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Altersschwächeln

Es kriegt dich früh ja schon beim Wickel
die Krankheit, die man Altern nennt,
doch anders als so’n dicker Pickel
ganz unauffällig und dezent.

Kein Zeichen äußerer Symptome,
kein Schmerz, von ‘nem Organ genährt.
Der Pykniker, der Leptosome
fühlt körperlich sich unversehrt.

Doch irgendwann im Lauf der Jahre,
am Morgen: „Spieglein an der Wand,
wer bitte hat die schönsten Haare?“ –
bist du der Graueste im Land.

Dann häufen sich die Defizite,
das Auge und das Ohr erschlafft,
und beide zahlen nur noch Miete
dem Leib nach ihrer Leistungskraft.

Jetzt spür ich’s auch schon in den Knochen,
als wär der Wurm da plötzlich drin –
wie kläglich bin ich heut gekrochen
über den Zebrastreifen hin!

Wolln mir die Beine etwa sagen,
nicht mehr auf gutem Fuße stehnd,
dass sie nicht willens, mich zu tragen
noch in mein künftiges Jahrzehnt?

Wär schrecklich, aber zu verschmerzen.
Ich hockte mich wie eh und je
im Duft der Reben und der Kerzen
gemütlich auf mein Kanapee,

Um meine Verse fortzukrakeln
in der bisherigen Manier,
sofern ich in den Armtentakeln
nicht auch noch alle Kraft verlier.

Und, beinah hätte ich’s vergessen:
Mein Musenhirn bleibt auch nicht jung.
Ich hoff, noch lang es auszupressen
vor seiner Götterdämmerung.

Notverkostung

Der Wein, den just ich konsumiere,
hat zwanzig Jahre auf dem Hals –
ein Greisenalter schon für Biere,
doch nicht für Bacchus jedenfalls.

Der hier, von Bordelaiser Lage,
ist mir durchaus noch nicht suspekt,
doch heut erginge an mich die Frage,
ob der denn überhaupt noch schmeckt.

Der Anlass war mir hochwillkommen,
da grad ich auf dem Trocknen saß –
ich hab vom Holzrost ihn genommen,
wo fleißig er am Korken fraß.

Der beim Kontakt mit der Spirale
in tausend Krümel gleich zersprang,
dass erst beim dritten, vierten Male
ihn aus dem Loch zu ziehn gelang.

Ein böses Omen? Beim Probieren
hat den Verdacht er gleich zerstreut.
Er lässt sich zwar nicht mehr prämieren,
den Gaumen aber noch erfreut.

Es gibt noch mehr von diesen Flaschen,
die kühl des Kellers Staub umspinnt
und die nun endlich zu vernaschen,
bevor sie ungenießbar sind.

Da hilft nichts, als sich vorzuknöpfen
das ganze muffige Regal
und vorzugsweise die zu köpfen,
die alt schon und womöglich schal.

Wenn so ‘ne permanente Probe
auch neue Pflicht und Mühe schafft,
ich heb den Finger und gelobe:
Wat mutt, datt mutt. Her mit dem Saft!

Abnutzungserscheinungen

abnutzungWie ist mir alles das vertraut,
als lebte ich hier seit Äonen!
Dies ganze Fleckchen, zugebaut
mit Plunder, um darin zu wohnen.

Seit ewig glotz ich auf die Wand,
will ich die flücht’gen Stunden zählen
auf dieser Uhr mit rotem Rand,
die darauf brennt, mir Zeit zu stehlen.

Und auf dem Trumm von einem Schrank,
gekauft, dass er der Kühlung diene,
steht sicher wie Britanniens Bank
seit Jahrn die Kaffee-Tee-Maschine.

Der Vorhang war mal dernier cri
aus feinstem finnländischen Leinen,
indes sein Muster: Federvieh,
heut stelzt auf fadenschein’gen Beinen.

Nicht anders das Gewürzregal,
gedübelt an die Kachelseite –
ein Schmuckstück anno dazumal,
als Hugo seine Frieda freite.

Der Roten Klara Einzug auch
muss wohl noch vor der Sintflut liegen-
es ist ja längst die Lasche Brauch,
um so ’ne Büchse aufzukriegen.

Das Radio selbst, modern und schmuck,
ja, futuristisch anzuschauen
in seinem kühlen Klinker-Look,
erfüllt mich schon mit Urvertrauen.

Und diese Stühle-Troika,
die wechselweise ich besetze,
sie ist seit Olims Zeiten da,
dass ich mir drauf den Hintern wetze.

Nicht zu vergessen ihn, den Herd,
der hier vom ersten Tag vorhanden
und wohl mit dem Dreiflammenschwert
im Paradiese schon gestanden.

Die Heizung zischt ihr ödes Lied,
ich glaub, seit Anbeginn der Welten,
dass mir schon ein Monteur beschied,
sie müsse als ein Wunder gelten.

Der Boden, dicht an dicht besät
mit kleinen steinernen Quadraten,
durch manchen Knick und Riss verrät,
dass aus den Fugen er geraten.

Und dass du morsch, mein Mobiliar,
das könnt ich noch mit Fassung tragen,
doch nicht, dass ich genauso war,
so frisch in deinen Jugendtagen!

Aus allen Küchenwinkeln quillt
Vertrautes mir, vermischt mit Grausen –
es scheint mein eignes Spiegelbild
in jedem Gegenstand zu hausen.

Die Klitsche hier mal aufpoliern,
weg mit dem ganzen Plünnenhaufen?
Nicht schwer, sie anders zu möbliern –
doch wo kann Zeit man neu sich kaufen?

Bestiarium, kulinarisch

bestiarium-kulinarisch-rembrandtBegrüßt sei, Leserin, auf dieser Seite,
sie freut sich herzlich über den Besuch,
zumal du ja schon ’ne gewisse Weite
damit erreicht in diesem Liederbuch.

(Ich will mich lieber gar nicht lange fragen,
ob nicht vielmehr der Zufall dich geführt
und dieses Blatt gezielt du aufgeschlagen,
nachdem du andre gar nicht erst berührt.)

Anscheinend hat es also dir gefallen,
was du an Versen unterwegs gewahrt,
dass deine Augen willens fortzuwallen
auf ihrer apollin’schen Pilgerfahrt.

Da du schon eine lange Wegesstrecke
hast mit Bravour bewältigt bis hierher,
verweil ein wenig doch an diesem Flecke –
zu Rast und leichter Geisteskost Verzehr.

Will dir hier nicht den del’schen Taucher spielen
und gründeln in der Weisheit Tiefenschicht –
begnügen mich mit erdennäh’ren Zielen,
aus denen auch der Schalk im Nacken spricht.

Lass mich, um dir mit heiteren Gedanken
die kleine Abschaltpause auszufülln,
mit ein paar Schnacks von Backen und von Banken
den Acker deiner Fantasie begülln.

Wie glücklich war die Hummerdame
im kühlen Kosmos ihrer Flut,
bis Fischerlist sie, o infame,
in siedend heiße Kessel lud!

Noch unlängst schwamm im Meer, im Gelben,
ein Thunfisch voller Energie.
Jetzt dient er ferne von demselben
in Osaka als Sashimi.

Auch seine Häscher waren schneller,
für immer sein Gequak erlosch:
Zerstückelt gliedert er den Teller,
der unerlöste Prinz – der Frosch.

Die Kröten-Seniorengruppe,
die gerne auf ihr Alter pocht,
sie wurd zur Lady-Curzon-Suppe
noch vor dem Hundertsten verkocht.

Da schau wer diese Turteltauben,
das schnäbelt sich nach Menschenart!
Na wartet! Schluss mit Küsserauben,
wenn über Flammen ihr erst gart!

Den Weckruf, Gockel, kanns vergessen
und auch den Kamm, der öfter schwillt!
Man hat auch so dich gern zum Fressen –
als Hähnchen, das selbst halb was gilt!

Und unsre Puszta-Bekassine,
die doch auf Vorsicht stets bedacht?
Ein Meisterschuss. In die Terrine.
HEUT GALA-JAGDSOUPER UM ACHT.

Ein Ferkel schnappt nach Mutters Zitze,
dass saugend Sättigung ihm werd.
Doch in des Mehls gemeiner Schwitze
brät’s früh vollendet auf dem Herd.

Der Pfau auch, der mit kühnem Schwunge
sein stolzes Rad uns präsentiert,
was nützt ihm seine schrille Zunge,
wenn ‘nen Gourmet sie int’ressiert?

Ein Lämmchen, grade erst geboren
und noch zu nackt, um es zu schern,
muss dennoch schon im Topfe schmoren
an Kümmel und Wacholderbeern.

Mit zartem Fuße die Savanne
betupfte das Gazellenkitz,
das nun in der Etoscha-Pfanne
zerschmurgeln muss bei Oberhitz.

Kaninchen mümmelten noch eben
ihr Feldgemüs in aller Ruh,
um jetzt ’ne Karte zu beleben
als Hasenpfeffer-Wildragout.

Die neulich noch in ihrem Koben
behaglich aufgegrunzt, die Sau,
lässt sich als Kotelett nun loben
von einer drallen Fleischersfrau.

Auf fetter Weide sah man grasen
ein Holstein-Rind gesund und heil,
da kam, um Kuhtod ihm zu blasen,
der Schlächter mit dem Hackebeil.

Der Ruhe freudig sah entgegen
ein Gaul nach langer Plackerei,
doch man entschied der Kohle wegen,
dass „Maxe“ zu verwursten sei.

Selbst Äffchen, ähnlich jenem Wesen,
das seines Schöpfers Ebenbild,
sind örtlich dazu auserlesen,
dass Hunger man an ihnen stillt.

Dies also, Leserin, dich zu erheitern.
Ich hoff, das Intermezzo dir gefiel.
Gelöst geh zu den Versen nun, den weitern,
die wieder ernst in Anspruch und in Stil.

Wie? Meine Meinung kannst du gar nicht teilen?
Die Pause bot kein muntres Possenspiel?
Ich hieß dich nur, in Muße zu verweilen
als ahnungsloses Propagandaziel?

Sehr wohl. Doch tu ich nur, was andre machen.
Verhöhn die Opfer unsrer Esskultur:
Die Werbung lässt die armen Kühe lachen,
schickt Schweine grinsend auf die Tötetour.

Der Teller, den wir täglich leeren:
Ein Golgatha aus Tiergebein.
Wann wird der Mensch sich menschlich nähren –
so wie der Ochse und das Schwein?

Selbstporträt

Selbstporträt, Francis BaconSo ehrlich möchte ich mich zeigen
mit Worten auf Papier,
dass von den Zügen, die mir eigen,
nicht einen ich verlier.

Wie Meister Rembrandt ungelogen
sich seiner Kunst gestellt,
will Furchen, die die Zeit gezogen,
enthüllen ich der Welt.

Indessen wie den Anfang machen?
Gibt es nicht hunderttausend Sachen,
die so ein erster Pinselstrich
beginnen könnte meisterlich?

Am besten start ich mit dem Alter,
das ist ’ne Basis schon:
Der höchste Personalverwalter
schickt bald mich in Pension.

O weh, ein Kerl von solchen Jahren
hat doch ’ne Menge schon erfahren,
was auf dem werten Angesicht
in lust’gen Fältchen zu uns spricht!

Das muss ich jedenfalls bekennen:
Der Teint ist längst versaut.
Mag‘s jemand rau und männlich nennen,
ich nenn es alte Haut.

Und was da oberhalb der Stirne
den Schädel einst gedeckt,
hat rings sich um die nackte Birne
als Kränzlein ausgestreckt.

Wenn wir dann etwas tiefer schauen
an der Apollgestalt,
dann finden auf den Lymphen-Auen
ein Hügelchen wir bald.

Gewiss, gewiss, das sind Symptome,
wie sie in seinem Lebensstrome
wohl jeder mal erfährt,
der sich der Mündung näh‘rt.

Adonis bin ich nie gewesen,
doch was sie jetzt im Spiegel lesen,
die Augen, deprimiert,
sie beinah schon geniert.

Nur noch ein Schatten jener Tage
mit leidlicher Figur,
da keine überdrehte Waage
mir riet zur Hungerkur.

Die ungefügen Biomassen,
die kaum noch in die Hose passen,
ob Schicksal oder Schuld,
ich trag sie mit Geduld.

Nun, wenn denn dies schon alles wäre,
ich pfiff darauf wohl glatt,
doch in dem Buch der Krankheitslehre
ist auch für mich ein Blatt.

Ich muss mich nicht in Qualen winden
mit was wie Gallenstein,
doch seh dafür mir sacht entschwinden
den klaren Augenschein.

Das gilt auch für die Kunst zu hören,
die offenbar schon litt,
dass, lauschte ich den „drei Tenören“,
nur zwei bekäme mit.

Will jemand sich mit den Gebrechen
für meines Lebens Laster rächen?
Bin ’n kleiner Sünder bloß –
die Strafe wär zu groß.

Mehr möchte ich indes nicht schildern,
jetzt brauch ich meine Ruh –
malt euch in euren eignen Bildern
noch dies und das dazu!

Viel ehrlicher kann ich’s nicht sagen
als mit den Zeilen hier –
wär’s wohl auch mut’ger aufgetragen
auf Leinwand statt Papier!

Ein Geständnis

Ein GeständnisIch weiß nicht recht, ob ich’s erzählen soll –
Egal, es will ja offensichtlich raus:
Die xx Jahre sind soeben voll,
jetzt bin ich’s wirklich, Freunde: Altes Haus!

Könnt ich’s wie weiland Meister Rembrandt halten
und selbst von Zeit zu Zeit mich porträtiern,
ich schüf euch einen veritablen Alten,
den man nicht klonen will und nicht kopiern.

Doch da mir seine schöne Kunst versagt,
vertrau ich statt der Leinwand dem Papier.
Mein erster Pinselstrich: „Ich bin betagt“,
mein zweiter: Cannae, Bramsche, Abukir.

(Ein Fußnotvers hier für die 4. Zeile:
Die Schlachtenorte sind nur angeführt,
das Ausmaß zu verklickern jener Keile,
mit denen mich die Jahre demoliert.)

Der Fluss der Zeit geht immer abwärts nur,
nur immer fort vom fröhlich-frischen Quell –
so auch das Leben: Hin und nicht retour,
und wie der Wildbach strömt, so reißend schnell!

Da seht das Kerlchen mit der kurzen Hose,
die erste Armbanduhr am Handgelenk!
Wem stand ich vor so vielen Jahren Pose?
Als wär es gestern, wenn ich es bedenk.

Toi, qu’as-tu fait? Was hab ich draus gemacht ?
Ist im Vergangenen ein Sinn zu sehn?
Oder, banal, ein Wandel nur der Tracht,
mehr Stoff, um auch die Wade zu umwehn?

Ein bisschen Sinn und jede Menge Mode –
beschämt und resigniert gesteh ich’s ein ,
und doch, käm unversehens ich zu Tode,
mein letztes Wort gehörte Wittgenstein.

(Dem Kritiker tu hier ich’s helfend kund,
damit er lange Suche sich erspar:
Der letzte Laut aus jenes Weisen Mund:
“Mein Leben, dass ihr’s wisst, war wunderbar.“)

Paläste schuf ich nicht als Monumente,
mich zu verewigen in Stahl und Stein,
es mangelten mir selbst ja die Talente,
vom Mietling mich zum Häusler zu befrein.

Auch als Entdecker kann man mich nicht feiern,
was ich bereist, ist alles längst kartiert.
Und Göttin Gäa gänzlich zu entschleiern,
hab ich Europas wegen mich geniert.

Bleibt mir als Wissenschaftler Ruf und Ruhm?
Hab kosmisch nicht geforscht, nicht atomar.
Mein kümmerliches geist’ges Eigentum
weiß nichts von Ohm, von Torr und Millibar.

Gewiss hab ich Meriten als Artist?
Genie, begnadet, vor der Staffelei?
Ach, wenn die Kunst man nur am Pinsel misst,
tanz ich auch hier ganz kläglich aus der Reih.

Was ich der Nachwelt freundlich überlasse,
sind Nachtgedanken, aufs Papier geblaut,
Gedanken, die ich in Gedichte fasse,
dieweil der Mond mir durch die Finger schaut.

Die meisten schätzen so was nur gering
und nicht als eines Mannes würd’ge Tat,
ihr Beifall gilt allein dem großen Ding,
dem Bau, der Transaktion im Weltformat.

Rekorde liebt der Mensch, Superlative
Und was sich brüstet mit dem Wörtchen neu,
das Kleine aber eher ich, Naive,
der ich seit je die große Glocke scheu.

Man betet noch die falschen Götter an,
die Herren Eitel, Nimm und Suchestreit,
obwohl durch sie nur eines man gewann –
ach, eine Erde, die zum Himmel schreit.

Mir reichen die bescheidenen Meriten
der Musenkunst, die nicht den Ehrgeiz hat,
stets groß mit größer noch zu überbieten,
nie richtig hungrig und nie richtig satt.

Sei’s, dass man ihn missachte, meinen Sang,
sei’s, dass man Plunder ihn, Geplapper heiß!
Für mich bezeugt er jenen starken Drang,
dass ich dem Leben dankbar mich erweis.

Es ist ja immer schon mein Wunsch gewesen,
dass etwas Schönes ich der Welt verehr.
Hier kriegt ihr einen Teil davon zu lesen –
gereicht hat’s nun mal leider nicht zu mehr.

Wie „As ik kan“ der alte Meister spricht,
wenn er ein unerhörtes Werk vollbracht.
Die Verse, liebt sie oder liebt sie nicht:
Mir haben sie zumindest Spaß gemacht.

Von Monstern

Von MonsternAus Bergen holt man sie und Schluchten,
aus schwarzer Wälder Einsamkeit,
aus schroffen, gottverlassnen Buchten,
wo grässlich die Harpyie schreit.

Man holt aus Gräbern sie und Grüften,
aus Krypta und aus Kirchenchor,
wo sie die schwersten Quader lüften
des Nachts beim Großen Mauseohr.

Und auch aus Löchern und Verschlägen,
wenn sie schön finster sind und feucht
und sich nur Ratten darin regen
und Ungeziefer kreucht und fleucht.

Und sollte dieses noch nicht reichen
fürn Horror, FSK-empfohln,
kann in den Kosmos man entweichen,
um Monster sich ins Haus zu holn.

Da wuseln sie in Varianten,
doch eklig alle und brutal,
Vampire, Zombies und Mutanten
als Schreckgespenster erster Wahl.

Der Fundus unsrer Filmemacher
für den gepflegten Schock zur Nacht
ist proppenvoll und desto flacher,
je mehr Gebrauch davon gemacht.

Die Sache hat nur einen Haken:
Sie spart das Obermonster aus –
den viergefüßten Superkraken,
der mitten unter uns zu Haus!

Den Menschen. Der das größte Grauen
stets über seinesgleichen bringt,
der Männer mordet, Kinder, Frauen
wie Vieh in seine Dienste zwingt.

Der stiehlt, betrügt, zerstört und schändet,
verstümmelt, foltert und verhöhnt
und jederzeit Gewalt verwendet,
die oft er mit `nem Blutbad krönt.

Wieso da auf den Grusel warten
bis nächtlich spät vor Tag und Tau?
Man findet ihn in allen Sparten
um acht schon. In der „Tagesschau“.

Himmlische Kunst

Himmlische KunstDie Brüder hatten einst gut lachen,
die von der Lukasgilde die,
mussten Gedanken sich nicht machen
über das Was – nur übers Wie.

Ein Bischof ließ zu Stuhle bitten,
ein Abt vom Kloster Soundso,
und hingegangen, hingeritten,
gab’s einen Auftrag von Niveau.

Da war ein Tafelbild gefordert,
dass eine Kirchenwand es schmück,
dort hat man ‘nen Altar geordert
mit Flügeln zwei bis drei, vier Stück.

Motive waren vorgegeben,
ein Mustermalbuch war zur Hand –
mit Szenen aus dem prallen Leben
der Bibel und dem heil’gen Land.

Hier neigt mit frisch geschärfter Klinge
sich Abram über seinen Sohn,
dass Gott er ihn zum Opfer bringe –
im Hintergrund naht Rettung schon.

Da finden wir in tiefstem Jammer
Maria unterm Kreuze stehn
sowie die leere Grabeskammer,
die die von Magdala gesehn.

Dazu in tausenden Legenden,
die außerhalb der Schrift tradiert,
die Heil’gen, die so schrecklich enden –
geköpft, gepfählt und blutverschmiert.

Ein Fundus, den beim besten Wühlen
man niemals ganz erschöpfen kann,
nicht an Figuren und Gefühlen,
nicht an Dramatik irgendwann.

‘ne Auftragsarbeit dieser Sorte
wünscht ich mir heute als Poet –
gewiss fänd ich die rechten Worte,
sobald das Thema erst mal steht.

Doch so was wie ‘ne Dichtergilde
hab ich noch nirgends aufgespürt,
schon gar nicht eine, die im Schilde
‘nen Mann des Evangeliums führt.

Und auch die eitlen Potentaten,
die einst belohnt ‘ne Hudelei,
sie wichen längst den Demokraten,
die mit der Börse nicht so frei.

Drum beug ich weiter vorm Parnasse
in Demut meine wunden Knie
und bleibe mangels Lesermasse
bei meiner Kammerpoesie.

Ausgeschwitzt

AusgeschwitztWie Schinken schlapp am Fleischerhaken,
so baumeln sie an ihrem Mast,
die buntgestreiften Fahnenlaken,
die heut kein Wind mehr unterfasst.

Und Mitternacht ist längst verstrichen;
bis morgen früh kein Lüftchen mehr.
Wie sich die Tage alle glichen,
von Sonne und von Schwüle schwer!

Im Juli ist es losgegangen,
jetzt zählt die Stunden der August,
dass dies Gestirn mit glüh’nden Zangen
Respekt zu schaffen sich gewusst.

Der Sommer, ja, in allen Ehren,
sofern er sich in Grenzen hält.
Wie aber seiner sich erwehren,
wenn einem Koller er verfällt?

Bei 30 krieg ich schon ’ne Krise,
und öfter war’s darüber noch.
Trotz ständ’ger Ventilator-Brise
litt ich wie’n Hund in meinem Loch.

Solln andre in der Sonne schmoren,
bis sie rundum goldgelb gegart;
ich bin mehr für den Herbst geboren,
der wohlig sie mit Frische paart.

Seit langem geben erste Zeichen
Augurn, dass es sich ausgebräunt:
Allmählich wird die Hitze weichen.
Na, nichts für ungut, Sonnenfreund!

Das alte Wechselspiel

Das alte WechselspielNoch liegt der Abendröte Schimmer
verblassend auf der Häuserfront,
Relikt der Sonne, die wie immer
schon lange hinterm Horizont.

Ihr Erbe hat schon angetreten
ein ungeduldiger Trabant,
der platzt vor Stolz aus allen Nähten,
von Licht gefüllt bis an den Rand.

Das Timing wieder gut gelungen,
salopp gesprochen: wie geschmiert,
dass auf der Erde Niederungen
Hell stets mit Dunkel kontrastiert.

Es ist, als ob ein Schöpfer hätte,
von Rembrandts dunklem Stil verführt,
auf seiner kosmischen Palette
nur Licht und Kohle angerührt.

Doch nicht, dass auf ’ner großen Fläche
ästhetisch Spannung er erzeug,
nein, dass die Zeit er unterbreche
und unters Joch des Rhythmus beug.

So flieht sie uns nicht ungesehen
mit unbewegter Miene hin
und muss uns Red und Antwort stehen
verlässlich im Uhrzeigersinn.

Doch malt zu düster nicht der Dichter?
Ist’s nicht ein heitrer Kontertanz?
Nachts hüpfen tausend Sternenlichter,
den Tag verklärt der Sonnenglanz.