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Unter Hausarrest

Unter HausarrestWo jede Freiheit ich genossen,
wo jeder Weg mir offen stand –
wie in ‘nem Kerker eingeschlossen
nun eisern zwischen Tür und Wand!

Zwar klappert keiner hier die Runde
mit amtsgewalt’ger Miene ab
und scheppert mit dem Schlüsselbunde
auf leisen Sohlen, tapp, tapp, tapp.

Auch kommt kein Anstaltspsychopater,
der auf den Brägenbusch mir klopft,
um rauszukriegen, ob Theater,
ob Ernst mir von den Lippen tropft.

So wie’s auch fehlt am Herrn Direktor,
der über allen Wolken schwebt
und drum in seinem schmalen Sektor
fast nur noch als Legende lebt.

Doch hält mit ihren schwarzen Krallen
die Nacht mich fest in meinem Bau
und lässt nur in den Schlaf mich fallen,
damit ich ihre Fratzen schau.

Indes von draußen, von der Treppe
tönt jäh mir ein Geräusch ins Ohr,
als ob sich da ein Nachbar schleppe
mit schwerem Schritt nach oben vor.

Gewiss ein armer Zeitgenosse,
der gleichfalls sich in Haft begibt
und über mir im Dachgeschosse
den Hintern in die Zelle schiebt.

Doch ehrlich, was wir nachts erleiden,
ist andrerseits durchaus human.
Wir müssen uns nicht streifig kleiden
wie einer auf der schiefen Bahn.

Und können mancherlei genießen –
Lektüre etwa, Film und Funk,
und, um den Vogel abzuschießen,
‘nen ausgesuchten Schlummertrunk!

Reine Lyrik

Reine LyrikWie heiter plätschern meine Verse
von Strophe so zu Strophe hin,
Gedanken im Gepäck, diverse,
und manchmal ‘ne Idee im Sinn.

Ein schöner Fluss, der weder Schnellen
noch irgendwelche Strudel kennt,
geschweige denn in Wasserfällen
koppheister aus dem Ruder rennt.

Doch will er nicht den Anschein wecken,
er flöss in blinder Seligkeit
und sähe nicht die Schmuddelecken
an seinen Säumen weit und breit.

Die voll von ekligen Gerüchen
nach allem, was zersetzt, zerkaut,
und mehr noch nach den Teufelsküchen,
wo Hass und Gräuel man verbraut.

Oft möcht er übers Ufer treten
in stetig aufgestauter Wut
und all den Dreck, der ungebeten,
ersäufen in der Verseflut!

Doch sträubt sich meine Musenquelle,
der Frische über alles geht,
dass ich in einen Dienst sie stelle,
der wenig Sauberkeit verrät.

Wenn Dichter mit erregten Zeilen
nur pausenlos im Unrat rührn,
wer sollte dann das Bild ‘ner heilen
und bessren Welt vor Augen führn?

Solln sie mit hellrem Pinsel malen
der Menschen finsteres Gemüt –
wer weiß, ob unter rauen Schalen
nicht heimlich schon die Rose blüht?

Fruchtwechsel

FruchtwechselMit welcher Frucht ließ sich verführen
Schneewittchen, lebte heute sie,
um solche Esslust zu verspüren
wie einstmals auf den Apfel die?

Ich könnt mir ‘ne Banane denken,
kanarisch klein und wohlgewürzt,
auf die, in Honig sie zu schwenken,
sie mit Begeisterung sich stürzt.

‘ne Mango auch mit Rosenwangen
auf einem Teint von feinem Grün,
die selbst schon vor Verzehrverlangen
dem feuchten Kuss entgegenglühn.

Auch eine Kiwi käm in Frage
mit ‘nem Aroma, das apart
und das man wohl nicht alle Tage
so fruchtig frisch im Mund bewahrt.

Ja, auch ein Pfirsich mit der rauen
und rundherum beflaumten Haut,
wie ist er’s wert, ihm zuzutrauen,
dass er sich butterweich zerkaut!

Und schließlich auch noch die Melone,
die auf den Zähnen süß zerfällt,
dass gierig aus der Schalenzone
die letzten Fasern man noch pellt.

‘n Apfel? Ach, du meine Güte –
ein Märchen nur aus alter Zeit!
Der heute in der Einkaufstüte
ist längst ja vom Geschmack befreit.

Und zwar egal von welcher Sorte –
ein Früchtchen ohne Saft und Kraft,
das nur noch in der Apfeltorte
dem Gaumen etwas Kitzel schafft.

Der bleibt auch so im Halse stecken,
auch ohne dass es wer erzwingt.
Den müsst zum Leben man erwecken –
bevor er in die Kiste springt!

Müllsorgen

MüllbergWie oft wir wohl an einem Tage,
den Deckel hoch und weg damit!,
dem Eimer in diskreter Lage
den Rachen stopfen so im Schnitt?

Ein Zählwerk, dies uns anzuzeigen,
zurzeit sie noch nicht installiern,
und auch wir selbst nicht dazu neigen,
uns alle Würfe zu notiern.

Ein Blick nur hinter die Kulissen
die ganze Wahrheit uns enthüllt –
der Müll, den wir so weggeschmissen,
‘ne Grube, die gigantisch, füllt.

Die, mag sich noch ins Zeug so legen
der Bagger mit gefräß’gem Maul,
des lückenlosen Nachschubs wegen
nur immer stinkend voll und faul.

Und auch die Flamme, die da lodert,
wie sie verschlingt, verschluckt, verprasst,
verekelt sich an dem, was modert,
und es mit spitzer Zunge fasst.

Selbst Herkules würd’s nicht gelingen
ganz auszumisten diesen Stall –
die Forke müsst er ewig schwingen
wie’n Sisyphus als Sonderfall.

Als Umweltschützer erster Stunde
fällt mir der Sokrates da ein,
der auf dem Markt einst ging die Runde
gemächlich durch der Stände Reih’n.

Und schüttelte der Waren wegen,
die rangekarrt aus Stadt und Land,
den Kopf mitsamt dem Denkerbrägen,
weil nichts davon er nötig fand.

Wenn die bescheidne Lebensweise
bei unsereins in Mode käm,
erledigte sich still und leise
von selber auch das Müllproblem.

Verborgene Schätze

ErmutigungWas sollte, Hellas, dir denn fehlen?
Warum misstraust du deiner Kraft?
Wenn Blinde die Talente zählen,
was Wunder, wenn ‘ne Lücke klafft!

Ist nicht dein Reichtum ohne Grenzen
schon in der frei’n Natur allein?
Kann Andros nicht mit Bächen glänzen,
die bis zum Rand gefüllt mit Wein?

Führt nicht der Paktolos am Grunde
seit ew’gen Zeiten schon das Gold,
das, wuchernd ihm an Hand und Munde,
ein Midas nicht mal mehr gewollt?

Und hast du nicht in kühnem Zuge
die fernen Widder einst geraubt
und aus der Vliese feinster Fuge
das glitzernde Metall geklaubt?

Steht dir nicht Plutos zu Gebote,
der dir sein Füllhorn nicht verwehrt
und, Gott aus echtem Korn und Schrote,
die Schätze deiner Scheuern mehrt?

Gab Zeus, der schönen Liebe wegen,
nicht seinem Herzen einen Stoß
und senkte sich als goldner Regen
in Danaes verschämten Schoß?

Ach, höre nicht auf die Banausen,
die dir mit nackter Armut drohn –
nie wirst in einem Fass du hausen
als deiner letzten Weisheit Lohn!

Was reichlich du an ihr besessen
verschriest du nicht für Gut und Geld,
doch notfalls (Thales und die Pressen!)
hast ihren Wert du klargestellt.

Und heute wagen dich zu schmähen
die Pfennigfuchser ungestört,
die nur den eignen Nabel sehen,
weil sie von Delphi nie gehört!

Geh feiern, lass die Puppen tanzen!
Den Sauertöpfen Spott und Hohn!
Für Hellas sprechen die Bilanzen,
für Hellas vier Millennien schon!

Sommerspaziergang

SommerspaziergangEin schwüler Tag liegt mir im Rücken,
und vor mir glimmt das Kerzenlicht.
Ich greif, mich übers Blatt zu bücken,
den Stift, der mir zum Munde spricht.

Den drängt es heute, zu erzählen,
mein Plazet schon vorausgesetzt,
ich hätt an lauschigen Kanälen
mit Muße meinen Fuß benetzt.

Und hätt an Büschen wie an Bäumen
und ihrem Schatten mich erfreut,
wo an den dichten Ufersäumen
die Graugans sich ins Grün gekäut.

Und hätte Stümpfe dort gesehen
von Hölzern, glatt wie Chorgestühl,
die da als Bänke gleichsam stehen
für Hintern mit Naturgefühl.

Dazu die abgeknickten Stämme,
die übers Wasser sich gereckt –
zwar gegen Fluten keine Dämme,
für Entennester doch perfekt.

Und hätte an den Schrebergärten,
die bald ans Ufer sich geneigt,
den unbekannten Weggefährten
als wackrer Wandrer mich gezeigt.

Genug! Mehr soll er nicht enthüllen,
der Stift, der gerne fabuliert,
zig Seiten würd er mir sonst füllen
mit Zeug. das niemand int’ressiert.

Ein bisschen Luft wollt ich nur schnappen,
solange es nur eben ging,
bis sie den Seidenfaden kappen,
an dem der schwarze Himmel hing

Und sich die jäh befreiten Massen
der wässerigen Wolkenfracht
enthemmt ins Leere fallen lassen,
dass es die schönste Sintflut macht.

Der Guss ist aber ausgeblieben.
Hab ächzend mich nach Haus bewegt,
den Schweiß mir von der Stirn gerieben
und, seht, gleich lyrisch losgelegt!

Trostpflaster

TrostpflasterEin Asternsträußchen schmückt mir heut
den Tisch, an dem ich schreibe,
als fröhlich-bunter Therapeut
für Pein an meinem Leibe.

Denn eben hat ein netter Herr
mit teuflischen Geräten
mir jovial befohlen: Sperr
den Mund mal auf zum Jäten!

Und hat mit rüder Ruckelei
am Backenzahn gezogen,
der samt der Wurzel eins, zwei, drei
aus seinem Loch geflogen.

Ich weiß nicht, was die Quecke denkt,
doch würd es gerne wissen,
wenn sie, die so am Boden hängt,
brutal herausgerissen.

Das Pflänzchen, das aus meinem Schlund
gewaltsam auch geborgen,
zeigt blutig immerhin und wund
beleidigt sich bis morgen.

Im Kiefer, wo die Tat geschah,
die Schmerzen sich verbreiten,
dass schier ich der Verzweiflung nah
zu Pilln mich lass verleiten.

‘ne Schwellung aber, toi, toi, toi,
ist vorerst nicht zu fühlen,
und dass nicht Schlimmeres mir dräu,
liegt Eis bereit zum Kühlen.

Im Übrigen muss als Asket
ich heut mein Leben fristen –
mit absoluter Nulldiät
auf Weisung des Dentisten.

Wo alle Freude unterdrückt
und Übel überwiegen,
wie so ein Sträußchen da entzückt –
ich könnt das Heulen kriegen!

Himmlische Kunst

Himmlische KunstDie Brüder hatten einst gut lachen,
die von der Lukasgilde die,
mussten Gedanken sich nicht machen
über das Was – nur übers Wie.

Ein Bischof ließ zu Stuhle bitten,
ein Abt vom Kloster Soundso,
und hingegangen, hingeritten,
gab’s einen Auftrag von Niveau.

Da war ein Tafelbild gefordert,
dass eine Kirchenwand es schmück,
dort hat man ‘nen Altar geordert
mit Flügeln zwei bis drei, vier Stück.

Motive waren vorgegeben,
ein Mustermalbuch war zur Hand –
mit Szenen aus dem prallen Leben
der Bibel und dem heil’gen Land.

Hier neigt mit frisch geschärfter Klinge
sich Abram über seinen Sohn,
dass Gott er ihn zum Opfer bringe –
im Hintergrund naht Rettung schon.

Da finden wir in tiefstem Jammer
Maria unterm Kreuze stehn
sowie die leere Grabeskammer,
die die von Magdala gesehn.

Dazu in tausenden Legenden,
die außerhalb der Schrift tradiert,
die Heil’gen, die so schrecklich enden –
geköpft, gepfählt und blutverschmiert.

Ein Fundus, den beim besten Wühlen
man niemals ganz erschöpfen kann,
nicht an Figuren und Gefühlen,
nicht an Dramatik irgendwann.

‘ne Auftragsarbeit dieser Sorte
wünscht ich mir heute als Poet –
gewiss fänd ich die rechten Worte,
sobald das Thema erst mal steht.

Doch so was wie ‘ne Dichtergilde
hab ich noch nirgends aufgespürt,
schon gar nicht eine, die im Schilde
‘nen Mann des Evangeliums führt.

Und auch die eitlen Potentaten,
die einst belohnt ‘ne Hudelei,
sie wichen längst den Demokraten,
die mit der Börse nicht so frei.

Drum beug ich weiter vorm Parnasse
in Demut meine wunden Knie
und bleibe mangels Lesermasse
bei meiner Kammerpoesie.

Interna

InternaSchon wieder in der Küchenklause,
schon wieder Krug und Kerzenlicht.
Der Musendienst kennt keine Pause,
der Dichter weiß um seine Pflicht.

Doch was soll er den Guten sagen,
das ihnen nicht bekannt schon wär –
wie Eulen nach Athen nicht tragen,
nach Delphi Sprüche, inhaltsschwer?

Er muss um seine Themen ringen,
dass auch den Göttern sie gefalln,
und niemals darauf los nur singen,
um Pillepalle zu beschalln.

So will es ja die reine Lehre
und so des Barden eigner Drang –
doch kommt ihm öfter in die Quere,
dass glücklos sein Ideenfang.

Muss drum die Flinte ins Getreide,
die Feder in ihr Tintenfass?
Oh, hin und wieder finden beide
trotz alledem noch zum Parnass!

Wenn schüchtern erste Worte künden,
dass schon das Opferflämmchen glüht,
dann können leicht sich dran entzünden
die nächsten, dass es voll erblüht.

Und wie wir einen Schneeball rollen,
dass er zur dicken Kugel wächst,
ist zum Gedicht bald angeschwollen,
was anfangs nur dahingekleckst.

Ihr müsst es selbst einmal versuchen,
schreibt irgendeinen Unsinn hin:
„Ein Ticket zu den Musen buchen“ –
am Ende ist ein Knipser drin!

Nur keine Hektik

Nur keine HektikMuss man denn irgendwen bedauern,
der wo im stillen Winkel lebt?
Die Nonne hinter Klostermauern,
den Maulwurf, der sich Gänge gräbt?

Wenn sie sich selbst dafür entschieden,
von der Natur dazu gedrängt –
wer sagt denn, dass ihr Seelenfrieden
nur an ‘nem seidnen Faden hängt?

Es gibt so viele Charaktere
und was sie wollen von der Welt –
der eine sich ans Ephemere,
der andre sich ans Ew’ge hält.

Was einer für sich selbst empfindet,
wenn dies und jenes er probiert,
ihn meistens an die Laufbahn bindet,
die erst im Tode er verliert.

Und läuft in seinem Hamsterrade,
wo immer es auch stehen mag,
mit dicken Wickeln um die Wade
glückselig durch den Lebenstag.

Muss man denn Spuren hinterlassen?
Ein Stückchen Land, dem Feind geraubt,
ein Dutzend neuer Autotrassen,
‘nen Turm, der sich gen Himmel schraubt?

„Verdienste“, die ‘ne Welt zerstören,
die jeden Größenwahn belohnt.
Von denen wir nichts sehn und hören –
wär sie von solchen nur bewohnt!