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Im Oktober

Er guckte auch schon einmal netter.
Was zieht er heut für ein Gesicht
nach „Sieben Tage Regenwetter“,
als plagte ihn die liebe Gicht!

Missmutig lässt der Herbst entladen
Gewölk von seiner feuchten Fracht,
dass mal wir voll in Schauern baden
und mal im Nieseln still und sacht.

Hat er nicht Grund für seine Tränen,
mit denen er die Erde nässt?
Es reißt ihm ja in ganzen Strähnen
die Blätter ständig vom Geäst!

Die sammeln fern von ihrem Baume,
so wie dem Zufall es gefiel,
sich weit verstreut im Straßenraume,
dahingerafft mit Stumpf und Stiel.

Und während sie sich bunt verbluten,
vor Nässe wie im Fieber glühn,
scheint sich der Wind noch mehr zu sputen
und nimmt im Sturm das letzte Grün.

Wie kühl sind nun die Abendstunden;
der Nacht steht schon der Frost ins Haus!
Bald gehn die Kinder ihre Runden
und führen ihre Lichter aus.

Dann stapfen sie durch Nebelschleier
ein bisschen außer Reih und Glied
und singen zur Laternenfeier
ihr Sonne-Mond-und-Sternelied.

Wie fröhlich zieht die Rasselbande
dann wieder heim ins warme Nest!
Ein Ruch von Moder rings im Lande?
Ihr Herbst – das reinste Frühlingsfest!

Klimavergleich

Vergleicht man nur die Temp’raturen,
kriegt den ersten Preis;
da laufen sich die Sonnenuhren
um diese Zeit noch richtig heiß.

Ist euer Hobby Wetterkunde?
Dann Folgendes ich noch verrat:
Selbst jetzt zur frühen Abendstunde
kommt da man noch auf dreißig Grad.

Dass der September mittlerweile
sein Pulver fast verschossen hat
und schon vorbei zum größten Teile,
liest man zwar im Kalenderblatt.

Was allerdings in jenen Breiten
kein Anlass für ‘nen Wettersturz –
beim Baden, Surfen oder Kiten
kommt weiterhin man nicht zu kurz.

Ein völlig andres Bild im Norden:
Hier geht die Sonne auf den Rest,
und Stück für Stück schon überborden
die welken Blätter vom Geäst.

Im höchsten Fall für ein paar Stunden
zeigt sich ein größres Wolkenloch,
das umso leichter aufgefunden,
als sich Azur darin verkroch.

Das ändert ständig die Konturen,
weil panisch es vorm Winde flieht,
der auch am Boden, auf den Fluren
jetzt stürmisch seine Kreise zieht.

Das Thermometer ist gefallen
und klemmte sich bei dreizehn fest.
Man muss sich ‘nen Pullunder krallen,
wenn man die Bude mal verlässt.

Und immer wieder peitscht ein Schauer,
der auch noch einen Schirm verlangt.
Dann glänzt und perlt es an der Mauer,
um deren Stirn sich Efeu rankt.

Der Morgen spinnt mit feinen Fäden
ein Tuch aus Nebel und aus Gischt,
das dich vom Hals bis zu den Waden
mit kühler Feuchtigkeit erwischt.

Gut ist der Tag noch zu ertragen.
Doch wehe, wenn der Abend graut,
dann kriecht die Kälte in den Kragen
und macht dir eine Gänsehaut.

Die Nacht ist klar und Sterne funkeln
mit nimmermüder Energie,
als würden sie mechanisch schunkeln
zu einer fernen Melodie.

Geht wer noch durch die stillen Straßen,
ihm Eicheln knirschen unterm Tritt,
so dass er spürt gewissermaßen
den ersten Winterschnee schon mit.

Soll folglich man das Weite suchen
aus dieser unterkühlten Stadt
und schleunigst einen Rückflug buchen
nach Málaga mit Sonne satt?

I wo, kommt gar nicht in die Tüte.
Kein Grund, den Himmelsstrich zu fliehn –
ist doch dem launischen Gemüte
der Herbst die beste Medizin.

Dringender Appell

Dringender AppellWie eklig schleicht mir auf dem Pelz,
was andre warm begrüßen,
ein Sud mit dem besondren Schmelz
von ungewaschnen Füßen.

Wie eine Hand fühlt er sich vor
auf feuchten Fingerspitzen,
als ob ein Zauber ihn beschwor,
allez!, nie still zu sitzen.

Jetzt hat den Nacken er erreicht,
jetzt holt er sich den Rücken,
die Schultern gar, die ungeweicht
sich gern mit Kälte schmücken.

Schon ist der ganze Leib bedeckt
mit fauligem Geklebe,
aus allen Ritzen läuft und leckt
mir Saft aus dem Gewebe.

Das Hemd, so frisch und wolkengleich,
verfiel zum nassen Lappen:
die Hosenbeine pflasterweich
an schwamm’gen Schenkeln pappen.

Im Fieber gleichsam glüht die Stirn,
wie Lava glühn die Wangen,
es glüht das bisschen Menschenhirn
wie unter Schmiedezangen.

Wie im Kokon die Larve schmort,
dass schön sie sich verpuppe,
so hock ich hier, von Schweiß umflort
vom Schädel bis zur Kruppe.

Doch modelt mich nicht zum Apoll
die Rosskur, die ich leide,
ich werde nicht, so jammervoll,
verjüngt zur Augenweide.

Im Gegenteil: Er schreckt mich eh’r,
der Balsam dieser Schwüle,
als ob’s die Letzte Ölung wär
für meine Lebensmühle.

Ich weiß: Dagegen hilft kein Kraut,
hier kann die Zeit nur heilen.
Der Herbst, der Reif und Nebel braut,
er möge sich beeilen!

Zeichen deuten

Zeichen deutenVor allem nachts ist es zu spüren,
wenn man, geschmiegt ins warme Nest,
die Fenster und Terrassentüren
noch einen Spalt weit offen lässt.

Auf einmal, schon im schönsten Schlummer,
umweht dich ein kristallner Geist,
der sicherer als Uhr und Summer
dich aus den tiefsten Träumen reißt.

Dann liegst du fröstelnd und benommen
noch kurz in angestrengter Ruh,
um schließlich zu dem Punkt zu kommen:
Mehr Decke oder Fenster zu?

Wobei das Letztre zu empfehlen,
auch wenn du aus den Federn musst,
weil dich von Zeit zu Zeit sonst quälen
die eis’gen Schauer auf der Brust.

Den Herbst, der sich auf leisen Sohlen
ins Land schlich, wirst du so gewahr,
gewillt, sich seinen Teil zu holen
vom wetterwend`schen Erdenjahr.

Ist dir tatsächlich denn entgangen,
dass er dem Laub das Fell schon gerbt
und seine blühend grünen Wangen
mit allen Tönen Rots gefärbt?

Indes hat in den letzten Tagen
die Sonne er noch so geschürt,
dass keinen Grund er gab zu klagen,
er hätt den Sommer schon entführt.

Doch Schnee von gestern. Jetzt verkünden
die Nächte seinen Siegeszug.
Und der wird in den Winter münden.
Wird Zeit, ich folg dem Vogelflug.

Zum Wetter

Zum WetterEin Tag, so recht um rumzuschlendern
im unterkühlten Sonnenschein,
zu sehn, wie sich die Dinge ändern,
um einst sie wieder selbst zu sein.

Die Blätter hängen noch in Massen,
doch krumm und gelb schon im Gezweig;
nur wen’ge ha’m sich fallen lassen
und wandern übern Bürgersteig.

So endlich ist es auszuhalten
nach dieser langen Tropenkur.
Die Temp’raturen sich entfalten
bis höchstens 13, 14 nur.

Der Wind spielt bloß ’ne Nebenrolle,
man nimmt ihn nur am Rande wahr.
Den Kragen zu! Doch keine Wolle –
Pullover bergen Schwitzgefahr!

Und wenn wir auf zum Himmel schauen:
Wohl nie er mehr dem Herbste glich
mit seinen Wangen, blässlich blauen,
aus denen alles Blut entwich.

Dafür sind sie auch glatt geschoren
selbst noch vom kleinsten Wolkenflaum,
dass dem Spaziergang vor den Toren
winkt reichlich regenfreier Raum.

Bei einer solchen Wetterlage
ich gerne mal vom Sofa spring.
Da kleb ich manche Sommertage –
die Hitze ist nicht so mein Ding.

Spaziergang

SpaziergangAllmählich kommt die Stadt zur Ruhe.
Seit Stunden ist es dunkel schon.
Ich spring noch rasch mal in die Schuhe
und mach ’ne kleine Exkursion.

Nicht die geringste Spur von Regen;
ein leichter Dunst nur trübt die Sicht.
Vereinzelt Laub noch auf den Wegen,
das knisternd untern Sohlen bricht.

Kein Wind mehr in den lichten Kronen;
die letzten Blätter regungslos.
Wo keine Vögel jetzt mehr wohnen,
die Nester liegen nackt und bloß.

In diesem schläferigen Schweigen
in milder Luft schreit ich voran.
Der Himmelslichter bleichen Reigen
führt strahlend der Polarstern an.

O welche Freude, zu genießen
den Frieden dieser Herbstnatur –
das heißt den Abend zu beschließen
mit einer wahren Seelenkur!

Nur manchmal lösen sich noch Schatten
von Menschen aus der Dunkelheit,
die wohl wie ich den Einfall hatten,
zu nutzen diese stille Zeit.

Da vorne seh ich grad verschwommen:
Da steht doch einer wie gebannt.
Jetzt bin ich näher rangekommen –
der steht und pinkelt an die Wand!

Ein Hoch dem Herbst!

Ein Hoch dem Herbst!Schon ist es wieder Herbst geworden,
und traurig stimmt sein trübes Grau.
Die Luft, sie reizt und riecht nach Norden,
da Winde wehen frisch und rau.

Längst haben sie schon kahlgeblasen,
was selig einst geschwelgt in Grün,
und den Hautgout noch in den Nasen
von tausend Blättern, die verblühn.

Verwesung wabert in den Wäldern,
als feuchter, unsichtbarer Rauch,
und Krähen huschen auf den Feldern
gespenstergleich im Nebelhauch.

Viel heller nun die Sterne funkeln
und weitaus mächtiger an Zahl,
da Schleier sie nicht mehr verdunkeln
von Dunst, der sich zum Himmel stahl.

Als läg das Jahr schon auf der Bahre
unheilbar krank, dem Tod geweiht,
verfaulte, abgelaufne Ware,
die auf den Kehricht kommt der Zeit!

Und doch will ich Partei ergreifen
für dieser Tage finstren Flor –
wie Phönix aus der Asche reifen
ja Früchte auch daraus hervor!

Nicht nur dem Wild zur Freude Eicheln
und Rosskastanien ebenso –
nein, auch die unserm Gaumen schmeicheln,
sei’n sie vergoren oder roh.

Ist’s nicht die hohe Zeit der Trauben,
die aus dem Rebenfeld man liest,
des süßen Safts sie zu berauben,
der schäumend aus der Kelter fließt?

So birgt des Herbstes dunkles Wesen
doch manchen angenehmen Zug.
Auch mir gefällt es jetzt zu lesen –
hab ich denn Früchte nicht genug?

Herbststimmung

HerbststimmungWie aufgepflanzte Reisigbesen
stehn sie da starr in Reih und Glied,
Gefährte für die Hexenwesen,
die’s zu geheimen Treffen zieht.

Kein Blättchen baumelt an den Zweigen
als eines Sommers müder Rest.
Nur kleine Vögel manchmal steigen
wie Schatten ziellos durchs Geäst.

Daneben, seltsam kontrastierend
mit golden glänzender Montur,
die Farbe, nicht das Laub verlierend,
Gesträuch von anderer Natur.

Im krausen Dachgestühl der Kronen
nistet die Dämmerung sich ein,
da wo auch schon die Tauben wohnen
und andre flügge Mietpartein.

Indes hat sich zurückgezogen
der Wind, der nebelnass und kalt,
und tags, dass sich die Bäume bogen,
geblasen noch mit Sturmgewalt.

Wie’n Gottesacker liegt die Stätte
im Sterbekleid der Stille nun,
die Welt entleibt zur Silhouette,
um gleich im Grab der Nacht zu ruhn.

Mein Blick kehrt wieder heim ins Zimmer,
als ob er sattgesehn sich hätt.
Ein Lämpchen wirft mir seinen Schimmer
wie’n ew’ges Licht aufs Krankenbett.

Wochenendbetrachtung

WochenendbetrachtungDas Wochenende voll in Gange.
Gleich ist der Samstag schon vorbei.
Kein Stau mehr, keine Autoschlange.
Die Straße wieder abgasfrei.

Entblößt das Pflaster von Passanten.
Man hörte, wenn ’ne Nadel fällt.
Auch Möwen ha’m und Turteltanten
den Flugbetrieb schon eingestellt.

Ganz still seh ich auf Reede liegen
nach stundenlanger stürm’scher Fahrt
und sich in süßen Träumen wiegen
des Tages dunklen Widerpart.

Dies alles würd ich nicht erwähnen,
würd ich in Versen nicht beschwörn,
ging’s nur um die bekannten Szenen,
die wir seit Olim sehn und hörn.

Nein, was dem unscheinbaren Heute
im Dichterauge Glanz verleiht,
ist, dass des frechen Frühlings Beute
er wiederbringt: geraubte Zeit.

Die Stunde, die er uns gestohlen,
dass ihn mehr Tageslicht erquick,
gelang es nun zurückzuholen
dem Herbst. Und zwar mit diesem Trick.

Man muss der Uhren Zeiger drehen
entgegen ihrem eignen Sinn;
so weit, wie sie dann rückwärts gehen,
so weit ist auch der Zeitgewinn.

O könnte man doch dies Verfahren
auch für den Menschen patentiern,
so dass von seinen Lebensjahren
die unerwünschten sich verliern!

Dann sei sein Sommer gern zu Ende,
sein Scheitel schütter und entlaubt,
sei’n lederhäutig seine Hände
und seine Ohren fast ertaubt.

Dann mag sein Auge gern bemühen
der Brille ungebrochne Kraft,
sein Blut ihm in den Schläfen glühen,
wenn er mit Not die Treppe schafft.

Mag ihm die Seele schon entweichen
aus seinem röchelnd offnen Mund:
Er lässt ein Zifferblatt sich reichen,
stellt sich zurück zum jungen Spund!

Sollt wirklich einst der Geist erhellen
so’n Dreh für ’nen flexiblen Leib,
dann wär gewiss das Uhrenstellen
des Menschen liebster Zeitvertreib.

Ende Oktober

Ende OktoberNur immer kürzer diese Tage
und immer trüber nur erhellt.
Und Krähen krächzen ihre Klage
ins heimatlose Stoppelfeld.

Es mehrt die Kälte sich, der Regen.
Am Morgen ziehen Nebel auf.
Der Wind, er will sich kaum noch legen
und steigert sich zum Sturmeslauf.

Von Feuchte glänzend auf der Erde
der Bäume ganzer Staat und Stolz.
Am Firmament die Wolkenherde
zu einem grauen Leib verschmolz.

Die Luft, die wir zum Atmen brauchen,
reibt kalt und rau die Kehle wund,
dass wir mehr bellen oder fauchen
als Laute formen mit dem Mund.

Am Strauch verdorrt die Sommerrose,
die Lilie von Staub gedeckt;
nur noch die bleiche Herbstzeitlose
den nackten Kelch zum Himmel reckt.

Vergeblich suchte man noch Beeren.
Aus weicher grüner Hülle bricht
am Fuß der hohen Koniferen
der Pilz dafür ans Tageslicht.

Und manchmal lässt im Dämmer hören,
dass es durch Mark und Bein dir geht,
der Hirsch sein schaurig-schönes Röhren,
das brünstig um ein Weibchen fleht.

Klingt es nicht auch wie eine Klage,
aus tiefster Seele ausgeschrien,
dass dieses Herbstes zähe Tage
noch schneller als die andern fliehn?

So wie die Dinge rings zerfallen,
so, scheint’s, zerfällt uns auch die Zeit.
Üb in der Kunst dich, Schnee zu ballen,
‘ne Handvoll Wochen, und es schneit!

O welche Trübsal der Gedanken
in eines warmen Stübchens Schoß –
an dieser Quelle, Kraft zu tanken
für mehr als diese Herbste bloß!