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Ruhender Verkehr

Ruhender VerkehrWie eines Flusses Doppelbetten
ziehn gegenläufig sie dahin,
die Bahnen, die Asphalte glätten,
doch ohne einen Tropfen drin.

Da können keine Schiffe fahren,
die Wasser brauchen unterm Kiel,
dass ihren Bauch sie voller Waren
gemütlich schaukeln an sein Ziel.

Nein, dies ist eine Festlandspiste,
so trocken wie ein Friesenwitz,
damit da jede Motorkiste
recht reibungslos ins Blaue flitz.

Sofern, der Einwand ist vonnöten,
durch dieser Kisten Überzahl
nicht die Geschwindigkeit geht flöten
bis hin zum Stillstand auf einmal.

Der Regelfall fast für Verkehre.
Triumph für die Vokabel „Stau“,
wenn da nicht auch die „Sperrung“ wäre,
das Synonym für „Straßenbau“.

Grad heute wieder eingetreten:
Man bastelt an ‘ner neuen Spur.
Da gilt’s ‘ne Brücke auszujäten –
„Geduld bis morgen vierzehn Uhr!“

Die kann man auch schon vorher zeigen,
wenn man, den Engpass zu umgehn,
jäh musste in die Eisen steigen,
um anderswo im Stau zu stehn.

Auch darin sie den Wassern gleichen,
die Straßen in die Ferne raus:
Wenn deren Lauf gehemmt, dann weichen
sie weit in das Gelände aus.

So müssen auch die Automassen,
die irgendwo sich festgefranst,
dem Rattenschwanz die Chance lassen,
dass er dann aus der Reihen tanzt…

Und mit den kaum erwärmten Reifen
sich seitwärts in die Büsche schlägt,
um eine Chance zu ergreifen,
die ihn zur nächsten Schlange trägt.

Da hilft auch kein Verkehrsminister,
der baut und baut und baut und baut,
indes der stolze Blechphilister
im Leerlauf an den Nägeln kaut.

Der Hexenmeister der Ballade,
der seines Lehrlings Künste toppt,
wär hier der Richtige wohl grade,
dass er die Flut der Kisten stoppt!

 

Geführter Rundgang

Geführter RundgangMit Wissen und mit Kennermiene
eilt er dem kleinen Trupp voraus,
nennt Wappensprüche wie „Ich diene“
und sonst auch alles übers Haus.

Weist auf die porträtierten Ahnen,
die an den Wänden aufgehängt,
und ihre ausgefransten Fahnen,
die anno Tobak sie geschwenkt.

Und wie in dem und jenem Kriege
(er gibt genau die Jahre an)
der Vorfahr X durch seine Siege
‘ne Menge Morgen sich gewann.

„Hier die Frau Gräfin Kunigunde,
ein Muster an Barmherzigkeit,
die noch in ihrer Todesstunde
der Kirche ihren Schmuck geweiht.

Und hier, wenn Sie mir folgen wollen,
Graf Hubert, der die Jagd gepflegt
und der durch bloßes Augenrollen,
so heißt es, manchen Hirsch erlegt.“

Er schleppt die Schar in jede Ecke,
aus der er Anekdoten saugt,
ganz offensichtlich zu dem Zwecke,
dass er als Fremdenführer taugt.

Doch tratscht und plaudert so beflissen
von längst vergangner Zeit daher,
dass einem scheint, er müsst es wissen,
weil er dabei gewesen wär.

Nein, mehr: Dass von dem Fürstenglanze,
den so lebendig er beschwört,
ein Fünkchen fällt auf ihn, die Schranze,
die mit zur Dynastie gehört.

So kreist er um der Großen Sonne
als spätgeborener Trabant,
der seines Daseins ganze Wonne
im Schüren dieses Scheines fand.

Blinde Passagiere

Blinde PassagiereWenn Augen wir im Schädel hätten,
die eines Adlers würdig wärn,
wir könnten uns vor Tiern nicht retten,
die sich von unsereins ernährn.

Denn zu Millionen streift die Bande,
die nur aus Winzlingen besteht,
durch unsres Leibs gelobte Lande,
wo’s ihr wie Milch und Honig geht.

Sie rauben und sie marodieren,
wo immer sie auch Fuß gefasst,
in sämtlichen Organrevieren
als kriegerischer Dauergast.

Und wenn man da zu ihrem Peche
sie nicht mehr unterbringen kann,
dann siedeln auf der Oberfläche
der Haut sie sich verwegen an.

In jedem Fall ein Heer Mikroben,
das sich behauptet auf dem Feld
und jedem Feind von draußen, droben
sich schlachterprobt entgegenstellt.

Verteidigung der Futterplätze,
der Pfründen, fett und steuerfrei,
im Schutz genetischer Gesetze,
dass man sich selbst der Nächste sei.

Doch kann nicht mal ein Lump vermeiden,
dass manchmal Gutes ihm gelingt:
Kauft sich ‘ne Weste, weiß und seiden,
die seinem Schneider schön was bringt.

In diesem Sinne: Jacke, Hose,
nützt uns auch ihre Abwehrkraft.
Einsiedlerkrebshafte Symbiose.
Bakterie-Mensch: O Partnerschaft!

Ortsbegehung

imagesEin großes Krankenhausgelände.
Bemerkenswerter Baumbestand.
Gebäude ohne Zahl und Ende,
Modern und Muffig Hand in Hand.

Auch vom Format her unterschieden –
hier unscheinbar nur ein, zwei Stock,
da, abgeschaut den Pyramiden,
ein klotzig aufgeführter Block.

Ein Schornstein irgendwo am Rande
aus einem kleinen Kraftwerk ragt
gleich der Agave Blütenstande,
der kühn sich in die Weite wagt.

Patienten aber Mangelware.
Kaum einer schleppt sich siech vorbei.
Sogar im Flur die Notfallbahre
zeigt nur ihr leeres Konterfei.

Der Klinik schöne Sonntagsbilder:
Ein Park, dem Paradiese gleich –
wärn da nicht diese Hinweisschilder
für den und jenen Fachbereich

Auf medizinischem Gebiete,
in griechisch-röm’schem Stil gestelzt,
dass du bei deiner Stippvisite
gehörig auch in Ehrfurcht fällst.

Unglaublich dass in der Idylle
Asklepios‘ hohe Kunst gedeiht
und man so manches Leibes Hülle
gar neue Innerein verleiht!

Von solchem Ruhm ist dieses Spittel,
dass weltweit Aufsehn es erregt
und mancher seiner höhren Kittel
die Nase drum noch höher trägt.

 

Der Megastar

Der MegastarMuss seine Seele wohl erheben,
wenn er so auf der Bühne steht
und tausend Augen an ihm kleben,
dass Argus glatt vor Neid vergeht.

Und die entsprechend tausend Ohren
in gleicher Weise wie gebannt
im Tontopf der Akkorde schmoren,
die er den Tasten eingebrannt.

Und wenn die Fans dann in Ekstase,
betört von seinen Melodien,
im Stile ‘ner Sextanerblase
ganz hemmungslos vom Leder ziehn…

Indem sie von den Sitzen springen,
die Arme in die Lüfte schwelln
und ihre Hinterbacken schwingen
wie Hunde, die mit Schwänzen belln!

Muss seine Seele wohl verlocken,
dass hoch sie sich in Wolken fühl,
da andere im Schatten hocken
gesichtslos im Parterre-Gestühl.

Und seine Stimme, die der Krücke
des Mikrofons so viel verdankt,
erfüllt der Halle kleinste Lücke,
mit Selbstbewusstsein vollgetankt.

Berauscht von ihren eignen Kräften,
bekifft von ihrem eignen Klang,
verleiht sie seinen Lebenssäften
den größten Kick und Überschwang.

Und steigert sich bis zum Finale,
der letzten Dröhnung vor dem Schluss,
in dem das lauteste Geprahle
unweigerlich doch enden muss.

Tumult bricht aus auf allen Bänken,
Applaus ist gar kein Wort dafür –
der Sänger, beugen und verrenken,
läuft selig seine Ehrenkür.

Und Blumenwerfen, Sträuße-Reichen.
So endet jedes Gastspiel mal.
Danach aus dem Programm zu streichen.
Licht aus im schönen Erdensaal.

Zum Abschied

Zum AbschiedDas war’s mal wieder, wie im Fluge
ist sie dahingerauscht, die Zeit,
und morgen heißt es schon: Dem Zuge
nach Norden hübsch sich eingereiht!

Die Schönen liegen jetzt am Strande,
die Lütten hüpfen fröhlich rum,
und draußen fern vom festen Lande
stößt sich ein Kahn den Steven krumm.

Indessen schwenkt die Himmelslampe
bedächtig über den Azur
und tätschelt Hühnerbrust und Wampe
ganz ohne Ansehn der Figur.

Kaum Wind, um aus der Ruh zu bringen
des Sandes flüchtigen Verbund,
und auch der Palmen grüne Schwingen
scheuern sich träg am Stamme wund.

Gedämpfter klingen jetzt die Laute
im glühend heißen Sonnenlicht,
als ob’s die Kehle rötlich raute,
dass leis sie nur und zögernd spricht.

Ein Seebad, eine Sommerfrische.
Doch nicht mondän und nicht vulgär,
vielmehr als ob am Sonntagstische
Familie versammelt wär.

Versteht sich, dass man ungern scheidet
von so ‘nem liebenswerten Fleck
und seine Einschlafschäfchen weidet
auf Daunen weit von diesem weg.

Doch ungeübt in Hitzegraden,
die häufig über 30 gehn,
geht auch die Lust, zu bleiben, baden
bei Otti, Mika und Marlen.

Und die aus Odense und Pommern,
aus Glasgow, Helsinki und Brest,
sie fliegen heim zu übersommern
im tiefer temperierten Nest.

Schiffe gucken

Schiffe guckenVorbei am Leuchtturm auf dem Deiche,
dem Hamburger aus alter Zeit,
der lichtlos da als Ziegelleiche
den Winden seine Lenden leiht…

Und schon ist man am Ziel der Reise,
die ohnehin nicht weitergeht,
weil hier der Strom auf seine Weise
den Wandrer nötigt, dass er steht.

Ein Bau aus Balken und aus Bohlen,
der trotzig in die Fluten ragt,
indes parterre sich untern Sohlen
der Gischt durch alle Ritzen nagt.

Und durch des luftige Arkade,
die kaum geschützte Nischen kennt,
die Windsbraut öfter als Mänade
wie rasend um die Pfeiler rennt…

Da draußen übern trüben Wogen
die Möwe ihre Kreise kreischt
und von des fernen Holsteins Koogen
der Blick ‘nen Zipfel Dunst erheischt.

Die Elbe, die mit offnem Rachen
sich in die Nordsee hier verbeißt,
will noch mal richtig Eindruck machen
auf den sensiblen Menschengeist.

Doch kann sie auch noch anders glänzen
an ihrem Eingangstor zum Meer –
mit Helgoländer Hummerschwänzen
und ‘nem enormen Schiffsverkehr!

Was für ein Kommen und ein Gehen:
Brunsbüttel, Hamburg und nach See,
und stolz sieht man sich Buge blähen
zu Tausenden in Luv und Lee.

‘ne pausenlose Schiffsparade
durch diesen Trichter defiliert,
wie andernorts sie pro Dekade
ein einz’ges Mal vielleicht passiert.

Da sitzt man wie in einer Loge
(in der es freilich etwas zieht)
wie seinerzeit Venedigs Doge,
der seine Flotte übersieht.

Und kriegt wie jener von den Sbirren,
was man an Daten dazu braucht,
nur dass sie hier elektrisch schwirren,
von Mikrofonen ausgehaucht.

Die „Alte Liebe“, Gott befohlen,
auch sie gealtert mit der Zeit –
statt faulig-grüner Eichenbohlen
Zement schon längst ihr Trauerkleid!

 

Theophysik

TheophysikDer Physiker, vernunftgeboren
wie Venus einst aus Meeresschaum,
mag nicht im Aberglauben schmoren,
dem Fallobst vom Erkenntnisbaum…

Und fahndet folglich nach den Quellen
für dieses kosmische Geschehn
in seinen allerkleinsten Zellen,
die als unteilbar anzusehn.

Was für ein Aufwand an Maschinen
und raffiniertestem Kalkül,
dass diesen fleiß’gen Geisterbienen
gehörig auf den Zahn er fühl!

Doch endlich kann er Honig saugen
aus seiner Forscherochsentour –
beurglotzt mit den Bildschirmaugen
der scheuen Stromer flücht’ge Spur.

Ein Irrlicht ist da gar nichts gegen,
das wabert lange durch die Luft,
indes der jähe Teilchenregen
im Nu auch schon im Nichts verpufft!

Dies also zu den Ziegelsteinen,
aus denen unser Bau besteht –
Koloss auf dürren Spargelbeinen,
der protzig seine Runden dreht.

Und unser Fundament-Erkunder,
noch immer in der Bibel Bann,
hält dies für eines jener Wunder,
die man auch göttlich nennen kann.

Verleugnet seine eigne Sache
mit „Ungewiss“ und „Könnte sein“,
dass man nicht weiß, in welchem Fache
er wirklich hebt sein Pinkelbein.

Da ist der Pfaff von anderm Schlage,
der sich in Skrupel nicht verrennt,
weil seinem Geist auch unter Tage
das Grubenlicht des Himmels brennt.

Der reibt wie immer sich die Hände,
wenn irgendwo was neu entdeckt,
da doch in jedem Ding am Ende
das Wunder seines Daseins steckt!

 

Querbeet aktiv

Querbeet aktivSo hinter manchem hehren Ziele,
dem öffentlich sich jemand weiht,
verbirgt die Hoffnung sich auf viele
Gewinne der Geschäftigkeit.

Das fängt schon unten auf der Leiter
mit Tauben und Kaninchen an
und klettert unaufhaltsam weiter,
bis schwindelnd man an Höh gewann.

Wer ‘nem Vereine eingeschrieben,
der für sein Hobby gradesteht,
ist schlichtes Mitglied meist geblieben,
weil es um dieses ihm nur geht.

Doch oft kommt wer dahergezogen,
der auf den Zweck des Ganzen pfeift
und mit ‘nem Herzblut, das erlogen,
nach ausgesuchten Ämtern greift.

Der eine trachtet nach der Kasse,
der andre nach dem Protokoll
und auch danach wer, dass die Masse
als Oberfreak ihm folgen soll.

Bis in die Spitzenpositionen
verbreitet sich die Heuchelei,
wo für ein Handgeld von Millionen
man schwört, dass man nicht käuflich sei.

Mit andern Worten: Funktionäre,
die überall die Schrauben drehn
zu irgendeiner Sache Ehre,
von der sie einen Dreck verstehn.

Im Firmen- und Verbändeleben
agiern sie wie ’n Politikus,
indem sie die Befehle geben,
die ‘n Klügerer befolgen muss.

Karrieredenken, Machtgebaren –
der Raffgesellschaft Spiegelbild:
Wo keine Werte zähln, nur Waren,
wo, was verfällt, nur etwas gilt.

 

Gott im Azur

Gott im AzurDie Gegenwart des Religiösen
besticht in mancherlei Konnex,
ist mehr als nur im Dämmer dösen
der Sonntagspredigt, Tobit sechs.

Wie oft man noch in Häuserwände
ein kleines Tabernakel bohrt
der Jungfrau, dass sie Segen spende,
von frischen Farben stets umflort!

Doch auch der Trucker, dass den Laster
durch allerlei Gefahrn er führ,
trägt gern als Trost- und Heilungspflaster
ein Jesus-Poster an der Tür.

Und wie viel Feste sie noch feiern,
die ihren Heiligen geweiht –
nicht um sie lustlos abzuleiern,
nein, froh trompetet und schalmeit.

Ist etwa irgendwo erkoren
der hl. X zum Ortspatron,
dann hat für Kinder, hier geboren,
man meist auch einen Namen schon.

Na, und die Glocken, wie sie läuten,
auch wenn man nicht zur Messe muss –
nur um dem Gläub’gen zu bedeuten:
Die Hände hoch zum Angelus!

Da sollte es doch Wunder nehmen,
ließ man die Taube aus der Hand,
um mit ‘nem Spatz sich zu bequemen,
der doch dem Geist nicht grad verwandt!

Derselbe wurd ja ausgegossen
zu Pfingsten, wie die Kirche lehrt,
und kommt hier doch ins Hirn geschossen
an einem Tag nur hochverehrt.

Kein Gottesdienst, die Läden offen –
ein Montag ohne Festlichkeit.
Da heißt es, auf die Heil’gen hoffen:
Der nächste steht schon wo bereit!