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Zeichen deuten

Zeichen deutenVor allem nachts ist es zu spüren,
wenn man, geschmiegt ins warme Nest,
die Fenster und Terrassentüren
noch einen Spalt weit offen lässt.

Auf einmal, schon im schönsten Schlummer,
umweht dich ein kristallner Geist,
der sicherer als Uhr und Summer
dich aus den tiefsten Träumen reißt.

Dann liegst du fröstelnd und benommen
noch kurz in angestrengter Ruh,
um schließlich zu dem Punkt zu kommen:
Mehr Decke oder Fenster zu?

Wobei das Letztre zu empfehlen,
auch wenn du aus den Federn musst,
weil dich von Zeit zu Zeit sonst quälen
die eis’gen Schauer auf der Brust.

Den Herbst, der sich auf leisen Sohlen
ins Land schlich, wirst du so gewahr,
gewillt, sich seinen Teil zu holen
vom wetterwend`schen Erdenjahr.

Ist dir tatsächlich denn entgangen,
dass er dem Laub das Fell schon gerbt
und seine blühend grünen Wangen
mit allen Tönen Rots gefärbt?

Indes hat in den letzten Tagen
die Sonne er noch so geschürt,
dass keinen Grund er gab zu klagen,
er hätt den Sommer schon entführt.

Doch Schnee von gestern. Jetzt verkünden
die Nächte seinen Siegeszug.
Und der wird in den Winter münden.
Wird Zeit, ich folg dem Vogelflug.

Jagdglück

JagdglückMal einfach nur im Lager lungern,
faul auf die Bärenhaut gestreckt,
hieß für die Menschen früher hungern –
das Kaufhaus war noch nicht entdeckt.

Wer täglich nicht mit spitzem Speere
sich selbst sein Frühstück angeschafft,
den hätte bald die Magenleere
zu seinen Ahnen hingerafft.

Doch hat dem Fortschritt es gefallen,
sich zu befrein vom Halali
und Homo nahrhaft zu bestallen
mit Schweinen und mit Federvieh.

Von da bis zu den Massenwaren
im Supermarkt Co Kommandit
war`s dann von vier-, fünftausend Jahren
nur noch ein winzig kleiner Schritt.

Hätt ich mir heut was jagen müssen,
was freie Wildbahn nur gewährt,
dann wär ich reich an Regengüssen
zumindest wieder heimgekehrt.

Doch anders als die Hominiden,
die sicher zimperlich nicht warn,
verkroch ich mich in meinen Frieden,
mir nasse Füße zu ersparn.

Wo wär ein Blutzoll noch zu zahlen,
dass Beute man nach Hause brächt?
Die Mammuts ruhen in Regalen,
entbeint, enthäutet, mundgerecht.

Szenenwechsel

Auf und davonOktober. Und vor Augen halten
will ich mir meine Doppelwelt:
Hier Blätter, die schon Rost entfalten,
da Sonne, die den Sommer hält.

Spagat erfolgt in wen`gen Tagen,
wenn mich die Flügel, längst gebucht,
an jene Küsten-Costa tragen,
die wohl berühmt, doch nicht verrucht.

Tourismus, sicher. Doch in Massen
nicht, wie von anderswo man`s kennt,
da wo die Strände kaum noch fassen
die Pelle, die sich rosig brennt.

Nicht hektisch und nicht überlaufen,
nicht lärmend und nicht überdreht,
kein Tischtanz und kein Komasaufen,
kein Koberer, der dich verlädt.

Doch ohne Stich auch ins Mondäne,
der typisch ja für Bäder just –
Casinos, Clubs und Luxuskähne
nebst Kettchen vor der Heldenbrust.

Nein, einfach nur ein Fleckchen Erde,
das dem und jenem wohl gefällt,
der aus der großen Menschenherde
sich gern ein bisschen abseits stellt.

Nun seid ihr sicher drauf versessen,
zu wissen, wo dies Fleckchen liegt –
ach, im Moment hab ich`s vergessen;
na da, wohin mein Flieger fliegt!

Nachrichtensperre

NachrichtensperreAch, habt ihr`s noch nicht aufgegeben
am Morgen, just vom Schlaf erquickt,
die Hand an diesen Knopf zu heben,
der Töne in die Stille schickt?

Was wollt ihr von der Kiste wissen,
die unablässig plärrt und schwätzt
und aus dem sanften Ruhekissen
euch in den rauen Alltag hetzt?

Die wohlsortierten Neuigkeiten,
die tief in Träumen ihr verpasst,
dass ihr vom großen Buch der Zeiten
kein Jota euch entgehen lasst?

Wo aber in den Kurzberichten,
die man gewichtig psalmodiert,
lässt sich tatsächlich Neues sichten,
das so zum ersten Mal passiert?

Es sind die ewig gleichen Sachen,
die ewig monoton geschehn
und umso mehr Furore machen,
als ihre Spuren rasch verwehn.

Die News von heute: Ladenhüter,
die, kunterbunt zur Schau gestellt,
für unsre schlichteren Gemüter
so frisch wie aus dem Ei gepellt.

Halunken, die den Frieden stören,
und Krater, die Verderben spein –
man muss nicht erst ins Radio hören,
um jederzeit im Bild zu sein.

Doch davon einmal abgesehen –
an der Gewohnheit haltet fest.
Am besten auf „Musik“ gleich drehen,
die fröhlich euch erwachen lässt!

Mehr als genug

Mehr als genugSo`n Bursche hat genügend Knete,
dass es für tausend Jahre reicht,
und wenn die Welt zu Tisch er bäte,
er speiste locker sie und leicht.

Was soll er mit `nem Reichtum machen,
der ihm gewährt auf Lebenszeit
und der, selbst wenn die Börsen krachen,
ihm sicheren Gewinn verleiht?

Zuerst muss er den Leuten zeigen,
wie prächtig seine Hütte ist
und dass, um auf den First zu steigen,
der Weg nach Kilometern misst.

Als Zweites dann den Luxusschlitten,
der so viel feinen Sprit verzehrt,
dass von den Kosten unbestritten
man monatlich `nen Bauch ernährt.

Dann lässt den Gaumen er beeiden,
nur Haute Cuisine zu akzeptiern
und jede Art von Kost zu meiden,
die Prolos um den Bart sich schmiern.

Die Urlaubsreisen möglichst teuer –
Bahamas, Tonga – weit vom Schuss,
dass er des Grandhotels Gemäuer
nicht mit Mallorca teilen muss.

Und auch in allen andern Dingen,
da lieg ich sicherlich nicht schief,
will seinen Goldberg er bezwingen
mit Botten fein und exklusiv.

So stelzt er stolz und selbstzufrieden
durch seine sorgenfreie Welt,
die, weil sein Alter reich verschieden,
er für sein gutes Erbe hält.

Sein Füllhorn wird sich niemals leeren,
und lebte er in Saus und Braus.
Doch wie viel mehr müsst er entbehren,
gingen die Wünsche ihm mal aus!

Zunehmend Stückwerk

Zunehmend StückwerkGanz langsam, langsam wie auf Krücken
schleicht sich die Zeit in Fleisch und Bein,
um mir beharrlich wegzupflücken
mit jedem Tag ein Stückchen Sein.

Was schlimm genug ist. Doch noch schlimmer,
dass sie so roh zu Werke geht
wie`n Hufschmied oder Kohlentrimmer,
der triefend vor der Flamme steht

Und um das Weitre unbekümmert,
das seinem blinden Fleiß entspringt,
die Stoffe schmelzt und sie zertrümmert,
als wär dem Teufel er verdingt.

So trag auch ich denn ihre Spuren
verstreut schon längst am ganzen Leib,
die selbst mit Wässerchen und Kuren
ich nicht mehr von der Pelle reib.

Wie bei `nem Apfel, der gebraten,
die vormals glatte Haut sich wellt,
so auch dank Chronos` Missetaten
die meine mir in Falten fällt.

Und wo so gern die Winde spielen,
sei`s friedlich, sei`s im Übermut,
die Federn bis auf Reste fielen
zum Haarkranz unterm Doktorhut.

Nicht einmal mittschiffs meinen Hüften
erspart bisweilen sie Verdruss
und schickt mir jäh aus linden Lüften
`nen wohlgezielten Hexenschuss.

Dazu dann noch `ne Darmgeschichte,
die unvermittelt aufgetaucht
und die beim besten Heilsberichte
mich auch noch heute ziemlich schlaucht.

Da sollte ungetrübt sie lassen
das Auge, das sich beugt und biegt?
Es mag die Ferne noch erfassen,
doch nichts, was vor der Nase liegt.

Und schließlich hat auch, viel beschworen,
ihr Zahn die Beißer mir benagt –
die einen gingen schon verloren,
den andern nur der Rumpf noch ragt,

So dass `nem findigen Dentisten
ich mich am Ende anvertraut,
der Ersteren zu überlisten,
mein Maul zur Festung ausgebaut.

Was ist nun im maroden Leibe
nicht alles schon zurechtgeflickt!
Ob auch der Geist, aus dem ich schreibe,
noch einmal vor sich selbst erschrickt?

Beim Schmökern

Beim SchmökernSchon ist der Mond vorbeigesegelt
und hab ihn flüchtig nur erhascht,
in meinen Sessel faul geflegelt,
in meinem Taschenbuch genascht.

Auch sitzend will ich dazu stehen:
Oft fesselt mich so`n Lesestoff,
dass meine Blicke Streife gehen
nur in den Seiten statt im Off.

Spricht ja beredt für die Lektüre,
mit der ich meine Muße stopf:
“Kompendium der Maniküre”,
“Das Kuckucksei als Wiedehopf”.

Zum Beispiel. Oder auch Romane
histor’scher und aparter Art:
“Die Kirchenmaus in der Soutane”,
“Der Schlüssel mit dem Rauschebart”.

Versteht sich, dass bei solchen Themen,
die größtenteils noch unverbraucht,
der Geist, und wenn die Preußen kämen,
tief in den Wälzer eingetaucht.

Was hat ihn jetzt ans Blatt geknetet,
dass kaum ihm noch ein Auge wert
der Mond, der glänzend majestätet,
wie mit dem ganzen Hof er fährt?

Victor Hugo mit seinen Zeilen
hat aus dem Häuschen mich gebracht.
Warum dann noch an meinen feilen?
Ein Meister, der mich sprachlos macht.

Blumiges

BlumigesSeid mir gegrüßt, ihr Herbstzeitlosen,
die ihr der Erde grad entschlüpft
und, Erben der verblichnen Rosen,
euch in den Flor des Lebens knüpft!

Kein Blatt, das eure weichen Stiele
mit monotoner Zier umfängt,
kein Wettstreit kühner Farbenspiele,
der`s Auge auf die Blüte lenkt.

Wie schmucklos reckt ihr und bescheiden
aus eurer Wiege euch empor,
um diese Lüfte zu beweiden
im Hauch des Windes rück und vor!

Man könnte meinen, eure Blässe
bewies `ne kränkliche Natur
und dass die Kühle und die Nässe
euch längst schon in die Gene fuhr.

Sucht ihr wohl deshalb euresgleichen
und bildet gerne einen Kreis,
der ja die Töne, diese bleichen,
zumindest zu verdoppeln weiß?

Wenn ihr nicht selbst den Geist mir lenket,
dringt er in euer Herz nicht ein –
nur dass ihr`s dem September schenket,
erscheint erwiesen mir zu sein.

Doch grolle ich euch nicht deswegen,
dass mich nicht eure Liebe trifft:
Der Monat steht genug im Regen –
wie gönn ich ihm dies süße Gift!

Anachronismus

AnachronismusNoch haben hier und da gehalten
sich Menschen in geringer Zahl,
die nach der Art der Steinzeit-Alten
ihr Leben fristen recht frugal.

Denn was sie brauchen zu dem Zwecke,
gibt ihnen die Natur direkt –
mal Nahrung um die nächste Ecke,
mal nichts, was ihr Bedürfnis deckt.

Auch für Geräte und für Waffen
die Stoffe der verschiednen Art,
und die, um Schurze sich zu schaffen,
in denen man die Scham bewahrt.

Doch muss ich wohl konkreter werden
und sagen, wer so obsolet:
Nun, für Fossilien hier auf Erden
in diesem Fall der Buschmann steht.

Ihn brachte mir `ne Sendung näher,
die hinter die Kulissen blickt,
indem sie `nen Reporter-Späher
noch in den letzten Winkel schickt.

Der düste also voll Kanne,
die ganze Technik mit an Bord,
auf wüster Bahn durch die Savanne
zum dörflichsten Bestimmungsort.

Da durft er mit den Leuten tanzen,
auf Gnus und seltne Vögel gehn,
mit Pfeilen schießen oder Lanzen
und Fas`riges zum Faden drehn.

Und kriegte so im Schnellverfahren
`nen Eindruck jener Lebenswelt,
den seinen Fernsehkuckerscharen
er filmisch vor die Nase hält.

Wie mir, der mit gespitzten Sinnen
gesehn den Beitrag und gehört.
Ein hartes Los im Busch da drinnen –
nur hat das Handy mich gestört!

Wir Königskinder

Wir KönigskinderDen Nachbarn grade gegenüber
hab ich seit Wochen nicht gesehn;
nicht weil die Stimmung plötzlich trüber,
nein, nur als Zufall zu verstehn.

Und dennoch, wollt`s mir nicht verübeln,
da auch der Zufall manchmal irrt,
beginn allmählich ich zu grübeln,
woran es liegt, dass es nichts wird.

Wir streifen ja nicht durch die Steppe
in namenlosen Weiten hin –
ein Haus, ein Flur und eine Treppe,
mehr ist für unsereins nicht drin.

Dass wir Begegnungen entbehren
mit dem, der um die Ecke lebt,
lässt höchstens dadurch sich erklären,
dass er in jener sich vergräbt,

Wenn endlich er sie überwunden,
die Arbeit im Kollegenkreis,
und sich für seine Mußestunden
geborgen in der Bude weiß.

Wir wolln die Ruhe ihm nicht stören,
aus der die nöt’ge Kraft ihm fließt,
doch weiß ich, einfach so vom Hören,
dass gern er draußen sie genießt.

Auf dem Balkon mit Töpfen, Schalen,
dass einer Blumenschau er gleicht,
gleich neben meinem eher kahlen –
sieht man ihn ebenfalls. Vielleicht.