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Lichtgestalten

LichtgestaltenIm rauen Hauch der Abendstunde,
da Licht sich schon am Himmel rührt,
gehn Kinder heute ihre Runde,
die durch vertraute Gassen führt.

In Händen `ne Papierlaterne,
in der ein Flämmchen sich verzehrt,
damit sie gleiche einem Sterne,
der flackernd durch die Nächte fährt.

Mitunter gehn sie stumm und leise,
ihr Licht erhoben nur dahin,
mitunter singend eine Weise
von schlichtem Ton und schlichtem Sinn.

Als Aufgeklärte wolln wir wissen,
was das für alte Bräuche sind,
die von dem warmen Herd gerissen
nach draußen sie in Nacht und Wind.

Es ist, wird leicht man uns belehren,
die Kirche, die dahintersteckt:
Die hat ja, um sich selbst zu ehren,
schon manchen Lazarus erweckt.

Das heißt in dem speziellen Falle:
Martinus, in des Heeres Sold,
der hat, dass Satan ihn nicht kralle,
gewandelt sich zum Tugendbold.

Und gab `nem Bettler, den am Wege
er antraf vorm Erfrieren knapp,
als Lustobjekt der Armenpflege
die Hälfte seines Mantels ab.

Der Herrgott selber solche Milde
mit einer Pfründe ihm vergalt,
nachdem der Krieger, dieser wilde,
sich seinem Dienst geweiht alsbald.

Und hat ihm königlich gesegnet
des Lebens und des Nachruhms Spur –
dass ihm als Bischof Manna regnet
und Martin er wird, Sankt, von Tours.

Des Bettlers leid’ges Los dagegen
verzeichnet unsre Chronik nicht.
Er ist dem Frost wohl doch erlegen –
wofür der halbe Mantel spricht.

Im Ortsnetz der Erde

Im Ortsnetz der ErdeAuf Erden hab ich `ne Adresse,
wer mich hier sucht, kriegt mich beim Schopf;
und wenn ich selber sie vergesse,
behält ein Speicher sie im Kopf.

Wenn jemand, Nachricht mir zu schicken,
dem Internet sich anvertraut,
verweile ich nicht, prompt zu klicken
das Knöpfchen, das dahinterschaut.

Und will die Zeit wer noch verkürzen
per Einwahl in mein Trommelfell,
dann seht mich unverzüglich stürzen
zum Klingelkasten von Herrn Bell.

Sich heutzutag zu kontaktieren
geht ja so leicht und wie der Blitz –
noch Tinte aufs Papier zu schmieren,
das wär der reinste Aberwitz!

Doch trotz der vielen Möglichkeiten,
sich gegenseitig aufzuspürn,
versagen vor des Kosmos Weiten
die höchsten Telefongebührn.

Wo in den Sternenkatalogen,
wo in der Galaxien Archiv
find ich die Strippen, die gezogen,
dass mich das All beim Namen rief?

Wir werden nicht mal wahrgenommen,
als gäb`s uns gar nicht auf der Welt!
Ein Vorteil doch – weil eh verschwommen
das Netz uns auf die Nerven fällt.

Eine Art Geisterstunde

Eine Art GeisterstundeKaum war mein Flieger hier gelandet,
im Schapp mein Trolley abgestellt,
als es mir war, als wär gestrandet
ich in `ner wahren Höllenwelt.

Der letzte Dämmer, und im matten,
noch schläfrigen Laternenschein
bewegten überall sich Schatten
mit andern Schatten im Verein.

Die meisten nur von Kindeslänge,
doch auch ein großer stets dabei,
als ob die kleineren er zwänge,
zu folgen seinem Konterfei.

So huschten stumm sie durch die Gassen,
in die die Nacht sich langsam stahl,
um kurz nur manchmal Fuß zu fassen
vor einem offnen Hausportal.

Da schmetterten sie in die Helle
`nen Schlachtruf, wenn nicht alles trog,
worauf der Hausherr auf die Schnelle
`ne Münze aus dem Säckel zog.

Er mochte wohl zu Recht erschrecken
vor diesen Fratzen, kriegsbemalt,
die Hörner an den Schläfenecken,
mit denen auch der Teufel prahlt.

Und diese aufgeputzte Bande,
von Ruß geschwärzt und Finsternis,
zog fröhlich plündernd durch die Lande
wie’n tausendfüß’ger Schattenriss.

Doch statt zu beben und zu bangen
vor ihrem schauerlichen Zug,
war mir beizeiten aufgegangen,
dass er den Schalk im Nacken trug.

Es war ja Allerseelen morgen,
der Tag, Verstorbene zu ehrn
und zünftig auch dafür zu sorgen,
dass sie nicht grauslich wiederkehrn.

Sind da denn unsre lieben Kleinen
in ihrem lust’gen Übermut,
als Schreckgespenster zu erscheinen,
nicht auch als Geisterbanner gut?

So ziehen sie auf sachten Pfoten,
auf ihren leichten Kinderschuhn,
zu bändigen die Allertoten,
die nichts mehr wem zuleide tun

Von Mond zu Mond

Von Mond zu MondErst jetzt vor wenigen Minuten
hab kurz den Schimmer ich gespürt,
der auf des Himmels dunklen Routen
den Mond auf seinem Wege führt.

Doch eh ich mehr noch sehen konnte,
war hinter Dächer er entflohn
und der von diesem bleich Besonnte
längst über alle Berge schon.

Grad heute find ich’s jammerschade,
dass mir sein kühner Flug entging,
wo ich doch sonst an seinem Pfade
mit des Poeten Treue hing!

Der Herbst bestimmt die Wetterlage
nach allen Regeln seiner Kunst –
halkyonisch schon die letzten Tage,
die Abende mit leichtem Dunst.

Und auf den hohen Himmelsauen,
da wo der Wind die Schäfchen treibt,
wie zaubrisch wär er anzuschauen,
der Mond im Nebel, lichtbeleibt!

Verpasst nun mal. Doch gut zu wissen,
dass der Trabant noch länger kreist,
und wenn wir heute ihn vermissen,
er morgen umso schöner gleißt.

Was macht es, wenn um tausend Meilen
ich meine Bleibe dann verlegt?
Er wird sie immer mit mir teilen,
solang mein Herz noch für ihn schlägt.

Gedenken

GedenkenDer einunddreißigste Oktober,
vor Allerheiligen die Nacht.
Verstreute Blätter: Gold, Zinnober.
Der Toten wird demnächst gedacht.

Der Heil`gen, die ihr ganzes Leben
asketisch ihrem Gott geweiht,
bis zu dem Punkt, es hinzugeben
nachfolgend Christi eignem Leid,

Dass sie mit des Martyriums Krone
auf ihrem Haupte, ungebeugt,
den Kniefall tun vor Gottes Throne,
wo ewig man ihr Blut bezeugt.

Drum viele ihrer nun gedenken
mit Lichtern, auf dem Grab postiert,
dass Fürsprache sie ihnen schenken,
wird einst nach Gut und Bös sortiert.

Was für ein Flackern und ein Flimmern
sich breitet überm Gräberfeld,
als kämen aus den Totenzimmern
direkt die Flammen hochgeschnellt!

Gefunkel aus dem Fegefeuer,
das auf die Erde sich verirrt?
Kein Wunder, dass nicht ganz geheuer
so manchem bei dem Schauspiel wird.

Zypressen lauern. Friedhofsruhe.
Und kalte, weiße Nebel ziehn.
Gleich steigen sie aus ihrer Truhe,
die Geister selbst: O Halloween!

Lange Leine

Lange LeineSitz abends ich am Küchentische
Gedanken angelnd vor mich hin,
hab ausnahmslos ich kleine Fische
im Eimerchen der Beute drin.

Den großen bin ich nicht gewachsen,
die zieh ich einfach nicht an Land.
Der Fang von Dorschen oder Lachsen
wär einem Wunder sinnverwandt.

Doch lass ich mir drum nicht vermiesen
den Spaß, der mir so wichtig ist,
und denk (der Volksmund sei gepriesen!),
auch Kleinvieh macht ja schließlich Mist.

Kopf hoch somit und weitemachen
und weiter gründeln im Gehirn,
um, sei’s auch nur für sieben Sachen,
Poseidon vor den Karrn zu schirrn.

Doch was selbst das für Mühe kostet!
Man hält die Angel alias Stift
und wartet bis sie, halb verrostet,
noch irgendeinen Stromer trifft.

Am höchsten gilt bei diesem Sporte
aus gutem Grunde die Geduld.
Man hockt bewegungslos am Orte,
bis jäh es zuckt – mit Petri Huld.

Ein dicker Brocken eingefangen,
was Fettiges für Rost und Rauch?
Ach, wieder Schalen nur und Zangen!
Na, Austern, Krabben tun es auch.

Reisefertig

ReisefertigWas hat euch grade heut bewogen
zur lyrischen Erkundigung?
Schon nächste Woche wird geflogen,
auf Koffern sitz ich, auf‘m Sprung!

Ich zirkel eben meine Zeilen
als dichterisches Testament
der Zeit, die ohne zu verweilen,
von einem Flug zum andern rennt.

Ein halbes Jahr nicht mal vergangen,
und schon wird wieder sich getrollt.
Der Himmel heute grau verhangen,
als ob er’s mir erleichtern wollt.

Doch sachte mit den jungen Pferden –
da bräuchte es schon größren Trost.
Wie könnt ich heimatflüchtig werden
ganz ohne Kehle, die bekloßt?

Allein die Treffen mit den Lieben,
die ihre Nester hier gebaut,
wärn Grund schon für ein „Dageblieben
in diesem Winkel, der vertraut!“

Und auch der Herbst an stillen Tagen,
wenn nicht das kleinste Lüftchen weht
und zaubrisch wie in alten Sagen
der Nebel um die Weiden steht!

Und, und, und, und. Nicht aufzuzählen,
was alles fürs Verweilen spricht,
und nicht ein Grund sich fortzustehlen,
das heißt nicht einer von Gewicht.

Nur um die Sonne zu genießen,
die selbst zur Weihnachtszeit noch glüht,
und lass dafür den Winter schießen,
wenn glitzernd hier der Schnee erblüht?

Ein Argument, das zu bedenken.
Doch das ich zu entkräften weiß:
Die Küsten werden Wärme schenken,
die fernen Gipfel Schnee und Eis!

Streitkultur

StreitkulturDie große Lust, sich totzubeißen,
liegt ihnen immer noch im Blut,
den Wesen, die sich Menschen heißen
als sinnverwandt mit herzensgut.

Lass über Meer und Erde streifen
den Blick von höh`rer Warte aus,
um aus der Ferne zu begreifen
den Bruderzwist im Hinterhaus!

Da wuseln sie zu Millionen,
die Körper käferhaft verkeilt,
im Schlachtgetümmel wie die Drohnen,
die pflichtgemäß der Tod ereilt.

Und eh sie sich den Garaus machen
zu mannigfachem Exitus,
zur Weißglut sie den Hass entfachen,
der derart sich entladen muss.

Da helfen Fäuste in die Fresse,
da hilft ein wohlgezielter Stich,
ein Angriff in der Pöbelpresse
auf „Hunde“, die ganz fürchterlich.

Auch Bomben bestens sich bewähren,
die Leidenschaft zu eskaliern –
im Maß, wie sich die Opfer mehren,
sie Gegenopfer produziern.

Ein Wahnsinn, der nicht mal Methode
im Oberstübchen wo verrät,
nur dass als böser Antipode
man blind sich an die Gurgel geht.

Exempel kann ich mir ersparen –
die Medien sind voll davon.
Man liegt global sich in den Haaren
vom Kreml bis zum Pentagon.

Und alle haben gute Gründe,
fundiert in der und jener Schrift:
Die Missetat gilt nicht als Sünde,
sofern sie nur den andern trifft.

Wobei dies „Anders“ notabene
so eng wie möglich ausgelegt,
zum Beispiel (das ich Swift entlehne)
wie man ein Ei zu köpfen pflegt.

Das Tier, dem kein Verstand gegeben,
verhält sich klüger allemal.
Es frisst nur, um zu überleben –
das andre ist ihm schietegal.

Fidele Rentner

Schön falschDas Bild, das sich die Leute machen
von einem, der schon pensioniert,
ist meistens schief und eh’r zum Lachen,
weil`s ihn zum Faulpelz karikiert.

Frühmorgens, wenn die Wecker krähen
das Arbeitsvolk zur nächsten Schicht,
kann er sich auf die Seite drehen,
denn dieser Ruf berührt ihn nicht.

Er kuckt erst mal den Traum zu Ende
und lässt die Lider noch verbleit,
verweilt auch wach noch im Gelände
der Liegenschaft geraume Zeit.

Und erst an Kaffee der Gedanke,
der jäh ihm in die Nüstern schlüpft,
bewirkt, dass mit missglückter Flanke
er endlich übern Rahmen hüpft.

Folgt Frühstück, Zeitung, Mittagshappen,
ein Nickerchen, weil Muße stresst,
dann geht er, sich `nen Kumpel schnappen,
mit dem es sich gut labern lässt.

Ist aber auch `ner frohen Runde
von Mitseniorn nicht abgeneigt,
vorzüglich wenn aus aller Munde
der Blumenduft des Bieres steigt.

Ein Fall, der selten nur gegeben.
Man liegt nicht auf der Bärenhaut.
Die Rente reicht nicht mal zum Leben,
zumal der Staat sie noch beklaut.

Und statt die Jahre zu genießen,
die doch als Lohn der Müh gedacht,
verdingt man sich zum Blumengießen
und Schließerdienst um Mitternacht.

Auch bademeistern geht bisweilen
man für bescheidnes Tagegeld
und Zettel hier und da verteilen,
was gleichfalls über Wasser hält.

Doch Spott, der immer überzogen,
damit er auch Gelächter weckt,
ist nie total herbeigelogen,
weil drin ein Körnchen Wahrheit steckt.

Das aber macht ihn so perfide –
er schildert sie als allgemein:
Aha, die Renten sind solide.
Lieb Vaterland, magst ruhig sein.

Zwischenruf

ZwischenrufDrei Sterne aus dem Nebel steigen,
der bleich sich übern Himmel zieht,
drei Sterne, deren eis`ges Schweigen
wie Geifer ihrem Leib entflieht.

Kein andres Licht an ihrer Seite
und keins, das etwas ferner wär –
nur diese drei wie Todgeweihte
im uferlosen Nebelmeer.

Der Abend liegt auf schwarzen Knien
bewegungslos vorm Firmament,
dem heute nicht die Lust verliehen,
dass es mit tausend Fackeln brennt.

So wie im Dämmer der Kapelle
verlöschend noch das Stümpfchen glüht,
der Himmelswölbung ganze Helle
aus dieser trüben Trias blüht.

Und wie sich Laut und Lärm verbieten,
wo Andacht herrschen und Gebet,
vollzieht sie die astralen Riten
in kosmisch stiller Majestät.

Hier unten auch, am Fuß der Leere,
mit etwas Erde aufgefüllt,
kommt nichts dem Frieden in die Quere,
nicht mal ein Wind, der bläst und brüllt.

Gegröl! Und schon eins in die Fresse
dem schön naiven Dichtergeist:
Der Störenfried hat `ne Adresse,
die, leicht zu lesen, „Homo“ heißt.

Doch nur in Panik nicht verfallen –
der Süffel schwankt im Nu vorbei
und seine Arien rasch verhallen
zwei Ecken weiter oder drei.

Die Sterne aber sind verschwunden,
als hätte sie der Typ verschreckt,
und lecken jetzt wohl ihre Wunden,
von Watte ganz in Grau bedeckt.