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Regenfreuden

RegenfreudenDen lieben langen Tag sie zogen
in trüber Prozession dahin,
in grauen Kutten, Wollewogen,
und eine Richtung nur im Sinn.

He, ihr, wohin geht eure Reise?
So mochte noch so sehr ich schrein,
sie zogen, zogen still und leise –
es mussten wohl Trappisten sein.

Nur kucken habe ich und gaffen
mit blödem Unverstand gekonnt,
weil sie wie alles Werk von Pfaffen
mir gingen übern Horizont.

Nun, soll es ihr Geheimnis bleiben –
sie hielten ihre feuchte Fracht,
um sie wer weiß wohin zu treiben,
wo sie den Fluren Freude macht.

Doch folgten diesen Pilgerhorden
danach noch schwärzre hinterher,
und plötzlich sind sie nass geworden,
die Lüfte, nass und regenschwer.

Um sich in Schauern zu entladen –
zunächst mit kurzen Pausen noch,
dann stopften sie nach Strich und Faden
das allerkleinste Wolkenloch.

Und nun ein einziges Geprassel –
der Himmel schießt aus allen Rohrn
und liegt bis zu den Kellerasseln
dem ganzen Hause in den Ohrn.

Indessen sitz ich warm und trocken,
an Poesie mich zu erbaun,
und lass mich gerne drum verlocken,
gelegentlich mal rauszuschaun.

Da windet unter steten Schlägen
von blindem Regen sich und Wind
das Kraut, an dem mir so gelegen,
die Erika, mein Kübelkind.

Sie scheint indes nicht sehr zu leiden –
die Wangen glänzen rosig-fett,
als würden gern sie satt sich weiden
in diesem Wasserhimmelbett!

Keine Extrawurst

Keine ExtrawurstDer weitaus eitelste Geselle
auf dieser ganzen Erdenwelt
ist der, der einzig sich für helle
und ergo für unsterblich hält.

Nein, nein, ihr seid auf falscher Fährte,
habt ihr den Pfau jetzt in Verdacht,
das alte Beispiel, das bewährte –
doch hier geht`s nicht um Federpracht.

Auch nicht um Hörner und Geweihe,
Gesäße, prächtig angeschwolln,
nicht um die eindrucksvollen Schreie
der Tiere, die sich paaren wolln.

Um Homo geht`s, um unsresgleichen,
der sich verbittet Balz und Brunft,
um Göttern um den Bart zu streichen,
Verwandten gleichsam durch Vernunft.

Ein Humbug, der seit Olims Zeiten
ihm seine Nichtigkeit verklärt
und die, die für den Glauben streiten,
noch heut mit seiner Hefe nährt.

Doch aus dem Kopf nicht rauszukriegen,
weil`s ihn mit Extraelle misst,
dass ungleich Fröschen er und Fliegen
dem ird`schen Los enthoben ist.

Vom Stammbaum aber, fest verwurzelt
in der Entwicklung tiefstem Grund,
ist nie und nimmer noch gepurzelt
ein Lebewesen bis zur Stund.

Mag er, die ihn an jenen schweißen,
die Ketten noch so sehr verschmähn –
wie`n Käfer muss ins Gras er beißen,
wie`n Köter vor die Hunde gehen.

Beetbrüder

BeetbrüderHe, Gärtner, die ihr am Balkone
gern euren grünen Daumen wetzt,
ich hoffe nicht, euch schert die Bohne,
was in die Kübel ich gesetzt!

Dem Buchsbaum, muss ich euch gestehen,
dem meine große Hoffnung galt,
hat es gefallen, einzugehen,
nachdem er reichlich gelb schon bald.

Nur kurz mal euren Blick erheben
und mit Int`resse hergeschaut –
dann seht ihr an den Gitterstäben
im Tongefäß das Heidekraut!

Und statt dass Grün, wie`s fröhlich prangte,
bevor es gallig sich empfahl,
zur höchsten Blüte nun gelangte
ein zartes Rosa auf einmal.

Mögt ihr wie ich euch dran erfreuen
als Nachbarn, die mir lieb und wert,
doch würde ich mich auch nicht scheuen
zu hörn, was ihr als Kenner lehrt.

Sind das robuste Zeitgenossen,
die Wind und Wetter widerstehn
und selbst in höheren Geschossen
nicht schleunigst in den Keller gehen?

Wie häufig muss ich mit der Kanne
die Erde rings besprengen wohl,
damit in angemessner Spanne
die Wurzel sich ihr Quäntchen hol?

Gern folg dem Rat ich der Experten,
dern Kunst mir in die Augen fällt,
weil gleich den hängenden, den Gärten,
sie ihr Fassadenbeet bestellt.

So weit bring ich es nie indessen:
Semiramis zum Greifen nah –
doch hätt zumindest gern besessen
recht lang die schöne Erika!

Außenwerbung

AußenwerbungWenn ich mal aus dem Fenster blicke,
kuck ich auf `ne Reklamewand.
Dern Mieter haben’s sicher dicke,
denn riesig wirkt sie und markant.

Nicht einfach `ne pompöse Pappe,
die da wer weiß wie lange klebt,
bis vier, fünf Jahre später, schlappe,
sie blätternd sich vom Boden hebt.

Nein, eher so was wie ein Segel,
das an den Seiten gut geschnürt
und das man bis zum höchsten Pegel
an Schoten in den Himmel führt.

Doch müssen auch nach oben steigen
die Burschen, die das Ding montiern,
und ihre Kletterkünste zeigen,
um an der Wand nicht abzuschmiern.

Und schließlich zerren sie und zurren
das Plastiklaken derart fest,
dass, mag das Windrad noch so schnurren,
es sich nicht blähn und knicken lässt.

Erledigt. Und der Lohn der Mühen?
Ein Bild, das in den Lüften schwingt
und mit Krediten, Quark und Kühen
gleich jedermann ins Auge springt.

So kriegt denn im Vorübergehen
und –fahren unser Bürger mit,
was er noch dringend muss erstehen
an dem und jenem Killefit.

Als Sokrates` gefühlter Erbe
mir jedes Marktgeschrei missfällt –
dies balzhaft blendende Gewerbe
um Kunden und ihr liebes Geld.

Und doch kann ich mich nicht entziehen
dem, was verlockend da gemalt,
wenn mit dem Licht, das ihm geliehen,
es nachts in meine Träume strahlt.

Etwas Latein

Etwas LateinHabt ihr noch viel im Kopf behalten
vom Wissen, das euch eingebläut –
von Fakten und von Lichtgestalten,
die euch der Pauker vorgekäut?

Sic: Heldenhafte Römerschlachten,
sic: Feldherrn, Konsuln, Senatorn,
sic: Stoiker, die weiter dachten,
sic: Catilina, der verschworn?

Und auch, mit diesen eng verbunden,
die Sprüche, die sie ausgesandt,
dass sie den Erdkreis nun umrunden,
weil sie so treffend wie markant

Und noch nach Tausenden von Jahren
den Geist der Alten konserviern,
wenn Cato wir und die Cäsaren,
Horaz und Seneca zitiern?

Wohl eher nur im Allgemeinen,
was nolens volens noch bewusst:
Augustus‘ jämmerlich Beweinen
des Varus, Varus Schlachtverlust,

Und dann der mit der Pinkelsteuer,
der reinwusch vom Verdacht das Geld,
es sei nicht mehr so ganz geheuer,
wenn sich Odeur dazugesellt.

Wohl auch vom Würfel noch die Worte,
die einst der Julier fallen ließ,
als er am Rubikon die Pforte
zur Macht am Tiber offen stieß.

Fragmente, die im Hirne hausen
in einem Winkel wo versteckt,
doch manchmal auf die Zunge sausen,
vom Ruf der Eitelkeit erweckt.

Dann will der Mensch mit Bildung glänzen
als Erbgut der Pennälerschaft,
das er mit Schlafen und mit Schwänzen
sich weiß der Henker wie errafft.

Non scholae, sed vitae discimus.
Mens sana …, … fortiter in re.
In infidelium partibus.
Et patrimonium in spe.

Zusammenhängend so zu schwätzen
tut nirgends auf der Welt noch not.
Doch geht mit solchen Redefetzen
die tote Sprache auch nicht tot!

Wenig Spielraum

Wenig SpielraumJa, immer Wolken nur, die jagen,
ja, immer Regen nur und Wind
und Blätter, wie sie um sich schlagen
ins Blaue immer nur und blind!

Mehr hat der Sommer nicht zu bieten,
das ist sein ganzes Füllhorn schon –
ein Wettertopf mit lauter Nieten,
`ne graue Masse, Ton in Ton.

Mit Freunden wo im Freien grillen
so lange, bis die Sonne sinkt?
Unmöglich selbst beim besten Willen:
Südwester? Ölzeug? Abgeschminkt.

In Wald und Flur spazieren gehen,
wo süß der Vögel Sang erklingt?
Vermummt vom Kopf bis zu den Zehen
im Taucheranzug? Abgeschminkt.

Im Garten unter Fichten hocken,
wo Kaffee man und Kuchen bringt?
`ne Bademütze übern Locken,
auf die es pieselt? Abgeschminkt.

Wer wird denn vor den Toren schweifen,
ist’s warm und trocken am Kamin?
Entspannt lausch ich den Autoreifen,
die platschend durch die Pfützen ziehn.

Mit diesem kleinen Zungenbrecher
entlass ich, Leser, euch für heut.
Und wünscht, der Regen werde schwächer –
sonst nerv ich euch damit erneut!

Im Stau

Im StauDie Lebensmittel, grad erstanden
am angestammten Einkaufsort,
wie üblich erst einmal verschwanden
im Kofferraum für den Transport.

Dann kletterten wir in die Kiste
und nahmen unsre Sitze ein,
um auf der altvertrauten Piste
ruckzuck gleich wieder heim zu sein.

Doch nur ein paar Minuten später
war’s aus mit der beschwingten Fahrt,
weil eine Schlange, Kilometer!,
sich plötzlich vor uns offenbart.

Da hieß es in die Eisen steigen,
dass man ihr auf den Schwanz nicht trat,
und ungewollt sich vorwärts neigen
so à la Bodenakrobat.

Ist grade noch mal gutgegangen,
zwei Zentimeter weiter und…
Dafür in diesem Stau gefangen,
der kaum ein besserer Befund!

Wir hatten aber keine Eile
und waren mäßig nur frustriert.
Geplaudert und aus Langeweile
die Staugenossen inspiziert!

Ein Musterbuch der Automarken
war aufgeschlagen ringsherum –
mit großen, kleinen, schwachen, starken,
mit Mittelmaß und Premium.

Und wie es üblich in `nem Buche,
wo sich ein Bild ja nicht bewegt,
schien’s, dass gebannt von einem Fluche
das Blech hier feste Wurzeln schlägt.

Mercedes standen da und Porsche,
der Tiguan und der Touareg,
der ganze Nobelclub, der forsche,
hier lahmgelegt an einem Fleck.

Doch dann ist Leben reingekommen.
Man hat sich schließlich Luft verschafft
und wieder Tempo aufgenommen
nach seiner Pferde Leistungskraft.

Der Eitelkeit die Zügel schossen,
je mehr der Tacho hochgeschnellt,
und rasch war zwischen Boys und Bossen
der Abstand wiederhergestellt.

Die Stockung aber stimmt mich heiter,
weil blind sie für den Status ist:
Der dickste Schlitten kommt nicht weiter,
wenn noch so viel er Super frisst!

Verschiedene Aussichten

Verschiedene AussichtenJetzt sind sie weg, die Hütten eher
als Häuser man zum Wohnen heißt,
gekappt vom großen Rasenmäher,
dem Bagger, der nur niederreißt.

Und in der Lücke, die geschlagen,
damit sie ein Investor schließt,
inzwischen auch die Türme ragen,
aus denen ihm die Kohle fließt.

Die fast bis an den Himmel reichen
mit ihren Balken, Sparrn und Spiern,
um die Profite einzustreichen,
die aus der Höhe resultiern.

Als Nachbar würd ich nicht behaupten,
dass mir der neue Blick gefällt –
die Steine, die sich höher schraubten,
ha’m ziemlich mir die Sicht verstellt.

Doch damit lässt es sich ja leben –
kein Beinbruch für das Aug, das schweift,
nur: Wo hat der sich hinbegeben,
dem man das Dach vom Kopf gestreift?

Ich grüß euch, strahlende Fassaden,
die ihr aus Schutt geboren seid,
und mit euch diesen Luxusladen
und das Hotel im Sternenkleid!

Wo habt den Bruder ihr gelassen,
die Schwester, die den Ort bewohnt?
Sie starben unter Ziegelmassen,
hat auch der Bagger sie verschont.

Freie Meinung

Freie MeinungNun, nennen wir ihn mal zum Spaße,
auch wenn er überall zu Haus,
den Mann (Verzeihung!) von der Straße
mit Namen Kuddel oder Klaus.

So einer kreuzte meine Pfade
erst neulich in `nem Supermarkt,
wo er, erleuchtet von der Gnade,
mit Weisheitssprüchen nicht gekargt.

Der Fremdling, so sein Weheklagen,
die werte Kundschaft zu belehrn,
empfindet größres Wohlbehagen
als unsereins, sich zu vermehrn.

Und scheut sich nicht zu produzieren
in großer Menge Kind für Kind,
um diese Lande zu regieren,
wenn Deutsche ausgestorben sind.

Nicht jedem in der Kassenschlange
gefiel, was der da hingeschwatzt,
und deshalb dauert‘ es nicht lange,
bis wem der Kragen auch geplatzt.

Doch gab sich der Prophet geschlagen,
warf er die Flinte gleich ins Korn?
„Ich will ja nur die Wahrheit sagen“ –
(ein Luther!) und begann von vorn!

Die Ströme derer, die vertrieben,
indessen immer weiter schwelln –
und auch die Rufe, abzuschieben
die ungebetnen Tischgeselln.

Ein Beispiel nur: Der Volksgenosse,
der sich dem Leid der andern sperrt
und seine Gründe aus der Gosse
herbei sich an den Haaren zerrt.

Die Art von Deutschen, meine Güte,
was wär an denen denn verlorn?
Ich schleppe meine Einkaufstüte,
das Keifen lang noch in den Ohrn.

Liebe Sommerzeit

Liebe SommerzeitWohin, mein Herz, um Freud zu suchen
in dieser feuchten Sommerzeit?
Ein Fehler wär’s, Natur zu buchen:
Die fröstelt unterm Regenkleid.

Genauso wenig wär zu hoffen
von ihrem Widerpart, der Stadt,
zu deren Schluchten, sträflich offen,
ja ihre Nässe Zutritt hat.

Da peitscht der Wind dir um die Ohren
so klatschend, dass man’s nicht beschreibt
und selbst den Funk-Berufs-Euphoren
das „Immerhin“ im Halse bleibt.

Um den Humor nicht zu verlieren,
mit dem ja alles steht und fällt,
empfiehlt es sich, zu retirieren
ins wasserdichte Ziegelzelt.

Und da geduldig abzuwarten
der Wetterfrösche Prophetie,
die wie der Wahrsagerin Karten
ja immer richtig – oder nie.

Geborgen hinter dicken Mauern,
die kein Zyklon ins Wanken bringt,
lässt sich’s auf bessre Zeiten lauern,
die kommen müssen – unbedingt.

Doch wer würd `ne Prognose wagen?
Bevor der Sommer noch entflohn?
Der aber zählt nur noch nach Tagen –
die ersten Blätter fallen schon.