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Nachtschwärmer

Späte AusfahrtJetzt ziehen sie zur Dämmerstunde
noch auf die stille See hinaus,
das Einkaufsnetz bereit für Funde
in Neptuns großem Warenhaus.

Wie Käfer einer nach dem andern
entschlüpfen sie der Mole Schoß,
um schwankend zum Geschäft zu wandern,
drei Meilen vor der Küste bloß.

Schon haben bis an Ort und Stelle
die Ersten ihren Kahn gelenkt
und schöpfen aus der Nahrungsquelle,
was sie an Früchten ihnen schenkt.

Die andern sind noch auf dem Wege
und steuern völlig zielbewusst
nach diesem wogenden Gehege,
das offen ist für Fracht und Frust.

Mehr kann ich euch dazu nicht sagen.
Lachsrot färbt sich der Horizont,
indes mich langsam weitertragen
die Füße an der Wasserfront.

Wie viele Schritte ich gegangen?
Ich weiß nicht, gab nicht acht darauf;
die Dunkelheit hat angefangen,
schon leuchten die Laternen auf.

Da draußen, wo die Kutter kreisen,
ist alles finster schon und blind,
und ihre Lichter nur beweisen,
dass sie da noch vorhanden sind.

Die wird kein Wind so leicht verwehen
noch löschen rasch geborgner Fang.
Da heißt es erst noch Schlange stehen –
die Nacht des Fischers, sie ist lang.

Alles Märchen

Alles MärchenWie sie sich gleichen bis aufs Härchen –
Programme je nach Jahreszeit:
Zu Weihnachten die schönsten Märchen
den lieben langen Bildschirm breit!

Schneewittchen permanent im Bilde,
Rapunzel mit dem dicken Zopf,
der Rübezahl genannte Wilde
und Fallada, der Pferdekopf.

Auch Aschenputtel darf nicht fehlen,
der Veteran vom „Blauen Licht“,
das Schneiderlein, dem `s Fliegenzählen
ein heldenhaftes Los verspricht.

Es wimmelt nur so von Gestalten,
die man geprügelt und gehetzt
und die doch durch des Schicksals Walten
ihr Schnäppchen machen noch zuletzt.

Da geht es mit natürl’chen Dingen
bekanntermaßen wenig zu –
mit Fröschen, die auf Küsse dringen,
mit Blut im falschen Frauenschuh.

Mit Bärn, die sich als Prinz entpuppen,
und Raben, die verwunschen sind,
mit Zwergen, einzeln und in Gruppen,
und Läufern, schneller als der Wind.

Die Wunder geben sich die Klinke
da sozusagen in die Hand,
dass man als Kind schon – winke, winke –
sie ungemein sympathisch fand.

Da kann das größte selbst von diesen,
das Weihnachtswunder nicht verwirrn –
ein Klacks dagegen das von Riesen
und Täubchen, die um Linsen girrn.

Ein Knäblein, das im Stall geboren,
weil Gott ihm kein Hotel gebucht,
und, Ochs und Esel um die Ohren,
von Majestäten doch besucht!

Und dieser Gott, der schon beim Werden
dem Sprössling nur die Scheune ließ,
nahm rüde ihn dann auch von Erden
mit Geißel, Kreuzigung und Spieß!

Ein Kindesmord von höchster Stelle,
dem alle Welt Hosianna singt,
weil er nach offizieller Quelle
den Billigern Erlösung bringt.

Nicht wahr und auch nicht gut erfunden,
doch tief ins Herz uns eingesät
mit frühen Katechismus-Stunden
und kuscheligem Nachtgebet.

Als Märchen halte ich`s in Ehren,
der Sprache wegen schon allein –
um wie viel mehr, könnt es mich lehren,
wie Wasser wandelt man in Wein!

Hoch motiviert

Hoch motiviertSchon wieder so ein Blatt zerrissen,
das mit Ideen ich gespickt,
Entwürfe, die ins Gras gebissen,
bevor sie`s Licht der Welt erblickt.

Ja, fast am wichtigsten beim Dichten
ist die Versorgung mit Papier,
um noch beim Schreiben zu vernichten,
was nicht gehört auf DIN-A4.

Die Verse, die ich mir ersitze
vom Abend bis es wieder tagt,
sind nur des Berges dünne Spitze,
die aus dem Meer der Zeilen ragt.

Doch krieg ich deshalb graue Haare,
ein Herz, das schwächlicher entbrennt?
Als ging es hier um Massenware,
Profit, Produkt und Produzent!

Den Musen dienen heißt sich placken
und bringt dir keinen Obolus,
und dennoch glühen mir die Hacken,
wenn zum Rapport mal rauf ich muss.

Im Gegensatz zu unsern Bossen
verstehn sie sich aufs Motiviern,
indem sie ihre Kampfgenossen
ermuntern statt zu deprimiern.

Die Leine, Lyriker zu führen,
wie lang sie ist und niemals straff!
So lässt sich unbehindert rühren
der Kopf, dass er sich Räume schaff.

Beim Schnuppern deshalb und beim Stöbern,
die kein Kommando ihm vergällt,
schlägt schließlich selber er die gröbern
und faden Funde aus dem Feld.

Ob ihm der große Wurf gelungen,
wird ihm indes nicht mitgeteilt –
doch wer hier einmal vorgesungen,
auf ewig in dem Chor verweilt.

Doch will die Lerche Beifall haschen,
`nen Bravo-Sturm die Nachtigall?
Sie füllen sich nicht ihre Taschen,
erfreun sich nur am schönen Schall!

Jenseits der Mauern

Jenseits der MauernNur einen Katzensprung entfernt: Die Fluren,
sich duckend unterm Dämmer wie die Stadt.
Man trägt ja überall die gleichen Uhren –
den Mond, die Sonne, ohne Zifferblatt.

Die Heidewälder sind zur Ruh gegangen,
die Stirn geschmiegt in funkelndes Gestirn,
da tausend Wesen durch die Nacht sich bangen,
um morgen durch `nen neuen Tag zu irrn.

Das Korn ist von den Feldern abgefahren,
die rau im Stumpfe ihrer Stoppeln stehn.
Wie schön sie noch vor wen`gen Wochen waren:
Ein Meer, sich wellend unterm Schrei der Krähn!

Und wo die Apfelbäume lang marschieren
an der Chausseen kräuterreichem Rand,
mag jetzt ein Wanderer sich noch verlieren,
ein Zecher, der noch nicht nach Hause fand.

Im Stübchen, ganz von mildem Licht durchflossen,
geh träumend ich auf städtefernen Spurn.
Der Regen rauscht seit Stunden unverdrossen –
so rauscht er jetzt wohl auch auf diese Flurn.

Stilles Wasser

Stiller OzeanSo reglos hat es heut gelegen,
so lakenmäßig knitterfrei,
so unbehaust von Wellenschlägen,
als ob ein Meer es gar nicht sei.

Eh`r glich es jenen stillen Weihern,
die ewig ohne Ebb und Flut
und die mit Lidern, blass und bleiern,
verdösen ihre Mittagsglut.

Hätt nur gefehlt noch Entengrütze
und Schilfrohr irgendwo am Rand,
man hätte seine Schiffermütze
wohl zum Klabautermann gesandt.

Indes auch unsre Möwen mieden
die unbewegte Wogenflur,
als ob sie in dem faulen Frieden
verlören ihrer Beute Spur.

Sie hockten auf dem schmalen Streifen
von grauem, grobem Ufersand
und ließen ihre Blicke schweifen
in dunst`ge Weiten unverwandt.

Doch war kein Kutter wo zu sichten,
der mit dem Tagesfang im Schapp
den Bug zur Mole mochte richten,
dass man von dem ein Häppchen schnapp.

Nur eine einz`ge große Fläche,
die eingeebnet, abgeflacht,
und schimmernd wie Millionen Bleche
bis wo die Kimm `ne Biege macht.

Und nicht mal mit `nem leichten Fächeln
gefiel`s den Winden da zu wehn –
die Sonne konnt ihr schönstes Lächeln
im blanken Meeresspiegel sehn.

Ja, wär es nicht in diesen Breiten,
in die es Fröste kaum verschlägt,
man hätt versucht ihn zu beschreiten,
zu testen, ob das Eis schon trägt.

War dies das atemlose Schweigen,
bevor er brüllt, der Donnergott?
Nein, nur im Jahreszeitenreigen
ein kleines Schrittchen aus dem Trott.

Wärmelehre

WärmelehreDie Therme tut bemüht das Ihre,
und kommt`s auch einem Röcheln gleich,
dass ich das Feuer nicht verliere
für meinen nächsten Musenstreich.

Ich weiß nicht, wie mit Frost im Finger
und Gänsehaut an Brust und Bein
als Sprachdompteur und Versbezwinger
man halbwegs könnt erfolgreich sein.

Damit das Hirn sich frei entfalten
und alle Schleusen öffnen kann,
muss man die Heizung höher schalten,
bis man Dynamik ihm gewann.

Am Beispielwill ich euch beweisen,
dass dies schon immer Flügel lieh,
und nehme kurz euch mit auf Reisen
ins alte Reich der Poesie.

Petrarca sei als erster Sänger
dabei vor Augen euch gebracht –
hätt nördlich, wo die Schatten länger,
so warm er Lauras wohl gedacht?

Und Beatrice: Hätt ein Dante
so glänzend sie in Licht verklärt,
wenn nur die Dunkelheit er kannte,
in der die Kälte sich verzehrt?

Ein Shakespeare selbst in unsren Breiten,
die`s Licht nur flüchtig streifen mag,
zu welchem Hymnus konnt verleiten
ihn so ein schöner Sommertag!

Der Therme also, der bemühten,
von hier aus (Strophe acht) sei Dank,
die Verslein glücklich auszubrüten
aus meiner Seele Samenbank!

Ob ich genannten Dichterfürsten
wohl irgendwann das Wasser reich?
Ich weiß nicht; will nur weiterdürsten
nach Tröpfchen aus dem Musenteich.

Kleiner Donner

HintergrundgeräuscheGewitter? Nein – beim zweiten Hören
ein Feuerwerk nur irgendwo.
Doch statt mein Auge zu betören,
brennt`s hinter Dächern lichterloh.

Wie Glühwürmchen nur Autos huschen
durch der Gardine Maschenzaun.
Ich bastle wieder Liederluschen –
am Tisch, wo andre Essen kaun.

Ach, wie der Knüppel, der vom Hauen
nicht abließ, eh der Bann gelöst,
muss ich wohl fleißig Verse bauen,
bis in die Kuhle man mich stößt!

Doch gibt`s nicht schlimmere Manien?
Geschreibsel, das im Schapp verstaubt!
Nichts was in fremde Ohrn geschrien,
denselben die Besinnung raubt!

Dafür jetzt Martinshorngeleier!
Sie hörn es nicht? Dann sei`n Sie froh!
Man lebt hier nicht an Wald und Weiher,
nein, dicht beim Feuerwehrdepot!

Jetzt Pyro-Böller-Donnerschläge.
Mein Heim wird zum Kanonenrohr!
Als Ausgleich zu besäuseln pflege
ich das Idyll am Gartentor.

Ein Tisch gehäufter Illusionen,
Geschirr gleich, das man stehen lässt.
Ich kann ihn nicht davon verschonen –
der Träume ungekautem Rest.

Das Blatt muss ich zur Lampe schieben,
dass ich die Zeiln erkennen kann –
die Augen sind nicht jung geblieben
und blinzeln müde dann und wann.

Auch kann ich mich dabei ertappen,
dass Bilder melden sich verstohln
vom Kindheitsort, wo fahle Knappen
das schwarze Gold zu Tage holn.

Wie oft sah ich den Tag schon bleichen,
das Fenster mit Gestirn gefüllt,
die ew’ge Wiederkehr des Gleichen,
die `s Altern uns der Zeit verhüllt!

O Glas, in Mauern eingelassen,
das du dem Blick die Welt erschließt –
wie muss den Spiegel man da hassen,
wo in der Miene man nur liest!

Zeigt Furchen schon bei kurzem Äugen,
die ihr die Jahre eingepflügt,
und Tränen mögen wohl bezeugen,
dass dieses Konterfei nicht lügt.

Gewitter nicht, Naturgewalten –
nein, Garben flücht’gen Feuers nur,
die steigend langsam schon erkalten,
und fall’nd verhauchen ihre Spur.

Gefundenes Fressen

Gefundenes FressenHab ich denn noch was auf der Pfanne,
was sich aufs Blatt zu bannen lohnt,
ein Tröpfchen aus der Musenkanne,
das Blüten zeugt, die ungewohnt?

An Themen keine Mangelware:
In den Regalen steht die Welt.
Bedenklich nur die vielen Jahre,
in denen sich das Zeug schon hält.

Darum beherzt nur zugegriffen,
bevor`s am Ende noch verdirbt,
dass mit bewährten Küchenkniffen
es lyrischen Geschmack erwirbt!

Mal sehn, was steht hier auf der Dose?
„Der Schöpfungsakt aus Bibelsicht.“
Aha, das erste Büchlein Mose –
was grade meinem Wunsch entspricht.

„Am Anfang schuf…“, na, und so weiter,
ihr kennt den Text ja bis aufs Haar
und dass der große Wegbereiter
am sechsten Tag schon fertig war.

Doch heut, ein paar Millennien später,
nachdem er ihn vermeintlich schuf,
entlarvt als Mythos seiner Väter
der Mensch des Bauherrn guten Ruf.

Inzwischen weiß er, wie die Dinge
sich wirklich einmal abgespielt
und dass, damit der Wurf gelinge,
das Nichts sich keinen Jahwe hielt.

Doch so mit allem Wägen, Messen
erfassend mählich Zeit und Raum,
hat er sich leider überfressen
vom leckeren Erkenntnisbaum.

Jetzt will sein Sinnen und sein Trachten,
dass übern Rand hinaus er schieß –
`nen Wohnsitz fern sich wo zu pachten
in `nem Planetenparadies.

Dass Gott behüte! möcht man schreien
ungläubig , ach, vor solchem Graus –
erst durft die Erde er entweihen
und schwärmt nun in den Kosmos aus?

Bloß nicht noch weitre Herde schaffen
humanviraler Infektion.
Bei Eseln ist sein Platz und Affen –
dass alles andre er verschon!

Kurz abgetaucht

Kurz abgetauchtMir ist`s wie in `ner Taucherglocke
hier im bescheidnen Zimmerlein,
wo halbwegs ich im Schatten hocke
bei falbenfahlem Lampenschein.

Von draußen stört kein Laut die Stille
und drinnen nur mein Atemzug,
als ob des nahen Meeres Wille
mich wirklich unter Wasser trug.

Durchs Bullaug’ blick ich: Schwarze Masse,
an der man sich die Nase stößt.
Ein Bursche bloß von seltner Rasse
laternenhäuptig darin döst.

Kein Kalmar, kein betagter Krake,
der träge durch die Wogen pflügt –
nichts rührt sich in der trüben Lake,
die träumerisch sich selbst genügt.

Nur etwas weiter in der Ecke,
die optisch grad ich noch im Griff,
so was wie`n Wrackteil ich entdecke –
den Bug von einem Kirchenschiff!

Schon schlägt mein Herz mit Freud und Bangen,
dass ich `nen seltnen Fund gemacht:
`nen Ort, der einst zu Grund gegangen
in einer einz`gen Sturmesnacht!

Da schrillt wie`n Wecker in den Schlummer
auf einmal mir das Telefon –
und reißt zu meinem größten Kummer
mich aus der Tiefsee-Illusion!

Reklamation

ReklamationDa klebt es bunt ihr an der Stirne,
das Angebind aus Glas und Licht,
ein Bild, erschaffen aus der Birne,
die glühend sich zum Muster flicht.

Und das Motiv, das wir erkennen
in dem Fassaden-Diadem,
ist äußerst weihnachtlich zu nennen –
die Stallgeburt in Bethlehem.

Ganz schön auf Draht, muss man schon sagen
fürn Kirchlein in so`m lütten Fleck:
Es weiß die Trommel laut zu schlagen
auch optisch für den heil`gen Zweck.

Grad heute gingen durch die Pforte
ihm wieder viele Schäfchen ein,
um dem gesalbten Priesterworte
auf hartem Holz Gehör zu leihn.

Doch wohlgemerkt nach dem Kalender,
wie er in diesen Breiten gilt,
dem als bewährtem Festtagsspender
viel Rot aus seinen Zeilen quillt.

Die Feier jetzo: Dass empfangen
Maria einst des Geistes Lust
und mit der Jungfrau eignem Bangen
ihr nicht zu wehren hat gewusst.

Und dass dem wundersamen Akte,
der doch platonisch wohl verlief,
ein Kind entsprang nach kurzem Takte,
das Kön`ge an sein Krippchen rief.

Der Jesus, der uns da geboren,
war wahrlich mehr als diese wert,
die gold- und myrrhegeilen Toren,
die schenkend Mammon noch verehrt.

Der Göttlichkeit, ihm unterschoben
von Schwindlern nur aus Geltungsdrang,
hört nie man ihn sich selber loben
sein ganzes kurzes Leben lang.

Prophet, so nannt er sich bescheiden,
beschwörend, seiner Zeit zum Trotz,
das Volk, Gewalt und Hass zu meiden
als Kinder eines Vatergotts.

Da glänzt er nun als Lichterkette
aus seinem grellen Neonpfühl
mit den Laternen um die Wette
im frostigen Metallgestühl.

So wird seit je sein guter Name
als Kirchenzugpferd gern verwandt –
die heute, Meist’rin der Reklame,
ihn poppig vor den Karren spannt.