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Fast automatisch

Fast automatischBeim Dichten geht’s wie sonst im Leben:
Hat man den Anfang erst gemacht,
wird sich der Rest von selbst ergeben –
wie ‘n Domino in Fahrt gebracht.

Gedanke folgt dann auf Gedanke,
grad so, wie da die Steinchen falln,
dass ohne Halt und ohne Schranke
die Zeilen zum Gedicht sich balln.

Sie tropfen nur so aus der Feder
und überschwemmen das Papier,
dass eh’r fast weniger vom Leder
man zög als Musenkavalier!

Wie soll man da in Schweiß geraten?
Es läuft ja alles mühelos,
um bald in Worten schon zu waten,
die so hervorgesprudelt bloß.

Obwohl doch Leute auch verweilen,
um zu verbessern ihren Stil,
und endlos an den Versen feilen,
bis glatt und glitschig ihr Profil.

Mehr möcht ich dazu gar nicht sagen,
ihr ahnt schon, wo hinaus das will:
Die Sprüche kommen aus dem Magen,
das Hirn verhält sich dabei still.

Ihr seht ja selbst, wie ich geschrieben:
Grad Strophe eins, Präludium,
und schon Finale, Nummer sieben –
da bin ich selbst vor Staunen stumm.

Sonntagsausflug

SonntagsausflugIm Wettstreit liegen Ginsterblüten,
ihr mattes Gelb an jedem Hang,
mit goldnen, die die Wiesen hüten,
von Klee den ganzen Weg entlang.

Und aus dem Schopf bescheidner Kronen,
als ob es tausend Sterne wärn,
erglänzen massenhaft Zitronen,
die Säure uns statt Licht gebärn.

Orangen auch von kleinem Wesen
bevölkern schmächtiges Gezweig,
da niemand kommt, sie abzulesen
direkt so überm Bürgersteig.

Die Sonne lacht und Vögel schwätzen
und Geckos wärmen sich am Stein.
Man muss sich in den Schatten setzen –
nur weg aus diesem Feuerschein!

So führte uns auf Frühlingsflügeln
bis nach Jaén die flotte Fahrt,
das mitten in den Ölbaumhügeln
als dunklen Kern wir jäh gewahrt.

Aus diesem hebt die Kathedrale
sich mächtig als sein steinern‘ Herz,
dass ihres Heilands Ruhm erstrahle
mit zwei Bastionen himmelwärts.

Und unter ihrem Gluckenrumpfe
duckt sich der Häuser Kükenschar,
geborgen gleichsam im Triumphe
von Weihrauch, Kerze und Altar.

Doch in den alten Maurengassen
scheint’s, dass die Zeit noch stiller steht –
als hätte er sie nie verlassen
mit den Getreuen, der Prophet.

Kurs Frühling

Kurs FrühlingWenn ich des Morgens jetzt erwache,
hör ich schon Vögel überall,
und ihre Stimme, ihre schwache,
wie eines Waldes Widerhall.

Wenn ich des Morgens mich erhebe,
des Tages Spuren ich schon find,
da heller schon sein Lichtgewebe
der Dämmer um die Firste spinnt.

Wenn halb im Schlaf noch ich die Füße
des Morgens übers Pflaster wälz,
schickt neckisch mir schon Liebesgrüße
die Sonne auf den Winterpelz.

Wenn ich die Pilgerfahrt beende,
die morgens ins Büro mich scheucht,
erkenn ich gleich die Aktenbände,
auch ohne dass ich Neon bräucht.

Und wenn ich schließlich dieser Asche
wie Phönix wieder mich entriss,
schwenk heimwärts ich die Plastiktasche
noch vor der nächsten Finsternis.

In summa: Alle Zeichen deuten
auf Frühlingstage, lau und lind –
genauso wie das stille Läuten
des Schneeglöckchens im zahmen Wind.

Entronnen ihren eis’gen Banden,
hebt Aug um Aug die Welt zum Licht,
indes millionenfach Girlanden
sie blühend in ihr Jauchzen flicht.

Wie gern würd ich den Jubel teilen,
erwachter Fluren Morgenlied,
säh ich in diesem Vorwärtseilen
nicht auch die Zeit, die so entflieht.

 

Schöne Aussicht

Schöne AussichtNoch steht sie da, die Häuserreihe,
der langgestreckte Ziegelbau,
wenn nächtlich ich der Kunst mich weihe
und sinnend aus der Luke schau.

Drei, vier, fünf Stock, die sich erheben
bescheiden übern Pflasterstein
und nicht an der Legende weben,
noch schöner als Versailles zu sein.

Glaubt ihr denn, dass ich sie vermisse,
wenn ich demnächst von dannen rausch
und diese Graue-Maus-Kulisse
mit einem Augenschmaus vertausch?

Schon bald liegt mir das Meer zu Füßen,
bin der Unendlichkeit ich nah,
wo fern vom Horizonte grüßen
die Wolken über Afrika.

Und wo die Möwen kreischend kreisen
auf eines Kahns beschäumter Spur,
um in den Hafen einzureisen
mitsamt dem Fang der Tagestour.

Und wo und wo … und notabene
da auch der Himmelsarchitekt
die nördlich dröge Sternenszene
zu wunderbarem Glanz erweckt.

Den Mauern, ach, die sich da bäumen,
wohl nie ich mehr Beachtung schenk,
als wenn in süßen Urlaubsträumen
ich sie mir völlig anders denk!

 

Globale Vielfalt

Globale VielfaltDa gibt es wunderschöne Villen,
Paläste, die Millionen wert –
und Mütter, die ihr Baby stillen
in Hütten, die der Wind durchfährt.

Da gibt es Luxuslimousinen,
für die könnt man ein Haus erstehn –
und Kinder, die nicht mal Pantinen
am Fuße, wenn sie betteln gehn.

Und Zimmer gibt’s und gute Stuben,
die groß wie Kinosäle sind –
da Menschen hausen noch in Gruben,
durch die das Regenwasser rinnt.

Von Partys hört man, Festgelagen,
wo ‘n Tausender nur wenig wiegt –
genauso wie von Hungertagen,
die vielerorts man gratis kriegt.

Von exklusiven Sportskanonen
im Polo- oder Golfsegment –
indes nach Brot und Pferdebohnen
vergebens mancher täglich rennt.

Mit solchen derben Diskrepanzen
wartet die Erde uns hier auf:
‘ne Handvoll häufelt die Finanzen,
das Volk zahlt fröhlich oben drauf.

Ich korrigiere: Nicht die Erde
‘ne solche Unterscheidung traf:
In dieser blinden Menschenherde
bewacht seit je der Wolf das Schaf.

Zeitweise friedlich

Ziemlich friedlichWie warm und wohlig strahlt die Stille
in jeden Winkel dieser Stadt,
als wär es Gottes Wunsch und Wille,
dass Zions Frieden sie schon hat.

Die Fahne lässt die Flügel hängen
und plustert sich nicht mehr so auf:
Kein Sinnbild mehr den Schlachtgesängen,
dem patriot’schen Amoklauf.

Die Fahrfrequenz rapid gesunken
auf dem asphaltenen Parkett.
Vom Himmel glühen Sternenfunken
durchs löcherige Wolkenbett.

Kein Regen, der mit rüdem Rauschen
sich bleiern in die Ohren bohrt,
kein Nieseln, das bei langem Lauschen
wie Flüstern das Gehör umflort.

Kein Wind zerrt wütend an den Zweigen
und peitscht sie ziellos vor sich her,
dass diesen tollen Tanz sie zeigen,
wie er St. Veits wohl würdig wär.

Ließ man den Augenschein nur gelten,
man gäbe jenem Weichkeks recht,
der von der besten aller Welten
französisch-deutsch geradebrecht.

Doch nichts ist echt an dieser Schönen,
Fassade alles, Pappfigur.
Dahinter haust das große Stöhnen.
Man hört es mit dem Herzen nur.

Kuli-Streik

Kuli-StreikDer Kuli macht es nicht mehr lange,
sein stolzes Tintenblau versiegt.
Der Zeilen wohlgenährte Schlange
die ersten magren Stellen kriegt.

Soll da die Dichtkunst drunter leiden,
dass es an Handwerkszeug gebricht?
Muss in mein Tagebuch ich kreiden:
„Aus Technikgründen kein Gedicht.“?

Natürlich nicht. Für solche Fälle
liegt in der Lade wo Ersatz.
Ich springe also auf die Schnelle,
dass rasch ich wieder Kringel kratz.

Hier diese warf mit frischem Pinsel
ich auf das dürstende Papier:
Wie tropfte dick ihm das Gerinnsel
aus satter Spitze – zum Geschmier!

Na ja, geht nicht um Schönheitspreise,
was Form und Sauberkeit betrifft;
die Musen achten wohl die Weise
des Sanges mehr als die der Schrift.

Ich hoffe, dass sie meinen schätzen
und oft sich, als des Tages Lohn,
an ihr parnass’sches Feuer setzen
mit meiner neusten Kollektion.

Es sei denn, fürchterlich zu denken!,
dass jene Tinte, die verblasst,
ein Hinweis nur, den sie mir schenken,
dass ihnen mein Geplärr nicht passt!

Rebenmilch

RebenmilchDa glucken wieder wir zusammen
wie gute Freunde, dicht an dicht;
am Himmel tausend Sterne flammen,
zur Rechten glüht mein Kerzenlicht.

Soll ich sie rasch noch einmal nennen,
die in der Tafelrunde hier?
Den Roten werdet ihr doch kennen,
na, auch das weiße, das Papier!

Vom Wachs war oben schon die Rede.
Dann fehlt nur noch das Schreibgerät:
‘ne blaue Mine so wie jede,
die bis zum Hals in Plaste steht.

Das sind sie schon, die Kameraden,
mit denen ich die Zeit verbring
der sacht verlöschenden Fassaden,
die schreibend in den Schlaf ich sing.

Sie helfen mir auf ihre Weise,
dass Verse quelln mir aus dem Stift –
so friedlich, unbewegt und leise
wie Kühe abends auf der Trift.

Auf einem Schemel gleichsam hocke
ich vor dem will’gen Herdenvieh
und ihm die frische Milch entlocke
der schäumend-schönen Fantasie.

Jui, hat es mich da fortgerissen
zu diesem Temperenzler-Bild!
Mein Euter nämlich, müsst ihr wissen:
‘ne Flasche, aus der Tinto quillt!

 

Genau andersrum

Genau andersrumEin voller Mond, der dunstverhangen
schwebt hoch im leeren Himmelsraum;
an Scheitel, Kinn und an den Wangen
sprießt ihm das Licht als dünner Flaum.

Heut hat er keine Konkurrenten,
die auch die Blicke auf sich ziehn.
Die treuen Sterne-Abonnenten
vergeblich vor dem Fernrohr knien.

Im namenlosen Grau verloren
setzt blind er seine Reise fort,
ganz im Vertraun auf die Motoren
der Kosmos-Compagnie an Bord.

Als hätten sie ihn je verlassen,
seitdem er auf die Piste schoss;
die Jungens in den Boxengassen,
was ha’m die bloß fürn lahmes Ross!

(Der Trick da oben bei den Sternen,
der wär auch hier der große Hit:
Die Reibung müsste man entfernen –
und ab die Post, ganz ohne Sprit!)

Jetzt ist er schon vorangekommen,
wobei er auch noch höher stieg,
noch immer neblig und verschwommen –
so flieg denn, Mond, Mondkäfer flieg!

_________

Gefühlsausbruch, der voll daneben,
stellt auf den Kopf ja alles glatt!
Da oben, stumm, das ew’ge Leben,
hier Schwätzer nur, die morgen platt.

Schützende Wände

Schützende WändeWas hinter diesen schwarzen Mauern
da drüben alles wohl passiert?
Ob Laster und Verbrechen lauern
in Höhlen, die als Heim kaschiert?

Ob da ein Süffel oder Kiffer,
dem rasch die Galle überläuft,
im Schutze seiner Dunkelziffer
wen in der Wanne grad ersäuft?

Ob da ein vorbildlicher Vater,
der selten prügelt Weib und Kind,
die Nase voll von dem Theater,
aufs blutige Finale sinnt?

Ob eine Hausfrau, frustgeschwängert,
noch vorm Termin beim Trenngericht,
den Ehebund nicht mehr verlängert,
indem sie ihren Kerl ersticht?

Ob da des Staates Stolz und Stütze,
ein Polizist mit Ordnungssinn,
von Zeit zu Zeit hält seine Mütze
‘nem strafbefreiten Spender hin?

Da sehen sie als einz’ge Zeugen
direkt dem Schurken ins Gesicht –
doch der hat gut Gesetze beugen:
Die Mauern, weiß er, halten dicht,

Und kommt es dennoch mal zum Schwure,
dass man ihm auf die Finger haut,
hat selbst der Nachbar auf dem Flure,
ach, die Fassade nicht durchschaut!