
„Hübsch langsam mal mit dem Begehren,
mein Gott, wo kämen wir dahin!

Akten, Akten, ganze Fluten,
Akten, Akten, sapperment!
In Faszikeln, Konvoluten
respektive als Retent.

Gerne würde ich mich teilen,
dass ich wie ein Oktopus
achtfach Fälle könnt befeilen,
die ich einhand lösen muss!

Und da kommen Sie und legen
einfach noch was obendrauf!
Ihr Gewissen sollt sich regen,
passen S’ auf die Sachen auf!“

Die Sache zieht sich in die Länge.
Geduld, Geduld, man kriegt Bescheid.
Zum Teufel die Behördengänge!
Staat.de/Verdrossenheit…

Doch nun zurück zu unserm Hammel,
der gerne mal sein Mütchen kühlt
am Bürger, mittels dessen Bammel
sein Ego sich wer weiß wie fühlt.

Er wird dem Schicksal nicht entgehen,
das wenig nach Beamten fragt
und eines schönen Tags sich sehen
beerdigt und bewitwenklagt.

Da liegt er denn im Leinenkleide –
unnahbar nicht mehr; fast intim.
Tut keiner Fliege was zuleide –
die Fliege diesmal aber ihm.

Treue Freunde

Treue FreundeEin Freund, der ohne viel zu fragen
sein eignes Wohl nach hinten stellt
und dir in allen Lebenslagen
voll Opfermut die Stange hält?

Den Typen muss man lange suchen,
da läuft man sich die Hacken wund.
Und hätte allen Grund zum Fluchen?
O nein, da gibt es doch den Hund!

Den, der dir deine Beletage
als treuer Zerberus bewacht,
und das für eine Tagesgage,
für die kein Mime Männchen macht.

Doch jenen auch, der einer Dame
possierlich auf dem Schoße hockt
und ihrem männerlosen Grame
ein Lächeln aus den Falten lockt.

Und dann des Hofes strengen Hüter,
der klirrend eine Kette trägt
und dennoch zartere Gemüter
grr!, knurrend aus dem Felde schlägt.

Denk auch an den in Künstlerkreisen,
der gegen seine Art dressiert,
und sich als artig zu erweisen,
die Faxen seines Herrn kopiert.

Auch kann gewiss ein Lied dir singen
vom braven Hund die Polizei:
„Wie oft wir erst zur Strecke bringen
Verbrecher, wenn der „Rex“ dabei!“

So auch der Waidmann, dem zur Seite
das kluge Tier die Beute spürt
und, dass er zur Vollstreckung schreite,
ihn rasch zu Meister Lampe führt.

Ja, selbst die durch die Straßen streunen
und nie an einer Leine gehn,
sie lebten gerne hinter Zäunen,
mit Futter und ‘ner Pflicht versehn.

Ein Wesen, dem wir viel verdanken!
Dabei fällt mir was andres ein:
Wenn’s sie nicht gäb, die Artenschranken,
welch Sorte Hund möcht ich wohl sein?

Nicht einer, den ich angegeben,
das tu ich hier entschieden kund.
Hätt ich die Wahl fürn Hundeleben –
dann wär ich gern ein bunter Hund!

 

Die mit Amtsgewalt

Die mit AmtsgewaltWenn einer mit bescheidnem Posten
ein Plätzchen kriegt am Tisch der Macht,
dann will er mehr oft davon kosten,
als eigentlich ihm zugedacht.

Für Ordnung und für Recht der Streiter,
Inspektor sei er, Kommissar,
steht hoch nicht auf der Hühnerleiter,
doch in der Gunst als Medienstar.

Er muss sich mit den Schurken schlagen
oft heldenhaft von Mann zu Mann,
damit in allen Lebenslagen
der Bürger ruhig schlafen kann.

Doch was im Grunde so nach Ehren
und schönster Anerkennung schreit,
mag manchmal auch Gefühle nähren
von Arroganz und Eitelkeit.

Das geht schon los mit den Kostümen:
‘ne Uniform verleiht Respekt –
und wie viel mehr, kann sie sich rühmen,
dass ihr ein Colt im Futter steckt.

„Tach, Polizei. Ausweiskontrolle.“
Und keiner, der da widerspricht.
Der Status spielt hier keine Rolle.
Den Weidebullen reizt man nicht.

Noch wen’ger aber den Hopliten,
der knüppel-, helm- und schildbewehrt
gern Demonstranten die Leviten
mitsamt der Kunst des Wassers lehrt.

Gerät er mal in die Malesche,
weil er den Falschen schlug zu Brei,
wirft gleich der Staat sich in die Bresche
und schützend vor die Polizei.

Mit solchem Freibrief ausgerüstet,
kann er nach Gusto operiern
und, wenn es ihn danach gelüstet,
auch mal die rechte Spur verliern.

Tatütata über die Piste,
als ging’s um Leben oder Tod!
Doch Endstation ‘ne Futterkiste:
„Zwei Döner, Chef, mit Fladenbrot!“

Das mag wohl unter „Streich“ noch fallen,
‘nem Spaß, der aus dem Ruder lief –
doch anders, jemand abzuknallen
aus Notwehr, die nur putativ.

Tja, mag auf Erden auch kein Richter
die Guten vor die Schranken zerrn,
um wie viel länger die Gesichter,
stehn einst sie vor dem Höllenherrn!

Da helfen Koppel nicht und Keule;
der stößt sie waffenlos und nackt,
so blaugefrorn und mit Geheule
in seinen sand’gen Kellertrakt.

Dann liegen sie in der Parzelle
zu unbegrenzter Dunkelhaft.
Gleich nebenan der Kriminelle –
na denn, auf gute Nachbarschaft!

Überlebenskünstler

ÜberlebenskünstlerMan möchte sich die Augen reiben,
so ungewöhnlich ist das Bild:
Obwohl Zweitausendx wir schreiben,
putzt wer da noch sein Wappenschild!

Noch Majestäten auf den Thronen,
als ob sich nichts geändert hätt!
Und zum Gebrauch noch liegen Kronen
in ihrm Kleinodienkabinett!

Die stülpen sie auf ihren Schädel,
um extra würdig auszusehn
in Lebenslagen, die so edel
wie Hochzeiten und Jubilä‘n.

Der Geist verflossener Monarchen
wie Heinrich, Henry und Henri,
die längst im Sarkophag schon schnarchen,
führt schaurig wieder dann Regie.

Sie stehn auch sonst in erster Reihe,
Dekor für einen guten Zweck,
denn der kriegt erst die rechte Weihe
mit einem König vorneweg.

Nebst Stehen lieben sie auch ‘s Schreiten
entlang ‘ner Ehrenformation,
wahlweise sie auch abzureiten –
das „hohe Ross“ hat Tradition.

Man sieht sie öfter auch auf Reisen
in alle Länder dieser Welt,
um auf Empfängen gut zu speisen
für gutes Steuerzahlergeld.

Kein Wunder, ihr Terminkalender
ist eine hochkompakte Schrift,
zumal auch oft ein Vierzehnender
drauf wartet, dass der Fürst ihn trifft.

Doch auch die wen’gen freien Stunden
gestalten fruchtbar sie fürs Land –
nicht mit Kusinen, knackig runden,
nein, heute auch mal linker Hand.

Und wird ein Kindlein dann geboren,
landauf, landab juchhe, juchhu!
Die Herde, die man einst geschoren,
blökt ihnen auch noch heute zu.

Indes das Volk zu drangsalieren,
die Zeit ist Gott sei Dank passé.
Die vormals Mächt’gen amüsieren
dafür mit Pomp und Portepee.

Doch diese flittrigen Vergnügen,
archaisch, obsolet, gestellt,
dem adelsstolzen Sinn genügen,
dass er sich für was Bessres hält.

Die Macht perdu, zurückgeblieben
der Dünkel, der ihr einst entsprang.
Hat man Geschichte nicht geschrieben?
Lebt man nicht fort im Heldensang?

Man hat, gestützt auf seine Stärke,
gebrannt, geschändet und gerauft
und dann mit frommem Stiftungswerke
‘nen Platz im Himmel sich erkauft.

Das müsst heut billiger gelingen,
da man doch abgeschworn dem Schwert:
So zwei bis drei Choräle singen,
und auf die edle Seele fährt!

Besitzstandwahrung: Wer hienieden
‘ne richtig große Nummer war,
der hockt auch dort im ew’gen Frieden
bei Petrus an der Cocktailbar?

Was gibt das für ein bös Erwachen,
wenn man erst aus dem Leben trat:
Kein Paradies mit scharfen Sachen –
nur Finsternis, und faulig-fad!

Und dann, mit Blindheit nicht geschlagen,
der Würmer unpartei’sche Brut:
Millionen, lustvoll zu zernagen
den Mythos, ach, vom blauen Blut!

Maß voll

Maß vollDer Ingenieur von Gottes Gnaden:
Nichts wen’ger als ein Geistesgnom!
Er hat studiert, er kennt den Laden.
Geprüft, besiegelt per Diplom.

Das lässt er gern auch alle wissen,
Bescheidenheit ist nicht sein Ding.
Auf keinem Schriftstück möcht er missen
das stolze Kürzel Dipl.-Ing.

Nun ja, so kleine Eitelkeiten,
die liegen allen uns im Blut.
Doch hat er auch noch schlimmre Seiten –
zum Beispiel die Erklärungswut.

Um sich als Kenner auszuweisen,
verhackstückt er von A bis Z
zu Teilchen, die um Teilchen kreisen,
Probleme, die man sonst nicht hätt.

Und da er sich gefällt im Schwatzen,
hält er auch sonst nur selten still.
Vom Dache pfeifen es die Spatzen,
dass keiner ihn mehr hören will.

Die Crux indes, beim Archimedes!,
er glaubt sich wissend rundherum,
mischt sich in jedes Thema, jedes!
O litterae, o saeculum!

Da kann es häufiger passieren,
dass man an „sus Minervam“ denkt –
so, wenn er, um zu imponieren,
Historiker auf „Issos“ lenkt.

Oder wenn er als kunstbegeistert
dem Vis-à-vis sich präsentiert
und Verse, die dahingekleistert
von Meister Knittel, deklamiert.

Sein Ansehn weiter noch zu heben,
streut gern er mal ein Fremdwort ein:
tough, roundabout – na, Englisch eben
wie auch sein Techniker-Latein.

Aus seines Geistes dürft’ger Quelle
saugt er die kleinsten Tröpfchen auf
und stellt bei schönster Sonnenhelle
sie als Juwelen zum Verkauf.

Ihm ist, als ob er alles wüsste.
Die ganze Welt sein Fachgebiet.
So kreuzt er kühn vor jeder Küste,
weil er die Klippen gar nicht sieht.

Mit diesem Dünkel mag befahren
er hoch zu Ross die Lebensfrist.
Indes wird der ihm nicht ersparen
die Grube, die man gleich bemisst.

Dann aber wird sein Herz gewogen.
Und dumpfe Ahnung ihn beschleicht.
Die Waage ward noch nie betrogen:
Die ist hier höllisch gut geeicht!

Gemein wohl

Gemein wohl„Liebes Kind“, sagte Goethe, „ein Name ist
nichts Geringes. Hat doch Napoleon eines
großen Namens wegen fast die halbe Welt in
Stücke geschlagen!“

Johann Peter Eckermann, Gespräche mit Goethe
in den letzten Jahren seines Lebens, unter dem
6. April 1829

So recht persönlich kenn ich keinen.
Sie halten ja auch gern Distanz,
obwohl das Volk sie lassen meinen,
sie wärn vertraut mit Hans und Franz.

Sie baden manchmal in der Menge
und geben sich ganz jovial;
doch diese Nähe, diese enge,
entspringt nicht ihrer freien Wahl.

Sie müssen den Kontakt ja suchen
(„…um Ihren Sorgen nah zu sein!“),
dass viele Stimmen sie verbuchen
beim Kreuzen auf dem Auswahl-Schein.

Dem dienen auch die Sonntagsreden,
die so ergreifend sind wie platt,
dass selig sie betäuben jeden,
der noch ein Herz im Hintern hat.

Man brüllt der Masse nach dem Munde,
schimpft des Rivalen Meinung „Mist“
und heuchelt in der Podiumsrunde:
„Pragmatiker, nicht Populist!“

Die Maske lassen sie erst fallen,
ist ihre Wiederwahl perfekt.
„Woher solln wir’s denn nehmen? Allen
der Esel sich nun mal nicht streckt“.

Die Leute glaubhaft zu belügen:
Das ist des Profis täglich Brot.
Dabei Entspannung in den Zügen
und nicht ein Hauch Gewissensnot.

Politiker. Dazu geboren,
die andern übers Ohr zu haun.
Und von den Wölfen auserkoren,
sich nach den Schafen umzuschaun.

Die Herde weiß er wohl zu weiden.
Sie beugt sich blökend seiner Macht
und mag gar noch den Hirten leiden,
der augenscheinlich sie bewacht.

Der schwebt indes in andern Sphären.
Nicht nach Behüten steht sein Sinn.
Er will die Armen tüchtig scheren,
denn ihre Wolle bringt Gewinn.

Nicht für die eigne nur, die dicke,
die Börse, staatlich* garantiert,
nein, auch fürs Ansehn in der Clique,
die von ihm für ihn profitiert.

*svw. stattlich

Ihm macht es Spaß, so mitzumischen,
Schicksal zu spieln fürs ganze Land.
Mag auch die Meute manchmal zischen –
er führt sie doch am Gängelband.

Erreicht! Er ist ein großer Macker.
Karriere, Knete – alles stimmt.
Da holt die Sense ihn vom Acker,
was ihn unendlich wunder nimmt.

War er nicht grad noch frisch und munter?
Und jetzt, im Dröhnen des Geläuts,
ganz dumpf: Zur Urne da hinunter.
Wir kümmern uns auch um das Kreuz.

Alles Bühne

Alles BühneDen Rraum betrritt er wie ‘ne Bühne.
Err kommt herrein und füllt ihn aus,
egal wie grroß, so wie ein Hüne
Rrespekt errheischend und Applaus.

Gekonnt in Szene sich zu setzen,
das liegt der „Rampensau“ im Blut.
Er wuchert schwer mit seinen Schätzen,
das heißt verkauft sich schweinegut.

Und so wie Kleider Leute machen,
so macht der Auftritt die Person.
Er weiß Begeist’rung zu entfachen
allein durch die Erscheinung schon

Dass alle ihm zu Füßen liegen –
die Fraun romantisch überdreht,
die Herrn, um etwas abzukriegen
vom Ruhm, der um Kothurne weht.

Wie unterhaltsam kann er plauschen
von dem Metier, das ihn ernährt!
Gebannt die Kletten um ihn lauschen,
denn jedes Wort ist Goldes wert.

Und mannigfach sind seine Themen,
denn bunt ist die Theaterwelt!
In Regensburg, halt, nein, in Bremen
war ich mal jugendlicher Held…

Und dann die blabla Produktionen,
der X, die Y dabei,
schon damals wahre Filmikonen –
fantastisch, diese Dreherei…

Mit K. die Arbeit stets ein Segen.
Ein blabla großer Regisseur.
Ein bisschen schwierig, meinetwegen.
Doch bei dem Können kein Malheur…

So kann er immerfort dozieren,
was hat er nicht erlebt, mein Gott!
Die ersten Gäste sich verlieren.
Sein Mundwerk klappert weiter flott.

Dass andre auch im Leben stehen
und sinnreich füllen ihre Zeit,
ihn schert’s nicht. Seine Segel blähen
sich nur im Wind der Eitelkeit.

Von Shakespeare kennt er jede Letter –
warum noch wie ein Platzhirsch röhrn?
Der Mime trampelt seine Bretter
und ist dann niemals mehr zu hörn.

Die Botschaft liest er, und sein Wille
schwingt gleich in guten Vorsatz ein.
Doch wie ertragen diese Stille –
mit sich und sich und sich allein?

Dem Christen gleicht er, der die Lehre
mit Beifall in sein Logbuch schreibt,
und an der nächsten Straßenkehre
der Strauchdieb doch von gestern bleibt.

Er hält sich für den größten Mimen,
der je auf Gottes Erde war.
Dem Lorbeern aller Arten ziemen.
„Dank, Dank! Ihr seid so wunderbar!“

Ich würd ihm notfalls sogar glauben,
dass sich sein Name nicht vergisst.
Doch nur ein Gott reicht an die Trauben
voll ewig süßer Lebensfrist.

Ein gutes Pferd stirbt in den Sielen.
Schon ist fürs letzte Stück er reif.
‘ne Rolle wird er nicht mehr spielen.
Den Tod, den gibt er live.

Der Patriot

Der PatriotRule, Britannia! Vive la France!
Deutschland, Deutschland, über alles!
Patrioten falln in Trance
bei Parolen dieses Schalles!

Silben sind’s, die eingesogen
mit der Milch der Mutterbrust
und mit denen großgezogen
Vaterlands- und Heimatlust.

Und die auch die Meinung nähren
(dies geht damit Hand in Hand),
aller Preise wert und Ehren
sei nur je das eigne Land.

Gut. So weit die Vorgeschichte,
dern Produkt der Patriot.
Da er die nicht sieht bei Lichte,
stets sein Sturz ins Dunkel droht.

Wenn die eignen Farben siegen,
bricht er laut in Jubel aus.
Sollten sie mal unterliegen,
redet er sie glimpflich raus.

Fehler, die die andern machen,
bis auf Blut sie ihn empörn.
Eigne Schnitzer sind ihm Sachen,
die ihn nicht die Bohne störn.

Sitzt er in gesell’ger Runde,
halb von Bier und Korn schon breit,
führt er lallend gern im Munde
„unsre“ Überlegenheit.

Auch auf seinen Urlaubsreisen
gilt ihm alles gleich als Mist,
was in jenen Breitenkreisen
anders als bei Muttern ist.

Fremde kann er nicht verknusen;
Steig’rung möglich bis zum Hass.
Freudig hüpft ihm nur der Busen,
tut man ihnen einmal was.

Mag er in dem Wahn sich wiegen,
er sei mehr als andre wert:
Er wird schon sein Fett noch kriegen,
wenn er in die Grube fährt.

Da wird einen Tod er finden,
dem die Herkunft piepegal.
Erdenunterschiede schwinden.
Dreck ist international.

Einfach klasse

Einfach klasseMuss ich ihn wirklich noch beschreiben?
Ist er nicht jedem noch bekannt?
Versetzung oder Sitzenbleiben –
es lag allein in seiner Hand.

Wir waren damals noch die Kleinen
und saßen schüchtern in der Bank.
Er zog uns an den Hammelbeinen,
weil unser Stumpfsinn ihm wohl stank.

Wer konnte ihm das Wasser reichen?
Er wusste so unendlich viel.
Ein Quell der Weisheit ohnegleichen,
ein Fuchs in jedem Ratespiel.

Er paradierte vor der Klasse
gebiet’risch wie ein Feldmarschall,
dem man der Jugend graue Masse
geschickt zur Prüfung für Walhall.

Und erst am Pult, wo dieser Schlimme
bisweiln so tat, als ob er schlief,
doch plötzlich dich mit Donnerstimme
aus Träumen an die Tafel rief!

Er lehrte Nützliches fürs Leben.
Und manches, was nur Schall und Rauch.
Er lehrte, Strebern nachzustreben.
Und Fürchten lehrte er uns auch.

Mit Daten war er vollgeladen
vom Scheitel runter bis zum Steiß.
Sein Albtraum war der Imageschaden,
wenn er mal irgendwas nicht weiß.

Er wollt auf Nummer sicher gehen,
vor Lücken hat es ihm gegraust,
soldatisch seinen Schulmann stehen,
allwissend wie der Doktor Faust.

Und die da nicht aus freiem Triebe
von Tag zu Tag die Bank gedrückt,
er hat mit seiner Wissensliebe
nur äußerst mäßig sie beglückt.

Was waren uns die Vertebraten?
Was der Atome Pollenflug?
Die Parther oder die Sarmaten,
die hier und da der Römer schlug?

Was waren uns die Stalaktiten,
der Wind, der in der Wüste blies?
Was dieser Beowulf der Briten
und Roland, der ins Hifthorn stieß?

Was warn uns Stempel, Staubgefäße?
Was Cato, Cortez, Wallenstein?
Was eines Plautus derbe Späße
in klassischem Vulgärlatein?

Wie wenig haben wir begriffen
von dieser steten Faktenflut,
auf der gezwungen wir zu schiffen
mit angsterfülltem Heldenmut!

In solchen übermächt’gen Spuren
ging folgsam unser Geist einher,
gehemmt von Püffen und Zensuren –
und dennoch wachsend immer mehr.

Tempi passati! Längst vergangen
und zur Erinnerung verblasst.
Des Paukers rosig blühnde Wangen
in Eiche lange schon gefasst.

Er, der mit Imponiergehabe
und Dünkel durch die Flure schritt,
was brachte er als Morgengabe
seiner Persephone wohl mit?

Gewiss entspricht’s des Lehrers Wesen,
dass er an Bücher nur gedacht.
Doch wie im finstren Hades lesen?
Schon Charon kippte ihm die Fracht.

Ein Schatten ward er unter Schatten,
von keinem Geisteslicht erhellt.
Nie mehr: „Herr Studienrat, gestatten…“
Ganz formlos geht’s in seiner Welt!