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Blütensüchtig

BlütensüchtigDa rennen alle wie besessen,
als ob es um ihr Leben ging,
und jagen doch nur selbstvergessen
nach so ‘nem runden Lederding!

Und hat mit seinen letzten Kräften
es einer vor den Fuß gekriegt,
sich gleich die andern an ihn heften,
weil ihnen auch am Leder liegt.

Das Weitre kann ich mir hier schenken,
das Spiel ist aller Welt bekannt:
Man will das Ding im Tor versenken,
das einer schützt mit breiter Hand.

Das kostet so viel Schweiß und Mühen,
dass man an nichts mehr denken kann –
als ging dies wunderbare Blühen
der Kirsche nur den Frühling an!

Oft streift der Ball der Äste Reihen,
die zitternd zeigen sich empört
und lassen rosa Blüten schneien –
was keiner sieht und keiner hört.

Nur einer, der da vom Palaste
verfolgt das muntre Hin und Her,
bedauert, dass in dem Gehaste
kein Blick mehr bleibt fürs Blütenmeer.

Wir ahnen, dass ein solch Empfinden
im Ligafußball nicht zu Haus –
da heißt es zwar sich ähnlich schinden,
doch nur für Kasse und Applaus.

Tief müssen in die Zeit wir tauchen,
zu stoßen auf dies Phänomen,
dass Menschen die Natur so brauchen
wie unsereins das Sportgeschehn.

In Japan schon vor tausend Jahren
beim Tenno schlug man so den Ball,
und wenn da welche süchtig waren,
dann waren sie ein Einzelfall.

Das Auge für die Jahreszeiten
und ihren jeweils eignen Charme –
geöffnet weit in jenen Breiten
bei Hoch und Niedrig, Reich und Arm.

Genügt das nicht, um zu kapieren,
was an Ästhetik wir verlorn?
Die gröbsten Sinne triumphieren,
die Mammon sich als Gott erkorn.

Selbst die, die Christus schon in Bälde
zurückerwarten, gottgesandt,
anstatt der Lilien auf dem Felde
begaffen Salomos Gewand!

Ungleich artig

Ungleich artigAuf gleichem Fuß will er nicht leben
mit seinesgleichen auf der Welt,
sich lieber hoch zu Ross erheben,
dass einer ihm den Bügel hält.

Es liebt der Mensch sich in den Posen,
die seinem Ich Gewicht verleihn,
begierig stets auf Herrschaftshosen
mit Spielraum für das Tretebein.

Gilt für Tyrannen nur? Mitnichten.
Die treiben’s zwar besonders bunt,
doch geht der Trend durch alle Schichten
bis runter ganz zum ärmsten Hund.

Der in der Pförtnerloge lauert
und knurrend sein Terrain bewacht:
Der Erste, der es untermauert,
dass schon ein Pöstchen bissig macht.

Der Polizist an zweiter Stelle
als langer Arm der Staatsgewalt –
gebieterisch mit seiner Kelle
und mit dem Colt, den er geschnallt.

Und dann der Pauker alter Schule,
der höllisch gern examiniert,
dass in dem Schrecken er sich suhle
des Gurkentrupps, der nix kapiert.

Denkt selber nach. Ich will hier schließen,
weil mir die Liste sonst zu lang
bis da, wo Milch und Honig fließen
im Makler- und Ministerrang.

Doch die Natur, soweit wir wissen,
hat mit dem Status nichts am Hut –
drückt friedlich einst ins Ruhekissen
das blaue wie das Bürgerblut.

Schießsport

SchießsportNoch immer Spielball der Instinkte,
noch immer tierischer Natur –
so wie der Bulle, der beringte,
auf seiner stillen Weideflur!

Von halbwegs nur gezähmtem Wesen
und stets fragiler Friedlichkeit,
wird unvermittelt er zum Besen,
sobald man ihm ‘nen Vorwand leiht.

Dann wird das Großhirn ausgeschaltet,
in dem sich der Verstand versteckt,
und jenes kleine, ältre waltet,
das lieber Leidenschaften weckt.

Die Theorie. Im echten Leben
passiert das täglich ganz konkret.
Ich will hier nur ein Beispiel geben,
wie es für viele andre steht.

Da pirscht auf eines Schusses Weite
sich einer an ‘nen Löwen ran
und ballert voll ihm in die Seite
das Feuer, das ihn fällen kann.

Und mit der löcherigen Leiche,
die auch im Tod noch grandios,
verziert er seine Wohnbereiche
als Goliath und Gernegroß.

Die Katze hat ein Gnu gerissen
und wird als Raubtier angeklagt:
Doch was an diesem Mordsgewissen
des nimmermüden Nimrods nagt?

Der brüstet sich mit seiner Beute,
die „todesmutig“ er erlegt
auf ‘ner Safari, wie sie heute
‘ner Kaffeefahrt zu gleichen pflegt.

Nichts von Duell mit gleichen Waffen:
Das Wild braucht Fäuste für den Kampf,
indes die Jäger sich verschaffen
die Killerkunst von Pulverdampf.

Drum müssen sie auch niemals bluten,
es sei denn mit dem Abschusspreis,
den gerne in die Welt sie tuten
als ihrer Allpotenz Beweis.

Da lob ich mir die braven Jäger
von Tarascon in alter Zeit,
die, furchtbar nur als Zungenschläger,
‘ner Fliege taten nichts zuleid.

Maßarbeit

MaßarbeitNichts kann ihn aus der Ruhe bringen.
Nichts ihm die Stirn in Falten legt.
Die Gleichung: Machen heißt Gelingen
ist tief ins Herz ihm eingeprägt.

Wer könnte ihm das Wasser reichen,
ihm, einem zweiten Heraklit?
Er hat nun mal nicht seinesgleichen
auf seinem weiten Fachgebiet.

Das, muss man wissen, übern Boden
der ganzen Erde sich erstreckt,
den er mit mancherlei Methoden
ins Zwangskorsett der Maße steckt.

Mit einem Wort – ein Landvermesser,
bedacht auf klare Grenzen stets
und darauf, dass er stets verbesser
den Scharfblick seines Messgeräts.

Doch so im Banne des Präzisen,
das im Kataster kulminiert,
hält er sich für ‘nen Geistesriesen,
in jeder Wissenschaft versiert.

Und würdigt heut mit Gönnermiene
gar ‘nen Maecenas seines Rats
und morgen eine Ballerine
zur Optimierung des Spagats.

Ja, Gipfel der Vermessenheiten:
Er hält auch vorm Parnass nicht an,
mit plumpem Fuße abzuschreiten,
was feiner der des Verses kann.

Wie gehen ihm die Homeriden
so offenbar am Arsch vorbei –
und störn doch nicht den Seelenfrieden
der blinden Besserwisserei.

Wenn einmal er aus dem Gewimmel
der Weltbewohner sich verliert,
hat alle Zeit er, dass den Himmel
er flächendeckend klein kariert.

Nur Kleinigkeiten

Nur KleinigkeitenSind’s immer nur die großen Themen,
die’s einen zu bedichten treibt?
Ich will heut mal die Käfer nehmen,
mit Käferinnen schön beweibt.

Die sind zwar eine Nummer kleiner,
dass wir sie häufig übersehn,
und würden wohl auch als Lateiner
nicht locker durchs Examen gehn.

Doch kommt auch ohne höhre Grade
dies bodenständige Geschlecht
auf seinem dornenreichen Pfade
mit Fuß und Flügel gut zurecht.

Und wirft sie irgendetwas nieder,
ein Windstoß oder Regenguss,
bekrabbeln sie sich immer wieder,
weil man als Käfer weitermuss.

Gespräch mit ihnen ausgeschlossen.
Auf Fragen reagiern sie nicht.
Als andersart’ge Zeitgenossen
erfülln sie schweigend ihre Pflicht.

Ein Grund, sie achtlos zu zertreten?
Ein kurzes Knacken unterm Fuß,
und was wir lebend noch erspähten
liegt da als Häufchen Käfermus?

Ach, wenn wir wen nur deshalb töten,
weil mit Vernunft er nicht bestückt –
wie viele Morde wärn vonnöten
an einer Menschheit, die verrückt!

 

Karriereplanung

KarriereplanungWenn einer immer dienstbeflissen
und wichtig durch die Gänge eilt,
auf Achse immer, dass sein Wissen
gerecht er im Betrieb verteilt

Und sich nicht Ruhe gönnt und Rasten
den lieben langen Arbeitstag,
den er gewohnt gar durchzufasten,
weil „die Kantine (er) nicht mag“

Und den auch ohne viel zu fragen
er öfter in den Abend dehnt,
dem Chef die Mappe nachzutragen,
mit der er die Vasalln belehnt

Ja, selbst am heil’gen Wochenende,
wenn jeder seine Grillen grillt,
am Schreibtisch noch bewegt die Hände
als eines Musterschülers Bild

Des Weibs vergessend und der Kinder
bis hin zur Vaterlosigkeit,
wenn er mit Weste und mit Binder
sich schnieke der Maloche weiht

Dann dürfen wir mit Recht vermuten,
dass er nach einem Posten giert,
der aus der Riege der Rekruten
ihn in die Ränge expediert!

Zuwachs an Macht und Sinekure!
Und auch sein Ansehn, meint er, steigt.
Man schreitet würd’ger durch die Flure,
und statt zu hörn sein Ohr man neigt!

Doch erst mal heißt es fleißig strampeln;
die Konkurrenz, sie schläft ja nicht
und wartet vorn Karriereampeln
genau wie er auf grünes Licht.

Am Ende wird’s nicht daran liegen,
dass es an Ehrgeiz ihm gefehlt.
Doch wie soll in den Griff er kriegen
den Zufall, der auf andre zählt?

Ein großes Stückchen Pustekuchen
bleibt oft ihm nur als bittres Mahl –
und dann, als Nachtisch, zu verfluchen,
was jener ihm an Leben stahl.

Denkordnung

DenkordnungKurzum, man muss ‘nen Brief datieren,
sonst fällt er sinnlos aus der Zeit
und statt geschickt zu informieren
Symbol wird der Vergesslichkeit.

Und so mit allen andern Dingen,
die an den Hals wir uns gehängt –
man muss sie erst in Ordnung bringen,
das heißt in Kästchen eingezwängt.

Denn Ordnung ist das halbe Leben,
wie schon der Volksmund klug befand,
und kann sich so die Hände geben
mit unserm großen Weisen Kant.

Der ist dabei sehr weit gegangen
sogar in seiner Alltagswelt –
was immer auch er angefangen,
man hat die Uhr danach gestellt!

Kann sein Genie indes nicht trüben,
weil Wunderbares er entdeckt –
dass, wenn wir uns im Denken üben,
ihm feste Grenzen stets gesteckt.

Mag auch der Geist in Räumen schweifen,
in denen er Schimären sieht:
Er darf sie nicht als wahr begreifen,
auch wenn der Pfaff ihm dazu riet.

Der Dichter nur mag sich verlieren
im Kosmos seiner Fantasie –
denn frei ist stets sein Spekulieren,
kein Dogma zwingt es in die Knie.

Relativ bewegt

Relativ bewegtEin Krümel, der sein Bein bewegt,
das tappend auf die Erde schlägt,
wenn er zu gehn geruht;
womöglich gar in Menschgestalt,
die ihren ganzen Grips geballt,
dass er den Fuß beschuht.

Es könnte auch ein Käfer sein,
zufrieden nicht mit einem Bein,
der sechse von sich streckt
und emsig auf dem Boden läuft,
wo Humus sich und Hölzchen häuft,
dass Nahrung er entdeckt.

‘ne Nummer größer wär genehm
aus dem Bestiarium von Brehm,
und was auf Pfoten geht?
Da könnt ich den euch präsentiern,
der würdig zeigt auf allen viern
des Löwen Majestät.

Doch auch der Dicke mit dem Schlauch,
der stets ihm baumelt vor dem Bauch,
der Graue sei genannt,
der mächtig durch die Steppe stampft
und friedlich Gras und Kräuter mampft,
der nette Elefant.

Und was da so im Wasser schwimmt
und nie den hohen Saum erklimmt
mit Flossen, die zu schwach,
eilt auch dahin im Element,
das längst als Larve es schon kennt
in Tümpel, Meer und Bach.

Vom Seepferd, das stets hinken muss,
bis zum agilen Oktopus
ist alles auf der Walz.
Doch ging man auch ans End‘ der Welt,
von dieser man nicht runterfällt
und bricht sich nicht den Hals.

Der Mensch nur, der zu träumen liebt,
glaubt, dass er sich noch weiterschiebt
mit Krücken unterm Arm.
Und schnuppert übern Erdenrand,
wo er schon manchen Happen fand
im großen Sternenschwarm.

In den er gierig sich verbeißt,
ob Mars er oder Pluto heißt,
weil’s seinen Dünkel nährt.
Und keiner holt ihn noch so schnell
vom hohen Ross mit dickem Fell,
das äpfelt aus dem Stert.

 

Sich finden

Sich findenIm Kosmos nur ein Häufchen Erde,
das um ‘nen dicken Brocken schwirrt,
auf Füßen nicht und nicht zu Pferde,
doch wie der Blitz und unbeirrt.

Und in dem Chaos nicht zu orten,
das der Verstand noch nicht kartiert,
weil weit er vor den letzten Pforten
wie Sisyphus den Mut verliert.

Dass nun zu Pluto schon geflogen
‘ne Linse mit besondrem Schwung,
heißt: um die Ecke bloß gebogen,
heißt: kosmisch nur ein Katzensprung.

In diesen ungeheuren Weiten,
die selbst das Licht mit Müh durchmisst,
in diesen ungeheuren Zeiten,
wo keine Gegenwart mehr ist…

Woher den Optimismus nehmen,
man hätt wer weiß was schon erreicht –
vielleicht wird man sich einmal schämen,
dass man dem Floh im Tümpel gleicht.

Triumphe in die Welt trompeten
aufgrund der langen Himmelfahrt?
War doch nur ‘n Auf-der-Stelle-Treten,
geräuschvoll nach Flamenco-Art.

Doch wie bei solchen Dimensionen
ich selbst mich richtig adressier?
Ganz leicht: Wo immer wir auch wohnen,
wir finden uns ja immer hier.

 

Krieg der Künste

Krieg der KünsteWie ist der Künstler zu beneiden,
der schafft, was unser Aug‘ entzückt:
Mag jemand seine Bilder leiden,
er seine Wände damit schmückt!

Dann hängen sie in guter Stube,
wo alle Welt sie ständig sieht,
und nicht wie’n Häschen in der Grube,
das ängstlich just dieselbe flieht.

Und viele Jahre kann es dauern,
dass sie bewahren ihren Platz,
verwachsen halb schon mit den Mauern
als erblicher Familienschatz.

Wer seine süßen Kindertage
in solcher Galerie verlebt,
der kommt wohl kaum mal in die Lage,
dass Kitsch er, ach, zu Kunst erhebt!

Dem wurde, eh er’s noch begriffen,
des Malers Meisterschaft bewusst –
nicht mit des Hirns gelehrten Kniffen,
doch in der Tiefe seiner Brust.

Dagegen so ‘ne Schreiberseele:
Papier, bekritzelt, ihr Produkt.
Nichts, dass man’s mit ‘nem Nagel pfähle,
damit wer’s an der Wand beguckt!

Im Glücksfall wird es jemand lesen
und lächelnd gar Respekt ihm zolln –
wo nicht indes im Buch verwesen,
auf unbeschriebnem Blatt verscholln.

Soll ein Poem man farbig stylen,
als ob es ein Gemälde wär?
Ich fürchte fast, die schönen Zeilen
marschierten ziemlich trist daher!