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Bodenhaftung

BodenhaftungAls gestern ich ein bisschen trimmte
mein Fahrwerk, wie ich’s manchmal tu,
kam plötzlich es mir vor, als stimmte
da irgendwas nicht mit dem Schuh.

Denn wie ich zügig weiterstrebte,
vertrauend auf den Trimmeffekt,
empfand ich deutlich, dass da klebte
mir unterm Fuße was direkt.

Na und, so dacht’ ich, wenn’s so wäre:
Beim nächsten Regen weggeschwemmt –
und spürte wachsend doch die Schwere,
die langsam meinen Gang gehemmt.

Ich hab das Rätsel mitgetragen
nach Haus geduldig wie ein Depp,
indes nicht ohne mich zu fragen,
was ich da Schönes mit mir schlepp.

Dann aber „auf ihn mit Gejohle“:
Den Schuh aus und ihn umgewandt –
ein Riss lief durch die ganze Sohle,
die keinen rechten Halt mehr fand!

Die hatte also sich beim Gehen
gelöst von ihrem Oberteil
und schlug und schlappte untern Zehen
so ähnlich bremsend wie ein Keil.

Warn sie denn schon so alt, die Botten,
verbraucht des Leders Lebenslust?
Ich glaube nicht, dass sie verrotten
nur deshalb hätten schon gemusst.

Noch heute ich von denen träume,
die Schuster früher mal gemacht
und die den guten Gottfried Seume
bis ganz nach Syrakus gebracht.

Ein Jahr war er im selben Leder
tagaus, tagein zu Fuß auf Trab
und, wie er schrieb mit stolzer Feder,
lief doch sich nicht die Hacken ab.

Beine vertreten

Beine vertretenVom Wetter wär was zu berichten,
weil’s einfach aus dem Rahmen fällt:
Kein Hoch ist weit und breit zu sichten,
kein Himmel, der die Sonne hält.

Und das in diesen Julitagen,
von denen Bessres man gewöhnt,
ja, sogar unter Helios’ Wagen
vor Hitze manches Mal gestöhnt.

Im Wechsel Sonne, Wolken, Regen,
im Wechsel Feuchtigkeit und Wind.
Es scheint, es geht dem Herbst entgegen
und dass der Sommer schon verrinnt.

Der Strich blieb heut bei achtzehn stehen,
mehr Petrus nicht erlauben wollt.
Und mehr ist auch nicht abzusehen –
Gott weiß, warum der Alte grollt.

Der Wind blies fix uns um die Ohren,
als wir ‘nen kleinen Trip gewagt
und dann auch glücklich ungeschoren
zehn Meter durch den Wald gejagt.

O nein, nicht dass ein jäher Schauer,
ein Wolkenbruch zur Rast uns zwang!
Es war nur eine Kioskmauer,
die hemmte unsern Wanderdrang.

Die warb da mit gebratnen Tauben
fürn Eintritt ins Schlaraffenland –
ein Würstchen musste daran glauben,
das auch sich auf der Karte fand.

Da saßen wir im Buchenschatten
mit andern dichtgedrängt und warm.
Zwei, drei, die Hunde bei sich hatten,
zwei, drei mit Kindern auf dem Arm.

Kultige Kost

Kultige KostDie Rampe, die zum Parkplatz führte,
sah pausenlos die Kunden nahn –
ein Wagen nach dem andern schnürte
empor auf dieser schmalen Bahn.

Das wär wohl kein Problem gewesen
bei Autos üblicher Statur,
doch warn sie alle auserlesen,
die man da in die Höhe fuhr.

Ein Schauzug edelster Modelle,
der seinen Laufsteg dort betrat,
und jedes, bis zur Kurbelwelle,
ein echtes Dickschiff von Format.

Auf grader Bahn wär’s noch gegangen,
doch in der Kurve wär’s passiert –
drum hat ein Spiegel da gehangen,
der die Boliden reflektiert.

Nun wollt ihr aber sicher wissen,
wohin es die denn alle trieb.
Nun denn, zu jenen Leckerbissen,
die wohl kein Doktor je verschrieb.

Zu Feinkost nämlich bester Sorte,
die auf der Zunge schon zergeht
und wie ein Bild „Nature morte“
noch farbenfrisch im Tresen steht.

Und wer auf Luxus halt versessen
in seiner ganzen Lebensart,
braucht eben auch Delikatessen,
die er sich nicht vom Munde spart.

So ‘n Staat, den können wir nicht machen
mit unserm schlichten Untersatz –
doch eine Handvoll leckrer Sachen
findet auch da noch immer Platz.

Eine Vogelschau

Eine VogelschauGuckt man aus etwas größrer Höhe
mal auf den Boden hier hinab,
gewahrt man da ‘ne Menge Flöhe,
die alle irgendwie auf Trab.

Konturen sind nicht zu erkennen,
Gebilde nur von gleicher Art,
die ständig durcheinanderrennen
um irgendeines Kaisers Bart.

Was mag sie so in Gange halten
als tierisches Perpetuum?
Ob sie am Ende Haare spalten
als Brennholz für ihr Vakuum?

Sie scheinen wichtig sich zu nehmen
und das, wobei ihr Tun verweilt,
sich ihres Eifers nicht zu schämen
und nicht der Menge, die ihn teilt.

Mehr ist darüber nicht zu sagen,
mehr sieht man aus der Höhe nicht.
Distanz mag sich wohl nicht vertragen
mit so ‘nem Winzlingsangesicht.

Ein Gott selbst, der mit scharfen Sinnen
von seinem Wolkensitze späht,
könnt einer Brut nichts abgewinnen,
die ihm nicht ins Visier gerät.

Nur weil wir kleinen Erdenklöße
uns stets auf Augenhöhe sehn,
beschein’gen wir uns selbst ‘ne Größe,
die nur ein Wahn ist, endogen.

Sommerhitze

SommerhitzeGesäumt von Kiefern und von Eichen
der Weg im Staube vor uns lag.
Wir warn sein einz’ges Lebenszeichen
an diesem stillen Nachmittag.

Ein Hänfling nur auf jenem Drahte,
der mit uns in die Ferne lief,
pfiff unentwegt sein Jubilate
der Liebsten zu, die wohl grad schlief.

Wir konnten unsre Füße hören,
ihr Knirschen auf dem sand’gen Grund.
Links gingen Eichen mit und Föhren.
Es war des Pan verwunschne Stund.

Kurz spendete die Buchenhecke,
die plötzlich hochgeschossen kam,
uns Schatten bis zur nächsten Ecke,
wo ihn die Sonne wieder nahm.

Sonst keine Kühlung auf dem Wege.
Die Luft schloss warm und weich uns ein.
Der Eichen nur und Föhrn Gehege
lag dunkel unterm Sonnenschein.

So sind wir träg dahingeschlichen
und bald bis auf die Haut durchweicht.
Am Schluss die Uhren noch verglichen:
Ein Stündchen hat dafür gereicht!

Der Gang uns keine Frische brachte.
Doch kaum zu Hause angelangt,
o wie es flammte da und krachte,
dass um die Bude wir gebangt!

Und doch wurd Blitz und Donnergrollen
nie inniger herbeigesehnt!
Als überall die Bächlein quollen,
hab still ich mich zurückgelehnt.

 

Erblich vorbelastet

Altes ErbeWer kann sich so ‘n Boliden leisten,
wer hat so ‘n pralles Portemonnaie?
Doch hört ich oft schon, wie sie kreisten,
die kleinen Flitzer ums Karree.

Natürlich! Irrtum ausgeschlossen!
Kein Motor so die Zähne bleckt.
Sie kommen um den Block geschossen
und heulen, dass es Wölfe schreckt!

Grad heute, bei ‘ner Ampelpause,
hab einen sehen ich gedurft,
‘nen roten Blitz, der sause, sause,
durchs Kreuzungslabyrinth gekurvt.

Und wo der Knoten sich entwirrte
zu einer einz’gen graden Bahn,
auf dieser fort derselbe schwirrte
wie ‘n Raptus im Verfolgungswahn.

Da geht man wohl nicht fehl zu denken:
Wer so vom Rausche übermannt,
der wird sein Augenmerk nicht schenken
den Blümelein am Wegesrand.

Der holt das Letzte aus der Kiste
und nichts aus der StVO,
macht jede Straße sich zur Piste
für sein Extrem-PS-Niveau.

Ein Kenner. Auf den Leib geschnitten
ihm das Gesetz der Selektion.
Gibt an mit seinem Luxusschlitten
und sammelt Bräute sich als Lohn.

Nur immer fleißig imponieren –
Erfolgsrezept, seit je bewährt.
Der Steinzeitmensch auf allen vieren –
auch wenn er nicht Ferrari fährt.

Begegnung im Backshop

Begegnung im BackshopSie kam nur langsam von der Stelle,
nur Zentimeter Bein für Bein.
Ein Hindernis: die Ladenschwelle,
für Sportler selbst ein Stolperstein.

Und immer weiter stückchenweise,
bis an der Theke sie dann stand,
wo diese mühevolle Reise
für ‘n Augenblick ihr Ende fand.

Das heißt: Bestellung aufgegeben,
gewartet, bis die Sachen da,
und dann auf dem Tablett sie heben
zu einem Plätzchen möglichst nah.

Balanceakt wie auf einem Seile:
Schritt, ruhig Atem holen, Schritt –
fürn Kuchen braucht’s ja keine Eile,
kalt nimmt er sein Aroma mit.

Geschafft, und glücklich Platz genommen,
Besteck ergriffen, zugelangt.
Mag’s wohl, wünsch still ich, ihr bekommen,
die um dies bisschen so gebangt!

Erst als sie zu mir rüberguckte,
wir saßen uns ja vis-à-vis,
schien ihre Haltung, die geduckte,
mir plötzlich seltsam irgendwie.

Ein Antlitz, das die Jugendzüge
beinahe unverwelkt bewahrt,
als ob’s der Zeit ein Schnippchen schlüge,
die andres ihr doch nicht erspart.

Die Glieder schwer, gebeugter Nacken,
der Greisin schleppend-schiefer Gang.
Erwartungshaltung: Hängebacken
und Falten alle Naselang.

Doch Gorgo nicht und nicht Xanthippe,
kein Konterfei, das einen schreckt,
vielmehr ein Stück aus Adams Rippe,
das durchaus Appetit erweckt.

Oder muss anders ich’s betrachten,
das hier beschriebne Phänomen:
Die Dame noch als jung erachten
und doch auf morschen Knochen stehn?

Weil diese, die noch jung an Jahren,
ein Missgeschick erlitt, ein Leid,
dass ihr nicht mehr so dienstbar waren
die Körperstützen vor der Zeit?

Auch die Erklärung könnte passen.
Der Fall indes bleibt rätselhaft.
Schon bald hat sie den Shop verlassen.
Ganz langsam. Und doch voller Kraft.

Mobile Kirche

mobile kircheAls ob ihr Wunsch Gehör nicht fände
bei einem Gott, der nicht präsent,
klatschen sie erst mal in die Hände,
damit er weiß: Hier ein Petent!

So ist an fernen Shinto-Schreinen
seit alters es der Gläub’gen Brauch –
und doch, man sollte es nicht meinen,
gibt’s das im Abendlande auch.

Wie anders wäre es zu deuten,
wenn Biker in den Himmel wolln
und als Motorradfahrer-Meuten
laut orgelnd durch die Straßen rolln?

Das ist ein einziges Gedröhne,
das auf dem Kirchplatz kulminiert
und mit der Urgewalt der Töne
die taubsten Götter aktiviert.

Es ruft den Pfaffen auch zur Stelle,
der in der Götter Namen spricht
und hier auf ihres Hauses Schwelle
mit pfingstgestütztem Geist besticht.

Da abgestellt nun die Motoren
und ab der Schutzhelm zum Gebet,
die Predigt und dann des Pastoren:
„Gesegnet Mensch und Fahrgerät!“

Dann ruckeln sie auf ihren Sitzen,
die Sohle auf den Hebel stößt,
um jäh im Schwarm davonzuflitzen,
als wärn auf einmal sie erlöst.

Ein Zeichen wär’s der Nächstenliebe
an all den Nachbarn nahebei,
dass dies Gejage und Geschiebe
doch möglichst ohrenschonend sei.

Wer aber so was sich erhoffte,
der kennt die gute Kirche schlecht,
die mit der ganzen Welt sich zoffte,
ging’s um ihr Wohl, das stets „gerecht“.

„Der Rocker sucht den Gottesfrieden!“ –
das Highlight für den Werbezweck.
Und unser Pfaff, ein Fuchs hienieden,
der Meute fröhlich vorneweg!

Gekrönte Häupter

Gekrönte HäupterAls sie in ihren jungen Jahren
sich plötzlich sah als Königin,
trug sie die Klunker auf den Haaren
noch mit ästhetischem Gewinn.

Sie mochte nicht mal dreißig zählen,
als sie dem Throne sich verband,
dass ihr das Hütchen aus Juwelen
wie Brautschmuck zu Gesichte stand.

Der Aufbau konnte gar nicht stören,
weil er ein hübsches Haupt gekrönt,
als würd’s ‘ner Puszta-Maid gehören,
die apfelfrisch auch ungeschönt.

Doch will’s das Schicksal, dass die Wangen,
die rosig einst geblüht im Mai,
sobald sie in den Herbst gelangen,
erschlaffen form- und farbenfrei.

Und auch der Seidenglanz der Mähne,
wie eines Rappen Fell so dicht,
erliegt der Jahreszeiten-Szene
und kräuselt grau sich ums Gesicht.

Die Krone nur hat sich gehalten
mit ihrer Edelsteine Last
und bildet nun zum Haupt der Alten
‘nen seltsam schillernden Kontrast.

Die gleicht, ich sag’s mal übertrieben,
‘ner Shopping-Queen, die ungeniert
beim schönen Einkaufswagenschieben
die Lockenwickler präsentiert!

Spur gehalten

Spur gehaltenOft wandern wir auf krummen Wegen,
als ob das Ziel verloren sei,
nicht sichtbar häufig und entlegen –
und doch im Hinterkopf dabei.

Schau rückwärts von der hohen Warte,
die du nach all den Jahrn erreicht,
und sieh, dass deine Erststandarte
der heutigen noch immer gleicht!

Nach Studium und Staatsexamen
hast als Jurist du reüssiert,
weil dir als Kind bereits der Rahmen
von Recht und Regel imponiert.

Asklepios’ Künste dir gefielen,
dass du ‘ne Praxis aufgemacht?
Das liegt wohl an den Doktorspielen,
die dir den Körper nahgebracht.

Du bist im Lehramt aufgegangen
und trägst dein Wissen weiter fort?
An deinen Lippen hat gehangen
schon einst die Schar im Kinderhort.

Und wenn, um Seelen aufzurichten,
du sonntags von der Kanzel brüllst:
Die Saat der Muttermilch-Geschichten,
die du mit spätem Leben füllst.

Ja, selbst der Lump, der machtbesessen
nach Tausenden die Opfer zählt,
hat wohl aus niedrigen Int’ressen
auch Frosch und Fliege schon gequält.

Dass ich mich aber hier versuche
an Versen, die auf Reime stehn,
ich gerne auf das Konto buche
vom angebornen Wortverdrehn.

So treibt am Ende wohl fast jeder,
was früh sich angedeutet hat –
der eine mit der spitzen Feder,
der andre mit dem Sägeblatt.

Nur wenn die Jobs ein bisschen schräger,
scheint dieser Schluss mir nicht probat.
Wie wird der Mensch zum Kammerjäger?
Ein schönes Thema fürn Traktat.