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Klimavergleich

Vergleicht man nur die Temp’raturen,
kriegt den ersten Preis;
da laufen sich die Sonnenuhren
um diese Zeit noch richtig heiß.

Ist euer Hobby Wetterkunde?
Dann Folgendes ich noch verrat:
Selbst jetzt zur frühen Abendstunde
kommt da man noch auf dreißig Grad.

Dass der September mittlerweile
sein Pulver fast verschossen hat
und schon vorbei zum größten Teile,
liest man zwar im Kalenderblatt.

Was allerdings in jenen Breiten
kein Anlass für ‘nen Wettersturz –
beim Baden, Surfen oder Kiten
kommt weiterhin man nicht zu kurz.

Ein völlig andres Bild im Norden:
Hier geht die Sonne auf den Rest,
und Stück für Stück schon überborden
die welken Blätter vom Geäst.

Im höchsten Fall für ein paar Stunden
zeigt sich ein größres Wolkenloch,
das umso leichter aufgefunden,
als sich Azur darin verkroch.

Das ändert ständig die Konturen,
weil panisch es vorm Winde flieht,
der auch am Boden, auf den Fluren
jetzt stürmisch seine Kreise zieht.

Das Thermometer ist gefallen
und klemmte sich bei dreizehn fest.
Man muss sich ‘nen Pullunder krallen,
wenn man die Bude mal verlässt.

Und immer wieder peitscht ein Schauer,
der auch noch einen Schirm verlangt.
Dann glänzt und perlt es an der Mauer,
um deren Stirn sich Efeu rankt.

Der Morgen spinnt mit feinen Fäden
ein Tuch aus Nebel und aus Gischt,
das dich vom Hals bis zu den Waden
mit kühler Feuchtigkeit erwischt.

Gut ist der Tag noch zu ertragen.
Doch wehe, wenn der Abend graut,
dann kriecht die Kälte in den Kragen
und macht dir eine Gänsehaut.

Die Nacht ist klar und Sterne funkeln
mit nimmermüder Energie,
als würden sie mechanisch schunkeln
zu einer fernen Melodie.

Geht wer noch durch die stillen Straßen,
ihm Eicheln knirschen unterm Tritt,
so dass er spürt gewissermaßen
den ersten Winterschnee schon mit.

Soll folglich man das Weite suchen
aus dieser unterkühlten Stadt
und schleunigst einen Rückflug buchen
nach Málaga mit Sonne satt?

I wo, kommt gar nicht in die Tüte.
Kein Grund, den Himmelsstrich zu fliehn –
ist doch dem launischen Gemüte
der Herbst die beste Medizin.

Von Heim zu Heim

Soeben noch das Meer im Rücken
und westlich Berge fern erspäht –
jetzt Ziegel, die den Ausblick schmücken,
der bis zur nächsten Ecke geht.

Ich kenn ihn. Ist sich treu geblieben,
seitdem ich abgereist von hier
und mich im Flieger eingeschrieben
als blind vertrau’nder Passagier.

Um südlicher zu überwintern
wie Vögel, die von dannen ziehn,
um sich nicht abzufriern den Hintern
im Billignest ohne Kamin.

Ich kenn ihn. Hat sie überstanden,
die Wind-und-Wetterjahreszeit
und zeigt mir stolz als noch vorhanden
sein dunkleres Fassadenkleid.

Da auf dem First (Hotelgebäude!)
die Flaggen, ausgefranst und matt,
sie flattern mir Willkommensfreude
für Deutschland und die Hansestadt.

Doch auch die ewig gurrend grauen
Genossen finden sich noch ein,
auf dem Balkon sich umzuschauen
nach Örtchen für ihr Taubenklein.

Wie immer brandet von der Straße
der Lärm von Mensch und von Motor
im Metropolen-Übermaße
auch noch dem 3. Stock ins Ohr.

Mit ständig wiederkehrnden Spitzen,
die noch erhöhn das Potenzial,
da viele Richtung Ampel flitzen
mit voller Pulle aufs Pedal.

So ist denn alles noch beim Alten.
Auf Eis lag gleichsam meine Welt.
Ich habe sie zurückerhalten
wie kurz im Keller abgestellt.

Muss ich mich da noch eingewöhnen,
‘ne Probezeit noch absolviern,
mich mit den Dingen auszusöhnen,
die mir jetzt fremd entgegenstiern?

Ich frag mich, ob ich weg gewesen.
Der Urlaub ist schon halb verblasst,
nur auf dem Ticket noch zu lesen,
dass ich die Reise nicht verpasst.

Verlorenes zurückgewinnen
heißt, dass es nie verloren ging.
Da wird wohl nicht viel Zeit verrinnen,
bis ich zum Rückflug auf mich schwing!

Fahnenflucht

fahnenfluechtigDas Fahnenduo auf dem Dache
hängt schlaff herunter Seit an Seit;
kein Lüftchen weht, dass es entfache
des Tuchs textile Wendigkeit.

Noch breitet klar sich vor den Augen
der Himmel mit gedämpftem Grau,
die rosa Reste abzusaugen
von Helios‘ großer Abschiedsschau.

Nur wo der Mond mit trüber Miene
die Sichel durch die Dünste zieht,
blitzt, wie wenn’s davon widerschiene,
ein Licht, das einem Stern entflieht.

Die Nacht liegt leise auf der Lauer
und schiebt sich unaufhaltsam vor –
was hilft’s, dass ich im Winkel kauer,
sie packt mich dennoch gleich beim Ohr!

Dann reißt der letzte lichte Faden
und alles taucht ins Dunkel ein;
nur hier und da in den Fassaden
verharrt ein schwacher Lampenschein.

Dann sind die Fahnen auch verschwunden
wie ausgerupft mit Stumpf und Stiel
und erst einmal der Pflicht entbunden,
zu präsentiern ihr Farbenspiel.

Sie werden meinen Blicken fehlen,
denn immer, wenn ich mal verschnauf
vom Wort- und Reim- und Rhythmuswählen,
schau sinnend ich zu ihnen auf.

Ob sie vielleicht mich inspirieren
durch ihre bloße Gegenwart?
Gar weil auch sie symbolisieren
auf ihre eigne stumme Art?

Nicht Laute brauchen sie und Lettern
und teilen sich doch ständig mit:
Hier Hamburg, trotzend allen Wettern,
und hier der Bund im gleichen Schnitt.

Die Farben und die Muster reichen,
um ihre Botschaft zu erklärn:
Wir wehen hier als Hoheitszeichen,
den Ruhm des Landes zu vermehrn.

Was sollte der Poet draus lernen?
Um was zu sagen, braucht’s nicht viel.
Barockes Beiwerk stets entfernen.
Der Mensch (Buffon!) ist wie sein Stil.

Schiffe gucken

Schiffe guckenVorbei am Leuchtturm auf dem Deiche,
dem Hamburger aus alter Zeit,
der lichtlos da als Ziegelleiche
den Winden seine Lenden leiht…

Und schon ist man am Ziel der Reise,
die ohnehin nicht weitergeht,
weil hier der Strom auf seine Weise
den Wandrer nötigt, dass er steht.

Ein Bau aus Balken und aus Bohlen,
der trotzig in die Fluten ragt,
indes parterre sich untern Sohlen
der Gischt durch alle Ritzen nagt.

Und durch des luftige Arkade,
die kaum geschützte Nischen kennt,
die Windsbraut öfter als Mänade
wie rasend um die Pfeiler rennt…

Da draußen übern trüben Wogen
die Möwe ihre Kreise kreischt
und von des fernen Holsteins Koogen
der Blick ‘nen Zipfel Dunst erheischt.

Die Elbe, die mit offnem Rachen
sich in die Nordsee hier verbeißt,
will noch mal richtig Eindruck machen
auf den sensiblen Menschengeist.

Doch kann sie auch noch anders glänzen
an ihrem Eingangstor zum Meer –
mit Helgoländer Hummerschwänzen
und ‘nem enormen Schiffsverkehr!

Was für ein Kommen und ein Gehen:
Brunsbüttel, Hamburg und nach See,
und stolz sieht man sich Buge blähen
zu Tausenden in Luv und Lee.

‘ne pausenlose Schiffsparade
durch diesen Trichter defiliert,
wie andernorts sie pro Dekade
ein einz’ges Mal vielleicht passiert.

Da sitzt man wie in einer Loge
(in der es freilich etwas zieht)
wie seinerzeit Venedigs Doge,
der seine Flotte übersieht.

Und kriegt wie jener von den Sbirren,
was man an Daten dazu braucht,
nur dass sie hier elektrisch schwirren,
von Mikrofonen ausgehaucht.

Die „Alte Liebe“, Gott befohlen,
auch sie gealtert mit der Zeit –
statt faulig-grüner Eichenbohlen
Zement schon längst ihr Trauerkleid!

 

Frühling in Meilsen

Frühling in MeilsenNoch immer hatten die Kanonen
in diesem Krieg das letzte Wort,
das Grabgeläut schon für Millionen
und donnerten noch immer fort.

Es waren Jahre schon vergangen
so ohne Menschlichkeit und Maß,
in denen die Vernunft gefangen
im Bunker der Verblendung saß.

Das Schlachten war total geworden,
ein blind befohlner Amoklauf
von waffenstarrnden Kriegerhorden,
dass jeden Tag mit Blut man tauf.

Die Fronten aber klar umrissen:
Hier, mit dem Rücken schon zur Wand,
der fast die halbe Welt zerschmissen,
der Feind in seinem eignen Land.

Und da, demselben auf der Pelle
schon dicht der Feind von anderswo,
dass er ihn zur Entscheidung stelle,
bei der ihm die Vernichtung droh.

Es war April. Die Heide blühte
in neu erwachter Lebenslust,
als sich der Mensch „im Feld“ bemühte
um seine letzte Stunde just.

Wer sollte diesen Wahnsinn stoppen,
der gegen die Natur verstieß,
dern Daseinsdrang sich niemals foppen
durch Hass und Fanatismus ließ?

Da geht ein Mann auf gut Gedeihen
in einem mutigen Entschluss
auf eigne Faust in Feindesreihen,
dass Kranke schütz er vor Beschuss.

Begegnung zweier, die sich trauen.
Hier Offizier, da Zivilist.
Nicht noch mehr Opfer, noch mehr Grauen –
ein Wunsch, der beiden heilig ist.

Sie geben sich bewegt die Hände
zu diesem ersten Brückenschlag –
und schließlich auch zum guten Ende
die Chefs ihr Ja am Schicksalstag.

Ein Federstrich und endlich Frieden.
Kanonen nur noch Schall und Rauch.
Der Untergang, Teil 2, vermieden.
In Hamburg wird es Frühling auch.

Verdiente Nachtruhe

Verdiente NachtruheSo klingt es aus, das Wochenende,
mit dieser Sonntagabendruh.
Im Schoße weiln des Bürgers Hände,
der Puschen trägt statt Straßenschuh.

Passanten sind nicht mehr zu hören,
dern Hacke sonst aufs Pflaster knallt.
Die Vesper auch von Krähenchören
ist längst im Raume schon verhallt.

Nur selten sausen noch Karossen
auf dem asphaltnen Gleis dahin
und kommen kaum noch angeschossen
die Kisten mit Sirenen drin.

Wie Balsam legt sich diese Stille
auf eine Stadt, die endlich parkt,
um vorzubeugen ohne Pille
dem Herz- und dem Verkehrsinfarkt.

Bad Hamburg: Eine Metropole,
die sich als Kurort profiliert?
Verdünnte Seeluft als die Sole,
die für die Gurgel man gradiert?

Was wäre daran auszusetzen?
Geschäftig tags und kunterbunt,
verpönt sie’s, nachts sich abzuhetzen,
und schnarcht im Heilschlaf sich gesund.

Das will ich doch mal ausprobieren,
indem ich gleich zu Bette geh.
Werd ich in Träumen mich verlieren,
bevor ich noch um Träume fleh?

Herr der Meere

Herr der MeereSo einer braucht nicht wenig Grütze,
um auf der Brücke da zu stehn
und mit der goldbestickten Mütze
den Chef zu geben, den Kap’tän.

Und neben all den naut’schen Sachen,
die kompliziert schon von Natur,
muss er bei Wind und Wetter machen
auch noch ’ne gute Mannsfigur.

Er muss sich kerzengrade halten,
an Bord die Füße steif und fest,
selbst wenn im Wüten der Gewalten
vor Angst schon mancher Wasser lässt.

So flößt er seinen Passagieren
das nötige Vertrauen ein,
in besten Händen zu kutschieren,
und bräch die Sintflut selbst herein.

Knapp und präzise die Befehle,
mit denen er die Crew regiert
und seiner Kommandantenseele
manch Lustgefühlchen generiert.

Auch bei der Damenwelt zu spielen
den Hahn im Mastkorb, mit Verlaub,
gehört nicht zu den Reisezielen,
für die sein Seemannsherz zu taub.

Hat er den Globus nicht befahren
die kreuz und quer und lang und breit –
von Hamburg zu den Nikobaren,
von Halifax bis nach Kuwait?

Und hat er sich nicht rumgetrieben,
äh, umgesehn in jedem Port
und sich ins Gästebuch geschrieben
mit Treueschwüren immerfort?

Nur jene reden von den Planken,
die selber vor dem Kopf ein Brett:
dass sie nur schlingern und nur schwanken –
ihm gelten sie als Weltparkett

Im Tanz der Wellen und der Wogen,
der sich in tausend Rhythmen wiegt,
dass er des Erdballs kühne Bogen
von Meer zu Meer im Rausch durchfliegt.

Da muss man sich doch wenig wundern,
wenn weit sein Geist vorausgeeilt
dem Schwarm der aufgedrehten Flundern,
mit denen er sein Dickschiff teilt.

Hat er denn in der Wasser Weiten
als Herr und Richter auf dem Pott
etwa noch andre Obrigkeiten
als nur die allerhöchste: Gott?

Er weiß sich stets auf gutem Fuße
mit Neptun und Klabautermann,
dass selbst in Mallung und in Muße
ihn nichts vor Unheil wahrschaun kann.

Indes, auf beide Phänomene
ist letzten Endes kein Verlass.
Auch er verlässt dereinst die Szene
und beißt ins Gras. Das auch noch nass!

Erfolgsgeheimnis

ErfogsgeheimnisInterna will ich euch verraten:
Viel Verse sind der Musen Lohn.
Heut kann ich förmlich darin waten:
Dies Lied ist ja mein zweites schon!

Da kommt der Nektar mir zugute,
den aus der Rebe man gewinnt
und der per Laster oder Schute
rot von Bordeaux nach Hamburg rinnt.

Ich muss ja Katz und Maus nicht spielen
mit irgendeinem Sportverband,
denn schöne Strophen zu erzielen
hat Mittel man seit je verwandt.

Doch lässt die Dichter man gewähren,
auch wenn im Wettbewerb sie stehn,
denn ihre Kunst in allen Ehren –
um große Summen wird’s nie gehn.

Der Muskelmann mit strammen Waden,
der Bälle und Pedalen tritt,
macht selbst bei größrem Geistesschaden
dagegen immer seinen Schnitt.

Denn für das Keuchen und das Quälen,
entschädigt man ihn königlich
und lässt ihn teuer noch empfehlen
’ne Salbe gegen Sonnenstich.

Doch der Poet, der zum Idole
der Massen niemals hochgehypt,
der hat im besten Falle Kohle,
die schwarz und nicht kontierbar bleibt.

’ne Welt, in der die Geistesgaben
und die des Herzens wenig wert,
sie ähnelt der der Küchenschaben,
wo prächtig man vom Dreck sich nährt.

Um es noch deutlicher zu sagen
(ich fass die Chance hier beim Schopf,
auf Marxens Seite mich zu schlagen):
Die Welt steht psychisch auf dem Kopf!

Sie faselt ständig was von Frieden,
von Eintracht und von Duldsamkeit,
und schwelgt doch in den Unterschieden
aus Konkurrenz und Widerstreit.

Sie lässt als höchste Werte feiern
Barmherzigkeit und Menschentum,
doch gönnt die Gans mit goldnen Eiern
Karrierefreaks mit Medienruhm.

Sie schwingt mit tausend Idealen
sich auf bis an das Sternenzelt
und misst das Leben doch mit Zahlen,
mit Kosten, Nutzen nur und Geld.

Sie glaubt an einen Gott da oben,
der Händler aus dem Tempel trieb,
doch hat zum Hauptgesetz erhoben
das „ökonomische Prinzip“.

Der Gipfel aller Perversionen!
Das heißt, dass man fürn Überschuss
und wegen der Profitmillionen
im „Notfall“ Menschen opfern muss!

Das Gegenteil von dem Humanen,
das öffentlich man gern beschwört,
und würdig unsrer Steinzeitahnen,
die so ein Wort noch nie gehört.

Moralisch absolut ein Kracher!
Wie aber kommt’s, dass keiner schimpft?
Weil, wie dies der Geschäftemacher,
ja jedes Credo eingeimpft.

Denn die den Staat am Zügel halten
und ihren Willen ihm diktiern
auch über die Gehirne walten,
die sie mit falscher Münze schmiern.

Mit „unsichtbarer Hand“, sie schwafeln,
renk alles sich zum Besten ein,
so dass an reich gedeckten Tafeln
das Land sich nähre, Groß und Klein.

Doch kann der Lüge überführen
sie schnell der vielen Armen Not,
die diese Hand als Faust nur spüren,
die ständig sie zu schlagen droht.

Man könnt das kalte Kotzen kriegen,
wenn man die Heuchelei erkennt,
mit der die Fakten sie verbiegen,
damit den Jammer Glück man nennt.

Ach, voll der Verse Fass, gestrichen –
wie gut habt, Musen, ihr’s gemeint!
Doch bin vom Thema ich gewichen:
Zu viel Interna, wie mir scheint.