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Die Tretmühle

Die TretmühleMit allerlei Gepflogenheiten
der Mensch ja seinen Tag verbringt:
So morgens mit dem Gockel streiten,
der wütend aus dem Wecker klingt.

Und ist er seinem Schrei erlegen,
dass aus dem Kissen er sich wälzt,
wird er zum Frühstück sich bewegen –
noch steif natürlich, dass er stelzt.

Und so mit allem immer weiter,
was soll ich da noch groß erklärn?
Ich bin ja hier kein Kursusleiter,
um „Binsenweisheit“ ihn zu lehrn.

Ihr wisst ja selbst (ich will mal wagen,
hier von zwei Lesern auszugehn),
dass solche Bräuche Wurzeln schlagen,
bis sie im Ruf des Heil`gen stehn.

Jetzt kuckt ihr dämlich aus der Wäsche
und fragt euch, was das Ganze soll.
Zur nächsten Strophe drum ich presche
und geb euch dies zu Protokoll:

`nen Rhythmus habe ich gefunden,
der alles Übliche umfängt
und doch mich zu gewissen Stunden
ein bisschen in die Büsche lenkt.

Noch kryptisch? Also deutsch gesprochen:
Ich hab `nen Trip mir angewöhnt,
der mir als altem Rentnerknochen
den Tag mit frischer Seeluft krönt.

Am Hafen lüft ich meine Sohlen,
des Atem Fisch und Gammel speit,
am Strand, wo still sich zu erholen,
die Möwen hocken weit und breit.

Und hab mit Berg- und Meeresblicken
die Seele ich mir eingelullt,
lass langsam ich den Tag verticken
zu Haus an meinem Dichterpult.

Da zieh ich mächtig dann vom Leder
wie sonst nur einer in der Schlacht;
doch nicht die Sau-, die Gänsefeder,
die quicklebendig Jamben macht.

Jambon? Nein, Jamben, Leseratte,
die sollten dir geläufig sein –
nicht Schenkel für die Schinkenplatte,
doch Füße für das Versebein.

Egal, der Geist kann auch goutieren
auf seine eigne Gaumentour:
Sich nachts in Fantasien verlieren –
ich glaub, das toppt wohl Manna nur!

Gesprächstechnik

GesprächstechnikDer Technik haben wir`s zu danken,
dass wir uns zügig kontaktiern
und über alle Landschaftsschranken
den roten Faden nicht verliern.

Fand einst selbst über kleine Strecken
man höchstens mit Gebrüll Gehör,
kommt heut bis an der Erde Ecken
man flüsternd wie ein Rossdompteur.

Das sollte man nicht Fortschritt nennen –
`nen Laberkasten im Gepäck,
dass wo wir rasten oder rennen
er uns die neuste Nachricht steck?

Und in gewissen krassen Fällen
ist so was schließlich Goldes wert –
zum Beispiel um ein Gleis zu stellen,
auf dem man in die Klinik fährt.

Um einen Notruf abzusetzen,
fasst man in seine Tasche bloß
und holt sich aus den „Tempo“-Fetzen
Gerät samt Nummer auf den Schoß.

Doch alles, was wir so erfinden,
geht über seinen Zweck hinaus,
so dass wir leicht ans Bein uns binden
Effekte Marke Irrenhaus.

Denn statt es sinnvoll zu verwenden
fürn wichtigen Gedankentausch,
behält man`s permanent in Händen
zum ambulanten Dauerplausch.

Da labert man des Laberns wegen,
als ob der Hafer einen stäch,
um irgendwie sich abzuregen
im Dialog – heißt Selbstgespräch.

Und wie im Beichtstuhl sozusagen,
wo man den Lauschenden nicht sieht,
kann leichter man zu Markte tragen,
was sonst dem Lippen nicht entflieht.

Drum hält sich der Gewinn in Grenzen,
den uns auch diese Kunst gewährt,
indem wir findig sie ergänzen
durch dies und jenes Troja-Pferd.

So könnt ich lang das Hirn verrenken
des Fortschritts wegen unsrer Zeit –
doch, ach, es hat sich was mit Denken:
Es klingelt grade. Tut mir leid…

Der Dichter

Der DichterWie Sie sich wohl `nen Dichter denken?
Lassen Sie mich raten, bitte sehr!
Ich glaube, ohne Sie zu kränken,
in dieser Weise ungefähr:

Ein Bursche, kränklich schon seit Kindesbeinen,
doch mit ‘nem starken Geist begabt,
mit Abscheu vor dem Niedrigen, Gemeinen,
der nur an Nektar und pp. sich labt.

Er pflegt in Gärten gern sich zu ergehen,
damit ihn Rosendüfte inspiriern,
ja, schon im Mai die blütenweißen Schlehen,
die rings des Feldrains Büsche ziern.

Und schreibend mit sensiblen Händen,
führt leicht er übers Blatt den Kiel,
Signale seines hohen Herzens auszusenden
in einem vornehm antiquiertem Stil!

Er hat sich seine eigne Welt erschaffen,
in der er wohler sich als in der wahren fühlt,
ein Eden ohne lieben Gott und Pfaffen,
vom Musenquell elysisch nur umspült.

Et cetera. Was sagen Sie? Hab ich’s getroffen?
Hab ich Apollos Jünger auf den Punkt gebracht?
Nur zu! Ich bin für Ihre Korrekturen offen.
Sie schweigen? Gut, das hab ich mir bereits gedacht.

Doch unter uns (ich denk, ich weiß, wovon ich rede):
Sie schleppen da ein Zerrbild mit sich rum.
Vergessen Sie die Einzelheiten schleunigst, jede!
Und nehmen Sie`s Zerpflücken mir nicht krumm!

Wenn ich mir auch nicht schmeichle, als Poet zu gelten,
sollte mein Beispiel Sie indes belehrn
und wo bisher, Pardon!, ein Vorurteil Sie fällten,
Ihr Blick sich für die Fakten klärn.

Die Welt, in die er taucht in stillen Stunden,
kann ihn von Alltagspflichten nicht befrein,
zu eisern ist an Amt er und Büro gebunden,
um sich allein dem Helikon zu weihn.

Ein Paradies kann ihm das schönste Lied nicht bieten
und Milch und Honig nicht der schönste Versefluss –
nur Planken sind`s im Meere der Quiriten,
an die sein Geist sich klammern muss.

Und was er schreibt, kliert er mit grober Klaue,
dass er`s zu Blatt erst einmal bringt –
Laokoon und seine Söhne schaue:
So heillos Zeile sich in Zeile schlingt!

Doch läuft er nicht in obsoleten Hosen!
Er ist geläutert vor Damaskus, ist schon Paul –
kein Freund rhetorischer Preziosen,
schaut er dem Volk gut lutherisch aufs Maul.

Ihn zu verstehn, muss man nicht Sterne deuten,
den del’schen Taucher nicht bemühn,
nicht den Gelehrten bitten, den zerstreuten –
fürs Schlichte muss man nur erglühn.

Und als ein Quell der reinsten Freude
gilt die Natur ihm jederzeit,
mit der er schmückt sein Versgebäude,
weil sie ein grünes Dach ihm leiht.

Doch über Veilchen, Rosen und Narzissen,
Holunder, Dost und Brombeerstrauch
schlägt ihm des “Boten“, Claudius‘ Gewissen:
„Und unsern kranken Nachbar auch.“

Mag er dem Schönen gern auch Blicke schenken,
verschließt er sie doch vor der Fratze nicht –
vor Monstern, die mit Blut die Erde tränken,
das aus den Wunden von Millionen bricht.

Und nicht als Tropfen nur, die fettig quellen,
nein, auch als feiste Ader auf der Stirn,
die dazu neigt, gleich anzuschwellen
aus Fremdenhass im unbedarften Hirn.

Spaliere liebt er, die sich unter Rosen biegen,
Gemäuer, das sich hoch zum Dome fügt,
doch ohne sich in diesem Wahn zu wiegen,
der sich zum Schönen stets das Gute lügt.

Wenn er auf kunsthistor`schen Pilgertouren
mit Staunen vor der Gotik steht,
sieht er des Glaubens grandiose Spuren,
doch auch des Jammers grause Majestät.

Was als Kultur wir überschwänglich preisen
ist nur der Aufsatz dumpfer Barbarei –
kann man mit Tryptichen die Armen speisen,
macht Maßwerk hör`ge Bauern frei?

Cellini hat man Morde gar vergeben,
nur dass er weiter modellier –
symbolisch fürs soziale Leben,
das Elend zu verbergen hinter Zier?

Wer sich erfreut an Bildern und an Tönen,
fühlt auch sich in den Nächsten ein –
die wahre Liebe zum Erhabnen, Schönen,
kann uns nur edel machen, nicht gemein.

Doch die, die alle Fäden der Ästhetik ziehen,
mit Kennermiene jedem Stück sich nahn,
Experten, Sammler, Händler, Galerien,
fühln statt dem Wert dem Markt nur auf den Zahn.

Sie lecken sich zu gerne nur die Lippen,
doch nicht aus Spaß am Kunstgenuss,
nein, weil sie auf ein hübsches Sümmchen tippen,
wenn Meister X mal untern Hammer muss.

Dazu warn viele ja, die heute unbestritten,
zu ihrer Zeit verspottet und verkannt
und in dem Sein, das für die Kunst sie litten,
nach allen ihren Regeln abgebrannt.

Mit Melodien, von jemandem erschaffen,
des Spur im Armengrabe sich verliert,
kann heute wer Millionen sich erraffen,
der ihn nur „kongenial interpretiert“.

(In eigner Sache eingeschoben:
Auch mir kommt keiner: „Gut, mien Jung!“
Mich wird wohl erst der Trauerprofi loben –
als Muss bei der Beerdigung.)

Doch wollt uns Salomo nicht lehren,
dass allen gleich die Sonne scheint?
Drum soll man Verse jedem auch verehren,
selbst wenn er ihren Sinn verneint.

Sich schenken ohne Gegengabe.
Und hoffen, dass man einige erfreu,
die`s, mehr auf Sein begierig denn auf Habe,
nicht schaudert vor dem geistigen Gebräu.

Doch nicht wie einer, unter Räuber grad geraten,
in heller Panik ihnen alles überlässt –
nein, die Gedanken wägend und die Taten,
zu nichts gezwungen und gepresst.

Kein Milchgesicht von stubenreiner Blässe,
von Pickeln pink und peinlich übersät
als Folge ungezählter geist’ger Aderlässe
und mickrig-magenschonender Diät.

Nein, einer, dessen rosig-runde Backen
er guter Hausmannskost verdankt,
nach der in plötzlichen Attacken
es sein Gelüste oft verlangt.

Und nicht gewillt, nur Feingeist zu verblasen,
kratzt er auch manchmal wem am Lack –
Hautgout ist nicht nur was für Hasen,
auch bei Honor’gen müffelt’s unterm Frack.

Kurzum: Wir müssen uns von Spitzweg lösen,
der drollig uns den Dichter porträtiert:
als zipfelmützig unbedarftes Kammerwesen,
das sich heroisch durch die Verse friert.

Würd dafür heute jemand Hunger leiden?
Sich für ’ne Handvoll Reime ruiniern?
In teures Tuch will man sich kleiden,
mit Kettchen seine bronznen Glieder ziern.

(Sie sehn: Ich hab den Trampelpfad verlassen,
auf dem ich selbst virgilisch neben Ihnen ging.
Das Folgende mag für die Starpoeten passen –
nicht mehr für mich als bloßen Dichterling.)

Wo war ich eben doch noch stehn geblieben?
Ach ja, ich hatte mich dem Mammon zugewandt,
den unsre Literaten heute derart lieben,
dass wohl ihr Unwort wär: Verkannt.

Man möchte in der Musenliga ganz nach oben,
die Spitze sich erobern in der Bücherschlacht,
nur Sachen liefern, die die Texte-Schiris loben,
auf dass mit „Toren“ man schön Kasse macht.

Sind Sie nicht auch schon mal so tief gesunken,
dass denkfaul Sie sich diesen Listen anvertraut
und von der süff’gen Sülze der Skribenten trunken,
begeistert `nen trivialen Fraß gekaut?

Ist Ihnen dabei denn nichts aufgefallen?
Na, dieses Muster, dieses ständige Rezept:
Sich hauen, stechen, prügeln und verknallen –
schön zeit- und ortsexotisch aufgepeppt?

Was Helden so in Kassenschlagern treiben,
das hat System, wie`s den Autoren nützt –
die möglichst platte Sensationen schreiben,
auf die sich gern ein Drehbuch stützt.

Ich will’s mal bissig formulieren,
weil mich womöglich Neid bewegt:
`ne Lyra kann man noch so schmieren,
das Publikum sie kaum erregt.

Viel Action, Puppen und Randale –
da liegen Film und Prosa vorn.
Das Schlichte, Sanfte, Minimale
verdient sich keine goldnen Sporn.

Und überhaupt: Sich Thriller auszudenken!
Gibt’s davon „live“ nicht schon genug?
Warum dem Bösen so viel Augen schenken?
Ist das nicht auch ein böser Zug?

Warum denn Blumen nicht besingen,
ganz harmlos, ohne krumme Tour?
Auch wenn sie Quoten nicht erringen –
sind es nicht Wunder der Natur?

Von Monstern

Von MonsternAus Bergen holt man sie und Schluchten,
aus schwarzer Wälder Einsamkeit,
aus schroffen, gottverlassnen Buchten,
wo grässlich die Harpyie schreit.

Man holt aus Gräbern sie und Grüften,
aus Krypta und aus Kirchenchor,
wo sie die schwersten Quader lüften
des Nachts beim Großen Mauseohr.

Und auch aus Löchern und Verschlägen,
wenn sie schön finster sind und feucht
und sich nur Ratten darin regen
und Ungeziefer kreucht und fleucht.

Und sollte dieses noch nicht reichen
fürn Horror, FSK-empfohln,
kann in den Kosmos man entweichen,
um Monster sich ins Haus zu holn.

Da wuseln sie in Varianten,
doch eklig alle und brutal,
Vampire, Zombies und Mutanten
als Schreckgespenster erster Wahl.

Der Fundus unsrer Filmemacher
für den gepflegten Schock zur Nacht
ist proppenvoll und desto flacher,
je mehr Gebrauch davon gemacht.

Die Sache hat nur einen Haken:
Sie spart das Obermonster aus –
den viergefüßten Superkraken,
der mitten unter uns zu Haus!

Den Menschen. Der das größte Grauen
stets über seinesgleichen bringt,
der Männer mordet, Kinder, Frauen
wie Vieh in seine Dienste zwingt.

Der stiehlt, betrügt, zerstört und schändet,
verstümmelt, foltert und verhöhnt
und jederzeit Gewalt verwendet,
die oft er mit `nem Blutbad krönt.

Wieso da auf den Grusel warten
bis nächtlich spät vor Tag und Tau?
Man findet ihn in allen Sparten
um acht schon. In der „Tagesschau“.

Feuerzeichen

FeuerzeichenDas Flämmchen seh ich heftig schwanken
auf seinem blütengelben Pfühl,
als trüg es sich mit Fluchtgedanken
vom halb verkohlten Dochtgestühl.

Mir will es jedenfalls so scheinen,
es möcht sich lösen von dem Halt,
der da an seinen Feuerbeinen
gekrümmt sich in die Wade krallt.

Will es sich nur vom Sitz erheben,
um einmal kreuz und quer zu gehn,
den steifen Gliedern Raum zu geben,
die in den blauen Bauch ihm stehn?

Will`s übern Rand nur einmal lugen,
der seine winz`ge Welt umgibt
und dennoch wie aus allen Fugen
beharrlich sich nach unten schiebt?

Vielleicht will`s sogar weiter fliegen,
hat es die Fessel erst verlorn,
und hoch sich in den Wolken wiegen,
so wie der Phönix neugeborn?

Und sich am Ende gar vereinen
mit jener fern geballten Glut,
die als verwandt ihm mag erscheinen
mit ihrem hitzig wallnden Blut?

Nur Fragen. In die Feuerseele
dring mit Gewissheit ich nicht ein,
heißt unumwunden ich verfehle,
ihr irgend Sinn und Zweck zu leihn.

Um „Flammenflüstrer“ sich zu nennen,
hat keiner wohl den Bogen raus –
entweder würde er verbrennen
oder erstickt sie, löscht sie aus!

Allmählich dämmert`s

Allmählich dämmert'sDie heimeligste Atmosphäre:
Mein Stübchen in gedämpftem Licht;
nicht Helle und nicht schwarze Schwere –
des Dämmers mildes Angesicht.

Die Wände, blass in Gelb gehalten,
verraten noch der Farbe Ton,
der da nur, wo die Schatten walten,
dem Regenbogen schon entflohn.

Das Sofa, das wie angegossen
genau in seine Ecke passt,
zeigt sich in Blau noch, leicht verschossen,
doch dass die Netzhaut es erfasst.

Laternenschein hat sich verfangen
in der Gardine dichtem Flor,
doch bleibt, wenn auch mit glühnden Wangen,
auf dem Balkone außen vor.

Dazu dann die perfekte Stille.
Kein Mäuschen raschelt noch herum.
Und selbst die Glocken (Gottes Wille!)
stehn seit dem Angelus schon stumm.

Da sammle ich denn die verstreuten
Gedanken auf ein Blatt Papier,
um zum Poeten mich zu häuten,
der züngelt durch sein Sprachrevier.

Wie immer dauert`s eine Weile,
bis ich `nen guten Fang gemacht.
Stellt euch nur vor, bei dieser Zeile
(erst Strophe sieben!) wird`s schon Nacht!

Viel zu schwül

Viel zu schwülMit dieser Schwüle werd ich niemals Frieden schließen.
Zwei Tage hab ich mich nicht aus dem Bau gerührt.
Solln andre dieses „Warm und sommerlich“ genießen,
das Schauder bei mir nur und Ekel schürt!

„Auch heute können wieder wir für Hitze bürgen –
ein super Tag beschert uns bis zu 30 Grad“.
Ich könnt die Tussi mit der Honigstimme würgen,
die Sonnenfetischistin da im Apparat.

Viel lieber würde ich durch Gothab stapfen,
dem Eiswind stellen mich in Labrador:
Kristall’nes Weiß ringsum und glas’ge Zapfen,
ein Pelzchen über Bauch und Ohr.

Dazu ein Grog am prasselnden Kamine,
der die erstarrten Glieder neu belebt –
viel schöner, als wenn warm wie Vaseline
dir Schweiß, igitt!, am Körper klebt.

Es gibt kein schlechtes Wetter, wie wir wissen,
nur Kleidung, die dazu nicht passen will –
doch hast du alles dir vom Leib gerissen,
schmorst du erst richtig auf dem Sonnengrill!

Vor Eis und Schnee kann man sich schützen,
bei Sturm und Regen helfen Schirm und Hut,
doch was hilft gegen schweiß’ge Pfützen
aus tropenfeuchter Treibhausglut?

Ganz ruhig, nur nicht ohne Not bewegen –
ein Schritt zu viel, da sprudelt es schon los!
Ein Ventilator ist da`n wahrer Segen,
kühlt er den Bug auch vorne bloß.

Doch wenn die Flammenschwerter blitzen
und krachend diese dicke Luft zerhaun,
dass ihr die Teilchen nur so auseinander spritzen,
statt sich zu neuem Nass zu staun,

Und wenn in einer rauschenden Kaskade
der Himmel seiner Fluten sich entlädt,
damit die Erde wieder jung er bade,
die jetzt so sterbenselend vor ihm steht,

Dann ist der Jammer überwunden,
dem ja nicht ewig Zeit geliehn;
dann hab ich meinen Sommer noch gefunden –
und seinen Tort ihm sicher bald verziehn!

Weltveränderung

WeltveränderungWohin des Weges, ihr Gedanken
in eurem überstürzten Flug,
der ledig euch des Leibes Schranken
bis in mein freudsches Ego trug?

Was gibt es denn darin zu orten
an Jammer, Hoffnung und Begehr,
dass ich umschreibend es mit Worten
der einz’gen Leserin erklär?

Zufriedenheit müsst ich da nennen,
die selig stets sich selbst beschaut
mit Augen, die behaglich brennen,
so wie der Sommerhimmel blaut.

Woher? Von diesen Erdenbreiten,
die tiefer um des Globus Bauch
und sich mehr Sonnenschein erstreiten
als weiter nördlich es der Brauch.

Da hab ich also die Pantinen
vorübergehend abgestellt
und andre Dinge, die mir dienen
in meiner neuen Urlaubswelt.

Denn wie lässt besser sich genießen
die Muße, deren man sich freut,
als wenn ins Kraut die Tage schießen
und lange noch kein Abschied dräut?

Grad in die Sonne erst geflogen,
in den Azur, der unbefleckt,
an Wasser mit gestreckten Wogen,
die Wind nicht aus dem Schlummer weckt.

Zu Büschen, wie sie üppig grünen
mit feschen Blüten hinterm Ohr,
die Füße selbst in Sand und Dünen,
Hibiskus treibend noch hervor!

Und, und… Ich will hier innehalten
und keine Liste runterspuln
naturgegebner Wohlgestalten,
die rings um alle Sinne buhln.

Genauso wie aus heitrem Himmel
ein Stäubchen mal ins Auge fliegt,
so hab ich aus dem Hirngewimmel
dies ins Bewusstsein halt gekriegt.

Und habe mit spontanen Zeilen,
die ich im Nachgang noch verschlankt,
dem Fleck, wo nun die Botten weilen,
ein bisschen immerhin gedankt.

Am Schaalsee

Am SchaalseeHat nicht die Woche eben erst begonnen,
der Montag, der zur Arbeit zwingt,
dass trunken noch von Mußewonnen
man frisch ins kalte Wasser springt?

Drei weitre Tage sind vergangen
und ich entsinn mich ihrer kaum;
der Himmel mit entfärbten Wangen
gibt schon dem Freitagabend Raum.

O halte feiernd fest die Stunde,
die sonst nur umso rascher flieht –
mit Versen sprudelnd aus dem Munde,
bis ihm der Schlaf das Wort entzieht!

Zwei Tage sich in Träumen wiegen,
in Dornenhecken eingehüllt,
zwei Tage fix beim Wickel kriegen,
was wirbelnd unsre Welt erfüllt.

Zwei Tage durch die Büsche streifen
und Blüten zählen, jedes Blatt,
mit Vögeln um die Wette pfeifen,
nach Leben hungernd nimmersatt.

(Bei Regen anders sich vergnügen:
Auch Bücher bieten Blätter dar.
Sie lesen. Tee in kleinen Zügen.
Der Duft der Seiten – wunderbar!)

„Geh aus mein Herz…“ in alle Weiten,
in alle Tiefen geh auf Fahrt,
der Kimm entgegen aller Zeiten,
dem kleinsten Fleck der Gegenwart!

So schwelgend in den Musenkünsten,
erstickt der Dämmer mir das Licht
mit Schatten, die aus Äckern dünsten,
mit Kühle, die aus Sträuchern bricht.

Wie alle Wunder da ergründen:
den Mückentanz, der Sonne Flug,
die Würmchen, die sich selbst entzünden,
wenn in die Nacht es sie verschlug?

Der Alltag reißt uns rasch aus Träumen,
die näher an den Kern uns führn,
mit „Realismus“ uns zu zäumen,
wie ihn die Karrengäule spürn.

„Tomorrow…” – wer kann’s besser sagen?
Mein Kerzenstummel schmilzt dahin.
Bin Schatten, irrnd in tollen Tagen,
Statist im Drama ohne Sinn.

Einst kannte ich noch viele Morgen,
jetzt wächst nur die Vergangenheit –
die will mir, knauserig, nicht borgen,
hockt auf dem Säckel ihrer Zeit.

Hab heut ein Schnippchen ihr geschlagen –
zum Schaalsee raus, nach Zarrentin:
Sechs Stunden Sonne und Behagen –
ein Tag, der mir wie’n Sommer schien!

Gehalt und Transfer

Gehalt und AblöseDas Leder kreuz und quer zu treten
so übern gut gepflegtes Feld,
bringt manchem Kicker viel Moneten
und Prominenz als Medienheld.

Was andere im Köpfchen haben,
hat er im rechten, linken Fuß,
zu rennen, dribbeln, blocken, traben
mithilfe seines Stollenschuhs.

Und wenn ihm gleichsam angewachsen
die Kugel am bewegten Bein,
dass Tritte selbst ihm in die Hachsen
ihn von derselben nicht befrein,

Hat eine Kunst er so vollendet,
die abzielt auf des Gegners Tor,
dass nicht einmal ein Fehlpass schändet
sein Ansehn beim Tribünenchor.

Der lässt es sich ‘ne Menge kosten,
zu sehn, wohin`s den Ball verschlägt
und ob im Netz er zwischen Pfosten
sich manchmal kurz zur Ruhe legt.

Und dieses Faible fürs Vergnügen,
sich aus dem Alltag zu befrein,
trägt denen, die den Acker pflügen,
besagte reiche Früchte ein.

Heißt nicht nur fürstlich sie entlohnen
als Stars in ihrem Elfertrupp,
nein, sie auch ködern mit Millionen
für irgendeinen Superclub.

Solln sie der Pfründen sich erfreuen
für ihren Unterhaltungswert,
der Fangemeinde auch, der treuen,
die schlachtenbummelnd sie verehrt!

Nur flüchtig ja aus diesen Massen
das unverhoffte Glück sie hebt,
wie es mit prall gefüllten Kassen
an ihren goldnen Hacken klebt.

Denn hat ihr Stündchen erst geschlagen,
ist auch die Knete für die Katz.
Wie Bürger X wird man sie tragen
nach schwarzer Karte, ach, vom Platz.

So plötzlich auf den Hund gekommen,
die flinken Flitzer schwer wie Blei,
wird in den Kader man genommen
des Fußballgotts. Ablösefrei.