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Nur ein Traum

Nur ein TraumDas höchste Staatsziel: Kinderlachen,
verbrieft gesetzlich und bestimmt,
und dass sie tüchtig Streiche machen,
die keiner ihnen übel nimmt.

Dann: Dass den Bürger man belange,
des Lebensziel Profite nur
und dem des Armen hohle Wange
nie schmerzlich an die Nieren fuhr.

Und dass den Wahnsinn man verbiete,
man müsse höher stets hinaus
mit dem Gewinn und der Rendite
für dies gerupfte Erdenhaus.

Auch endlich mal vom Sockel holen
die ganze falsche Heldenbrut,
die schamlos, ihrem Gott befohlen,
gebadet nur in Menschenblut.

Bescheidenheit wär auch geboten,
wenn Stellung man zum Tier bezieht –
der Mensch geht auf den Hinterpfoten,
das ist der ganze Unterschied!

Denn fressen, wachsen, altern, sterben,
das macht ihn allen Wesen gleich;
doch blind sich brüstend will er erben
als Einziger das Himmelreich.

Den Herkules man wiederbringe,
um aufzuräumen mit dem Mist,
damit er endlich flöten ginge –
der alte Steinzeit-Egoist!

 

Späte Sonnenkraft

Späte SonnenkraftNicht nur das Hügelland der Wellen,
auch richt’ge Berge gibt es hier.
Ich muss mich nur ans Fenster stellen
und hab die Gipfel im Visier.

Natur in ihrer schönsten Fülle!
Und dieser Rentner mittendrin!
Totale (rechts und links) Idylle.
Und dann noch Sonne: Hauptgewinn!

Was will man denn noch mehr verlangen?
November zeigt doch schon die Uhr,
indes Bougainvilleen prangen
so frisch wie nach ‘ner Badekur.

Das heißt im Herbst nach Frühling haschen,
‘ne Kunst, die nur der Süden kennt –
zieht Sonnenschein auf Wärmeflaschen,
dass winters ihm der Bauch noch brennt.

Am Strand noch immer Leute liegen,
den Strohschirm übers Haupt gespannt,
um etwas Schatten da zu kriegen,
wo sonst nur ungeschützter Sand.

Die Berge selbst, dahin gerufen
von ihrem naseweisen Kap,
sie falln in immer sachtren Stufen
bis auf den Saum des Meeres ab.

Ich ließ mich heut ein wenig nieder,
bewundernd, was so wunderbar.
Da schloss die Sonne mir die Lider,
dass wirklich ich geblendet war!

Nachtwanderung

NachtwanderungHoch überm Meer des Mondes Sichel,
wie sie die Sterne niedermäht:
Ich hab’s gesehn, ein deutscher Michel,
beim Strandspaziergang heut noch spät.

Das Völkchen da auf meinem Wege,
es plauderte auf Spanisch meist,
indes auch fremder Mundart Pflege
beförderte der heil’ge Geist.

Der Abend lau und machte Ehre
dem Tage, den er schwarz beschloss.
Fern in die Bucht, am Kopf der Kehre,
der Sonne luft’ge Lava floss.

Es gingen Leute brav spazieren
und andre standen wie gebannt,
dies Lichtspiel filmisch einzufrieren,
Naturkost einst aus zweiter Hand.

Und aus den zitternden, den Flanken
des Meers gebar sich eine Jacht,
zum Hafen bangen Bugs zu schwanken,
wo fest sie ihre Träume macht.

Kein Untier hob sich aus den Tiefen,
kein Donner das Idyll zerriss.
Die Fische und die Sterne schliefen
in ihrer eignen Finsternis.

Auf festem Boden mit den Hufen;
doch neben ihnen, zwei, drei Schritt,
ein Friedhof, den die Stürme schufen.
Und lauernd ging er immer mit.

 

Herzlich willkommen II

Herzlich willkommenWie schön, euch heute zu begrüßen
in meinem Urlaubsdomizil!
Ihr seht, ich bin auf Pferdefüßen
als Barde immer noch mobil.

Denn Pegasus, den ich geritten
begeistert in der Heimatstadt,
den musste ich nicht lange bitten,
dass er mich hergeflogen hat.

Gefährt ist er mir und Gefährte –
der Gleichklang drückt wohl treffend aus,
wie hoch ich ihn auch hier bewerte,
zweitausend Meilen von zu Haus.

Am Abend, wenn die rosa Flammen
der Sonne schon gelöscht vom Meer,
schwing ich mich auf und, hopp!, zusammen
geht’s hinter flücht’gen Versen her!

Seht hier den Hauptteil schon der Strecke:
Fünf Strophen, schön in Reih und Glied,
bracht ich per Blattschuss um die Ecke,
für sie das Ende schon vom Lied.

Doch ist mein Jieper auf die Beute
mit dieser Quincunx nicht gestillt,
denn zu erlegen grade heute
bin ihrer sieben ich gewillt.

Ich hoff, ihr werdet’s nicht bereuen,
dass ihr so fern mich heimgesucht:
Sollt heitrer Dichtung euch erfreuen –
drum hab den Süden ich gebucht!

Späte Freuden

Späte FreudenKann das die Heimat jetzt noch bieten?
November herrscht da, nass und grau.
Doch hier folgt Petrus andren Riten,
macht noch die große Sonnenschau.

Mit blauem Himmel und so weiter,
dem ganzen Sommerinventar,
gibt sich der Monat richtig heiter
und spottet jeder Frostgefahr.

Macht Spaß, am Strand entlang zu bummeln,
zu lauschen leichtem Wellenschlag,
den Möwen, die sich kreischend tummeln,
da wo der reichste Fischertrag.

Die Nase in den Wind zu recken,
der lau und lind vom Wasser weht,
und mit den Augen es zu schmecken,
wenn rot die Sonne untergeht.

Wie stolz sieht man sie da versinken
in ihrem weiten Wasserbett,
den Leuchtturm hinterher ihr winken,
als ob er noch ‘ne Nachricht hätt.

Dann legt die Nacht mit ihrem Dunkel
sich über Himmel, Meer und Strand;
und aus der Tiefe steigt Gefunkel
so hell und klar wie Diamant.

Die Schiffe wiegen sich im Hafen.
Der Tagesfang ist längst von Bord.
Des Schreibens müde, will ich schlafen.
Und morgen geht die Reise fort.

Mobiles Dichten

Mobiles DichtenMag in der Fremde man auch landen,
man richtet sich doch häuslich ein.
Kommt dir die Heimat mal abhanden,
es bleiben Kerze, Stift und Wein.

Das Handwerkszeug der stillen Nächte,
da ich gehämmert und gehaun,
dass Selbstgezimmertes ich brächte
den kunstbeflissnen Musenfraun.

Wie leicht lässt es auch hier sich finden
und sich verwenden zu dem Zweck;
mir scheint, man liebt es, loszubinden
den Pegasus an diesem Fleck!

Ein Grund mehr, Mühe mir zu geben
in diesem stummen Sängerstreit,
um mich von allen abzuheben,
von allen andalusienweit.

Warn es nicht maurische Poeten,
dern Lied hier ewig lang geblüht,
dieweil in Liebe zum Propheten
und mancher Schönen sie geglüht?

Nun, beides ist nicht meine Sache
(das Letztre unfreiwillig nur!),
so dass ich meine Glut entfache
zumeist zum Lobe der Natur.

Da gibt’s genug Gelegenheiten:
Soeben kehr ich heim vom Strand –
des Abendhimmels rosa Zeiten,
das ganze Mittelmeer in Brand!

Kontrastprogramm II

KontrastprogrammDas Meer ist wieder still geworden,
verraucht sein Zorn nun und verebbt.
Der starke Landwind, der von Norden,
sich heut nur noch auf Krücken schleppt.

Die Möwen seht, Spielball der Winde
noch gestern in erregtem Flug,
auf Welln sich wiegen, die gelinde,
zerzausend nicht den flaum’gen Bug.

Der Himmel gibt die blaue Nummer:
die weiße Weste in Azur.
Kein Schäfchen regt sich da im Schlummer –
und wenn, gebettet auf Velours.

Will von der Sonne gar nicht reden,
das wär zu sehr nach Schema F.
Verursacht keine Hitzeschäden –
Hund ohne Biss, doch mit Gekläff.

Es ist zum Nicht-mehr-stille-Sitzen
in diesem strandgestützten Schapp;
ich geh mal schnell ‘ne Runde flitzen,
heißt: schleich die Promenade ab.

Bewegungslos den Palmen hängen
die Rasta-Locken grün vom Haupt;
nur irgendwo mit Shanty-Klängen
der Stille man die Unschuld raubt.

Das krasse Gegenteil von gestern,
als Neptun hoch die Wogen fuhr.
Doch heute, morgen: Sind’s nicht Schwestern
und schön nicht beide von Natur?

Stürmische Begrüßung

Stürmische BegrüßungDer Szenenwechsel ist vollzogen.
Mein Ausblick: Häuser, ein Geschoss.
Zur andern Seite rauschen Wogen,
und Möwen spielen Albatros.

Jetzt haus‘ ich plötzlich an der Schwelle
zum weiten wegelosen Meer,
rück den Sardinen auf die Pelle
und komm den Tintenfischen näh’r.

Der Sonne auch, der großen Dame,
die pomphaft von der Bühne geht,
gemessen, steif, als ob sie lahme,
obwohl ihr rosa Schleier weht.

Wann könnt man besser sie studieren,
als wenn erschöpft sie und verbraucht,
um sich im Dunkel zu verlieren,
so feurig in die Fluten taucht?

Und wo bläst, um dich zu begrüßen,
ein solcher Sturm dir ins Gesicht?
Er holte fast mich von den Füßen:
Ich sag euch was, ihr glaubt es nicht!

Im Auto hatte ich zu liegen
als Gastgeschenk ‘ne Flasche Wein,
die kurz darauf ein Freund sollt kriegen –
wir trafen grad vorm Hause ein.

Die wollt ich just vom Boden pflücken,
da schoss sie durch des Winds Gewalt
zur Tür hinaus – in tausend Stücken
verblutend, ach, auf dem Asphalt!

 

Endlosschleife

EndlosschleifeMein Bildschirm: Küchenfensterscheibe
zeigt mir nur immer ein Programm:
‘ne Doku rings um meine Bleibe,
doch nüchtern, ohne viel Tamtam.

Nur einfach so ‘ne Straßenszene,
in der das Übliche passiert…
Verzeiht, wenn zwischendurch ich gähne –
hab sie zum Überfluss goutiert.

Ein paarmal nur durchbrach die Öde
ein Unfall oder Wohnungsbrand,
dass voller Neugier ich wie blöde
zu meinem Ausguck hingerannt.

Dann wieder lange tote Hose,
Passanten hier und Autos da –
so int’ressant wie ‘ne Arthrose
oder der „Krieg von Gallia“.

Ich hab’s ‘ne Weile ausgehalten
mit dem stupiden Serienschund,
doch bin gewillt, nun umzuschalten,
sonst komm ich hier noch auf den Hund.

Ein Szenenwechsel ist vonnöten,
nur so auf Knopfdruck geht das nicht.
Und kostet auch ‘ne Handvoll Kröten.
Doch hört mal den Programmbericht!

Der Himmel seidig überzogen
von lichtdurchflutetem Azur.
Das Meer: Auf uferlosen Wogen
die Boote und die Möwen nur.

Ein Traum von Poesie

Ein Traum von PoesieWie Bruder Bellman möcht ich singen –
so einfach von der Leber weg;
nicht lang mit Blatt und Bleistift ringen:
die Stimme nur im Handgepäck!

Getrieben von der Kraft der Reben
Vom Sundgau im geräum’gen Krug,
mänadisch-manisch hingegeben
dem göttlichen Gedankenflug.

Und rings die feste Freundesrunde,
die sich an Wort und Wein berauscht
und bis zur frühen Morgenstunde
dem nimmermüden Sänger lauscht.

Darunter auch ein holdes Wesen,
das fröhlich übern Nektar wacht:
die blonde Ulla hinterm Tresen,
die Muse seiner nord’schen Nacht.

Was für ein Traum! Indes ich brüte
in meinem stillen Kämmerlein,
dass mir zur Reife und zur Güte
die Früchte meines Geists gedeihn

Statt auf den Brettern einer Schenke
in Bierdunst und in Pfeifenrauch,
wo ich die jüngsten Verse schwenke
zu raschem Nutzen und Gebrauch!

Wie würd ich Bellmans Kunst begrüßen,
so aus dem Stegreif fantasiert,
den Musen gleich zu Füßen,
wie sie der Bauch gebiert!