Archiv der Kategorie: Mensch

Ein Trauerfall

Ein TrauerfallBeim Kirchlein schräg mir gegenüber,
da gab’s ‘nen großen Auflauf heut,
ich fensterlte mal flüchtig rüber
und sah den Vorplatz voller Leut.

Das konnte dies und das bedeuten,
doch nichts, was an der Messe lag.
Man hörte ja kein Glockenläuten
wie sonst am Sonn- und Feiertag.

Man mochte an ‘ne Trauung denken,
die diesen Andrang produziert –
zwei, die sich ihre Schwüre schenken,
eh sich der Höhenflug verliert.

Doch wurde wer zu Grab getragen,
was diese Stille gut erklärt –
statt Hochzeitskutsche Leichenwagen
als dauerhafteres Gefährt.

Der schlug dann unter meiner Nase
den Weg nach links zum Friedhof ein
und diese ganze Metastase
gestauter Autos hinterdrein.

Die Leute langsam sich zerstreuten.
Beschleunigend nur ihren Schritt
die wen’gen, die den Marsch nicht scheuten
und gingen zum Begräbnis mit.

Die Pforte war schon bald geschlossen,
der Platz miteins wie leergefegt.
Die Glocken schwiegen unverdrossen.
Ein Herz, das nicht mehr weiterschlägt.

Keine Geduld

Keine GeduldWenn ich erst lange warten müsste
auf irgendeine Schnapsidee,
bevor ich mich zum Reimen rüste:
Behaglich auf dem Kanapee

Gebreitet die morbiden Knochen,
den Geist nur mäßig angespannt,
und erst nach Tagen oder Wochen
das Schreibgelüst mich übermannt

Würd mir gewiss der Faden reißen,
der die Geduld am Zügel hält,
und ich den ganzen Krempel schmeißen
ins letzte Eckchen dieser Welt.

Will sie mir aus dem Quell nicht regnen,
dem Pierien Dichterkraft verlieh,
kann sie im Mondschein mir begegnen,
die bloß sporad’sche Fantasie.

Doch seht, ich mache fröhlich weiter,
mein Kuli kurvt noch übers Blatt.
Beweis: Der Musenklepper-Reiter
stets frisches Heu im Schober hat.

Sobald ich nur zur Lyra greife,
erklingen auch die Töne schon,
und völlig ohne Warteschleife
wie manchmal die beim Telefon.

Nur Störgeräusche können stoppen
den steten Melodienfluss –
am liebsten würd ich ihn verkloppen,
den Nachbarn, der jetzt bohren muss!

Kurzes Interregnum

Kurzes InterregnumEin Rauschen riss mich aus den Träumen,
bevor die Sonne noch erwacht,
wie’s Wellengang an Meeressäumen
so hell und hitzig nicht entfacht.

Gewölk war heimlich aufgezogen
im Schutz von Nacht und Finsternis,
das wütend seine Regenwogen
hier in den Hof des Hauses schmiss.

War das ein Plätschern und ein Prasseln,
ein Gluckern und ein Gurgeln bloß,
den tiefsten Schlaf noch zu vermasseln
mit Wasserkünsten virtuos.

Ein Weilchen lauschte ich den Fluten,
die da ins Atrium geschwemmt,
und hab beruhigt und im Guten
ins Kissen wieder mich geklemmt.

Doch als ich um die x-te Stunde
(ich gebe zu, es wurd auch Zeit)
entstieg des Betts zerwühltem Grunde,
empfing mich Stille weit und breit.

Nur hier und da noch schwarze Schafe
hab im Azur ich ausgemacht,
die flauschig-flücht’gen Epitaphe
der jüngst verflossnen Regennacht.

Schön, wenn’s des Diebes Regel wäre,
dass ihn nur nachts der Hafer sticht –
doch sag ich zu des Regens Ehre:
Er scheut auch nicht das Tageslicht.

Häusliche Lautmalerei

Häusliche LautmalereiO, andre Völker, andre Sitten?
Da hämmert wer noch wo und klopft,
indes die Nacht schon vorgeschritten
und Wermut in die Stille tropft.

Doch nicht genug der Hammerschläge,
die hemmungslos zur Unzeit falln –
als Frucht der späten Wohnungspflege
noch weitre Laute widerhalln.

Mal knallt ein Gegenstand zu Boden,
mal schrammt ein Stuhlbein übern Grund,
als gäb mit seinen Klangmethoden
Xenakis sich hier fröhlich kund.

Doch kakophon, naturbelassen,
nicht in der Richtung Kunstgenuss.
Nur Krach, sich an den Kopf zu fassen,
Vampirbiss anstatt Musenkuss.

Es wird die kleinen Kinder wecken,
nachdem es ihren Traum zerstört,
in dem sie untern Kuscheldecken
den schweren Schritt der Angst gehört.

Es wird der Großen Nerven rauben,
die nach des Alltags Last und Müh,
ihr Körnchen sich wie Friedenstauben
erpicken aus dem Filmmenü.

Vom Dichter wolln wir gar nicht reden,
der halb um den Verstand gebracht
und sich auf dieses Höllen-Eden
auch keinen rechten Reim gemacht.

Echter Feiertag

Echter FeiertagDas halbe Land ist auf den Beinen.
Ein Tag, den Heiligen geweiht.
Man picknickt mit den lieben Seinen
und macht sich in Tavernen breit.

Auch ich, um’s hier gleich klarzustellen,
entzog mich dieser Sitte nicht
und ging, mich Freunden zu gesellen,
um vierzehn Uhr auf Mittagschicht.

Ein Plätzchen irgendwo im Freien,
von andern Feiernden umringt,
mit Blick auf Meer und Leckereien,
die unser Tisch kaum unterbringt.

‘ne Tellermasse, ‘ne amorphe,
wie Waben um die Flasche klebt,
die wie ein Kirchturm auf dem Dorfe
sich hoch aus dem Gewimmel hebt.

Mit dem Vergleich, verehrte Christen,
sei das Sakrale abgehakt –
das wohl auch jene nicht vermissten,
die neben mir ihr Huhn benagt.

Hab ich denn jemand seufzen hören
Sankt Pepe, Peter oder Paul?
Sie wälzten, würde ich beschwören,
Sankt Pulpo bestenfalls im Maul!

Doch gilt’s der Heil’gen zu gedenken,
weil dieses Wunder sie vollbracht:
‘nen Extrasonntag uns zu schenken,
der rot aus dem Kalender lacht!

Brauchtumspflege

BrauchtumspflegeMan geht mit spitzen Hexenhüten
heut Abend modisch aufgeputzt,
die man zum Tanz der Troglodyten
an diesem einen Tag benutzt.

Ach, selig diese süßen Kleinen,
die leicht zum Guten man verlockt
und deren tönern Kindesbeinen
so viele Lügen aufgebockt!

Da lässt man sie auf Besen reiten
mit treibstofffreier Zauberkraft,
in wallend schwarzen Kutten schreiten
wie Teufel auf der Wanderschaft.

Und impft das Spuk- und Schauerwesen
so drastisch in ihr junges Blut,
dass lebenslang sie nicht genesen
von diesem frühen Bildungsgut.

Nicht dass sie an Gespenster glauben,
wenn sie entschlüpft den Kinderschuhn,
doch lassen den Verstand sich rauben
von andern Pseudo-Geistern nun.

Doch stopp, wir wolln den lieben Lütten
den Spaß ja schließlich nicht vergälln,
um mit dem Bad sie auszuschütten,
bevor sie selbst ihr Urteil fälln!

Ein kleiner Hinweis nur: Die Mütze,
die Magiern Respekt verleiht,
ist, Mitra, auch des Pfaffen Stütze,
wenn er nach seinem Götzen schreit.

Küstennaher Seniorentreff

Küstennaher SeniorentreffHeut auf der Palmenpromenade.
Wie herrlich noch die Sonne schien!
Zwei, drei Susannen da im Bade,
dem Möwen nur ihr Auge liehn.

Am Strand indes noch viele Liegen,
gebogen unter Leibeslast,
wo mittagsmüd man und verschwiegen
Teutonenblässe Braun verpasst.

Wer aber Sand und Welln verschmähte,
nahm seinen Sitz am Ufer ein
bei „Rudi“ oder „Tante Käthe“ –
konnt notfalls auch ein Spanier sein.

Normales Urlaubsambiente?
Familien, kind- und kegelfest?
Von wegen! Alles roch nach Rente,
auf Meilen nach Seniorennest.

Plissierte Haut mit spitzen Knochen,
Gewölbe- oder Hängebauch.
Die Damen flöten hochgestochen,
die Herrn trompeten Schall und Rauch.

Den ganzen Fundus der Gebrechen
trägt ungeniert man hier zur Schau
und lässt sich eh’r von Mücken stechen
als zu kaschiern den Körperbau.

Und das ist nach den Strandgesetzen
kein strafenswerter Tatbestand,
denn Licht und Luft sich auszusetzen,
braucht’s möglichst wenig an Gewand.

Ästhetik ist nicht zugelassen,
da schafft kein Richter Remedur –
man mag die nackte Plautze hassen,
beleidigt ist das Auge nur.

Ich ließ nur ungern mich so sehen
als Wrack, das an der Zeit zerschellt –
doch soll ja Strandgut nicht verschmähen,
das raue Volk der Küstenwelt.

In den Tag geträumt

In den Tag geträumtDas ist ja eben das Fatale
an jedem Tag, der uns ersteht:
Man glaubt dem Ewigkeitsgeprahle
wie einer Liebe, die vergeht.

Er schlurft gemach uns jeden Morgen
pantoffelgrau ins Leben rein
und teilt mit uns die kleinen Sorgen
vom Gaspreis bis zum Zipperlein.

Mal reißt er uns zu Jubelstürmen
und mal zu Tränenbächen hin,
mal kommt er, Nöte aufzutürmen,
und mal mit einem Hauptgewinn.

Doch müssen wir ihn stets so nehmen,
wie launisch immer er auch sei,
weil wir in Teufels Küche kämen,
ging unsre Liaison entzwei.

Wir sind im Guten ja und Bösen
von der Natur ihm angetraut,
und nichts kann uns von ihm erlösen
als Herzinfarkt und Bilsenkraut.

Doch wer wird gleich an so was denken!
Solange wir noch hörn und sehn,
dem Wahn wir gerne Glauben schenken,
es würd so ewig weitergehn.

Das gilt für Dichter gleichermaßen,
die über diesen Punkt sinniern –
die Hosen, die sie schon durchsaßen,
Unsterblichkeit ja garantiern!

Dem Herbst entkommen

Dem Herbst entkommenOktoberkühle, Nieselregen,
auf allen Wegen feuchtes Laub.
Da hilft ein Mittel nur dagegen:
Man macht sich schleunigst aus dem Staub.

Begab mich also für ‘ne Weile
als Gast in einen Vogelzug,
der mich zwar nicht in spitzem Keile,
doch länglich durch die Lüfte trug.

Genauer: In zwei gleichen Reihen,
die aus drei Sitzen je gehäuft,
aus denen man nur schwer befreien
sich könnte, wenn die Blase läuft.

Die schleppten mich in gut drei Stunden
bis weit an die Peripherie,
bis endlich sie ‘nen Grund gefunden,
der förmlich nach ‘ner Landung schrie.

Da nämlich grade, wo der Süden
am südlichsten sich präsentiert –
am Fuß Iberiens, des prüden,
das mit der Sonne kokettiert.

Hat sich als Windei nicht erwiesen.
Der Himmel österlich noch blau,
und lammfromm-linde Lüfte bliesen
bei vierundzwanzig Grad genau.

Schon in Vergessenheit geraten
der Herbst des Morgens, vor der Flucht.
In Licht getaucht die Fischerkaten,
in Silberdunst die Abendbucht.

Fremde Nähe

Fremde NäheGlaubt ja nicht, dass ich gerne schwätze
von mir nur immer im Gedicht
und nicht auch eine Meinung schätze,
die klug für ihre Sache spricht.

Doch wie das auf die Reihe kriegen?
Ich gebe ja die Verse vor,
die lautlos durch die Lüfte fliegen
ins hoffentlich geneigte Ohr.

Und da ich, Leser, euch nicht kenne
und nichts von eurem Leben weiß,
beschränke ich mich wie ‘ne Henne
aufs Brutgeschäft des eignen Eis.

Das hat ja auch genügend Tücke!
Wer spräch von sich so frank und frei,
dass ungeschminkt und ohne Lücke
er schilderte sein Konterfei?

Man pickt ja immer die Rosinen
sich aus des Alltags zähem Teig,
um sie der Menschheit anzudienen
als seines Glückes Fingerzeig.

Mit einem Wort: Man kann nichts sagen,
worauf es Brief und Siegel gibt –
vom Leser nicht, dem fremden, vagen,
vom Sänger nicht, der Worte siebt.

Wirft man da konsequenterweise
die Grillenflinte nicht ins Korn
und stiehlt sich heimlich, still und leise
beschämt hinweg vom Musenborn?

Gewiss nicht. Denn wo Hermes waltet,
im weiten Reich der Fantasie,
hat stets die Welt man umgestaltet,
dass man ihr größren Reiz verlieh.

Sie eins zu eins so zu erfassen,
wie wirklich sie vor Augen liegt,
sei dem Vermesser überlassen
(der’s auch nicht auf die Reihe kriegt).

Der Dichter schreibt nicht Protokolle,
Bilanzen nicht und Logelei’n;
er hält es lieber mit Frau Holle,
lässt Federn auch mal Flocken sein.

Und für sein buntes Textgewebe
genügte ein Gerät ihm schon:
Die Wasserwaage. Schön in Schwebe,
und doch ein Maß der Präzision.